Kinder an der Macht - David Eberhard - E-Book

Kinder an der Macht E-Book

David Eberhard

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Beschreibung

Die Warnung aus dem Land des Erziehungsliberalismus: Schweden, lange Zeit weltweiter Vorreiter in Sachen Pädagogik, hat als erstes Land 1979 die körperliche Züchtigung verboten. Aber kann es sein, dass man dort und andernorts zu weit gegangen ist, was liberale Erziehung angeht? Allerdings, so David Eberhard, Psychiater und Vater von sechs Kindern. Obwohl die Eltern in Schweden vom Staat unterstützt würden wie kaum in einem anderen Land, wachse dort keine Generation von zufriedenen Bürgern heran, sondern eine Generation von Rotzlöffeln.

Sein provozierendes, kluges und unterhaltsames Buch hat bereits wenige Wochen nach Erscheinen in Schweden die Aufmerksamkeit der internationalen Presse auf sich gezogen. David Eberhards mal humorvolle, mal ätzend scharfe Standpauke ist längst überfällig. Dem vagen Unwohlsein, das viele von uns angesichts der heutigen Erziehungslandschaft befällt, gibt er endlich eine Stimme. Dabei geht es Eberhard nicht nur darum, ein Krisenszenario zu entwerfen. Er will auch Eltern unterstützen, damit diese sich wieder trauen, die Erziehung selbstbewusst und mit Führungsstärke in die Hand zu nehmen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über das Buch

Kann es sein, dass wir mit der liberalen Erziehung zu weit gegangen sind?

Allerdings, meint David Eberhard, schwedischer Psychiater und Vater von sechs Kindern. Eltern trauen sich kaum mehr, einzugreifen. Gleichzeitig wollen sie ihren Kindern möglichst viele Steine aus dem Weg räumen und sie beschützen. Das Ergebnis sind kleine Könige und Königinnen, die allen auf der Nase herumtanzen. Die vom Leben enttäuscht werden, weil man sie nicht auf die Anforderungen der Gesellschaft vorbereitet hat. David Eberhard entlarvt die Mythen des liberalen Erziehungsansatzes und die Fallstricke einer Gesellschaft, die alles absichern will. Den Eltern aber gibt er mit auf den Weg: »Entspannen Sie sich. Indem Sie die meisten der sogenannten Experten ignorieren, werden Sie ruhigere, selbstsicherere und bessere Eltern. Und die Kinder werden prima zurechtkommen.«

»Eberhard hat eine Debatte entzündet: Wieviel Einfluss sollten Kinder in modernen Familien erhalten?«

The Independent

Über den Autor

David Eberhard ist Psychiater am Danderyds Krankenhaus in Stockholm. In seinen Büchern, die in Schweden Bestseller sind, greift er aktuelle Gesellschaftsthemen auf. Er debattiert, provoziert und vermittelt Wissen unterhaltsam und pointiert. Er lebt in Stockholm und ist Vater von sechs Kindern.

www.davideberhard.se

David Eberhard

Kinder an der Macht

Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung

Aus dem Schwedischen von Lone Rasmussen-Otten

Kösel

Die schwedische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Hur barnen tog makten« im Verlag Bladh by Bladh, Stockholm.

Der Kösel-Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags für externe Links ist stets ausgeschlossen.

Copyright © 2013 David Eberhard

Copyright für die deutsche Ausgabe © 2015 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Published by agreement with Jenny Rosson International Rights Agency

Umschlag: Weiss Werkstatt

Umschlagmotiv: plainpicture / Leander Hopf

Redaktion: Silke Uhlemann

ISBN 978-3-641-15288-8

Weitere Informationen zu diesem Buch und unserem gesamten lieferbaren Programm finden Sie unter

www.koesel.de

An alle meine Kinder (es sind ja schon ganz schön viele geworden). Und an meine wunderbare Frau, Charlotte, die mir ja wahrscheinlich noch ein Kind schenken wird (eine Zukunft, die sowohl fantastisch als auch ein wenig beängstigend ist). Ich habe nun seit 25 Jahren Kinder erwartet. Ich bin seit 17 Jahren Vater von Kleinkindern und habe mir genauso lange Sorgen gemacht. Ich hoffe, es wird noch eine Weile so weitergehen, denn Kinder sind ja der Sinn des Lebens. Für mich heißt dieser Sinn Arvid, Cornelia, Ella, Ludvig, Otto und Nils. Für Sie hat er andere Namen. Dieses Buch ist auch Ihren Kindern gewidmet –, aber nicht ganz so sehr wie meinen, denn man ist den eigenen Kindern doch am nächsten.

These are my principles. If you don’t like them I have others.

Das sind meine Prinzipien. Mögen Sie sie nicht, habe ich noch andere.

Groucho Marx

Inhalt

Vorwort

Verkehrte Rollen, verkehrte Welt

Die perfekten Eltern

Wer bestimmt in Mamas Bauch?

Das lebensgefährliche Leben

Der kleine Familientyrann

Dein kleiner Freund

Die Eltern mit dem Bade ausschütten

Gleiche Rechte

Müssen wir Kinder in Watte packen?

Die Relativierung des Leidens

Der intergalaktische Mr. Spock

Ist Erziehung Sache der Kinder?

Eine Frage kindlicher Reife

Die optimale Erziehung

Nur der Zufall ist gewiss

Das repetitive Gehirn

Wie stoppt man ein Bobbycar?

Kleine Erwachsene oder einfach nur Kinder?

Wie Kinder lernen

Ein unbeschriebenes Blatt?

Freiheit ohne Verantwortung

Teenager sind anders

Erziehung ist relativ

Was sagt die Wissenschaft?

Ist die Kita an allem schuld?

Die Sprache als Spiegel

Das Baby an der Brust – eine Vorsichtsmaßnahme

Zwei plus zwei ist nicht immer gleich vier

Kinder brauchen Erziehung

Wenn du lieb zu mir bist, bin ich auch lieb zu dir

Gefahren realistisch einschätzen

Die allgemeine Relationstheorie und die Datenflut

Gekauftes Glück

Die Realität sieht anders aus

Die Schüler-Lehrer-Beziehung

Reife und Klasse

Erwartungslosigkeit schafft Opfer

Vom Verschwinden der Eltern

Der beste Freund deines Kindes

Bildschirmfreie Tage

Graue Theorie oder wissenschaftlich fundiert?

Das Kind als Nabel der Welt

Das Dogma der Verletzlichkeit

Machtmissbrauch mit Worten

Dürfen sich Kinder benehmen, wie sie wollen?

Spielt es überhaupt eine Rolle, was und wie man es macht?

Nichts bleibt folgenlos

Der allwissende Experte

Elternliebe – Kinderliebe

Die Rolle der Kinder

Positive Verstärkung als Strafe?

Die Illusion des kompetenten Kindes

Das gesellschaftliche Klima

Freie Wahl ohne Verantwortung

Herr im Haus

Disneyfizierung

Die bedingungslose Liebe

Die verborgene Wirklichkeit

Mit Kindern spielen

Müssen Kinder in die Kita gehen?

Die umgekehrte Bindung

Wenn der Staat die Erziehung übernimmt

Der Organismus Staat

Elternschaft in der Krise?

Die globale Elternbildung

Die erwartungsfreie Utopie

Kulturelle und geschlechtsspezifische Unterschiede

Das Leben ist gefährlich

Tigermütter

Der Teufelskreis der Helikopter-Eltern

Konsequenz ohne Konsens

Das plastische Gehirn

Was wäre die Tigermutter ohne Disziplin?

Überbehütet

Das freie Spiel

Gibt es den Unterschied der Geschlechter?

Eltern – so cool wie ihre Kids?

Die Eltern-AG

Nichts darf der Selbstverwirklichung im Wege stehen

Der Peter-Pan-Papa

Sind Eltern die besten Freunde ihrer Kinder?

Das geschiedene Gewissen

Mangel an Zeit?

Die unsolidarischen Eltern

Kinder sind nicht aus Zucker

Die niedliche Wahnvorstellung

Das zerbrechliche Kind

Erziehen Sie Ihresgleichen

Risikolose Kindheit

Kapitalistische Alarmisten

Wie gefährlich ist das Leben wirklich?

Elternschaft kann nur misslingen

Die Elternrolle

Diagnoseflut

Was passiert, wenn …?

Es kommt, wie es kommt

Schule im 21. Jahrhundert

Das pädagogische Gehirn

Warum gehe ich überhaupt in die Schule?

Was ist guter Unterricht?

Was ist ein guter Lehrer?

Die ungerechte Schule

Sich langweilen

Sind psychische Störungen ein westliches Phänomen?

Wer sind die besten Eltern?

Anhang

Literaturverzeichnis

Dank

David Eberhard im Internet

Anmerkungen

Vorwort

Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie wahrscheinlich selbst Kinder. Vielleicht haben Sie vor kurzem Ihr erstes bekommen oder dessen Geburt ist schon mehrere Jahre her. Manche von Ihnen sind vielleicht schon Großeltern. Vermutlich schauen Sie dann zurück und versuchen zu beurteilen, wie Ihre Kinder – nun selbst Eltern – mit den eigenen Kindern umgehen. Wieder andere erwarten vielleicht gerade jetzt ihr erstes Kind. Oder Sie haben beruflich mit Kindern zu tun.

Wie Sie sicher festgestellt haben, gibt es eine Unmenge schlauer Leute, die nur zu gerne dazu bereit sind, Ihr Leben und das Leben Ihrer Kinder auf die richtige Spur zu lenken. Dieses Buch soll Ihnen eine kleine Hilfe sein, damit Sie nicht allzu sehr auf diese Menschen hören, unabhängig davon, ob es sich hier um Benjamin Spock, Penelope Leach oder Jean Piaget handelt. Sie alle vertreten eher ihre eigenen Ansichten, als dass sie Experten wären. Echte Experten, die die Fähigkeiten und das Wohlbefinden von Kindern studieren, erforschen, wie das Gehirn funktioniert. Oder wie unterschiedliche Gruppen von Menschen gemeinsam agieren. Alternativ beschäftigen sie sich mit psychologischen Prozessen. Wer nicht professionell auf diesem Gebiet arbeitet und Ihnen trotzdem Ratschläge erteilen will, sollte sich sehr gut in der einschlägigen Fachliteratur auskennen oder zumindest in der Erforschung der Gehirnentwicklung ziemlich belesen sein.

Zu diesen Experten gehören Frank Furedi, Steven Pinker, Jerome Kagan oder Judith Rich Harris. Auch möchte ich Herbert Renz-Polster, Torkel Klingberg oder Martin Ingvar erwähnen. Im Allgemeinen sind diese Experten nicht von Angst geleitet. Sie glauben nicht, dass Kinder ständig durch alles und jeden Schaden nehmen. Sie können uns stattdessen dabei helfen, die Erkenntnisse, die heute den Blick auf die Erziehung von Kindern prägen und dabei so viel Unruhe verbreiten, infrage zu stellen.

So waren etwa John Bowlby und Mary Ainsworth, die Begründer der leider nur wenig hinterfragten Bindungstheorie, ziemlich ängstliche Leute. Sie glaubten, dass wir unseren Kindern Schaden zufügen, wenn wir nicht ständig als ihre Beschützer auftreten. Nun können Eltern ihren Kindern sicherlich Schaden zufügen, aber es ist für normale Eltern heute gar nicht so einfach, den Kindern sonderlich viel Elend aufzubürden, obwohl es hin und wieder doch vorkommt. Die Vertreter der Bindungstheorie (und in noch höherem Maße ihre Nachfolger) müssen wirklich nicht so besorgt sein. Und sie hätten ihre Ängste vielleicht gar nicht an Sie weitergeben müssen. Sie brauchen sich um Ihre Kinder nicht zu sorgen. Kinder sind robuste Wesen und sie überstehen unbeschadet die meisten Hindernisse, denen sie auf ihrem Weg begegnen. Wäre dies nicht der Fall, hätten wir Menschen es wohl kaum geschafft, Tausende und Abertausende von Strapazen bis in unsere heutige Zeit zu überleben.

Das Buch Kinder an der Macht beschreibt, wie wir es schaffen, wieder selbstsichere Eltern zu werden, die an das glauben, was wir tun. Es gibt in der Tat wissenschaftliche Belege, die uns dabei helfen können. Hierauf konzentriert sich dieses Buch und es bedient sich dabei der Wissenschaft als Basis für einige qualifizierte und freie Überlegungen – Gedanken, die Ihnen hoffentlich in Ihrer erwachsenen Elternschaft nützlich sein werden. Das Wichtigste ist, dass es Spaß macht, Kinder zu bekommen, da soll es doch auch Spaß machen, sie großzuziehen. Die Freude daran, Eltern zu werden, überstrahlt fast alles andere. Gibt es eigentlich etwas Schöneres?

Haben Sie keinen Spaß daran, Ihre Kinder großzuziehen, liegt es vermutlich daran, dass Sie es als anstrengend, fordernd, arbeitsintensiv, beunruhigend, frustrierend und überhaupt furchtbar schwierig erleben. Sie haben vielleicht Kinder, die nicht hören wollen, die schreien, streiten, die frech sind und sich im Allgemeinen nicht so benehmen, wie Sie es möchten. Wenn Sie all Ihren ursprünglichen Vorsätzen und Absichten zum Trotz daher im Moment nicht der Meinung sind, dass Kinder großzuziehen das Tollste überhaupt ist, oder wenn Sie nicht wirklich das Bedürfnis haben, noch einen Erziehungsratgeber zu lesen, dann haben Sie vermutlich Recht. Es gibt so viele schöne Dinge im Leben, und ein Kind anbrüllen zu müssen, weil es nicht hört, wird kaum einen Platz auf der Top-Ten-Liste einnehmen. Legen Sie das Buch trotzdem nicht gleich wieder weg. Es wird hoffentlich Ihre Bürde leichter statt schwerer machen. Es könnte sich also lohnen weiterzulesen.

Auch wenn die allermeisten von Ihnen in der Tat schon die weltbesten Eltern für eben Ihre Kinder sind.

Verkehrte Rollen, verkehrte Welt

Die perfekten Eltern

Was sind perfekte Eltern? Gibt es sie überhaupt? Und wenn es sie gibt, wie gelingt ihnen diese Leistung? Sind es die Eltern, die sich am intensivsten für die Freizeitaktivitäten ihrer Kinder engagieren? Sind es diejenigen, die besonders erfolgreiche Kinder bekommen? Vielleicht die Eltern eines Nobelpreisträgers? Sind die Eltern perfekt, deren Kinder sich um sie kümmern, wenn sie alt und krank werden? Oder aber sind perfekte Eltern womöglich einfach diejenigen, deren Kinder sie lieben?

Die perfekten Eltern gibt es vielleicht gar nicht. Die Eltern, die einst hoch angesehen waren, werden 50 Jahre später vermutlich als Nullen gelten – bestenfalls. Wahrscheinlich belegt man sie aber mit noch schlimmeren Namen. Verfolgt man heute die öffentliche Debatte in der westlichen Welt, wie man am besten mit Kindern umgehen sollte, wird man schnell feststellen, dass niemand der Meinung zu sein scheint, dass unsere Großeltern besonders gute Erzieher waren. Trotzdem haben sie eine stattliche Anzahl glücklicher und erfolgreicher Kinder großgezogen: unsere Eltern. Eine Generation, die nun wiederum auch als Eltern infrage gestellt wird. Genauso wird es auch uns selbst ergehen – und nach uns unseren Kindern und unseren Enkelkindern.

Aus biologischer Sicht ist es dagegen leicht, eine ganz allgemeine Antwort auf die Frage zu geben, wer die perfekten Eltern sind. Die besten Eltern sind natürlich diejenigen, die die Natur dafür vorgesehen hat: also ein junges Mädchen und ein junger Mann im Alter von 17 oder 18 Jahren. Rein biologisch ist es nicht vorgesehen, dass der Mensch beim Sex verhütet. Auf ganz natürliche Weise schon als Teenager Kinder zu bekommen ist historisch betrachtet daher eine Selbstverständlichkeit. Es ist kaum im Sinne der Natur, etwa 15 Jahre zu warten, bevor wir unser erstes Kind bekommen. Logischerweise erholen sich jüngere Frauen nach einer Schwangerschaft schneller als ältere; ein Indiz dafür, dass man es kaum als unnatürlich betrachten kann, in jungen Jahren Kinder zu bekommen. Ein solch junges Paar würde in unserer heutigen Gesellschaft jedoch kaum als Vorbild gelten. Vermutlich wäre es eher ein interessanter Fall für die Sozialbehörden.

Mein erstes Kind kam auf die Welt, als ich 21 Jahre alt war. Unser kleines Mädchen, Prisma, starb bei der Geburt. Danach habe ich beharrlich weitergemacht, und heute bin ich Vater von sechs gesunden Kindern. Nils ist noch ein Neugeborener, der – obwohl als Jüngster einer langen Geschwisterreihe auf die Welt gekommen – aus heutiger Sicht keinen besonders uralten Papa hat. Es gibt, wie gesagt, jede Menge andere betagte Leute, die in meinem Alter ihr erstes Kind bekommen. Mein ältester Sohn, Arvid, der in diesem Jahr 17 wird, hält sich zurzeit für zwölf Monate in Japan auf. Er hat nach heutigen Maßstäben einen ziemlich jungen Vater. Vor 100 Jahren wäre hingegen er heute der Vater und ich der Opa gewesen. Aber heutzutage werden weder Cornelia (14), Ella (7), Ludvig (6) noch Otto (2) in Verdacht geraten, mit Opa in der Stadt unterwegs zu sein, wenn ich mit ihnen im Schlepptau einkaufen gehe.

In unserer Gesellschaft ist es nicht ungewöhnlich, dass beide Eltern etwa 40 Jahre alt sind, wenn ihr erstes Kind auf die Welt kommt, und vielleicht sogar über 50 sind, wenn Nummer drei unterwegs ist. Sie sind also in einem Alter, in dem man vor 200 Jahren meistens längst Oma oder Opa oder – noch wahrscheinlicher – schon tot gewesen wäre.

Was kann man diesen lebenserfahrenen Erstgebärenden von heute noch beibringen? Welches Wissen könnten Männer, die erst in ihrem Lebensherbst Väter werden, noch gebrauchen? Es scheint so, als würde die Selbstsicherheit in Bezug auf die neue Mutter- bzw. Vaterrolle nicht mit dem Alter steigen, wenn man dann endlich loslegt. 45-jährige Erstgebärende neigen dazu, sich sehr viele Sorgen um ihren Nachwuchs zu machen. Das ist vielleicht gar nicht so merkwürdig. Denn das gilt in der Tat für die meisten Bereiche des Lebens: Es wird eben oft schwieriger, je später man anfängt.

Viele der heute »betagten« Erstgebärenden sind natürlich ganz fantastische Eltern. Man kann bestimmt vieles von ihnen lernen. Dennoch scheint es, dass viele von ihnen das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten als Eltern verloren haben. Ältere Menschen werden oft nachdenklicher und weniger impulsiv. Ein Nebeneffekt dieser Entwicklung ist leider, dass sie häufig auch ängstlicher werden. Das mag zu einem Teil erklären, warum sich Eltern heute so viele Sorgen rund um ihre Erziehungsverantwortung machen. Eine weitere Ursache der gestiegenen Unsicherheit ist die Tatsache, dass man weniger Kinder bekommt. Man hat sozusagen alles auf eine Karte gesetzt. Der Verlust, falls etwas schiefgeht, ist deshalb ins Endlose gestiegen, wenn man es mit früheren Generationen vergleicht, bei denen das Risiko noch viel breiter gestreut war.

Weitere Faktoren, die zur Unsicherheit bei den Eltern führen, sind kulturell bedingt. Eine Kultur wie die unsere, die das Ziel verfolgt, jedes Risiko zu minimieren, in der die Rechte des Einzelnen immer größer werden und jegliche Schuld systematisch ignoriert wird, kann ein Klima erzeugen, in dem es nicht gerade leicht ist, Kinder großzuziehen. In der westlichen Welt (vor allem in den angelsächsischen/skandinavischen und übrigen nordeuropäischen Ländern) ist eine extrem kinderfixierte Elternkultur entstanden. Vorherrschend ist hier die Vorstellung, dass die Mütter und Väter, die ihren Kindern materiell das meiste zu bieten haben, die besten Eltern seien. Noch verbreiteter ist die Auffassung, dass diejenigen, die den Kindern gegenüber niemals laut werden, ihnen nie widersprechen und den Kleinen immer auf ihrem Niveau »begegnen«, die besten Eltern seien. Diese Kultur hat Erwachsene hervorgebracht, die wie ihre Kinder sein wollen. Auf diese Weise trägt sie dazu bei, die bereits schwierige Elternschaft weiter zu erschweren.

Wer bestimmt in Mamas Bauch?

Schon während sich das Kind noch im Bauch der Mama befindet, beginnt die Gesellschaft damit, die werdenden Eltern zu warnen. Eine Schwangere sollte keinen Blauschimmelkäse essen. Sie sollte nicht zu weite Strecken gehen – aber auch nicht zu kurze. Sie sollte das Fahrradfahren vermeiden. Autofahren ist auch gefährlich, sie könnte ja in einen Unfall verwickelt werden, und auch die öffentlichen Verkehrsmittel können überaus gefährlich sein – mit den vielen ansteckenden Krankheiten, die man sich dort unterwegs im Gedränge einfangen kann. Eine Freundin von mir bekam den Rat, sich drei Monate lang nicht zu bewegen – ja, am besten sogar neun Monate … Manche warnen vor Süßwasserfischen oder Meeresfischen. Oder zumindest vor den Süßwassermeeresfischen. Und dann müssen Schwangere auch noch dafür sorgen, dass sie niemals mit Menschen in Berührung kommen, die an irgendwelchen Infektionen erkrankt sind. Und an einem Glas Alkohol sollten sie nicht einmal schnuppern. Den Alarmisten zufolge kann Alkohol – genauso wie auch Kaffee – zu einer Fehlgeburt führen. Oder, wie im Mai 2013 in einer schwedischen Zeitung stand, das Risiko, dass das Kind sich irgendwann zum Psychopathen entwickelt, erhöhen.1

In anderen Teilen der Welt hat man hingegen Angst vor anderen Dingen. In Frankreich warnt man davor, die werdende Mutter könnte eine Depression bekommen, wenn sie keinen Wein mehr trinken darf. Dort verdünnt man also den Wein nur ein wenig mit Wasser. Wenn sie ganz darauf verzichten würde, könnte das Kind ja Schaden nehmen, heißt es. Und in den USA wird den werdenden Eltern vermittelt, dass es überaus wichtig sei, schon während der Schwangerschaft mit dem Kind in Mamas Bauch zu reden, weil es so einen höheren IQ entwickeln würde. Eine Auffassung, die sich nun auf der ganzen Welt verbreitet.

Ein Wunschkind zu erwarten ist für viele Menschen das Allergrößte, was sie jemals erleben werden. Zumindest in den Teilen der Welt, in denen die Not im Großen und Ganzen eliminiert ist. Vielleicht ist es deshalb gar nicht so merkwürdig, dass man sich über etwas Bedrohliches, das passieren könnte, Sorgen macht. Uns wird beigebracht, dass jede zehnte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet. Eine sehr hohe Zahl, die auf Schwangere bedrohlich wirkt. Dass die allergrößte Mehrheit dieser Fehlgeburten ganz früh in der Schwangerschaft stattfindet und dass die meisten von ihnen unvermeidbar sind, welche Vorsichtsmaßnahmen auch getroffen werden, macht uns nicht wirklich weniger besorgt. Obwohl wir es eigentlich sein sollten. Denn es ist sinnlos, sich über etwas zu beunruhigen, das man ohnehin nicht ändern kann.

Als meine erste Frau, Margareta, und ich unser erstes Kind erwarteten, machten wir uns überhaupt keine Sorgen. Tatsächlich sind wir kaum jemals auf den Gedanken gekommen, dass ein Kind sterben könnte. Als unsere Tochter dann starb, waren wir vollkommen unvorbereitet. Wir hätten ihren Tod nicht verhindern können, selbst wenn uns die Unabänderlichkeit des Todes viel bewusster gewesen wäre und wir auf alle Dinge, die zu Missbildungen oder Fehlgeburten führen können, geachtet hätten. Weder die Einnahme von Folsäure oder Fischölkapseln noch Eisen oder irgendeine andere Mirakelkur hätte uns helfen können, das zu vermeiden, was dann geschah.

Wir Menschen haben uns in unserer Entwicklung so weit vom Natürlichen entfernt, dass wir den Tod vergessen haben. Ganz verdrängt haben wir ihn aber noch nicht. Es gibt ihn, und er lauert immer bedrohlich im Hintergrund unserer aller Leben. Er macht uns in vielen Fällen unsicher. Mittlerweile versuchen wir nicht nur den Tod auszutricksen. In fast jeder Hinsicht versuchen wir unsere Chancen zu verbessern. Mithilfe unzähliger Tricks strengen wir uns an, damit unsere Kinder einen höheren IQ, mehr Musikalität, eine größere Muskelmasse oder andere Vorteile entwickeln, um im Vergleich mit anderen besser abzuschneiden. Eltern lesen dem Kind, das noch in der Gebärmutter liegt, französische und englische Texte vor, und Bücher und Ratgeber, die alle Register der Bauernfängerei ziehen, verkaufen sich wie warme Semmeln. Alles muss schon während des fötalen Lebens seinen Anfang nehmen; eine Entwicklung, die ein ganz klares Indiz dafür ist, wie fantastisch gut es uns geht.

Die meisten Ratschläge, die Schwangeren vermittelt werden, handeln mittlerweile nicht davon, was man tun kann, damit es dem ungeborenen Kind gut geht, sondern von all den Dingen, die man unbedingt vermeiden sollte. In Australien erschien vor einem Jahrzehnt ein Buch, das heute immer noch den inoffiziellen Weltrekord an Gefährlichkeitswarnungen hält. Das Buch warnte vor fast allem. Nicht zuletzt davor, in der Nähe von Fernsehgeräten und anderen elektrischen Apparaten zu sitzen.2 Diese Art bizarrer Warnungen ist meistens nicht in den Richtlinien der Gesundheitsbehörden enthalten, aber auch dort gilt vor allem das Vorsichtsprinzip. Die Listen europäischer Lebensmittelbehörden, die empfehlen, was man essen sollte und was nicht, sind nur ein Beispiel für die enorme Vorsicht, die heutzutage in den Industrienationen vorherrscht. Es wird vor allem Möglichen gewarnt und es gibt genaue Instruktionen dazu, was die Menschen im Allgemeinen essen sollten.

Empfehlungen staatlicher Behörden weist man nicht so leicht von sich. Wie soll eine werdende Mutter ahnen, dass es sich hier um übertriebene Vorsichtsmaßnahmen handelt? Viele Empfehlungen werden von der EU bestimmt und in ähnlicher Form überall in den europäischen Ländern propagiert. Das Interessante dabei ist allerdings, dass sie nicht überall identisch sind. Denn sie basieren nicht auf Tatsachen, die mit Sicherheit als gefährlich eingestuft werden können, sondern darauf, was die Behörden der einzelnen Länder für wichtig erachten.

Aus wissenschaftlichen Studien weiß man, wie wir Menschen uns in verschiedenen Gefahrensituationen verhalten und dass wir dazu neigen, vor allem diejenigen Gefahren zu überschätzen, die besonders katastrophale Auswirkungen haben könnten. Gleichermaßen überschätzen wir auch gerne Gefahren, die wir selbst nicht beeinflussen können. Diffuse Todesdrohungen sind folglich das, was uns am allermeisten Angst macht. Die Warnungen der Behörden funktionieren ähnlich wie Warnungen vor Magnetfeldern, Waldgeistern, Druden, Zwergen und Trollen. Es gilt, alles Gefährliche zu vermeiden, und der beste Weg dazu ist scheinbar, eben jede denkbare Gefahr zu umgehen.

Dabei basieren die behördlichen Warnungen auf sehr aussageschwachen Analysen. Man weist oft darauf hin, es gäbe statistisch signifikante Zusammenhänge, die das Maß der Zuverlässigkeit ausmachen. Doch wird oft vergessen, dass selbst wenn ein Zusammenhang statistisch gesehen nachgewiesen werden kann, dieser nicht zwangsläufig irgendwelche Auswirkungen haben muss. Noch weniger bedeutet es, dass die vermeintliche Gefahr in einer konkreteren Wirklichkeit in der Tat gefährlich ist. Wenn eine Substanz das Risiko einer Krankheit in einer statistisch signifikanten Weise erhöht, kann es sich um ein Risiko handeln, das nur in Bezug auf die gesamte Bevölkerung ein Risiko darstellt. Für jeden einzelnen Menschen aber kann das Risiko gegen null tendieren.

Stellen Sie sich eine schwangere Frau vor, die den Rat bekommt, Folsäure einzunehmen. Diese Empfehlung basiert auf dem statistischen Nachweis, dass werdende Mütter durch die Einnahme von Vitamin-B₉, also Folsäure, vor und während der Schwangerschaft das Risiko einer Fehlbildung des Rückenmarks beim Fötus senken können. In Schweden weisen ca. 100 Föten pro Jahr Fehlbildungen des Rückenmarks auf. Bei etwa 80 von diesen Schwangerschaften kommt es zu einer Fehlgeburt. Heute kommen jährlich 2 von 10 000 Kindern von den insgesamt etwa 120 000 Kindern, die jedes Jahr in Schweden geboren werden, mit Fehlbildungen des Rückenmarks auf die Welt. Man ist der Meinung, dass diese Zahl um ein Drittel reduziert werden könnte, wenn man im ganzen Land ausschließlich mit Folsäure angereichertes Weizenmehl verkaufen würde. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein Kind mit einer solchen Fehlbildung bekommen, liegt ohne angereichertes Mehl bei max. 1:5 000 – es kann also vorkommen, aber es ist äußerst selten.

Die schwedische Lebensmittelbehörde verordnet aber die Folsäureanreicherung von Weizenmehl nicht, da noch spekuliert wird, ob Folsäure andere, negative Wirkungen haben könnte. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist, dass die Behörde einerseits vor einem Mangel an Folsäure warnt, andererseits aber auch Warnungen gegen Folsäure ausspricht, die vermutlich überhaupt nicht belegt sind. Obwohl der Rückgang der Fälle durch die erhöhte Einnahme von Folsäure sehr gering ist – es handelt sich hier in der Tat nur um einen Fall pro 15 000 Geburten –, kann man ja der Meinung sein, dass es trotzdem gut ist, das Risiko zu senken, und Folsäure gehört ja doch eher zu den ungefährlicheren Themen. Es könnte also leichtsinnig sein, sich nicht nach der Empfehlung zu richten, wenn man den Rat schon bekommen hat.

Genau darin liegt der Nährboden für die vielen diametral gegensätzlichen Richtlinien der verschiedenen Länder. Würde es um wissenschaftlich belegte Wahrheiten mit deutlich erkennbarem Zusammenhang gehen, wäre es unwahrscheinlicher, dass verschiedene Länder unterschiedliche Richtlinien herausgeben – wie es heute der Fall ist. Die Tatsache, dass man in verschiedenen Ländern auf ganz unterschiedliche, statistisch signifikante Zusammenhänge hinweist, bewirkt, dass diese vermeintlichen Zusammenhänge keinen Sinn mehr ergeben. Vielleicht sollte man stattdessen über einen anderen, engeren Begriff sprechen: die allgemeine Relevanz.

Das lebensgefährliche Leben

Endlich ist es da, das lang ersehnte Kind! Ein Ereignis, das das Leben der frischgebackenen Eltern für immer verändert. Aber was ist zu tun? Das Kind schreit. Die Windel ist voll. Das Kind macht nicht das, was man erwartet. Und wen kann man fragen? Das Baby ist ja noch so klein. Die Nervosität und die Unsicherheit, die die frisch gewordenen Eltern überwältigen, sind oft tief und erschütternd. Alles andere wäre merkwürdig.

Die meisten Eltern brennen für etwas, das sie gerne mit Freunden und Bekannten teilen. So werden dann auch Ratschläge zur Gesundheit aller Babys weitergegeben. Sicherlich werden Eltern aus dem Freundeskreis ganz klare Ansichten zum Thema Impfen oder Nicht-Impfen darlegen. Es wird endlos viele Empfehlungen zu allen möglichen Sicherheitsvorkehrungen geben. Welchen Helm sollte das Kind beim Fahrradfahren tragen? Sollten die Kinder auf dem Rodelberg Knie- und Ellbogenschützer tragen? Welche Marke hat bei den Kinderautositzen die besten Noten bekommen? Wie sichert man Fenster und Türen, wenn man im siebten Stock wohnt? Und welcher Kinderwagen ist für das Kind eigentlich am besten? Die vielen Ratschläge werden Sie verwirren. Es scheint, dass man frischgebackene Eltern auf alle Ratschläge achten sollte. Und am besten alle befolgen …

Das stimmt nicht! Es wird alles gut werden. Das Kind schafft das meiste von allein. Sie brauchen nicht auf die Menschen aus Ihrer Umgebung zu hören, die anscheinend alles besser wissen. Sie müssen solche Ratschläge gut sortieren. Hauptsächlich um Ihrer selbst willen, aber in manchen Fällen auch wegen Ihres Kindes.

Noch viel öfter bekommt man zu hören, wie man als gesund lebende Eltern das kleine Baby ernähren soll, und oft scheint es, als ob eine Spezialdiät oder andere unsinnige Maßnahmen unumgänglich seien. Häufig wird vorgeschlagen, dass man das Kind so ernährt, wie man sich selbst am liebsten ernährt. LCHF (Low Carb High Fat)-Mütter lassen ihre Kinder keine Kohlenhydrate essen, Vegetarierinnen geben ihren Kindern kein Fleisch, und Mütter, die ständig abnehmen wollen, geben ihren Kindern zu wenig zu essen. Solche Eltern geben eher unangebrachte Ratschläge. Das Gehirn braucht Kohlenhydrate – und das gilt ganz besonders bei Kindern. Kinder brauchen Vitamine, die man nur schwer oder fast unmöglich mit rein vegetarischer Kost in ausreichender Menge zu sich nehmen kann. Das Risiko, an Anorexie zu erkranken, ist unter Vegetariern deutlich erhöht (auch wenn schwer zu sagen ist, was in diesem Fall das Huhn bzw. das Ei ist).

Extreme Ratschläge kommen auch oft von der bisweilen radikalen Stillmafia. Von dort ertönen vollkommen grundlose Warnungen gegen das geringste Tröpfchen Muttermilchersatz, der für das Kind gar mit Lebensgefahr verbunden sein soll. Ersatznahrung störe nicht nur die Bindung zwischen Mutter und Kind. Sie mache das Kind auch anfälliger gegenüber Infektionen und Allergien, so heißt es. Einige Extremisten auf der anderen Seite des Atlantiks gehen sogar so weit zu behaupten, dass Kinder, die Ersatznahrung bekommen, einen niedrigeren IQ haben als gestillte. Die Wahrheit ist, dass man ein Kind vollkommen problemlos mit Muttermilchersatz ernähren kann.

Die Zahl der Gefahren, die beim Großziehen von Kindern lauern, ist gewissermaßen endlos. Es gibt nicht nur den Straßenverkehr und die gefährlichen Männer, die hinter Büschen lauern. (Darauf kommen wir später zurück.) Heutzutage müssen gebildete Eltern auch alles im Griff haben, wenn es darum geht, wie oft und wie lange das Kind den Schnuller haben darf und ob man die mathematische Intelligenz des Kindes fördert, wenn man es beim Lösen von Sudokus zuschauen lässt. Man muss das Kind nicht nur in den Schlaf wiegen, man soll auch noch ganz früh im Leben des Kleinen mit ihm singen und Bücher lesen. Darüber hinaus soll man lachen und fröhlich sein. Sonst ist alles für die Katz gewesen.

Im Februar 2013 konnte man in der schwedischen Tagespresse lesen, dass werdende Mütter beim Genuss von Kaffee sehr vorsichtig sein sollten.3 Eine Studie habe gezeigt, dass Babys von Kaffee trinkenden Müttern bei der Geburt kleiner sein könnten als bei anderen. Kleinere Kinder zu bekommen sei den Experten zufolge immer mit einem erhöhten Komplikationsrisiko verbunden. Wenn man das liest, erscheint alles ganz logisch. Zu viel Kaffee führt zu kleineren Kindern, kleinere Kinder führen zu mehr Komplikationen.

Auf der anderen Seite scheinen manche Dinge besonders ungefährlich zu sein. Unwissenheit zum Beispiel. In demselben Monat konnte man zufälligerweise auch darüber lesen, wie ein Professor der Biotechnologie, Kultur und Gesellschaft seine Mitbürger darüber aufklärt, dass man in der heutigen Gesellschaft keine besonders guten Mathematikkenntnisse brauche. Deshalb solle man damit aufhören, die Schulkinder mit Mathehausaufgaben zu belasten.4 Abgesehen davon, dass man mit dieser Argumentation die Schule komplett abschaffen und sie mit der Aufforderung an die Kinder, doch mal bei Wikipedia nachzuschauen, ersetzen könnte, gibt es andere, ernsthaftere Einwände, die durch das Beispiel mit dem Kaffee illustriert werden. Denn wenn man keine Mathematik lernt, wird man Schwierigkeiten haben, einfache und logische Zusammenhänge zu begreifen. Man wird dann auch von Kovarianz keine Ahnung haben: Kaffeetrinker rauchen mehr und trinken mehr Alkohol als andere. Vielleicht sind sie auch gestresster und schlafen weniger. Deshalb müsste man die Zahlen der Studie diesbezüglich dieser Variablen korrigieren, bevor man übereilte Schlussfolgerungen in Bezug auf die Ursächlichkeit zieht. Die Zusammenhänge müssten breiter untersucht und korrigiert werden, unter anderem in Bezug auf den Alkoholkonsum der werdenden Mütter, ihre Rauchgewohnheiten, ihr Stressniveau, ihre Schlafgewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, genetischen Veranlagungen, ihren sozialwirtschaftlichen Hintergrund u.v.m. Die überwältigende Mehrheit solcher Warnungen ist nach einer solchen Analyse ohne jede allgemeingültige Relevanz. Sie treffen einfach nicht auf alle zu.

Es gibt fast genauso viele Warnungen, wie es auf der Welt Themen gibt. Die allermeisten davon sind irrelevant. Das schwedische Fernsehen zeigte im Sommer 2013 eine Reportage darüber, wie gefährlich es ist, wenn Kinder Sand aus der Sandkiste essen, weil Katzen diesen mit Toxoplasmose verseucht haben könnten. Eine Nachricht, die viele Eltern beunruhigt hat. Jeder weiß ja, dass Kinder alle möglichen unpassenden Sachen in den Mund stopfen. Auf die Tatsache, dass Kinder, die von diesen Parasiten befallen werden, keine Symptome zeigen und dass die europäische Bevölkerung sie größtenteils in sich trägt, gingen die Reporter kaum ein.5

Die statistischen Zusammenhänge, die man durch Ermittlung des Vorkommens in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe dokumentieren kann, nennt man Epidemiologie. Die Schlussfolgerungen, die man aus weltweit durchgeführten epidemiologischen Untersuchungen ziehen kann, sind in diesem Zusammenhang marginal. Der eigentliche Zweck solcher Untersuchungen ist, neue Erkenntnisse zu gewinnen, die man weiter erforschen kann. Wenn man liest, dass ein Kind, das einen Schnuller nuckelt, einen niedrigeren IQ aufweist, oder dass Kinder, die Mozart hören, bessere mathematische Fähigkeiten entwickeln als andere, sollte man sich mit einer guten Portion Skepsis wappnen.

Man kann aber ganz sicher sein, dass solche Aussagen zwei Auswirkungen haben werden: Erstens werden sie die Eltern, die sich in dem Zusammenhang unzulänglich fühlen, mit Schuld belasten. Zweitens werden diverse Schwindelpakete vermarktet, die man sowohl den Eltern als auch den Kindern unterschieben will. Ramschwaren, die als schützend, erziehend, entwickelnd oder gar lebensnotwendig propagiert werden.

Der kleine Familientyrann

Es gibt viele, die an unseren Kindern Geld verdienen wollen, wahrscheinlich weil sie zur wichtigsten Zielgruppe der Marke-tingabteilungen geworden sind. Wir Eltern sind dankbare Opfer, weil wir den Kindern alles geben wollen, aber warum fühlen wir uns als Eltern immer unsicherer, obwohl wir immer mehr Geld für sie ausgeben? Eine denkbare Erklärung ist, dass wir den Kindern ganz einfach gefallen wollen. Im Frühjahr 2011 konnte man in der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet einen Artikel darüber lesen, wie die Kinder in den Familien die Finanzmacht übernommen haben.6 Die Kernaussage des Artikels war, dass die Erwachsenen nicht mehr darüber entscheiden, was die Familie kauft. Es scheint fast so, als hätten Erwachsene gar nichts mehr zu sagen. Was auf den Mittagstisch kommt, wird von den Kindern entschieden. Was man sich im Fernsehen anschaut, bestimmen zum größten Teil auch die Kinder. Ich habe viele erwachsene Freunde, die ganz ernsthaft Kindersendungen aussuchen, damit diese wie bei einem großen Kindertreffen zusammen mit den Eltern geschaut werden können.

Und jetzt entscheiden die Kinder also auch, was gekauft werden soll. Selbstverständlich nehmen die Eltern darauf Rücksicht, welche Kleidung ihre Kinder tragen sollten. Denn wenn Emilie, viereinhalb Jahre alt, im Kindergarten so süße Kleider trägt, muss dies auch Amina, dreieinhalb Jahre alt, ermöglicht werden. Dass man in der Schule teure Markenschuhe trägt, kann ja ganz entscheidend dazu beitragen, ob man als cool angesehen wird oder eben nicht. Deshalb lassen die Eltern sich darauf ein. Denn wer möchte schon, dass das eigene Kind leidet? Somit wird es für die Eltern extrem wichtig, das Kind richtig zu kleiden. Eine hässliche Gabardinehose – in den 1970er-Jahren wurde ich gezwungen, eine solche zu tragen – würde laut dieser Logik dazu führen, dass das Kind für immer und ewig am posttraumatischen Stresssyndrom leiden wird. Während der Kindheit und Jugend gemobbt zu werden, hat selbstverständlich negative Nachwirkungen über Jahre hinweg, aber die Frage ist, ob man deswegen in Kleidungsfragen so nachgiebig sein sollte. Das Resultat ist doch, dass jedes Kind eine selbst gewählte Uniform tragen muss, so als würde es sich um eine Vorschrift handeln. Wer die teuersten und schicksten Klamotten hat, hat eben die beste Uniform. Es ist also nicht verwunderlich, dass immer mehr Eltern sich die altmodische, gleichstellende Schuluniform zurückwünschen. In vielen Ländern, z. B. Japan, tragen alle Kinder in der Schule die gleiche Kleidung. Darüber wird kein Aufheben gemacht. Sicherlich werden die Schulkinder andere Wege finden, um sich gegenseitig ihren Status zu verdeutlichen. Das tun Kinder in allen Gemeinschaften – genau wie wir Erwachsene auch –, sie werden aber nicht die Macht über die Wahl ihrer Kleidung übernehmen, und kein Kind wird gemobbt, nur weil es nicht die passenden Klamotten trägt. Mein Sohn, Arvid, beschreibt es wie folgt: »In Tokyo gibt es eine ganz klare Aufteilung der Menschen in verschiedene Gruppen, dies zeigt sich durch die distinkte Kleiderwahl. Man sieht bei den meisten Menschen an deren Kleidung sofort, welcher Gruppe er oder sie angehört. Auch die japanischen Gymnasialschüler sind extrem modebewusst, aber dies zeigt sich nicht in der Schule – neben der Schuluniform sind dort nur gewisse Accessoires erlaubt.«

Bei uns und in vielen anderen europäischen Ländern, z. B. auch in Deutschland, begnügt sich der kleine Familienökonom nicht damit zu entscheiden, dass er im Bikini in den Kindergarten gehen wird. Zuhause am Küchentisch haben die Verhandlungen gerade erst begonnen. Nun sollen auch die Urlaubsziele festgelegt werden.

Als ich klein war, mussten wir fünf Kinder artig mitkommen, wenn unsere Eltern, was ganz selten vorkam, einen Familienurlaub organisierten. Ich hatte noch Glück. Einerseits stand meine Familie finanziell ganz gut da, andererseits lebten wir in Südschweden. Wir hatten es deshalb nicht so weit, wenn wir ins europäische Ausland reisen wollten. Ich erinnere mich an meine erste Auslandsreise. Da war ich sechs Jahre alt und durfte mit meinem Vater und meinem großen Bruder mit der Fähre in die damalige DDR fahren. Dort angekommen, glaubte ich, dass wir in den 1950er-Jahren gelandet seien. Ich musste weinen, als mir ein vergorener Saft serviert wurde, eine Erfahrung, die mir eine neue Perspektive aufs Leben eröffnete. Wir reisten weiter an der Küste entlang nach Westdeutschland via Rostock und Wismar nach Hamburg und schließlich nach Lübeck. Von Travemünde fuhren wir mit der Fähre zurück nach Schweden. Um ein Abenteuer und eine Zeitreise reicher geworden. Weder mein Bruder noch ich hatten das Reiseziel ausgesucht. Wollte unser Vater nach Ostdeutschland, fuhren wir dort hin. Einige Jahre später wollten meine Eltern eine größere Sightseeingtour in den damaligen Ostblock machen, und somit war erneut das Reiseziel festgelegt. Heute ist das ganz anders. Wollen wir nach Thailand oder auf die Kanaren? Das entscheidet William, viereinhalb Jahre, oder Ebba, dreieinhalb Jahre alt.

Im besten Fall findet heutzutage eine Familienkonferenz mit Abstimmung zum Thema statt. Das haben wir Eltern nämlich gelernt – wir müssen den Kindern zuhören. Dass die Kinder im Urlaub dann gar keine Ahnung haben, dass sie sich gerade auf Mallorca, auf den Kanarischen Inseln oder in Bangkok befinden, spielt keine Rolle. Es ist in unserer enormen Mittelklasse zu einem festen Bestandteil der Kinderrechte geworden, dass sie an spannende Orte reisen dürfen, auch wenn sie kaum einen Fetzen einer Erinnerung daran haben werden, wenn sie groß sind.

Dass die Kinder die Reiseziele der Familie bestimmen, ist sicherlich nicht so schlimm, solange man sich nicht selbst total verbiegen muss oder sich in Schulden stürzt, nur weil man nicht möchte, dass das Kind gemobbt wird. Hier geht es letztlich nur darum, nicht zugeben zu müssen, dass man sich eine Reise nach Thailand eigentlich nicht leisten kann, wo doch der beste Freund des Sohnes schon da war.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist es nur ein Symptom eines viel größeren Phänomens. Es beweist, dass das Kind in der Tat alles bestimmt. »Was wollen wir heute zu Mittag essen?« Die Eltern überlegen und meinen, dass man etwas abwechslungsreicher essen sollte. Die Nudeln mit Hackfleischsauce werden gegen einen Hackbraten ausgetauscht.

»Kann man Hackbraten mit Nudeln essen?« Mama und Papa schauen sich verschmitzt an: »Vielleicht sollten wir mal ganz verrückt sein und heute Fisch essen?!« »Ja!«

Heute isst die Familie also Fisch. Er muss aber in Form von Fischstäbchen aus der Fertigpackung serviert werden. Und wenn das nicht der Fall ist, muss der Fisch zumindest so zubereitet werden, dass er genauso aussieht. Sonst könnten die Kinder vielleicht nebenbei etwas anderes essen? Denn es ist davon auszugehen, dass sie das Essen der Erwachsenen eklig finden und da sie schon für sich selbst entscheiden dürfen, kann man sie ja nicht zwingen, etwas zu essen, das sie nicht mögen. Es ist also am einfachsten, eigens für die Kinder zu kochen. So läuft das heute in den meisten Familien und sogar in der Schulmensa. Die Zeit ist längst vergangen, als die Schüler das essen mussten, was auf den Tisch kam, ob sie es nun mochten oder nicht. Heutzutage können sich die Schulkinder à la carte etwas aussuchen, wie in einem Restaurant.

Ein Kind zum Essen zu zwingen wird in der heutigen Gesellschaft mit Kindesmisshandlung gleichgesetzt. Ich persönlich verstehe an und für sich nicht, warum man in Nord- und Westeuropa die Kinder überhaupt dazu zwingen sollte, etwas zu essen, was sie nicht mögen. Sie werden ja auf keinen Fall verhungern. Dass es eine reine Grausamkeit sei, von den Kindern zu verlangen, das zu essen, was auf den Tisch kommt (oder eben hungrig zu bleiben), ist meiner Meinung nach eine merkwürdige Auffassung. Ich selbst ziehe es vor, die Kinder nicht zum Aufessen zu drängen. Es wird aber bei uns nichts anderes serviert, wenn sie sich gegen das, was serviert wird, entscheiden. Und stört ein Kind alle anderen am Tisch, muss es ohne Essen vom Tisch aufstehen. Selbstverständlich wird es dabei nicht »belohnt«, indem es beispielsweise Fernsehen schauen oder einer anderen Beschäftigung nachgehen darf.

Die meisten Familien kennen sicherlich das Problem, dass ein Kind nur ein Teil des Essens mag, den Rest aber nicht anrührt. Da gilt es als Eltern hartnäckig zu sein und nicht immer weiter Fleischbällchen zu servieren, wenn das Kind die ersten schon aufgegessen hat. »Wie schwer kann das denn sein?«, fragt man sich. Es kann in der Tat sehr schwer sein. Das Kind zu ernähren ist ein so primäres Bedürfnis, dass es oft stark mit Gefühlen aufgeladen wird und somit auch gefühlsmäßig belastend wirken kann. Außerdem sind die Eltern bei der abendlichen Mahlzeit häufig müde und lenken oft schon bei der kleinsten Schwierigkeit ein. Besonders wenn die Eltern sich nicht einig sind, wie man auf die kindliche Verweigerung reagieren sollte. Dann wählt man oft die einfachste Lösung und geht auf die Wünsche des Kindes ein. Man hat uns ja auch beigebracht, dass man auf die Kinder hören soll.

Bei tyrannischen Kindern ist es überaus schwierig, eine abwechslungsreiche Kost aufzutischen. Umso mehr, wenn sie immer mitreden und entscheiden dürfen. Wenn sie ihr Veto gegen alles, was nicht Nudeln oder Pizza heißt, einlegen, hat man keine großen Variationsmöglichkeiten mehr.

Und so geht es immer weiter. Der Fernseher muss von morgens bis abends laufen, und solange die Kinder klein sind, wollen sie nur KikA schauen. Wenn sie größer werden, wechselt ihre Vorliebe von KikA zu privaten Fernsehkanälen wie Nickelodeon oder Super RTL. Gerne schauen sie sich Filme mit frechen Jungs und zuckersüßen Mädchen an, in die sie sich alle hineinversetzen können. Und möchte man als Eltern mal einen Erwachsenenfilm schauen (hier meine ich keinen Porno, sondern alles, was kein Kinderfernsehen ist), dann müssen die Kinder auch dabei sein dürfen und mitgucken. Stehen die Nachrichten und Let’s Dance zur Wahl, dann wird das Tanzen gewinnen. Das wollen die Kinder sehen, und wir tanzen alle nach ihrer Pfeife. Und wenn wir es nicht tun, sind wir schlechte Eltern!

In den 1970er-Jahren kam das Buch Als die Kinder die Macht übernahmen7 heraus. Es handelt sich um eine absurde Geschichte, in der die Kinder einer Kindertagesstätte eines Tages genug davon hatten, wie die Erwachsenen mit ihnen umgingen. Sie übernahmen einfach mit Gewalt die Macht über die Kita. Meine Frau las vor einigen Jahren meinen Kindern Ella und Ludvig das Buch vor, und sie lachten, bis sie fast platzten. Aber je weiter man in dem Buch liest, umso trauriger wird es. Denn die Kinder können sich in der Tat nicht um sich selbst kümmern. Genau das macht ja ein Kind aus.

Wenn heute von den 1970er-Jahren die Rede ist, scheint das Jahrzehnt häufig ein wenig lächerlich. Damals waren die Leute anscheinend naiv und gutgläubig. Sie hatten ganz tolle, aber unrealistische Pläne für die Gesellschaft. Alle sollten sich lieben und wie in einem großen Kollektiv leben. Die heutige Gesellschaft wird oft als das genaue Gegenteil beschrieben. Sie wird als stressiger, kälter und inhumaner geschildert. Es heißt, dass die Leute nur noch an sich selbst und die Verwirklichung ihrer großartigen Pläne denken. Und schafften sie das nicht, könnten sie zumindest dafür sorgen, dass ihre Kinder ihre Träume verwirklichten. Das kann große Auswirkungen auf das Leben der Kinder haben. Besonders extreme Varianten eines solchen Verhaltens findet man aber in Schweden (oder Europa) kaum.

Als ich im Mai 2012 an der Fernsehtalkshow Betnér Direkt teilnahm, diskutierte ich mit einer Frau namens Jelena Leppänen. Sie hatte Anfang 2012 an der TV-Serie Mütter und ihre Minimodels teilgenommen. Offensichtlich war sie wohl als echtes Symbol der extremen Elternschaft eingeladen worden. Sie hatte ihr ganzes Leben ihrer damals elfjährigen Tochter Katja, die Model werden sollte, gewidmet. Auf penetrante Weise pochte sie sowohl in der TV-Serie als auch in der Talkshow darauf, dass sie das Leben ihrer Tochter so steuere, dass alles so werde, wie Mama es wolle.

In der Talkshow behauptete sie, dass das Modelleben ihrer Tochter nur ein harmloses Hobby sei. Die Behauptung hatte keine Überzeugungskraft. Ihr großes Erziehungsprojekt wurde hinter all ihren Argumenten deutlich sichtbar. Und die Schweden verschluckten sich an ihrem Abendessen. Diese Mutter war nach schwedischen Maßstäben wirklich extrem. Aber verglichen mit den Tigermüttern aus Asien und Teilen der USA war sie wohl eher zahm. Wo sind die großen Unterschiede zwischen Jelena Leppänen und anderen Eltern zu finden, wenn es um Erziehung geht? Es gibt in der Tat mehr Übereinstimmungen als Unterschiede. Ein großer Teil der modernen Eltern überschätzen ihre eigene Bedeutung und versuchen ihr Kind zu lenken, indem sie sich selbst aufopfern. Ist Jelena somit – als Paradebeispiel einer schwedischen Tigermama – nicht nur eine etwas härtere Variante von dem, was die meisten Eltern heute versuchen zu erreichen?

Dass die heutige Kindererziehung sich mehr in Richtung Selbstverwirklichung bewegt als früher und dass man versucht, sowohl die eigene Entwicklung als auch die der Kinder voranzutreiben, ist für jeden offensichtlich. In dieser Hinsicht ist alles anders als in den 1970er-Jahren. Besonders deutlich wird das Streben nach Selbstverwirklichung gerade, wenn es um die Erziehung geht. Da braucht man sich nur die übertriebenen Tiraden der Besorgnis, mit der die allermeisten Durchschnittseltern kokettieren, anzuhören. Heutzutage steht überall geschrieben, wie wir mit unseren Kindern umgehen müssen und sollen. Wir müssen die Kinder in den Mittelpunkt stellen. Wir dürfen die Bindung an sie nicht vermasseln. Wenn wir die nicht ausreichend gut hinbekommen, werden sie zukünftig sicherlich jede Menge Probleme bekommen. Wir müssen auf sie achten – ihnen Helme aufsetzen und sie überall vor Unbill schützen. Wir dürfen ihnen nicht widersprechen. Sie nicht infrage stellen, wenn sie falsche Behauptungen von sich geben, und sie nicht hungrig ins Bett schicken, wenn sie am Abendbrottisch eine Szene gemacht haben.

Dein kleiner Freund

Als wenn das alles nicht schon genug wäre, müssen wir sie auch noch gegen Klimaveränderungen, Umweltverschmutzungen, Ungerechtigkeiten und Gewalt schützen. Damit sie sich nicht übergangen und unbeachtet fühlen, sollten wir sie am besten auch ab einem Alter von zweieinhalb Jahren an verschiedenen Überlegungen und Diskussionen über die Gewalt im Nahen Osten teilhaben lassen. Und spätestens ab dem Kindergartenalter sollten sie an einer sportlichen Aktivität, die »entwicklungsfördernd« ist, teilnehmen. Deshalb spielt jeder kleine Junge entweder Fußball oder Eishockey. Sie wissen nicht, wie man einen Pass spielt, aber sie wissen, dass man Tore machen muss, und deshalb rennen sie alle in einer Traube dem Ball hinterher, während die Eltern an der Seitenlinie sitzen und zuschauen und ihrem Kind zujubeln. So als wäre Fußball ein Sport für Einzelkämpfer. Und es wird noch absurder. Wenn der Schiedsrichter gegen den kleinen Finn sein Urteil fällt, fängt Finns Papa an, laut zu schimpfen und den Schiedsrichter zu beleidigen. Er wettert darüber, wie sehr sein Sohn benachteiligt wird. Seine Flüche werden sogar von drohenden Fäusten begleitet. Wenn man das sieht, versteht man, dass sich alles in die falsche Richtung entwickelt hat.

Als ich klein war, standen beim Fußballtraining keine Eltern am Spielfeldrand. Und es kamen auch nur wenige, wenn es Punktspiele gab. Es ist viel darüber diskutiert worden, dass Kinder in immer jüngerem Alter gegeneinander antreten. Man hat in vielen Fällen versucht, die sich aus hartem Wettbewerb ergebenden Probleme zu lösen, indem man Konkurrenzsituationen ganz abschaffte. Das ist aus meiner Sicht die falsche Taktik. Die logische (und auch stillere) Lösung wäre, die Eltern vom Platz zu verbannen. Viele Kinder konkurrieren gerne miteinander, und wenn die Eltern nicht dabei sind, können sie meist problemlos damit umgehen. Heute wollen Eltern aber ihren Nachwuchs während des Trainings nicht allein am Sportplatz zurücklassen. Sie stellen sich vor, der Trainer könnte pädophil sein. Aus demselben Grund können Kinder auch nicht allein zum Training laufen. Oder überhaupt irgendwohin. Deshalb werden sie hierhin und dorthin gefahren, damit keiner kommt und sie entführt.

Außerdem sagen viele selbst ernannte Experten, dass es gut für die Bindung sei, wenn die Eltern den Kindern bei jedem Wind und Wetter beim Ballspielen zuschauen. Darum applaudieren wir, wenn die Kinder ihre Tennisbälle ins Netz hauen, und lauschen kritiklos falsch singenden Chören, in denen niemand jemals unter Druck steht, üben zu müssen. Wir stellen als Eltern keine Anforderungen mehr, denn wir sind stattdessen die Freunde unserer Kinder geworden.

Die Eltern mit dem Bade ausschütten

Heute belächeln Eltern mittleren Alters – eine Generation, der ich selbst angehöre – gern das Ideal des weichen Mannes aus den 1970er-Jahren. Dabei sollten wir uns klarmachen, wie stark uns diese Zeit bis heute geprägt und verändert hat. Denn es gibt wohl kaum eine Generation, die das Wissen ihrer eigenen Eltern im Hinblick auf Erziehungsfragen so offensichtlich mit dem Bade ausgeschüttet hat. Es scheint sich dabei übrigens um ein ziemlich internationales Phänomen zu handeln. Nach dem Aufruhr in Paris 1968 und der Hippiegeneration sah die Welt eben ganz anders aus. Was ja auch gar nicht so merkwürdig ist. Ich werde an anderer Stelle noch auf das Buch Ist Erziehung sinnlos? von Judith Rich Harris zurückkommen.8 Sie beschreibt, wie wir von Gleichaltrigen beeinflusst werden. Sie haben einen viel größeren Einfluss auf uns als unsere Eltern. Im Jahre 1968 haben die Genossen in der Tat eine ganze Kultur verändert. Diese Generation bestimmte die Agenda darüber, was man von diesem und jenem halten sollte, wenn man ein gebildeter, intellektueller Mensch der westlichen Welt sein wollte. Nichts hat diese kulturelle Veränderung von damals wieder rückgängig machen können.

Die Vorstellung, dass alle gleich sind, samt einer idealisierten Respektlosigkeit allen Autoritäten gegenüber, bewirkte, dass Disziplin als etwas Schreckliches betrachtet wurde. Diese Einstellung hat sich in der ganzen Gesellschaft verbreitet, vor allem innerhalb der Schulwelt. Im März 2013 schrieb der damalige Chefredakteur der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter, Hans Bergström, einen Artikel darüber, wie die schwedische Schule in den letzten 40 Jahren immer schlechter geworden ist:

»In der Schule standen die Schulleiter und Lehrer im Vordergrund. Seit 1968 wurde vor allem darauf abgezielt, ihre Autorität, ihren Status und ihre Gehälter zu verringern. In der neu entstandenen Gesellschaft sollten alle per Du sein. Es sollte keine Erwachsenenautorität mehr geben. Rektoren, die immer noch eingreifen, um für Ordnung zu sorgen, sind in den vergangenen Jahren immer häufiger von der Schulaufsichtsbehörde gerügt worden. Etwas von den Schüler zu fordern, wurde als reaktionär abgetan.«9

Diese Denkweise endet aber nicht in der Schule. Sie erlaubt nicht, dass überhaupt irgendwer autoritär auftreten darf. Nicht einmal die Eltern. Aber wie sollen wir unsere Kinder dann erziehen? Wir müssen uns selbstverständlich mit ihnen hinsetzen und über alles reden und verhandeln. Es geht nicht an, den Kindern zu sagen, dass sie machen müssen, was wir von ihnen verlangen. Und Gnade Gott den Eltern, die sich etwas gönnen, ohne das Kind daran teilhaben zu lassen. Nimmt man sich z. B. ein Stückchen Schokolade zum Kaffee, ohne dem Kind etwas anzubieten, bricht das große Chaos aus. Darauf folgen stundenlange Diskussionen darüber, warum das Kind keine Schokolade bekommen hat. Wahrscheinlich sind Alkohol und Tabak die einzigen Genussmittel, denen wir uns als Eltern noch hingeben können, ohne den Kindern etwas abgeben zu müssen. Alles andere muss gerecht geteilt werden – denn wir leben ja in einer Gesellschaft, in der alle gleich sind.