Kinder, die nicht aufgeben - Marion Kipker - E-Book

Kinder, die nicht aufgeben E-Book

Marion Kipker

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Beschreibung

"Zoff" zu Hause, Alkoholexzesse in der Familie, Arbeitslosigkeit der Eltern, Vernachlässigung, Armut, aber auch die Pubertät, Schulangst, Mobbing und gar nicht so selten körperliche und psychische Gewalt belasten viele Mädchen und Jungen in Deutschland. Ihnen fehlt alles, was zu einer gesunden Entwicklung wichtig scheint. Torkeln diese Kinder chancenlos vom ersten Tag an in den Abstieg, werden Schulversager, Drogenkonsumenten, Straffällige? Nicht unbedingt: Viele Kinder wachsen trotz aller Belastungen zu kompetenten, leistungsstarken und stabilen Persönlichkeiten heran. Fachleute sprechen dabei von Resilienz. Marion Kipker führt mit diesem Band in die Resilienzforschung ein. Zum anderen zeigt sie, wie wichtig emotionale und soziale Kompetenz bereits im Kindesalter sind. Ihr Konzept gibt Erziehern in Kindergärten und Horten aber auch Eltern Impulse, um Resilienz gezielt zu fördern.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Marion Kipker

Kinder, die nicht aufgeben. Förderung der Resilienz in der pädagogischen Praxis

© Tectum Verlag Marburg, 2008 ISBN 978-3-8288-5630-1

Bildnachweis Cover: © Tommy Windecker / photocase.de

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-9555-3 im Tectum Verlag erschienen.)

Besuchen Sie uns im Internet unter www.tectum-verlag.de

www.facebook.com/Tectum.Verlag

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kindheit im Wandel

3 Begründung und Entwicklung des Resilienzkonzepts

3.1 Begriffsbestimmung Resilienz

3.2 Exkurs: Antonovskys Modell der Salutogenese

4 Was kennzeichnet resiliente Kinder?

4.1 Resilienz als dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess

4.1.1 Der dynamische Anpassungsprozess

4.1.2 Der dynamische Entwicklungsprozess

4.2 Resilienz als eine variable Größe

4.3 Resilienz als situationsspezifische und multidimensionale Größe

5 Das Risiko- und das Schutzfaktorenkonzept

5.1 Das Risikofaktorenkonzept

5.1.1 Ansatz der epidemiologischen Risikoforschung

5.1.2 Ansatz der Entwicklungspsychopathologie

5.1.3 Spektrum der Risikofaktoren im Einzelnen

5.1.4 Vulnerabilität

5.1.5 Wirkmechanismen von Risikofaktoren

5.2 Das Schutzfaktorenkonzept

5.2.1 Bestimmung von Schutzfaktoren

5.2.2 Wirkmechanismen von Schutzfaktoren

5.3 Die Bedeutung von Risiko- und Schutzfaktoren in der Resilienzforschung

6 Studien aus dem Bereich der Risiko- und Resilienzforschung

6.1 Die Kauai-Längsschnittstudie

6.2 Die Mannheimer Risikokinderstudie

7 Zusammenfassung: Rahmenmodell von Resilienz

8 Bedeutung der Resilienzforschung für die pädagogische Praxis

8.1 Allgemeine Ziele und Strategien der Resilienzförderung

8.2 Vom Problemansatz zur Ressourcenperspektive

8.3 Ein Plädoyer für das autonome und kompetente Kind

8.4 Ansatzpunkte zur Resilienzförderung in Bildungs- und Erziehungskontexten

8.4.1 Resilienzförderung auf der individuellen Ebene

8.4.2 Resilienzförderung auf der Beziehungsebene

9 Resilienz durch emotionale Kompetenz

9.1 Die Bedeutung von emotionaler Kompetenz für Kinder

9.2 Von der Theorie zur Praxis

9.3 Trainingsprogramm in der Kindertagesstätte

9.4 Magic Circle

9.4.1 Aufbau und Ablauf der Sitzungen

9.4.2 Übungen und Spiele zu den einzelnen Förderbereichen

9.4.2.1 Kennenlern–Spiel (für Kinder jeder Altersklasse)

9.4.2.2 Aktiv zuhören

9.4.2.3 Aufeinander achten

9.4.2.4 Gefühle ausdrücken

9.4.2.5 Selbstkontrolle / Konfliktbewältigung

9.4.2.6 Suche nach Unterstützung

10 Resümee

11 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der vorliegenden Diplomarbeit liegt das Thema „Mit Struktur und Geborgenheit – Förderung der Resilienz von Kindern in Tageseinrichtungen“ zugrunde.

Das zentrale Wissenschaftsgebiet, das ich hierbei beleuchten möchte, ist die Resilienzforschung. Mein Interesse für das Thema wurde durch verschiedene Seminare während des Studiums geweckt und schließlich wurde ich durch eigene Beobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen als Mutter von zwei Kindern zur Beschäftigung mit dieser Thematik inspiriert.

Ein sehr anschauliches literarisches Beispiel für ein resilientes Kind ist die Protagonistin in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“, deren Mutter verstorben ist und deren Vater soviel unterwegs ist, dass Pippi, ein Einzelkind, fast Elternlos aufwächst. Die Folge: Sie ist eine offensichtliche Lügnerin, schwänzt regelmäßig die Schule, ist gewalttätig, sie schläft bis mittags, kommt abends nicht ins Bett, sie kann weder lesen, schreiben noch rechnen und entgeht einer Einweisung ins Heim (vgl. Burghardt 2005, S.1).

Solch ein Kind fällt auf. Ein Kind, von Anbeginn an chancenlos auf dem Weg in den scheinbar vorgezeichneten Abstieg: Schulversager, Drogenmilieu, Delinquenz, Ausgrenzung … . „Das musste ja so kommen!“ Muss?

„Bei allen Risiken die Pippi Langstrumpfs Biografie in sich birgt, verfügt sie über herausragende Eigenschaften: Sie hat Zugang zu ihren eigenen Stärken, sie verfügt über ein großes Repertoire an Bewältigungsstrategien. Sie denkt ausgesprochen positiv, hat viele Ideen wie sich Probleme lösen lassen, ist wissbegierig und fragend und zeigt viel Humor. Sie verhält sich in ihren Anliegen zielorientiert und ist unerschütterlich in ihren Selbstwirksamkeitserwartungen“ (Burghardt 2005, S.1).

Aus diesem Beispiel von Pippi Langstrumpf leitet sich für mich zum einen die Fragestellung ab, warum manche Kinder, obwohl sie hoher psychischer und oftmals auch physischer Belastung ausgesetzt sind, sich zu „gesunden“ Erwachsenen entwickeln. Und zum anderen ist zu fragen, warum andere Kinder mit ähnlicher Problematik Entwicklungsstörungen aufweisen, die im späteren Leben dauerhafte Schäden verursachen können. Und noch weiter gefragt: Was muss heutige Erziehung und insbesondere professionelle Erziehung bedenken, wenn sie die Kinder im Umgang mit den vielfältigen Risiken der modernen Lebenswelten stärken wollen? Wie sollen Konzepte, besonders für die Kinder in der Elementarpädagogik aussehen?

Diese Arbeit versucht eine Antwort auf die Fragen zu geben. Ich beschreibe nach der Einleitung zunächst, ausgehend von einer soziologischen Perspektive, kurz die Bedingungen des Aufwachsens - mit ihren Chancen und Gefahren. Seit einigen Jahrzehnten unterliegt unsere Gesellschaft einem Transformationsprozess hin zur Postmoderne, der mit zahlreichen kontextuellen, strukturellen und familialen Veränderungen sowie einer zunehmenden sozialen Komplexität verbunden ist. Keupp (1996, S.130) beschreibt das Aufwachsen in der Postmoderne unter dem Aspekt „riskanter werdender Chancen“. Aus der pädagogischen Perspektive scheint diese Ambivalenz möglicher Chancen verbunden mit erhöhten Risiken wichtige Hinweise für die Förderung von Kindern in riskanten Lebenslagen zu geben.

Daran anschließend gehe ich auf die Begründung und Entwicklung des Resilienzkonzepts ein. Das zunehmende Interesse an einer positiven, gesunden Entwicklung trotz risikoreicher und belastender Lebensumstände führte aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zu einem Forschungszweig, der in jüngster Zeit unter dem Begriff „Resilienz“ das Phänomen genauer betrachtet. In diesem Zusammenhang lenke ich den Blick auf den Gesundheitswissenschaftler Aaron Antonovsky (1997), der mit dem Konzept der Salutogenese einen personenzentrierten Ansatz zur Erklärung individueller Unterschiede im Gesundheitszustand von Menschen entwickelt hat. An die Stelle der traditionellen Frage „Was lässt die Menschen krank werden?“ rückt die viel entscheidendere salutogenetische Frage „Was lässt den Menschen gesund bleiben?“ Durch gemeinsame Grundannahmen können sich die Resilienzforschung und die Salutogenese ergänzen.

Das nächste Kapitel widme ich den beiden zentralen Konzepten, die mit der Resilienzforschung stark verbunden sind. Das ist zum einen das Risikofaktorenkonzept, das von der epidemiologischen Risikoforschung und der Entwicklungspsychopathologie näher untersucht wird. Zum anderen handelt es sich hierbei um das Schutzfaktorenkonzept. Ich werde sie in ihren Inhalten und Grundannahmen eingehender vorstellen und dabei berücksichtigen, wie sie in ihren unterschiedlichen Bedingungen zusammenwirken.

Im Folgenden werden die zwei bedeutendsten Forschungsergebnisse zur Resilienz dargestellt, die eindrucksvoll belegen, welche Faktoren und Prozesse Kindern und Jugendlichen auch in riskanten Lebenslagen helfen, zu stabilen Persönlichkeiten heranzuwachsen. Das ist zum einen die Kauai-Längsschnittstudie von Emmy E. Werner und zum anderen die Mannheimer Risikokinderstudie von Manfred Laucht, Günter Esser und Martin H. Schmidt.

Im nächsten Kapitel sind die bisher beschriebenen Erkenntnisse der Resilienzforschung in einem Rahmenmodell zusammengefasst.

Nachfolgend gehe ich der Frage nach, welche Bedeutung die Resilienzforschung für die pädagogische Praxis darstellt und wie vorschulische Lern- und Lebenswelten gestaltet sein können, um die Resilienz von Kindern zu fördern.

Weiterhin soll auf die enge Verknüpfung von Resilienz und emotionaler Kompetenz hingewiesen werden. Nicht erst seit dem Bestseller „Emotionale Intelligenz“ von Goleman (1995) wird die Forderung nach emotionaler Erziehung und fürsorglichen Gemeinschaften bedeutsamer. Sie sind für die Gestaltung pädagogischer Lern- und Lebenswelten unabdingbar, angesichts der vielfältigen Risiken sogar unverzichtbar.

Im anschließenden Kapitel untersuche ich, welche Möglichkeiten pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten haben, um auf die Entwicklung von emotionaler und sozialer Kompetenz bei Kindern positiv einzuwirken. Strukturierte Trainingsprogramme, die die emotionale und soziale Kompetenz jüngerer Kinder gezielt und intensiv fördern, sind im deutschsprachigen Raum bislang nicht entwickelt worden (vgl. Petermann & Wiedebusch 2003, S.178 f.). Ich möchte jedoch exemplarisch einige Übungen zur Förderung von emotionaler und sozialer Kompetenz vorstellen, die ich in Anlehnung an die Grundidee des „Magic Circle“ entwickelt habe. Mein Konzept kann als Basis für die Entwicklung von Resilienzfördermaßnahmen dienen und entscheidende Anhaltspunkte für curriculare Konzepte liefern.

Dem letzten Kapitel schließt sich das „Resümee“ an, das wichtige Inhalte zusammenfasst, die eigene Meinung sowie diskutable Aspekte aufgreift.

Um das Lesen zu erleichtern und den Sprachfluss zu gewährleisten habe ich in dieser Arbeit die Formulierung der Sozialpädagogischen Fachkraft angewendet.

2 Kindheit im Wandel

Mit dem Fortschreiten des Zeitalters der Informations- und Kommunikationstechnologie vollzieht die Gesellschaft mit enormer und ständig wachsender Geschwindigkeit einen Wandel, der das Individuum in allen Lebensbereichen, in persönlichen, familiären sowie beruflichen, vor neue Aufgaben und Herausforderungen stellt. In der wegweisenden Studie „Risikogesellschaft – auf dem Weg in eine andere Moderne“ von Ulrich Beck (2001) werden die sich damit verändernden Risiken in der Gesellschaft beschrieben. Auch Familien mit ihren Kindern sind von diesen Veränderungen und neuen Herausforderungen betroffen. Beck (2001, S.163) gibt hierzu einen Überblick: „Noch in den sechziger Jahren besaßen Familie, Ehe und Beruf als Bündelung von Lebensplänen, Lebenslagen und Biographien weitgehend Verbindlichkeit. Inzwischen sind in allen Bezugspunkten Wahlmöglichkeiten und –zwänge aufgebrochen.“. Veränderungen und Umbrüche in vielen Lebensbereichen kennzeichnen die gesellschaftliche Situation. Dieser Wandlungsprozess kann als ein Ergebnis eines langfristig stattfindenden Individualisierungsprozesses aufgefasst werden. Individualisierung bedeutet einerseits einen Gewinn an vorher unbekannten Handlungsspielräumen, erweiterten Freiheiten, Wahlmöglichkeiten der Mobilität und Gewinn an individuellen Entscheidungsfreiheiten. Alte Abhängigkeiten und Zwänge verlieren an Einfluss. Andererseits bedeutet Individualisierung einen Verlust an Sicherheit und Handlungswissen. Der Mensch kann sich immer weniger an traditionellen Familien- und Berufsmodellen orientieren und muss individuelle Entscheidungen treffen, die Ängste erzeugen können (vgl. Peukert 2002, S.316). Ein besonders beachtliches Beispiel dafür sind die familiären Lebensformen. Dies zeigt ein Blick auf eine zweifellos noch unvollständige Liste der verschiedenen Lebensformen. Die vierköpfige Familie ist längst in eine Minderheit geraten. Dagegen gibt es eine wachsende Anzahl von Stieffamilien, Adoptivfamilien, Patchworkfamilien, Inseminationsfamilien, es gibt die Ehen mit Doppelkarriere, die Commuter-Ehe, egalitäre Ehen, Hausmänner-Ehen, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, transkulturelle Familien und die Migrantenfamilien.

Die Welt, in die die Kinder heute hineinwachsen, verliert an Eindeutigkeit und Klarheit. Auch den Erwachsenen fällt es zunehmend schwer, die Kompetenzen zu benennen und zu fördern, die zur Lebenssicherheit erforderlich sind. Die wachsende Fülle von Erlebnis- und Erfahrungsbezügen lassen sich in kein Gesamtbild mehr fassen (vgl. Keupp 1996, S.132 f.).

Klaus Hurrelmann (1990, S.59) beschreibt diese Erfahrungen so:

„Die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen ist heute ebenso wie die von Erwachsenen in der sozialen Lebenswelt durch eine eigentümliche Spannung gekennzeichnet: Einerseits sind auch schon für Kinder und Jugendliche die Freiheitsgrade für die Gestaltung der eigenen individuellen Lebensweise sehr hoch. Andererseits werden diese ‚Individualisierungschancen‘ erkauft durch die Lockerung von sozialen und kulturellen Bedingungen. Der Weg in die moderne Gesellschaft ist so gesehen auch ein Weg in eine zunehmende soziale und kulturelle Ungewissheit, in moralische und wertemäßige Widersprüchlichkeit und in eine erhebliche Zukunftsunsicherheit. Deswegen bringen die heutigen Lebensbedingungen auch so viele neue Formen von Belastung mit sich, Risiken des Leidens, des Unbehagens und der Unruhe, die teilweise die Bewältigungskapazität von Kindern und Jugendlichen überfordern“.

Die Einbettung des Individuums in Zusammenhänge traditioneller Gemeinschaften schrumpft und geht mit dem Verlust von Geborgenheit und Gemeinschaftsempfinden einher. Diese Veränderungen führen dazu, dass Kinder stärker als in früheren Zeiten, immer mehr mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden.

Die Folgen zeigen sich für die Heranwachsenden häufig im Verlust psychosozialer Schonräume und einer von immer mehr Kindern erlebten Einsamkeit und „seelischen Verarmung“ (Peterander & Opp 1996, S.17) inmitten medialer Reizüberflutung.

Die 15. Shell-Jugendstudie „Jugend 2006“, die am 21.09.2006 von Klaus Hurrelmann, dem Leiter des wissenschaftlichen Teams, in Berlin vorgestellt wurde, bestätigt die beschriebenen gesellschaftlichen Risiken und zeichnet das Bild einer heranwachsenden Generation, die zwischen Leistungswillen und Zukunftsangst steht. Durch die Zunahme kultureller und sozialer Spannungsfelder sowie einer ständig wachsenden Zahl junger Menschen, die von Armut betroffen sind und gleichzeitig hohe gesellschaftliche Erwartungen an Leistung und Qualifikationen erleben, wächst der Druck auf Jugendliche, die diesen Diskrepanzen nicht einmal durch Ehrgeiz oder Fleiß entgehen können (vgl. Heinzelmann 2006, S.11). Zusätzlich ist zu erwarten, dass drohende Arbeitslosigkeit, eingeschränkte Bildungschancen und schlechte Wohnverhältnisse sich weiterhin negativ auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten Heranwachsender auswirken werden (vgl. www.shell.com 22.09.06, S.1).

Die Shell-Jugendstudie basiert auf der Befragung von über 2500 Jugendlichen und befasst sich detailliert mit den Perspektiven, den Werten und Befindlichkeiten der 15 bis 25-Jährigen. Die Ergebnisse der Studie stellen deutlich heraus, dass sich die Jugend im Jahr 2006 nach Harmonie, Geborgenheit, Sicherheit, Bildung und Erfolg sehnt und zugleich tief verunsichert ist, ob sich die Wünsche überhaupt erfüllen lassen. Zwei Drittel der jungen Menschen fürchten sich vor Armut und sozialem Abstieg. Mehr als zwei Drittel befürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder keine Beschäftigung zu finden. Das Erwachsenwerden sehen die Heranwachsenden nicht nur als wilde Zeit, sondern vielmehr als Risiko und befürchten, an den zukünftigen Herausforderungen zu scheitern. Die Zuversicht hat sich im Vergleich zur vorangegangenen Shell Jugendstudie 2002 verdüstert und in weiten Teilen der Jugend wächst die Unruhe (vgl. Heinzelmann 2006, S.11).

Besondere Bedeutung für die vorliegende Arbeit erzielen die Befunde zu der wachsenden Gruppe von Jugendlichen mit psychischen und sozialen Problemen.

In einem Interview mit der „ZEIT“ berichtet Hurrelmann: „Gut zehn Prozent der Jugendlichen verlassen die Hauptschule gar ohne Abschluss, neun Prozent haben ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern; Fehlernährung, Nikotinkonsum, mangelnde körperliche Bewegung und eine extrem schädliche Mediennutzung kumulieren in dieser Gruppe“ (Gaschke 2006, S.9). Der hohe Druck führt zu vermehrten gesundheitlichen Problemen, erklärt Hurrelmann: „Mädchen reagieren darauf mit depressiven Verstimmungen und psychosomatischen Störungen, Jungen versuchen den Druck aggressiv nach außen loszuwer-den“ (Gaschke 2006, S.9). Hurrelmann weist darauf hin, dass es etwa 15 Prozent überforderte Elternhäuser gibt. Er zählt darunter nicht nur bildungs- oder sozialschwache Haushalte, sondern ebenso Familien, die die „notwendige Mischung aus liebevoller Zuwendung und notwendiger Distanz“ nicht aufbringen (Kahlweit 2006, S.2). Dennoch sieht er eine Überforderung im engen Zusammenhang mit mangelnder Bildung und materieller Armut und erklärt: „Armut macht die Menschen unsouverän, Väter verlieren ihre Rolle, Mütter ihre Gelassenheit, es entsteht eine Atmosphäre der Haltlosigkeit, oft kommen Alkoholprobleme hinzu, und die Kinder wachsen an der Grenze der Verwahrlosung auf“ (Gaschke 2006, S.9). Natürlich gibt es Jugendliche, die sich auf wundersame Weise selbst auch aus den schwierigsten Verhältnissen retten, „aber auf 10 bis 15 Prozent müsse man die Zahl der schwer belasteten jungen Leute – darunter deutlich mehr Jungen als Mädchen – durchaus schätzen, Tendenz steigend“ (Gaschke 2006, S.9). Angesichts der relativ schlechten Wirtschaftslage weist Hurrelmann darauf hin, dass ökonomisch schwache Eltern mitunter problematische Erzieher sind (vgl. Gaschke 2006, S.9) und dass die soziale Herkunft wesentlich über Verhaltensweisen und Einstellungen der Jugendlichen entscheidet. ‚Ein benachteiligtes Elternhaus produziert benachteiligte Kinder‘, zitieren die Westfälischen Nachrichten Hurrelmann (Averdunk 2006, S.4).

Traditionellerweise haben in wissenschaftlichen Studien vor allem die weniger erfolgreichen Entwicklungen von Kindern Aufmerksamkeit erfahren. Dies erklärt sich wohl durch die zunehmenden Belastungen, denen Kinder in der heutigen Zeit ausgesetzt sind. So gingen bisher Wissenschaft und Politik demnach eher der Fragestellung nach, mit welchen Mitteln und Fördermaßnahmen Beeinträchtigungen und Defizite reduziert oder verhindert werden können. Diese Risikoperspektive ist zunächst mit der Erwartung negativer Konsequenzen für die Entwicklung der Kinder verknüpft. Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch ein Perspektivenwechsel ab. Dies zeigt sich z. B. in Thesen von Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München, herausgegeben von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Darin betont Fthenakis (2005, S.2): „Von Bildung und Erziehung wird es abhängen, ob die heranwachsende Generation den Ansprüchen, Herausforderungen und Belastungen gewachsen ist, mit denen sie konfrontiert werden wird“. Hervorgehoben wird in seinen Ausführungen dabei nicht mehr die notwendigen Interventionen auf bereits eingetretene Veränderungen, vielmehr müsse der Fokus auf die Förderung von übergreifenden Kompetenzen und Fähigkeiten und auf die Bewältigung zukünftiger, teilweise noch gar nicht absehbarer, Entwicklungen ausgerichtet werden. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die Beobachtung, dass sich gegenüber erhöhten Belastungen keine Gefährdung der kindlichen Entwicklung in großen Maßstab abzeichnet. Fthenakis (2005, S.5) resümiert: „Erstaunlich ist vielmehr die große Zahl von eher unauffälligen bis hin zu eindeutig positiven Entwicklungsverläufen innerhalb einer Alterskohorte, also von Kindern mit jeweils gleichen oder doch weitestgehend ähnlichen Rahmenbedingungen“. Dieses Phänomen hat in jüngerer Zeit das Interesse zahlreicher Forscher aus verschiedenen Fachdisziplinen, z. B. der Entwicklungspsychologie, Heil- und Sonderpädagogik, Gesundheitspsychologie und Epidemiologie, geweckt und hat zur Ausbildung eines neuen Forschungsfeldes, der Resilienzforschung geführt. Folgende Fragen stehen dabei u. a. im Vordergrund: Warum scheitert das eine Kind und das andere nicht? Wie gehen Kinder mit Belastungen um? Welche Besonderheiten zeigen erfolgreiche Kinder in ihren Bewältigungsmustern? Welche Rolle spielen Bezugspersonen, die Familie oder auch die Institution Kindertageseinrichtung (vgl. Wustmann 2004, S.14)?

Mit dieser neuen Sichtweise wird nach Bedingungen und Faktoren gesucht, die sich positiv auswirken, damit Kinder selbst unter teilweise schwierigen Lebensbedingungen eine integrierte Persönlichkeit herausbilden und eine gelungene Biografie entfalten können (vgl. Merten 2004, S.421).

Die Bestimmung genau dieser Faktoren ist für die pädagogische Praxis von größter Bedeutung, da sie mit ihrer Identifizierung den Ansatzpunkt für eine zielgenaue primäre Prävention gibt. In diesem Kontext erhält die vorschulische Erziehung eine größere Aufmerksamkeit und deren Bedeutung eine schwerere Gewichtung.

Nachfolgend soll das Konzept der Resilienz in seiner Entwicklung und Begriffsbestimmung vorgestellt werden.

3 Begründung und Entwicklung des Resilienzkonzepts