Kinder, Kinder ...! (Wissen & Leben) - Josef Eduard Kirchner - E-Book

Kinder, Kinder ...! (Wissen & Leben) E-Book

Josef Eduard Kirchner

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Beschreibung

Ein Titel aus der Reihe Wissen & Leben, herausgegeben von Wulf Bertram, Aus Kindern werden Leute - Vom ersten Schrei über Kindergarten und Einschulung bis zum Auszug und darüber hinaus – Eltern durchleben vieles mit ihren Kindern, freuen sich über ihre Fortschritte, liegen nachts sorgenvoll wach und verzweifeln von Zeit zu Zeit fast an der großen Aufgabe Erziehung. Der Kölner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Josef Eduard Kirchner zeichnet in diesem Buch die Entwicklung der Persönlichkeit von der Geburt bis zum Eintritt in das Erwachsenenalter nach. Fachkompetent, unterhaltsam und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen diskutiert er, was Kinder brauchen, wie Erziehung gelingen kann und wo Eltern ihre Erwartungen oft zu hoch schrauben. Dabei beleuchtet er auch die erwachende Sexualität der Jugendlichen und die Zeit der Pubertät – "wenn Eltern schwierig werden". Dem erfahrenen Facharzt ist es ein Anliegen, die polarisierende Kategorisierung in gesund oder krank aufzuheben. Er zeigt, wie schmal der Grat zwischen dem ganz alltäglichen Irrsinn unserer immer komplexer werdenden Gegenwart und einer ernstzunehmenden psychischen Störung oft ist. Dabei zeigt er auch die häufigsten Symptome von Störungen des seelischen Gleichgewichts bei Kindern und Jugendlichen auf und stellt erprobte und erfolgreiche Behandlungsstrategien vor. Kindesentwicklung und Erziehung zwischen Alltag und seelischer Achterbahnfahrt – pointiert präsentiert von einem Autor, der sowohl Vater als auch Kinder- und Jugendpsychiater ist. Eine gelungene Synthese aus persönlicher praktischer Erfahrung und den Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung. KEYWORDS: Kinder, Jugendliche, Erziehung, Pubertät, Schule, ADHS, Lernen, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kindesentwicklung

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Josef Eduard Kirchner

Kinder, Kinder …!

Nicht unsere Kinder sind verrückt, sondern die Welt, in der sie leben

Dr. med. Josef Eduard Kirchner

Holzmarkt 20

51503 Rösrath

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Besonderer Hinweis:

In diesem Buch sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Das Werk mit allen seinen Teilen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden.

© 2014 by Schattauer GmbH, Hölderlinstraße 3, 70174 Stuttgart, Germany

E-Mail: [email protected]

Internet: www.schattauer.de

Lektorat: Ruth Becker M.A.

Umschlagabbildung: © PantherMedia/Monkeybusiness Images

ISBN für ePub 978-3-7945-6869-7

Vorwort

Ich schreibe kein Fachbuch, auch wenn es um Fachthemen geht. Dieses Buch schreibe ich für meine Patienten, meine Kolleginnen und Kollegen und alle, die sich fragen, warum in ihrem Leben etwas nicht so ist, wie es von ihrer Umgebung erwartet wird oder sie selbst es sich wünschen. Ich kann nicht alles erklären, aber ich biete Erklärungsmodelle an, die helfen können, Probleme besser zu lösen. Dies soll kein Buch in Fachchinesisch sein, sondern eine Lektüre, die dem geneigten Leser ab und zu ein Schmunzeln, aber auch manchmal ein Stirnrunzeln entlockt.

Der Untertitel des Buchs erinnert an einen Film, der Anfang der 70er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die bürgerliche Moral erschütterte: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Gedreht hat diesen Film Rosa von Praunheim, der damit ein Erdbeben in der gesellschaftlichen Moral auslöste und später eine erheblich liberalere Einstellung der Gesellschaft zur Homosexualität erreichte.

In meinem Buch geht es nicht in erster Linie um Moral, sondern um Normerwartungen, die teilweise in die gesellschaftliche Moral hineinspielen. Mit diesen Normerwartungen habe ich in meiner täglichen Arbeit zu kämpfen, um meinen Patienten Wege aus Krisen zu ermöglichen. Ich wage nicht zu hoffen, dass dieses Buch ein Erdbeben auslöst, wäre aber froh, wenn es einige Vorurteile ins Wanken bringt.

Rösrath, im Februar 2014

Josef Eduard Kirchner

Inhalt

Einleitung

ILeben ist ...

Leben ist Vielfalt und Anpassung

Leben ist Verständigung und Miteinander

Leben ist Entwicklung und Weitergabe

IIMens sana in corpore sano

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper

IIIEin Weg voller spannender Aufgaben

Von Anfang an mitten im LebenSchwangerschaft und Babyalter – zwischen Abhängigkeit, Bindung und erster Autonomie

Eigene SchritteDer Weg ins Leben – zwischen Motivation und Möglichkeiten

Das Tauschgeschäft wird komplizierterGrenzen – zwischen den Stühlen von Ego und allen anderen

„Die Guten ins Töpfchen …“Schuljahre – sortiert nach Spreu und Weizen

Alles nur SpießerSozialisation – zwischen Widerstand und der Frage nach Moral

„Liebe ist nur ein Wort!“Sexualität – zwischen Trieb und Schmetterlingen im Bauch

Gender MainstreamGeschlechterrolle – zwischen Etikette, Emanzipation und Eigenheiten

Wenn es endlich gefunkt hatPartnerschaft – zwischen Treue, Respekt und weiterem Funkenflug

Das Ende des Weges„Denn gedenke, Mensch: aus Staub bist du gemacht und zu Staub wirst du zurückkehren!“

IVDas seelische Gleichgewicht

Der feine Unterschied zwischen Erwartung und Wirklichkeit

VAbseits der Erwartungen – „Normvarianten“

Abseits des Weges: Eine persönliche Reise

Abseits der Norm: „Du bist schlau, aber faul!“

Abseits der Gruppe: Felsen in der Brandung

Abseits der Realität: „Ich sehe was, was du nicht siehst“

VIVon unerfüllbaren Erwartungen

Was uns bewegt: Keine Angst! Fehler sind menschlich!

Was uns zu fest hält: Perfekt und nett, aber depressiv

Was uns aufhält: Essstörung – die letzte Bastion des Widerstands

Was uns in den Abgrund treibt: Wenn Macht, Sex und Gewalt beherrschen

VIIDas Märchen vom Einheitsmenschen

Du sollst eine stolze, aggressive Egoistin werden, aber keine arrogante, gewalttätige Ausbeuterin!

DIN-Normen für Menschen gibt es nicht!

Danksagung und Literaturhinweise

Sachverzeichnis

Einleitung

Womit beginnen? Über Vieles zerbrechen wir uns im Leben den Kopf. Was sind unsere Ziele? Wie sieht der Weg dorthin aus? Oft finden wir für Probleme keine Lösung oder erreichen unser Ziel nicht. Wir fühlen uns dann gescheitert. Aber haben wir uns vielleicht ein Ziel gesteckt, das unerreichbar ist?

In unserer Zivilisation gibt es zu viele gesellschaftliche Normerwartungen, aber zu selten wird die Frage gestellt, ob diese Normerwartungen unseren Möglichkeiten oder unserer Natur entsprechen. Glaube soll Berge versetzen und unser Wille das Unmögliche möglich machen. Was aber, wenn dies alles alt überlieferte Irrtümer und Legenden sind?

Gibt es eine höhere Gerechtigkeit, oder ist unser Leben einfach sinnlos? Sind wir die Flaschenpost, die von den Wogen des Schicksals mal hier, mal da an einen Strand gespült wird? Oder sind wir doch ein stolzes Segelschiff und müssen lernen, Wind und Strömung zu nutzen und das Ruder endlich selbst in die Hände zu nehmen? Auf in die Wanten und setzt die Segel! Es gibt sie noch, die neuen Ufer, und wir sind auf dem Weg dahin.

Wie auch immer dieser Weg aussieht, um eine Reise geht es immer. Sie führt nicht zu fernen Kontinenten, Religionen oder Philosophien. Sie führt zu uns selbst, findet in uns selber statt.

Die Reise zu uns selbst ist nicht ungefährlich. Wir können uns in uns selbst verirren. Wir befürchten, an unseren inneren Riffs, unseren Ecken und Kanten zu zerschellen. Ein Sturm könnte in uns entfacht werden, der vielleicht alles mit sich fortreißt und die Bretter unseres stolzen Schiffes, das unsere Welt bedeutet, zerbersten lässt. In was für Untiefen können wir geraten? Und wie kommen wir aus ihnen heraus? Als Kinder haben wir von Baron Münchhausen gehört, der behauptete, sich selbst mitsamt Pferd an den eigenen Haaren aus einem Sumpf herausgezogen zu haben. Doch später haben wir herausgefunden, dass man sich so allenfalls eine Glatze beschert, sich aber nicht retten kann.

Wir können nicht darauf hoffen, gegen die Gesetze der Natur ein Wunder zu erleben. Wie aber sehen die Regeln der Natur aus? Welche gelten für uns, den Menschen? Was bewegt uns? Was treibt uns an? Und wo sind wir der Natur in uns genauso unterworfen wie das Segelschiff dem Sturm? Wir können dagegen ankämpfen und eventuell untergehen. Oder wir suchen uns lieber einen sicheren Hafen.

Wir lieben unsere Eltern, unsere Kinder, unsere Freundinnen und Freunde und unsere Beziehungspartnerin bzw. den -partner. Aber wie kommt es, dass wir sie manchmal auch regelrecht hassen können? Wenn ein Nachbar, zwei Straßen weiter, nachts um zwei seine Stereoanlage noch immer auf volle Lautstärke gedreht hat, ärgern wir uns und rufen letztendlich die Polizei, die für Ruhe und Ordnung sorgt. Wenn uns aber eine Person, die uns sehr nahe steht und uns wichtig ist, enttäuscht, können wir Mordlust empfinden, obwohl es vielleicht nur um eine kleine Enttäuschung geht.

Wir müssen uns von dem Mythos verabschieden, vor einigen tausend Jahren von einer Gottheit erschaffen worden zu sein, die uns gottähnlich gemacht hat. Wir sind Teil der Evolution, die vor etwa vier Milliarden Jahren begann und bis heute fortschreitet. Deshalb sind unsere Gene heute 3,75 Milliarden Jahre in der Evolution zurückzuverfolgen. Also in die frühesten Anfänge des Lebens.

Auch wissen wir, dass unsere Wesensarten und Charaktereigenschaften uns zum Teil angeboren sind und nicht allein durch Erziehung und Umwelteinflüsse bestimmt werden. Wir müssen uns damit abfinden, dass Mechanismen unseres Gefühlslebens durch die Sinnhaftigkeiten der Evolution entstanden sind. Aggressionen und Tötungswünsche dienten über Milliarden von Jahren dazu, unser Überleben zu sichern. Wenige zehntausend Jahre Zivilisation haben sie so schnell nicht auslöschen können. Bis heute sorgen sie bei uns für Wünsche, Strebungen und Fantasien, die in keiner Weise zum Grundsatz der Gewaltfreiheit passen. Diese Gefühle können wir nicht kontrollieren, kontrollieren können und müssen wir nur unser Handeln.

In der psychologischen Fachliteratur wird heutzutage die Frage ernsthaft diskutiert, ob wir überhaupt noch von Entscheidungsfreiheit in unserem Leben ausgehen können. Viele Entscheidungen sollen von Vernunft geleitet sein, sind aber bei näherem Hinsehen mehr aus der Intuition oder aus einer Stimmung heraus getroffen worden. Natürlich können und müssen wir entscheiden, was wir tun und was wir lassen. Wir können aber nicht entscheiden, was wir fühlen.

Bereits Sigmund Freud hat diesen Umstand als innerpersonellen Konflikt zwischen Es und Über-Ich beschrieben, der durch die bewusste Instanz des „Ich“ abgewogen und entschieden wird. Diese Vereinfachung ist tatsächlich hilfreich in der Betrachtung der Neurosenentstehung und ihrer Heilung. Eine Neurose ist eine sinnvolle Reaktion, da sie zur Entlastung und Stabilisierung führt. Sie ist aber nur die zweitbeste Lösung unserer Probleme. Deshalb können wir die Neurose erst verlieren, wenn wir eine bessere Problemlösung gefunden haben.

Heute gibt es in der systemischen Therapielehre den Begriff des „Indexpatienten“. Das bedeutet, in einem neurotischen System reagiert ein Gruppenmitglied mit Symptombildung, um allen zu helfen, eine ungesunde Situation aufrechtzuerhalten. Hier beginnt die Suche nach dem „funktionalen Äquivalent“ im System. Es wird also die Frage gestellt, warum das Symptom des Indexpatienten für das Gesamtsystem sinnvoll ist. In weiteren Schritten wird nach Wegen gesucht, die Strategien des Systems zu verbessern, um so das Symptom überflüssig zu machen. An diesem Punkt verstehen wir, warum die simple Symptombeseitigung keine Lösung ist, sondern nur zu einer neuen anderen Symptombildung bei dem Indexpatienten oder einem anderen Systemteilnehmer führt.

Ich möchte in diesem Buch darauf eingehen, wie nicht nur die einzelnen Entwicklungsphasen unserer Kinder und Jugendlichen, sondern unser ganzes Leben in einem Zusammenhang zu diesen Regeln steht. Ich komme dabei auch auf einige der Besonderheiten allzu menschlicher Symptombildung zurück, mit denen wir mehr oder weniger hilfreich versuchen, uns an die vielfältigen Schwierigkeiten anzupassen, die entstehen, wenn natürliche Möglichkeiten sich nicht mit den Erwartungen und Normen unserer Gesellschaft decken.

Dabei bewege ich mich auf dem Glatteis der Hypothesen und oft unbewiesenen Zusammenhänge. Die Medizingeschichte hat uns jedoch gelehrt, dass eine gut durchdachte, falsche Hypothese manchmal hilfreicher sein kann als eine richtige, aber nicht zielführende Vorgehensweise. Dazu möchte ich gerne ein Beispiel geben.

Robert Koch, der Entdecker des Tuberkelbazillus, war Zeitgenosse von Max Pettenkofer, einem sogenannten „Humoralmediziner“. Aus der Medizingeschichte wissen wir, dass beide ganz unterschiedliche Erklärungsmodelle für die Krankheitsentstehung der Cholera hatten, die zu der damaligen Zeit ein riesiges Problem für die Volksgesundheit in München darstellte. Koch behauptete, die Krankheit werde durch unsichtbare kleine Organismen übertragen und ausgelöst. Er forschte nach dem ansteckenden Mikroorganismus und hoffte, mit dessen Vernichtung die Krankheit zu besiegen. Pettenkofer dagegen behauptete, der Grund für die Verseuchung der Städte mit Cholera sei auf den fürchterlichen Gestank von Kot, Urin und Abfall zurückzuführen, der zu dieser Zeit durch die fehlende Kanalisation und Müllabfuhr bestand, da die Gossen voller Exkremente und Unrat waren. Seine Lösungsidee des Problems bestand darin, den Unrat und damit den Gestank zu beseitigen.

Der Streit gipfelte angeblich darin, dass Pettenkofer eines Tages nach einer hitzigen Diskussion eine lebende Kultur von Choleraerregern verschlang, um Koch seinen Irrtum zu beweisen. Und tatsächlich erkrankte Pettenkofer, der wohl ein sehr stabiles Immunsystem hatte, nicht an Cholera, was als Beweis seiner Theorie angesehen wurde. Pettenkofer gewann den Streit und setzte sich gegen Koch durch. In Folge dessen sorgte man in München dafür, dass der Unrat von der Straße verschwand, eine Kanalisation sowie eine saubere Trinkwasserversorgung aufgebaut wurden und die Bürger nicht mehr den vermeintlich krankmachenden Gestank einatmen mussten. Und tatsächlich! Die Erkrankungsraten an Cholera sanken dramatisch. Alles schien Pettenkofer Recht und Koch Unrecht zu geben.

Heute wissen wir, Koch hatte durchaus Recht. Mikroorganismen sind Verursacher der Cholera ebenso wie von Tuberkulose. Sie sind aber besonders gefährlich für Menschen, die durch schlechte hygienische Bedingungen und Unterernährung gesundheitlich instabil sind. Die Anderen sind zwar mit den Erregern infiziert, erkranken meist aber nicht. Wir erleben heutzutage aber auch die Ohnmacht der Antibiotika gegen die Erreger und sehen immer mehr den Zusammenhang zwischen stabilem Immunsystem und Erkrankungsrisiko. So lässt sich das Geschehen in München durch die reine Verbesserung der Umweltbedingungen erklären und soll veranschaulichen, wie erfolgreich es sein kann, eine falsche Hypothese zur Grundlage des Handelns zu machen. Eine richtige Theorie zu verfolgen, die auf Dauer in die Erfolglosigkeit führt, kann mehr schaden als nutzen.

Ich will mit diesem kleinen Ausflug in die Geschichte nicht sagen, meine dargestellten Hypothesen seien grundsätzlich falsch, nur dass sie es sein könnten. Vielmehr ist es im Grunde aber gleichgültig, ob sie richtig oder falsch sind, solange sie zu einer Verbesserung der Gesamtsituation führen. Die Verbesserung ist mein Anliegen und nicht die Aufstellung akademischer Theorien, die wissenschaftlich wertvoll sein mögen, aber in den meisten Fällen für unser alltägliches Leben irrelevant sind.

Dazu gebe ich einen kleinen Einblick in die Fragen, die sich im Alltag eines Kinder- und Jugendpsychiaters ergeben. Und da wären wir auch schon beim ersten Widerspruch: Denn einerseits habe ich als Kassenarzt nur dann das Recht, Patienten zu behandeln, wenn sie eine ernst zu nehmende Krankheit haben. Andererseits aber werde ich versuchen, Ihnen als Leser zu vermitteln, warum unsere Kinder eben nicht verrückt sind, wenn sie von einem „Seelenklempner“ behandelt werden. Sie sind nicht verrückt oder krank, und dennoch brauchen sie in einer sehr verletzlichen Phase ihres Lebens fachärztliche Hilfe.

Ein Beispiel dazu ist die Legasthenie. Sie besagt nichts weiter als eine Schwäche im Bereich Lesen und Schreiben bei durchschnittlicher Intelligenz. Diagnostiziert wird sie durch anerkannte Verfahren zur Erfassung von eben dieser Intelligenz und von einer dabei nicht altersgemäßen Lese- und Rechtschreibfähigkeit, die zeigt, dass über 90% der Altersgenossen es besser können. Dann erst darf die Diagnose gestellt werden.

Ist Legasthenie eine fachärztlich zu behandelnde Diagnose? Nein. Aufgabe von uns Fachärzten ist nicht, die Schwäche im Lesen und Schreiben zu behandeln. Das wäre Schulleistungsförderung zu Lasten des Gesundheitswesens. Und dennoch haben wir viele Patienten mit dieser Diagnose in unserer Behandlung, wenn auch nicht zum aktiven Training des Lesens und Schreibens. Es gibt eine Statistik, die aufzeigt, dass 25% aller Legastheniker in der Pubertät kriminell werden. Da packt einen das Grausen und so muss das Problem unter einem ganz neuen, anderen Gesichtspunkt gesehen werden als nur dem Lesen und Schreiben. Es geht hier um die Frage der Sozialprognose. Zu verhindern, dass die Entwicklung eines von Legasthenie betroffenen Kindes so unglücklich verläuft, dass es durch eine sekundäre Neurotisierung, also eine Reaktionsbildung, zu deutlichem seelischem Leiden und einer Katastrophe in eben dieser Sozialprognose kommt, ist für uns eine zentrale Herausforderung.

Dazu aber stellt sich die Preisfrage: Wieso werden Legastheniker denn häufiger kriminell als die Anderen? Werden Legasthenie und Kriminalität auf demselben Chromosom codiert? Eine Antwort darauf haben wir bisher nicht, uns bleiben nur gut überlegte Hypothesen: Wenn Kinder seit Beginn ihrer Schullaufbahn jeden Tag mit Nachdruck hören, sie müssten sich doch nur etwas mehr Mühe geben und fleißig Lesen üben, damit es endlich besser wird, sie sollten sich endlich mal ein bisschen mehr anstrengen, denn sie seien ja nicht dumm, dann versuchen diese Kinder es Jahr für Jahr. Aber der Erfolg bleibt dennoch aus, da die Schwäche nicht wegzureden ist. Und entweder werden sie depressiv (weibliche Variante) oder aggressiv-dissozial (männliche Variante). Manchmal, aber selten, gibt es auch die gegengeschlechtliche Reaktion. Die Prognose ist bei beiden Entwicklungen schlecht, denn irgendwann dümpeln diese jungen Menschen wegen chronischen Misserfolges zwischen Depression, Alkohol, Drogen und daraus zu oft resultierender Kriminalität durch den Arbeitsalltag.

Wer unbedingt will, könnte diesen Versuch auch mit einem Hund machen (frei nach Pawlow). Sie kaufen sich einen lieben kleinen Bernhardiner. Wenn er sich Mühe gibt, etwas richtig zu machen, es aber nicht funktioniert, treten Sie ihn in den Hintern und schimpfen laut. Messen Sie bitte, wie lange es dauert, bis er Sie beißt.

Natürlich ist das nur ein Gedankenexperiment. Was können die armen Bernhardiner dafür, dass viele Legastheniker sich in unserer Gesellschaft tagtäglich fühlen müssen wie ein geprügelter Hund.

Was können wir also tun? Die Arie aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ mag hier ein wenig tröstlich sein: „Das Schreiben und das Lesen ist nie mein Fach gewesen. Doch Borstenvieh und Schweinespeck, das ist mein Lebenszweck.“ Natürlich ist das nur ein Anschauungsbeispiel und nicht wirklich zielführend. Aber der Gedanke dahinter ist: Es reicht nicht, nur ein Symptom zu bekämpfen. Wir müssen den Gesamtzusammenhang sehen. Natürlich wäre es hilfreich, die Lese- und Rechtschreibfähigkeit dauerhaft zu verbessern. Gleichzeitig müssen aber noch andere Dinge geklärt werden, wie die Frage, inwieweit die Legasthenie durch eine Konzentrationsschwäche mit bedingt ist (was sehr häufig der Fall ist) und wie der Plan B der Familie für eine gute Zukunft ihres Kindes aussieht, wenn die Legasthenie nicht beseitigt werden kann. Wie können Legastheniker unterstützt werden und wo finden sie Beratung, beispielsweise zur Berufswahl? – Denn dass sich ihr künftiger Beruf besser nicht ausschließlich um Schriftsprache drehen sollte wie der eines Lektors im Verlag ist wohl logisch.

Worauf die Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abzielt, ist anhand dieses kleinen Beispiels schon etwas klarer geworden. Für den Fall, dass ein Weg nicht zum Ziel führt, müssen Erfolge in anderen Bereichen möglich sein. Erfolg ist schließlich nicht das Erreichen einer bestimmten Leistungsmarke, sondern das Übertreffen der Umgebungserwartung. Also sollte die Umgebungserwartung gesenkt werden, um Erfolg zu ermöglichen und so die Sozialprognose zu verbessern.

Um diese Hypothese zu unterstützen, möchte ich gerne noch von Kindern berichten, die wir so gut wie gar nicht in unserer Behandlung sehen. Ich selber habe keinen einzigen Patienten mit Trisomie 21 in Therapie und höre auch von Kollegen praktisch nichts davon. Im Volksmund werden diese Patienten als „Downies“, „Mongos“ oder „Mongolchen“ bezeichnet. Lange Zeit habe ich mich gefragt, wieso diese Mitmenschen so fröhlich und unbeschwert leben können. Schließlich leiden sie an deutlicher Intelligenzminderung und zuweilen an lebensbegrenzenden Herzschäden. Ob sie jemals ohne fremde Unterstützung leben können, ist sehr fraglich. Trotzdem sind wir hingerissen, wenn Bobby Bradlow mit freundlichem Lächeln seinen Text in die Kamera spricht.

Ist bei Menschen mit Trisomie 21 ein Fröhlichkeitsgen mehr zu finden als bei uns? Irgendwann werden wir auch das erfahren. Bis dahin ist meine Erklärung eine ganz andere: Wenn nicht schon eine Fruchtwasserpunktion die Diagnose geklärt hat, sehen Mutter und Vater bereits im Moment der Geburt, dass ihr Kind anders ist als die statistische Mehrheit. Es wird sie bei stabiler Beziehung näher zusammenbringen in dem Bemühen, ihrem Kind eine gute Zukunft zu geben. Und so beginnt nach dem Kreißsaal die Erfolgsgeschichte der Trisomie 21. Jeder noch so kleine Fortschritt des Sprösslings wird mit dem Kommentar begleitet: „Toll, was Du jetzt schon wieder geschafft hast.“ Wenn die Kinder sich mit vielleicht acht Jahren das erste Mal selbständig die Hände waschen oder die Zähne putzen, steht die ganze Familie applaudierend auf der Matte und freut sich, dass ihr Kind anfängt, erwachsen zu werden. Kinder mit Trisomie 21 erleben sich immer in der Erfolgsspur. Deshalb haben sie auch so ein stabiles Selbstwertgefühl und so viel Lebensfreude.

Wir sollten uns einmal klar machen, was diese Kinder uns allen ungewollt sagen und auch für all die anderen jungen Artgenossen mitteilen können!

Und so habe ich viele weitere Hypothesen …

I Leben ist ...

Leben ist Vielfalt und Anpassung

Es gibt viele Lebewesen und viele Formen des Lebens, von Pflanzen über Millionen von Tierarten bis hin zum Menschen. In der Ökologie beschwören wir diese Artenvielfalt gerne als oberstes Ideal. Aber was ist mit der Art an sich?

Ist jede Pflanze gleich, jeder Affe und so auch jeder Mensch? Natürlich nicht, würden alle von uns schreien. Jeder Mensch ist einzigartig!

Und doch reden wir von Anpassung. Die Anpassung an die Gemeinschaft, an ein größeres soziales System ist das Überlebensprinzip aller Säugetiere, zu denen nun mal auch der Mensch gehört. Wir leben mit- und lernen voneinander, geben dieses Wissen an die nächste Generation weiter und passen uns dabei immer wieder neu an die verschiedenen Rollen einer hochentwickelten Gemeinschaft an. Man kann auch sagen: Wir fügen uns in ein großes Ganzes ein.

Doch steht diese Anpassung nicht im deutlichen Widerspruch zur Einzigartigkeit, zur Vielfalt? Sollten wir Menschen vielleicht besser alle gleich sein, gleich fühlen, gleich denken und gleich handeln? Oft verlangen wir dies voneinander auf der Suche nach größtmöglicher Vorhersehbarkeit der Reaktionen untereinander. – Nur … es funktioniert nicht!

Die Evolution ist nicht wegzudenken und sie belehrt uns eines Anderen. Unsere Welt ist nicht statisch, sondern sie verändert sich ständig. Dabei haben manche Dinge weit länger Bestand als andere. Und so gibt es auch bei der Anpassung langfristige und kurzfristige Wege.

Wir sind als Menschen an die Umweltbedingungen der Erde genauso gut angepasst wie beispielsweise die kleine Fruchtfliege, die im Sommer um unsere Obstkörbe fliegt. Unsere Gene sind zu 60% identisch mit ihren, einfach nur, weil wir die gleiche Welt bewohnen. Bei der Labormaus finden wir schon 90% genetische Übereinstimmung, da wir mit ihr als kleinem Säugetier auch die Fortpflanzungsart und die Grundstruktur eines sozialen Systems teilen. Verwundert es da, dass wir uns beim Menschenaffen in einer genetischen Übereinstimmung von 99% bewegen? Sie sind uns unglaublich ähnlich. Zum Glück gehören die langen Arme dazu, ohne die wir in unserer künstlichen Welt ziemlich hilflos wären. Und dennoch! Wir können unsere Hände viel freier und effektiver benutzen, da wir aufrecht gehen und nicht auf allen vieren. 1% genetischer Unterschied und ein bedeutender, bezogen auf die Evolutionszeit mittelfristiger Anpassungsunterschied, der unsere Art von unseren direkten Vorfahren unterscheidet!

Was aber ist mit unserer Art selber? Wie hat sie sich entwickelt und wird es weiterhin tun, und das alles in diesem geringen genetischen Grenzbereich zu denen, die noch auf den Bäumen sitzen?

Eines ist sicher: Wir müssen uns von dem selbst eingeredeten Mythos verabschieden, vor einigen tausend Jahren von einer Gottheit erschaffen worden zu sein, die uns gottähnlich und damit unveränderlich gemacht hat. Wir sind Teil der Evolution, die vor etwa vier Milliarden Jahren begann, bis heute fortschreitet und auch morgen noch weitergehen wird.

Die genetische Ähnlichkeit der Arten auf dieser Welt, die doch nach außen so vielfältig scheinen, sie belegt das grundsätzliche Überlebensprinzip in der Anpassung an die Umweltbedingungen. Das ist das, worin auch jeder Mensch mit dem anderen gleich ist, und es macht einen sehr großen Teil unseres Daseins aus. Ich kann mir vier Milliarden Jahre Evolution ehrlich gesagt nicht wirklich als Zeitraum vorstellen. Seit ungefähr vier Millionen Jahren soll es menschen- ähnliches Leben geben. Vor ungefähr 40000 Jahren konnte von beginnender Zivilisation geredet werden. Und die ganze Zeit über galt dieses Überlebensprinzip, das Darwin treffend als „survival of the fittest“ benannte: die am besten an die Umgebung Angepassten überleben.

Unsere Wesensarten und Charaktereigenschaften sind uns zu einem großen Teil angeboren und nicht allein durch Erziehung und Umwelteinflüsse bestimmt. Wir müssen uns damit abfinden, dass Mechanismen unseres Gefühlslebens – und dementsprechend auch unseres Verhaltens – durch die Sinnhaftigkeiten der Evolution entstanden. Über einen langen Zeitraum der Evolution galt dabei: Wer als erster zuschlug überlebte, wer als zweiter zuschlug wurde Teil der Nahrungskette. Unsere Vorfahren waren seit Milliarden Jahren die besten Killer. Sonst wären wir heute nicht hier.

Die Evolution hat uns mit mörderischen Impulsen, Aggressionen, Urinstinkten und Urängsten ausgestattet. Sie sind in uns und gleichen denen unserer tierischen Vorfahren noch immer zu fast 100%. Aber eben nur zu fast 100%. Der andere, kleinere Teil unseres Erbguts macht unsere Einzigartigkeit aus, die Vielfalt, die einerseits den Menschen von den Tieren unterscheidet und andererseits auch die Menschen untereinander. Durch ihn werden von jedem Individuum immer wieder neue Impulse zu noch besserer und noch strategischerer Anpassung an eben die Veränderungen in unserem Leben geleistet, die alltäglicher und damit kurzfristiger sind. Das ist der eigentliche Motor der Evolution, denn was in der Welt jetzt und heute zum Leben und Überleben gut ist, wird weitergegeben und kann irgendwann, wie der aufrechte Gang, in die Genetik einfließen.

Für uns aber heißt das, wir bewegen uns auf dem dauerhaft schmalen Grat zwischen genetischen Anlagen aus uralten Zeiten, biologisch vorgegebenen Reaktionen und dem doch unaufhaltsamen Drängen nach Individualität und ganz eigenen, neuen Möglichkeiten, um in einer sich ständig wandelnden Welt immer wieder möglichst erfolgreich zu bestehen.

Kurz gesagt: Wir leisten vielfältige Anpassung. Wie gut aber können wir uns an unsere eigenen Erwartungen anpassen, an die Normen, die wir uns selber als Gesellschaft auferlegen, die es im Hinblick auf die Zeit der Evolution doch erst seit einem Wimpernschlag gibt? Stellen wir uns die Frage, ob diese Normerwartungen und die damit verbundene Hoffnung auf ein vorhersehbares Miteinander unseren Möglichkeiten oder unserer Natur überhaupt entsprechen?

Es ist nun mal unsere Natur, aus der heraus wir fühlen, denken und handeln. Was aber heißt das wirklich? Wie viel Entscheidungsfreiheit haben wir überhaupt? In der psychologischen Fachliteratur wird heutzutage diese Frage ernsthaft diskutiert. Haben wir überhaupt Entscheidungsfreiheit in unserem Leben? Wir wollen möglichst von Vernunft geleitet sein. Bei näherem Hinsehen aber wird viel mehr aus der Intuition oder aus einer Stimmung heraus entschieden. Und immer sind sie dabei, die beschriebenen Gefühle, die uns beherrschen, die Aggression und Urängste und der arterhaltende Trieb. Sie sind nie zu leugnen, sicherten sie uns doch über Milliarden von Jahren unser Überleben, was wenige zehntausend Jahre Zivilisation nicht auslöschen konnten. Und so sorgen sie bis heute bei uns bewusst und unbewusst für Wünsche, Strebungen und Fantasien, die oft in keiner Weise zu den Grundsätzen unserer Gesellschaft, zu Moral, Anstand und Gewaltfreiheit passen. Es erschreckt uns vielleicht, es verstört uns oder wir kämpfen mehr oder weniger dagegen an. Und doch! Wir können nicht entscheiden, was wir fühlen. Wir können und müssen nur entscheiden, was wir tun und was wir lassen. Oder anders ausgedrückt: Die Gefühle können wir nicht kontrollieren, kontrollieren können und müssen wir nur unser Handeln.

Es gilt, das Raubtier in uns zu zähmen. Es ist bis heute nicht ausgestorben. Aber es hat sich verändert und immer wieder angepasst. Hätten wir nicht auch, nach dem Prinzip des „fressen statt gefressen werden“, begonnen, Fleisch zu essen, wären wir nicht so intelligent geworden und hätten nie die Zeit gefunden, Räder, Speere, Pfeil und Bogen und vieles andere zu erfinden. Es mag sein, dass das für unsere Welt besser gewesen wäre, aber es ist so, wie es ist. Immerhin sind wir heute so weit, dass wir im Großen und Ganzen die absichtliche Tötung eines Artgenossen durch einen anderen Artgenossen als Ausnahme erleben. Sonst wäre es keine Schlagzeile wert, wenn mal wieder ein Mord begangen wurde.

Aber wie passen wir uns weiter an? Wie schaffen wir eine gesunde Entwicklung zwischen all diesen oft widersprüchlichen inneren und äußeren Strömungen? Was ist gesund, was ist krank und was ist bloß der Versuch eines möglichst guten Zurechtkommens?

Für unsere Kinder und Jugendlichen benennen wir seit vielen Jahren sogenannte Entwicklungsaufgaben, die nichts anderes aussagen als eben die beschriebene große Anpassungsleistung, die nötig ist, um mit so schnellen Veränderungen wie in den ersten zwanzig Jahren des menschlichen Lebens fertig zu werden. Es geht um Bindung, Motorik, Sprache, sozialen Kontaktaufbau, Kulturtechniken, Einhaltung von Regeln, sexuelle Entwicklung und Autonomie.

Es gibt ungezählt viele individuelle und für jeden einzigartige Wege, die sich aus dieser Anpassungsleistung entwickeln. Noch weit mehr als bei Erwachsenen führt dieser Weg bei Jugendlichen zu einem individuellen Kampf mit all den angeborenen Gefühlen und Instinkten sowie ihrem Widerspruch zu den Erwartungen, die die Erwachsenen und die Gesellschaft an sie stellen. Dieser Kampf kann aufreiben und den Weg verändern. Er kann auch Schaden anrichten, vor allem wenn das Verständnis und damit der Halt fehlen.

Welchen Halt aber kann die Gesellschaft geben? Wo erwarten wir Unerreichbares, sowohl bei uns Erwachsenen, als auch erst recht bei diesen jungen Menschen? Wie viel Verständnis bringen wir auf für unser eigenes Wesen mit allen damit verbundenen Eigenschaften, mit denen wir leben lernen müssen?

Unsere Kinder zeigen uns das Generation für Generation von Neuem. Wir sind alle gleich viel wert, wir haben die gleichen Ursprünge und die gleichen Urinstinkte, mit denen wir oft zu kämpfen haben. Aber wir sind nicht gleich! Jeder von uns macht einen einzigartigen, individuellen Weg der Anpassung an die Umstände durch, die sich kurzfristig in seinem eigenen Leben ergeben.

Je eher wir uns mit diesen Tatsachen unserer Existenz abfinden, desto größer ist unsere Chance auf seelische Gesundheit. Wie sagen wir Kölner?

„Jeder Jeck ist anders und jeder andere ist jeck.“

Leben ist Verständigung und Miteinander

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Damit reiht er sich an höchster Stelle in ein Erfolgskonzept der Evolution ein, das besagt: Nicht immer überlebt der Stärkste, sondern derjenige mit der meisten Unterstützung.

Soziale Systeme helfen dem Einzelnen, mehr zu erreichen, als er alleine schaffen könnte. Eine Herde schützt sich durch Tarnung in der Masse. Ein Rudel kann gemeinsam ein stärkeres Tier erlegen. Eine Familie kann generationsübergreifend Erfahrung weitergeben und gemeinsam die Nachkommen behüten.

Soziales Miteinander setzt dabei eines immer voraus: eine Form der Verständigung! Viele Säugetierarten, die dem Prinzip des sozialen Systems besonders oft folgen, haben eine mehr oder weniger ausgeprägte Sprache. Dabei kommt es jedoch weniger auf die hörbaren Laute an, sondern um ein Vielfaches mehr auf die Körpersprache, auf bestimmte Verhaltensweisen und ganz besonders auf Duft- und Botenstoffe, die nur für die jeweils eigene Art wirksam sind.

Und wieder sind wir bei der Genetik, die auch uns Menschen ausmacht. Wie kommunizieren wir? Ist wirklich unsere zugegeben ausgereifte Sprache alles, was für einen Austausch miteinander ausreicht, vielleicht begleitet von noch ein bisschen Gestik und Mimik?

So wichtig Sprache ist, sie ist natürlich nicht alles, was wir für ein gelungenes Miteinander brauchen! Geboren in eine Welt voller fühlender Artgenossen, die emotional gesteuert reagieren und handeln, müssen wir Menschen von Geburt an unsere emotionale Umgebung wahrnehmen und die Umgebungsgefühle erfassen, um uns sicher darin bewegen zu können. Dies geschieht intuitiv und ist der wichtigste Lernprozess für eine gute soziale Integration.

Was wir dazu aber brauchen ist Beziehung. Erst durch den intensiven Kontakt mit Menschen, die emotional zugewandt sind, kann ein Kind an den Gefühlen, die es geboten bekommt, für sich selbst diese erkennen und steuern lernen.

Die ersten Blickwechsel zwischen Neugeborenen und ihren Kontaktpersonen sind bereits komplizierte und inhaltsreiche Momente. Lächelt die Mutter ihr Baby an, lächelt es ab einem Alter von ungefähr zwei Monaten meistens reflexartig zurück. Wenn das Baby schreit, spüren seine Eltern die Angst und Verzweiflung dahinter. Sie wollen dann alles tun, um ihr Kind wieder zufriedenzustellen und spiegeln, wenn es dem Kind wieder gut geht, durch ihre eigene Zufriedenheit darüber dieses Gefühl auch dem Baby. Im Idealfall lernen Eltern und Kinder schon vom ersten Moment an, wie wichtig gute Beziehungen zueinander sind und wie gut es tut, seinem Kind Sicherheit und Geborgenheit geben zu können. Die Grundlage für das sogenannte Urvertrauen ist gegeben.

Friedrich II. ließ im Mittelalter ein grausames Experiment mit Neugeborenen durchführen. Er wollte wissen, ob Kinder, die ohne Sprache aufwachsen, irgendwann von selbst in der Sprache Gottes, also Hebräisch, sprechen würden. Eine große Anzahl Neugeborener wurde zu diesem Zweck in ein gemeinsames Zimmer eingeschlossen und von Ammen versorgt. Die Ammen durften aber nicht mit den Kindern reden oder sich ihnen zuwenden, sondern mussten sich auf die Ernährung und Körperpflege beschränken. Innerhalb weniger Wochen starben alle Kinder. Nicht allein die fehlende Sprache, sondern die fehlende Beziehung war das Problem. Ohne sie können Menschen nicht leben.

Wie aber bauen wir Beziehungen untereinander auf? Die besondere Beziehung von Müttern und Vätern zu ihren Kindern ist in den meisten Fällen instinktiv gegeben. Sie folgt dem arterhaltenden Schema der Familiengründung, wobei die Natur unterstützt, indem bestimmte Reflexe auf kindliches Verhalten genetisch festgelegt wurden und wir – im wahrsten Sinne des Wortes – zudem unsere Nachkommen gut riechen können. Die Duftstoffe, die menschliche Neugeborene ausströmen, sind für alle Erwachsenen angenehm, für die Mutter aber extrem anziehend.

Auch bei der Suche nach einem geeigneten Partner geht es um ein gutes Näschen. Die Hirnforschung der letzten Jahre ist hier zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen. Wir wissen heute, dass es eigentlich keine Liebe auf den ersten Blick gibt, wohl aber Liebe auf den ersten Geruchskontakt. Unsere Nasen sind in der Lage uns innerhalb einer Minute mehr Informationen über unser Gegenüber zu liefern als ein fünfseitiger Lebenslauf. Nur merken wir bewusst nichts davon. Jeder Mensch hat eine eigene Duftwolke, die über seine Abstammung, seinen Hormonstatus und sogar über seine Erkrankungen Auskunft gibt. Hunde haben einen so ausgeprägten Geruchssinn, dass sie Brustkrebserkrankungen durch den Geruch einer Frau erkennen können. Frauen signalisieren auch durch bestimmte Duftstoffe (Pheromone) wann sie ihren Eisprung haben und einem Sexualkontakt eher zugeneigt sind. Männer haben je nach Ausprägung ihrer Männlichkeit auch bestimmte Düfte, die das Gegenüber nicht bewusst wahrnimmt, die aber im Unbewussten Reaktionen auslösen können. Innerhalb weniger Sekunden ist unsere Nase so in der Lage ist, zu entscheiden, ob das Gegenüber ein potenzieller Sexualpartner sein könnte.

Es stellt sich dabei jedoch die Frage, ob sich deswegen nicht die hormonelle Schwangerschaftsverhütung als Risiko für die falsche Partnerwahl erweist. Denn einerseits wird dabei der Eisprung mit der dazugehörigen Geruchsveränderung unterdrückt, wobei zusätzlich die eigene Libido geschwächt wird, und andererseits ist mittlerweile nachgewiesen, dass die Pille das Geruchsvermögen der Frau für die männlichen Pheromone, also Sexualduftstoffe, vermindert. Kommt es vielleicht heutzutage auch deshalb häufiger zu einer falschen Partnerwahl und sind die Trennungsraten deshalb so hoch? Aber das ist jetzt wirklich wilde Spekulation.

In letzter Zeit können auch „Duft-Botenstoffe“ im Internet bezogen werden, um die eigene Geruchsaura zu optimieren. Ob diese Versuche erfolgreich sind, wird sich noch zeigen müssen.

Sicher ist jedoch, wie stark wir in unserem Miteinander vom Einfluss der Duftstoffe abhängig sind, ähnlich unseren tierischen Verwandten. Einen interessanten Versuch hat es dazu mit männlichen Studenten gegeben. Sie bekamen eine Vielzahl von Frauenfotos vorgelegt, die sie nach der Frage der höheren oder niedrigeren Attraktivität sortierten. Dieselben Fotos legte man denselben Studenten einige Zeit später wieder vor und ließ sie wieder nach mehr oder weniger empfundener Attraktivität sortieren. Die Studenten wussten nicht, dass diejenigen Fotos, die vorher unter die Rubrik „weniger attraktive Frauen“ sortiert worden waren, jetzt mit einem Pheromon betupft waren, welches bei Frauen während der Eisprungzeit auf der Haut nachweisbar ist. Nun kehrte sich das Bild völlig um. Unattraktive Frauen, die nach Eisprung rochen, was nicht bewusst wahrgenommen werden konnte, waren jetzt die attraktiveren.

Ähnliche Versuche wurden auch mit Studentinnen und Männerfotos mit und ohne männliche Pheromone gemacht. Hierbei stellte man fest, dass bei Frauen jedoch anders als bei Männern weniger die Duftstoffe, sondern mehr die Phase ihres eigenen Zyklus darüber entschied, welche Männer sie attraktiver als andere fanden. Hierzu gibt es einige weitergehende interessante Studien. In einer davon wurden Studentinnen Männerfotos vorgelegt und die Probandinnen sollten sich die möglichen Partner anhand der Fotos aussuchen. Das Ergebnis war zwiespältig. Außerhalb der Eisprungzeit war der „Nestbau-Typ“ gefragt. So einer, der gerne Norwegerpullis zu Birkenstocks trägt und mit dem man bei Brennesseltee im Sonnenuntergang über die Schwarzkehlchen in der Wahner Heide oder über die Bedrohung der Hufnasenfledermaus durch die neue Elbbrücke reden kann. Zur Eisprungzeit wechselt die Vorliebe: Jetzt soll ein Mann maskulin sein, erfolgreich aussehen und Durchsetzungsfähigkeit am Rande der Rücksichtslosigkeit ausstrahlen. Eher Männer vom Schlage Sean Connery, Bruce Willis, George Clooney, Richard Gere sind jetzt gefragt. Dieser Versuch wurde mit den Studentinnen mehrfach wiederholt und es zeigte sich immer die gleiche Tendenz. Die Vorlieben der Studentinnen wechselten, je nachdem ob sie zum Zeitpunkt des Experiments ihren Eisprung hatten oder nicht.

Die Hirnforscher wissen schon lange, dass die Neurotransmitter (Botenstoffe im Gehirn zur Reizübermittlung zwischen Nervenzellen) direkt oder als Stoffwechselprodukt im Blut nachweisbar sind. Jede Veränderung der Gefühlslage zieht auch eine Veränderung im Zusammenspiel eben dieser Neurotransmitter und Hormone nach sich. So gibt es tägliche Zyklen, monatliche Zyklen und Jahreszyklen mit deutlicher Abhängigkeit von der Sonneneinstrahlung.

Bei Frauen deutlicher noch als bei Männern, führen Veränderungen in den Sexualhormonen auch zu erheblichen Stimmungsveränderungen. In den USA erkannte ein Gericht in einem Mordfall das prämenstruelle Syndrom (PMS) sogar als mildernden Umstand an.

Ein Gefühl des Frischverliebtseins erzeugt bei Frau und Mann eine stürmische Veränderung in den Neurotransmittern und Hormonen, die von einer akuten Psychose biochemisch oder hirnelektrisch nicht zu unterscheiden ist.

Und wieder einmal müssen wir leider bei allen Ergebnissen davon ausgehen, weit mehr von Instinkten als vom Verstand gesteuert zu werden. Wie viel mehr Genetik, wie viel Evolution steckt dann erst in dem großen sozialen Thema, dem Miteinander und Gegeneinander der Geschlechter und der Fortpflanzung?

In den 1970er Jahren war die Frage eines genetischen Geschlechterunterschieds ein großes Thema. Alle Psychotherapeuten gingen damals davon aus, Menschen seien gleich geboren und würden nur durch ihre Erziehung die Geschlechterrollen annehmen.

In der Fachliteratur aus jenen Jahren finden wir dann auch die „neurotogene Mutter“, die „autistogene Mutter“ sowie die „schizophrenogene Mutter“, also Beschreibungen von Mutterbeziehungen, die Neurosen, Autismus und Schizophrenie erzeugt haben sollen. Bereits viel früher hatte auch Freud hierüber geschrieben. Seiner Überzeugung nach werde Homosexualität durch eine dominante Mutter und einen schwachen Vater verursacht. Diese Theorien werden heute zumindest in Frage gestellt oder verworfen.

Ende der 1980er Jahre begann die Diskussion, ob es vielleicht doch erblich bedingte Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Verhaltensmustern gebe. Es entwickelte sich ein gesellschaftlicher Konsens, es gebe wohl doch typisch weibliche und männliche Verhaltensmuster, die sich nicht einfach mit althergebrachten Konventionen und Erziehungsstilen erklären lassen. Schließlich entstand ein eigener Literaturzweig, der sich mit den Geschlechterunterschieden im Alltag befasst. Bücher wie: „Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus“ oder „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken können“ wurden in Millionenauflagen gelesen. Wir haben begriffen, dass die Verhaltensmuster mehr oder weniger geschlechtsgebunden sind und Erziehung nur einen Teil der Persönlichkeitsentwicklung ausmacht.

Und so kommen wir wieder auf das Thema der Gene zurück. 27