Kinderärztin Dr. Martens 62 – Arztroman - Britta Frey - E-Book

Kinderärztin Dr. Martens 62 – Arztroman E-Book

Britta Frey

5,0

Beschreibung

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann... "So beeil dich doch, und klüngle nicht so lange mit dem Essen herum, Wiebke", fuhr Klara Sosna das kleine Mädchen an, das unlustig in dem Essen auf seinem Teller herumstocherte. "Schmeckt nicht, Tante Klara, Wiebke möchte keinen Spinat", erwiderte die Kleine und schob den Teller von sich. "Der Teller wird leergegessen und damit basta, hast du mich verstanden? Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt, und du stehst auch nicht eher auf." "Ja, Tante Klara", kam es nun leise über die Lippen des Mädchens, und seine Augen bekamen einen ängstlichen Ausdruck. Klara Sosna war eine hagere fünf­zig­jährige Frau mit graumeliertem, zu einem straffen Knoten frisierten Haar. Seit vor vier Jahren Wiebkes Mutter bei der Geburt des Kindes gestorben war, lebte sie in dem kleinen Häuschen des Neffen in Wintorf und versorgte ihn und sein Kind. Klara Sosna aber war eine harte, gefühlsarme Frau, der es nur darum ging, das Kind zu versorgen und zu kleiden, den Neffen und dessen Haushalt zu betreuen und für diese Dienstleistungen, wie sie es nannte, auch noch gut bezahlt zu werden. Heiko Recker selbst kümmerte sich nicht um sein Kind, ein niedliches Pummelchen mit blonden Ringel­locken. Er lehnte die Kleine völlig ab, richtete es auch nach vier Jahren immer so ein, daß er sie so wenig wie möglich zu sehen bekam. Mit dem Tag, an dem seine über alles geliebte Frau Rosemarie bei Wiebkes Geburt gestorben war, war für ihn eine Welt zerbrochen. Der Kleinen gab er in seinem Schmerz die Schuld an dem herben Verlust der geliebten Frau, dem Kind gegenüber war er ungerecht. Heiko Recker hatte es vor vier Jahren nicht viel Mühe gekostet, die Tante zu überreden, in sein kleines Haus zu kommen, um sein Kind zu betreuen. Für ihn war es wichtig, daß er sich nicht um sie kümmern mußte, und daß er das Kind auch nicht jeden Tag sah. Da Klara Sosna selbst nie verheiratet gewesen war und auch keine eigenen Kinder hatte, konnte oder wollte sie es nicht sehen, daß da ein Kind war, das Liebe und Zärtlichkeit brauchte, daß sich ein kleines Herz nach Zuneigung sehnte. So waren vier Jahre vergangen, und nichts hatte sich geändert. Im Gegenteil, es war eher noch schlimmer geworden.

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Kinderärztin Dr. Martens – 62 –

Geliebtes Pummelchen

Wiebkes kleines Herz weint bittere Tränen

Britta Frey

»So beeil dich doch, und klüngle nicht so lange mit dem Essen herum, Wiebke«, fuhr Klara Sosna das kleine Mädchen an, das unlustig in dem Essen auf seinem Teller herumstocherte.

»Schmeckt nicht, Tante Klara, Wiebke möchte keinen Spinat«, erwiderte die Kleine und schob den Teller von sich.

»Der Teller wird leergegessen und damit basta, hast du mich verstanden? Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt, und du stehst auch nicht eher auf.«

»Ja, Tante Klara«, kam es nun leise über die Lippen des Mädchens, und seine Augen bekamen einen ängstlichen Ausdruck.

Klara Sosna war eine hagere fünf­zig­jährige Frau mit graumeliertem, zu einem straffen Knoten frisierten Haar. Seit vor vier Jahren Wiebkes Mutter bei der Geburt des Kindes gestorben war, lebte sie in dem kleinen Häuschen des Neffen in Wintorf und versorgte ihn und sein Kind. Klara Sosna aber war eine harte, gefühlsarme Frau, der es nur darum ging, das Kind zu versorgen und zu kleiden, den Neffen und dessen Haushalt zu betreuen und für diese Dienstleistungen, wie sie es nannte, auch noch gut bezahlt zu werden.

Heiko Recker selbst kümmerte sich nicht um sein Kind, ein niedliches Pummelchen mit blonden Ringel­locken. Er lehnte die Kleine völlig ab, richtete es auch nach vier Jahren immer so ein, daß er sie so wenig wie möglich zu sehen bekam.

Mit dem Tag, an dem seine über alles geliebte Frau Rosemarie bei Wiebkes Geburt gestorben war, war für ihn eine Welt zerbrochen. Der Kleinen gab er in seinem Schmerz die Schuld an dem herben Verlust der geliebten Frau, dem Kind gegenüber war er ungerecht. Heiko Recker hatte es vor vier Jahren nicht viel Mühe gekostet, die Tante zu überreden, in sein kleines Haus zu kommen, um sein Kind zu betreuen. Für ihn war es wichtig, daß er sich nicht um sie kümmern mußte, und daß er das Kind auch nicht jeden Tag sah. Da Klara Sosna selbst nie verheiratet gewesen war und auch keine eigenen Kinder hatte, konnte oder wollte sie es nicht sehen, daß da ein Kind war, das Liebe und Zärtlichkeit brauchte, daß sich ein kleines Herz nach Zuneigung sehnte.

So waren vier Jahre vergangen, und nichts hatte sich geändert. Im Gegenteil, es war eher noch schlimmer geworden. Wenn Heiko das kleine Mädchen einmal sah, gab es ihm einen Stich ins Herz, denn die Ähnlichkeit mit Rosemarie wurde immer deutlicher. Die Wunde schmerzte noch genauso wie am ersten Tag. In seiner Ablehnung und Gleichgültigkeit bemerkte Heiko Recker nicht, wie kalt und ohne jedes Gefühl die Tante Wiebke behandelte und versorgte. Es war inzwischen sogar so, daß Wiebke für Klara Sosna ein lästiges Anhängsel war.

An diesem Tag wurde es besonders deutlich, denn fast eine ganze Stunde ließ Klara Sosna die Vierjährige in der Küche vor ihrem Teller sitzen. Als sie dann sah, daß nichts half, daß Wiebke nicht aß, sondern nur stumm auf ihren Teller starrte, riß ihr endgültig der Geduldsfaden, und sie schickte Wiebke hinauf ins Kinderzimmer.

Böse sagte sie: »Du gehst jetzt in dein Zimmer und bleibst so lange oben, bis du vernünftig geworden bist. Da macht man sich so viel Arbeit mit dir, und du weißt das überhaupt nicht zu schätzen. Geh jetzt, ich will dich nicht mehr sehen.«

Ohne die Kleine weiter zu beachten, räumte sie den Tisch ab und begann mit dem Abwasch. Sie kümmerte sich nicht darum, daß das kleine Mädchen mit gesenktem Kopf aus der Küche schlich und schon auf dem Weg nach oben zu weinen begann. Ein vierjähriges Kind, das sich in der Welt nicht mehr auskannte. Immer war die Tante Klara böse zu ihr. Die Tante hatte sie überhaupt nicht lieb. Und der Vati auch nicht.

Ganz traurig wurde das kleine Mädchen, und noch mehr Tränen kullerten über die runden Wangen. Vor lauter Weinen schlief Wiebke schließlich ein.

Als sie später wieder wach wurde, dunkelte es bereits. Sie hörte von unten die Stimmen Tante Klaras und die ihres Vatis.

Hastig eilte Wiebke zur Tür. Sie wollte hinunter zu ihrem Vati. Die Türklinke schon in der Hand, zuckte sie erschrocken zurück.

Sie durfte ja nicht hinunter. Sie mußte oben im Kinderzimmer bleiben, bis Tante Klara es ihr erlaubte, das Zimmer wieder zu verlassen. Wiebke hatte große Angst davor, daß die Tante wieder böse wurde.

Unten im Wohnzimmer unterhielt sich Heiko Recker mit seiner Tante. Das Haushaltsgeld für den neuen Monat war fällig, und außerdem mußten einige Anschaffungen für Wiebke besprochen werden. Nach einer Weile fragte er so ganz nebenbei: »Wo steckt das Mädchen überhaupt?«

»Wiebke spielt oben im Kinderzimmer, Heiko. Soll ich sie herunterholen? Es wird sowieso Zeit für das Abendbrot für sie.«

»Nein, ich muß noch einmal fort, Tante Klara, ich habe keine Zeit für das Kind. Du machst das schon.«

»Du machst dir alles sehr einfach, Heiko. Wiebke ist schließlich dein Kind. Meinst du nicht, daß es langsam Zeit wird, sich mehr um sie zu kümmern? Du machst das schon, damit allein ist es auch nicht getan. Du kannst nicht immerzu den Kopf in den Sand stecken.«

»Laß mich damit in Ruhe, Tante Klara. Ich will sie nun mal nicht sehen. Sie erinnert mich zu sehr an Rosemarie. Ich kann nicht dagegen an. Wenn es dir mit dem Kind zuviel wird, dann mußt du es mir sagen, dann muß ich eben noch eine zusätzliche Kraft einstellen.«

»So war es nicht gemeint, Heiko. Es wird mir schon nicht zuviel. Ich werde doch ganz gut mit Wiebke fertig, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich sie zu einem ordentlichen Menschen erziehe.«

»Eben, darum frage ich mich was das soll, wenn du mich damit nervst, ich müßte mich mehr um sie kümmern. Ich habe nun mal keine tiefere Beziehung zu Wiebke. Durch sie habe ich alles verloren, was mir Glück bedeutet hat. Reden wir nicht mehr davon. Ich muß jetzt auch los. Es kann spät werden. Warte also nicht auf mich.«

»Und wenn das Kind nach dir fragt? Es geschieht schließlich recht häufig.«

»Ich habe keine Zeit.«

Einen Moment später hatte Heiko Recker das Haus verlassen.

*

Oben im Kinderzimmer stand ein kleines Mädchen am Fenster, dem Tränen über die Wangen kullerten. Es hatte gerade gehört, daß der Vati fortgefahren war, und das kleine Herz war noch trauriger geworden. Sie hatte ihm noch nicht einmal guten Tag sagen können, dabei hatte sie ihn doch so lieb.

Erschrocken fuhr Wiebke herum, als hinter ihrem Rücken die Tür aufgestoßen wurde. Es war Tante Klara, die ins Zimmer kam.

Für einen Moment kamen so etwas wie Schuldgefühle in der hageren Frau hoch, als sie sah, daß der Kleinen Tränen über die Wangen rollten. Vielleicht war sie zu hart gewesen, das Kind über Stunden allein oben im Kinderzimmer zu lassen. Doch die weiche Regung dauerte nur einen Moment. Als ob sie sich des weichen Gefühls schämte, fuhr sie das Kind heftiger als gewollt an.

»Warum weinst du eigentlich, Wiebke? Du bist eine richtige Heulsuse geworden. Du weißt doch, daß ich das überhaupt nicht mag. Also, nimm dich gefälligst zusammen und hör auf. Du kommst jetzt mit mir hinunter, und ich mache dir etwas zum Abendessen.«

»Muß ich denn wieder Spinat essen?« Ängstlich sah Wiebke zu ihrer Tante hoch.

»Nein, heute nicht mehr. Möchtest du vielleicht eine Milchsuppe?«

»Ja, Tante Klara, gern«, schniefte die Kleine.

»Gut, aber nur, wenn du jetzt mit dem Weinen aufhörst. Wenn dir etwas weh tut, sag es mir.«

»Mir tut nichts weh, Tante Klara. Bin doch nur traurig, weil der Vati schon wieder fortgefahren ist. Warum hat der Vati seine Wiebke denn nicht lieb?«

»Ach was, sicher hat dich dein Vati lieb. Dein Vati hat nur keine Zeit für dich, weil er so viel arbeiten muß. Aber du verstehst das noch nicht, dafür bist du noch zu klein. Jetzt komm endlich, damit ich nicht noch mehr Zeit vertrödele.«

Eingeschüchtert durch die schrille Stimme der Tante schlich Wiebke förmlich hinter ihr die Treppe nach unten.

Mit Heißhunger aß Wiebke wenig später die Milchsuppe und dazu eine Scheibe Weißbrot, danach war sie gesättigt.

»So, und nun wird es Zeit für dich zum Schlafengehen«, sagte Klara Sosna nach dem Essen.

»Bitte, bitte, Tante Klara, ich möchte noch nicht schlafen gehen. Will noch warten bis Vati kommt.«

»Du kannst heute nicht auf den Vati warten. Er kommt heute erst ganz spät zurück. Ich helfe dir jetzt rasch, und danach wird geschlafen. Du mußt doch morgen früh wieder in den Kindergarten.«

Das kleine Mädchen wagte nicht, zu widersprechen. Aber als es dann in seinem Bett lag und Klara Sosna schon an der Tür war, fragte es zaghaft: »Warum habe ich keine Mutti, Tante Klara? Alle Kinder im Kindergarten haben eine Mutti und einen Vati. Nur ich nicht. Warum, Tante Klara?«

»Weil deine Mutti schon sehr lange oben im Himmel ist, Wiebke. Ich habe dir doch schon gesagt, daß der liebe Gott deine Mutti zu sich geholt hat, weil sie sehr krank war.«

»Und warum hat sie mich nicht mitgenommen?«

»Sei still, Kind, und stell nicht so dumme Fragen. Es ist nun mal so. Jetzt wird aber geschlafen. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Tante Klara.«

Klara Sosna löschte das Licht und zog von außen die Tür zu.

Langsam wurde es ihr lästig, immer die gleichen Fragen der Kleinen zu beantworten. Wiebke war zwar erst vier Jahre alt, aber sie war ein aufgewecktes intelligentes Kind. Ihrer Meinung nach tat sie doch alles Nötige für das Kind. Sie sorgte dafür, daß es gut zu essen hatte und immer sauber und adrett gekleidet war. Sollte sie Gefühle heucheln, die nicht vorhanden waren? Nein, Klara Sosnas Herz war kalt und gefühllos. Sie begriff einfach nicht, daß Wiebke ein Kind war, das Liebe und zärtliche Zuwendung brauchte.

*

Einige Tage lief im Häuschen von Heiko Recker alles im alten Stil weiter. Dann aber, es war an einem Mittwoch, trat ein Ereignis ein, das vieles verändern sollte.

Da Wiebke an diesem Tag nicht in den Kindergarten konnte, eine Betreuerin war plötzlich erkrankt, ließ Klara Sosna die Kleine länger schlafen. Nach dem Frühstück, es war schon zehn Uhr vorbei, fiel Klara ein, daß sie noch ein paar Besorgungen im Ort erledigen mußte.

»So, Wiebke, ich muß noch rasch einmal fort. Du bleibst brav im Haus und spielst so lange, hast du gehört?«

»Warum darf ich denn nicht mit, Tante Klara? Ich brauche doch heute nicht in den Kindergarten.«

»Ich weiß, aber ich kann dich nicht mitnehmen, ich habe es eilig. Du störst bei meinem Einkauf nur. Außerdem hast du genug Spielsachen, mit denen du dich beschäftigen kannst, bis ich zurückkomme.«

»Ich will aber nicht allein hierbleiben. Will mit.« Trotzig sah das niedliche Persönchen Klara an, die nur den Kopf schüttelte und streng sagte: »Kleine Kinder haben nichts zu wollen, verstanden?«

»Ich will aber! Immer läßt du mich allein, Tante Klara. Du bist ganz böse, ganz böse bist du.«

»Und du bist ein kleines ungezogenes Mädchen. Spiel jetzt, ich bin bald wieder zurück. Wenn du mir versprichst, ganz brav zu sein, dann bringe ich dir auch leckere Bonbons mit.«

»Ganz viele, Tante Klara?«

»Ja, ganz viele. Ich gehe dann. Du weißt ja Bescheid.«

Da es draußen schon herbstlich kühl war, zog sich Klara rasch einen Mantel über, nahm ihre Einkaufstasche und verließ das Haus.

Eine Weile spielte Wiebke mit ihrer Puppe, dann wurde es ihr wohl zu langweilig. Dem kleinen Mädchen fiel plötzlich wieder ein, daß die Tante ihr versprochen hatte, Bonbons mitzubringen. Es dachte aber auch daran, daß die Tante immer welche in ihrem Zimmer hatte. Vielleicht waren ja noch welche da. Die Gedanken an die heißgeliebten Süßigkeiten ließen die Kleine nicht mehr los. Sie ging in das große Zimmer der Tante, das neben dem Wohnzimmer lag. Heftig klopfte das Kinderherz, als sie auf dem kleinen Sekretär neben einer kleinen Schachtel rote, runde Kügelchen entdeckte. Neugierig, mit glänzenden Augen, ging Wiebke auf die verlockenden roten Kügelchen zu, und zu ihrer Freude stand dort neben den roten auch noch ein Gläschen, in dem rosarote und kleine weiße Bonbons waren. Es waren so viele, daß Tante Klara es bestimmt nicht merken würde, wenn sie einige davon naschte. Zuerst steckte die Kleine nur zwei der roten Kügelchen in den Mund. Sie schmeckten so süß wie Zucker und rasch schluckte sie sie hinunter. Es war so verlockend, daß sie auch von den anderen Farben ein paar schluckte. Als sie eines durchbiß, mußte sie sich schütteln, so bitter war es. Rasch schob sie noch zwei der roten Kügelchen in den Mund.

Als sie plötzlich jemanden an der Haustür hörte, erschrak die Kleine so heftig, daß sie sich fast verschluckte. Ihre Kinderhand umschloß noch ein paar der verlockenden rosaroten Bonbons, als sie rasch aus Tante Klaras Zimmer lief und die Tür hinter sich zuzog. Sie war gerade wieder an der Küchentür, als die Haustür aufgeschoben wurde. Es war Tante Klara, die vom Einkauf zurück war.

»Nun, Wiebke, hast du inzwischen schön gespielt?«

»Ja, ich war auch brav, ganz ehrlich, Tante Klara.«

»Fein, das freut mich. Komm mit, du darfst mir beim Auspacken zuschauen. Bonbons habe ich dir auch mitgebracht. Du bekommst sie aber erst nach dem Mittagessen. Vor dem Essen sind zu viele Süßigkeiten nicht gesund. Und bis wir zu Mittag essen, ist es auch nicht mehr lang.«

Wiebke schwieg, und einen Moment wunderte sich Klara, daß von dem Mädchen wegen der Bonbons kein Protest kam.

Mit gesenktem Kopf stand Wiebke kurz darauf neben Klara. Was bei der Kleinen Schuldbewußtsein war, etwas Verbotenes getan zu haben, war für Klara Trotz und Bockigkeit, und sie kümmerte sich einfach nicht weiter um Wiebke. Sie räumte die Einkäufe weg und begann, das Mittagessen vorzubereiten. Wiebke saß auch schon wieder in ihrer Spielecke und spielte mit ihren Puppen.

Erstaunt horchte Klara auf, als auf einmal die Haustür aufgeschlossen wurde. Nanu, dachte sie überrascht. Heiko, um diese ungewöhnliche Zeit? Einen Augenblick später betrat er die Küche.

»Du, Heiko? Wo kommst du denn her? Dich habe ich um diese Zeit am allerwenigsten erwartet. Du kommst aber gerade rechtzeitig. Noch zehn Minuten, dann ist das Mittagessen fertig.«

»Vati, Vati, Wiebke ist auch da«, kam die helle Kinderstimme aus der Spielecke. Polternd stürzte der Kinderstuhl um, so heftig sprang die Kleine hoch und taumelte ganz eigenartig auf Heiko zu. Ihm fiel sofort auf, daß mit dem Kind etwas nicht in Ordnung war. Wie eine Betrunkene taumelte die Kleine auf ihn zu. Die Augen waren unnatürlich weit geöffnet und glänzten eigenartig.

»Was ist denn mit Wiebke los, Tante Klara?« entfuhr es ihm, und er konnte die Kleine gerade noch auffangen.

»Sie war doch gerade noch ganz in Ordnung, Heiko. Ich weiß auch nicht, was auf einmal in sie gefahren ist. Es ist mir unverständlich.«

Heiko wollte gerade antworten, als sich seine Augen weiteten. Für einen Moment bekam er es mit der Angst zu tun. Er sah nämlich, daß sich Wiebkes Hand geöffnet hatte und eine rosafarbene Pille auf den Fußboden rollte.

»Was ist denn das?« entfuhr es Heiko fassungslos.

Klaras Gesicht wurde weiß wie ein Laken. Jeder Tropfen Blut wich aus ihrem Gesicht, als sie die Tablette sah.

»Oh Gott«, kam es ächzend über ihre Lippen. »Das sind ja meine Herztabletten. Wie kommt Wiebke denn daran?«

»Darüber reden wir später, Tante Klara. Hoffentlich hat sie nicht zu viele davon geschluckt. Weißt du, wie die Pillen heißen?«

»Natürlich, ich habe sie immer in meinem Zimmer.«

»Hol mir die Schachtel und eine Wolldecke. Wiebke muß sofort in eine Kinderklinik. Du ahnst ja nicht, wie gefährlich Herztabletten für Kinder sind.«

Während Klara davoneilte, um die von Heiko geforderte Wolldecke und die Tablettenschachtel zu holen, versuchte er, Wiebke, die inzwischen ohne Bewußtsein war, wieder zurückzuholen. Aber es war vergebliche Mühe.

Da kam die Tante auch schon zurück. Sie reichte ihm die Decke, in die er Wiebke sofort einwickelte, und sagte stockend: »Wiebke muß in meinem Zimmer gewesen sein, während ich zum Einkaufen war. Es fehlen auch einige von meinen anderen Herztabletten. Sie lagen alle auf meinem Sekretär. Hier, stecke alles ein, damit die Ärzte in der Kinderklinik sofort Bescheid wissen, um was für Medikamente es sich handelt.«

»Ja, ja, schon gut, aber ich muß jetzt los.«

»Schon fast an seinem Wagen, rief er ihr noch zu: »Rufe bitte sofort in der Kinderklinik an und sage Bescheid, damit man dort schon Vorbereitungen treffen kann.«

Im nächsten Augenblick hatte er die Kleine in seinem Wagen untergebracht, setzte sich hinter das Lenkrad und fuhr los.

Klara suchte in fieberhafter Eile die Telefonnummer der Kinderklinik Birkenhain heraus, um dort Bescheid zu sagen, was passiert war.

*