Kinderärztin Dr. Martens 67 – Arztroman - Britta Frey - E-Book

Kinderärztin Dr. Martens 67 – Arztroman E-Book

Britta Frey

5,0

Beschreibung

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann... Die Stimmung hätte nicht heiterer und fröhlicher sein können. Inka, die jüngere Tochter von Ute und Dr. Klaus Mettner, feierte ihren siebten Geburtstag. Sie hatte ihre besten Freunde und Freundinnen eingeladen. Es waren zwölf Mädchen und Jungen, die zusammen lachten, juchzten und Spiele spielten. Zur Feier des Tages waren auch die Eltern von Ute Mettner aus dem Rheinland angereist. Sie hatten es so eingerichtet, daß sie zwei Tage bleiben und dann weiter gen Norden fahren wollten, um an der Ostsee Urlaub zu machen. Wegen des strahlenden Sommerwetters fand die Geburtstagsfeier in dem großen Garten hinter dem Einfamilienhaus der Mettners statt. Nach der Kuchentafel war Ute Mettner auf die Idee gekommen, das Spiel "Gleich oder Ungleich" zu spielen. Dabei hielt eines der Kinder eine bestimmte Zahl von Perlen in der Hand. Die anderen mußten raten, ob es eine gerade oder eine ungerade Zahl war. Wer sich irrte, mußte ein Pfand abgeben. Auch Dr. Klaus Mettner und seine Schwiegermutter waren später unter denen, die Pfände einzulösen hatten. "Omi, du mußt ein Lied singen", bestimmte das Geburtstagskind und sah mit strahlenden Augen zu seiner Großmutter auf. Die alte Dame überlegte kurz. Gleich darauf begann sie mit klarer Stimme zu singen: "Ich bin das ganze Jahr vergnügt, im Frühling wird das Feld gepflügt. Dann steigt die Lerche hoch empor und singt ihr frohes Lied mir vor – und singt ihr frohes Lied mir vor"

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Kinderärztin Dr. Martens – 67 –

Dr. Mettners kleine Tochter

Ein Arzt hat viel zu wenig Zeit für seine Kinder

Britta Frey

Die Stimmung hätte nicht heiterer und fröhlicher sein können. Inka, die jüngere Tochter von Ute und Dr. Klaus Mettner, feierte ihren siebten Geburtstag. Sie hatte ihre besten Freunde und Freundinnen eingeladen. Es waren zwölf Mädchen und Jungen, die zusammen lachten, juchzten und Spiele spielten.

Zur Feier des Tages waren auch die Eltern von Ute Mettner aus dem Rheinland angereist. Sie hatten es so eingerichtet, daß sie zwei Tage bleiben und dann weiter gen Norden fahren wollten, um an der Ostsee Urlaub zu machen.

Wegen des strahlenden Sommerwetters fand die Geburtstagsfeier in dem großen Garten hinter dem Einfamilienhaus der Mettners statt.

Nach der Kuchentafel war Ute Mettner auf die Idee gekommen, das Spiel »Gleich oder Ungleich« zu spielen. Dabei hielt eines der Kinder eine bestimmte Zahl von Perlen in der Hand. Die anderen mußten raten, ob es eine gerade oder eine ungerade Zahl war. Wer sich irrte, mußte ein Pfand abgeben.

Auch Dr. Klaus Mettner und seine Schwiegermutter waren später unter denen, die Pfände einzulösen hatten.

»Omi, du mußt ein Lied singen«, bestimmte das Geburtstagskind und sah mit strahlenden Augen zu seiner Großmutter auf.

Die alte Dame überlegte kurz.

Gleich darauf begann sie mit klarer Stimme zu singen: »Ich bin das ganze Jahr vergnügt, im Frühling wird das Feld gepflügt. Dann steigt die Lerche hoch empor und singt ihr frohes Lied mir vor – und singt ihr frohes Lied mir vor«, wiederholte sie.

Die Kinder klatschten begeistert Beifall. Inka fiel ihrer Omi vor Freude um den Hals. »Omi, das hast du toll gemacht«, rief sie.

»Ich wußte gar nicht, daß du so schön singen kannst, Mutter«, meinte Dr. Klaus Mettner. Er war ein großer, schlanker Mann mit rötlichem Haar und Sommersprossen auf dem Gesicht, der Optimismus und Lebensfreude ausstrahlte.

»Ja, ich habe noch viele unentdeckte Qualitäten, Klaus«, erwiderte seine Schwiegermutter mit feinem Lächeln.

Ramona, die ältere Tochter der Mettners, zog den Schuh hervor, den ihr Vater als Pfand abgegeben hatte. »Papi, du mußt auf dem Kopf stehen«, bestimmte sie. Die anderen Kinder begannen laut zu lachen.

»Papi, ich helfe dir«, bot Inka ihrem Vater an.

»Vielen Dank, mein Schatzilein. Aber das schaffe ich noch ohne Hilfe«, erwiderte der Arzt. Gleich darauf machte er wirklich einen Handstand und wackelte dabei mit den Zehen seines linken Fußes, an dem der Schuh fehlte.

»Papi, es ist toll, wie du das kannst«, rief Inka und machte es ihrem Vater nach. Dabei stülpte sich ihr blaues Röckchen über ihren Kopf, und ihr blauweiß gepunktetes Hös­chen wurde sichtbar. Als sie und ihr Vater sich wieder auf die Beine stellten, hatten sie ganz rote Köpfe.

Plötzlich war vom Wohnzimmer her das Läuten des Telefons zu hören. »Das ist bestimmt wieder jemand, der mir zum Geburtstag gratulieren will«, meinte Inka und lief über den Rasen und die Terrasse ins Haus.

»Ja, hier Inka Mettner«, meldete sie sich mit ihrer hohen Kinderstimme.

»Inka, hier ist Martin Schriewers von der Kinderklinik Birkenhain«, erklärte am anderen Ende der Leitung ein Mann.

»Ich habe Sie gleich an der Stimme erkannt, Herr Schriewers«, verkündete Inka mit strahlendem Gesicht. Sie war ganz sicher, daß Martin Schriewers anrief, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.

Statt dessen fragte er jedoch: »Inka, ist dein Papi zu Hause?«

»Ja, der ist da. Wir feiern gerade meinen Geburtstag«, berichtete die Kleine aufgeregt.

»Dann gratuliere ich dir ganz herzlich, Inka. Sagst du deinem Papi bitte, daß ich ihn einmal sprechen möchte?« bat Martin Schriewers.

Inka überlegte. »Aber in die Klinik kann mein Papi heute nicht kommen. Er hat mir versprochen, daß er an meinem Geburtstag zu Hause bleibt«, erklärte sie dann.

Für einen kurzen Moment war es am anderen Ende der Leitung still. Dann meinte Martin Schriewers jedoch: »Ruf doch deinen Papi mal bitte ans Telefon, Inka.«

»Ja, das mache ich«, versprach Inka. Sie legte den Telefonhörer neben den Apparat und lief auf die Terrasse. »Papi«, rief sie so laut sie konnte.

»Ja? Was ist denn, Inka?« erkundigte sich Dr. Klaus Mettner.

»Herr Schriewers möchte dich gern sprechen«, berichtete seine Tochter.

»Herr Schriewers«, stieß Dr. Mettner hervor. Er dachte sofort daran, daß in der Kinderklinik Birkenhain etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein mußte, wenn Martin Schriewers, der in der Klinik die Stelle eines Hausmeisters innehatte und in der Aufnahme saß, ihn am Samstag nachmittag zu Hause anrief.

Dr. Mettner fiel der kleine Jörg Martin ein, der unter Bronchialasthma litt. Ein Sorgenkind war auch die siebenjährige Claudia von Boden, bei der ein Gehirntumor diagnostiziert worden war. Oder ging es vielleicht um den zehnjährigen Peter Schmidt, der mit einem Herzklappenfehler in die Kinderklinik gebracht worden war? überlegte der Arzt, während er quer über den Rasen zur Terrasse ging.

Seine kleine Tochter sah mit großen Augen zu ihm auf. »Papi, ich habe Herr Schriewers schon gesagt, daß du heute nicht in die Klinik kommen kannst. Weil wir doch heute meinen Geburtstag feiern«, erklärte sie.

Ihr Vater strich ihr kurz über das Haar und ging dann ohne ein Wort zu entgegnen ins Wohnzimmer. »Hier Mettner«, sagte er, nachdem er den Hörer aufgenommen hatte.

»Herr Doktor, es tut mir leid, daß ich Sie störe. Ihre Tochter hat mir schon gesagt, daß Sie heute Kindergeburtstag feiern. Es geht aber um einen dringenden Fall. In der Halle steht eine Frau mit ihrem Baby. Das Kind ist von Kopf bis Fuß mit einem Ausschlag bedeckt und leidet anscheinend furchtbare Schmerzen. Auch die Mutter ist ganz verzweifelt«, berichtete der Hausmeister.

»Gut, ich komme sofort«, versprach der Arzt. Er hängte den Hörer ein und ging wieder in den Garten.

Seine Frau spielte mit den Kindern inzwischen »Die Reise nach Jerusalem«. Sein Schwiegervater saß auf einem Korbstuhl, rauchte eine Pfeife und sah den Kindern zu.

Inka nahm ihren Vater an die Hand. »Papi, du sollst auch mitspielen«, bestimmte sie.

»Inka, das geht nicht. Ich muß jetzt gleich in die Klinik«, berichtete Dr. Mettner. Es fiel ihm schwer, das zu sagen. Er wußte, wie enttäuscht seine kleine Tochter sein würde.

Das strahlende Lächeln auf Inkas Gesicht erlosch. »Aber ich habe Herrn Schriewers doch erklärt, daß du nicht kommen kannst, weil wir heute meinen Geburtstag feiern«, rief sie, während sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Dr. Mettner hob sie auf seinen Arm. »Inka, ich wäre ja so gern bei euch geblieben. Aber da ist ein kleines Baby, das dringend meine Hilfe braucht. Ich verspreche dir, daß ich so bald wie möglich wiederkomme.«

»Wie bald?« erkundigte sich Inka, während sie schniefte.

»Ich nehme an, daß ich in einer Stunde wieder da bin«, erwiderte der Arzt.

»Eine Stunde ist aber soooo lang, Papi«, erwiderte die Kleine.

»Inka, du willst doch auch nicht, daß dem kleinen Baby etwas passiert. Oder…?« fragte der Arzt.

Seine Tochter schüttelte den Kopf, so daß ihre hellblonden Locken herumwirbelten.

»Na, siehst du. Und jetzt spiel schön, bis ich wiederkomme«, fuhr der Arzt fort. Er gab seiner kleinen Tochter noch einen liebevollen Kuß.

Als er sich aufrichtete, begegnete er dem Blick seiner Frau. Er las darin einen stummen Vorwurf.

»Es tut mir leid, Ute. Aber ich kann es nun einmal nicht ändern«, erklärte er.

Als seine Frau keine Antwort gab, wandte er sich um und ging mit schnellem Schritt weg. Zehn Minuten später erreichte er die Kinderklinik Birkenhain.

Er trat durch das hohe schmiedeeiserne Tor in den großen Klinikpark. Zwischen Kiefern und hohen Birken lag das dreistöckige Klinikgebäude.

Wer nicht wußte, daß es sich um ein Kinderkrankenhaus handelte, mußte es für ein Schlößchen halten. Mit seinen zwei anmutigen Giebeltürmen, der breiten Freitreppe und den vielen Fenstern strahlte das Gebäude ruhige Heiterkeit aus. Und doch verbarg sich hinter seinen Mauern das Leid vieler Kinder.

Ein Team von elf Kinderkrankenschwestern und Ärzten und Ärztinnen gaben ihr bestes, um den Kindern die Gesundheit wiederzugeben oder ihr Leiden zumindest zu lindern.

An der Spitze der Ärzteschaft standen der Chefarzt und Kinderchirurg Dr. Kay Martens und seine Schwester, die Chefärztin und Kinderärztin Dr. Hanna Martens.

Die Geschwister hatten die Kinderklinik vier Jahre zuvor übernommen. Sie hatten nicht nur einen hervorragenden fachlichen Ruf, sondern sie besaßen auch die seltene Gabe, sich in die Seele eines Kindes hineinversetzen zu können.

Dr. Klaus Mettner hatte in der Kinderklinik Birkenhain die Stelle eines Neurologen inne. Sein Verhältnis zum Chef und zur Chefin, wie er Dr. Kay Martens und Dr. Hanna Martens kurz und bündig nannte, könnte nicht besser sein.

Als Dr. Mettner zur Aufnahme kam, sagte er zum Hausmeister Martin Schriewers: »Guten Tag, Herr Schriewers. Da bin ich also. Haben der Chef oder die Chefin das Baby schon gesehen?«

Der Hausmeister schüttelte den Kopf. »Leider war das bisher noch nicht möglich, Herr Dr. Mettner. Der Chef ist beim Operieren. Ein Junge ist vom Baum gefallen und hat sich die Hüfte gebrochen. Die Frau Doktor ist heute nachmittag gar nicht in Ögela, soviel ich weiß. Wenn es nicht unbedingt nötig gewesen wäre, hätte ich Sie bestimmt nicht angerufen. Es tut mir wirklich leid, daß ich Sie von der Geburtstagsfeier Ihrer kleinen Tochter wegholen mußte«, versicherte der Hausmeister noch einmal.

»Ich bin Arzt, und da muß das Privatleben hinter dem Beruf zurückstehen. Anders geht es nicht. Wo ist denn die Dame mit dem Baby?« erkundigte sich Dr. Mettner.

»Schwester Elli hat sie erst einmal in die Notaufnahme gebracht«, berichtete der Hausmeister.

»Gut. Vielen Dank. Dann weiß ich Bescheid«, erwiderte der Arzt. Er durchquerte mit schnellem Schritt die Halle und trat durch eine hohe Glastür in den Medizinischen Trakt der Kinderklinik. Die Notfallaufnahme lag auf der rechten Seite eines Ganges, von dem mehrere Türen abgingen.

Gleich darauf stand Dr. Mettner der Mutter gegenüber, die ihr krankes Baby auf dem Arm hielt. Sie war klein und schmal und hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, das von wilden schwarzen Locken umrahmt war. Ihre Augen waren dunkel vor Angst. Auf dem Arm hielt sie einen Säugling, der leise vor sich hin wimmerte.

*

»Guten Tag, mein Name ist Mettner«, stellte sich Dr. Klaus Mettner vor.

»Von Wölfel – Angela von Wölfel! Und das ist mein Sohn Claudius. Schauen Sie nur, wie er aussieht. Seit gestern hat er diesen Ausschlag. Ich dachte, es würde wieder weggehen. Aber es wird immer schlimmer«, berichtete Angela.

»Legen Sie den Kleinen doch bitte dort auf die Unterlage und ziehen Sie ihn aus, damit ich ihn untersuchen kann«, bat der Arzt mit ruhiger und freundlicher Stimme.

Die Frau nickte. Sie zog ihrem Baby erst das Jäckchen und das Hemd aus und befreite es danach von seinen Windeln. Der Arzt merkte, daß ihre Hände dabei zitterten.

»Na, mein Kleiner«, sagte er zu dem Baby, als es nackt auf dem Wickeltisch lag.

Das Kind hörte plötzlich auf zu wimmern und steckte die Finger seiner rechten Hand in den Mund. Dabei sah es mit großen Augen zu dem Arzt auf.

»Na, das tut dir bestimmt weh«, fuhr der Arzt fort, während er die Beinchen des Kindes hochhob. Der ganze Unterleib und Po des Jungen waren mit roten geschuppten Stellen bedruckt. Die gleichen Stellen, wenn auch nicht ausgeprägt, waren auf dem Kopf und der Brust des Babys zu sehen.

»Herr Doktor, mein Sohn ist alles, was ich habe. Er ist mein Leben. Es darf ihm nichts passieren«, flüsterte die Frau.

Der Arzt zog dem Kleinen wieder das Hemdchen über. »Ihr Kind wird bald wieder gesund sein«, versicherte er der Mutter.

»Ist das wahr? Ist das wirklich wahr?« fragte sie.

Gegen seinen Willen mußte Dr. Mettner lächeln. »Ist das auch wirklich wahr?« So fragten ihn oft seine beiden kleinen Töchter, wenn ihnen etwas allzu unwahrscheinlich erschien.

»Ja, es ist wirklich wahr. Ihr Sohn leidet unter einer Hautkrankheit mit dem Namen Dermatitis seborrhoides. Zum Glück ist diese Krankheit weniger schrecklich, als es ihr Name vermuten läßt«, berichtete der Arzt.

Angela von Wölfel starrte Dr. Mettner an. Plötzlich löste sich in ihrem Gesicht die Spannung. In ihren Augen leuchtete es auf. »Es ist also nichts Schlimmes?« meinte sie.

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Dermatitis seborrhoides findet sich recht häufig in den ersten drei Lebensmonaten«, erwiderte er.

»Aber was kann ich dagegen tun?« wollte die junge Mutter wissen.

»Bewährt haben sich Cremes und Pasten mit bestimmten Zusätzen. Ich werde Ihnen einige dieser Präparate mitgeben. Wichtig ist auch eine sachgemäße Körperpflege. Sie sollten darauf achten, daß Ihr Kind nur Kleidung aus Naturfasern trägt und dem Badewasser entzündungshemmende Mixturen zusetzen. Auch davon gebe ich Ihnen gleich ein Präparat mit«, versprach der Arzt.

»Sie sind wirklich nett. Ach, wenn Sie wüßten, wie erleichtert ich bin. Ich habe mir so große Sorgen gemacht«, gestand Angela von Wölfel, während sie ihren Jungen wieder anzog und auf den Arm nahm.

»Wenn mit dem Kleinen wieder einmal etwas sein sollte – was ich nicht hoffe – kommen Sie bitte gleich in die Klinik. Wohnen Sie hier bei uns in Ögela?« erkundigte sich Dr. Mettner unvermittelt.

Angela lächelte und küßte ihr Baby zärtlich auf die Stirn. »Nur vorübergehend. Ich bin Malerin und habe für den Sommer ein kleines Häuschen am Waldrand gemietet. Claudius ist noch in einem Alter, in dem er sehr viel schläft. Während der Zeit male ich. Ich bin ganz verliebt in die Heidelandschaft rund um Ögela und möchte am liebsten alles malen, was ich sehe«, berichtete sie.

»Ja, unsere Lüneburger Heide ge­hört sicherlich mit zu den schönsten Flecken in ganz Deutschland«, bestätigte Dr. Mettner.

»Stammen Sie denn aus Ögela?« wollte Angela wissen.

»Nein, ich bin in Hamburg aufgewachsen. Meine Eltern leben noch immer dort«, erwiderte der Arzt.

»In Hamburg!« sagte Angela und war plötzlich ganz lebhaft. »Da komme ich auch her. Ich habe bald in einer Hamburger Kunstgalerie eine große Ausstellung meiner Heidebilder. Sie müssen unbedingt bei der Eröffnung dabei sein«, bestimmte Angela.

Dr. Mettner lachte. »Das kann ich leider nicht versprechen. Nicht nur, weil ich beruflich sehr eingespannt bin. Ich habe auch noch meine Familie hier, meine Frau und meine Kinder«, erklärte er.

Angela ging mit dem Baby auf dem Arm zur Tür. »Ich schicke Ihnen trotzdem eine Einladung. Und vielen Dank noch einmal.«

»Warten Sie, Frau von Wölfel. Ich wollte Ihnen doch noch die Präparate mitgeben«, erinnerte sich der Arzt.

»Wie konnte ich das nur vergessen. Draußen vor der Tür hätte ich es aber bestimmt gemerkt«, versicherte Angela.

Dr. Mettner ging zum Telefon und rief im Schwesternzimmer an. Als sich gleich darauf Schwester Jenny meldete, nannte er ihr die Namen der Medikamente, die sie ihm in die Notfallaufnahme bringen sollte.

Dr. Mettner sah auf seine Armbanduhr. Es war über eine Stunde her, seit er die Geburtstagsfeier seiner Tochter verlassen hatte. Mit weit ausholendem Schritt verließ er den Klinikpark. Nachdem er etwa fünfhundert Meter die Dorfstraße von Ögela hinuntergegangen war, bog er in die schmale Seitenstraße ein, an deren Ende das Haus stand, in dem er mit seiner Familie wohnte.

Er durchquerte den kleinen Vorgarten mit den hübschen Blumenbeeten, ging um das Haus herum und kam in den Obstgarten, wo die Geburtstagsfeier seiner kleinen Tochter stattgefunden hatte.

Zu seiner großen Überraschung war kein Geburtstagsgast mehr da. Auch Inka und Ramona waren nicht zu sehen. Seine Frau war gerade dabei, auf der Terrasse den Tisch abzudecken.

Dr. Mettner ging zu ihr. »So, da bin ich wieder. Wo sind denn die Kinder?« wollte er wissen.

»Die sind gerade nach Hause gegangen«, erwiderte Ute.

»Schade. Ich hätte gern noch ein wenig mit ihnen gespielt«, erklärte der Arzt.

Ute stellte die Schüssel, in der noch zwei Wiener Würstchen lagen, auf den Tisch zurück. »Dann hättest du nicht so lange wegbleiben dürfen, Klaus«, warf sie ihrem Mann vor.

»Aber Ute, ich hatte in der Klinik zu tun«, wehrte sich Dr. Mettner. Er war ganz erschrocken über den Ausbruch seiner Frau. Bisher hatte sie doch immer Verständnis für ihn und seinen Beruf gehabt.

Utes Nasenflügel vibrierten. »Fällt dir eigentlich gar nicht auf, daß du für deine Familie kaum noch Zeit hast?« fragte sie mit nur mühsam unterdrückter Erregung.

Bevor Dr. Mettner eine Antwort geben konnte, ertönte vom ersten Stockwerk des Hauses eine Kinderstimme. »Papi ist wieder da. Inka, Papi ist da!«

Der Arzt hob den Kopf. Er sah, wie sich seine Tochter Ramona zum Fenster hinausneigte. Ihre hellblonden Locken waren verwuschelt, ihre runden Wangen glühten und ihre Augen strahlten.

Gleich darauf erschien auch Inka. »Papi, wo warst du denn nur so lange? Wir haben so auf dich gewartet«, erklärte sie. Dabei beugte sie sich so weit vor, daß der schmale Reif, mit dem sie ihr helles Haar zurückgehalten hatte, hinunterfiel.

Dr. Mettner fing ihn auf. »Lehnt euch nicht zu weit aus dem Fenster, Inka und Ramona. Ich komme zu euch«, rief er seinen Kindern zu.

Zu seiner Frau gewandt meinte er: »Laß uns später in Ruhe über alles sprechen, Ute.« Er lächelte, aber Ute gab das Lächeln nicht zurück. Ihr schönes, klares Gesicht blieb verschlossen.