Kinderärztin Dr. Martens 69 – Arztroman - Britta Frey - E-Book

Kinderärztin Dr. Martens 69 – Arztroman E-Book

Britta Frey

5,0

Beschreibung

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann... "Wie reizend von Ihnen", zwitscherte die ältere Dame und beschenkte den jungen Mann, der ihr die Abteiltür öffnete, mit einem strahlenden Lächeln. Sie war klein, zierlich und trug ein sehr korrekt wirkendes graues Kostüm von unnachahmlich veraltetem Schnitt, besser bekannt unter der Bezeichnung zeitlos, darunter eine weiße Bluse mit einem tadellos sitzenden Schalkragen. Auf dem linken Revers der Jacke blitzte eine Anstecknadel, ein eher bescheiden als aufwendig gestaltetes Schmuckstück und zweifellos ererbt. Verglichen mit dem strenggeschnittenen Kostüm wirkte das Hütchen recht verwegen und ließ darauf schließen, daß seine Besitzerin nicht durchgehend die Rolle der solide-zurückhaltenden älteren Dame spielte, sondern sich gelegentlich kleine erholsame Ausflüge gönnte und dann sogar erstaunlich übermütig sein konnte. "Ach, junger Mann, wären Sie wohl so freundlich, mir das Fenster zu öffnen?" Selbst einem Barbar wäre es unmöglich gewesen, dieser liebenswürdigen Aufforderung Widerstand zu leisten. Der junge Mann, der zu einer dunkelblauen Hose ein dunkelblaues Sporthemd trug und darüber eine nougatbraune Lederjacke, erhob sich unverzüglich und öffnete das Abteilfenster. Die ältere Dame öffnete das braunlederne Köfferchen und entnahm ihm eine Schachtel mit Konfekt. "Möchten Sie ein Stückchen Schokolade probieren? Nichts ist besser für angegriffene Nerven als ein Stückchen Schokolade." Der junge Mann öffnete die Augen, warf einen verdutzten Blick auf die Konfektschachtel, und schüttelte mit verhaltenem Lächeln den Kopf. "Vielen Dank, aber ich kann am frühen Morgen nichts Süßes essen. Und angegriffene Nerven sind nicht mein Problem." "Ich kann immer Süßes essen", teilte sie ihm verschämt mit und lachte dazu kokett. "Schrecklich, nicht wahr? Das ist ein richtiges Laster von mir, und ich wünschte, ich brächte die nötige Willenskraft auf, um all den köstlichen Süßigkeiten widerstehen zu können. Ich hab's schon so oft versucht und mir wirklich die größte Mühe gegeben – aber ich kann's einfach nicht." Er nickte wortlos.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 142

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
5,0 (1 Bewertung)
1
0
0
0
0



Kinderärztin Dr. Martens – 69 –

Andy und sein verschwundener Freund

Britta Frey

»Wie reizend von Ihnen«, zwitscherte die ältere Dame und beschenkte den jungen Mann, der ihr die Abteiltür öffnete, mit einem strahlenden Lächeln. Sie war klein, zierlich und trug ein sehr korrekt wirkendes graues Kostüm von unnachahmlich veraltetem Schnitt, besser bekannt unter der Bezeichnung zeitlos, darunter eine weiße Bluse mit einem tadellos sitzenden Schalkragen.

Auf dem linken Revers der Jacke blitzte eine Anstecknadel, ein eher bescheiden als aufwendig gestaltetes Schmuckstück und zweifellos ererbt.

Verglichen mit dem strenggeschnittenen Kostüm wirkte das Hütchen recht verwegen und ließ darauf schließen, daß seine Besitzerin nicht durchgehend die Rolle der solide-zurückhaltenden älteren Dame spielte, sondern sich gelegentlich kleine erholsame Ausflüge gönnte und dann sogar erstaunlich übermütig sein konnte.

»Ach, junger Mann, wären Sie wohl so freundlich, mir das Fenster zu öffnen?«

Selbst einem Barbar wäre es unmöglich gewesen, dieser liebenswürdigen Aufforderung Widerstand zu leisten.

Der junge Mann, der zu einer dunkelblauen Hose ein dunkelblaues Sporthemd trug und darüber eine nougatbraune Lederjacke, erhob sich unverzüglich und öffnete das Abteilfenster.

Die ältere Dame öffnete das braunlederne Köfferchen und entnahm ihm eine Schachtel mit Konfekt.

»Möchten Sie ein Stückchen Schokolade probieren? Nichts ist besser für angegriffene Nerven als ein Stückchen Schokolade.«

Der junge Mann öffnete die Augen, warf einen verdutzten Blick auf die Konfektschachtel, und schüttelte mit verhaltenem Lächeln den Kopf. »Vielen Dank, aber ich kann am frühen Morgen nichts Süßes essen. Und angegriffene Nerven sind nicht mein Problem.«

»Ich kann immer Süßes essen«, teilte sie ihm verschämt mit und lachte dazu kokett. »Schrecklich, nicht wahr? Das ist ein richtiges Laster von mir, und ich wünschte, ich brächte die nötige Willenskraft auf, um all den köstlichen Süßigkeiten widerstehen zu können. Ich hab’s schon so oft versucht und mir wirklich die größte Mühe gegeben – aber ich kann’s einfach nicht.«

Er nickte wortlos. Hoffentlich, dachte er, steigt die Schnatterliese bald wieder aus. Sonst verliere ich den Verstand…

»Mein guter Vater war sehr charakterstark, müssen Sie wissen. Er hatte seine Grundsätze und richtete sich eisern nach ihnen. Nie wich er von einer einmal gefaßten Meinung ab, nie beugte er sich den Ansichtssachen anderer, wenn sie sich nicht mit den seinen deckten, nie fürchtete er sich vor etwas. Er war tatsächlich der unerschrockenste, unnachgiebigste und aufrechteste Mann, den man sich vorstellen kann.«

Er horchte auf. In ihre Bewunderung mischte sich eindeutig und unüberhörbar Furcht. »Ihr Vater lebt nicht mehr?«

»Aber nein«, entgegnete sie. Auf einmal schwammen ihre himmelblauen Augen in Tränen. »Er starb vor fast zehn Jahren. In seinem Atelier, wie es immer sein Wunsch gewesen war. Wie eine gefällte Eiche, so lag er da, selbst im Tod noch mächtig und unzugänglich«, schloß sie ehrfurchtsvoll.

»Er war demnach Künstler, Ihr Herr Vater?«

»Ja. Er war Bildhauer und schuf ganz wundervolle Skulpturen. Sagt Ihnen der Name Seebott etwas? Mein Vater hieß Gottfried Seebott. Und so heißt natürlich auch der Hof, auf dem er lebte und arbeitete: Seebotthof. Er kaufte ihn in den Fünfzigern, als einige Kunsthändler begannen, sich für ihn zu interessieren.« Sie lächelte schüchtern. »Aufsehen konnte er gar nicht leiden. Und richtig beleidigend konnte er werden, wenn sich die falschen Leute für ihn interessierten.«

Der junge Mann mit dem kastanienbraunen Haar schüttelte den Kopf und meinte bedauernd: »Es tut mir wirklich leid, gnädige Frau, doch ich weiß den Namen Seebott im Moment nicht einzuordnen, ich muß gleichzeitig gestehen, daß mir auch andere Namen nichts sagen würden. Es ist nämlich leider so, daß ich von Kunst betrüblich wenig bis gar nichts verstehe.«

»Sie sind wenigstens ehrlich. Solche Menschen sind mir lieber als jene, die ständig vorgeben, enorm viel von Kunst zu verstehen. Also wenn diese Hansls zu uns auf den Seebotthof kamen, um mit Vater sprechen zu wollen, dann konnte er immer fuchsteufelswild werden. Ich höre ihn heute noch herumbrüllen und – toben. Er nannte sie dann Banausen und Schneiderseelen, Strohköpfe und Karussell!« Sie lachte erheitert. »Tja, ich sagte Ihnen ja, mein Vater war ein unbequemer Mann mit viel Temperament. Ein richtiger Feuerkopf.«

Vermutlich war er Choleriker, der Herr Papa. »Der es sich und seiner Umgebung gewiß nicht leicht machte.«

»Nein«, bestätigte sie und wurde ernst, »gewiß nicht. Er konnte manchmal tüchtig unnachgiebig und stur sein. Was er nicht wollte, ne, dazu konnte ihn keine Macht der Welt kriegen.«

Er hörte ihr mit wachsender Aufmerksamkeit zu.

»Sie können sich denken, wie schwierig es für uns drei Mädels manchmal war, mit ihm auszukommen. Oh, Vadder Gottfried konnte ja so aufbrausen, wenn ihm was querging! Und mit den armen Journalisten, die sich trotz allem hin und wieder zu uns raustrauten, sprang er immer übel um. Die meisten kamen gar nicht erst über die Türschwelle, die hat er gleich rausgeworfen!«

»Und warum, gnädige Frau?«

Sie lachte verschmitzt. »Nun lassen Sie man die gnädige Frau schön weg, junger Mann. Ischa höflich von Ihnen, aber ich hör’s dennoch nicht gern. Denn erstens war ich nie verheiratet und zum annern fühl ich mich nicht so. Wie eine Gnädige, meine ich.«

»Wie Sie möchten. Aber wie soll ich Sie dann anreden?«

»Ganz einfach, nennen Sie mich Mariechen.«

Er sah sie erschrocken an. »O nein, das kann ich nicht.«

»Warum denn nicht?« Sie lachte gemütlich. »Das müssen Sie aber, junger Mann, denn Frau Seebott allein reicht nicht. Weil’s drei davon gibt. Und die guten Leute von Ögela wissen dann nicht, wen Sie nun meinen.«

»Ögela? Nie gehört. Wo liegt denn das?«

Sie lachte verdutzt. »Komische Frage. Natürlich in der Nähe von Celle. Da will ich jetzt hin, nach Celle, meine ich. Vom Bahnhof aus ist’s nur ein Katzensprung bis zum Seebotthof. Der liegt so ziemlich in der Mitte zwischen Celle und Ögela. Ein guter Ausflugstip übrigens.«

»Ögela?«

»Ich meinte den Seebotthof. Aber Ögela ist auch einen Ausflug wert, sehr richtig. Das ist eine hübsche kleine Stadt im Herzen der Lüneburger Heide. Es gibt eine schöne alte Kirche am Marktplatz, die Marienkirche. Und dann gibt’s etliche alte Fachwerkhäuser, die wirklich sehenswert sind. Tja, und dann wäre noch der reizende kleine Brunnen vor dem Frischmuth-Haus. Die Brunnenfigur hat übrigens Gottfried Seebott gestaltet…«

»Ihr Herr Vater?«

Ihr rundliches rotwangiges Gesicht leuchtete förmlich vor Stolz. »So ist es. Es handelt sich um eine frühe Arbeit, aus seiner gegenständlichen Zeit. Die kleine Brunnenfigur stellt das Gänseliesel dar, die bekannte Märchengestalt… Wenn Sie mal Zeit haben, fahren Sie nach Ögela und schauen Sie sich alles an.«

»Das werde ich machen, ganz bestimmt.«

»So verschlafen und hinterwäldlerisch sind wir Heidjer nämlich gar nicht, wie man uns gern darstellt. Aber vielleicht ändert sich unser komischer Ruf sowieso von allein, weil wir langsam berühmt werden. Womit ich jetzt die Kinderklinik meine.«

»Handelt es sich um eine besondere Kinderklinik?«

»Das will ich wohl meinen. Man hört nur das Allerbeste von der Kinderklinik Birkenhain. Ich habe ja persönlich keine Erfahrungen mit ihr gemacht, denn ich habe keine Kinder. Doch man hört ja ’ne Menge von anderen Leuten und da weiß man auch Bescheid, nicht?«

»Und was sagen die Leute so?«

»Die meisten Leute schwärmen regelrecht von den beiden Doktors Martens. Oder heißt es Doktoren? Ischa auch egal, nicht. Hauptsache ist ja man, sie verstehen was von ihrer Kunst.«

Der junge Mann nickte zustimmend. »Es handelt sich um ein Geschwisterpaar, das die Klinik in Eigenregie aufgebaut hat und nun sehr kompetent, wie es heißt, leitet. Der Doktor, ich glaube, er heißt Kay Martens, operiert selbst und soll schon wahre Wunder vollbracht haben. Die Frau Dr. Hanna ist Kinderärztin und sehr tüchtig. Zusammen mit ihrem Bruder soll sie rund um die Uhr im Einsatz sein. Tschä, deswegen sind sie beide noch nicht verheiratet. Weil, wissen Sie, soviel Engagement, das hält ja wohl keine Ehe aus, nicht?«

»Vielleicht möchten sich die Geschwister noch nicht festlegen. Leicht dürfte es für beide nicht sein, den geeigneten Partner zu finden, vermute ich mal. Wer so fleißig arbeitet, hat meistens keine Zeit, sich auf den Heiratsmarkt zu begeben. Ich kenne das.«

»Ach, Sie arbeiten auch so viel? Was machen Sie denn beruflich, wenn die Frage gestattet ist.«

»Ich bin Chemiker«, sagte er zurückhaltend und schwieg dann.

»O Gott!« rief sie und hob abwehrend beide Hände. »Chemie konnte ich schon in der Schule nicht ausstehen. Und mein Chemielehrer war ein so garstiger Mensch, schrecklich! Du liebe Zeit, wie war ich froh, als die Schulzeit vorüber war.«

Er lachte. »Sie interessieren sich mehr für die Kunst, wie?«

»Ja«, erwiderte sie fest. »Und wenn Sie sich mal entschließen sollten, in die Lüneburger Heide zu fahren, dann müssen Sie einen Abstecher zum Seebotthof machen. Wir haben eine Menge zu bieten, müssen Sie wissen. Kunst, Kunst und noch mal Kunst. Sie werden Augen machen«, verkündete sie mit Genugtuung. Und dann klappte sie die halb geleerte Konfektschachtel energisch zu.

»Ich glaube«, murmelte sie, »ich werde mal die süßen Früchtchen probieren, die mir meine Freundin Dorothea zum Abschied schenkte.« Sie kramte in ihrem braunledernden Reiseköfferchen herum, suchte so eifrig, daß das Sträußchen von Frühlingsblumen an ihrem närrischen Hütchen ins Wippen kam.

*

Mariechen Seebott ließ ihren Blick über die Wälder, Heidegebiete und scheinbar unbegrenzten Ackerflächen schweifen. Und als sie sich an der Weite satt gesehen und die unendliche Ruhe verinnerlicht hatte, da seufzte sie tief und sagte zufrieden: »Schön ist es, wieder zu Hause zu sein.«

Lenchen Seebott, ihre jüngere Schwester, nickte zustimmend.

»Genau«, sagte sie. »Man braucht gar nicht wegzufahren, nicht? Kein Wunder, daß neuerdings all die Touristen zu uns kommen, um sich die schöne Landschaft der Lüneburger Heide anzuschauen. Wir sind richtig in Mode gekommen, Mariechen, meinst du nicht auch?«

Sie brauchte immer Zuspruch und Zustimmung, die liebenswerte ältere Dame, die auf den ersten Blick von Mariechen nicht zu unterscheiden war. Auf den zweiten Blick jedoch offenbarten sich allerlei gewichtige Unterschiede.

So war Mariechen, die älteste der drei Schwestern Seebott, die unternehmungslustigste. Sie war kontaktfreudig, unbefangen und aufgeschlossen, kam mit allen Menschen schnell ins Gespräch und konnte sich kringelig lachen, wenn sie etwas komisch fand.

Lenchen war sehr viel zurückhaltender als ihre Schwestern, sie ging ungern aus und liebte die Häuslichkeit, fertigte wundervolle Handarbeiten an und schrieb, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, seelenvolle Gedichte, in denen die Liebe die Hauptrolle spielte.

Die Jüngste des Seebott-Trios, Gretchen, war ganz anders gestrickt als ihre älteren Schwestern. Sie war patent und herzhaft, sie führte den Haushalt mit viel Schwung und betätigte sich nebenbei noch im Garten. Mit großem Erfolg, denn nicht nur verzehrten die Schwestern ausnahmslose Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten, sondern auch etliche Bauersfrauen aus der Umgebung kamen zu Gretchen Hahnefeldt, um bei ihr Tomatenpflanzen zu kaufen.

Daß Gretchen einen anderen Nachnamen trug als ihre Schwestern, hatte natürlich einen Grund. Und dieser Grund war männlich und hatte, wie könnte es anders sein, einen Namen: Anselm Hahnefeldt.

Ihn hatte Gretchen vor einigen zig Jahren kennen- und liebengelernt, in aller Stille, also heimlich. Anders war das gar nicht möglich gewesen, bei Vadder Gottfrieds strengem Regiment.

Gottfried Seebott hegte bekanntlich starke Abneigungen gegen alles, was männlich war, wobei er sich selbst, versteht sich, ausklammerte.

Vielleicht sah er sich auch in einem anderen Licht, nämlich als über diesen banalen irdischen Dingen stehenden Genius.

An Anselm Hahnefeld, der zu seiner Zeit ein schmucker junger Bursche gewesen war, ließ er jedenfalls kein gutes Haar, dachte und sprach immer ganz übel von ihm und über ihn.

Es spielte sich also hinter Vadder Gottfrieds breitem Rücken eine zu Herzen gehende Romanze ab, denn Gretchen und Anselm liebten einander von Herzen und mochten nicht voneinander lassen.

Als Patron dieser ständig bedrohten Liebe fungierten Gretchens Schwestern Mariechen und Lenchen. In rührender Weise sorgten sie sich um den Fortbestand der Beziehung und beschützten die jungen Liebenden, wann und wo immer dies ihnen möglich war.

Wenigstens Gretchen sollte das bekommen, was ihnen nie zuteil geworden war: Die Liebe eines Mannes. Emsig wachten daher Mariechen und Lenchen über dem jungen Glück Gretchens, das denn auch wunderschön blühte und gedieh, obwohl es das ja im Verborgenen tun mußte. Oder übten gerade die Heimlichkeiten einen unwiderstehlichen Reiz auf die verliebten jungen Menschen aus?

Bekanntlich schmecken gerade die verbotenen Früchte besonders süß.

Die heimliche Romanze Gretchens war überall in der Heide im Gespräch. Alle wußten Bescheid – außer Gottfried Seebott, der keine Ahnung von dem hatte, was hinter seinem Rücken los war.

Eine Weile ging alles gut. Aber wie es in dem guten alten Sprichwort heißt, geht der Krug so lange zum Brunnen, bis erbricht. Das war auch in Gretchens Fall nicht anders. Ihr schlug die Stunde, als offenbar wurde, daß ihre Beziehung zum schmucken Anselm nicht ohne Folgen bleiben würde. Im Klartext: Gretchen war gesegneten Leibes, sie erwartete ein Kind, Anselms Kind.

Damit hatten weder die Liebenden noch die Schwestern gerechnet. Und nun war guter Rat recht teuer, denn man ahnte, was bevorstand, Vadder Gottfrieds fürchterliches Strafgericht nämlich.

Das ließ nicht auf sich warten, als Vadder Gottfried eines Tages auffiel, wie rundlich sein ansonsten so gertenschlankes Gretchen geworden war. Und dann mochte sie im Garten auch nicht mehr die schweren Gießkannen schleppen, hatte mitunter Appetit auf die merkwürdigsten Dinge und lächelte so seltsam glücklich.

Für ihn stand schnell fest, daß sein Gretchen sich in die Schande gebracht hatte. Und so war’s denn auch, obwohl die junge Frau ihre Situation ganz anders sah. Von Schande mochte Gretchen nichts hören. Sie war im Gegenteil selig, hoffte sie doch, mit ihrem Anselm nun endlich den Hafen der Ehe anlaufen zu dürfen.

Vadder Gottfried tobte, wie man es von ihm nicht anders erwartet hatte. Ein gräßliches Donnerwetter entlud sich über dem Haupt der jungen Frau, die es gewagt hatte, sich gegen den Willen des Vaters und ohne sein Wissen in einen Mann zu verlieben.

Anselm erhielt sofort Hofverbot. Nie mehr durfte sein Fuß über die Schwelle des Seebotthofs treten. Und dem armen Gretchen wurde streng untersagt, den Vater ihres Kindes je wiederzusehen.

Zur grenzenlosen Enttäuschung der drei Seebottschwestern machte Anselm einen Rückzieher und sich aus dem Staub. Nachdem er zuvor auf Anordnung, vielmehr Befehl, Vadder Gottfrieds sein Gretchen geehelicht hatte.

Eine traurige Hochzeit war das. Die Braut weinte unablässig, die beiden Schwestern machten lange Gesichter und der Vater der Braut knirschte vor Wut mit den Zähnen.

Anselm packte anschließend seine Sachen. Und entschwand auf Nimmerwiedersehen. Nach Jahren sickerte das Gerücht bis zum Seebotthof durch, er sei in Australien gesichtet worden. Als reicher Schaffarmer. Doch das war, wie gesagt, nur ein Gerücht. Und zu dieser Zeit hatte Gretchen ihren schmucken Anselm eigentlich schon wieder vergessen…

Nach gehöriger Zeit brachte Gretchen ihr Kind zur Welt. Sie schenkte einem gesunden kleinen und sehr hübschen Mädchen das Leben und gab ihm den Namen Viktoria.

Vadder Gottfried mochte von der kleinen Vicky nichts wissen. Er ignorierte seine Enkelin, wie er Gretchen übersah. Ihren Fehltritt mochte er ihr einfach nicht verzeihen. Und er ließ das kleine Mädchen spüren, wie sehr er den Vater verachtete, den flüchtigen Anselm, der vor ihm Reißaus genommen hatte.

Vicky kümmerte sich nicht um Vadder Gottfrieds Grollen, den sie überaus interessant fand. Sie war ein ungemein unerschrockenes kleines Mädchen und setzte sich mit Gleichmut und Unbekümmertheit über seine mürrischen Blicke hinweg.

Auf ihren damals noch stämmigen kleinen Beinchen marschierte sie eines Tages in sein Atelier und schaute ihm bei der Arbeit zu.

Das war ein unerhörter Vorgang, denn allen Bewohnern des Seebotthofs war es strengstens untersagt, sich dem Atelier auch nur zu nähern, wenn der Künstler sich darin aufhielt.

Eine Katastrophe schien unausweichlich. Die drei Schwestern spitzten die Ohren und lauschten bebend, erschauernd, stumm.

Bis ein helles Lachen aus der offenen Ateliertür flirrte und gleich einem hellen warmen Sonnenstrahl über den Hof irrlichterte. Ein fröhliches Kinderlachen, das die drei Schwestern aufhorchen ließ. Wie, Vadder Gottfried tobte nicht? Aber Vicky hatte doch Unglaubliches getan, sie hatte immerhin ein Tabu gebrochen und den sozusagen geheiligten Boden des Ateliers betreten…

Mit dem unwiderstehlichen Charme einer Dreijährigen hatte Vicky vollbracht, was den drei Seebottschwestern ihr Leben lang nicht gelungen war. Das kleine Mädchen hatte das versteinerte Herz des alten Gottfrieds mit seinem Kinderlachen aufgebrochen und erobert. Im Handumdrehen.

Während die drei Schwestern in der Küche nach Atem rangen und sich gegenseitig versicherten, so etwas noch nie erlebt zu haben, während sie ernsthaft glaubten, ein richtiges kleines Wunder erlebt zu haben, kletterte die kleine Vicky im Atelier ihrem Großvater mir nichts, dir nichts auf den Schoß und gab ihm einen dicken Schmatz auf die kratzige Wange.

»Hab dich lieb«, hatte sie damals gesagt und ihm mit schräggelegtem Kopf treuherzig in die feuchten Augen geschaut. Und dann hatte sie nach einem kleinen Weilchen hinzugefügt: »Komisch, in deinen Augen regnet’s, Opapa, aber draußen scheint die Sonne.«

In Gottfrieds Herzen war sie gerade aufgegangen, die Sonne. Fortan war das kleine Mädchen die Freude seines Ateliers, die Quelle seiner Kreativität und der Motor seiner Schaffenskraft.

Unzählige Male porträtierte er die kleine Vicky, er fertigte Dutzende von Skizzen an und formte sogar eine kleine Plastik, der er den Namen »Glück« gab.

Sein Spätwerk, so würden seine Kritiker nach seinem Tod sagen, zeichnete sich durch sparsamen Strich, Milde und verklärte Farbigkeit aus. Verschwunden war die Heftigkeit der frühen Jahre, die seine wilden gewesen waren, die Zeit der Selbstfindung.