Kindermund - Pola Kinski - E-Book

Kindermund E-Book

Pola Kinski

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Beschreibung

Kindermund ist Pola Kinskis Autobiografie ihrer Kindheit und Jugend. Sie erzählt, wie es war, die Tochter des Enfant terrible des deutschen Films zu sein, und sie rechnet ab, so unsentimental wie schonungslos: mit einem, für den es als selbstverständlich galt, sich über alle Grenzen hinwegzusetzen, und der es skrupellos in Kauf nahm, das Leben des eigenen Kindes zu zerstören.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 366




Pola Kinski ist drei Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden lassen. Sie ist das erste Kind von Klaus Kinski, einem aufstrebenden Schauspieler, damals, Mitte der fünfziger Jahre. Nach der Scheidung lebt das Kind bei Mutter und Großvater in München; seinen Vater sieht es nur selten. Alles ändert sich, als Kinski in Fernsehen und Kino der Durchbruch gelingt. Er holt seine Tochter bei jeder Gelegenheit zu sich nach Berlin und später nach Rom, lässt sie zu den wechselnden Drehorten nachreisen. Pola erlebt die Tobsuchtsanfälle und die Verschwendungssucht ihres Vaters: Er brüllt auf sie ein und überhäuft sie mit Geschenken und Geld. Was sie sich sehnlichst wünscht, die Liebe und Geborgenheit der Eltern, versagen ihr Mutter wie Vater. Die Zuwendung der einen gilt bald nur mehr dem neuen Mann und zweiten Kind. Der andere macht die eigene Tochter über Jahre zu seiner Kindfrau.

Kindermund ist Pola Kinskis Autobiografie ihrer Kindheit und Jugend. Sie erzählt, wie es war, die Tochter des Enfant terrible des deutschen Films zu sein, und sie rechnet ab, so unsentimental wie schonungslos: mit einem, für den es als selbstverständlich galt, sich über alle Grenzen hinwegzusetzen, und der es skrupellos in Kauf nahm, das Leben des eigenen Kindes zu zerstören.

Pola Kinski wurde als erstes Kind des Schauspielers Klaus Kinski in Berlin geboren. Schon als kleines Mädchen tritt sie im Theater auf und übernimmt Rollen in Fernsehproduktionen; später besucht sie die Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München und hat Engagements in Theater und Film. Pola Kinski lebt in Berlin.

Pola Kinski

Kindermund

Insel Verlag

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4308.

© Insel Verlag Berlin 2013

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

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Umschlagabbildung: Pola Kinski, Lugano 1960

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Foto: Heinz Bartscherer

eISBN 978-3-458-73077-4

www.insel-verlag.de

Wagt es nicht, mein Fahrrad zu berühren, ihr Dreckstauben! Mein wunderschönes neues Fahrrad!« Babbo, wie ich meinen Vater jetzt nennen soll, hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Ich bin sechs Jahre alt. »Schert euch weg, die ganze Terrasse scheißt ihr voll, das ist mein Spielplatz!«

Zum Ausgehen angezogen, in Mantel, weißen Schnürstiefeln und Baskenmütze stehe ich in der Küche dicht an der Balkontür und schaue durch die beschlagene Scheibe. Mama kocht Suppe. Ich wische mit den Fingern ein Loch ins Glas und überwache Scharen von Tauben, die mein Fahrrad bedrohen. Nebel hat die Terrasse in Watte gehüllt. Aber ich sehe sie genau, meine Feinde: Fett sind sie und ungewöhnlich fleißig am Picken. Wie eklig sie sich bewegen, dieses Zucken, dieses ständige Ruckeln! Ich halte mir die Ohren zu, ich will das Gurren nicht mehr hören. Mama kocht immer noch Suppe. Der Dampf breitet sich aus. Ich fange an zu schwitzen.

Seit dem Tod von Mamas Schwester, der Trennung der Großeltern und der Scheidung meiner Eltern lebe ich mit Mama bei Felizian, ihrem Vater. Ich fürchte mich vor seiner hohen, hageren Gestalt, und wenn er mit schlurfenden Schritten näher kommt und mich von weit oben aus zornig funkelnden Augen anstarrt und mit dem Zeigefinger droht. Mein Großvater ist ein alter Mann, aber er praktiziert noch als Arzt und schreibt dramatische Opern. Leider trinkt er auch sehr viel Alkohol. Obwohl Mama ihm in der Praxis hilft und den Haushalt führt, ist das alles nicht unter einen Hut zu bringen.

Eines Morgens, der Flur ist mit Patienten vollgestopft, laufe ich ins Behandlungszimmer, um Großvater zu suchen. Er steht hinter der Tür und zittert am ganzen Körper. Mit hastigen Schlucken kippt er den Inhalt einer Flasche in seine Kehle. Scharfer Geruch breitet sich aus, ich halte mir die Nase zu und laufe hinaus.

In der Wohnung gibt es neben dem Untersuchungsraum noch ein Schlafzimmer für Mama und mich, eines für meinen Großvater, eine Küche, ein Bad, ein Klo und einen schmalen, langen Flur, durch den sich ein Läufer wie ein roter Pfeil vom Anfang bis zum Ende zieht.

Es regnet oft in diesem Frühjahr. Dann ist draußen alles grau und glitschig. Trotzdem übe ich täglich Fahrradfahren. Babbos Geschenk funkelt rot. Ich streiche liebevoll über den Lack. Ist er nass vom Regen, reibe ich mit meinem Kleid so lange über den Rahmen, bis er glänzt. Das Kleid ist dann schmutzig und knittrig. Mama wird mich schimpfen, aber das ist mir egal. Ich setze mich auf den Sattel und hangle mich langsam vorwärts, immer eine Hand am Geländer der Terrasse. Es ärgert mich, wenn die Reifen durch Taubenscheiße fahren und sich weiß verfärben.

Manchmal halte ich an und beobachte eine Katze auf dem Dach gegenüber, die sich lüstern am Kamin reibt. Sie sieht mich unentwegt an. Es reizt mich, ihr die Zunge herauszustrecken. Dann dreht sie sich beleidigt weg und würdigt mich keines Blickes mehr, sosehr ich auch locke, pfeife, rufe. Das verwitterte Teerdach wellt sich über eine Hausruine. An manchen Stellen bläht es sich oder ist aufgeplatzt wie ein Geschwür, aus dem eine Pflanze wächst. Die Ränder sehen abgefressen aus, und die Regenrinne läuft immer über. In der Backsteinmauer fehlen Steine. Sie liegen verstreut im Hof, aber niemand kümmert sich darum. Über der Haustür, die mit Brettern zugenagelt ist, sind noch verwaschene Reste eines Namens zu lesen. Einige Buchstaben fehlen. Ich frage Mama manchmal, was da früher gestanden hat, aber sie zuckt nur mit den Schultern.

Wenn Mama mich ruft, stelle ich mein Fahrrad so ab, dass es auf keinen Fall das rostige Geländer berührt.

Babbo hält sich seit längerer Zeit in Wien auf, um Arbeit zu finden. Er erscheint immer unangemeldet, mit einem Geschenk im Arm, und nimmt mich mit sich fort. Eines Nachts toben draußen Blitz und Donner. Da steht er plötzlich in der Tür und bringt mir eine Negerpuppe. Sie kommt direkt aus Afrika, sagt er. Ich glaube ihm, sie riecht nach Sonne und Wüste, nach Afrika eben. Oder er schickt einen Expressboten, der geheimnisvolle Pakete für mich abgibt. Ich reiße gierig Papier und Karton auf und stürze mich auf den Inhalt: Puppen, Stofftiere, ein Kleid oder Schuhe, die mir regelmäßig zu klein sind. Einmal kommt eine Kuh aus meergrünem Samt, bestickt mit bunten Glassteinen, zum Vorschein. Sie ist einem orientalischen Märchen entstiegen, das sehe ich sofort. Diese Kuh wird von mir so sehr gestreichelt, gedrückt, geliebt, dass nach kurzer Zeit alle Steine fehlen und die Samthaut abgeschabt und mit kahlen Stellen übersät ist.

Heute weiß ich, dass er mich gleich abholen wird. Ich bewundere ihn: Er ist stark und wichtig, denn alle tun, was er will. Wir fahren in Autos, aus denen Männer springen, die uns die Türen öffnen. Er kauft mir wunderschöne Kleider, wir werden in feinen Restaurants bedient. Und er besitzt die Macht, mich einfach mitzunehmen. Bei ihm bin ich Prinzessin. Aber er ist mir auch ein bisschen unheimlich. Immer reißt er seine eisblauen Augen so weit auf, dass ganz viel Weiß zu sehen ist, und fuchtelt wild mit den Armen. Aus seinem riesigen Mund kommen zuckersüße Liebkosungen und laute schmerzende Töne. Eigentlich freue ich mich gar nicht auf ihn. Warum muss ich immer mit ihm gehen, auf den Rummel, in den Spielzeugladen, zum Schneider, ins Hotel oder zum Essen?

Die Tür fliegt auf, Babbo stürzt vor mir auf die Knie, umschlingt mich mit starken Armen und presst mich an seinen Körper. Sein Geruch nach Zigaretten und Parfüm ekelt mich, ich bekomme kaum Luft. »Mein Geliebtes, mein süßes Püppchen, mein Engelchen«, haucht er. Dann bedeckt er meine Augen, meine Wangen und meinen Mund mit unzähligen feuchten Küssen. Verstohlen wische ich mir mit dem Mantelärmel übers Gesicht. Er nimmt meine Hand, umschließt sie fest mit seiner Pranke, und wir gehen hinaus. Ich werfe Mama einen flehenden Blick zu, aber sie schweigt und schaut aus dem Fenster zu den Tauben. Warum hat sie ihn hereingelassen? Mir ist, als ob meine Fußspitzen nur leicht den Boden berühren.

Er führt mich zu einem roten Auto. Heute fahren wir wieder einmal zu Spielzeug-Obletter, Münchens Kinderparadies. Dort begrüßen mich alle meine Freunde: Puppen, Zwerge, Feen, Tiere, die Prinzessin, der König. An Hexe und Teufel gehe ich schnell vorbei. Sie sind mir alle wohlbekannt von unseren Besuchen. Und nachts, wenn ich starr und stumm vor Angst im Bett liege, singen und musizieren sie so laut und machen so viel Krach, dass ich meinen betrunkenen Großvater nicht mehr hören muss.

Mein Vater sucht einen Stofflöwen für mich aus. Ich halte ihn zärtlich umarmt. Er ist so groß, dass ich den Weg vor mir nicht sehen kann.

Oft bettle ich bei Babbo, dass wir zum alten Karussell im Englischen Garten gehen. Ist es geschlossen, abgedeckt mit grauverwaschenen Brettern, drücke ich mich an das warme Holz, rutsche Schritt für Schritt die Rundung entlang, um ein Loch zu entdecken. Schon durch den kleinsten Spalt kann ich sie im Dunkeln erkennen: die feurigen Augen der Pferde, die sich aufbäumen. Den einsamen Schwan, der seine Frau so sehr vermisst. Die Gänse sind wohl beim Schnattern überrascht worden. Die Giraffe, die sie alle überragt und deshalb so eingebildet ist. Die feixenden Schweine, den höchst nervösen Vogel Strauß, die Kutsche mit der Krone auf dem Dach und natürlich die weiße halbgeöffnete Muschel, die ein Geheimnis birgt. Gierig sauge ich den bitteren Geruch der Holzbeize tief in mich ein.

Wenn wir Glück haben, ist das Karussell geöffnet, und der Klang der Drehorgel lässt meine Füße immer schneller werden. An einen Tierhals geschmiegt oder aufrecht auf dem Kutschbock, kann ich es nicht erwarten, bis wir uns endlich in Bewegung setzen. Manchmal bin ich in einer Muschel versunken und werde von acht leuchtend blauen Fischen in rasender Fahrt übers Meer gezogen. Und bald spüre ich nicht mehr, wann eine Fahrt endet und die nächste beginnt. Dann ist es oft schon Abend geworden, wenn ich die Stufen nach draußen stolpere.

Leider ist mein Vater heute sehr hungrig, und wir tauschen das Karussell bald gegen ein nobles Chinarestaurant. Um meine Enttäuschung zu verbergen, schaue ich angestrengt aus dem Autofenster.

Wir treten ein in eine fremde Welt: Silberglöckchen klingeln von weit her. Der Teppich schimmert rot. Zierliche Männer geleiten uns an einen kleinen Tisch in einer Nische. Das Licht ist gelb und müde. Fast durchsichtig, wie Grasgeister schwirren die Kellner umher, huschen davon, kommen wieder angeschwebt und sind ständig darum bemüht, uns alles recht zu machen. Ein Koch mit eingefrorenem Lächeln bereitet für uns am Tisch allerlei Köstlichkeiten zu. Es dampft und zischt. Eine Stichflamme schießt zur Decke. Die Pfanne brennt, er wirbelt den Inhalt hoch in die Luft und fängt ihn wieder auf. Vor uns werden zahlreiche Platten und Schüsseln aufgebaut. Es riecht ungewohnt, aber gut. Ich kann kaum etwas essen, alles ist so aufregend! Die Luft knistert, und die Stimmung ist angespannt, wie immer in Babbos Gegenwart. Auch er stochert auf seinem Teller. Ich betrachte ihn heimlich. Seine lümmelnde Körperhaltung widerspricht dem Gesichtsausdruck: Die Augen flackern, er wirkt gehetzt, als sei er auf der Flucht. Auch die Kleidung passt nicht zu seinem Gehabe: dunkler Anzug, makellos, ohne ein einziges Staubkorn, weißes Hemd mit sehr hohem Kragen, überlange Manschetten, aus denen unruhige Finger hervorschauen. Ich betrachte gerne seine Hände, ich finde sie schön. Wenn er sie bewegt, blitzen die Steine in den Manschettenknöpfen wie Sterne.

Plötzlich tritt einer der Kellner vor mich hin und verneigt sich tief. Ganz nebenbei beginnen seine Finger mit einem Tuch aus Seide zu spielen. Daraus entwickelt sich ein zarter Tanz, der sich in einen wilden Reigen verwandelt. Die Hände verschwinden und tauchen wieder auf, so flink, dass ich ihnen kaum mit den Augen folgen kann. Ich muss aufspringen und klatschen. Der Zauberer streicht mir liebevoll über den Kopf. Da schnellt Babbo vor wie eine Schlange und zischt: »Nicht anfassen!« Der Mann zuckt zusammen, sein Lächeln erlischt, das Gesicht wird dunkel. Wütend reiße ich den Löwen vom Stuhl, bohre meine Finger tief in seinen weichen Körper, meine Tränen verkleben das Fell. Babbo packt meine Hand, und wir verlassen das Restaurant.

Auf der Heimfahrt im Auto spricht Babbo kein Wort. Sein Gesicht ist verschlossen, der Blick stur nach vorne gerichtet, die Kiefer aufeinandergepresst, als kaue er auf einem Zitronenkern. Die dicken Lippen von Falten zerfurcht. Ich ziehe mich zurück, fange an, die Rippen meiner Strumpfhose zu zählen. Auf seiner Stirn quillt eine blaue Ader hervor. Plötzlich höre ich ihn prusten, lachen. Ich strahle ihn erleichtert an, schaue aber in die gleiche versteinerte Maske. Er hat sich nur geräuspert. Enttäuscht rutsche ich tiefer ins Polster und schäme mich. Meine Hand schwitzt in seiner. Er hält sie so fest umschlossen, dass es sich anfühlt, als wäre sie mit seiner verwachsen. Selbst beim Schalten lässt er sie nicht los. Das Kribbeln in meinen Fingern wird unerträglich. Ich will mich losreißen und aus dem Auto springen, aber ich traue mich nicht.

Wir sind da, er hebt mich aus dem Wagen, trägt mich ins Haus und nach oben, küsst mich noch unzählige Male und verspricht, mich bald wieder abzuholen. Dann ist er verschwunden, als sei er nie da gewesen. Ich schließe die Tür auf, die Wohnung ist dunkel, ich folge dem Licht, das aus der Küche kommt. Mama sitzt am Küchentisch, das Kinn auf eine Hand gestützt. Ihre dicken braunen Locken verdecken das Gesicht, sie bemerkt mich nicht. Hat sie den Schlüssel nicht gehört? Schläft sie? Behutsam streiche ich eine Lockensträhne nach hinten, sie sträubt sich und fällt zurück. Ich klettere auf den Stuhl ihr gegenüber und schlage mit beiden Händen auf die Tischplatte. Gläser, Teller und Besteck klirren. Das Rosenmuster der Tischdecke wirft Falten. »Ich bin wieder da!« Mama zuckt zusammen. Ich ziehe die Rosen gerade.

»Erzähl mir von früher, von Babbo und dir und von mir, bitte!« Meine Mutter richtet sich auf, sie schaut mir kurz in die Augen, dann gleitet ihr Blick über meinen Kopf hinweg. Ich drehe mich um, um zu sehen, wer hinter mir steht, aber da ist nur die Wand.

Meine Mutter war neunzehn, als sie meinen Vater kennenlernte. Sie studierte Operngesang und Malerei und war sehr verträumt. Mit ihrer Freundin Therese, einer Bühnenbildnerin, verkleidete sie sich eines Abends für einen Faschingsball der Münchner Boheme. Inmitten all der Masken trafen Mama die glühenden Augen eines jungen Schauspielers. Noch in dieser Nacht nahm sie ihn mit nach Hause zu ihrer Familie und versteckte ihn in ihrem Zimmer. Weil ihm kalt war, schlich sie in die Kammer der Haushälterin, zog der Schlafenden die Decke weg und breitete sie über ihren Liebsten. Resa wachte auf, weil sie fror, und torkelte durch die Wohnung auf der Suche nach ihrer Decke. Als sie den Fremden entdeckte, entriss sie ihm ihr Eigentum, und Mama war es egal, dass sie erwischt worden waren. Zu sehr war sie ihm schon verfallen.

Mama lebte mit ihren Eltern, fünf Geschwistern, der Haushälterin Resa und mehreren Hunden in einer 8-Zimmer-Altbauwohnung im Nobelviertel Herzogpark. Die Praxis ihres Vaters lief sehr gut zu dieser Zeit, er verdiente viel Geld.

Die Verliebten konnten nicht mehr voneinander lassen. Mamas Eltern sahen misstrauisch zu. Klaus stand oft barfuß, in immer demselben, wenn auch sauberen Hemd vor der Tür. Er hatte Hunger, oft bettelte er um Geld. Von Tag zu Tag wurde er ruheloser, die Arbeitslosigkeit quälte ihn. Nachdem er in München erfolglos vorgesprochen hatte, ging er nach Berlin, klapperte dort die Theater ab, kämpfte um ein Engagement. Mama überfiel in dieser Zeit grausame Übelkeit. Es gelang ihr ziemlich lange, den wachsenden Bauch vor der Familie geheim zu halten. Als weite Männerpullover nicht mehr halfen, musste sie ihre Schwangerschaft den entsetzten Eltern beichten. Sie fühlte sich unverstanden, hatte große Sehnsucht nach ihrem Geliebten. Der beschwor sie, nach Berlin zu kommen. Sie folgte ihm, und einige Wochen darauf heirateten die beiden. Seine Wohnung war ein Speicher, dessen Tür nicht abzuschließen war. Vom ersten Tag an ließ er sie allein zwischen Gerümpel, Spinnweben und Geistern, schlief nur eine einzige Nacht bei ihr. In dieser Nacht schob er sämtliche Gegenstände vor die Tür aus Angst vor Mördern. Mama war einsam und fürchtete sich. Und sie war schrecklich unglücklich, aber sie schämte sich vor ihrer Familie und sagte lange nicht, wie schlecht es ihr ging. Eltern und Geschwister lasen Mamas Verzweiflung zwischen den Zeilen ihrer Briefe. Ihre achtzehnjährige Schwester Inge, ein wildes, eigensinniges Mädchen, das sich vor niemandem und nichts fürchtete, beschloss, nach Berlin zu reisen, um ihrer Schwester beizustehen. Eines Tages konnte Inge die ständigen Pöbeleien und Wutausbrüche ihres Schwagers nicht mehr ertragen, stürzte sich voller Hass auf den Kerl und prügelte so lange auf ihn ein, bis er verstummte. Sie muss ihm imponiert haben, denn er schlug nicht zurück. Inge war einer der wenigen Menschen, vor denen er Respekt hatte.

Dann setzten bei Mama die Wehen ein. Zu dritt irrten sie durch die Nacht und suchten ein Krankenhaus. Sie sahen so jung aus, wie Kinder, die sich verlaufen hatten. Eine Polizeistreife hielt sie an, fragte, was sie in ihrem Alter denn um diese Zeit auf der Straße zu suchen hätten. »Man wird ja vielleicht noch sein Kind zur Welt bringen dürfen!«, antwortete Mama schnippisch. Die Polizisten glaubten den dreien nicht und fuhren im Schritttempo hinter ihnen her bis zur Klinik. Dort fiel Mama erst einmal in einen Erschöpfungsschlaf. Als sie aufwachte, hörte sie Klaus toben und schreien, die Ärzte und Schwestern ließen ihn von der Polizei abführen, und Mama musste das Krankenhaus wechseln. Während der Geburt rief er dort an und brüllte ins Telefon, warum seine Frau im Hintergrund so schreien würde!

Ein Mädchen wurde geboren. Klaus eilte herbei, hielt das Kind hoch wie eine Monstranz. Er nannte es Pola, nach der Pola in Dostojewskis Schuld und Sühne.

Mit einem Baby in einem Speicher ohne abschließbare Tür, ohne Möbel, ohne irgendwelche Vorbereitungen für das Neugeborene getroffen zu haben, wurde das Leben in Berlin vollends unerträglich. Acht Tage nach meiner Geburt drückte meine Mutter eine tiefe Kuhle in ein Kopfkissen, legte mich hinein und flog mit mir und ihrer Schwester zurück zur Familie nach München. Klaus tobte derweil in Berlin. Er ertrug es nicht, dass man ihn allein zurückgelassen hatte. Bald darauf stand er in München vor der Wohnung seiner Schwiegereltern und bat um Einlass.

An einem Sonnentag wurde ich in einen uralten weißen Korbkinderwagen gelegt und im Englischen Garten spazieren gefahren. Klaus fand dieses Gefährt so unerträglich hässlich, dass er alle Gänseblümchen von den Wiesen pflückte, ins Korbgeflecht steckte und den Wagen in einen fahrenden Gänseblümchenteppich verwandelte.

In dieser Zeit war mein Vater mit Thomas Harlan befreundet und zog viel mit ihm herum. Eines Tages wurde er laut heulend wie ein Wolf von Thomas zu meinem Großvater gebracht. An seinem linken Bein klaffte eine tiefe Wunde, aus der Blut quoll. Die beiden hatten auf dem Starnberger See ein Motorboot gemietet, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie man es manövriert. Bald verloren sie die Kontrolle, und das Boot raste führerlos über den See. In Panik sprangen sie ins Wasser. Dabei geriet mein Vater mit einem Bein an die Schiffsschraube. Thomas schleppte seinen Freund ans Ufer, wickelte Hemd und Hose um den Unterschenkel und fuhr ihn nach München in die Praxis.

Mein Großvater säuberte, nähte und verband die Wunde. Dann wurde Klaus ins Bett gebracht und von Mama gepflegt. Er lag da wie ein sterbender Schwan, mit geschlossenen Augen, stöhnte und wimmerte und ließ sich füttern und bedienen. Kaum ging es ihm besser, stand er auf, zog sich an, humpelte aus der Tür und blieb tagelang fort.

Die Familie besaß ein Haus in einem parkähnlichen Waldgrundstück in München-Grünwald und verbrachte dort viel Zeit, vor allem im Sommer. Die Dogge Agbar, der Rauhaardackel Seppl und ich durften auch mit. Das Haus war aus schwarzgebeiztem Holz, und das Dach zierte ein wunderschön geschnitzter Giebel. Niedrige Stuben mit vielen Betten für die Großfamilie und deren Freunde verteilten sich auf zwei Stockwerke. Ich war jetzt drei Jahre alt, und ich liebte dieses Haus, das Feuer im Kamin, und vor allem liebte ich es, mich nackt mit den Hunden im Gras zu wälzen. Einmal fand mich Mama weder im Haus noch im Garten. Aus der Hundehütte schauten drei Köpfe: die Dogge, der Dackel und in der Mitte mein feixendes Gesicht.

Mama und Inge versteckten sich bei Waldspaziergängen oft hinter Bäumen, kicherten und ergötzten sich daran, mich verzweifelt herumirren zu sehen. Erst wenn ich nicht einmal mehr die Kraft zum Weinen hatte und mich auf dem Waldboden einrollte, hatten sie Mitleid und gaben sich zu erkennen.

Inge verschwand manchmal stundenlang mit ihrer Geige im Wald, weil sie sonst nirgends Ruhe hatte, zu spielen. Von weit her kam ihre Musik. Immer länger blieb sie fort. Manchmal kam sie erst am nächsten Morgen zurück und sprach kein Wort, stand einfach nur da mit geschlossenen Augen. So als wollte sie nicht gesehen werden, von niemandem. Eines Tages hieß es dann, Inge sei tot.

Ich springe vom Stuhl, rutsche mit der Schulter an der Tischkante entlang, bis ich mit den Fingern Mamas Knie berühre, und schaue sie lange an.

»Warum ist Inge gestorben?«

Mama reagiert nicht auf mich, sie starrt immer noch an die Wand. Ich spüre, dass sie weint, aber ich sehe keine Tränen. Dann sagt sie: »Ich weiß es nicht, keiner weiß es!«

»Und dann, was war dann?«, frage ich weiter.

Nach dem Tod von Mamas Schwester brach die Familie auseinander. Großmutter und Großvater trennten sich, die Geschwister wurden in alle Winde verstreut. Der jüngste Sohn, etwa 18 Jahre alt, blieb bei der Mutter. Sie mieteten eine Zweizimmerwohnung in Schwabing. Mama zog mit ihrem Vater und mir in jene große Altbauwohnung, die gleichzeitig auch Arztpraxis war.

Mit Mama bei Großvater in der Praxis zu wohnen, finde ich schön. Dort ist jetzt mein Zuhause. Außerdem kommen immer viele Menschen, die von Großvater geheilt werden wollen. Oft sitze ich still in einer Ecke und lausche den Geschichten, die sie sich erzählen: von ihren Krankheiten, ihren Leiden. Vom 80. Geburtstag des Schwiegervaters im Schrebergarten-Vereinslokal. Dass mindestens neunzig Gäste da waren, von der einzigen Cousine aus Regensburg bis zum Urenkel aus Kanada. Dass man sich vor den Verwandten in Grund und Boden schämt, weil manche Pächter ihre Gärten zu einem Saustall verkommen lassen. Zum Beispiel der komische Neue. Er soll keine Frau haben, hat sich herumgesprochen. Man hört immer nur Männerstimmen aus der Hütte. So mancher Nachbar ist in der Dunkelheit schon am Garten entlanggeschlichen. Aber es war weder etwas zu sehen noch zu verstehen. Ob der lange geduldet wird vom Verein? Und was es alles zu essen gab: Schweinshaxen, Spanferkel, Knödel, Sauerkraut. Vor allem viel Fleisch! Wer sich von wem getrennt hat und dass die blonde Frau aus Polen, die kürzlich eine so wunderbare Hochzeit gefeiert hat, ihren Mann jetzt schon mit seinem Kollegen betrügt. Aber das darf keiner wissen. Dass das Enkelchen was ganz Besonderes ist, weil es mit zehn Monaten schon fast läuft, und dass Mutti mit ihren bandagierten Beinen kaum mehr gehen kann, obwohl sie das doch müsste wegen ihrer Thrombosen! Ihnen zuzuhören ist so spannend, wie ein Märchen vorgelesen zu bekommen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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