Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln - Torsten Schulz - E-Book

Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln E-Book

Torsten Schulz

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Beschreibung

Stadion an der Alten Försterei, Ende der 60er Jahre: Von seinem Stehplatz auf der Waldseite fiebert ein Junge mit seinem Verein, dem 1.FC Union Berlin, und seinem Lieblingsspieler Günter "Jimmy" Hoge mit. Die Stunden im Stadion bedeuten dem Jungen die Welt - und so reicht es ihm bald nicht mehr aus, sein Idol aus der Ferne zu bewundern. In imaginierten Gesprächen kommt er Jimmy ganz nah und gewinnt in ihm einen unsichtbaren Freund, der ihn durch seine Kindheit und Jugend begleitet. Torsten Schulz erzählt in "Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln" vom Aufstieg und Fall eines großen Talents in einem kleinen Land. Von einem Ausnahmespieler, den die Fans des Berliner Proletarierclubs nicht nur für seine Dribblings und göttlichen Flanken liebten, sondern auch für seine wilde, unangepasste Art. Das war kein Profiathlet, das war einer von ihnen.

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Seitenzahl: 88

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Torsten Schulz stammt aus Ostberlin. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Professor für Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg. Zahlreiche Spielfilme wurden nach seinen Drehbüchern realisiert (u. a. „Raus aus der Haut“, 1997) und erhielten Preise und Nominierungen. Ebenso Hörspiele nach seinen Romanen (u. a. „Boxhagener Platz“, 2004, und „Nilowsky“, 2013).

Verlag Voland & Quist GmbH, 2026

© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin 2026

Lektorat: Helge Pfannenschmidt

Reihen-Hrsg. IKONEN: Frank Willmann

Umschlaggestaltung und Satz: Guerillagrafik

ISBN 978-3-86391-492-9 voland-quist.de

Druck und Bindung: BALTO print, Litauen

Verlag Voland & Quist GmbH Gleditschstr. 66 D-10781 Berlin

[email protected]

INHALT

Kindheit

Stutzen runter, alles zerlegen

Bomben, Karriere

Wohin flankt Jimmy, und wann spielt er zurück

M, LV, SV, Knecht

Auf die Matte, Geheimnis, erste Geschichte

Nun fang bloß nicht an zu dribbeln

Hot Pants

Titos Koffer

Jimmy

Epilog

Kindheit

Der Geruch der Nadelbäume am Ufer des Sees in der nachmittäglichen Hitze des Sommers, während ich aufs Wasser schaue und die Zeit sich ins Unendliche dehnt. Das ist Kindheit.

Oder aber: Auf der Waldseite im Stadion An der Alten Försterei stehen, inmitten der Männer, die rauchen und fluchen und jubeln, und auf dem Spielfeld Jimmy Hoge, ein kleiner, quirliger Mann, Mitte zwanzig, wie er rennt und dribbelt, als würde er um sein Leben rennen und dribbeln, bis er vor Erschöpfung ausgewechselt werden muss und unter dem tausendfachen Applaus seiner Fans, zu denen auch ich mich zählen darf, das Spielfeld verlässt.

Mit der Kindheit ist es wie mit der Geliebten, die mich noch einmal innig umarmt, bevor sie aus dem Raum geht, um nie wiederzukommen, während ihr Geruch bei mir bleibt. Ich weiß, dass der Geruch vergehen und meine Erinnerung an die Geliebte verblassen wird. Deshalb und dafür ist meine Sehnsucht umso größer.

Eine Sehnsucht, die mich bisweilen betäubt. Andererseits steigert sie meine Lebensintensität. Auch oder gerade, wenn ich mich gegen sie zur Wehr setze. Was ist ihr tieferer Sinn, wenn sie einen hat? Kann sie mich über das vielleicht Gravierendste, die Unabwendbarkeit des Todes, hinwegtrösten? Nein, wie sollte sie? Ganz im Gegenteil.

Als Kind fragte ich mich: Ist denn die Tatsache, dass bisher jeder Mensch gestorben ist, ein Beweis dafür, dass alle Menschen sterben müssen? Und ist denn überhaupt bewiesen, dass bislang jeder Mensch gestorben ist? Oft stellte ich mir vor, wie ich beerdigt werde. Ein kleiner Sarg, in dem ich, das Kind, liege, wird in eine tiefe Grube hinuntergelassen. Um die Grube herum stehen alle meine Verwandten, die nahen und die ferneren, alle Freunde und Klassenkameraden, alle Lehrer. Und noch mehr Menschen: aus der Straße, in der ich wohne; vom Spielplatz, den ich fast jeden Tag besuche; sogar solche, die ich aus dem Fernsehen kenne und von denen ich natürlich nicht gedacht hätte, dass sie ausgerechnet zu meiner Beerdigung kommen. Diese unerwartete Beachtung freut mich, und noch mehr freue ich mich über die Ergriffenheit aller Besucher, besonders meiner Mutter, meines Vaters, meines Stiefvaters. Keiner, der nicht weint oder sogar wehklagt. Ach, hätten wir ihn doch nur besser behandelt. Wir werden nie verwinden können, dass er nicht mehr unter uns ist.

Immer wieder, besonders dann, wenn mir nach meiner Auffassung eine Kränkung widerfahren war, stellte ich mir meine Beerdigung vor.

Stutzen runter, alles zerlegen

Erst vor ein paar Jahren begann ich mir einzugestehen, dass ich genau genommen aus einem ganz bestimmten Grund in das Stadion An der Alten Försterei gehe: Ich will Tuchfühlung mit meiner Kindheit behalten oder wieder aufnehmen. Ich will sie nicht verlieren. Natürlich könnte ich auch ganze Sommertage an stillen Waldseen zubringen, an denen ich mich als Kind aufgehalten habe. Oder stundenlang durch die Straßen von Berlin-Friedrichshain gehen, genau dort, wo meine Kindheit begann, im Viereck Warschauer Straße, Frankfurter Allee, Revaler und Gürtelstraße, oder in Spindlersfeld, wo sie endete, am besten in der Rudower Straße am Bahndamm entlang, doch im Stadion ist die Kindheit spürbar konzentrierter, auch wenn es natürlich nur die Erinnerung an sie ist oder eine Imagination, der ich den Namen Kindheit verleihe. Ich kann sie ja nicht zurückholen. Oder kann ich das? Der Frage haftet etwas Kindliches an. Das ist schön. Aber natürlich kann ich das nicht.

Im Stadion stehe ich auf der Waldseite, wo ich als Achtjähriger, 1968, bereits stand. Ich versuche, mich nicht ablenken zu lassen von den Gesängen der jüngeren Fans um mich herum, und erinnere mich, wie Jimmy Hoge auf der rechten Seite des Spielfelds, dicht an der Außenlinie entlang, in Richtung Tor des Gegners sprintet. Wolfgang Wruck hat den Ball oder Hartmut Felsch oder Uli Prüfke; sie spielen ihn in den Lauf von Jimmy, der ihn aufnimmt und zu dribbeln beginnt. Jimmy, Stutzen runter, rufen in meiner Erinnerung die Männer, die vor, neben oder hinter mir stehen, während Jimmy dribbelt und, wenn er eine Übermacht von zwei, drei oder gar vier Spielern auf sich gezogen hat, in den Strafraum flankt, wo Meinhard Uentz bereitsteht oder Ralf Quest, um einzuköpfen. Ein typischer Union-Spielzug: Jimmy sprintet, dribbelt, flankt; einer seiner Mitspieler köpft oder schießt ein. Oder auch nicht. Meistens nicht. Aber egal, Jimmy brilliert, so oder so.

Unter elf Sekunden, heißt es, sprintet er die hundert Meter. Tatsächlich sind es größtenteils nicht mehr als dreißig; die aber läuft er, als wollte er sich für die nächste Leichtathletik-Weltmeisterschaft empfehlen. Dabei, so sagen die Männer um mich herum, habe er die Nase oft genug im Bierglas. Manchmal komme er sogar angetrunken zum Training. Um wie viel könnte er sich noch verbessern, wenn er abstinent wäre? Jimmy und abstinent, was soll das denn? Na, nur mal so, zur Überlegung, rein theoretisch. Oder muss er etwa saufen, um so gut zu sein? Bei einem Genie ist doch alles vorstellbar, oder? So reden, auf der Waldseite im Stadion an der Alten Försterei, die Männer von damals.

Und die Fans, die heutigen, sie singen: Dem Morgengrauen entgegen, ziehen wir gegen den Wind. Wir werden alles zerlegen, bis wir Deutscher Meister sind. FC Union, du sollst leuchten wie der hellste Heiligenschein. Und überall wird es schallen, FC Union unser Verein …

Der hellste Heiligenschein leuchtet natürlich mit ironischer Note, dennoch verbirgt sich dahinter ein kleines Surrogat namens Utopie. Und Deutscher Meister? Nur schwer denkbar. Auch wenn der 1. FC Union mittlerweile, anno 2025, in der Bundesliga spielt, und das schon seit sechs Jahren. Kaum zu glauben, wenn man sich erinnert, wie es nach dem Ende der DDR mit dem Verein bergab ging und die Mannschaft schließlich in der Regionalliga spielte. 2008 – noch gar nicht so lange her. Und nun? Deutscher Meister! Der Mensch – und die Unterart Fußballfan zähle ich ausdrücklich dazu – braucht zweifelsohne Utopien. Auch wenn bislang wohl noch nie eine in Erfüllung gegangen ist. Und auch – oder gerade –, wenn er es ironisch zu kaschieren versucht.

Wohin führt der Weg, der in der Utopie enden soll? Man kennt das aus der Geschichte; man darf sogar die Weltgeschichte bemühen. Aber lassen wir das. Denn Gott sei Dank ist ja alles zerlegen, also alles, nicht weniger utopisch. Und Minus mal Minus – Deutscher Meister multipliziert mit dem Zerlegen – ergibt bekanntermaßen Plus. Also doch nicht so schlimm. Oder sogar gut. Man muss diese Zukunftsphantasien, die ins mehr oder minder Surreale tendieren, nur passend zusammenfügen.

Kein Wunder also, dass ich Jimmy wieder an der rechten Außenlinie sehe, und nun sind es die heutigen Spieler, Rani Khedira, Christopher Trimmel oder Janik Haberer, die ihm den Ball zuspielen. Jimmy dribbelt los, vorbei an Kimmich und Upamecano, denn der 1. FC Union spielt gegen keinen Geringeren als den FC Bayern München. Fast verdribbelt er sich gegen den herbeigeeilten Alphonso Davies, aber gerade noch rechtzeitig flankt er über Manuel Neuer hinweg zu Jordan Siebatcheu, der, selten genug, ja endlich, per Kopf ins Tor trifft.

Grund genug, dass sich die Union-Fans vereinigen, die heutigen und die damaligen. Wir werden alles zerlegen, bis wir Deutscher Meister sind. Und die Damaligen – auch sie haben es mit der Ironie, wenngleich von der harmloseren Sorte, geradezu neckisch, wie um kindliche Scherze bemüht: Union, pack die Stullen aus, Bayern sieht verhungert aus. Darauf die Heutigen mit dem Bayern-Gegner-Lied, das auch in anderen Stadien gesungen wird: Zieht den Bayern die Lederhosen aus. Kein einziger Bayern-Spieler trägt Lederhosen, aber der Spruch ist natürlich metaphorisch gemeint, sodass der augenblickliche Wahrheitsgehalt als nebensächlich eingestuft werden darf. Jeder Zweite dort ein ehrenloser Clown, geht es weiter im Lederhosen-Text, der Charakter ist versaut und die Seele schon verkauft. Das reimt sich nicht, aber auch das kümmert niemanden.

Warum sollte es auch? Alle Blicke sind auf Jimmy gerichtet, der nach der göttlichen Flanke am rechten Spielfeldrand verharrt, als hätte er eine besondere Veranlassung, keinen Meter von dort zu weichen. Er dreht sich einmal um die eigene Achse, langsam, genussvoll, um den Zuschauern, allen Zuschauern im Stadionrund entgegenzulächeln. Das ist seine Art zu feiern. Oder sich feiern zu lassen. Die Mitspieler – Khedira, Haberer, Trimmel, Voigt, Juranovic – müssen zu ihm kommen, um ihn zu umarmen. Sogar Jordan Siebatcheu, obwohl er es doch war, der das Tor gemacht hat.

Sobald der Jubel der Fans abgeebbt ist, ruft Uli Hoeneß, der immer noch einflussstärkste Fußball-Bayer, von der VIP-Tribüne: Der kleine Siebener, dieser Jimmy Hoge, der spielt ja wie Franck Ribéry spielte, in seinen besten Zeiten. Den müssen wir kaufen!

Nein, rufe ich, der Achtjährige, zurück, Franck Ribéry, der spielte, als er noch spielte, wie Jimmy spielt. So herum. Und kaufen könnt ihr Jimmy noch lange nicht, niemals könnt ihr das.

Nach der Partie – ein glückliches, aber auch verdientes Zwei zu Eins gegen die Bayern – klettere ich, der Achtjährige, über das hohe Absperrgitter (das es damals, 1968, übrigens noch nicht gab) aufs Spielfeld. Dort imitiere ich Jimmys Ballannahme, seine Dribblings, seine Flanken; auf einmal läuft er neben mir. Ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht wäre; irgendwie hab ich sogar damit gerechnet. Mit seinen Einsneunundsechzig ist er nur einen Kopf größer als ich, und er spricht nicht wie ein berühmter Fußballer zu mir, sondern wie ein Freund, der etwas älter ist, auf jeden Fall schon in der Pubertät, fünfzehn oder sechzehn vielleicht.

Sag mal, sagt er, kannst du nicht erst mal, bevor du mit mir irgendwelche Utopien anstellst, oder wie man das nennen sollte, denn so ein phantastischer Unsinn, damals und heute, alles miteinander vermischen, das sind doch Utopien, die du ja eigentlich kritisierst, oder findest du sie plötzlich nicht mehr deplatziert … ich meine, um der Sache näher zu kommen, kannst du nicht erst mal, so wie jeder