Kirchengemeinde entwickeln - Gerhard Wegner - E-Book

Kirchengemeinde entwickeln E-Book

Gerhard Wegner

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Beschreibung

Die Kirchengemeinde bleibt trotz vielfacher Kritik und einem enormen Veränderungsdruck die Basis christlichen Lebens einer jeden evangelischen Kirche. Ohne ihre Vitalität kann sich der christliche Glaube nicht entfalten, weswegen die offenkundige Krise der Kirche vor allem eine ihrer Gemeinden ist. Um ihre ursprüngliche Kraft zurückzugewinnen, wird sie sich in fast jeder Hinsicht verändern müssen. Die Selbstverständlichkeit der Ortskirchengemeinde geht dabei mitunter verloren. Was auch eine Chance sein kann, denn gerade so gewinnen Innovationen an Dynamik. Wohin dieser Transformationsprozess letztendlich läuft, ist offen. Deutlich ist aber, dass sich die Formen der Selbstorganisation als Ausdruck eines selbstbewussten, empowerten christlichen Glaubens in den Vordergrund schieben werden. Die Erneuerung der Kirche hängt von selbstständigen, sich selbst organisierenden Kirchengemeinden ab. Ihre Strukturen müssen dem entsprechen.

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gerhard Wegner

Kirchengemeindeentwickeln

VANDENHOECK & RUPRECHT

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2026 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill BV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Brill Wageningen Academic, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: AdobeStock_827166493

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

E-Mail: [email protected]

ISSN 2700-1032 (print) | ISSN 2700–1059 (digital)

ISBN 978-3-525-63419-6 (print)

ISBN 978-3-647-99210-5 (digital) | ISBN 978-3-666-63419-2 (eLibrary)

Inhalt

Vorwort der Herausgeber

Vorwort

Einleitung

1Zur Situation: Wie geht es der Kirchengemeinde?

1.1Kirchengemeinde – eine Lebensform

1.2Die »Säulen des Glaubens«

1.3Zur Lage der Kirchengemeinde

1.4Typologie der Mitglieder

1.5Soziale Milieus, Diversität und Vielfalt

1.6Die »Unterjüngung« der Kirchengemeinden

1.7Der Faktor Gender

1.8Mitgliedergewinnung und -bindung

1.9Die Kindertagesstätte

1.10Organisationsformen christlicher Gemeinden

1.11Sonderfall Deutschland: weltweite Variationen der Kirchengemeinde

2Essentials: Was macht eine Kirchengemeinde aus?

2.1Grundlegende Eigenschaften

2.2»Gemeinde« als normativer Bezug der Kirche

2.3Die Delegitimierung der Kirchengemeinde

2.4Kirchengemeinden sind Netzwerke

2.5Wirkungsformen der Gemeinde

2.6Soziale Kommunikation

2.7Kulturelle Kommunikation

2.8Politische Kommunikation

2.9Teilhabe an Christus: eine geistliche Lektüre der Gemeinde

3Update: Perspektive Transformation

3.1Der Umbau der Kirche: Ende der Parochie?

3.2Fusionen von Kirchengemeinden

3.3Sozialraumorientierung: Last Exit Parochie

3.4Kommunikationsform Digitalität

3.5Perspektive Sozialreligion?

3.6Interkulturalität

4Impulse: Wer entwickelt eine Kirchengemeinde?

4.1Die Entdeckung der Gemeinde in ihrem Entwicklungsprozess

4.2Akteure in der Gemeinde

4.3Der Kirchenvorstand

4.4Pfarrpersonen

4.5Haupt- und Nebenamtliche

4.6Ehrenamtliche

4.7Die Verwaltung

4.8Der Wille zur Gemeinde: Partizipation und Lust an der Gestaltung

5Die Zukunft: vitale Kirchengemeinde

5.1Entwicklungspfade

5.2Misserfolgsorientierungen

5.3Faktoren der Vitalität

5.4Kommunikation: Sprache und Habitus

5.5Triggerpunkte

5.6Empowerment: Bevollmächtigung und Macht

Zehn goldene Regeln

Literatur

Vorwort der Herausgeber

Die Reihe »Praktische Theologie konkret« will Pfarrer:innen sowie weitere Mitarbeitende in Kirche und Gemeinde mit interessanten und innovativen Ansätzen in kirchlich-gemeindlichen Handlungsfeldern bekannt machen und konkrete Anregungen zu guter Alltagspraxis geben.

Die Bedingungen kirchlicher Arbeit haben sich in den letzten Jahren zum Teil erheblich verändert. Auf viele heutige Herausforderungen ist man in Studium und Vikariat nicht vorbereitet worden und in einer oft belastenden Arbeitssituation fehlt meist die Zeit zum Studium neuerer Veröffentlichungen. So sind interessante neuere Ansätze und Diskussionen in der Praktischen Theologie in der kirchlichen Praxis oft kaum bekannt.

Der Schwerpunkt der Reihe liegt nicht auf der Reflexion und Diskussion von Grundlagen und Konzepten, sondern auf konkreten Impulsen zur Gestaltung pastoraler Praxis:

–praktisch-theologisch auf dem neuesten Stand,

–mit Informationen zu wichtigen neueren Fragestellungen,

–Vergewisserung über bewährte »Basics«

–und einem deutlichen Akzent auf der Praxisorientierung.

Die einzelnen Bände sind von Fachleuten geschrieben, die praktischtheologische Expertise mit gegenwärtiger Erfahrung von konkreter kirchlicher Praxis verbinden. Wir erhoffen uns von der Reihe einen hilfreichen Beitrag zu einem wirksamen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis kirchlicher Arbeit.

Dortmund/Göttingen

Hans-Martin Lübking und Bernd Schröder

Vorwort

Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, wollte ich etwas Ermutigendes zu Papier bringen. Depressive Analysen zur Lage der Kirchen und Gemeinden gibt es genug. Bei diesem Ziel ist es auch geblieben. Aber ganz anders als gedacht. Denn je mehr ich mich in die Materie hineinbegab, desto deutlicher wurde mir, dass sich aus der derzeitigen Lage der Kirchengemeinde alles andere, aber keine Ermutigung begründen lässt. Die hier zusammengestellte Empirie lässt so etwas schlicht nicht zu, und je mehr Material man sammelt, desto skeptischer werden Prognosen. Hoffnung, dass wurde mir schnell deutlich, kann nur kontrafaktisch begründet werden: Im Vertrauen auf den Auftrag der Kirchengemeinde und seine Entfaltung. Es wird – das ist sicher! – immer Menschen geben, die sich zusammentun und eine Gemeinde sein wollen. Auf sie kommt es an: auf den Willen, Gemeinde zu sein. Das mag im wahrsten Sinne des Wortes sehr gewollt klingen. Aber einen anderen Weg kann ich nicht erkennen. Dass es Menschen gibt, die gerade heute mit Ernst Christen und Christinnen sein wollen, ist allein die Quelle der Hoffnung.

Im Kern besteht das Buch aus einer Zusammenstellung von empirischen Erkenntnissen über Evangelische Kirchengemeinden in Deutschland. Die neuesten Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD und der DBK (SI der EKD/Kath. Arbeitsstelle 2024) werden aufgenommen. Deswegen: ein großer Dank an alle, die sich bei einer solchen sozialwissenschaftlich-empirischen Begegnung mit der Realität auseinandergesetzt haben und nicht bei ihren eigenen theologischen oder anderen Konstruktionen stehengeblieben sind! Aber natürlich gibt es auch andere Weisen, sich der Erfahrungswelt zu nähern. Und vor allem gilt, dass auch empirische Forschung nicht ohne Fiktionen, das heißt ohne theoretische, theologische Perspektiven, betrieben werden kann. Gerade in der empirischen Forschung sieht man – wie auch sonst – nur, was man weiß. In dieser Richtung sortiert das Buch die Empirie und stellt so ihren Erkenntniswert in einen Kontext.

Das Thema Kirchengemeinde ist ungeheuer komplex. Vielleicht ist deswegen auch nur selten der Versuch gemacht worden, sich in einem Buch auf sie zu konzentrieren, obwohl gerade das sehr nötig wäre, denn sie war und ist die Basisstruktur der Kirche. Wenn sie schwach ist, ist es die Schwäche der gesamten Kirche. Diese Komplexität wird hier ein Stück weit reduziert, und der Versuch gemacht, einige Sichtachsen freizulegen. Das beginnt schon damit, dass Kirchengemeinden als Lebensformen verstanden werden. Aber man wird eine Reihe von Aspekten auch vermissen (z. B. besondere spezielle Kirchen für Kunst, Musik, Jugendliche), die anderswo in dieser Buchreihe vorkommen. Wer eine enzyklopädische Übersicht sucht, sei zu meiner Entlastung verwiesen auf das große Handbuch für Kirchen- und Gemeindeentwicklung von 2014, herausgegeben von Ralph Kunz und Thomas Schlag.

Mein großer Dank gilt vor allem dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD. Ohne dessen umfangreiche empirisch basierten Studien zu den Gemeinden und allen möglichen anderen kirchlichen Arbeitsbereichen wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass dieses Institut kirchensoziologisch im evangelischen Bereich in Deutschland führend ist. Ein besonderer Dank für eine tolle Kritik an einer früheren Fassung und Beratung geht zudem an Petra-Angela Ahrens und Hans-Martin Lübking. Und auch an Carlotta Koch für das tolle Lektorat des Textes.

Bei Zitaten aus Texten mit englischen Titeln handelt es sich um Übersetzungen ins Deutsche. Sie sind von mir angefertigt worden.

1Zur Situation:Wie geht es der Kirchengemeinde?

1.1Kirchengemeinde – eine Lebensform

Die christliche Gemeinde ist der entscheidende kollektive sicht- und erfahrbare Teil des christlichen Glaubens. In ihr geht es nicht um »Religionssensibilität«, sondern um Religion. Nicht der oder die Einzelne in ihrer Unmittelbarkeit zum trinitarischen Gott, sondern die Kommunikation mit anderen, in der sich »Koinonia – Realisierung« (Kunz-Herzog 1997, 73 ff.) vollzieht, ist der Ort seiner leibhaftigen, materiellen Existenz. Was die Verbundenheit der Christen und Christinnen mit ihrer Kirche anbetrifft, so nennen in der aktuellen EKD-Untersuchung 64 % an erster oder zweiter Stelle die örtliche Kirchengemeinde. EKD (18 %) und Landeskirche (12 %) folgen weiter hinten (EKD 2023, 45 ff.). Diese große Bedeutung der Ortskirchengemeinde wurde auch schon früher immer wieder konstatiert, insbesondere in der 5. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (2014). Hier gaben 45 % der Evangelischen an, mit ihrer Kirchengemeinde sehr und ziemlich verbunden zu sein (23,8 % etwas verbunden) (EKD 2023, 45 ff.) und diese erreichte damit den für die Bekanntheit der Kirche mit Abstand wichtigsten Platz. Geprägt ist diese Bekanntheit allerdings kaum durch gemeindliche Aktivitäten wie Gruppen und Kreise, sondern durch Kasualien, Personen und vor allem Kirchengebäude. Hinzu kommt kennzeichnend, dass sich Menschen, die sich der Kirchengemeinde verbunden wissen, sozusagen auch »inhaltlich« der Kirche näher fühlen und viele ihrer Anliegen aktiv mittragen (Hermelink/Kretzschmar 2015, 59 ff.). Trotz aller Kritik an ihr gilt deswegen mit Jan Hermelink und Gerald Kretzschmar: »Auch unter den Bedingungen moderngesellschaftlicher Differenzierung, religiöser Vielfalt und biographischer Mobilität scheint die Kirche vor Ort aus der Sicht der Mitglieder von hoher, ja gelegentlich identitätsstiftender Bedeutung zu sein« (67). Weiter heißt es: »Das gelingt der Kirche vor allem deshalb, weil ihre Mitglieder in der Ortsgemeinde eine ganze Reihe höchst vielfältiger Themen, Personen und Vollzüge wahrnehmen, an denen sie selbst – je nach der eigenen religiösen und biographischen Konstellation – auf ebenso vielfältige Weise teilnehmen können« (67). Einen anderen Ort von ähnlich großer Bedeutung gibt es für Kirche und Religion nicht!

Die Kirchengemeinde ist für die an ihr Partizipierenden und auch für die sie Wahrnehmenden mehr als nur eine Gelegenheit, obwohl sie nicht selten als solche in den Blick gerät. Sie stellt eine Lebensform dar, ganz im Sinne der Analyse von Rahel Jaeggi (2014), die in ihrer »Kritik von Lebensformen« gerade wegen ihrer normativen Argumentationen auch für die Theologie interessant ist. Kernelemente des Lebensformbegriffs sind: (1) Es geht um ein Bündel von Praktiken, die miteinander zusammenhängen und aufeinander bezogen sind. Sie stellen (2) kollektive Gebilde und Ordnungen menschlicher Koexistenz dar. (3) Diese Formen haben gewohnheitsmäßigen Charakter: Man nutzt eine vorgängige und gebahnte Struktur. Und (4) diese Formen sind gegen Möglichkeiten der Unordnung abgegrenzt. Sie »zeichnen sich zumindest aus der Binnenperspektive der an ihnen Teilnehmenden durch eine gewisse Kooperationserwartung aus.« Sie sind also mit einem normativen Erwartungsdruck verbunden (77).

Folglich unterscheiden sie sich von nur sporadischen Begegnungen und situativen Gelegenheiten, die spontan aufgegriffen und wieder fallen gelassen werden können. Charakteristisch ist der in ihnen enthaltene Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeit, der mit der Teilhabe an umfassenden sozialen Normgefügen einhergeht (78). An dieser Stelle könnte man nun aus der alltäglichen Erfahrung der Unverbindlichkeit der Praktiken der Kirchengemeinde heraus bestreiten, dass sie eine Lebensform sei. Und sicherlich ist es richtig, dass dies auch nicht für alle Mitglieder gleichermaßen gilt. Dass es jedoch in ihrem Selbstverständnis solch einen normativen Kern gibt, lässt sich nicht leugnen, auch wenn er in den letzten Jahren aus Angst, Menschen zu verschrecken, selten artikuliert wird. Paradoxerweise wird diese These gerade von den hohen Austrittszahlen bestätigt, die damit die Existenz von Verhaltenserwartungen im Zurückweisen ja gerade bestätigen. Und wer dazugehört weiß, was das alles »eigentlich« bedeutet, und äußert sich beispielsweise in der Regel positiver über die Kirche als andere. Allerdings sind dies nur Vermutungen. Eine empirische Studie über die Erfahrungen der Gemeindemitglieder mit ihren Gemeinden gibt es bisher nicht.

Allerdings ist die Nutzung des Lebensform-Begriffs für die Kirchengemeinde auch nicht selbstverständlich. In der Literatur kann von einer christlichen Lebensform gesprochen werden, ohne dass die Teilhabe an einer Kirchengemeinde überhaupt erwähnt wird (Grethlein 2018). In dieser Richtung entwickelt Christian Grethlein letztlich das »Christsein als Lebensform« sehr plausibel aus der Mimesis Jesu Christi: als in seiner Nachfolge erwachsend und gerade deswegen unter modernen Lebensbedingungen als attraktiv (138). Die Mimesis Christi erfolgt in Form von Taufen, Mahlfeiern und Predigten (204 ff.) in »basalen Kommunikationsformen« des Segnens, Betens und Erzählens (168 ff.). Aus diesen Kommunikationssituationen resultierten »jeweils neue soziale Bedingungen« (168), die allerdings nicht näher benannt werden. Dass sich all diese Kommunikationen im Regelfall in einer Kirchengemeinde vollziehen und damit einer bestimmten Formatierung unterliegen, wird nicht gesagt, obwohl es doch selbstverständlich ist. Und noch mehr: Obwohl es doch solch eine Praxis nur in Gemeinschaft, zumindest aber, wenn verstetigt, in einem organisierten Kontext gibt. Natürlich muss das nicht die Parochie sein, aber dann muss diskutiert werden, in welcher verstetigten Form sich christliche Kommunikation denn dann vollzieht.

In diese Richtung zielt auch der Lebensform-Begriff bei Martin Laube (2015), obwohl er die Kirchengemeinde nicht erwähnt. Ihm geht es darum, mit seiner Hilfe sinnlose Gegensätzlichkeiten zwischen der Kreativität und Freiheit des Einzelnen und der religiösen Institution zu überwinden. »In dem Maße, in dem sich die Subjekte in eine gegebene Praxis einfügen, bilden sie diese zugleich konstruktiv um« (47). Eben dies gilt auch für Christen und »ihre« Gemeinden. Und anders: »Das Christentum eröffnet dem Einzelnen einen sozialen Spielraum zur Lebensführung; ihn dann auch zu nutzen bleibt seine eigene Sache« (47). Aber eben: Die Eröffnung dieses Spielraums – auch eine normative Dimension! – fällt nicht vom Himmel, auch nicht von dem der Bildung, sondern entwickelt sich in – oder zumindest mit – der Gemeinde!

Ein Nachdenken über die Gemeinde kann so nur »nach vorne« hin geschehen: in Richtung der Wiedergewinnung ihrer ursprünglichen Radikalität, Produktivität und Resonanzfähigkeit. In ihren besten Zeiten war sie ein Heterotopos: ein dritter Ort in der Gesellschaft, an ihrem Rand, teilhabend an einer die Gesellschaft transzendierenden Bewegung. Aber nicht selten hat sie sich auch dahingeschleppt, kraftlos, hat sich selbst aus der Gesellschaft herausdrängen lassen, mutlos. Gerade jetzt scheint das so zu sein.

Gemeindeaufbau bedeutet mit Ralph Kunz-Herzog (1997) im Grundsatz: »Option Koinonia«. »Menschen sollen bewegt werden für die Sache Jesu. Menschen bewegen andere Menschen dazu, ihr Leben im gemeinsamen Feiern und im gemeinsamen Alltag miteinander zu teilen« (167). Große Worte, sicherlich. Aber wenn überhaupt, dann ist hier Pathos angebracht, denn was sich vollziehen kann, ist eine »heilende Partizipation am ›Leib Christi‹« (165), an »Christus als Gemeinde existierend« (Bonhoeffer 1986, 133). Es geht um die Förderung gelebten Glaubens, mithin um das, was mal als Frömmigkeit bezeichnet wurde. Kirchengemeinden sind Orte der Frömmigkeit, in denen das Feuer des Glaubens weitergegeben wird. Oder auch nicht (mehr). Aber dann wird es nirgendwo mehr weitergegeben.

1.2Die »Säulen des Glaubens«

Und das sieht in dem großen Land der Kirchengemeinde, den USA, nicht anders aus:

Die amerikanische Religion hat sich nicht deshalb so stark entwickelt, weil sie jedem Einzelnen die Freiheit gegeben hat, seine eigene spirituelle Suche zu verfolgen, oder weil dort einzigartig tragfähige theologische Ideen Fuß gefasst haben, sondern weil das amerikanische Recht und die amerikanische Gesellschaft einen Raum für freiwillige Religionsgemeinschaften geschaffen haben (Ammerman 2005, 2).

Weiter schreibt Ammerman: »Die Aufgabe, die Menschheit mit dem Göttlichen in Verbindung zu bringen, ist daher die Kernaufgabe, die das daraus resultierende ›Organisationsfeld‹ definiert« (33). Dies geschieht durch Gottesdienste, befähigende individuelle Religion, religiöse Erziehung und Bekehrung. Am wichtigsten sei das Singen (268). Im Zentrum stehen Formen der religiösen Kommunikation. »Ob sie nun lehren oder predigen, sich an kollektiven Ritualen beteiligen oder sich mit individueller Reflexion und Wachstum beschäftigen – die Gemeinden sagen, dass ihr Hauptaugenmerk spirituell ist und sein sollte« (33). Entsprechend weist jede Gemeinde eine Form der gottesdienstlichen Versammlung auf (36).

Daraus folgt bei Nancy Ammerman (2005) eine Definition: »In Gemeinden hören Menschen Geschichten über das Wirken Gottes in der Welt, erleben eine heilige Präsenz als Teil ihrer eigenen sich entfaltenden Lebensgeschichte und bauen Beziehungen auf, die es ermöglichen, dass neue gemeinsame Glaubensgeschichten zur kollektiven Überlieferung hinzugefügt werden« (270). Wenn das keine Teilhabe am Leib Christi als Lebensform ist, was dann? Kopplung der eigenen Lebens-Geschichten mit den Narrativen der großen Gottesgeschichten – im Hier und Jetzt. Das ist der Vollzug von Gemeinde. Mehr geht nicht. In der Indigenisierung des Glaubens in den vielen Lebenswelten erwacht Christus zum Leben, zur Gestaltwerdung in der Lebensform Gemeinde. Wer wissen will, was es mit dem christlichen Glauben auf sich hat, der oder diejenige sollte eine Gemeinde besuchen. Erst durch sie erwache ein noch so eindrucksvolles Kirchengebäude tatsächlich zum Leben.

Eine Kirchengemeinde stellt eine eminente Lebensform des Religiösen dar – nicht nur im Blick auf ihre manifesten religiösen Aspekte als solche, sondern mit allem, was dafür die realen Voraussetzungen in einem gesellschaftlichen Setting sind (Ressourcen, Gebäude, Verwaltungen), aber auch mit vielem, was beispielsweise im sozialen oder politischen Bereich aus dem religiösen Engagement folgt. Sie fügt sich in der Regel in die großen, immer wieder diskutierten Sozialformen von Religion ein, wie in eine Kirche oder eine Sekte, und teilt Aspekte von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. In ihr selbst finden sich diese Formen und Prozesse wieder, etwa in Gruppen, einer Organisation oder auch als Bewegungen, Events und in einem Anteil an Marktbeziehungen (Freudenberg/Reuter 2024, 8 ff ). Solche Formen sind prinzipiell »gemeinschaftlich produktiv«: »Soziale Formen ermöglichen individuelle religiöse Erfahrungen, die im Christentum eine gemeinschaftliche Verankerung und Bestätigung benötigen, um legitim und authentisch zu werden« (16).

Dieses Ineinander impliziert ein Grundparadox aller religiöser Formen – aber sicherlich noch einmal besonders solcher basaler Organisationen wie Kirchengemeinden – im Verhältnis von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung: