Klassiker der Erotik 31: Die Nonne - Denis Diderot - E-Book

Klassiker der Erotik 31: Die Nonne E-Book

Denis Diderot

4,5

Beschreibung

Der im Jahre 1796 geschriebene Roman "Die Nonne" Denis Diderot sorgte seinerzeits für große Empörung und Skandale. Eine junge Frau wird unfreiwillig Nonne und erlebt große Leiden und sexuelle Belästigungen im Kloster, wie auch ihre eigene entfachte Sexualität. Der Roman beruht auf wahre Gegebenheiten.

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Denis Diderot

Die Nonne

Inhalt

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BRIEFE

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Die Antwort des Herrn Marquis de Croismare, sofern ich eine erhalte, wird mir die ersten Zeilen für diesen Bericht liefern. Bevor ich ihm schrieb, wollte ich ihn kennenlernen. Er ist ein Mann von Welt und hat sich im Dienst ausgezeichnet; er ist schon bei Jahren; er war verheiratet und hat eine Tochter und zwei Söhne, die er liebt und von denen er geliebt wird. Er entstammt einer vornehmen

Familie, besitzt Bildung, Geist, Humor, gilt als Kenner der schönen Künste und zeichnet sich vor allem durch innere Unabhängigkeit aus. Man pries mir sein mitfühlendes Herz, seine Ehre und seine Rechtschaffenheit, und ich erkannte aus der Anteilnahme, die er mir bezeigte, wie auch aus allem, was ich über ihn erfuhr, daß ich nicht zuviel gewagt habe, wenn ich ihm meine Bitte vortrug; aber es ist unwahrscheinlich, daß er sich entschließt, mein Schicksal zum Guten zu wenden, ohne zu wissen, wer ich bin. Aus diesem Grunde unterdrücke ich meine Eigenliebe und mein Widerstreben und schreibe diese Mitteilungen nieder, in denen ich ohne Talent und Kunst, mit der Naivität eines Kindes meines Alters und der mir angeborenen Offenheit einen Teil meiner Leiden schildere. Es könnte sein, daß mein Beschützer mich aufforderte oder daß es mir selbst in den Sinn käme, meine Aufzeichnungen zu einer Zeit zu vollenden, da die Einzelheiten mir nicht mehr gegenwärtig sind, und so dachte ich mir, der folgende kurze Bericht, der diese Ereignisse schildert, und der tiefe Eindruck, der mir davon bleiben wird, dürften genügen, sie mit aller Deutlichkeit in meiner Erinnerung Wiedererstehen zu lassen.

Mein Vater war Advokat und schon bejahrt, als er meine Mutter heiratete. Er hatte aus dieser Ehe drei Töchter. Sein Vermögen war mehr als hinreichend, sie gut zu versorgen; doch dazu wäre auch nötig gewesen, daß er sie alle in gleicherweise geliebt hätte, und es fehlt viel, daß ich ihn dessen rühmen könnte. Unstreitig war ich meinen Schwestern an geistigen und körperlichen Vorzügen, an Charakter und Begabung überlegen, und es schien, als fühlten sich meine Eltern dadurch gekränkt. Die Vorteile, die mir Natur und Fleiß vor meinen Schwestern verliehen hatten, wurden für mich eine Quelle des Verdrusses, und schon in meiner frühesten Jugend wünschte ich mir, ihnen zu gleichen, um ebenso geliebt und umhätschelt, ebenso verwöhnt und mit Nachsicht behandelt zu werden wie sie. Sagte jemand zu meiner Mutter: „Sie haben entzückende Kinder ... so bezog sich das nie auf mich. Zuweilen wurde ich zwar für diese Ungerechtigkeit gerächt; aber das gespendete Lob kam mir, wenn wir allein waren, so teuer zu stehen, daß mir Gleichgültigkeit oder gar Beleidigungen kaum unangenehmer gewesen wären. Je mehr mich die Fremden vorzogen, desto mehr hatte ich auszustehen, wenn sie gegangen waren. Oh, wie oft vergoß ich Tränen, weil ich nicht häßlich, albern, dumm, eingebildet, kurz, mit allen Fehlern zur Welt gekommen war, die meine Eltern bei den Schwestern so sehr schätzten. Ich fragte mich, wie ein Vater, eine Mutter, die sonst ehrbar, gerecht und fromm waren, ein so seltsames Verhalten an den Tag legen konnten. Darf ich es Ihnen gestehen, Monsieur? Einige Worte, die meinem Vater im Zorn entschlüpften - denn er war heftig —, besondere Umstände, die zu verschiedenen Zeiten eintraten, das Gerede der Nachbarn, Äußerungen des Gesindes ließen mich einen Grund vermuten, der meine Eltern einigermaßen entschuldigen würde. Vielleicht hegte mein Vater Zweifel bezüglich meiner Geburt, vielleicht erinnerte ich meine Mutter an einen Fehltritt oder an die Undankbarkeit eines Mannes, dem sie allzusehr vertraut hatte — ich weiß es nicht. Selbst wenn mein Argwohn unbegründet wäre — warum sollte ich nicht wagen, Ihnen davon zu sprechen? Sie, Monsieur, werden meinen Bericht, und ich, Sie dürfen dessen versichert sein, ich werde Ihre Antwort verbrennen.

Da wir drei kurz nacheinander geboren wurden, waren wir fast zur gleichen Zeit erwachsen. Es stellten sich Freier ein. Meine älteste Schwester wurde von einem reizenden jungen Mann umworben. Bald bemerkte ich, daß er mich auszeichnete, und ich erriet, daß seine häufigen Besuche nur scheinbar meiner Schwester galten. Da ich jedoch ahnte, welche Kränkungen mir diese Bevorzugung eintragen mußte, vertraute ich mich meiner Mutter an. Das war wohl das einzige Mal in meinem Leben, daß ich das Glück hatte, etwas zu tun, was ihr angenehm war; aber hören Sie, wie ich dafür belohnt wurde. Nicht lange danach, es mochten etwa vier Tage vergangen sein, hieß es, man habe einen Platz in einem Kloster für mich gefunden, und schon am folgenden Tag wurde ich dorthin gebracht. Ich hatte es daheim so schlecht, daß mich diese Veränderung durchaus nicht traurig stimmte und ich freudigen Herzens nach Sainte-Marie, meinem ersten Kloster, ging. Da mich der Anbeter meiner Schwester nicht mehr sah, vergaß er mich und wurde ihr Mann. Er heißt K ..., ist Notar und wohnt in Corbeil, wo er mit seiner Frau die denkbar schlechteste Ehe führt. Meine zweite Schwester heiratete einen gewissen Bauchon, einen Seidenhändler in Paris, Rue Quincampoix, und ist einigermaßen glücklich mit ihm.

Nachdem meine Schwestern versorgt waren, hoffte ich, man würde nun an mich denken und mich bald aus dem Kloster nehmen. Ich war damals sechzehneinhalb Jahre alt. Meine Schwestern hatten eine ansehnliche Mitgift erhalten; ich erhoffte mir das gleiche, und mein Kopf war voll hoffnungsfroher Pläne, als ich in das Sprechzimmer gerufen wurde. Dort erwartete mich der Pater Séraphin, der Beichtvater meiner Mutter; er war auch der meine gewesen, und so zögerte er nicht, mir den Beweggrund seines Besuches zu nennen. Es handelte sich darum, daß ich den Schleier nehmen sollte. Ich protestierte heftig gegen diesen befremdlichen Vorschlag und erklärte ihm klar und deutlich, daß ich dem Leben im Kloster keinen Geschmack abgewinnen könnte.

„Schlimm für Sie“, sagte er, „denn Ihre Eltern haben sich für Ihre Schwestern völlig verausgabt, und ich wüßte nicht, was sie in ihrer gegenwärtigen Lage noch für Sie tun könnten. Sehen Sie, Mademoiselle, Sie müssen entweder für immer in diesem Haus bleiben oder in irgendein Provinzkloster gehen, wo man Sie für ein mäßiges Kostgeld aufnehmen wird und das Sie erst verlassen dürfen, wenn Ihre Eltern gestorben sind, und daran ist wohl vorläufig nicht zu denken ...

Ich beklagte mich bitter und vergoß ungezählte Tränen. Die Vorsteherin war unterrichtet, sie erwartete mich, als ich aus dem Sprechzimmer trat. Ich befand mich in einer unsagbaren Verwirrung. Sie fragte mich: „Was fehlt Ihnen denn, mein liebes Kind? (Sie wußte besser als ich, was mir fehlte.) Wie sehen Sie aus! Wahrlich, so verzweifelt habe ich noch niemanden gesehen. Sie machen mich zittern. Haben Sie Ihren Vater oder Ihre Mutter verloren?“

Ich warf mich ihr in die Arme. Ach, wäre es doch so ..., dachte ich, begnügte mich aber mit der Antwort: „Ich habe weder Vater noch Mutter, ich Unglückliche werde von allen verabscheut und soll hier lebendig begraben werden.“

Sie ließ den Sturm vorüberbrausen und wartete, bis meine Tränen versiegten. Ich berichtete ihr nun eingehend, was ich soeben erfahren hatte. Sie schien Mitleid mit mir zu haben, sie bedauerte mich und beteuerte, ich dürfe keinem Stand beitreten, zu dem ich mich nicht berufen fühlte, sie versprach mir zu bitten, vorstellig zu werden, sich für mich zu verwenden. Oh, Monsieur, Sie haben keinen Begriff, wie gerissen diese Klostervorsteherinnen sind! Sie schrieb wirklich. Aber sie wußte, welche Antwort sie erhalten würde, und die teilte sie mir mit; erst viel später lernte ich an ihrer Aufrichtigkeit zweifeln. Als die Bedenkzeit, die man mir gewährt hatte, verstrichen war, eröffnete sie mir das mit einer meisterhaft geheuchelten Betrübnis. Zuerst blieb sie stumm, dann ließ sie einige mitleidsvolle Worte fallen, aus denen ich das übrige erriet. Wieder stürzte ich in die tiefste Verzweiflung; ich werde Ihnen wenig anderes zu schildern haben. In der Kunst der Verstellung sind sie unerreicht. Sie sagte mir nun, und ich glaube wahrhaftig, unter Tränen: „Mein Kind, so wollen Sie uns denn verlassen? Liebes Kind, wir werden Sie nie Wiedersehen ... und andere Dinge, auf die ich nicht achtete. Ich hatte mich auf einen Stuhl fallen lassen, ich sprach kein Wort, dann wieder schrie ich laut auf, bald saß ich unbeweglich, bald erhob ich mich, lehnte mich gegen die Wand oder weinte meinen Schmerz an ihrem Busen aus. Nachdem das eine Weile so gegangen war, fuhr sie fort: „Warum unternehmen Sie nichts? Sehen Sie — aber sagen Sie nur nicht, daß ich Ihnen den Rat gegeben habe, ich rechne auf Ihre unerschütterliche Verschwiegenheit, denn ich möchte um nichts in der Welt, daß man mir einen Vorwurf machen könnte. Was wird von Ihnen verlangt? Daß Sie den Schleier nehmen. Gut, warum nehmen Sie ihn nicht? Wozu verpflichtet Sie das? Nur dazu, noch zwei Jahre bei uns zu bleiben.

Niemand weiß, wer leben, wer sterben wird; zwei Jahre, das ist eine lange Zeit, inzwischen kann sich manches ereignen ...

Mit diesem hinterlistigen Vorschlag verband sie so viele Liebkosungen und Freundschaftsbeteuerungen, so viele süße Falschheiten — hier wüßte ich doch wenigstens, wo ich wäre, aber wer weiß, wohin man mich bringen würde —, und so ließ ich mich überreden. Sie schrieb nun an meinen Vater; ihr Brief war vortrefflich; oh, er hätte nicht besser sein können! Mein Schmerz, meine Betrübnis, meine Einwendungen wurden nicht verhehlt; glauben Sie mir, auch ein erfahreneres Mädchen als ich wäre dadurch getäuscht worden. Immerhin hieß es am Schluß des Briefes, ich hätte meine Einwilligung gegeben.

Wie überstürzt man nun alles vorbereitete! Der Tag wurde bestimmt, meine Kleidung angefertigt, die Zeremonie fand statt, und das alles, wie es mir heute scheinen will, ohne den geringsten zeitlichen Zwischenraum. Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß ich eine Unterredung mit meinen Eltern hatte; ich bemühte mich nach Kräften, sie umzustimmen, aber ich fand sie unnachgiebig. Ein Abbe Blin, Doktor der Sorbonne, bereitete mich vor, und aus den Händen des Bischofs von Aleppo empfing ich das Gewand. Diese Zeremonie ist an sich schon nicht heiter; an jenem Tag war sie trauriger denn je. Obgleich sich die Nonnen um mich bemühten und mich zu stützen suchten, fühlte ich doch wohl zwanzigmal, daß meine Knie wankten, und ich wäre fast auf den Stufen des Altars zusammengesunken. Ich hörte und sah nichts, ich war wie benommen; man führte mich, und ich ging, man fragte mich und antwortete an meiner Stelle. Aber auch diese schreckliche Zeremonie nahm einmal ein Ende; alle zogen sich zurück, ich blieb inmitten der Herde, der man mich zugesellt hatte. Meine Gefährtinnen umringten mich, sie schlossen mich in die Arme und sagten zueinander: „Sehen Sie doch, Schwester, wie schön sie ist! Wie der schwarze Schleier ihre weiße Haut hervorhebt! Wie gut ihr die Stirnbinde steht, wie sie ihr Gesicht rundet, ihre Wangen voller macht! Wie diese Kleidung ihre Figur und ihre Arme zur Geltung bringt ...!“

Ich hörte sie kaum, ich war untröstlich, und doch muß ich gestehen, daß ich mich in der Einsamkeit meiner Zelle dieser Schmeicheleien erinnerte. Ich konnte mich nicht enthalten, meinen kleinen Spiegel zu befragen, und mir schien, daß ihre Begeisterung nicht ganz unbegründet war. An diesem Tag werden einem besondere Ehren zuteil, und für mich trieb man sie noch weiter als gewöhnlich. Ich hatte wenig Sinn dafür; aber jedermann gab vor, das Gegenteil zu glauben, und sagte es mir auch, obwohl der Augenschein bewies, daß davon nickt die Rede sein konnte. Als die Abendandacht beendet war, kam die Vorsteherin in meine Zelle. „Wahrhaftig“, sagte sie, nachdem sie mich einige Zeit betrachtet hatte, „ich weiß nicht, warum Sie einen so großen Widerwillen gegen diese Tracht haben; sie steht Ihnen vortrefflich, Sie sehen entzückend darin aus. Schwester Suzanne ist eine sehr schöne Nonne, und sie wird deswegen noch mehr geliebt werden. Ei, wir wollen doch einmal sehen, gehen Sie ... Nein, nicht so, Sie halten sich nicht gerade genug ...

Sie zeigte mir, wie ich den Kopf, die Füße, die Hände, den Oberkörper, die Arme bewegen mußte; es war beinahe eine Lektion Marcels1 über klösterliche Grazie; denn jeder Stand hat seine eigene. Dann setzte sie sich und sagte zu mir: „So, und jetzt wollen wir ernsthaft sprechen. Sie haben nun zwei Jahre gewonnen; Ihre Eltern können ihren Entschluß ändern; es wäre auch denkbar, daß Sie selbst den Wunsch äußern, bei uns zu bleiben, wenn man Sie herausnehmen will.“

„Rechnen Sie nicht damit, Madame!“

„Sie sind schon lange bei uns, aber kennen unser Leben noch nicht; es hat seine Beschwerden, gewiß, aber es hat auch seine Annehmlichkeiten ...“

Sie werden leicht erraten, was sie mir von der Welt und dem Kloster erzählte; es steht überall geschrieben, und überall auf die gleiche Art; denn ich durfte, Gott sei dafür Dank, zahllose Ergüsse lesen, in denen Ordensleute ihren Stand, den sie gut kennen und verabscheuen, der Welt gegenüberstellen, die sie lieben, verleumden und nicht kennen.

Ich will Ihnen mein Noviziat nicht ausführlich beschreiben; wenn man es in seiner ganzen Strenge beobachtete, würde es niemand überstehen; so aber ist es die angenehmste Zeit im Leben einer Nonne. Eine Novizenmutter ist meist die nachsichtigste Schwester, die man sich denken kann. Ihre Aufgabe besteht darin, einem alle Domen, die das Nonnendasein hat, zu verbergen; es ist ein Kursus der feinsten und ausgeklügeltsten Verlockung. Ihr fällt es zu, die Dunkelheit, die eine Novize umgibt, noch dichter zu machen; ihr ist auf getragen, sie zu umgarnen, durch verführerische Künste einzuschläfern und zu bezaubern. Unsere Novizenmutter zeigte eine besondere Zuneigung zu mir. Ich glaube nicht, daß irgendeine junge, unerfahrene Seele diesen verderblichen Einflüssen widerstehen könnte. Die Welt hat ihre Abgründe, aber ich bin sicher, daß dort kein so bequemer Weg hinabführt wie hier. Hatte ich zweimal hintereinander geniest, so war ich vom Besuch der Messe, von der Arbeit und der Betstunde befreit; ich legte mich früher nieder und stand später a u f; die Ordensregel galt dann für mich nicht mehr.

Stellen Sie sich vor, Monsieur, daß es Tage gab, an denen ich danach lechzte, die Gelübde abzulegen. Es geschieht nichts Unerfreuliches in der Welt, von dem man nicht alsbald erfährt; das Wahre wird zurechtgestutzt, Falsches hinzugedichtet, und dann ist des Lobens und der Danksagungen kein Ende, da Gott uns vor so demütigenden Zufällen bewahrt.

Indessen kam der Zeitpunkt näher, den ich zuweilen in meinen Wünschen herbeigesehnt hatte. Nun begann ich nachzudenken. Ich fühlte meinen Widerwillen erneut und verstärkt erwachen und beschloß, mich der Vorsteherin oder unserer Novizenmutter anzuvertrauen. Diese Damen rächen sich nachdrücklich für die Langeweile, die wir ihnen verursachen; denn niemand darf glauben, daß die heuchlerische Rolle, die sie spielen, und die Albernheiten, die sie uns unentwegt erzählen müssen, ihnen Vergnügen bereiten; zuletzt erscheint ihnen das alles so abgenutzt, so ekelhaft — und dennoch geben sie sich dazu her, wegen der tausend Taler, die es ihrem Haus einbringt. Das ist der gewichtige Grund, für den sie ihr Leben lang lügen und unschuldige Mädchen in eine vierzig, fünfzig Jahre währende Verzweiflung und vielleicht in ewiges Elend treiben; denn es ist sicher, Monsieur, daß von hundert Nonnen, die vor dem fünfzigsten Jahr sterben, hundert verdammt sind, ganz zu schweigen von denen, die unterdessen verrückt werden und in Stumpf sinn oder Raserei verfallen.

Eines Tages entwich eine von diesen aus der Zelle, in der man sie eingeschlossen hielt. Ich sah sie. Das war der Anstoß für mein Glück oder mein Unglück, je nachdem, wie Ihre Entscheidung, Monsieur, ausfallen wird. Nie habe ich etwas Abstoßenderes gesehen. Sie war fast unbekleidet, das Haar hing ihr wirr ins Gesicht, sie schleppte eiserne Ketten nach, ihre Augen flackerten wild, sie raufte sich die Haare und schlug sich mit den Fäusten an die Brust, sie lief umher, heulte und stieß die schrecklichsten. Verwünschungen gegen sich und die anderen aus, sie suchte ein Fenster, um sich hinabzustürzen. Entsetzen packte mich, ich zitterte am ganzen Leibe. In dem Schicksal dieser Unglücklichen erkannte ich mein eigenes, und in meinem Herzen stand bei diesem Anblick unumstößlich fest, daß ich lieber tausendmal sterben als mich dem aussetzen wollte. Man ahnte, welche Wirkung dieser Vorfall auf mich haben könnte, und glaubte, dem Vorbeugen zu müssen. Über diese Nonne wurden mir, ich weiß nicht wie viele, lächerliche, einander widersprechende Lügen erzählt: Ihr Geist sei schon verwirrt gewesen, als man sie aufnahm; sie habe in einer kritischen Zeit einen großen Schreck erlebt, habe Visionen gehabt, glaube mit Engeln in Verbindung zu stehen, habe schädliche Bücher gelesen, die ihren Geist verwirrt hätten, habe neuerungssüchtigen Predigern einer übertriebenen Moral Gehör geschenkt und sei dadurch in eine solche Furcht vor dem göttlichen Gericht versetzt worden, daß ihr Verstand sich völlig verfinstert habe; sie sähe nur noch böse Geister, die Hölle und Feuerschlünde; sie wäre sehr unglücklich; es sei unerhört, daß so eine Person jemals Aufnahme im Kloster gefunden habe, und ich weiß nicht, was noch alles. Aber das verfing bei mir nicht. Immer wieder mußte ich an die wahnsinnige Nonne denken, und ich erneuerte in der Stille meinen Schwur, kein Gelübde abzulegen.

Indessen war der Augenblick gekommen, da es zu beweisen galt, daß ich zu meinem Wort stand. Eines Morgens nach der Messe trat die Vorsteherin bei mir ein. Sie hielt einen Brief in der Hand. Ihr Gesicht drückte Kummer und Niedergeschlagenheit aus, sie ließ die Arme hängen, als besäße ihre Hand nicht die Kraft, den Brief hochzuheben. Sie sah mich an, ihre Augen schwammen in Tränen, sie schwieg und ich auch. Sie erwartete wohl, daß ich zuerst spräche; ich war versucht, es zu tun, aber ich bezwang mich. Nun erkundigte sie sich nach meinem Befinden: Die Messe habe an diesem Tag recht lange gedauert, ich hätte ein wenig gehustet, ich scheine ihr etwas unpäßlich zu sein. Auf alles antwortete ich: „Nein, meine liebe Mutter.“ Sie hielt den Brief noch immer in der herabhängenden Hand. Während sie mich ausfragte, legte sie ihn auf ihren Schoß, ihre Hand verbarg ihn zum Teil; endlich, nachdem sie noch die Rede auf meinen Vater und meine Mutter gebracht hatte, merkte sie, daß ich nicht fragen würde, was für ein Papier das sei, und so sagte sie zu mir: „Hier ist ein Brief …“

Bei diesen Worten fühlte ich mein Herz stärker schlagen, und ich ergänzte mit tonloser Stimme und zitternden Lippen: „…von meiner Mutter.“

„Sie haben es erraten. Da, lesen Sie…“

Ich versuchte mich zu fassen und griff nach dem Brief. Ich las ihn zuerst mit ziemlicher Selbstbeherrschung, aber je weiter ich kam, desto häufiger wechselten Schrecken, Unwillen, Zorn, Verdruß, die unterschiedlichsten Empfindungen in mir ab, meine Stimme, mein Gesichtsausdruck, meine Bewegungen veränderten sich unablässig. Zuweilen konnte ich den Brief kaum halten, dann wieder packte ich ihn, als wollte ich ihn zerreißen, oder drückte ihn so heftig zusammen, als wäre ich in Versuchung, ihn zu zerknüllen und fortzuwerfen.

„Nun, mein Kind, was werden wir hierauf antworten?“

„Sie wissen es, Madame.“

„O nein, ich weiß es nicht. Die Zeiten sind schwer, Ihre Eltern haben einen Teil ihres Vermögens verloren, auch Ihren Schwestern geht es schlecht, beide haben viele Kinder. Ihre Eltern haben sich völlig verausgabt, als sie sie verheirateten, und richten sich zugrunde, um sie zu unterstützen. Es ist unmöglich, Ihre Zukunft in gleicher Weise zu sichern; Sie haben sich einkleiden lassen, Ihren Eltern sind beträchtliche Ausgaben entstanden, Sie haben ihnen durch Ihren Entschluß Hoffnungen gemacht, es ist allgemein bekannt, daß Sie bald die Ordensgelübde ablegen werden. Übrigens dürfen Sie stets auf meinen Beistand rechnen. Nie habe ich jemanden zum Klosterleben verleitet; das ist ein Stand, zu dem Gott uns führt, und es ist sehr gefährlich, unsere Stimme mit der seinen zu vermengen. Ich werde mich nicht unterfangen, an Ihr Herz zu rühren, wenn die Gnade nicht zu ihm spricht. Bis heute habe ich mir keiner Seele Unglück vorzuwerfen, und ich möchte nicht mit Ihnen anfangen, liebes Kind, die Sie mir so teuer sind. Ich habe nicht vergessen, daß Sie auf mein Drängen hin die ersten Schritte taten, und ich werde nicht dulden, daß man das mißbraucht, um Sie gegen Ihren Willen zu verpflichten. Wir wollen einmal gemeinsam beraten, wollen uns verständigen. Sind Sie bereit, die Gelübde abzulegen?“

„Nein, Madame.“

„Fühlen Sie keine Neigung für das Klosterleben?“ „Nein, Madame.“

„Wollen Sie Ihren Eltern nicht gehorchen?“

„Nein, Madame.“

„Was soll dann aus Ihnen werden?“

„Alles, nur keine Nonne. Ich will es nicht sein und werde es niemals sein.“

„Gut, Sie sollen es nicht werden. Wir müssen uns also jetzt eine Antwort für Ihre Mutter überlegen…“

Wir einigten uns auf einige wesentliche Argumente; sie schrieb und zeigte mir den Brief, der mir sehr günstig erschien. Nun wurde der Beichtvater des Hauses zu mir geschickt. Der Abbé kam, der mich auf mein Noviziat vorbereitet hatte. Ich wurde der Novizenmutter empfohlen. Der Bischof von Aleppo empfing mich. Ich mußte mit frommen Frauen, die sich mit meinen Angelegenheiten befaßten, ohne daß ich sie kannte, Streitgespräche führen. Dauernd gab es Konferenzen mit Mönchen und Priestern. Mein Vater traf ein, meine Schwestern schrieben mir, zuletzt erschien sogar meine Mutter. Ich widerstand allem. Dennoch wurde der Tag für die Ablegung der Gelübde bestimmt. Man versäumte nichts, um meine Einwilligung zu erhalten, aber als sich herausstellte, daß ich sie niemals geben würde, entschloß man sich, darauf zu verzichten.

Nun wurde ich in meine Zelle eingesperrt und erhielt Sprechverbot. Von aller Welt abgesondert, mir selbst überlassen, erkannte ich, daß man die feste Absicht hatte, gegen meinen Willen über mich zu verfügen. Ich wollte mich zu nichts verpflichten, darüber war ich mir im klaren, und alle wahren oder falschen Schrecken, die mir unaufhörlich vorgehalten wurden, machten mich nicht wanken. Doch ich befand mich in einer beklagenswerten Lage. Ich wußte nicht, wie lange sie andauern und noch viel weniger, was mir danach widerfahren würde. In dieser Ungewißheit faßte ich einen Entschluß, über den Sie, Monsieur, nach Ihrem Belieben urteilen mögen. Niemand zeigte sich mehr bei mir, weder die Vorsteherin noch die Novizenmutter oder meine Gefährtinnen. Ich ließ die erste rufen und tat, als wollte ich mich dem Willen meiner Eltern fügen; aber meine Absicht war, mich durch einen Skandal von meinen Peinigern zu befreien, indem ich gegen den Zwang, den man mir antun wollte, öffentlich protestierte. Ich sagte ihr also, daß ich mich ihrem Gebot unterwerfe, sie könne ganz über mich verfügen; verlange man von mir die Gelübde, so würde ich sie ablegen. Nun quoll das Haus über vor Freude; die Liebkosungen mit allen Schmeicheleien und Verführungskünsten kehrten zurück.

Gott habe mein Herz angerührt, hieß es, wenn jemand für den Stand der Vollkommenheit geschaffen sei, dann ich. Es hätte unmöglich anders ausgehen können, man habe das nie anders erwartet, keiner könne seine Pflichten mit so tiefer Erbauung und Beharrlichkeit erfüllen, wenn er nicht auserwählt sei. Die Novizenmutter habe bislang bei keinem ihrer Zöglinge so untrügliche Zeichen der Berufung gesehen, sie sei über meine Halsstarrigkeit ganz bestürzt gewesen, aber sie habe unserer Mutter Vorsteherin immer gesagt, man müsse Geduld haben, das werde vorübergehen; die besten Nonnen hätten derartige Anfechtungen gehabt, das seien Eingebungen des Bösen, der seine Bemühungen verdoppele, wenn er befürchten müsse, seine Beute zu verlieren. Ich sei ihm glücklich entgangen und könne hinfort auf Rosen wandeln; die Pflichten des Klosterlebens würden mir um so angenehmer werden, als ich mir übertriebene Vorstellungen von ihnen gemacht hätte; daß einem das Joch plötzlich zu schwer erscheine, sei eine Gnade des Himmels, der sich dieses Mittels bediene, um die Last zu erleichtern...

Ich fand es recht sonderbar, daß die gleiche Sache von Gott oder vom Teufel stammen sollte, ganz wie es ihnen paßte. Im religiösen Leben kommt dergleichen sehr häufig vor; von denen, die mir Trost zusprachen, bezeichneten die einen meine Gedanken als ebenso viele Verlockungen des Satans, während die anderen sie für Eingebungen Gottes erklärten. Ein und dasselbe Übel kommt entweder von Gott, der uns prüft, oder vom Teufel, der uns versucht.

Ich ließ mir nicht das geringste anmerken; ich glaubte, daß ich für mich einstehen könnte. Mein Vater besuchte mich; er war sehr kühl. Meine Mutter kam, sie umarmte mich. Ich empfing Glückwünsche von meinen Schwestern und von vielen anderen. Ich hörte, daß Monsieur Somin, der Vikar von Saint-Roch, die Predigt halten, und Monsieur Thierry, Kanzler der Universität, meine Gelübde empfangen würde. Alles verlief nach Wunsch, und so kam der Vorabend des großen Tages heran. Da ich erfahren hatte, die Zeremonie solle im geheimen vor sich gehen, man werde tunlichst jedes Aufsehen vermeiden und das Kirchenportal nur den Verwandten öffnen, ließ ich durch die Pförtnerin alle unsere Nachbarn, meine Freunde und Freundinnen einladen. Ich erhielt auch die Erlaubnis, einigen meiner Bekannten zu schreiben. Sie alle erschienen; niemand hatte mit einem solchen Besucherstrom gerechnet, aber man mußte sie einlassen, und es waren etwa so viele Menschen anwesend, wie ich für meinen Plan benötigte.

Oh, Monsieur, was für eine Nacht hatte ich verbracht! Ich legte mich nicht nieder, ich saß auf meinem Bett. Ich flehte Gott um Hilfe an, ich erhob meine Hände zum Himmel, ich rief ihn zum Zeugen der Gewalt, die man mir antat. Ich stellte mir die Szene am Fuße des Altars vor: Ein junges Mädchen verwahrt sich mit lauter Stimme gegen eine Handlung, in die sie eingewilligt zu haben schien — die Entrüstung der Umstehenden, die Verzweiflung der Nonnen, die Wut meiner Eltern.

„O Gott, wie wird es mir ergehen ...?“ Bei diesen Worten schwanden mir die Sinne, ich sank ohnmächtig auf mein Kopfkissen nieder. Der Ohnmacht folgte ein Schauder, meine Knie bebten, und meine Zähne schlugen laut zusammen; dann wurde ich von fiebriger Hitze gepackt, und mein Geist verwirrte sich. Ich erinnere mich nicht, daß ich mich ausgekleidet, daß ich meine Zelle verlassen hätte, und doch wurde ich vor der Tür der Vorsteherin aufgefunden, nur mit einem Hemd angetan, am Boden liegend, regungslos, wie tot. Ich erfuhr erst später davon. Am Morgen erwachte ich in meiner Zelle, an meinem Bett standen die Vorsteherin, die Novizenmutter und diejenigen, die Assistentinnen genannt werden. Ich war sehr matt. Nun wurden verschiedene Fragen an mich gerichtet; aus meinen Antworten ersah man, daß ich von dem, was vorgefallen war, nichts, gar nichts wußte, und so wurde darüber nicht mehr gesprochen. Man erkundigte sich nach meinem Befinden, ob ich auf meinem heiligen Entschluß beharre und ob ich mich fähig fühle, die Beschwerden des Tages zu ertragen. Ich antwortete: „Ja!“ Wider Erwarten konnten die Dinge ihren Lauf nehmen.

Bereits am Vortage war alles festgelegt worden. Die Glocken wurden geläutet, um jedermann kundzutun, daß man im Begriff stand, ein Menschenkind unglücklich zu machen. Mein Herz schlug laut. Sie kamen, mich zu putzen; denn der Feststaat ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Tages. Jetzt, da ich mich all dieser Zeremonien erinnere, dünkt mich, sie hätten etwas Feierliches und sehr Rührendes für ein unschuldiges Mädchen, das diesen Weg aus freiem Willen beschreitet. Ich wurde in die Kirche geführt, die heilige Messe wurde zelebriert. Der gute Vikar, der bei mir eine Ergebung voraussetzte, die gar nicht vorhanden war, hielt eine lange Predigt, in der mir jedes Wort widersinnig klang. Es wirkte geradezu lächerlich, was er mir da von meinem Glück erzählte, von der Gnade, von meinem Mut und von meinem Eifer, von meiner Inbrunst und von all den schönen Empfindungen, die er mir zuschrieb. Hin und wieder beunruhigte mich freilich der Gegensatz zwischen seinen Lobsprüchen und dem Schritt, zu dem ich mich entschlossen hatte; für kurze Zeit wurde ich schwankend, aber das ging rasch vorüber. Ich fühlte nur um so stärker, daß es mir an allem fehlte, was für eine gute Nonne erforderlich ist. Endlich kam der fürchterliche Augenblick. Als ich an den Platz gehen mußte, wo ich die bindenden Gelübde aussprechen sollte, versagten mir die Füße den Dienst; zwei meiner Gefährtinnen faßten mich an den Armen, mein Kopf lag auf der Schulter der einen, und so schleppten sie mich zum Altar. Ich weiß nicht, was in der Seele der Zuschauer vorging, aber sie sahen ein junges, dem Tod geweihtes Schlachtopfer, das man zum Altar trug, und ringsum stiegen Seufzer und Schluchzen auf, doch gaben, wie ich mit Gewißheit sagen darf, weder mein Vater noch meine Mutter ein Zeichen der Rührung von sich. Alle hatten sich erhoben, einige junge Leute waren auf Stühle gestiegen, hatten sich dicht an das Chorgitter gedrängt. Tiefe Stille herrschte, als der Bischof, der bei der Abnahme meiner Gelübde den Vorsitz führte, zu mir sagte: „Marie-Suzanne Simonin, geloben Sie, die Wahrheit zu sprechen?“

„Ich gelobe es.“

„Sind Sie aus freiem Willen und ohne allen Zwang hier?“

Ich antwortete: „Nein“, aber meine Begleiterinnen sagten für mich: „Ja.“

„Marie-Suzanne Simonin, geloben Sie Gott Armut, Keuschheit und Gehorsam?“

Ich stockte einen Augenblick, der Geistliche wartete, ich antwortete: „Nein, Monsieur.“

Er wiederholte: „Marie-Suzanne Simonin, geloben Sie Gott Armut, Keuschheit und Gehorsam?“

Ich antwortete mit festerer Stimme: „Nein, Monsieur, nein!“

Er hielt inne und sagte zu mir: „Mein Kind, fassen Sie sich, hören Sie mir zu.“

„Monsieur“, versetzte ich, „Sie fragen mich, ob ich Gott Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobe; ich habe Sie wohlverstanden, und ich antworte Ihnen: Nein.“

Nun wandte ich mich an die Menschen in der Kirche, unter denen beträchtliche Unruhe entstanden war, und gab ihnen ein Zeichen, daß ich sprechen wollte; das Gemurmel verstummte, und ich sagte: „Meine Herren, und vorzüglich Sie, mein Vater und meine Mutter, ich nehme Sie alle zu Zeugen ...“

Bei diesen Worten ließ eine der Schwestern den Vorhang des Gitters fallen, und ich sah, daß es sinnlos war, weiterzusprechen. Die Nonnen umringten mich, überschütteten mich mit Vorwürfen; ich hörte ihnen zu, ohne ein Wort zu erwidern. Dann wurde ich in meine Zelle geführt und dort eingeschlossen.

Allein, meinen Betrachtungen überlassen, begann ich mich zu beruhigen; ich überlegte alles noch einmal und bereute nichts. Ich sagte mir, daß ich nach dem Aufsehen, das ich erregt hatte, unmöglich noch lange hier bleiben könnte, und vielleicht würden sie es nicht wagen, mich wieder in ein Kloster zu stecken. Ich vermochte mir nicht vorzustellen, was aus mir werden sollte, aber ich konnte mir nichts Schlimmeres denken, als gegen meinen Willen Nonne zu werden.

Ich blieb lange Zeit in der Zelle eingesperrt, ohne je eine menschliche Stimme zu hören. Diejenigen, die mir zu essen brachten, traten ein, setzten meine Mahlzeit auf den Boden und gingen schweigend wieder fort. Nach Ablauf eines Monats erhielt ich weltliche Kleidung und legte die Klostertracht ab. Die Vorsteherin kam und befahl mir, ihr zu folgen; ich ging mit ihr zur Pforte, wo mich eine Kutsche erwartete, in der ich meine Mutter fand. Ich nahm auf dem Rücksitz Platz, und die Kutsche fuhr ab. Wir saßen uns eine Zeitlang schweigend gegenüber; ich schlug die Augen nieder und wagte nicht, meine Mutter anzusehen. Ich weiß nicht, was in meiner Seele vorging; aber plötzlich warf ich mich ihr zu Füßen und legte den Kopf auf ihre Knie. Ich sagte nichts, ich schluchzte nur, war dem Ersticken nahe. Sie stieß mich so schroff zurück, daß mir das Blut aus der Nase lief. Ich erhob mich nicht; trotz ihres Widerstrebens ergriff ich ihre Hand und benetzte sie mit meinen Tränen und dem Blut, das herabfloß. Ich preßte die Lippen auf diese Hand, küßte sie und sagte: „Sie sind doch meine Mutter, ich bin Ihr Kind…“

Sie antwortete, indem sie mich noch heftiger zurückstieß und ihre Hand aus der meinen riß: „Steh auf, Unglückliche, steh auf ...“

Ich gehorchte. Ich setzte mich wieder und zog den Schleier über mein Gesicht; sie hatte so streng und entschlossen gesprochen, daß ich nicht wagte, sie anzusehen. Meine Tränen und das Blut, das aus meiner Nase floß, vermischten sich, rannen an meinen Armen hinunter und besudelten mich, ohne daß ich es wahrnahm. Aus einigen Worten, die sie fallen ließ, entnahm ich, daß ihr Kleid und ihre Wäsche ebenfalls beschmutzt worden waren und daß sie sich darüber sehr ärgerte. Wir kamen nach Hause, wo ich sofort in eine kleine Kammer geführt wurde, die für mich bereit war. Auf der Treppe warf ich mich meiner Mutter noch einmal zu Füßen, ich klammerte mich an ihren Rock. Doch alles, was ich erreichte, war, daß sie sich umwandte und mir einen Blick zuwarf, der, ebenso wie ihre Miene und ihre Kopfbewegung, einen Unwillen ausdrückte, den Sie sich eher vorstellen können, als ich ihn zu beschreiben vermag. Ich ging in mein neues Gefängnis, in dem ich sechs Monate zubrachte. In dieser Zeit bat ich täglich erfolglos um die Gunst, mit ihr zu sprechen, meinen Vater zu sehen oder ihnen schreiben zu dürfen. Man brachte mir Essen, ich wurde bedient; eine Magd begleitete mich an Feiertagen zur Messe und schloß mich danach wieder ein. Ich las, ich arbeitete, ich weinte, ich sang, und so vergingen meine Tage. Ein geheimer Trost hielt mich aufrecht, nämlich, daß ich frei war und daß sich mein Schicksal, so hart es auch war, ändern konnte. Aber es war entschieden, daß ich Nonne werden sollte, und ich wurde es.

Soviel Unmenschlichkeit, soviel Starrsinn von Seiten meiner Eltern bestärkten mich in dem Argwohn, den ich bezüglich meiner Geburt hegte; ich konnte keine andere Entschuldigung für ihr Verhalten finden. Meine Mutter befürchtete wahrscheinlich, ich könnte dereinst mein Erbteil verlangen, auf meine Rechte pochen und ein natürliches Kind den legitimen Kindern gleichsetzen wollen. Vorerst war das nur eine Vermutung von mir, doch sie sollte sich bald in Gewißheit verwandeln.

Während meines Hausarrests kam ich selten in die Kirche, aber an den Tagen vor hohen Festen wurde ich stets zur Beichte geschickt. Wie ich Ihnen bereits sagte, hatte ich denselben Beichtvater wie meine Mutter. Ich sprach mit ihm, ich schilderte ihm, wie hart man mich seit ungefähr drei Jahren behandelte; es war ihm nicht unbekannt. Mit besonderer Bitterkeit und Empörung beklagte ich mich über meine Mutter. Dieser Priester hatte sich spät zum geistlichen Stand entschlossen und besaß noch Menschlichkeit. Er hörte mich ruhig an und sagte zu mir: „Mein Kind, bedauern Sie Ihre Mutter, bedauern Sie Ihre Mutter mehr, als Sie sie tadeln. Sie hat ein gutes Herz; seien Sie sicher, daß sie ihm nicht aus freiem Willen zuwiderhandelt.“

„Nicht aus freiem Willen, Monsieur? Wer könnte sie denn zwingen? Hat sie mich nicht geboren? Besteht etwa ein Unterschied zwischen meinen Schwestern und mir?“

„O ja.“

„O ja? Diese Antwort verstehe ich nicht ...“

Ich wollte mich gerade mit meinen Schwestern vergleichen, als er mich unterbrach.

„Nein, nein“, sagte er, „diese Unmenschlichkeit ist nicht die Schuld Ihrer Eltern; versuchen Sie, Ihr Schicksal mit Geduld zu tragen, um dadurch wenigstens vor Gott ein Verdienst zu erwerben. Ich werde mit Ihrer Mutter sprechen, und ich versichere Ihnen, daß ich meinen ganzen Einfluß auf bieten will, um Ihnen zu helfen …“

Jenes „O ja“, das er mir zur Antwort gegeben hatte, ließ mich klar sehen; ich zweifelte nicht mehr an der Wahrheit dessen, was ich über meine Geburt vermutete.

Am nächsten Samstag gegen halb sechs Uhr abends, beim Anbruch der Dämmerung, kam die Magd, die mir zugeteilt war, und sagte: „Ihre Frau Mutter wünscht, daß Sie sich ankleiden ... Eine Stunde später: „Madame befiehlt, daß Sie mit mir hinunterkommen ... Vor der Tür stand eine Kutsche, in die das Mädchen und ich stiegen; nun erfuhr ich, daß wir zu den Feuillantinern, und zwar zu Pater Seraphin fuhren. Er erwartete uns, er war allein. Meine Begleiterin entfernte sich, und ich trat in das Sprechzimmer. Ich setzte mich, unruhig und zugleich neugierig, was er mir sagen würde. Lassen Sie mich mit seinen Worten berichten: „Mademoiselle, die Entdeckung, die ich Ihnen machen will, wird Ihnen die Härte Ihrer Eltern erklären; ich spreche mit Erlaubnis Ihrer Frau Mutter. Sie sind klug, Sie besitzen Verstand und Entschlossenheit, Sie sind in einem Alter, in dem man Ihnen sogar ein Geheimnis, das Sie nicht beträfe, anvertrauen dürfte. Es ist schon geraume Zeit her, daß ich Ihrer Frau Mutter zum erstenmal riet, Ihnen das mitzuteilen, was Sie jetzt vernehmen werden. Sie konnte sich nie dazu entschließen. Es ist hart für eine Mutter, ihrem Kind einen schweren Fehltritt zu beichten. Sie kennen ihren Charakter, er verträgt sich nicht mit der Demütigung, die zu einem bestimmten Geständnis gehört. Sie glaubte ihr Ziel auch ohne diese Eröffnung zu erreichen, sie hat sich geirrt und ist darüber verärgert; jetzt billigt sie meinen Rat, und sie ist es, die mich beauftragt hat, Ihnen mitzuteilen, daß Sie nicht Monsieur Simonins Tochter sind.“ „Das hatte ich vermutet“, erwiderte ich sogleich. „Prüfen Sie, Mademoiselle, überlegen Sie, wägen Sie, urteilen Sie, ob Ihre Frau Mutter ohne Zustimmung, ja selbst mit der Zustimmung Ihres Herrn Vaters, Sie mit Kindern, deren Schwester Sie nicht sind, auf eine Stufe stellen darf; ob sie Ihrem Herrn Vater einen Fehltritt gestehen kann, dessen er sie ohnehin schon verdächtigt.“

„Aber, Monsieur, wer ist denn mein Vater?“

„Das, Mademoiselle, hat man mir nicht anvertraut. Doch es ist leider gewiß“, fügte er hinzu, „daß man Ihre Schwestern außerordentlich begünstigt und alle erdenkliche Sorge getragen hat, Ihr Erbteil durch Heiratsverträge, durch Überschreibung des Vermögens, durch Rechtsbestimmungen, durch Fideikommisse und andere Mittel auf ein Nichts zu reduzieren, falls Sie sich eines Tages an die Gerichte wenden sollten, um es zu fordern. Wenn Sie Ihre Eltern verlieren, werden Sie kaum etwas erhalten. Sie wollen vom Kloster nichts wissen, vielleicht werden Sie es noch bedauern, nicht dort zu sein.“

„Das wird nie geschehen, Monsieur; ich verlange nichts.“

„Sie wissen nicht, was Kummer, Arbeit und Not bedeuten.“ „Ich kenne zumindest den Wert der Freiheit und die Last eines Standes, zu dem man nicht berufen ist.“

„Ich habe Ihnen gesagt, was ich zu sagen hatte, nun ist es an Ihnen, Mademoiselle, darüber nachzudenken ... Damit stand er auf.

„Noch eine Frage, Monsieur.“

„So viele Sie wollen.“

„Wissen meine Schwestern, was Sie mir soeben mitgeteilt haben?“

„Nein, Mademoiselle.“

„Wie konnten sie es dann über sich bringen, mich zu berauben, mich, ihre Schwester? Denn dafür halten sie mich doch.“

„Ach, Mademoiselle, der Eigennutz, der Eigennutz! Sie hätten sich ja sonst nie so günstig verheiraten können, wie sie es getan haben. In dieser Welt ist jeder sich selbst der Nächste, und ich rate Ihnen, nicht auf Ihre Schwestern zu zählen, wenn Sie Ihre Eltern einmal verlieren. Seien Sie sicher, sie werden Ihnen von dem wenigen, das Sie als Erbteil beanspruchen können, noch den letzten Heller streitig machen. Die beiden haben viele Kinder; unter diesem höchst ehrbaren Vorwand wird man Sie an den Bettelstab bringen. Im übrigen könnten sie auch gar nichts für Sie tun, denn die Geschäfte führen ihre Männer. Und selbst wenn sie einiges Mitleid mit Ihnen empfänden, würde die Hilfe, die sie Ihnen ohne Wissen ihrer Männer leisteten, eine Quelle häuslicher Zwistigkeiten werden. Ich sehe dergleichen in vielen Familien: Kinder, die man im Stich läßt; und Kinder, sogar legitime Kinder, die man auf Kosten des häuslichen Friedens unterstützt. Und dann, Mademoiselle, das Brot, das einem fremde Hände reichen, schmeckt sehr bitter. Wenn Sie auf mich hören, werden Sie sich mit Ihren Eltern aussöhnen, Sie werden tun, was Ihre Mutter von Ihnen erwarten darf. Sie werden ins Kloster gehen und eine kleine Pension erhalten, mit der Sie, wenn auch nicht glücklich, so doch erträglich leben können. Übrigens will ich Ihnen nicht verhehlen, daß die scheinbare Gleichgültigkeit Ihrer Mutter, ihr hartnäckiges Bestreben, Sie hinter Schloß und Riegel zu halten, und einige andere Umstände, an die ich mich im Augenblick nicht erinnere, die ich aber kenne, bei Ihrem Vater die gleiche Wirkung gezeitigt haben wie bei Ihnen. Ihre Geburt war ihm verdächtig, sie ist es ihm jetzt nicht mehr; und ohne daß ihm das Geheimnis anvertraut wurde, zweifelt er nicht, daß Sie seinen Namen nur deshalb tragen, weil das Gesetz die Kinder dem zuerkennt, der sich als Ehegatte bezeichnet. Gehen Sie, Mademoiselle! Sie sind gut und vernünftig; denken Sie über alles nach, was Sie soeben vernommen haben.“