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Die Vorstellung von dem, was Glück sei, ist bei den Menschen so individuell verschieden wie der Fingerabdruck. Für den einen erschöpft es sich in der Vorstellung von einem weichen Bett und reichlich Nahrung, ein anderer findet es allein in der erfüllten Liebe, der nächste hält Reichtum, Besitz und sämtliche materiellen Werte für Glück, mancher findet sein Glück in der Natur oder im Glauben, im Dienst am Nächsten, in eigenen Kindern, in beruflichem Erfolg, in geistiger Arbeit, in Büchern, im Fallschirmspringen oder Tiefseetauchen. Glück kann gedacht werden als kurzfristiges Ereignis, als individuell definierter Zustand oder als philosophische Idee (Glückseligkeit). Diese Kategorien finden sich auch in den Texten dieses Bandes wieder. Philosophen unterschiedlichster Schulen, Glaubensrichtungen und Überzeugungen haben im Kontext ihrer Lebenszeit und Bezug nehmend auf andere Lehren und Meister niedergeschrieben, was sie für Glück halten. Mit Texten von Epiktet, Platon, Aristoteles, Epikur, Seneca, Descartes, Pascal, La Mettrie, Kant, Schiller, Fichte, Schopenhauer, Nietzsche und Scheler
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Verena Thielen, Katharina Thiel (Hg.)
Klassische Texte zum Glück
Parodos
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.© Parodos Verlag Berlin 2007
Alle Rechte vorbehalten
ISBN der Printausgabe: 978-3-938880-10-4
ISBN des E-Books: 978-3-96024-36-5© Parodos Verlag Berlin 2023https://parodos.de
Glück kann man haben oder wünschen, es kann einen verlassen, man kann es suchen und finden.
Glück ist Gegenstand zahlreicher Redewendungen und Sprichwörter, es gibt Glücksbringer, Glücksboten, Glückskekse, Glücksgefühle.
Die Vorstellung von dem, was Glück sei, ist bei den Menschen so individuell verschieden wie der Fingerabdruck. Für den einen erschöpft es sich in der Vorstellung von einem weichen Bett und reichlich Nahrung, ein anderer findet es allein in der erfüllten Liebe (Goethe: „Glücklich alleine ist die Seele, die liebt.“), der nächste hält Reichtum, Besitz und sämtliche materiellen Werte für Glück, mancher findet sein Glück in der Natur oder im Glauben, im Dienst am Nächsten, in eigenen Kindern, in beruflichem Erfolg, in geistiger Arbeit, in Büchern, im Fallschirmspringen oder Tiefseetauchen.
Auch der Umgang mit dem Glück, ob man es abgeschrieben hat, es sucht, jagt oder herbeisehnt, es erforscht, herausfordert oder darauf wartet, es aus Tarot-Karten oder Handlinien liest, unterscheidet die Menschen.
In diesem Zusammenhang ist die Frage entscheidend, wovon der Einzelne das Glück abhängig glaubt: von Göttern, von einem bestimmten Gott, vom Zufall, vom Schicksal oder allein vom eigenen Wunsch und Willen? Glaubt jemand, das Glück erzwingen oder sich erarbeiten zu können, es verdient zu haben und wenn ja, wodurch, es kaufen, durch Gebete erlangen oder erst im Jenseits finden zu können?
Spricht man von Glück als einem dauerhaften Zustand, gebraucht man den Ausdruck „glücklich sein“. Dass jemand glücklich ist, setzt nicht voraus, dass er auch Glück hatte. Und wer Glück hatte, muss nicht zwangsläufig glücklich sein. So kann derjenige, der mit einem Lottogewinn Glück gehabt hat, glücklich oder unglücklich sein, abhängig von seinem individuellen Glücksempfinden.
Glück kann gedacht werden als kurzfristiges Ereignis, als individuell definierter Zustand oder als philosophische Idee (Glückseligkeit). Diese Kategorien finden sich auch in den Texten dieses Bandes wieder. Philosophen unterschiedlichster Schulen, Glaubensrichtungen und Überzeugungen haben im Kontext ihrer Lebenszeit und Bezug nehmend auf andere Lehren und Meister niedergeschrieben, was sie für Glück hielten.
Die vorliegende Textsammlung gibt einen Überblick über philosophische Definitionen des Glücks, von der Antike bis zur Moderne, von Platon bis Max Scheler.
Als Vorläufer der heutigen Esoterik-Ratgeber ist vielleicht Epiktet zu nennen, der in seinem „Handbüchlein der stoischen Moral“ praktische Ratschläge für jedermann zu geben weiß.
Platon liefert mit seinem Höhlengleichnis eine Vorstellung von Glück, die durch das Nachvollziehen des Gleichnisses erfahrbar werden kann.
Ist Glück die tugendgemäße, auf Vernunft beruhende Tätigkeit, die Aristoteles beschreibt? Zugänglich nur den Philosophen, die durch ihre Erkenntnis einzig in der Lage sind, das Wesen des Glücks zu erfassen und die nur glücklich leben können, weil sie Teil der Polis sind, der politischen Gemeinschaft der Freien und Bürger, außerhalb derer niemand glücklich sein kann?
Epikur lehrt seinen Schüler Menoikeus, Glück in der Freude zu finden. Den natürlichen Bedürfnissen zu gehorchen und frei von Ängsten und körperlichen Leiden zu sein, sei die Grundlage für ein glückliches Leben.
Seneca warnt den Glücksuchenden davor, den Weg zu wählen, der schon von vielen ausgetreten ist, und rät, einen kundigen Führer zu nehmen, d.i. die Natur.
Descartes findet Glück allein in einem Zustand der Ruhe der Seele, die durch keine Leidenschaft erschüttert werden kann.
Für Pascal liegt die Ursache allen Unglücks in dem folgenden Widerspruch: Der Mensch könnte glücklich sein, wenn er sich allein mit sich selbst beschäftigte. Versucht er dies aber, so sieht er sich nicht, wie er ist, sondern er sieht nur all sein Elend, seine Langeweile und mögliche Übel, die ihn in Zukunft bedrohen könnten.
Würde man der Meinung La Mettries zuneigen, der glaubt, dass jedes lebendige Wesen die Möglichkeit habe, Glückseligkeit zu erlangen, sofern es beständig innerlichen und äußerlichen angenehmen Anregungen ausgesetzt sei, sowohl körperlich-sinnlicher als auch geistiger Natur?
Hat Kant recht, wenn er ausführt, dass, wenn jeder Mensch sich dem kategorischen Imperativ unterwirft, d.h. so handelt, dass niemandem widerfährt, was er selbst für sich auch nicht wünschen würde, ein allgemeines Glück erreicht werden kann?
Kann Glück in der Zusammenführung von natürlichen Bedürfnissen und Vernunftstreben/Kultur gefunden werden, wie Schiller annimmt?
Liegt das Glück in der Liebe, in der Konzentration und Abkehr von der Apathie, im Widerspruch zu Kants Gesetzen, wie Fichte glaubt?
Überzeugt der Ansatz Schopenhauers, laut dem Glück immer nur negativ sein kann, bzw. seinen Ursprung immer in einem Mangel an etwas oder dem Schmerz findet und nur die kurzfristige Befreiung von diesem Schmerz oder Mangel bedeutet, bis eine neue Notlage eintritt?
Nietzsche nähert sich auf verschiedenen Wegen seinem Glücksbegriff an, der zwar keine zentrale Rolle einnimmt, aber große Teile seiner Philosophie begleitet.
Im abschließenden Text beleuchtet Scheler kritisch die unterschiedlichen Traditionslinien der Glücksphilosophie und präsentiert anhand einer Kant-Kritik eigene Ideen zum Glück.
Die Texte wurden an die neue Rechtschreibung angeglichen, einige Ausdrücke wurden der besseren Lesbarkeit zuliebe modernisiert. Im Literaturverzeichnis findet der Leser Anregungen, sich weiter mit dem Thema „Glück“ zu beschäftigen und Meinungen und Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen.
I, 1. Einige Dinge sind in unserer Gewalt, andere nicht. In unserer Gewalt sind: Meinung, Trieb, Begierde, Widerwille: kurz alles, was unser eigenes Werk ist. – Nicht in unserer Gewalt sind: Leib, Vermögen, Ansehen, Ämter, kurz alles, was nicht unser eigenes Werk ist.
I, 2. Und die Dinge, welche in unserer Gewalt stehen, sind von Natur frei; sie können nicht verhindert, noch in Fesseln geschlagen werden. Die Dinge aber, die nicht in unserer Gewalt stehen, sind schwach und völlig abhängig; sie können verhindert und entfremdet werden.
I, 3. Wofern du nun Dinge, die von Natur völlig abhängig sind, für frei und Fremdes für Eigentum ansiehst, so vergiss nicht, dass du auf Hindernisse stoßen, in Trauer und Unruhe geraten, und Götter und Menschen anklagen wirst. Wenn du aber nur das, was wirklich dein ist, als dein Eigentum betrachtest, das Fremde aber so, wie es ist, als Fremdes, so wird dir niemand je Zwang antun, niemand wird dich hindern; du wirst keinen schelten, keinen anklagen, wirst nichts tun wider Willen, niemand wird dich kränken, du wirst keinen Feind haben, kurz du wirst keinerlei Schaden leiden.
I, 4. Wenn du nun so Großes begehrst, so bedenke, dass du nicht mit halbem Eifer danach greifen, sondern einiges völlig verleugnen, anderes für jetzt aufschieben musst. Wofern du aber sowohl jenes begehrst, als auch herrschen und reich sein willst, so wirst du vielleicht nicht einmal dieses Letztere erlangen, gerade weil du zugleich nach dem Ersteren strebst. Gänzlich verfehlen aber wirst du das, woraus allein Freiheit und Glückseligkeit entspringt.
I, 5. Bestrebe dich, jeder unangenehmen Vorstellung sofort zu begegnen mit den Worten: Du bist nur eine Vorstellung und durchaus nicht das, als was du erscheinst. Alsdann untersuche sie, und prüfe sie nach den Regeln, die du hast, und zwar zuerst und allermeist nach der, ob es etwas betrifft, das in unserer Gewalt ist, oder etwas, das nicht in unserer Gewalt ist; und wenn es etwas betrifft, das nicht in unserer Gewalt ist, so sprich nur jedes Mal sogleich: „Geht mich nichts an!“
II, 1. Bedenke, dass die Begierde verheißt, wir werden erlangen, was wir begehren; der Widerwille aber verheißt, es werde uns nicht widerfahren, was er zu meiden sucht. Wer nun nicht erlangt, was er begehrt, ist unglücklich, und wem widerfährt, was er gerne vermeiden möchte, ist es doppelt. Wenn du aber bloß das zu meiden suchst, was der Natur der Dinge, die in deiner Gewalt sind, zuwider ist, so wird dir nichts von dem widerfahren, was du meiden willst. Willst du aber Krankheit meiden, oder Armut oder Tod so wirst du unglücklich sein.
II, 2. Hinweg also mit deinem Widerwillen von allem dem, was nicht in unserer Gewalt ist, und trage ihn über auf das, was der Natur der Dinge, die in unsrer Gewalt sind, zuwider ist. Die Begierde aber entferne vorerst ganz. Denn wenn du etwas von dem begehrst, was nicht in unserer Gewalt ist, so musst du notwendigerweise unglücklich sein. Von den Dingen aber, die in unserer Gewalt sind und die zu begehren rühmlich wäre, ist dir noch gar nichts bekannt. Nur Trieb und Abneigung lass walten, aber sachte, mit Auswahl und mit Zurückhaltung.
III. Bei allem, was die Seele ergötzt oder Nutzen schafft oder dir lieb und wert ist, vergiss nicht, ausdrücklich zu erwägen, welcher Art es sei, und fange beim Geringsten an. Wenn du einen Topf liebst, denke: „Ich liebe einen Topf.“ Zerbricht er dann, so wird es dich nicht anfechten. Wenn du dein Kind oder Weib herzest, so sage dir, dass du einen Menschen herzest. Stirbt er, so wird es dich nicht anfechten.
IV. Wenn du an ein Geschäft gehen willst, so erinnere dich beiläufig, wie das Geschäft beschaffen sei. – Wenn du zum Baden gehst, stelle dir vor, was im Bad zu geschehen pflegt, wie sie einander mit Wasser spritzen, einander stoßen, schimpfen und bestehlen. So wirst du mit größerer Sicherheit zu Werke gehen, indem du dabei alsbald zu dir selbst sprichst: „Ich will jetzt baden, zugleich aber auch meinen der Natur gemäßen Grundsatz festhalten.“ Und so bei jedem Geschäft. Auf diese Weise wirst du dann, wenn dir beim Baden etwas in den Weg kommt, sogleich den Trost bei der Hand haben: „Ich wollte ja nicht dieses allein, sondern auch meinen naturgemäßen Grundsatz festhalten. Ich werde ihn aber nicht festhalten, wenn ich mich über das Vorgefallene ärgere.“
V. Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist z.B. der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so erschienen; sondern die Meinung von dem Tode, dass er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche. Wenn wir nun auf Hindernisse stoßen oder beunruhigt oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst, das heißt: unsere eigenen Meinungen. – Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Missgeschicks anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen andern, noch sich selbst anzuklagen.
VI. Sei auf keinen fremden Vorzug stolz! Wenn das Pferd sich stolz erhebend spräche: „Wie schön bin ich!“, so könnte man sich das gefallen lassen. Wenn du aber selbst voll Stolz sprächest: „Welch ein schönes Pferd habe ich!“, so wisse, dass du auf die Vorzüge deines Pferdes stolz bist. Was ist nun aber dein? – Der Gebrauch deiner Vorstellungen! – Wenn du also von deinen Vorstellungen einen naturgemäßen Gebrauch machst, dann magst du stolz sein; denn alsdann bist du stolz auf einen Vorzug, der dir gehört.
VII. Wenn du auf einer Seereise, während das Schiff im Hafen liegt, ausgehst, um Wasser zu schöpfen, so hebst du wohl nebenbei auch ein Muschelchen oder Zwiebelchen am Wege auf; deine Gedanken aber musst du auf das Schiff gerichtet haben, und fleißig zurückschauen, ob nicht etwa der Steuermann rufe; und wenn er ruft, so musst du alle jene Dinge zurücklassen, damit du nicht gebunden hineingeworfen werdest, wie die Schafe. So ist’s auch im Leben. Wenn dir statt Zwiebelchen und Muschelchen ein Weibchen oder Kindchen geschenkt wird, so wird nichts dagegen einzuwenden sein. Wenn aber der Steuermann ruft, so renne zum Schiff und lasse alle jene Dinge zurück, ohne dich auch nur umzuschauen. Bist du aber ein Greis, so entferne dich nicht einmal weit vom Schiff, damit du nicht zurückbleibest, wenn jener ruft.
VIII. Verlange nicht, dass die Dinge gehen, wie du es wünschest, sondern wünsche sie so, wie sie gehen, und dein Leben wird ruhig dahin fließen.
IX. Krankheit ist ein Hindernis des Körpers, aber nicht des Willens, wenn er nicht selbst will. Lähmung ist ein Hindernis des Fußes, aber nicht des Willens. Und so denke bei allem, was dir begegnet; denn du wirst finden, dass es wohl ein Hindernis für etwas anderes ist, aber nicht für dich.
X. Vergiss nicht, bei jedem Vorfall in dich zu gehen, und zu untersuchen, welches Mittel du besitzest, um daraus Nutzen zu ziehen. Erblickst du einen Schönen oder eine Schöne, so wirst du ein Mittel dagegen finden, – die Selbstbeherrschung. Kommt Anstrengung, so findest du Ausdauer; kommt Schmach, so findest du Kraft zum Erdulden des Bösen. Und wenn du dich so gewöhnst, so wird dich die Vorstellung nicht hinreißen.
XI. Sage nie von einem Ding: „Ich habe es verloren“, sondern: „Ich habe es zurückgegeben.“ Dein Kind ist gestorben; – es ist zurückgegeben worden. Dein Weib ist gestorben; – es ist zurückgegeben worden. Dein Landgut wurde dir genommen. – Nun also auch dieses ist nur zurückgegeben worden. – „Aber der es dir genommen hat, ist ein Schurke.“ – Was geht es aber dich an, durch wen es dir derjenige wieder abgefordert hat, der es dir gab? – Solange er es aber dir überlässt, behandle es als fremdes Gut, so wie die Reisenden die Herberge.
XII, 1. Willst du Fortschritte machen, so musst du Gedanken, wie die folgenden, fahren lassen: Wenn ich das Meinige vernachlässige, so werde ich kein Brot haben; wenn ich meinen Jungen nicht züchtige, so wird er ein Bösewicht werden. Denn besser ist es, Hungers sterben, frei von Traurigkeit und Furcht, als im Überfluss leben mit Unruhe im Herzen; und besser ist’s, dass der Junge ein Bösewicht werde, als dass du unglücklich seiest.
XII, 2. Fange also mit geringfügigen Dingen an. Man verschüttet dir dein bisschen Öl, man stiehlt dir dein Restchen Wein. Denke dabei: „So teuer kauft man Gelassenheit, so teuer Gemütsruhe.“ Umsonst bekommt man nichts. Wenn du deinen Knecht herbeirufst, so denke: „Es kann sein, dass er es nicht gehört hat“, und wenn er es gehört hat, dass er nichts von dem tut, was du haben willst. Aber so gut soll er es nicht haben, dass deine Gemütsruhe in seine Willkür gestellt wäre.
XIII. Willst du Fortschritte machen, so lass es dir gefallen, dass man dich in Bezug auf äußere Dinge für dumm und einfältig hält. Du musst nicht scheinen wollen, als wissest du etwas. Wenn auch gewisse Leute etwas auf dich halten, so traue dir selbst nicht. Wisse nämlich, dass es nicht leicht ist, die naturgemäßen Grundsätze, die du hast, und zugleich die äußeren Dinge im Auge zu behalten. Vielmehr, wer für das eine sorgen will, muss ganz notwendig das andere vernachlässigen.
XIV, 1. Wenn du willst, dass deine Kinder, dein Weib und deine Freunde ewig leben sollen, so bist du ein Tor. Du willst damit, dass Dinge, die nicht in deiner Gewalt sind, in deiner Gewalt sein sollen, und was nicht dein ist, soll dir gehören.
So auch, wenn du willst, dein Sohn soll keine Fehler machen, so bist du ein Narr; du willst nämlich, Schlechtigkeit soll nicht Schlechtigkeit sein, sondern etwas anderes. Willst du aber, dass deine Wünsche nicht fehlschlagen, das vermagst du schon. Das Mögliche also – darin übe dich.
XIV, 2. Ein Herr über alles ist der, welcher die Macht hat, das, was er will oder nicht will, anzuschaffen oder wegzuschaffen. Wer nun frei sein will, der muss weder etwas wollen, noch etwas nicht wollen von dem, was in anderer Leute Gewalt ist. Wo nicht, so muss er ein Sklave sein.
XV. Vergiss nicht, dass du dich (im Leben) wie bei einem Gastmahl betragen musst. Man bietet etwas herum, und es gelangt zu dir: – strecke die Hand aus, und nimm bescheiden davon. Es geht an dir vorüber: – halte es nicht auf! Es will immer noch nicht kommen: – blicke nicht aus der Ferne begehrlich darauf hin, sondern warte, bis es an dich kommt. Ebenso halte es in Bezug auf Kinder, Weib, Ämter und Reichtum; dann wirst du einst ein würdiger Tischgenosse der Götter sein. – Wenn du aber selbst von dem, was dir vorgelegt wird, nichts annimmst, sondern darüber wegsiehst, so wirst du nicht bloß mit den Göttern zu Tische sitzen, sondern auch mit herrschen. So handelten Diogenes und Heraklit und ihresgleichen, und deshalb waren und hießen sie mit Recht göttliche Menschen.
XVI. Wenn du jemand weinen siehst aus Betrübnis, entweder weil sein Sohn in die Fremde gegangen ist, oder weil er das Seinige verloren hat, so gib Achtung, dass dich nicht die Vorstellung hinreiße, als sei jener im Unglück durch äußere Ursachen; sondern sprich nur sogleich: „Jenen drückt nicht das Begegnis selbst, – einen andern drückt es ja auch nicht, – sondern was er sich darunter vorstellt.“ Zögere zwar nicht, dich wenigstens in deinen Worten nach ihm zu richten, und wenn es sich gerade schickt, auch mit ihm zu seufzen. Hüte dich aber, dass du nicht auch innerlich mitseufzest.
XVII. Bedenke, dass du Schauspieler bist in einem solchen Stück, wie es eben dem Dichter beliebt; ist es kurz, in einem kurzen; ist es lang, in einem langen. Will er, dass du einen Bettler vorstellen sollst, so stelle auch einen solchen naturgetreu dar! Ebenso einen Lahmen, einen Herrscher, einen gemeinen Mann. Deine Sache ist es nämlich, die Rolle, die dir übertragen worden ist, gut zu spielen; sie anzuwählen, Sache eines Andern.
XVIII. Wenn ein Rabe durch sein Krächzen Unheil verkündet, so lass dich nicht von der Vorstellung hinreißen; sondern unterscheide sogleich bei dir selbst und sprich: „Keines von diesen Vorzeichen gilt mir; sondern entweder meinem elenden Leib oder meinen paar Pfennigen oder meinem bisschen Reputation oder meinen Kindern oder meinem Weibe. Mir selbst aber wird lauter Glück geweissagt, sofern ich nur will; denn was immer von jenen Dingen sich ereignen mag, es steht bei mir, Nutzen daraus zu ziehen.“
XIX, 1. Du kannst unüberwindlich sein, wenn du dich auf keinen Kampf einlässt, in dem es nicht in deiner Macht steht, obzusiegen.
XIX, 2. Wenn du einen hochgeehrten oder vielvermögenden oder sonst angesehenen Mann siehst, so hüte dich, dass du nicht, von der Vorstellung hingerissen, ihn glücklich preisest. Denn wenn das wahre Gut in den Dingen besteht, die in unserer Gewalt sind, so findet weder Neid noch Eifersucht Raum; und du selbst wirst nicht Heerführer oder Ratsherr oder Konsul sein wollen, sondern frei. Dazu führt nur ein Weg: – Verachtung der Dinge, die nicht in unserer Gewalt sind.
XX. Bedenke, dass nicht derjenige dich kränkt, der dich schmäht oder schlägt, sondern die Meinung, als liege darin etwas Kränkendes. Wenn dich also jemand ärgert, so wisse, dass dich deine Meinung geärgert hat. Deshalb versuche es vor allem, dich nicht von der Vorstellung hinreißen zu lassen. Hast du nur einmal Zeit und Aufschub gefunden, so wirst du dich umso leichter beherrschen.
XXI. Tod und Verbannung und alles, was als schrecklich erscheint, soll dir täglich vor Augen schweben, am meisten aber der Tod; so wirst du nie weder an etwas Gemeines denken, noch etwas allzu heftig begehren.
XXII. Du willst ein Philosoph sein. Mache dich von Stund’ an darauf gefasst, dass man dich auslacht, dass dich viele verspotten und sagen: „Er ist plötzlich als Philosoph zu uns zurückgekommen; und weshalb trägt er seinen Kopf gegen uns so hoch?“ – Du sollst aber den Kopf nicht hoch tragen; sondern was dir das Beste zu sein dünkt, das halte fest, gerade so, als ob du von Gott selbst auf diesen Posten gestellt worden wärest; und bedenke, dass dich, wenn du immer auf dem Gleichen beharrst, die, die dich zuerst verlacht haben, zuletzt bewundern werden. Lässest du dich aber von ihnen besiegen, so wirst du zwiefältigen Spott ernten.
XXIII. Wenn es dir einmal begegnet, dass du dich nach außen wendest, in der Absicht, irgend einem zu gefallen, so wisse, dass du deine innere Stellung verloren hast. Es genüge dir also durchaus, ein Philosoph zu sein. Willst du aber auch (von jemand) dafür angesehen sein, so sieh dich selbst dafür an. Dies vermagst du.
I. Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in Bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. – Ich sehe, sagte er. – Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Gefäße tragen, die über die Mauer herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen. – Ein gar wunderliches Bild, sprach er, stellst du dar und wunderliche Gefangene. – Uns ganz ähnliche, entgegnete ich. Denn zuerst, meinst du wohl, dass dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander je etwas anderes zu sehen bekommen als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft? – Wie sollten sie, sprach er, wenn sie gezwungen sind, zeitlebens den Kopf unbeweglich zu halten! – Und von dem Vorübergetragenen nicht eben dieses? – Was sonst? – Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, dass sie auch pflegen würden, dieses Vorhandene zu benennen, was sie sähen? – Notwendig. – Und wie, wenn ihr Kerker auch einen Widerhall hätte von drüben her, meinst du, wenn einer von den Vorübergehenden reden würde, sie würden denken, etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten? – Nein, beim Zeus, sagte er. – Auf keine Weise also können diese irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener Kunstwerke? – Ganz unmöglich. – Nun betrachte auch, sprach ich, die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande, wie es damit natürlich stehen würde, wenn ihnen Folgendes begegnete. Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehn, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah: was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu antworten zwänge, was es sei, meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher, als was ihm jetzt gezeigt werde? – Bei weitem, antwortete er. –
II. Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, fest überzeugt, dies sei weit gewisser als das Letztgezeigte? – Allerdings. – Und, sprach ich, wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nichts sehen können von dem, was ihm nun für das Wahre gegeben wird. – Freilich nicht, sagte er, wenigstens sogleich nicht. – Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der Menschen und der andern Dinge im Wasser, und dann erst sie selbst. Und ebenso, was am Himmel ist, und den Himmel selbst würde er am liebsten in der Nacht betrachten und in das Mond- und Sternenlicht sehen als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht. – Wie sollte er nicht! – Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein. – Notwendig, sagte er. – Und dann wird er schon herausbringen von ihr, dass sie es ist, die alle Zeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. – Offenbar, sagte er, würde er nach jenem auch hierzu kommen. – Und wie, wenn er nun seiner ersten Wohnung gedenkt und der dortigen Weisheit und der damaligen Mitgefangenen, meinst du nicht, er werde sich selbst glücklich preisen über die Veränderung, jene aber beklagen? – Ganz gewiss. – Und wenn sie dort unter sich Ehre, Lob und Belohnungen für den bestimmt hatten, der das Vorüberziehende am schärfsten sah und sich am besten behielt, was zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt und was zugleich, und daher also am besten vorhersagen konnte, was nun erscheinen werde: Glaubst du, es werde ihn danach noch groß verlangen und er werde die bei jenen Geehrten und Machthabenden beneiden? Oder wird ihm das Homerische begegnen und er viel lieber wollen das Feld als Tagelöhner bestellen einem dürftigen Mann und lieber alles über sich ergehen lassen, als wieder solche Vorstellungen zu haben wie dort und so zu leben? – So, sagte er, denke ich, wird er sich alles eher gefallen lassen, als so zu leben. – Auch das bedenke noch, sprach ich. Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: Würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? – Ganz gewiss. – Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, dass man versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen? – So sprächen sie ganz gewiss, sagte er.
