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Körper und Geist in perfektem Einklang mit der Original-Methode. Als Joseph Pilates Anfang des letzten Jahrhunderts eine neue Trainingsmethode entwickelte, die später nach ihm benannt werden sollte, steckte viel mehr dahinter, als nur ein Fitness-Trend - es war eine Philosophie. Pilates-Trainer und -Ausbilder Tony Rockoff ließ sich u.a. vom New Yorker Pilates-Nachfolger Bob Liekens ausbilden und führt nun mit seinem eigenen Studio das fort, was der Begründer mit seiner Methode ursprünglich vermitteln wollte. - Erfahren Sie, warum absolute Konzentration, Körperkontrolle und Atmung Joseph Pilates' Methode so einzigartig und effektiv machen. - Erlernen Sie die anspruchsvollen Original Pilates-Übungen auf der Matte so, wie sie ursprünglich konzipiert wurden: als perfekt abgestimmtes Zusammenspiel aus Zentrierung, Verankerung und Bewegungsausführung. - Zu jeder Übung wird Ihnen eine Variante präsentiert, die Ihnen dabei hilft, sich Schritt für Schritt der perfekten Durchführung zu nähern.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2017
Klassisches Pilates
Das Original-Mattentraining - 37 Übungen nach Joseph Pilates
Tony Rockoff
1. Auflage
ich mag es, auf Momente zurückzublicken, von denen ich heute weiß, dass sie meinem Leben eine neue Richtung gegeben haben, deren Bedeutung mir aber damals noch völlig unklar war. Genau so geht es mir mit diesem Moment im letzten Sommer, als mein Telefon klingelte und der Trias Verlag sich meldete: »Guten Tag Herr Rockoff, sie wurden uns von Juliana Afram empfohlen. Wir würden gerne einen Pilates-Ratgeber veröffentlichen. Hätten Sie eine Idee?« Oh ja, die hatte ich. In einem satten Monolog führte ich aus, was ich damals als meine Mission begriff: Pilates den Männern näher zu bringen. Schließlich hat Joseph Pilates seine Methode ursprünglich vor allem für genau die entwickelt. Ich ließ keine Gelegenheit aus, die Menschen um mich herum davon zu überzeugen, dass Pilates weder die kleine Schwester von Yoga noch Hausfrauensport ist. Nachdem ich auf leidenschaftliche Art und Weise die Idee für ein reines Männer-Pilates-Buch vorgetragen hatte, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung: »Das klingt alles super. Wir haben da nur ein kleines Problem.« Dass dieses kleine Problem mich vor eine der größten Herausforderungen meiner beruflichen Karriere stellen würde, sollte mir erst später klarwerden. »Wir haben eine Zielgruppe« fuhr meine Gesprächspartnerin fort, »und die besteht vor allem aus Frauen. Glauben Sie, dass Sie trotzdem ... ?« Ich lehnte ab. Nach einigen Tagen aber spürte ich, dass es viel wertvoller sein könnte, einem breiten Publikum die wahre Pilates-Philosophie näherzubringen als mit einer Hardliner-Haltung in den leeren Wald hineinzurufen – und rief zurück. Genau die richtige Entscheidung! Nicht nur weil ein großartiges Buch entstanden ist, sondern weil ich daran gewachsen bin. Heute weiß ich: Pilates ist nicht nur für Männer und nicht nur für Frauen. Es ist eine Einstellung zu Körper und Geist, die jedem Menschen guttut.
Ich wünsche Ihnen viel Freude mit diesem Buch. Aber Vorsicht, es könnte sein, dass es auch Ihrem Leben eine neue Richtung gibt.
Ihr Tony Rockoff
Lieber Leser, liebe Leserin,
Teil I Pilates das Original – die Grundlagen
1 Warum Pilates heute für uns so gut ist
2 Contrology – die Grundlagen für dein Training
2.1 Safety First
2.2 Get Ready
2.2.1 Kleidung
2.3 Die Atmung
2.3.1 Durch die Nase oder durch den Mund?
2.3.2 Atemrhythmus und Atemzyklen
2.4 Mach dich bereit – der Übungsstart
2.5 Übergang
2.6 Zentrieren – auf einen Mittelpunkt ausrichten
2.7 Die korrekte Ausgangsstellung
2.7.1 Das Fundament
2.8 Bewegungsausführung
2.9 Worauf zu achten ist – it’s all in the details
2.9.1 Powerhouse
2.9.2 Tiefe Bauchmuskeln
2.9.3 Die Wirbelsäule und das Becken
2.9.4 Ausrichtungslinien
2.9.5 The Box
2.9.6 Verankern
2.9.7 Verlängern oder 2 Way Stretch
2.10 Die Pilates-Prinzipien
2.10.1 Trainingsprogramm
Teil II Die Original-Mattenreihenfolge
3 Das Original-Mattentraining
3.1 »The Hundred«
3.1.1 Übergang
3.1.2 Ausgangsstellung
3.1.3 Fundament
3.1.4 Bewegung
3.2 »The Roll Up«
3.2.1 Übergang
3.2.2 Ausgangsstellung
3.2.3 Fundament
3.2.4 Bewegung
3.3 »The Roll Over«
3.3.1 Übergang
3.3.2 Ausgangsstellung
3.3.3 Fundament
3.3.4 Bewegung
3.4 »The One Leg Circle«
3.4.1 Übergang
3.4.2 Ausgangsstellung
3.4.3 Fundament
3.4.4 Bewegung
3.5 »Rolling Like A Ball« (Rolling Back)
3.5.1 Übergang
3.5.2 Ausgangsstellung
3.5.3 Fundament
3.5.4 Bewegung
3.6 »The One Leg Stretch«
3.6.1 Übergang
3.6.2 Ausgangsstellung
3.6.3 Fundament
3.6.4 Bewegung
3.7 »The Double Leg Stretch«
3.7.1 Übergang
3.7.2 Ausgangsstellung
3.7.3 Fundament
3.7.4 Bewegung
3.8 »The Single Straight Leg Stretch«
3.8.1 Übergang
3.8.2 Ausgangsstellung
3.8.3 Fundament
3.8.4 Bewegung
3.9 »The Double Straight Leg Stretch«
3.9.1 Übergang
3.9.2 Ausgangsstellung
3.9.3 Fundament
3.9.4 Bewegung
3.10 »The Criss Cross«
3.10.1 Übergang
3.10.2 Ausgangsstellung
3.10.3 Fundament
3.10.4 Bewegung
3.11 »The Spine Stretch«
3.11.1 Übergang
3.11.2 Ausgangsstellung
3.11.3 Fundament
3.11.4 Bewegung
3.12 »The Rocker With Open Legs«
3.12.1 Übergang
3.12.2 Ausgangsstellung
3.12.3 Fundament
3.12.4 Bewegung
3.13 »The Cork Screw«
3.13.1 Übergang
3.13.2 Ausgangsstellung
3.13.3 Fundament
3.13.4 Bewegung
3.14 »The Saw«
3.14.1 Übergang
3.14.2 Ausgangsstellung
3.14.3 Fundament
3.14.4 Bewegung
3.15 »The Swan Dive«
3.15.1 Übergang
3.15.2 Ausgangsstellung
3.15.3 Fundament
3.15.4 Bewegung
3.16 »The One Leg Kick«
3.16.1 Übergang
3.16.2 Ausgangsstellung
3.16.3 Fundament
3.16.4 Bewegung
3.17 »The Double Kick«
3.17.1 Übergang
3.17.2 Ausgansstellung
3.17.3 Fundament
3.17.4 Bewegung
3.18 »The Neck Pull«
3.18.1 Übergang
3.18.2 Ausgangsstellung
3.18.3 Fundament
3.18.4 Bewegung
3.19 »The Scissors/Bicycle«
3.19.1 Übergang
3.19.2 Ausgangsstellung
3.19.3 Fundament
3.19.4 Bewegung
3.20 »The Shoulder Bridge«
3.20.1 Übergang
3.20.2 Ausgangsstellung
3.20.3 Fundament
3.20.4 Bewegung
3.21 »The Spine Twist«
3.21.1 Übergang
3.21.2 Ausgangsstellung
3.21.3 Fundament
3.21.4 Bewegung
3.22 »The Jack Knife«
3.22.1 Übergang
3.22.2 Ausgangsstellung
3.22.3 Fundament
3.22.4 Bewegung
3.23 »The Side Kick«
3.23.1 Übergang
3.23.2 Ausgangsstellung
3.23.3 Fundament
3.23.4 Bewegung
3.24 »The Teaser«
3.24.1 Übergang
3.24.2 Ausgangstellung
3.24.3 Fundament
3.24.4 Bewegung
3.25 »The Hip Twist With Stretched Arms«
3.25.1 Übergang
3.25.2 Ausgangstellung
3.25.3 Fundament
3.25.4 Bewegung
3.26 »Swimming«
3.26.1 Übergang
3.26.2 Ausgangsstellung
3.26.3 Fundament
3.26.4 Bewegung
3.27 »The Leg Pull Front«
3.27.1 Übergang
3.27.2 Ausgangsstellung
3.27.3 Fundament
3.27.4 Bewegung
3.28 »The Leg Pull«
3.28.1 Übergang
3.28.2 Ausgangsstellung
3.28.3 Fundament
3.28.4 Bewegung
3.29 »The Side Kick Kneeling«
3.29.1 Übergang
3.29.2 Ausgangsstellung
3.29.3 Fundament
3.29.4 Bewegung
3.30 »The Side Bend«
3.30.1 Übergang
3.30.2 Ausgangsstellung
3.30.3 Fundament
3.30.4 Bewegung
3.31 »The Mermaid«
3.31.1 Übergang
3.31.2 Ausgangstellung
3.31.3 Fundament
3.31.4 Bewegung
3.32 »The Boomerang«
3.32.1 Übergang
3.32.2 Ausgangstellung
3.32.3 Fundament
3.32.4 Bewegung
3.33 »The Seal«
3.33.1 Übergang
3.33.2 Ausgangstellung
3.33.3 Fundament
3.33.4 Bewegung
3.34 »The Crab«
3.34.1 Übergang
3.34.2 Ausgangstellung
3.34.3 Fundament
3.34.4 Bewegung
3.35 »The Rocking«
3.35.1 Übergang
3.35.2 Ausgangstellung
3.35.3 Fundament
3.35.4 Bewegung
3.36 »The Control Balance«
3.36.1 Übergang
3.36.2 Ausgangstellung
3.36.3 Fundament
3.36.4 Bewegung
3.37 »The Push Up«
3.37.1 Übergang
3.37.2 Ausgangstellung
3.37.3 Fundament
3.37.4 Bewegung
4 Das Gerätetraining
4.1 Der Reformer
4.2 Der Cadillac oder Trapez Table
4.3 Die Chair-Familie
4.4 Die Barrel-Familie
4.5 Die Guillotine (Der Tower)
4.6 Weitere Geräte
4.6.1 Der Breath-A-Cizor
4.6.2 Die Matte
Teil III Die Joseph-Pilates-Story
5 Die Geschichte des Joseph Pilates
6 Was ist Pilates heute?
7 Danksagung
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
1 Warum Pilates heute für uns so gut ist
2 Contrology – die Grundlagen für dein Training
Pilates-Kurse werden mittlerweile in jedem Fitness-Studio angeboten, jeder »kennt« Pilates – doch was steckt wirklich hinter der Methode und was macht sie aus?
Pilates ist eine Methode, die im späten 19. Jahrhundert entstand, die Menschen begeistert und bis heute fesselt. Und Pilates kann viel mehr als nur entspannen und für Ausgleich sorgen.
In meinen Stunden frage ich die Teilnehmer von Zeit zu Zeit: »Warum machst du überhaupt Pilates?« Diese Frage stelle ich jetzt auch dir: »Warum machst du Pilates? Warum hast du dir dieses Buch gekauft?« Hier sind einige der Antworten meiner Teilnehmer:
»Mein Arzt hat es mir empfohlen.«
»Ich möchte meinen Körper besser kennenlernen.«
»Ich bekomme dadurch eine gute Figur.«
»Es gibt mir einen Ausgleich. Ich kann meinen Alltag dadurch besser bewältigen.«
»Es tut mir einfach gut.«
Ich könnte jetzt noch einige Beispielaussagen nennen, die sehr bezeichnend sind. Aber ich möchte dir viel lieber sagen, was meine ganz persönliche Antwort ist. Denn auch ich frage mich natürlich immer wieder selbst, warum ich Pilates mache. Meine Antwort: Weil mein Körper ein Bewegungsapparat ist und bewegt werden will. Das mag sich nüchtern anhören, es steckt aber sehr viel mehr dahinter.
In unserer Welt läuft nämlich einiges grundlegend falsch, und das hat Joseph Pilates schon sehr früh erkannt. Die meisten von uns leben zu kopfgesteuert und lassen unserer Seele und unserem Körper kaum noch Platz zum Atmen. Das schadet unserer Gesundheit.
Der Mensch ist im Zuge der Industrialisierung immer mehr dazu übergegangen, mit dem Kopf zu arbeiten. Der Kopf könnte prinzipiell auch eine ganze Zeit lang gut ohne seinen Körper funktionieren. Doch früher oder später wird der Körper sich beim Kopf melden und ihm deutlich machen: »So wie du gerade mit mir umgehst, mache ich das nicht mehr lange mit.«
Und dann wachen viele erst auf. Sie merken, dass mit ihnen tatsächlich irgendetwas nicht mehr stimmt. Sie bekommen Kopf- und Rückenschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten; lange Autofahrten, die früher kein Problem waren, werden auf einmal beschwerlicher, die Knie machen nicht mehr so richtig mit. Logischerweise fragen wir uns an diesem Punkt: Was nun? Kann ich meinen Beruf überhaupt weiter ausüben? Meine Hobbys? Muss ich in der Freizeit kürzertreten?
Es wird in solchen Situationen immer Menschen geben, die dir raten, Beruf und Alltag so zu gestalten, dass sie weniger Angriffsfläche für Beschwerden bieten. »Mit dem Bandscheibenvorfall weiter Kisten schleppen? Bist du verrückt?« »Du solltest einfach nicht mehr so viel sitzen!« Diese Ratschläge sind gut gemeint, oft sogar nützlich, aber sie zielen nur auf die Bekämpfung von Symptomen ab und lassen die Ursachen der Beschwerden meist außen vor. An diesem Punkt ist es sinnvoll, die Einstellung zu deinem Körper zu ändern. Du solltest verstehen, wie dein Organismus funktioniert.
Eine Glaubensfrage, die zum Nachdenken anregt:
1. Mose 2,15: »Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und bewahre.«
Nun hat die Welt, die wir bebaut haben, nicht mehr viel mit der zu tun, die wir bewahren sollten.
Stelle dir den Garten Eden vor: Dort gab es alles, was wir zum Leben brauchen. Gott – falls du an ihn glaubst – hat also alles perfekt für dich vorbereitet. Wir sind aber der Meinung gewesen, dass wir es besser machen können. Haben wir es besser gemacht? Ich glaube nicht. Christo Foerster, Coach und Autor des Buches »Neo Nature«, bringt das ganz simpel auf den Punkt: »Wir Menschen sind Teil der Natur, doch unser Verhalten ist alles andere als natürlich.« Und ganz ähnlich formulierte es auch Joseph Pilates:
»Wenn die Menschen nur die einfachen Gesetze der Natur kennen und achten würden, so würden eine allgegenwärtige Gesundheit und ein Gesundheitszeitalter folgen.«
(Your Health, 1934, S. 106)
Aber was ist natürlich? Ich bin der Meinung, dass viele von uns vergessen haben, wo Sie eigentlich herkommen.
»Du wirst in diese Welt geboren mit einem perfekt angepassten Körper und Geist.« – Ist das wirklich so? Nein. Weil die Welt, die für uns geschaffen wurde, so nicht mehr existiert. Wir haben uns eine eigene Welt gebaut und versuchen uns nun an diese anzupassen. Und das gelingt uns nicht. Ich untermauere das mit einem weiteren Auszug aus dem Buch »Neo Nature«:
»Wir leben in einer Welt, an die wir biologisch gesehen nicht angepasst sind. Und wir versuchen, diese Lücke zu schließen, indem wir immer kopfgesteuerter leben, und verlieren dadurch den Zugang zu unserem Körper und damit zu einem entscheidenden Teil unseres Systems.«
(Neo Nature, S. 17)
Ein Tier hingegen lebt im Einklang mit Körper und Geist. Schon Joseph Pilates hat sich viel von den Tieren abgeschaut und ihre Verhaltensweisen beschrieben. Für ihn begann die körperliche und geistige Erziehung schon im Kindesalter:
»Wie viel mehr gesunden Menschenverstand und natürlichen Instinkt die stummen Tiere doch besitzen? Wie vollkommen verschieden ist doch die Art, auf die sie ihre Jungen großziehen? Wie viel Spaß wir haben können, wenn wir einfach nur einer Tiermutter, besonders einer Katzenmutter, dabei zusehen, wie sie ihren Nachkommen Körperkultur beibringt. Welch’ Lehre sie uns Menschen doch lehren kann!«
(Your Health, 1934, S. 129)
Tiere sind in der Regel perfekt an den Lebensraum angepasst, in dem sie leben. Und wenn sie sich weiter anpassen müssen, dann werden sie das tun, allerdings in einem sehr langwierigen Prozess, den wir Evolution nennen. Im Grunde sind auch wir nichts anderes als Tiere. Allerdings hat sich unser Lebensraum so rasant verändert, dass wir damit überhaupt nicht mithalten können und wir natürlich selbst dazu beitragen, dass unser Leben immer mehr an Natürlichkeit verliert. Das liegt auch daran, dass wir unseren natürlichen Instinkten zu wenig Raum geben. Wir fangen oft schon damit an, kleine Kinder in ihrem natürlichen Bewegungsdrang zu bremsen. Das ist vielen Eltern gar nicht bewusst, wenn sie sagen: »Bleib still sitzen beim Essen« oder »Lauf nicht so schnell, du fällst sonst noch hin«. Das Kind hat gar keine Chance, eigene Erfahrungen zu machen, sich also auf die eigenen natürlichen Instinkte zu verlassen.
Joseph Pilates wusste, wie wichtig der Einklang von Körper und Geist ist – gerade in unserer heutigen Zeit gewinnt diese Erkenntnis an Bedeutung.
(I.C. Rapoport, Kalifornien)
Der Mensch in den industrialisierten Ländern passt sich gerade nicht an die Natur an, sondern an die von ihm bebaute, sich unglaublich schnell verändernde urbane Welt. Und da liegt der Fehler. Das, was die Natur in einem sehr langwierigen Prozess regelt und wozu sie in der Lage ist, versuchen wir in kürzester Zeit zu erreichen. Und das funktioniert nicht.
Wir leben in einer Zeit, in der Mega-Rechner immer mehr Informationen speichern und auswerten und auch unsere Köpfe und Gehirne werden von immer mehr und mehr Informationen überflutet, die es auszuwerten gilt. Und da kommen wir zum Kern: Du entwickelst dich immer mehr zu einer funktionierenden Maschine, bekommst immer mehr Informationen, die du auswerten musst. Meiner Meinung nach – und damit bin ich nicht alleine, schon der massive Anstieg der psychischen Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten spricht für sich – überfordert uns das.
Eventuell kannst du dich nicht mehr an die Zeit erinnern, als man noch zur Bibliothek laufen musste, um an Informationen zu kommen. Heute im Zeitalter der Suchmaschinen kommst du mit wenigen Klicks an unzählige Informationen. Allerdings bekommst du auf eine Frage vielleicht hundert Antworten – und woher weißt du, welche die richtige ist? Dein Kopf wird sich schon für eine entscheiden. Was ich damit sagen will:
Wir leben in einer extrem kopf- bzw. wissensgesteuerten Welt und haben verlernt, auf unseren Körper zu hören. Die meisten von uns geben auf und vertrauen dem Gesundheitssystem, doch schon Joseph Pilates war das ein Dorn im Auge und er brachte das auch so zu Papier.
»Dass nicht einmal die Medizin als Wissenschaft die Naturgesetze des Lebens in Bezug auf das tägliche Leben versteht, begründet den Misserfolg, wenn sie der Bevölkerung durch richtige Lehren der Gesundheitskontrollen zu nützen versuchen.«
(Your Health, 1934, S. 103)
Ein Beispiel dazu: Der Norddeutsche Rundfunk beschäftigte sich kürzlich mit dem Phänomen Knie-Operationen. »Wenn das Knie Probleme macht, raten Orthopäden schnell und gern zu einer Operation«, so Professor Hans H. Pässler, einer der führenden Knie-Chirurgen. Laut Professor Pässler sind die Hälfte der Gelenkspiegelungen und ein Drittel der Knieersatz-OPs jedoch unbegründet. Das macht über 300.000 sinnlose Knie-Operationen im Jahr. Seine Kritik an vielen Kollegen: Sie operieren nur, weil das mehr Geld bringt, als Krankengymnastik zu verschreiben. (http://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/knie109.html)
Der Berliner Tagesspiegel stellte eine Studie vor, welche die Überflüssigkeit von Knie-OPs bestätigt: An der Untersuchung nahmen 146 Patienten zwischen 35 und 65 Jahren teil. Sie hatten zwar noch keine krankhaften Veränderungen im Kniegelenk, aber Beschwerden, die auf einen meist nicht durch eine Verletzung bedingten Riss des inneren Meniskus und damit auf Verschleiß hindeuteten. Bei allen Patienten wurde eine Gelenkspiegelung vorgenommen, aber nur jeder Zweite wurde bei dieser Gelegenheit auch tatsächlich behandelt. Bei den anderen wurde eine Meniskusbehandlung lediglich simuliert. Die Patienten selbst wussten jedoch nicht, ob sie tatsächlich operiert worden waren. Auf diese Weise waren persönliche Einflüsse auf das Behandlungsergebnis zwischen beiden Gruppen angeglichen worden.
In den nächsten zwölf Monaten wurden Operierte wie Nichtoperierte immer wieder verglichen, etwa in Bezug auf Knieschmerzen nach sportlichen Übungen. Es zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied zwischen den Gruppen. »Diese Ergebnisse widersprechen der gegenwärtigen Praxis, Teile des Meniskus bei verschleißbedingten Meniskusrissen zu entfernen«, schreiben Raine Sihvonen vom Hatanpää City Hospital und seine Kollegen im Fachblatt »New England Journal of Medicine«.
Alle Entscheidungen sollten mit Kopf und Körper getroffen werden.
(I.C. Rapoport, Kalifornien)
Die Studie ist nicht die erste ihrer Art. Schon 2002 hatten Mediziner in Texas bei Patienten mit Kniegelenksarthrosen (Kniegelenksverschleiß) die Gelenkflächen entweder geglättet, nur gespült oder einen Eingriff sogar völlig simuliert. Auch hier zeigte sich kein Unterschied in ihrer Genesung. (http://www.tagesspiegel.de/wissen/knieprobleme-meniskusoperation-oft-unnoetig/9305918.html)
Man muss sich heute sehr gut informieren, wenn es um das Thema Gesundheit geht. Uns wird vieles als gesund verkauft, das in Wahrheit aber nicht gesund ist. Wie sagte ein guter Freund einmal zu mir: »Dieses Thema ist extrem spannend und eigentlich viel zu schade, um es abzukürzen.« Ich mache es trotzdem.
Mit Joseph Pilates’ Worten:
»Allgemein kann man sagen: Je weniger der normale Mensch über die Gesundheit spricht, desto besser ist das für seine Gesundheit.«
(Your Health, 1934, S. 106)
Ein wichtiger, grundlegender Gedanke von Joseph Pilates war: Body, Mind and Soul. Es ging ihm immer darum, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen, oder besser: sie zu vereinen.
Was bedeutet das für dein Pilates-Training?
»Was bedeutet die Balance von Körper und Geist? Es ist die bewusste Kontrolle aller Muskelbewegungen des Körpers. Es ist der korrekte Gebrauch und die Anwendung der Hebelgesetze durch die Knochen, die das gesamte Skelettsystem des Körpers ausmachen. Es ist das vollständige Wissen um die Funktionsweise des Körpers und um die Prinzipien von Gleichgewicht und Schwerkraft im Zuge der Körperbewegungen, aber auch in Ruhe und im Schlaf.«
(Your Health, 1934, S. 114)
Joseph Pilates war seiner Zeit weit voraus und hat viel vorweggenommen, was heute als Trend in Sachen Bewegung gilt. Zum Glück gibt es heute zunehmend mehr Fitnesskonzepte, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht Maschinen. Viele sprechen in diesem Zusammenhang heute von funktionellem Training – Joseph Pilates hat genau das schon damals gemacht. Es gibt viele gute Methoden, um sich körperlich fit zu halten. Aber: Nur den Fokus auf das Körperliche zu legen, wird nicht dauerhaft gesund machen. Es geht um die Balance in unserem System.
Was mich und andere Pilates-Anhänger begeistert, ist das Zusammenspiel von Körper und Geist! Das macht die Methode von Joseph Pilates so einzigartig. Du lernst, wie du deinen Körper mit deinem Kopf kontrollierst. Eines von Joseph Pilates’ Lieblingszitaten kommt von Friedrich Schiller: »Es ist der Geist, der sich den Körper baut.«
Deshalb ist Pilates heute so wichtig für uns. Du beschäftigst dich dabei mit deinem Kopf UND mit deinem Körper gleichzeitig. Du nimmst dir Zeit, deinen Körper kennenzulernen. Es gibt in dieser Methode so viele Übungen, von denen du dir vorstellst, dass du sie niemals bewältigen können wirst. Wenn du dich aber auf sie einlässt und ganz bewusst trainierst, dann wird dir vieles möglich sein. Es gibt einige, die Pilates machen, weil es hip ist. Diese Menschen sehen Pilates meist nur als Sport. Es ist aber viel mehr. Pilates ist eine Lebenseinstellung. Pilates rüstet dich für die Herausforderungen des Alltags. Sei mit allem dabei, was du hast und geben kannst, dann wirst du die Vielfalt und Tiefe dieser Methode verstehen.
Mit seinen Worten:
»Denke daran, dass ›Rom nicht an einem Tag gebaut wurde‹ und dass Geduld und Beharrlichkeit wichtige Tugenden sind, um letztendlich jedes lohnenswerte Ziel zu erreichen.«
(Return to life through Contrology, 1945, S. 11)
Pilates in seiner klassischen Form ist nicht ganz einfach – es gibt ein paar wichtige Dinge, die es zu beachten gilt. Dieses Kapitel zeigt, wie du das Beste aus dir und dem Buch herausholen kannst.
Als Erstes solltest du dich fragen: Bin ICH schon bereit für dieses Buch? Verstehe mich nicht falsch, ich möchte dir nicht zu verstehen geben, dass du die Übungen nicht schaffen wirst. Ich möchte dir aber auch keinen falschen Eindruck vermitteln und werde deswegen ganz ehrlich sein: Wenn du erst seit einiger Zeit Pilates in seiner klassischen Form übst, könnten die dargestellten Übungen zunächst noch sehr schwer bzw. nicht ausführbar sein. Aus diesem Grund habe ich jeder Übung eine leichtere Variante
