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Wer versuchen möchte, das moderne Griechenland in all seinen Widersprüchen und Konflikten zu verstehen, sollte sich die Zeit nehmen, seine Geschichte kennenzulernen. Dieses Buch lädt dazu ein.
Ioannis Zelepos bietet einen kompakten und fundierten Überblick über die bewegte Entwicklung des Landes von der osmanischen Zeit bis in die Gegenwart. Mit den großen historischen Einschnitten des 19. und 20. Jahrhunderts – dem Unabhängigkeitskrieg von 1821 und der Staatsgründung, der Kleinasiatischen Katastrophe von 1922, Besatzung und Bürgerkrieg 1941 – 1949 sowie dem EG-Beitritt 1981 – wird die politische Geschichte in die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Landes ein gebettet. Die zweite Auflage hat der Autor um ein neues Kapitel erweitert, in dem er die Krisenzeit nach 2009, die zeitweilige Grexit-Diskussion und die ersten Jahre der Regierung unter Alexis Tsipras und seines Parteienbündnisses SYRIZA beschreibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Ioannis Zelepos
Von der Staatsgründungbis heute
Verlag C.H.Beck
Wer versuchen möchte, das moderne Griechenland in all seinen Widersprüchen und Konflikten zu verstehen, sollte sich die Zeit nehmen, seine Geschichte kennenzulernen. Dieses Buch lädt dazu ein.
Es bietet einen kompakten und fundierten Überblick über die bewegte Entwicklung des Landes von der osmanischen Zeit bis in die Gegenwart. Mit den großen historischen Einschnitten des 19. und 20. Jahrhunderts – dem Unabhängigkeitskrieg von 1821 und der Staatsgründung, der Kleinasiatischen Katastrophe von 1922, Besatzung und Bürgerkrieg 1941–1949 sowie dem EG-Beitritt 1981 wird die politische Geschichte in die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Landes eingebettet. Auf dieser Grundlage entsteht ein ausgewogenes Gesamtbild, das zum Verständnis der griechischen Gesellschaft an einem neuen Wendepunkt ihrer Geschichte beiträgt.
Ioannis Zelepos ist Historiker und Neogräzist an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist durch zahlreiche Veröffentlichungen als Kenner neugriechischer Geschichte und Kultur ausgewiesen.
Für Despina
Vorbemerkung
Vorbemerkung zur zweiten Auflage
1. Historischer Rahmen: Die osmanische Zeit
Herrschaft, Siedlungsstruktur und Identität
Die Rolle der Orthodoxen Kirche
Von Händlern zu Statthaltern: Die Fanarioten
Die griechische Sprache
Das Osmanische Reich in der Krise
Auf europäischen Pfaden: Aufklärung und Revolution
Die Geheimgesellschaft der «Filiki Etaireia»
2. Der Unabhängigkeitskrieg (1821–1832)
Auftakt in Rumänien
Der Aufstand in Griechenland
Die Akteure
Etappensiege und Bürgerkriege
Rückschläge und Internationalisierung
Kapodistrias
Anarchie
3. Staatsgründung und «Bayernherrschaft» (1832–1862)
Imperialismus und Philhellenismus
Wirtschaft, Gesellschaft und Politik bis zur Verfassungsrevolte von 1843
Die «Große Idee» («Megali Idea»)
4. Modernisierung im Schatten der Nationalen Frage (1862–1912)
Anfänge des Wandels
Der «König der Hellenen»
Irredentismus: Vom Kretischen Aufstand 1866 zum Berliner Kongreß 1878
Die Krise der Nationalideologie
Die Durchsetzung des Parlamentarismus
Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung unter Charilaos Trikoupis
Der «Friedenskrieg» von 1885
Staatsbankrott und griechisch-osmanischer Krieg von 1897
Kulturkritik und Identitätssuche: Der Sprachstreit
Der Makedonienkonflikt 1903–1908
Die Militärrevolte von Goudi 1909
Venizelos
5. Das Kriegsjahrzehnt 1912–1922
Die Balkankriege 1912/13
Der Konflikt zwischen König und Ministerpräsident
Die Nationale Spaltung («Ethnikos Dichasmos»)
Kriegseintritt und Kleinasienfeldzug 1917–1922
Die humanitäre Bilanz des Kriegsjahrzehnts
Bevölkerungsaustausch und Lausanner Friedensvertrag von 1923
Die Kleinasiatische Katastrophe als griechisches Trauma
6. Die Zeit zwischen den Weltkriegen (1923–1940)
Die Republik
Wirtschaftliche Probleme, Eingliederung der Flüchtlinge und sozialer Wandel
Der Umgang mit den Minderheiten
Zwischen Tradition und Moderne: Griechische Kultur in der Zwischenkriegszeit
Die Rückkehr von Venizelos 1928–1932: «Goldene Jahre» und Weltwirtschaftskrise
Krise und Zusammenbruch der Republik 1932–1935
Die Metaxas-Diktatur 1936–1940
7. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen (1940–1949)
Das Besatzungsregime
Widerstand und Besatzungsterror
Zersplitterung der Widerstandsbewegung und Kollaboration
Polarisierung am Vorabend der Befreiung: Die Libanon-Konferenz 1944
Die «Dezemberereignisse» 1944
Das Abkommen von Varkiza und die Verschärfung des Konflikts
Der Bürgerkrieg 1946–1949
Die Bilanz von Besatzungszeit und Bürgerkrieg
8. Vom Bürgerkrieg zur Diktatur (1950–1974)
Liberales Intermezzo 1950–1952
Antikommunismus und Wiederaufbau: Von Papagos zu Karamanlis
Der Zypernkonflikt
Politische Gegensätze und Systemkrise 1963–1965
Die Militärdiktatur 1967–1974
9. Die Zeit des Systemwechsels (1974–1989)
Rückkehr zur Demokratie und europäische Integration 1974–1980
Die Regierungsära Papandreou 1981–1989
10. Nach der Osteuropäischen Wende
Der makedonische Namensstreit
Einwanderung als neue Erfahrung
Ankunft im 21. Jahrhundert
11. Das Krisenjahrzehnt (2009 bis heute): Ein Drama mit offenem Ende
Böses Erwachen und Reformversuche
Medienecho und Stereotypenbildung
Regierungswechsel 2015 und Eskalation der Krise
Von der griechischen zur europäischen Krise
Anhang
Weiterführende Literatur
Bild- und Kartennachweis
Personenregister
Anmerkung zur Transliteration und Aussprache
Als historische Einführung richtet sich dieses Buch in gleicher Weise an allgemein interessierte Leser wie an das Fachpublikum. Der Text ist um sprachliche Anschaulichkeit und hohe Informationsdichte auf wenig Raum bemüht. Die Darstellung unterscheidet sich von älteren Arbeiten dieser Art darin, daß sie auf kulturologische Projektionen von «historischen Erblasten», «orientalisch-okzidentalen Identitätskonflikten» sowie vermeintlich unveränderlichen «Mentalitäten» verzichtet und statt dessen konkrete kulturgeschichtliche Zusammenhänge beleuchtet. Dementsprechend werden eurozentrische Perspektiven verlassen und statt dessen europäische Verflechtungen in den Vordergrund gerückt, die einen Schlüssel zum Verständnis neugriechischer Geschichte liefern. Ferner bricht die vorliegende Darstellung mit überkommenen Geschichtsdeutungen der Nationalhistoriographie zugunsten einer kritischen Betrachtung der Nationalideologie und ihrer politischen wie gesellschaftlichen Wirkungen im historischen Wandel. Auf diese Weise soll ein differenziertes und thematisch ausgewogenes Gesamtbild erstellt werden, das zentrale Aspekte der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes berücksichtigt.
Diese Arbeit stützt sich auf einschlägige Forschungen griechischer wie internationaler Fachwissenschaftler, die in den letzten beiden Jahrzehnten stetig vorangeschritten sind und viele neue Erkenntnisse gebracht haben. Ein kleiner Teil dieser Studien ist am Ende dieses Buches im Hinweis auf weiterführende Literatur vermerkt, der als bibliographische Handreichung zugleich dem Zweck dient, wissenschaftliche Rechenschaft abzulegen, obwohl Auslassungen aufgrund des eng begrenzten Raums dabei unvermeidlich sind. Viele Forscher, denen Anerkennung gebührt, müssen ungenannt bleiben. Besonderer Dank gilt indes Oliver Jens Schmitt für eine wertvolle Anregung.
München, im November 2013
Ioannis Zelepos
Bei Abschluß des Manuskripts der Erstauflage dieses Buches im Herbst 2013 war die griechische Staatsschuldenkrise bereits ein Dauerproblem, für das keine baldige Lösung in Sicht schien. Daran hat sich bis heute, dreieinhalb Jahre später, leider nichts Wesentliches geändert. Allerdings erlebte die Krise in der Zwischenzeit eine dramatische Zuspitzung, die nicht nur Griechenland tief erschütterte, sondern auch ganz Europa in Atem hielt. Wie niemals zuvor in seiner Geschichte stand das Land dabei für Monate im Brennpunkt der internationalen Berichterstattung, aus der es jedoch ebenso plötzlich wieder verschwand, obwohl die Krise keineswegs überwunden war, sondern sich eher noch verschärft hatte; denn Griechenland lag nicht nur finanziell am Boden, sondern war auch in besonderem Maße von der eskalierenden Flüchtlingsproblematik betroffen.
Vor diesem Hintergrund erschien es für die Zweitauflage sinnvoll, die turbulenten Entwicklungen der letzten Jahre in einem gesonderten Kapitel zu behandeln, das an den bereits vorliegenden Text anschließt. Dieser endet mit der Feststellung, daß Griechenland in seiner Geschichte auch schon größere Krisen überstanden hat, was nach wie vor richtig ist. Noch deutlicher als seinerzeit tritt heute jedoch hervor, wie eng die gegenwärtige Krise in einer globalisierten Welt mit dem Schicksal des ganzen Kontinents verbunden ist. Mehr denn je erscheint Griechenland heute als einer der Prüfsteine, an denen die Frage verhandelt wird, was Europa ist und was es in Zukunft sein will.
München, im Mai 2017
Ioannis Zelepos
Eine Darstellung der Geschichte des modernen Griechenland muß mit einem Blick auf die historischen Rahmenbedingungen beginnen, unter denen sich die Staats- und Nationsbildung vollzog. Das betrifft politische, soziale und kulturelle Aspekte, deren Fernwirkungen teilweise bis in die Gegenwart reichen, sowie die spezifischen Gründe, die zur Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert führten.
In ihrer überwiegenden Mehrheit und für die längste Zeit ihrer Geschichte, nämlich von der Antike bis ins 20. Jahrhundert hinein, lebten Griechen – dieser Begriff wird hier zunächst unhinterfragt gebraucht – als Angehörige multiethnischer Reiche, die einer imperialen Staatsidee folgten und in ihrem Inneren durch ein starkes Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie gekennzeichnet waren. Das äußerte sich vor allem in der herausgehobenen Bedeutung, die der Hauptstadt als Orientierungspunkt des politischen, wirtschaftlichen wie kulturellen Lebens zukam. Diese Hauptstadt war seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert das an der Meerenge des Bosporus gelegene Byzanz bzw. Konstantinopel. Nach dem endgültigen Untergang Ostroms fand diese im osmanischen Istanbul eine nahtlose Fortsetzung, so daß sich eine historische Kontinuitätslinie von nahezu zweitausend Jahren ergibt, die natürlich nicht nur die Griechen, sondern alle Völker der Region betraf und in ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung kaum zu unterschätzen ist.
Eng damit zusammen hängt die griechische Siedlungsstruktur, die sich bereits seit der Antike durch eine relativ große räumliche Streuung und entsprechende Zergliederung auszeichnete. Gebiete mit griechischer Bevölkerung erstreckten sich über einen großen Teil des östlichen Mittelmeer- und Schwarzmeerraums: Neben Zypern gehörten dazu Kleinasien mit Schwerpunkten in Kappadokien, Kilikien sowie den westlichen Küstenstreifen vom Marmarameer bis Antalya, ferner die Pontosregion im Nordosten Anatoliens, die außer dem Küstenstreifen von Sinope bis Trapezunt auch das gebirgige Binnenland um die Städte Amasya, Tokat, Gümüşhane und Erzurum umfaßte. Von hier aus kam es seit der Frühen Neuzeit zu verschiedenen Migrationswellen in Richtung Kaukasus sowie an die Nordküste des Schwarzen Meeres, die nach der russischen Eroberung von den Zaren systematisch gefördert wurden. So entstanden Siedlungsschwerpunkte am nördlichen Rand des Asowschen Meeres sowie an der Mündung des Don mit den Städten Mariupol, Taganrog und Rostow. Etwas weiter südöstlich davon entstanden in Noworossijsk, Jekaterinodar und Suchumi weitere Zentren. Im Süden der Halbinsel Krim gab es schon früh eine kontinuierliche griechische Besiedlung um die Städte Sewastopol, Simferopol, Jalta und Kertsch. Ebenfalls antike Wurzeln hatten die griechischen Siedlungen auf Sizilien und in Süditalien, wo der Bevölkerungsanteil allerdings seit dem Mittelalter rückläufig war.
Im Kernraum an der Ägäis gab es andererseits kaum einen Landstrich, der ausschließlich von Griechen bewohnt gewesen wäre. Das gilt auch für die Region des «klassischen Hellas» von Thessalien bis zur Peloponnes, die seit dem Mittelalter Ziel verschiedener Migrationsbewegungen wurde, welche das antike Siedlungsgefüge gründlich veränderten. Während die zunächst zuwandernden Slawen durch Byzanz weitgehend assimiliert wurden, blieben die später vordringenden Albaner als eigene Gruppe bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestehen. Der Raum war aber nicht nur in ethnisch-sprachlicher, sondern auch in religiös-konfessioneller Hinsicht heterogen. Neben der orthodoxen Mehrheitsbevölkerung gab es zahlreiche römisch-katholische Gemeinden, die sich – etwa auf den Kykladeninseln – bis heute erhalten haben und teils auf die lateinischen Staatsgründungen infolge des Vierten Kreuzzugs von 1204 zurückgingen, teils aber auch das Ergebnis der Missionspolitik der Päpste im östlichen Mittelmeer seit der Frühen Neuzeit waren. Darüber hinaus existierten schon in der Antike jüdische Gemeinden, z.B. in Athen und Korinth, wie das Neue Testament zeigt; hinzu kam die Zuwanderung von sephardischen Juden aus dem westlichen Mittelmeerraum seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Die muslimische Bevölkerung in der Region ging zum einen auf Zuwanderung im Zusammenhang mit der osmanischen Eroberung zurück, zum anderen auf Konversionen einheimischer Christen, die vor allem seit dem 17. Jahrhundert dokumentiert sind.
Übersichtskarte Balkan – Ostmittelmeer – Kaukasus
Damit wird deutlich, daß das Leben in ethnisch, religiös wie sprachlich heterogenem Umfeld viele Jahrhunderte lang für die Griechen wie auch für andere Völker in diesem Raum eine historische Grunderfahrung darstellte. Dieses Bild wird durch die Existenz zahlreicher griechischer Diasporagemeinden noch unterstrichen, die seit dem 16. Jahrhundert zunächst vor allem in Italien, dann im Habsburgerreich sowie im ganzen mittel- und osteuropäischen Raum entstanden. Sie waren keineswegs Exilgemeinden, sondern fester Bestandteil eines grenzüberschreitenden Kommunikationsraums, in dem die griechische Gesellschaft der vormodernen Zeit lebte und sich später auch als Nation formierte.
Im Hinblick auf die Identität ist zunächst anzumerken, daß diejenigen Personen, von denen bislang als «Griechen» die Rede war, sich in vormoderner Zeit selbst üblicherweise nicht als solche bezeichneten, und daß der Begriff «Hellenen» seit der Spätantike als Synonym für «Heiden» gebraucht wurde. Er stand damit in diametralem Gegensatz zu ihrem wichtigsten Zugehörigkeitskriterium, dem Christentum und namentlich dem Bekenntnis zur Orthodoxie. Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts kam es im Zusammenhang mit der Nationalbewegung zu einer Umdeutung dieses Begriffs, vorher aber figurierten «Hellenen» ansonsten allenfalls noch als mythische Riesenwesen in volkstümlichen Legenden. Die Griechen nannten sich hingegen selbst «Romaioi» bzw. «Romioi», d.h. «Römer», was auf das Oströmische Reich zurückverwies und im populären Sprachgebrauch noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet war, oder einfach nur «Christen» bzw. «Östliche Christen», was auf die orthodoxe Bekenntnisgemeinschaft verwies.
Im Osmanischen Reich hatte diese Zugehörigkeit eine handgreifliche formaljuristische Dimension, denn nach islamischem Recht wurden die nichtmuslimischen Untertanen des Sultans, soweit sie Angehörige von Buchreligionen waren, nach ihrer Konfession in «millets» («Nationen») gegliedert, wodurch ihr Status als «zimmis» («Schutzbefohlene») legitimiert wurde. Entsprechend dieser Ordnung, die bis zum 19. Jahrhundert weitgehend unverändert blieb, bildeten die orthodoxen Christen des Reichs das «millet-i-Rum», wobei das Wort «Rum» ebenfalls auf «Rom» bzw. «Römer» zurückgeht. An dessen Spitze hatte Sultan Mehmet II. nach der Eroberung von Byzanz 1453 den orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel gesetzt. Als «millet başı» bzw. «Ethnarch» war dieser nun nicht mehr nur religiöses, sondern auch weltliches Oberhaupt der orthodoxen Christen und in dieser Eigenschaft zugleich einer der höchsten Würdenträger des Osmanischen Reichs und dementsprechend mit einer Reihe von Privilegien und Kompetenzen ausgestattet. Die Einsetzung folgte sehr pragmatischen Überlegungen und trug in doppelter Hinsicht zur Stabilisierung der osmanischen Herrschaft bei. Einerseits wurden damit die orthodoxen Untertanen, die in den neu eroberten und noch nicht fest konsolidierten Gebieten Südosteuropas die Mehrheitsbevölkerung stellten, formal in das staatliche Institutionengefüge des Reiches eingegliedert. Andererseits konnte auf diese Weise der Klerus für staatliche Verwaltungsaufgaben, darunter etwa die Erfassung der Einwohner für die Steuererhebung oder Aufgaben der niederen Zivilgerichtsbarkeit, herangezogen werden, welche die osmanischen Eroberer sonst nur schwer mit eigenen Mitteln hätten bewältigen können. Besonders gut funktionierte die Kooperation zwischen osmanischem Staat und orthodoxem Klerus dort, wo letzterer zuvor unter lateinischer Herrschaft unterdrückt worden war und durch die muslimische Eroberung somit eine deutliche Aufwertung erfuhr. Auch für die breite Bevölkerung war der Wechsel von christlicher zu muslimischer Herrschaft in mancherlei Hinsicht mit Vorteilen verbunden, da das osmanische Steuersystem zumindest in der Anfangszeit vergleichsweise moderat war und für die Betroffenen eine spürbare wirtschaftliche Erleichterung brachte. Zudem kam es in einigen Gebieten, etwa auf den Inseln der Ostägäis, die seit dem Mittelalter notorisch von Piraterie geplagt waren, vielfach zu freiwilligen Unterwerfungen unter die Sultansherrschaft, die nicht zuletzt durch das Bedürfnis nach Sicherheit motiviert waren.
Es wäre allerdings verfehlt, aus solchen und ähnlichen Befunden ein idyllisches Gesamtbild der osmanischen Eroberung Südosteuropas abzuleiten, ging sie doch mit beträchtlichen Zerstörungen einher, die sich neben einem Bevölkerungsrückgang auch im Niedergang orthodoxer Kultur und Bildung in den Städten niederschlugen. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, daß die als «zimmis» anerkannten Nichtmuslime als Untertanen zweiter Klasse zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt waren. Dazu gehörten unter anderem eine regelmäßig zu entrichtende Kopfsteuer, die «cizye», das Verbot, Sakralbauten zu errichten, Pferde zu reiten, Waffen zu tragen sowie Einschränkungen der individuellen Bewegungsfreiheit und restriktive Kleidungsvorschriften. In der Praxis wurden diese Bestimmungen zwar von Region zu Region und von Epoche zu Epoche sehr unterschiedlich gehandhabt und oft auch ganz unterlaufen; nichtsdestotrotz schufen sie für die Betroffenen nicht gerade günstige Voraussetzungen für die Identifikation mit dem osmanischen Staat.
Gleichzeitig wurde damit aber die Bindung an die Konfessionsgemeinschaft der Orthodoxen Kirche gestärkt, die nicht nur das «milleti-Rum» als zentralen Bezugspunkt kollektiver Zugehörigkeit repräsentierte, sondern auch dem Bedarf an politischer Sinnstiftung entgegenkam, indem sie etwa die osmanische Herrschaft als Prüfung Gottes an seinem auserwählten Volk oder auch als Schutzwall gegen die lateinischen Häretiker darstellte und auf diese Weise heilsgeschichtlich legitimierte. Trotz des tiefen historischen Einschnitts, den die Etablierung der Osmanen als bestimmender Ordnungsmacht in der Region bedeutete, ist somit auch hier eine Kontinuitätslinie zu erkennen, blieb doch die Orthodoxe Kirche unter den Sultanen in vielerlei Hinsicht genau das, was sie schon zu Zeiten der byzantinischen Kaiser gewesen war: integraler Bestandteil des Staatsgefüges und zugleich wichtiges Organ der Systemstabilisierung.
Das amtliche Idiom dieser Kirche war, ebenso wie in byzantinischer Zeit, die griechische Sprache, zumindest was die hierarchische Spitze betraf, die in der Hauptstadt saß. Die Führungsstellung des Patriarchats von Konstantinopel war zunächst allerdings nur ein Würdeprimat, denn die Osmanen erkannten auch andere Träger orthodoxer Kirchenautorität an. Das betraf neben den Patriarchaten im arabischen Raum – Alexandria, Antiochia und Jerusalem – auch die mittelalterlichen slawischen Erzbistümer von Ochrid und Peć, die nach ihrer Neugründung im 15. und 16. Jahrhundert unabhängige Patriarchate im osmanisch beherrschten Westbalkan bildeten. In der Folgezeit gelang es jedoch dem Patriarchat von Konstantinopel, seinen Einfluß auf die übrigen Orthodoxen Kirchen des Reiches auszuweiten und deren Unabhängigkeit faktisch immer mehr zu untergraben. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete die formelle Auflösung der Patriarchate von Ochrid und Peć in den Jahren 1766/67, womit sämtliche orthodoxe Diözesen im osmanischen Südosteuropa unter die direkte Kontrolle der Kirche von Konstantinopel fielen, deren Oberhaupt nun nicht mehr nur dem Titel nach, sondern auch tatsächlich den Anspruch erheben konnte, «millet başı» der orthodoxen Untertanen des Sultans zu sein.
Dieser Machtzuwachs basierte hauptsächlich auf dem Standortvorteil, der sich aus der Hauptstadtlage und der sich daraus ergebenden Nähe zu den Schalthebeln weltlicher Macht ergab. Darüber hinaus war er aber auch das Ergebnis einer zunehmenden Verflechtung zwischen muslimischem Staat und Orthodoxer Kirche, die von beiden Seiten vorangetrieben wurde. So wurden dem Patriarchat seit dem 17. Jahrhundert etwa so sensible Aufgaben wie die Versorgung der Leibwache des Sultans übertragen, während umgekehrt der osmanische Staat immer häufiger als regulierende Instanz bei innerkirchlichen Auseinandersetzungen auftrat. Nicht zuletzt spiegelte der Machtzuwachs des Patriarchats von Konstantinopel den Aufstieg sozialer Eliten aus dem orthodoxen «millet-i-Rum» wider, die es weitgehend kontrollierten, da sie als einzige in der Lage waren, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts kontinuierlich ansteigenden Kirchenabgaben an den Staat finanziell zu tragen.
Grundlage für diesen Aufstieg war der Handel. Dieser hatte mit der relativen Stabilisierung, die auf die osmanische Eroberung Südosteuropas folgte, einen allgemeinen Aufschwung erlebt, an dem vor allem nichtmuslimische Gruppen teilhatten, namentlich Juden, Armenier und Orthodoxe. Diese profitierten dabei im 16. Jahrhundert auch von günstigen politischen Entwicklungen, darunter die Verdrängung der italienischen Seerepubliken aus dem östlichen Mittelmeer – 1566 eroberten die Osmanen Chios von Genua, 1571 Zypern von Venedig – und die Schließung der Meerengen und damit des Schwarzmeerhandels für nichtosmanische Schiffe im Jahre 1592. Bereits um 1600 kontrollierten orthodoxe Kaufleute einen guten Teil des Überlandhandels auf der östlichen Balkanhalbinsel zwischen Bulgarien und der Walachei, der im Zusammenhang mit der Getreideversorgung der Hauptstadt Konstantinopel von großer strategischer Bedeutung war. Ein besonders lukratives Betätigungsfeld bot auch der Handel mit Pelzen, die als Luxusartikel eine wichtige Rolle in den Bekleidungskonventionen der Eliten des Osmanischen Reiches spielten.
Das erste prominente Beispiel eines solchen Aufsteigers aus dem «millet-i-Rum» war der vermutlich im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts geborene Michail Kantakouzinos, der den Beinamen «Şeytanoğlu» («Sohn des Teufels») trug. Sein ungeheurer, durch den Handel erwirtschafteter Reichtum versetzte ihn in die Lage, nicht weniger als sechzig Galeeren der osmanischen Kriegsflotte auf eigene Kosten ausrüsten zu lassen. Dies tat er im Gegenzug dafür, daß ihm der Sultan ein Importmonopol für russische Pelze gewährt hatte, aus dem allein er jährlich einen Gewinn von etwa 60.000 Dukaten zog. Şeytanoğlu verstand es aber auch, sein ökonomisches Kapital in soziales Kapital umzusetzen, indem er sich durch die Heirat mit einer Frau, die zugleich Tochter des Fürsten der Walachei und Enkelin des Fürsten der Moldau war, familiär an die rumänischen Bojarengeschlechter band. Allerdings nahm er ein tragisches Ende: 1578 wurde er festgenommen, von einem osmanischen Gericht wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet; sein Besitz wurde konfisziert und versteigert.
Şeytanoğlus Schicksal ist in mancherlei Hinsicht bezeichnend für die Spielräume sozialer Mobilität von Nichtmuslimen unter der Herrschaft des Sultans: Aufstieg war unter bestimmten Voraussetzungen zwar durchaus möglich, aber auch mit hohen Risiken verbunden. Die Gesellschaftspyramide im Osmanischen Reich mochte durchlässiger sein als die im aristokratisch verschichteten Abendland, aber der Staat bot eindeutig weniger Besitzsicherheit, und insbesondere «zimmis» mußten als Untertanen zweiter Klasse damit rechnen, Opfer von Willkür zu werden. Es konnte einfacher sein, ein Vermögen anzuhäufen, als es für die Nachfahren dauerhaft zu sichern. Die einzige Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, war eine effiziente Netzwerkbildung. Dies geschah einerseits in Form von Zünften und Kaufmannsgilden, die meist landsmannschaftlich organisiert waren und sich bald zu wichtigen gesellschaftlichen Akteuren im «millet-i-Rum» entwickelten. Des weiteren konnte eine Heiratspolitik, wie sie Şeytanoğlu betrieben hatte, zum Erfolg führen; denn er selbst wurde zwar hingerichtet und sein Vermögen konfisziert, seine Nachfahren aber konnten den von ihm erreichten sozialen Status in der Folgezeit behaupten und ausbauen. Die Familie Kantakouzinos war und blieb Teil eines sich damals formierenden Netzwerks erfolgreicher orthodoxer Unternehmerfamilien, die als «Fanarioten» bekannt geworden sind. Der Name leitet sich von dem Stadtteil «Fanari» bzw. «Fener» ab, wo diese Familien ihre Wohnsitze hatten und wo sich seit 1601 – nicht ganz zufällig – auch der Sitz des orthodoxen Patriarchats von Konstantinopel befindet. Die Fanarioten schmückten sich gern mit klangvollen Familiennamen byzantinischer Adelsgeschlechter wie etwa Kantakouzinos. Dies dürfte zwar in den seltensten Fällen einen realen Hintergrund gehabt haben, ist aber sehr bezeichnend für das prestigebetonte Selbstverständnis dieser Gruppe, die deshalb durchaus treffend als Händleraristokratie bezeichnet wird.
Diese Charakterisierung ist allerdings insofern etwas ungenau, als die Fanarioten in ihrer Blütezeit, die etwa im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts begann, schon so weit aufgestiegen waren, daß sie sich gar nicht mehr vornehmlich mit dem Handel selbst beschäftigten, sondern sich noch lukrativeren Tätigkeitsfeldern in der Hochfinanz und in der Politik zuwendeten. Damals begannen Fanarioten, in neuralgische Positionen des osmanischen Staates vorzudringen, wobei sie hohe und höchste Ämter besetzten, die sie bis zum griechischen Unabhängigkeitskrieg von 1821 sogar weitgehend monopolisieren konnten. Sie dienten unter anderem als Dragomane (Dolmetscher) für zivile wie militärische Würdenträger, etwa den Kapudan Paşa, der als Befehlshaber der Kriegsflotte zugleich Statthalter verschiedener Inseln und Küstenprovinzen war. Mit noch weit mehr Einfluß verbunden war das Amt des Großdragomans der Pforte, das in vielerlei Hinsicht dem eines Außenministers gleichkam und insbesondere in der diplomatischen Kommunikation mit den europäischen Staaten eine Schlüsselrolle spielte. Diese wurde um so wichtiger, je weniger sich die Osmanen auf ihre militärische Kraft verlassen konnten, was seit der gescheiterten Belagerung Wiens 1683 und dem Frieden von Karlowitz 1699 zunehmend deutlich wurde. Nachdem das Amt des Großdragomans erstmals 1661 an Panagiotis Nikousios (1613–1673) übertragen worden war, blieb es bis zum griechischen Unabhängigkeitskrieg von 1821 durchgehend in der Hand von Fanarioten. Diese besetzten von 1711 bzw. 1715 an auch die Statthalterthrone der tributpflichtigen Fürstentümer Moldau und Walachei, nachdem die einheimischen Bojaren sich durch ihr vorangegangenes Liebäugeln mit dem nach Süden expandierenden Rußland in den Augen der Pforte als unzuverlässig erwiesen hatten. Der osmanische Staat folgte bei der Vergabe von Ämtern an Fanarioten einem klassischen Prinzip imperialer Herrschaft, da diese als Nichtmuslime ohne eigene Hausmacht abhängig und folglich um so loyaler waren.
Mit ihrem Vordringen in den osmanischen Staatsapparat ging die Kultivierung eines aristokratischen Habitus einher, der sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts – insbesondere in den Donaufürstentümern – noch verstärkte. Dort begünstigte nicht zuletzt die geographische Nähe zu Mitteleuropa die Übernahme entsprechender Vorbilder, was sich beispielsweise an der fanariotischen Herrschaftssymbolik dieser Zeit erkennen läßt. Die Einflüsse beschränkten sich jedoch nicht nur darauf: Überhaupt entwickelten sich die Fanariotenhöfe in Bukarest und Iași im Zeitalter der Aufklärung zu Relaisstationen eines zunehmenden Kultur- und Ideentransfers vom Westen in den Südosten Europas. Darüber hinaus wurden sie zu wichtigen Zentren griechischer Sprache und Bildung, die in diesem Milieu allerdings weniger eine ethnisch-nationale Zugehörigkeit markierten, als vielmehr Bestandteile einer osmanisch-orthodoxen Elitenkultur waren, als deren Repräsentanten die Fanarioten sich selbst sahen. Diese Differenzierung ist wichtig, um unzulässige Rückprojektionen aus dem Zeitalter des Nationalismus zu vermeiden, in dem sprachliche Zugehörigkeit zum zentralen Kriterium einer nationalen Identität erhoben wurde, die damals noch keine Bedeutung hatte.
Im übrigen war das Griechische in vormoderner Zeit alles andere als eine Nationalsprache, fehlte ihm dafür doch neben anderen Voraussetzungen vor allem die Homogenität. Das gesprochene Griechisch zeichnete sich durch eine außerordentliche dialektale Vielfalt aus, was nicht zuletzt an der räumlich weitgestreuten Siedlungsstruktur lag und die Verständigung etwa zwischen Schwarzmeergriechen und Peloponnesiern oder Sprechern der süditalienischen Dialektgruppe massiv erschwerte. Als überregionale Schriftsprache gab es eine archaisierende Form des Griechischen, die stark auf das Attische des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts fixiert war und nahezu unverändert von der Spätantike bis in die Neuzeit tradiert wurde. Als Gelehrtensprache und zugleich selbst Attribut von Gelehrsamkeit, genoß sie hohes kulturelles Prestige, was unter anderem daran zu erkennen ist, daß in der Vormoderne sie allein überhaupt als griechische bzw. hellenische Sprache bezeichnet wurde; die zeitgenössischen Formen des Griechischen nannte man hingegen «Romäisch» oder einfach nur «Vulgärdialekt». Zwischen der Vielzahl volkstümlicher Dialekte und dem archaisierenden Gelehrtengriechisch gab es darüber hinaus ein breites Spektrum von mehr oder weniger erudierten schriftlichen Formen, die sich aus dem praktischen Gebrauch des Griechischen als Amts- und Verwaltungssprache der Orthodoxen Kirche sowie als überregionaler Handels- und Verkehrssprache ergaben. Als Literatursprache entwickelte sich das neuzeitliche Griechisch zunächst vor allem auf der Insel Kreta, die bis 1669 unter venezianischer Herrschaft stand. Hier entstanden im 16. und 17. Jahrhundert Versdichtungen und Dramen mit starken italienischen Einflüssen, darunter etwa der «Erotokritos» von Vincenzo Cornaro (1553–1613/14). Auf Basis des kretischen Dialekts zeigten sich hier erste Ansätze einer neugriechischen Literatur. Diese erfuhren später eine Fortsetzung auf den Ionischen Inseln, die ebenfalls zu Venedig gehörten und niemals von den Osmanen erobert wurden. Innerhalb des Osmanischen Reiches gingen literarische Impulse vor allem von fanariotischen Kreisen aus. Sie äußerten sich unter anderem in Form der im 18. Jahrhundert sehr beliebten «Mismagies», höfischen Liebesdichtungen mit ausgedehnten musikalischen Intermezzi, die zahlreiche Einflüsse aus dem Türkischen aufwiesen, was dem mehrsprachigen Hintergrund ihres Milieus entsprach. Als Bildungssprache spielte Griechisch für die Aufklärung im osmanischen Südosteuropa eine zentrale Rolle. Es diente als Vehikel für die Rezeption moderner Naturwissenschaften, philosophischer und auch politischer Ideen aus Westeuropa, was eine Grundvoraussetzung für den späteren Gedanken an nationale Emanzipation war.
Die griechische Unabhängigkeitsbewegung empfing wichtige Impulse aus diesem Rezeptionsprozeß, allerdings lagen die wesentlichen Ursachen für ihre Entstehung in der tiefgreifenden Krise, die das Osmanische Reich seit dem 18. Jahrhundert durchlief. Sein Expansionsdrang hatte sich schon im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts endgültig erschöpft und wurde von einem zunehmenden außenpolitischen Machtverfall abgelöst, der als «Orientalische Frage» bekannt geworden ist. Anfangs äußerte sich dieser noch nicht direkt in territorialen Einbußen, obwohl der dauerhafte Verlust Ungarns, Siebenbürgens und Podoliens durch den Frieden von Karlowitz 1699 einen großen Rückschlag bedeutete. In den zahlreichen folgenden Kriegen mit den europäischen Mächten konnte das Osmanische Reich jedoch seine Nordgrenze ohne weitere gravierende Verluste aufrechterhalten und sogar vereinzelt Rückgewinne erzielen. So wurde im Frieden von Passarowitz 1718 die zuvor an Venedig abgetretene Peloponnes wiedererobert, und im Frieden von Belgrad 1739 erhielten die Osmanen die zuvor an Österreich verlorenen Gebiete der kleinen Walachei und Nordserbiens zurück. Die anschließende Friedensperiode bis 1768 gehört mit fast dreißig Jahren zu den längsten dieses Jahrhunderts und ist insofern zutreffend als «Pax Ottomanica» in Südosteuropa bezeichnet worden. Auch aus den beiden Kriegen mit Rußland in den Jahren 1768–1774 und 1787–1792 ging das Osmanische Reich weitgehend ohne Gebietsverluste hervor, ebenso wie aus dem französischen Ostmittelmeerfeldzug von Napoleon Bonaparte 1798–1802. Die eigentliche territoriale Demontage des Osmanischen Reiches setzte erst später ein.
Was die Kriege dieser Zeit jedoch offenlegten, war die zunehmende innere Schwäche des Staates und seiner Institutionen. Das betraf an erster Stelle das Militär, dessen Ineffizienz teils auf den immer größer werdenden technologischen Rückstand gegenüber den europäischen Armeen zurückging, teils auch auf den Niedergang der feudalen Sipahi-Kavallerie infolge des Verfalls des Timar-Lehenssystems. Ein wichtiger Grund war ferner die Verwandlung der einstmals gefürchteten Janitscharentruppe in eine militärisch unbedeutende Körperschaft steuerlich Privilegierter mit allen Eigenschaften eines parasitären Staates im Staate. Der schleichende Verfall beschränkte sich indes nicht nur auf das Militär, sondern betraf große Teile der staatlichen Verwaltung. Die abnehmende Effizienz der osmanischen Bürokratie führte dazu, daß die Staatsführung zur Umsetzung ihrer Politik in den Provinzen immer stärker auf die Vermittlung einflußreicher Lokalpotentaten angewiesen war, die jedoch häufig dazu neigten, sich von der Zentralregierung unabhängig zu machen und zu rebellieren.
