Kleine Polizei im Schnee - Dietmar Dath - E-Book

Kleine Polizei im Schnee E-Book

Dietmar Dath

0,0

Beschreibung

Ein achtjähriges Mädchen ist Hauptvollzugsorgan des Staates. Der nahe Osten läuft dir kalt den Rücken runter. Unsere Mütter haben falsche Farben, und der Mann, der mit Büchsen wirft, heißt Josef Stasi und macht sich, obwohl seine Frau ihn davor warnt, durch unbedachten Waffengebrauch unglücklich. Ein Albino namens Adrian sucht derweil die Lücke in der Welt, neuartige Endsporen werden entdeckt, und an einer versteckten Stelle löst dieses Buch einige entscheidende Probleme des Menschseins. Außerdem gibt es Pistazien, aber mehr Salz wäre schön.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 252

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0

Beliebtheit




Dietmar Dath

KLEINE POLIZEI IM SCHNEE

Erzählungen

Caveat

Einige der Sätze, die dieses Buch ausmachen, hat der Verfasser in anderen Zusammenhängen bereits veröffentlichen lassen. Ihre enge Verflechtung mit dem Rätsel, um das es geht, ließ sich damit jedoch nicht auf­lösen.

Zum Zweck der Wiederherstellung des Gesamtproblems sind sie daher in dessen nachfolgende Darstellung am jeweils angemessenen Ort eingefügt worden.

The unraveling of a riddle is the purest and most basic act of the human mind.Vladimir Nabokov

Lieber Regen

Dies alles geschah, als mitteleuropäische Städte noch möglich waren.

Es roch in Berlin schon hier und da nach Eisenspänen, in der Bahn sogar nach Fledermäusen, als Dorothee Coppe eines Nachts genug hatte und am Hackeschen Markt, direkt gegenüber von Muji, eine aus Tschechien angereiste Prostituierte ansprach.

Die hatte eine Federboa um den Hals und sah aus wie eine schöne, verwunschene Eule, sagte zu Doro aber leider: »Sowas mach ich nicht«.

Deshalb ging Doro am Spreeufer entlang, bis sie eine Spießerkneipe fand, wo sie einen Whisky bestellte.

Doro war ziemlich müde.

Man hatte sie reingelegt: Die Oper, deren Bühnenbild sie hatte entwerfen sollen, würde nicht stattfinden, es war das alles bloß ein Batzen Flausen im Kopf des elektronisch vernetzten Komponisten gewesen, das Rundfunkfestival, die Beteiligung desZKMKarlsruhe, lauter Märchen. Wenn sie daran dachte, dass sie mit dem Zug mehrfach hingefahren war! Vom eigenen Geld! Intercity-Express: Greuliche Human-Einheiten in schlecht sitzenden Anzügen, Geschöpfe mit internormalen Kommunikasmus-Applikaturen und Gesäßfehlhaftungen, die in ihre Headset-Knochen-Geschwulst-Hornhelme brüllten, damit die Gattin daheim den Puter korrekt röstete.

Info-Elite.

Kreative Klasse. Blödsinn.

Die Inderin hatte ganz recht gehabt, wie hieß sie noch? Radhika ­Desai.

Spießerkneipe also, mit ein paar gescheiten Studentinnen als Bedienungen.

Doro hätte sogar noch Würstchen bestellen können, nach Mitternacht.

Man servierte ihr einen Glenfiddich. Die gescheiten Studentinnen in Berlin dachten nämlich, wenn ein Whisky in einem Hacksgedicht vorkommt, wird’s schon ein guter Whisky sein.

»Seid ihr bescheuert?« fragte Doro, die es nicht länger leiden wollte.

In diesem Augenblick ging es ihr weder besser noch schlechter als Dir und mir. Sie glaubte längst nicht mehr, was im Internet stand.

»Glenfiddich? Was soll das sein? Wie schmeckt denn der? Meint ihr, ich will Früchtetee, wenn ich Whisky sage? Habt ihr nicht mal was aus Port Charlotte, oder einen Lagavulin? Wisst ihr was? Ihr wisst nichts!« rief sie.

Ein paar Hipster von der Stange, die eben vom White Trash hergekommen waren, um mal in einem Raum zu sitzen und zu trinken, wo statt erlaubter Musik eher Foreigner lief, hörten schlagartig auf, cool zu gucken.

»Es reicht!« erklärte Doro und ohrfeigte mit Verve einen Dicken, der an Hitler glaubte, weil als Kind niemand mit ihm gespielt hatte, und der sie lüstern ansah, seit die Ader auf ihrer Stirn pochte wie der Takt der Wahrheit.

Doro fuhr fort, denn sie war gerade gut dabei: »Diese Leute! Diese anderen Leute immer! Unfassbar. Sie haben mir in der Schule schon Unsinn erzählt, und sie kommen sich gescheit vor, wenn sie immer weiter lügen und sich selber glauben, aus nichts als Angst, die sich aber als Arroganz verkleidet, und dann haben sie mir mein Geld weggenommen und meine Freundin umgebracht und meinen Kung-Fu-Meister in einen bodenlosen Schacht geworfen und indolente Filmkritiken in der taz geschrieben und liberalextremistische Buchkritiken in der Frankfurter Rundschau und völlig bescheuerte Plattenkritiken zu irgendsoeiner Death-Metal-Scheiße in derFAZ, und dann musste ich meinen Vater begraben, danach haben sich abstoßende Dämonen in meinen Kopf eingenistet, deswegen habe ich meine eigenen Kinder, meine Zwillinge, erwürgt, weil ich außerdem hypnotisiert war, von meinem Handy, aber zusätzlich haben sie mir das Gesicht abgeschnitten und es hat Monate gedauert, bis mir ein neues gewachsen ist, und plötzlich hieß es, eine Frau hat keinen Schwanz zu haben, Führerbefehl, europäischer Gerichtshof, und Zack war das Ding ab, und jetzt soll zum Schluss auch noch Gottschalk neben Bohlen sitzen. Nein, Freunde, so geht das nicht!«

Sie spuckte auf den Boden wie ein Viehdieb, trat einen Stuhl um und stampfte nachhause.

Dort trank sie alles, was sie fand.

Am nächsten Morgen entdeckte sie unterm Bett eine schräg blausilbern gestreifte Krawatte. Die band sie sich sorgfältig um den Hals. Sie wusste nicht, wem die gehörte, aber sie fand beim Blick in den Spiegel, sie gehörte ab jetzt dringend ihr.

Zwei Tage lang lief sie, nur mit der Krawatte bekleidet, größtenteils nackt durch die Wohnung, malte im leergeräumten Wohnzimmer, aß auf, was noch da war, trank Leitungswasser, betete und fluchte gut.

Dann fing es draußen ganz gewaltig an zu regnen, zu donnern und zu blitzen.

Doro öffnete beide Fenster. Der Wind trieb den Regen ins Studio, spritzte die farbfeuchten Bilder nass, das Wasser klatschte auf Doros Bauch, Schultern, auf ihr Gesicht, und sie lachte und liebte den Regen und war geheilt.

Mondphasen

Jakob lebte seit sechsunddreißig Jahren.

Seit einem Lustrum wohnte er unglücklich verheiratet mit einer in Geldangelegenheiten sehr anspruchsvollen Theaterschauspielerin in einer mittelgroßen Stadt in Bayern, kinderlos. Jakob rackerte als Software-Entwickler und Mitinhaber eines Vier-Personen-Kleinunternehmens, nur eine einzige Frau arbeitete da, zuständig für die Bilanzen und das Steuerliche.

»Ich will mehr inhaltliche Arbeit machen«, beschwerte sich Franziska, Jakobs Gattin.

Er verstand nicht, was sie meinte.

Lieber, als zu verstehen, was sie meinte, wollte er nach Lanzarote, wo sie einander kennengelernt hatten, in den fünftausend Jahre alten, von Vulkanen geschaffenen Höhlen. Es ging Jakob gar nicht gut. Tagsüber fror er selbst im Sommer. Nachts machte ihm der grünliche Mond Kopfweh, auch wenn der hinterm rolladenhalber blickdichten Fenster gar nicht zu sehen war.

Ein Mann namens Klaus, Theaterschriftsteller, war anstrengend fleißig hinter Franziska her. Er versprach ihr die gewünschte inhaltliche Arbeit, aber dazu, behauptete er, sei es nötig, dass sie ihm Jakob vorstellte.

Ihn von so einer Idee abzubringen, war im Allgemeinen unmöglich. Für einen Erfolg bei der Kritik oder an der Kasse hätte Klaus zur Not Leichen aus Bürgerkriegen in Afrika gegessen.

Jakob ließ sich also von Franziska breitquengeln und verbrachte einen langen Abend beim Fernsehen mit Klaus. Sie aßen viele Erdnüsse und tranken vor Wochen gestorbenes Bier. Der Dichter stellte Fragen über Jakobs Arbeit. Sein neuester Einfall war nämlich, über Staatstrojaner, betriebliche IT-Sicherheit und dergleichen ein ganz großartiges Stück zu schreiben, »eigentlich mehr eine Textfläche«.

Franziska sollte Jakob spielen, diese Idee machte, so meinte Klaus, der weder schwul, noch bisexuell, nochtransgendered,noch auch nur nett war, einqueeresProjekt aus dem Gesamtvorhaben.

Jakob erzählte Klaus von Scannern, welche die Web-Verletzlichkeit von Rechnersystemen prüfen konnten, vom Spurenverwischen mittels ProxyHunter, und dass es oft genügte, den Klienten einzuschärfen, dass keine ungepatchten Programme auf dem Webserver laufen durften und man überhaupt immer schön sauber programmieren sowie passwortgeschütztes Arbeiten ernstnehmen sollte.

Klaus schrieb das Monodrama »Keylogger« in drei Wochen.

Franziska lernte, wie man Jakob war.

Seinen Kinnbart malte sie sich mit einem schwarzen Kosmetikstift auf, seine Frisur war leicht mit Gel zu kopieren. Zweimal schliefen Jakob und Franziska miteinander, während Franziska als Jakob verkleidet war, weil sie darauf bestand, das auszuprobieren. Sie trug sogar eins von seinen Hemden dabei, und es kam den beiden vor, als könnte das ihre Lust aneinander, sonst ein Auslaufmodell, noch einmal neu zünden.

Das war eine Selbsttäuschung; sie verflog noch vor der Premiere.

»Keylogger« machte einen respektablen Erfolg.

Andere Theater, andere Schauspielerinnen übernahmen das Werk; es gab auch ein Hörspiel beimSWR. Klaus zog Franziska ins Bett, mit ihm dauerhaft leben wollte sie aber nicht. Die an der Affäre haftende Gelegenheit zur lärmenden, hässlichen Trennung von Jakob wurde freilich wahrgenommen. Auch Jakob war, als sie auszog, sehr erleichtert.

Zum Sichscheidenlassen waren beide zu faul, auch zu schlecht unterrichtet über mögliche finanzielle Chancen und Gefahren.

SPIEGEL ONLINEbrachte einen Artikel über das Stück. Klaus pumpte sich im dazugehörigen Interview mächtig damit auf, wie gut er seinen Texflächenkleister recherchiert hatte, und erzählte die bombigqueereGeschichte von Franziska in der Rolle ihres Mannes. Die Frau vomSPIEGELkam nicht drauf, nachzufragen, was daran bittequeersein sollte. Sie war vielmehr vom Recherche-Ethos des Dramatikers dermaßen hingerissen, dass sie, als »Keylogger« überraschenderweise den Mülheimer Dramatikerpreis gewann, für einen Nachfolge-Artikel den armen Jakob ausfindig machte und ausführlich interviewte.

Es war ein ausgesprochen unangenehmes Gespräch. Die Frau sagte die ganze Zeit immer wieder »wie fühlt sich das denn an, wenn«, und dann kamen jedes mal Sachen, bei denen Jakob leider überhaupt nichts fühlte.

Franziska verließ die Stadt in Bayern.

Ein Angebot aus Hannover lockte sie weg.

»Keylogger« wurde in einem kleinen Theater in Rheinland-Pfalz aufgeführt.

Jakob erhielt per E-Mail eine Einladung zu einer Diskussion nach der Premiere.

Seine Firma machte gerade Pleite, seinen Bart hatte er sich abrasiert.

Er fragte beim rheinland-pfälzischen Dramaturgen nach, ob Klaus auch zu dem Diskussionsabend käme.

Klaus, versicherte der Rheinland-Pfälzer, der wohl irgendwie den Braten roch, käme ganz sicher nicht. Jakob reiste also zur Premiere, und diskutierte mit, plötzlich befreit: »Es ist ganz komisch, das alles zu sehen. Diese Schauspielerin hier, die spielt meine Frau, die ich ewig nicht mehr gesehen habe, und sie spielt sie … weil sie spielt, wie sie mich spielt, und es ist wirklich komisch – ich meine nicht: seltsam, ich meine: lustig. Irgendwie eine riesige Erleichterung – als ob diese Geschichte lauter Firewalls zwischen mir und meinem Leben installiert, damit das nicht mehr so dicht aufeinanderhängt oder … ich kann es nicht beschreiben, doch das ergibt alles so Schichten … Schichten und Schichten von Distanz: Es bin ja nicht ich, aber es ist auch nicht das, was dieser Klaus aus mir gemacht hat, oder das, was Franziska aus dem gemacht hat, was dieser Klaus aus mir gemacht hat, oder das, was du«, er redete den Rheinland-Pfälzer damit direkt an, »aus dem gemacht hast, was Franziska aus dem gemacht hat, was dieser Klaus aus mir gemacht hat. Es ist einfach das, was diese Schauspielerin …«

»Bettina Marek«, half der Dramaturg.

»Ja«, sagte Jakob, »also was Bettina Marik ähm oder Marek heute Abend mal hat spielen wollen und dann ja auch gespielt hat, mit diesem witzigen Tonfall, der aber nicht so krampfig rumwitzt wie die Comedy immer im Fernsehen.«

Bettina Marek, die eine sehr attraktive, sehr kluge, jedoch auch sehr eitle Frau war, verliebte sich für dieses Lob sofort in Jakob.

Noch am selben Abend, in dem leicht muffigen Hotel, das ihm das Theater besorgt hatte, unter einem eher rötlichen Mond, äußerst betrunken, stieß sie ihn lachend aufs Bett. Zuerst hatte er Erektionsprobleme, dann, als er begriff, dass diese verblüffend schöne Dame ihn wirklich sehr wollte, machten sie einander richtig gut kaputt.

In den Pausen greinte er ein bisschen über sein Leben.

Als sie seinen Schwanz in den Mund nehmen wollte, entdeckte sie bei seinem feinen, aber wollig krausen Schamhaar eine winzige dunkelrote Zecke. Er hatte keine Pinzette dabei. Weil Bettina Marek praktisch veranlagt war, holte sie eine bei der Rezeption und drehte ihm das Viech aus der Haut.

Auf einmal war das Verhältnis in ein neues Stadium eingetreten: Man amüsierte sich über die Zecke und über die Hirnhautentzündungsgefahr, zog sich an, ging mitten in der Nacht spazieren, zwischen niedlichem Altstadtgemäuer.

Jakob war sehr verliebt.

Sie kam nochmal mit aufs Hotelzimmer. Die vierte Runde war die schönste, voller Hingabe und Glück. Sie schlief dann ein, er nicht.

Jakob hatte seit Jahren nicht geschlafen, warum hätte er jetzt damit anfangen sollen?

Anderthalb Monate später besuchte sie ihn in Bayern. Er hatte in seiner stickigen Stadt eine Festanstellung gefunden. Sie kam schon morgens, er hatte eigentlich frei, musste dann aber wegen einer kleinen Krise in den Laden.

Als er wiederkam, hatte sie gebadet.

Noch einmal fand er in ihre Arme, sie kuschelte sich später sehr in seine. Die Liebe hielt allerdings nicht, er hatte sich entschieden, sein restliches Leben lang ab und zu stillvergnügt daran zu denken, wie sie ausgesehen hatte, schlafend, im Hotel, nach der Nacht mit der Zecke. Er ließ sie daher kalt auflaufen, als sie, die einen festen Freund hatte, ihm andeutungsweise verriet, sie hätte nichts dagegen, ihn ab und zu wiederzusehen.

Jakob verhielt sich wurstig und zweideutig.

Er wollte nicht noch einmal scheitern, er wollte das Bild bewahren.

Ihr Gesicht. Den Glanz ihrer Haare, den goldenen, schwebenden Staub.

Alle bekamen, was sie brauchten.

Niemand musste sich je geschädigt fühlen.

Der Mond wurde schließlich pechschwarz und fiel auf die Erde.

Er war fast komplett aus Stein.

Mutilationsskepsis

Von Ines erfuhr ich, dass man Erkältungen mit Wodka und schwarzem Pfeffer behandeln kann. Baumwolle, in kochenden Wodka getunkt, heilt Ohrenschmerzen. Pflaumen und Wodka: gut gegen Kopfqual. Zu vorgerückter Stunde und nach drei, vier Wodka erzählte Ines, die für Zeitungen in Kriege fuhr, mir dann, dass abgeschlagene Köpfe nie echt aussahen. »Egal, wie nah man rangeht. Selbst, wenn man den Mann oder die Frau oder den Jungen oder das Mädchen am Tag vorher, oder … ich hatte den Fall mal … zwei Tage vorher noch gesehen hat, auf einem Wochenmarkt. Und man sich die Köpfe also ganz genau anschaut, so dass man wirklich sieht: Alles da. Die Augenbrauen. Die kleinen Narben oderMuttermale. Die Nasenhaare. Absolut authentisch, und trotzdem nicht echt. Also schon echt. Aber: sieht nicht so aus. Sondern wächsern, gummihaft, gepudert, mit Konservierungsmittel überzogen, staubig. Falsch.«

Ich riet, dass das vielleicht vom Fernsehen und Kino kam – man hatte so viele Verstümmelte gesehen, die nicht wahr sind, dass man, wenn man wirkliche Verstümmelte sah, automatisch dachte: Nicht wahr.

Sie war unschlüssig und wandte ein: »Naja, aber der Geruch. Man müsste es schon glauben. Aber man glaubt es nicht.«

Ich sagte, dass das bei Gott kein hoffnungsstiftendes Indiz für den aufklärerischen Wert des eingebetteten Kriegsjournalismus im Tross unserer bundesrepublikanischen Nicht-mehr-Wehrpflichtigen-Armee war, wenn die Leute, die dabei mittaten, schon nicht mehr glauben konnten, was sie sahen.

»Hauptsache,« sagte Ines, »die Maschinen zweifeln nicht auch noch. Gewehre, Panzer, Drohnen.«

Ich vermutete, die zweifelten auch.

Karin gab mir recht: »Stimmt. Müssen sie sogar. Sonst würden sie ja viel zu schnell verrückt, und dann geht es richtig los da unten.«

Verliebte Scheu

Vor der Villa sangen kostbare Vögel, es hätten kleine, unbezahlbare Automaten sein können.

Gegen Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts lebte die junge Künstlerin Dorothee Coppe eine Weile in einem sehr schönen Zürcher Haus, weil die schwer reiche, aschblonde Sammlerin P. sie dorthin eingeladen hatte, als ihr erzählt worden war, dass Doro sich dringend regenerieren und eine Weile von allem abwenden sowie zurückziehen musste, um nicht in tödliche Schwermut zu versinken.

Die Villa der Sammlerin P. war fast leer; ein großes Gemälde von Doros ewiger, etwas älterer Konkurrentin Johanna Rauch hatte man anderswohin verbracht, um den Hausgast nicht zu kränken.

Es gab einen Nordflügel, in dessen oberem Stockwerk Doro wohnte sowie eine alte Frau, die man niemals zu sehen bekam, und einen Südflügel, in dessen oberem Stock ein leicht verwirrter, schwuler Betriebsonkel hauste, der das Vermögen – oder das Glück oder sonst etwas Wichtiges – der Sammlerin verwaltete. Beide Flügel hatten ein gemeinsames Erdgeschoss unter sich, wo gelegentlich Feste stattfanden, für welche die Sammlerin aus der südeuropäischen Hauptstadt, in der sie residierte, manchmal persönlich angeflogen kam.

Einmal verbrachte Doro einen schrecklichen Abend beim Essen mit der Sammlerin, dem verwirrten Betriebsonkel und dem Bruder der Sammlerin, der zu spät zum Nobelitaliener kam, sämtliche Gänge dort verklemmt benagte und sich am Ende dafür entschuldigte, er sei »heuteso zerfahren, aber wisst ihr, ich habe drei Klaviere getestet für deine neue Residenz in Wien«, vielsagend zwinkerte er seiner Schwester zu; »und es war einfach schrecklich, die hatten alle keinen Klang, keinen … Bauch, wie sagt man, keinen Klangkörper, es hat mir wehgetan, wirklich in den Ohren im, im … Im Gemüt hat’s mich gezwiebelt, ganz fürchterlich.«

Im Bett, nach diesem Essen, dachte Doro, sie wollte nie wieder Klaviermusik hören, nicht mal eine Tonleiter, kein Stück, kein Schneeflöckchen von einer einzelnen Klaviernote mehr, nicht Chopin noch Beethoven noch Liszt noch Schönberg noch Rzewski noch Wolff, Feierabend.

Um den Garten und die Instandhaltung der Villa, das Catering bei den Festen, die Alarmanlage und Angelegenheiten wie Bettwäsche kümmerte sich eine junge Frau namens Betty, in die sich Doro schlimm verliebt hätte, wenn Betty nicht immer wieder Bemerkungen von ungeheurer Unschuld gemacht hätte, die etwa Doros Aussehen lobten – »da ist die schöne Frau ja wieder, schon zurück aus dem Schwimmbad?« – Bemerkungen, an denen Doro leicht ablesen konnte, dass Betty nicht die leiseste Ahnung hegte, wie nah daran Doro oft war, sie einfach im Treppenhaus am Geländer zu überfallen, um sie kurz und klein zu knutschen.

Betty brachte Doro häufig Orangensaft mit, oder trat überflüssigen Sekt ab, nach den Festen.

Einmal aber, als Betty zwei Wochen Urlaub hatte, verirrte sich Doro im Erdgeschoss auf der Suche nach etwas zum Trinken – sie arbeitete endlich viel, zeichnete Berge vonConcept Drawingsfür Installationen und bekam davon großen Durst – auf die Treppe zum Südflügel.

Da lagen sehr hässliche, teure Männerhemden.

Sie fotografierte die mit dem Handy und fragte ein paar Tage später, als Betty wieder da war, die hübsche Hausbesorgerin: »Was ist das? Wem … zu wem gehört das?«

»Die sind vom Verwalter«, erwiderte Betty mit einer Unschuld, die Doro auf die Palme brachte.

»Was macht er damit, wegschmeißen?« staunte die Künstlerin.

»Nein. Die soll ich waschen.«

»Und dazu schmeißt er sie einfach auf die Treppe?«

»Klar«, schweizerdeutsch: chlár.

Dieses eine kurze Wort verriet Doro, was es mit Bettys scheinbarer Unschuld in Wirklichkeit auf sich hatte, und binnen kurzem wurde ihre Liebe zu dem listigen Mädchen so riesengroß und unerträglich, dass sie ausziehen musste, weil sie die irrsinnige Sehnsucht nach einer Frau, die sie niemals deswegen hätte ansprechen wollen, dann doch sehr beim Arbeiten gehindert hätte.

Bei ihrer, von der Kritik äußerst wohlwollend aufgenommenen, kleinen Ausstellung im Frankfurter Portikus (unten eine Berühmtheit, oben Doro) zeigte Doro zwei Jahre später ein Video mit brennenden, teuren Männerhemden an einer Drahtleine.

Das Werk hieß »Treppensex (chlár)« und wurde völlig falsch ver­standen.

Tröstliche Begegnung

Das Jahr Zweitausenddreißig wird ruhiger als die fünf Jahre vorher. Am Vormittag meines sechzigsten Geburtstags gebe ich im Klima- und Zivilrechtsturm am Frankfurter Hauptbahnhof zwei Identitäten ab, die ich nicht mehr brauchen kann, weil es einen Mann in meinem Alter dann doch langsam schlaucht, alle vierzehn Monate Mutter zu werden und sich gleichzeitig um drei vegane Gaststätten im Westend zu kümmern, die sich nicht entscheiden können, ob sie Kunstwerke oder politische Treffpunkte sein wollen.

Der Klimaturm, das ist dieser riesige, fast ganz von strom- und gravitationsnetzgittererzeugenden Pflanzen aus edelschwarzem Rechengummi zugewachsene Laden, in dem früher die europäische Zentralbank den Deutschen andere Länder nach dem schönen Prinzip unterworfen hat »Ich leih dir was, damit du mir was kaufen kannst, das ich dir per Richtlinienänderung dann zurücküberschreibe und gleichzeitig abkaufe, damit du es bei mir mietest, bis dich die Zinsen für die Leihgebüren in eine Abhängigkeit von mir gestoßen haben, über die ich mich bei dir dann auf dem Amtsweg beschweren muss, weil ich den Anblick deines verlotterten Zustandes nicht ertragen kann«.

Identitäten, das sind heutzutage kleine dielektrische Fingernagelplättchen für die Verrechnung von Zeitinvestitionen in andere Leute, bei mir höchstens zehn – es war zu meiner Zeit, als das Wort noch einen metaphysischen Sinn hatte, ja üblich, dass die Leute nicht mehr als zehn Finger besaßen, und gleich viele an jeder Hand. Wenn man Identitäten abgibt, das wissen alle, kann man sich entweder andere holen, oder man lässt welche unbesetzt – ich bin inzwischen ja legal Sohn, Ehegatte oder Tochter von achtzehn Personen allein in Europa und selber wiederum sowohl rechtlich wie biologisch Vater beziehungsweise Mutter von sechsundzwanzig weiteren, die meisten übrigens mit seit Jahren mehr oder weniger stabilen Geschlechtern, meine Familien sind halt altmodisch und ein bisschen verklemmt, aber wir mögen einander fast alle. In letzter Zeit, so seit 2027, ist allerdings ein neues Identitätskonzept aufgekommen, das ich nicht mehr verstehe, von der Schweiz herübergeweht in diesen lustigen Wolken aus winzigen Atemtierchen voller Ideen, die unmittelbar an den Schnittstellen der Kopftransceiver neue Wahrnehmungen anmelden (und bei Annahme freischalten), mit denen die Weltgesundheitsfrauengruppe nach ihrem Umzug aufs offene Meer vor Indien Anfang der zwanziger Jahre die bis dahin bekannten Drogen überflüssig gemacht hat. Nein, ich versteh’s nicht, was die jungen Leute sind, aber egal, man muss ja nicht mehr lernen, um sich von irgend­jemandem Zensuren, Jobs oder Zugang zum Nötigen bis Schönen zu verschaffen. Im Tauschkreis im siebten Stock des Klimaturms, wo ich meine überzähligen Ichplättchen anbiete, komme ich per Diametralpunktgeschnatter mit einer Elfjährigen ins Gespräch, die irgendwo aufgeschnappt hat, früher hätte es »Berufe« gegeben.

»Was warst du? Was hast du gemacht, beruflich?«, hänselt mich ihr ein bisschen nach frischen warmen Brezeln duftendes Textleuchten.

»Ich hab hauptsächlich gelogen«, blinke ich ihr schließlich rüber, um mich ein bisschen interessanter zu machen.

»Was gelogen?«

»Na, so Geschichten. Konnte man früher kaufen, für Kredite in Arbeitszeit, ziemlich anstrengend war das. Es gab Lügen, die man annehmen musste – das hieß Nachrichten und Information – und andere, die man mehrdeutiger behandeln konnte, das hieß dann Literatur.«

Sie antwortet mit einer langen Perlenschnur von salzigen Nullpunkten, das soll natürlich heißen: Glaub ich nicht.

»Doch«, sage ich, das heißt, ich spreche es tatsächlich laut aus, so, dass sich die Weltmembranen mehrerer Anwesender irritiert kräuseln. »Das ist wirklich wahr, das ist die historische Zeit, die ich noch erlebt habe.«

Sie steht von ihrem kleinen Boot auf, geht durchs flache silberne Wasser und umarmt mich mitleidig: »He, nicht ärgern. Nicht aufregen. Die Geschichte, an die du dich erinnern wirst, wenn wir uns hier nach dem nächsten Klimawechsel wiedertreffen, in hundert Jahren, wird weniger langweilig sein.«

»Versprochen?«

»Versprochen!« sagt sie, und nimmt meine rechte Hand beruhigend in zwei von ihren linken.

Planet ohne Hörbücher

Eine blinde Millionenerbin in Basel liebte Science Fiction und beschäftigte in ihren beiden letzten Lebensjahren gleich zwei Bediente, die ihr vorlasen: Einen Kroaten und eine Äthiopierin. Vorgelesen wurde auf Englisch, auch wenn man im großen, kühlen Haus der Millionärin sonst deutsch sprach.

Beide Lesehilfen hatten Anglistik studiert und gegen das harte Regiment, das bei der blinden Frau vorherrschte, nichts einzuwenden, weil es ihnen erlaubte, ihr bezahltes Leben mit einer Sorte Literatur zu verbringen, die sie schätzten.

Zum harten Regiment gehörte allerdings, dass beide keine Kontakte mehr zu ihren Familien und Lieben, ja überhaupt keine, nicht aus Lebens­erhaltungsgründen wie Einkauf oder Ämterangelegenheiten notwendigen, Beziehungen pflegen durften, außerdem ihre Namen ablegen mussten – sie hießen nur mehr»sie«und»er«,die Millionenerbin dagegen, auf eigenen Wunsch,»es«– und mit dem Ausgeben des vielen Geldes, das sie bei der Millionenerbin verdienten, bis zu deren absehbarem Tod warten sollten.

Eslitt an einer Krebserkrankung, die sich nicht mehr mit Aussicht auf ernstzunehmend umfangreiche Lebensverlängerung therapieren ließ.

Die Geschmäcker im kühlen, dunklen Haus variierten:Ermochte Theodore Sturgeon, vor allem die Geschichten, in denen die sehnsüchtig von allen Festlegungen wegstrebende Sexualität des Dichters vom Text aufgesogen schien wieLSDvom Zuckerwürfel.Siewar gänzlich eingenommen von Joanna Russ, vor allem den langen Eröffnungsszenen von »AndChaos Died«, also den ersten Begegnungen Jai Vedhs mit den Gedankenleserinnen, doch auch von den Abenteuern der tapferen Alyx und dem tief unheimlichen Menschheitsrequiem »We Who Are AboutTo«.

Eshingegen schätzte am meisten Heinlein, insbesondere das sonst überall verachtete Spätwerk »Time Enough for Love«, mit seinen niedlichen häuslichen Abschweifungen und dem frechen ödipalen Schluß, »The Cat Who Walked Through Walls«, mild gepfeffert mit dem Geschmack unaufdringlicher Lebensweisheit – »So mag ich die Schriftsteller, schön in der Nähe des Todes«, sagteesmelancholisch, »dabei von tadelloser Haltung, ohne sich groß drum mühen zu müssen.«

Sieunderbewundertenesfür solche Aussprüche, und waren sich außerdem einig, dass sieihmviel zu verdanken hatten:»Eserlaubt uns, was sich viele Menschen wünschen – den Rückzug in eine eigene Welt aus Wörtern und Vorstellungskraft und Möglichkeitssinn, mit einem ganz eigenen Zugang zur Wirklichkeit, eben dem dieser Literatur«, sagteer,undsiestimmteihmzu, mit den ebenfalls leicht gekünstelten, aber ganz aufrichtig empfundenen Worten: »Und das Ganze ist eine Art, das Leben zu empfinden, die sich draußen, in der Welt der Nichtblinden, Nichtreichen, vor allem aber nicht in Science Fiction vernarrten Menschen niemals durchsetzen wird. Ich meine, dort geht es nur ums pragmatische, um das schlechte Besondere also, oder, in Sonntagsreden, um völlig blasse Abstraktionen, das schlechte Allgemeine. Wir haben etwas anderes: Die Welterfahrung, die sich draußen, in der Welt, nie durchsetzen wird. Wer sieht denn schon die Erde als tatsächlichen Planeten, als große blaue Schwerkraftmulde in der vierdimensionalen Raumzeit, statt immer nur als Boden unter den Füßen oder Schauplatz von Markterschließung oder Schlachtfeld?«

Hörbücher verachtetees.

Stattdessen mussten, wennes ihmundihrmal nicht zuhören wollte,DVDsbesorgt und auf einem riesigen Flachschirm gezeigt werden, mitverdunkeltem Bildrechteck: »Ich kann’s zwar nicht überprüfen«,schnarr­tees,»aber ihr würdet mir damit zumindest Respekt erweisen,wenn wir alle dasselbe sehen, während wir davor sitzen. Nämlich nichts.«

Entlang der durch das Vorlesen bereits etablierten Geschmackslinie begann man dasDVD-Programm zunächst mit Klassikern des Science-Fiction-Kinos, von »When Worlds Collide« über »La Jetée« (ein besonders gelungener Abend), »Alphaville«, »Planet of the Apes«, »Stalker« und »Eolomea« bis zu schwer Klassifizierbarem der Sorte »Repo Man«, »Liquid Sky« oder »Southland Tales«.

Als das durchgesehen, das heißt: gehört war, wurdeesganz elend und fiel von einer langen, medikamentös unterstützten Schlaf- und Dämmerphase in die nächste, mit jeweils nur etwa anderthalb bis zwei Stunden klarer, wacher Bewusstheit dazwischen.

Esverlangte, man solle sich beim Vorlesen ganz auf Kurzgeschichten, ja allerkürzeste Geschichten verlegen, Vignetten von Lem, Michael Swanwick und Terry Bisson.

Bei denDVDs kamen nur noch episodische, kurze Dinge, also Fernsehserien in Frage, von »Battlestar Galactica« bis »Mork and Mindy«.

Hier betrat man aus Versehen eine ästhetische Abzweigung, weil die Online-Bestellpraxis, dieerundsiepflegten, sich allzu arglos auf die Amazon-Kundenempfehlungen und deren markierte Korrelationen verließ. Plötzlich sah, das heißt hörte, man gemeinsam nicht mehr nur Science Fiction im engeren Sinne, sondern auch Fantasy (»Game of Thrones«), Mystery (»Fringe«) und Horror (»Supernatural«), bis schließlich sogar, weil da zwei Leute mitspielten, die ihren Ruhm in zum fantastischen Genre zählenden Serien erworben hatten, eine Krimi-Serie ins Haus geliefert wurde, nämlich das Remake von »Hawai Five-O« mit Grace Park und Daniel Dae-Kim.

Diese beiden, und mehr noch ihre Co-Stars Alex O’Loughlin und Scott Caan, sprachen ihre Dialoge oft so undeutlich, dass das Verbot der Sichtbarkeit schließlich gelockert werden musste – »Schaut ruhig auch mal ohne mich,« sagtees,deutlich schwächelnd, »und wenn die Folge gut ist … gucken wir’s … noch mal … zusammen …«

So saßensieunderschließlich alleine im großen Wohnzimmer, und stutzten arg, als eine Episode mit einer Aufnahme der Erde aus dem Weltall anfing, eindeutig perCGIerstellt – die blaue Kugel drehte sich, man zoomte auf Hawaii.

»Es ist,« sagteer,»wie in ›Contact‹, nur umgekehrt.«

»Richtig. Die Erde, als Planet ernstgenommen«, seufztesieenttäuscht.

»Wir haben gewonnen«, flüsterteer. »Wir haben gewonnen, ohne uns draußen einzumischen: Science Fiction hat gewonnen. Im schlechten Besonderen, im schlechten Allgemeinen.«

Der Arzt trat ein, er kam aus dem Schlafzimmer.

Er nickte, alssieunderihn fragend anschauten.

»Ja.Esist tot.«

Sapir / Whorf revisited

Margit und Steffen arbeiteten bei der beliebtesten elektronischen Partner­vermittlung Kontinentaleuropas. Wenn man aus alter Anhänglichkeit privat mit ihnen zu tun hatte – Essengehen, Kinobesuch, Minigolf –, erzählten sie immer ganz aufgekratzt, was die Wörter bedeuteten, die in ihrem Beruf benutzt wurden.

»Anschmiegsam«, sagte Margit, »damit will er sagen, er ist faul.«

»Originell«, erklärte Steffen, »das soll heißen, sie ist hysterisch.«

»Trendbewusst«, spie Margit, »das heißt, sie müssen jeden Scheiß besitzen und haben, den die Heftchen vorschreiben.«

»Naturverbunden«, freuten sich beide, »das bedeutet: stinkt.«

»Sensibel, das übersetzen wir mit: hoffnungslos egoistisch, kennt nur sich selbst, aber auch noch weinerlich dabei«, lachten die Bösen.

Ich machte einen Vorschlag: »Intellektuell?«

Margit parierte: »Das ist einfach. Heißt: sehr, sehr dumm, wählt grün.«

»Selbstbewusst, der ist auch gut«, ächzte Steffen, »das meint: einerseits größenwahnsinnig, aber andererseits doch auch wieder total langweilig.«

»Heimatverbunden«, schlug Margit vor. »Nazi«, riet ich richtig.

»Kosmopolitisch«, packte Steffen härtere Ware aus.

Ich wusste es nicht, aber Margit: »Fährt durch die Gegend, um der Leere im Hirn zu entkommen.«

»Kreativ heißt, sie spinnt total«, ergänzte Steffen.

»Und das Wort Niveau weist auf ein militant halbgebildetes Arschloch hin, dasDIE ZEITabonniert hat.«

»Okay«, wollte ich schließlich wissen, »aber was meinen sie, wenn sie ›aufgeschlossen‹ schreiben?«

Steffen und Margit zeigten mir ein Foto.

Ich rannte, so schnell ich konnte, aufs Klo, und übergab mich maßvoll.

Wir redeten nie mehr davon.

Winziges Leck

They must be pretty stupid if they really think, and think they know that physical stuff is, in itself, and through and through, an essentially non-experential phenomenon.Galen Strawson

Anfangs schien es, als wären die anderen Kinder ohne Argwohn gegen Adrian.

Zwar war seine Haut hell wie rosa Esspapier, zwar schimmerte sein Haar, auch die Härchen an Armen und Beinen, weiß wie nasse Kreide, und seine Augen sahen aus wie rote Drops.

Im Sommer trug er ständig eine Sonnenbrille, und manchmal lange Hosen, auch langärmlige Hemden, immer Schirmmützen. Das kam den anderen Kindern zweifellos seltsam vor.

Aber da Adrian eine lustige Art hatte, Zusammenhänge aufzuspüren, Unterschiede zu bemerken, Vergleiche zu ziehen – »Ab Juni ist Caprizeit: wir trinken alle Capri-Sonne und essen ein Eis, das auch Capri heißt« –, und weil er deshalb gut war im Erfinden von Spielen oder Abenteuern (wie weit kann man ohne Taschenlampe ins Kanalrohr klettern, bevor man anfängt, sich einzubilden, man sähe Sachen im Halbdunkel, die gar nicht da sind?), fehlte es dem Jungen nicht an Freundinnen und Freunden.

Dunja, deren Eltern mit ihr in einem teuren Holzhaus mit Solarstrom wohnten, war die erste, die sich beschwerte: »Ich versteh das nicht! Das ist zu schwierig!«

Sie meinte die Regeln zu einem Spiel, das Adrian sich ausgedacht hatte,eine Art Mehrkampf am Baggersee, mit Tauchen nach Plastiktüten, in denen steinbeschwerte Preise verschnürt waren, Wettläufen am Ufer, Klettern und Einsammeln beziehungsweise Anbringen verschiedenfarbiger Wimpelchen an Zweigen und Ästen vorher festgelegter Bäume.

Dunja wollte lieber mit Reis- und Sandsäckchen spielen, die sie von zuhause mitgebracht hatte – im Kreis sollten sich die acht Kinder aufstellen, einander zuwerfen sollten sie die Reis- und Sandsäckchen, und wer eins fallen ließ, schied aus, bis die Geschickteste mit den schnellsten Reflexen, also Dunja, als Gewinnerin feststand.

Adrian, dem gleichgültig war, ob er oder jemand anderer die Spiele erfand, hatte nichts dagegen, dass man Dunjas statt sein Spiel spielte, fand aber, dass mit einem der Sandsäckchen was nicht stimmte: »Da rieselt Sand raus. Hier, siehst du? Körnchen.«

Hasan und Silke inspizierten das Säckchen mit ihm, und waren seiner Meinung: Etwas rieselte. Wo aber das winzige Leck war, ließ sich mit bloßem Auge nicht bestimmen.