Kleines Pandemisches Glossar - Jahn Finkas - E-Book

Kleines Pandemisches Glossar E-Book

Jahn Finkas

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Beschreibung

Die Corona-Krise hat für zahlreiche Verformungen und Werte-Verschiebungen im gesellschaftlichen Diskurs gesorgt. Grundrechtliche Einschränkungen, die Ausgrenzung von Andersdenkenden im Kontext der Impf-Frage und die Verengung des Debattenraums auf studienbelegbare Positionen sind wichtige Beispiele dafür. Den zahlreichen Ungereimtheiten der staatlichen Corona-Politik geht Jahn Finkas intellektuell anspruchsvoll nach, er befragt Formeln wie die von der „Pandemie der Ungeimpften“ und analysiert widersprüchliche Restriktionen. Er verteidigt aber auch das Unhintergehbare des Ich gegen kollektivistische Anfeindungen. Eine philosophisch-poetische Streitschrift, die über das Ende der Corona-Maßnahmen hinaus aktuell bleiben wird. „Die Annahme, dass es in dieser Angelegenheit nicht nur darum ging, etwas zu beenden, sondern etwas zu beginnen, scheint weniger einer Theorie von Verschwörungen anzuhängen, sondern ahnt und begreift Zielvorgaben langmütiger, transnationaler Praktiken.“ Jahn Finkas

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Seitenzahl: 71

Veröffentlichungsjahr: 2022

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U. Ch. zum Gedenken

Jahn Finkas

Kleines pandemisches GlossarVersuch einer Aufarbeitung

(Reihe Schlanke Bändchen Bd. 2)

ISBN E-Book 978-3-95779-167-2ISBN gedruckte Version ISBN 978-3-95779-162-7Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2022 der gedruckten Ausgabe zugrunde.E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage 2022

© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG

Frankfurt am Main

Lektorat: Dr. Jens Heisterkamp, Frankfurt am Main

Umschlag: Frank Schubert, Frankfurt am Main

Titelbild: Henrik Dellbrügge

Satz: Ulrich Schmid, de·te·pe, Aalen

Über dieses Buch

Die Corona-Krise hat für zahlreiche Verformungen und Werte-Verschiebungen im gesellschaftlichen Diskurs gesorgt.Grundrechtliche Einschränkungen, die Ausgrenzung von Andersdenkenden im Kontext der Impf-Frage und die Verengung des Debattenraums auf studienbelegbare Positionen sind wichtige Beispiele dafür.Den zahlreichen Ungereimtheiten der staatlichen Corona-Politik geht Jahn Finkas intellektuell anspruchsvoll nach, er befragt Formeln wie die von der „Pandemie der Ungeimpften“ und analysiert widersprüchliche Restriktionen. Er verteidigt aber auch das Unhintergehbare des Ich gegen kollektivistische Anfeindungen.

Eine philosophisch-poetische Streitschrift, die über das Ende der Corona-Maßnahmen hinaus aktuell bleiben wird.

Über den Autor

Jahn Finkas, geboren 1960, ist Lyriker und Essayist. Er arbeitete als Schauspieler, Deutschlehrer und Sprachtherapeut. Momentan ist er als Familientherapeut tätig.

Mehr zum Autor: www.jahn-finkas.de

Inhalt

Einleitung

Sprechen

Lesen

Entdecken

Fragen

Kämpfen

Bekennen

Rechnen

Stehlen

Retten

Weben

Abrollen

Fürchten

Kriechen

Anmerkungen

Einleitung

Die Corona-Krise hat neben den medizinischen Problemen im engeren Sinne für zahlreiche subtile Verformungen und Werte-Verschiebungen im gesellschaftlichen Diskurs gesorgt. Grundrechtliche Einschränkungen, die Ausgrenzung von Andersdenkenden im Kontext der Impf-Frage und die Verengung des Debattenraums auf studienbelegbare Positionen sind wichtige Beispiele dafür. Den zahlreichen Ungereimtheiten der staatlichen Corona-Politik geht Jahn Finkas vielschichtig und intellektuell anspruchsvoll nach, er befragt Formeln wie die von der „Pandemie der Ungeimpften“ und analysiert widersprüchliche Restriktionen wie die Verkürzung des Genesenenstatus.

Die offiziell eingeforderten Verhaltensänderungen im Rahmen der Corona-Maßnahmen treten für ihn aber in einem noch umfassenderen Zusammenhang hervor: als exemplarische Spitzen eines Eisbergs weltanschaulich-ideologischer Versuche, die Welt und das Menschsein vor dem Hintergrund einer angstbesetzten Krise sozialtechnisch neu zu definieren. Dadurch entsteht die Gefahr, dass unsere auf die Freiheit des Individuums angelegte, Offene Gesellschaft unterwandert wird durch die schleichende Übergabe politischer Verantwortung an eine Expertokratie aus Wissenschaftsspezialisten, Statistikern und Modellierern. Insbesondere geht der Autor auch Tendenzen nach, wonach die hygienisch begründeten Maßnahmen letzten Endes nicht nur vor Viren schützen. Sie treffen sich vielmehr in einem tiefer verorteten Fluchtpunkt, der das Denken gegen alle subtileren, bewusstseinsartigen Dimen sionen immunisieren will, die sich dem materialistischen Reduktionismus entziehen.

Der Autor belässt es aber nicht bei einer oft scharfen Kritik, er evoziert in seiner poetischen Sprache auch immer wieder das zerbrechlich Menschliche, Geistige und Esoterische. Gedankenreich und philosophisch gut begründet verteidigt er das Unhintergehbare des Ich gegen alle kollektivistische Anfeindungen. Eine Streitschrift, die über das Ende der Corona-Maßnahmen hinaus aktuell bleiben wird und deren Überlegungen alle an einer menschlichen Zukunft Interessierten beschäftigen sollte.

Jens Heisterkamp

Sprechen

Unter den vielen Vorwürfen an die Adresse der Politik gehört der, durch ungenügenden Dialog mitschuldig an einer Spaltung der Gesellschaft zu sein. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass dieser Dialog nie ernsthaft gesucht wurde. Abgesehen von dem immer selben Personal der auf Hype und Kalkulierbarkeit angelegten Talkrunden werden in den medialen Podien in der Regel nur Scheindissense inszeniert: Sie drehen sich um nur in Nuancen divergierende Vorgehensweisen, wie man die Impfskeptiker „zurückholen“ könne. Die Möglichkeit, dass diese selbst Informationen und Sichtweisen einbringen könnten, die es wert wären, erwogen zu werden, wird ausgeschlossen (in der Schweiz und Österreich weniger als in Deutschland). Gesprächsangebote werden schnell der Kollaboration bezichtigt. Indem die Abweichler zum Objekt bloßer Überzeugungsarbeit werden, wird die Idee des Gesprächs hintertrieben. Angesichts einer liberalen Demokratie, welche die Gebote von Transparenz, Partizipation und Wertschätzung hochhält, stimmt das nachdenklich.

An anderer Stelle gälte es als unbotmäßiger Vorgang, nicht mit, sondern über Minderheiten zu sprechen. Während der Corona-Pandemie wur de das Gegenteil demonstriert. Was den Verdacht aufkommen lässt, auch das Ideal der „Inklu sion“ sei einmal mehr nur ein nur teilbares und begrenztes, ein nur symbolisches, wenn nicht vorgeschütztes. Nicht grundlos hat die Inklusion als nicht ganz plausible Steigerung einer (nicht abgeschlossenen) Integration in den letzten Jahren an Glanz verloren. Insbesondere in Deutschland, wo aus der Wahlmöglichkeit eines Menschen mit Assistenzbedarf für eine Regelschule die Insistenz wurde, er könne gar nicht anders als dies zu wollen. So wurde die barrierefreie „Schule für alle“ ausgerufen mit dem Anspruch, dieses Modell möge sämtliche Spuren soziale Ungerechtigkeit vom Erdboden tilgen. In dem (an sich unumgänglichen und wunderbaren) Ansinnen einer gesellschaftlichen Teilhabe aller wurden nun Menschen mit den disparatesten Formen von Behinderungen zusammen mit alten oder pflegebedürftigen Menschen zu einer Riesenkohorte mit entsprechenden Regelwerken zusammengeschlagen. Diese Unternehmung ist ehrgeizig und vor allem außerordentlich abstrakt.

Objekte mit einer absoluten Bedeutung aufzuladen und sie dann stellvertretend für das Ganze zu nehmen, bildet einen magischen Vorgang ab. Auch in der Politik findet diese auf- oder abwertende Besetzung, diese positive oder negative Idolatrie häufige Anwendung. Sie eignet sich vorzüglich dazu, Gefühle zu lenken und durch die Fixierung auf eine Sache alle übrigen Inhalte an den Rand und am besten über ihn hinaus zu drängen. Je gewollter diese Magie ist, desto abstrakter und irrealer wirkt sie. Wie vieles andere hat die Corona-Krise dieses nicht neue Phänomen noch in den Fokus gerückt und verdeutlicht.

Beim Einzelnen hinterlässt dieser Trick das Unbehagen zurück, die Welt sei nicht immer ehrlich, nicht im Lot, und er sieht sich hinter ein dunkles Licht geführt. Er sieht, dass nicht immer drin ist, was draufsteht; häufig ist das Gegenteil drin; ihm stößt auf, dass zu Foren, Diskussionen und Konferenzen über Entscheidungen und Abkommen eingeladen wird, die längst nicht mehr verhandelbar sind; er wird angesprochen: „Ihre Meinung ist uns wichtig“ und: „Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen.“ Er wundert sich, wie sehr diese Schmeicheleien längst die Mühe hinter sich gelassen haben, noch halbwegs ehrlich zu wirken – als setzten sie voraus, er sei längst ein Fortgeschrittener und Mitwirkender in diesem einvernehmlichen Vexierspiel.

Lesen

Ein von einer modernen, revolutionierenden Medizin angetanes Lager unterstellt den Bedenkenträgern des Impfens Antimodernismus und Antiszientismus. Ist dieser Vorwurf pauschal so haltbar? Max Schelers Beitrag zur Wissenssoziologie bestand darin, neben das Herrschaftswissen andere Wissensformen zu stellen: das Alltagswissen „natürlicher Weltanschauung“, das Wissen des Glaubens, mythisches, ekstatisches, okkultes, poetisches Wissen und vieles mehr. Und Max Frisch hatte in derselben Richtung gefordert, man müsse dem Herrschaftswissen das Erfahrungswissen gegenüberstellen.1

Eckart von Hirschhausen bringt hierfür wenig Verständnis auf: „Wenn ich aber das Herrschaftswissen der Medizin verbreite und brauchbar mache, ist das etwas zutiefst Aufklärerisches, das die Menschen wollen und brauchen.“ Das freilich klingt weniger aufklärerisch als katholisch. Die Kirche hatte das Gebot der Armenspeisung über Jahrhunderte hinweg in sehr übertragenem Sinne ausgelegt und als Legitimation dahingehend ausgedehnt, Heiden bekehren zu dürfen, weil jedem Unerlösten der Hunger nach rechtem Glauben und rechter Anschauung innewohne. Und so sekundiert Karl Lauterbach, die künftige mRNA-Technik werde in Zukunft jede Form von alternativer oder ergänzender Medizin abwegig erscheinen lassen und hinfällig machen. Das durch Zurückhaltung gegenüber dem Primat der Wissenschaft beziehungsweise um Ausgleich diverser Wissensformen bemühte Lager sieht sich indes in Haft genommen und dem Verdacht ausgesetzt, sich mit krauser und brauner Ideologie gemein zu machen.

Diese Unterstellung kommt nicht von ungefähr, verfüg(t)en doch „rechte“, aristokratische Strömungen mehr als „linke“ Bewegungen (oder Bruderschaften) über eine Tradition des Esoterischen.2 Es ist aufschlussreich, welche Abwertungen bestimmte Attributierungen im Laufe der Zeit – und während der Corona-Krise massiv – erfahren haben und in welchem Umfang das vage Ensemble bestimmter Worte unter Beobachtung gestellt worden ist: mystisch und apokryph, esoterisch und okkult, übersinnlich und spirituell.

Wittgenstein hatte das Mystische mit dem Unausprechlichen identifiziert und damit weniger die Versenkung in Seele und Geist oder die Engelhierarchien gemeint als etwa das Aroma eines Kaffees. Er empfahl in diesem Fall das Verstummen vor dem kaum mehr Sagbaren, weil er (der seine eigene Philosophie als lyrisch bezeichnete) den verzweifelten, aber hartnäckigen Mitteln moderner Poesie nicht zutraute, dennoch weiterzusprechen. Landläufig schlägt man das Mystische wahlweise religiöser Duselei oder dem Absatzmarkt von Meditation und Lebensberatung zu. Weil diese Beschäftigungen der Fitness und der Gesundheit zuträglich seien, sind sie als Alternative zu sportlicher Betätigung gesellschaftlich einigermaßen geduldet.

Nicht immer gut angeschrieben waren mystische Strömungen, die als apokryph gelten. Sie haben sich neben allen großen, institutionalisierten Religionen irgendwann ausgebildet. Der Grund für ihre Anfechtungen war weniger ihr oft heimliches und verborgenes Leben an sich, sondern ihre Gleichgültigkeit gegenüber Dogmen. Der Besitzstand von Lehrmeinungen muss immer gegen