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In Teil 1 und 2 der Reihe "Kleines Schach-Museum" wurde eine neuartige Systematik und nomenklatorische Erfassung von Mattbildern vorgestellt. Der vorgelegte Teil 3 schließt diese Zusammenstellung ab, indem auch der unentschiedene Partieabschluss durch Patt oder Dauerschach einer versuchsweisen Systematisierung unterzogen wird. Es wird gezeigt, dass eine Feinsystematik wie bei den Mattbildern hier nicht durchführbar ist, so dass sich lediglich drei Hauptgruppen von Pattstellungen und zwei Hauptgruppen von Dauerschachkonstellationen unterscheiden lassen. Die umfangreiche Beispielsammlung für die genannten Gruppen wurde aber trotzdem in einer Weise vorgenommen, dass sie die Mustererkennung des Spielers positiv beeinflussen könnte.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Mirko Czentovic
Kleines Schach-Museum
Eine neue Systematik und Nomenklatur der Mattbilder
Mit einem Anhang zu Patt- und
Dauerschachkonstellationen
Teil 3
Patt
Die beiden folgenden Hauptabteilungen sind eher als Anhänge zur Systematik der Mattbilder in Teil 1 und Teil 2 zu verstehen, auch wenn die präsentierte Beispielmenge größer ist. Im Vergleich mit der systematischen Sammlung von Mattkonstellationen drängt sich die Frage auf, ob eine ähnlich scharfe, deskriptive Nomenklatur auch für Patt- und Dauerschachstellungen entwickelt werden kann.
Es gibt klare Gründe, die dagegen sprechen. Erstens ist es beim Patt wenig sinnvoll, eine pattsetzende Figur benennen zu wollen. Während beim Matt nur Doppelschachkonstellationen in dieser Hinsicht problematisch sind, sonst aber durchgehend Eindeutigkeit besteht, entfällt beim Patt eine distinkte Klassifikation nach Figuren. Zweitens spielt auch die an mattsetzende Figuren gekoppelte Unterteilung nach Kontakt/Distanz gegenüber dem König keine Rolle, das Patt zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass kein Schach gegeben wird.
Der einzig verbleibende Ansatzpunkt für eine Unterteilung wäre der topologische Aspekt, also die Frage, ob der pattgesetzte König in der Ecke, am Rand oder den sonstigen mittleren Feldern steht. Da die Kontrolle sämtlicher direkt um den König gelegenen Felder beim Patt ebenso wichtig ist wie beim Matt, ließe sich nur von hier aus eine Klassifikation entwickeln, die dann aber deutlich unschärfer ausfällt als bei den vierundzwanzig Gruppen von Mattbildern: Es lassen sich beim Patt lediglich drei Hauptgruppen unterscheiden, nämlich Eckpatt (EP), Randpatt (RP) und Feldpatt (FP).
Die folgenden Unterkapitel versuchen trotz fehlender Feinsystematik eine geordnete Reihe von Beispielen für alle drei Pattgruppen anzubieten. Die Wirkung der gegnerischen Steine spielt für die Möglichkeit eines Pattes natürlich eine große Rolle, auch wenn, wie bereits erwähnt, weniger wichtig ist, welcher Stein das letzte Feld bzw. die letzten Felder um den König sperrt und damit das Patt bewirkt. Insofern kann man nur ansatzweise versuchen, eine systematische Reihenfolge anzubieten, in der die Anwesenheit von Damen, von Türmen usw. angesprochen wird. Einige Details lassen sich dabei gut vergleichend darstellen, andere dagegen stehen einer klaren Abgrenzung von Unterfällen entgegen.
Angesichts der wenig aufgelösten Unterteilung muss stärker noch als bei der Systematik der Mattbilder die Frage gestellt werden, welchen praktischen Vorteil eine Einteilung in nur drei Gruppen haben könnte. Eine Antwort könnte lauten, dass man auch hier den Blick für die Umstände eines Pattes „nachschärfen“ könnte, wenn man Beispiele nicht in beliebiger Folge studiert, sondern geordnete Reihen, die jeweils nur Eck-, Rand- oder Feldpatt abhandeln. Dass, ebenso wie beim Matt, ein Gefühl für die drei, fünf oder acht Felder entwickelt werden muss, die um den pattgesetzten König liegen, steht wohl außer Frage. Die kurzen Anmerkungen zu den in diesem Kapitel gesammelten Pattfällen richten den Fokus immer wieder auf die Kontrolle der besagten kritischen Felder, und es ist davon auszugehen, dass dieser deskriptive Zugang zumindest bei einem bestimmten „Lerntyp“ von Schachspielern einen Fortschritt in der Mustererkennung bewirken könnte.
Auf welch abenteuerliche Weise selbst starke Spieler Pattkonstellationen ausblenden können, ist oft genug dokumentiert worden, und viele dieser „Pattklassiker“ werden in den kommenden drei Unterkapiteln zitiert werden, wenn auch z.T. mit neuen, durch die gewählte Systematik bedingten Bezügen. Zur Einstimmung soll hier ein weniger bekannter Fall vorangestellt werden, in dem die Mustererkennung auf kuriose Weise bei beiden Spielern versagte. Die Partie wurde im Jahr 2001 mit normaler Bedenkzeit bei einem Bezirksmeisterschaften-Vormeisterturnier im niedersächsischen Raum gespielt:
Diagr. 1: N.N. – N.N., 2001 (Weiß am Zug)
Schwarz war zuletzt einem weißen Turmschach ausgewichen, indem er …Kf1-e1 zog. Der Anziehende hatte schon länger klar auf Verlust gestanden und war darüber offenbar in einen „Racheschachmodus“ abgedriftet; er spielte noch das scherzhaft gemeinte
1.Tf7-f1+
und gab nach
1… Ke1xf1 (Diagr. 2)
auf; das Resultat wurde gemeldet und die Spieler verließen den Ort des Geschehens. Erst bei der heimischen Analyse am PC bemerkte der Weißspieler, dass ihm mit dem Schlusszug eine blitzsaubere Pattrettung gelungen war. Die neue Runde stand erst am nächsten Tag an; er verständigte die Turnierleitung und beantragte eine Änderung des Ergebnisses von 0:1 auf Remis: Immerhin steht im Regelwerk, dass Matt und Patt „die Partie beenden“ – möglicherweise also unabhängig davon, was die Spieler nachträglich auf dem Ergebniskärtchen eintragen.
Wie letztlich vom Schiedsgericht entschieden wurde, spielt hier keine Rolle. Zu bedenken gegeben werden soll nur, dass auch eine wenig differenzierte Systematik von Pattbildern noch nützlich sein könnte, wenn sich durch eine entsprechend unterstützte Mustererkennung Fälle wie der gerade gezeigte vermeiden ließen.
Diagr. 2: N.N. – N.N., 2001 (Schlussposition, Weiß am Zug – Patt)
Betrachtet man nur den pattzusetzenden König, so ist das Eckfeld ein günstiges, müssen doch nur drei Felder unzugänglich sein. Aber selbstverständlich hängt alles von der Beweglichkeit der sonst noch auf dem Brett befindlichen Steine ab.
Das Patt ist in seiner Bedeutung als „realer Faktor der Verteidigung“ (Awerbach 1983) hervorzuheben: die verlustgefährdete Seite lässt den Gegner Steine derart schlagen oder blockieren, dass sie selbst schlussendlich Patt gesetzt wird. Aber natürlich gibt es auch Situationen, in denen die Patt setzende Partei die Rolle des Verteidigers spielt – am häufigsten wohl in Endspielen wie dem folgenden:
Diagr. 3: Lehrbuchstellung (Schwarz am Zug)
Weiß am Zug würde diese Position gewinnen, während Schwarz aufgrund der Pattmöglichkeit Remis hält:
1… Kd4-e5
Bringt den König auf den Weg zum Feld c7.
2.Kc6-b7 Ke5-d6
3.Kb7xa8 Kd6-c7 Patt (Diagr. 4)
Dies ist die einfachste und eine für das praktische Spiel sicherlich wichtigste Pattkonstellation.
Diagr. 4: Lehrbuchstellung (EP)
Aus der Sicht des Verteidigers, der selbst Patt gesetzt werden will, ist die Wirkung vieler gegnerischer Angriffsfiguren potentiell von Vorteil. Bei der Eckstellung des Königs reichen oft aber auch wenige Figurenwirkungen aus, um die Kontrolle der drei möglichen Fluchtfelder zu herzustellen. Wir beginnen mit einem Beispiel, in dem hauptsächlich Dame und Läufer den König in der Ecke einschließen – genauer gesagt, handelt es sich um einen seitdem oft abgedruckten Fall von „Pattblindheit“:
Diagr. 5: Bannik – Ivkov, Rijeka 1963 (Schwarz am Zug)
In Verluststellung zog Schwarz
1… h7-h6,
was den Anziehenden keineswegs misstrauisch machte:
2.Le3xh6 Se6-f4!
3.Lh6xf4??
Unbegreiflicherweise stolpert Weiß in die Pattfalle. Glatt gewonnen hätte 3.Db1! Se2+ 4.Kf1, denn das von Golz/Keres angegebene 4… Sc3: 5.De1 Se4 ist nach 6.f3 hoffnungslos, und auch 4…De4 5.De1 Df3 6.Dd1 Sg3+ 7.Ke1 Dh1+ 8.Kd2 Se4+ 9.Kc1 führt letztendlich zu nichts (Krogius).
3… De6-e1+
Jetzt hat Schwarz die freie Auswahl, wie er sich seiner letzten beweglichen Figur entledigen will.
4.Kg1-g2 De1-h1+
Natürlich geht auch 4… Df2:+ usw.
5.Kg2-g3 Dh1-h3+ (Diagr. 6)
und Remis wegen 6.Kh3: patt.
Diagr. 6: Bannik – Ivkov, Rijeka 1963 (Schlussposition, erzwungenes EP)
Im nächsten Beispiel sind es die Fernwirkung der Dame und ein auf die sechste Reihe vorgerückter Bauer, welche zusammen mit einem eigenen Bauern die drei erforderlichen Sperrwirkungen aufbauen und dem Verteidiger die überraschende Rettung ermöglichen:
Diagr. 7: Danielsson – Lange, Olympiade Helsinki 1952 (Schwarz am Zug)
In klarer Verluststellung hatte es Lange durch geschicktes Spiel verstanden, die Feinddame wie gewünscht nach d5 zu locken und damit die „Pattkontrolle“ um seinen Eckkönig zu installieren. Weiß rechnete hier nur mit 1… Dh4:?? 2.Dg8:+!, doch es kam:
1… Tg8xg3+!
Nach 1.Kg3: Dh4:+ „verschießt“ Schwarz jetzt freudig seine Dame, ebenso nach 1.fg3: Db2+ usw. Der Partiezug ändert auch nichts:
2.Kg2-f1 Df6-a1+
3.Kf1-e2 Tg3-e3+!
4.Ke2xe3 Da1-c1+
5.Ke3-f3 Dc1-e3+! (Diagr. 8)
Dieser Verfolgerin kann man nicht mehr lange ausweichen, daher:
6.Kf3xe3 patt.
Die „ewige Verfolgung“ bei Pattkonstellationen ist ein widerkehrendes Thema. Ausgeführt von einer Dame, lässt sich das Schlagen und damit das Patt i.d.R. nicht lange vermeiden, während es bei einem Turm als Verfolger oft nicht zu einem erzwungenen Nehmen, dann aber zu Dauerschach kommt. Entsprechende Fälle werden wir weiter unten sehen.
Diagr. 8: Danielsson – Lange, Olympiade Helsinki 1952 (EP nach 6.Ke3: oder 6.fe3:)
Kommen wir damit zu Stellungen, in denen allein die Position der Dame ausreicht, um dem König in der Ecke alle drei Fluchtfelder zu nehmen. Sie muss dazu so weit wie möglich am Eckkönig postiert sein, sozusagen „in Springerdistanz“ zu diesem. Zu sehen war dies unter anderem in jener Partie, auf die angeblich die Rede vom „Pattwitz“ zurückgeht:
Diagr. 9: Krautheim – Tröger, Augsburg 1939 (Schwarz am Zug)
Das Endspiel nach 1…Dg6:? 2.hg6:+ Kg6: wäre hoffnungslos, denn wenn Schwarz sich z.B. hinter seinem Bauern versteckt, kann Weiß seinen König bis nach f7 bringen, dann g5-g6 mit Schach anstreben und anschließend mit dem Läuferopfer Lh6! das Patt vermeiden und gewinnen (vgl. auch Teil 1, Studie von Kling und Horwitz im LKEM-Unterkapitel). Deshalb geschah:
1… Kh7-h8!
Ein all zu freundliches Angebot, aber Weiß konnte nicht widerstehen:
2.Dg6xf7?? g7-g5+! (Diagr. 10)
Der Bauer kann auf drei verschiedene Weisen geschlagen werden, aber stets wäre es Patt. Andere Züge bringen auch nichts mehr, da der weiße König nur „in Schachdistanz“ ausweichen kann bzw. der schwarze Bauer rechtzeitig auf ein Hindernis stößt:
3.Kh4-h3 g5-g4+ und Patt im nächsten Zug.
Diagr. 10: Krautheim – Tröger, Augsburg 1939 (Schlussposition, unvermeidbares EP)
Das Zustandekommen des Patts bei Krautheim-Tröger mag all zu absurd aussehen, aber an der praktischen Relevanz des Motivs gibt es keinen Zweifel, wie die folgende Partie unterstreicht:
Diagr. 11: Short – Kramnik, Wijk an Zee 2010 (Schwarz am Zug)
