Kleinkinder begleiten - Johanna Trost - E-Book

Kleinkinder begleiten E-Book

Johanna Trost

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Beschreibung

Die Begleitung von Kleinkindern im Alltag bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich. Es ist nicht immer leicht, auf ihre Bedürfnisse adäquat zu reagieren und in einem guten Dialog mit ihnen zu sein. Besonders anspruchsvoll wird der Alltag, wenn mehrere Kinder unter drei Jahren gleichzeitig betreut werden. Die Tagesmutter Johanna Trost zeigt anhand von vielen Beispielen auf, wie ein Alltag mit bis zu fünf kleinen Kindern gelingen kann. Die Gestaltung des Tagesablaufs und die Phase der Eingewöhnung kommen ebenso in den Blick wie das freie Spiel der Kinder, das Schlafverhalten, die Mahlzeiten und die Pflege. Dieses Buch ist aus der täglichen Praxis mit Kleinkindern entstanden. Neu daran ist, dass es auch die Sicht des Kindes auf verschiedenste Betreuungssituationen beleuchtet. Es richtet sich an alle Personen, die Kleinkinder betreuen - vor allem an Eltern, Tageseltern, Großeltern und Kleinkinderzieher.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Zur Einstimmung

1. Die Vorbereitung

2. Mit Kleinkindern draußen sein

3. Übergänge

4. Gedanken zum Spielmaterial und das Spiel der Kinder

5. Die Tätigkeit des Erwachsenen

6. Die Sinnespflege

7. Die Mahlzeiten

8. Die Pflege

9. Der Mittagsschlaf

10. Ergänzungen zum Kapitel „Der Mittagsschlaf"

11. Abholen und Übergabe

12. Erziehungspartnerschaft

13. Kapitelübergreifende Themen

14. Pädagogische Hintergründe meiner Arbeit

15. Vorbild und Nachahmung

16. Der Tagesrhythmus und die Tagesgestaltung

17. Die Kleidung und die Umgebung des kleinen Kindes

18. Empfehlungen

Abschluss

Danksagung

Widmung

Zur Einstimmung

Ein Morgen auf den Obstbaum wiesen.

Es ist Ende April, das Gras ist saftig grün, wir hören viele Vögel singen und die Apfelbäume stehen in voller Blüte. Wir, das sind meine vier Tageskinder und ich. Wir sind unterwegs mit dem Krippenwagen. Eine ältere Frau kommt uns entgegen. Sie bleibt verwundert stehen und sagt: „Ja, das sind aber viele kleine Kinder in dem Wagen! Sind das Ihre Kinder?" Nein, antworte ich ihr, das sind meine Tageskinder, ich bin Tagesmutter.

Sie fragt interessiert weiter: „ Wie machen Sie das denn mit so vielen kleinen Kindern? Essen die auch bei Ihnen?" „Ja, meine Tageskinder essen auch bei mir, es muss alles gut vorbereitet sein, dann geht es", antworte ich ihr.

Sie hält beinahe andächtig inne und schaut ganz still in den Wagen. Auch die kleinen Kinder, alle zwischen einem und drei Jahren, sind ganz still und schauen sie an. „Können die Kinder auch sprechen?" fragt sie. „Ja", sage ich, „sie können sprechen – natürlich noch nicht immer für uns verständlich. Aber sie sind fremden Menschen gegenüber sehr zurückhaltend."

Schließlich wendet sie sich zum Gehen. „Da wissen Sie aber auch, was Sie geschafft haben, wenn die Kinder alle wieder abgeholt sind... ", sagt sie und verabschiedet sich.

So oder so ähnlich verlaufen die Gespräche, wenn uns bei unserem morgendlichen Spaziergang andere Menschen begegnen.

Aufgrund der vielen Fragen, die andere Menschen an mich als Tagesmutter gestellt haben, habe ich dieses Buch geschrieben.

Ich möchte die Vorteile, die Chancen aber auch die Grenzen dieser Betreuungsform darstellen. Mein Blick ist dabei vor allem auf die Bedürfnisse der kleinen Kinder gerichtet.

Das Buch wendet sich an Erwachsene, die kleine Kinder unter drei Jahren betreuen oder dies planen. Es richtet sich an Personen, die mehrere Kleinkinder zur gleichen Zeit betreuen und dabei allein sind.

Auf ein Stichwortverzeichnis habe ich verzichtet, da es mir hier um eine ganzheitliche Betrachtung der Kleinkindbetreuung geht.

Am Schluss des Buches, im Kapitel „Empfehlungen", habe ich einige Autoren genannt, deren Schriften in meinem Alltag als Tagesmutter eine Rolle spielen.

Die Namen der Kinder, welche ich in diesem Buch erwähne, habe ich geändert. Sie entsprechen nicht den echten Namen meiner Tageskinder.

Alles Erste bleibt ewig im Kinde

Die erste Musik

Die erste Blume

Die erste Farbe

Malen den Untergrund des Lebens.

Deshalb gibt es nur ein Gesetz:

Beschützt das Kind vor allem Heftigen.

Jean Paul

1. Die Vorbereitung

Am Morgen gegen 8.00 Uhr.

Ich setze mich auf meinen Stuhl und schaue in Ruhe durch den Raum. Es ist alles vorbereitet, sodass ich mich später ganz auf die Bedürfnisse meiner Tageskinder einlassen kann. Alle Räume, die ich mit den Kindern nutze, sind aufgeräumt, das Spielmaterial steht an seinem Platz und es ist nichts vorhanden bzw. erreichbar, was kleine Kinder nicht haben dürfen. So kann ich mich jeder einzelnen Situation mit den Kindern widmen und ganz mit ihnen in der Gegenwart ankommen. Jedes meiner Tageskinder könnte allein in jedem der Räume sein und es wäre keine Gefahr vorhanden. Ich erwarte die erste Familie.

Eine gute Vorbereitung ist Voraussetzung für eine gelingende Arbeit mit kleinen Kindern. Es ist wie in vielen anderen Berufen auch: Alles, was vor Beginn der Tätigkeit nicht vorbereitet wurde, bindet später Aufmerksamkeit, Konzentration und Energie. Daraus kann schnell Stress erwachsen, der vermeidbar gewesen wäre.

Für mich als Tagesmutter lohnt es sich also, genau zu planen, welche Dinge ich in Abwesenheit der Kinder erledigen sollte – nicht, weil ich sie später nicht auch schaffen könnte, sondern weil ich dann ruhiger und entspannter bin.

Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, den Bedürfnissen mehrerer Kleinkinder gerecht zu werden, wenn man als Betreuungsperson auf sich allein angewiesen ist. Kleinkinder möchten sich jederzeit der Bindung zum Erwachsenen vergewissern können. Nur dann fühlen sie sich sicher und sind entspannt.

Die Betreuungsperson sollte daher viel Raum und Energie für die Bedürfnisse und den Dialog mit den Kindern haben. Sie freuen sich, wenn sie möglichst nicht warten müssen. Das wirkt entspannend und hebt die Stimmung. Wenn sie oft erleben durften, dass ihre Bedürfnisse zeitnah befriedigt werden und dass sie gehört und gesehen werden, erlernen sie mit der Zeit eine gewisse Geduld. Dann schaffen sie es auch, ein wenig zu warten. Diese Entwicklung geschieht jedoch von allein und geht von den Kindern aus. Wir können sie von ihnen nicht erwarten oder einfordern, es wird nicht gelingen.

Wie bereits erwähnt, benötigt ein gelingender Alltag mit einer Kleinkindgruppe eine gute Vorbereitung. Diese lässt sich in einen „äußeren" und einen „inneren" Bereich aufgliedern.

Äußere Vorbereitung:

Unser Esstisch befindet sich in einem Bereich des Wohnraums. Dieser Raum ist zugleich auch der Spielraum für die Kinder.

Am Vormittag bekommen die Kinder eine Zwischenmahlzeit, später gibt es Mittagessen.

Das Mittagessen wird morgens, bevor die Kinder kommen, in der Küche so vorbereitet, dass es später am Vormittag nur noch beim Kochen beaufsichtigt werden muss.

Morgens wird der Esstisch für die Zwischenmahlzeit wie folgt vorbereitet:

Jeden Platz mit einem feuchten Lappen (auf einem kleinen Teller) und der entsprechenden Trinkflasche/ Becher versehen.

Holzbrettchen oder kleine Teller für die Zwischenmahlzeit bereitstellen.

Die Lätzchen an jeden Stuhl hängen.

Es lohnt sich, zu überlegen, welche Dinge auf dem Esstisch stehen sollten, wenn das erste Kind nach dem Händewaschen den Spielraum betritt. Wenn Kleinkinder Essen sehen, bedeutet das auch, dass sie es sogleich haben wollen. Sie steigen unter Umständen sofort auf ihren Stuhl und warten oder versuchen, selbst an das Essen zu gelangen, wenn es sich bereits auf dem Tisch befindet.

Im Schlafzimmer alles herrichten, zum Beispiel das Bett für das kleinste Kind aufschlagen, sodass man es später gleich hinlegen kann.

Ein Kleinkind wird unter Umständen innerhalb weniger Minuten müde. Es ist dann vielleicht weinerlich und muss zu seinem Bett getragen werden. Die anderen Kinder sind dadurch verunsichert und weichen der Bindungsperson in dem Moment nicht von der Seite. Wenn man dann im Schlafzimmer ankommt und das Kind zuerst noch einmal absetzen muss, um das Bett herzurichten, kann es sein, dass das betreffende Kind herzhaft zu weinen beginnt und ein weiteres gleich mit. Dies kann dann schnell zu einer großen Herausforderung für alle werden.

Zusammenfassend könnte man sagen: Alles, was sich rasch und mit einer Hand vorbereiten lässt, kann man auf sich zukommen lassen, es wird einem auch mit einem weinenden Kind auf dem Arm gelingen. Alles darüber hinaus sollte fertig und benutzbar sein, bevor die Kinder kommen.

Innere Vorbereitung:

Für einen gelingenden Alltag ist es hilfreich, auch eine innere Verbindung zu den Kindern zu pflegen. Oft stelle ich mir am Abend die einzelnen Tageskinder innerlich vor und nehme sie einen Moment lang einfach wahr. Dies hilft mir, auf verschiedene Situationen mit den Kindern vorbereitet zu sein, wenn sie am nächsten Morgen zu mir kommen.

Heutzutage verfügen wir über eine große Auswahl an Achtsamkeits- und Meditationsübungen, die zusätzlich helfen können, in die eigene Mitte zu finden. So meistern wir den lebendigen und dynamischen Alltag mit mehreren Kleinkindern besser.

In diesem Zusammenhang möchte ich einen wichtigen Gedanken anfügen. Es empfiehlt sich, private Themen bewusst in den Hintergrund zu stellen, solange die Tageskinder da sind. Dies ist nicht immer leicht, besonders wenn die Betreuung in den eigenen Räumen stattfindet. Es ermöglicht uns aber, freier und offener auf die Kinder zuzugehen. Dahinter steht der Impuls, das kleine Kind und seine Bedürfnisse während der Dauer der Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen. In dieser Geste drückt sich eine dienende und liebende Haltung aus und es entsteht ein innerer Freiraum für die Arbeit mit den Kindern.

Kleine Kinder leben immer in der Gegenwart. Wenn es uns gelingt, mit ihnen im Augenblick anzukommen, kann das erfüllend und bereichernd sein.

2. Mit Kleinkindern draußen sein

Morgens um 8.00 Uhr.

Ich stehe am Krippen wagen in unserer Garageneinfahrt und sehe das erste meiner Tageskinder mit seiner Mutter aus dem Auto steigen. Das Mädchen lächelt mir zu und ich begrüße es.

Anschließend steigt es selbstständig in den Krippenwagen und versucht, sich anzuschnallen.

Die Mutter und ich begrüßen uns. Sie erzählt mir, dass ihre Tochter sich heute Morgen schon sehr gefreut hat, als sie zu mir losgefahren sind.

Da kommt das nächste Auto mit dem nächsten Kind und gegen 8.10 Uhr sind wir startbereit.

Jetzt sitzen vier Kleinkinder zwischen einem und zweieinhalb Jahren in meinem Krippenwagen. Wir winken noch dem letzten Auto hinterher und machen uns auf den Weg zu den Obstbaumwiesen.

Wenn wir Kleinkinder im Freien beobachten, fällt uns sofort auf, dass sie mit vielen Eindrücken beschäftigt sind. Das umfasst zum Beispiel ihre eigene Kleidung, die anderen Kinder, die Fahrzeuge auf der Straße, den Mond am Tageshimmel und womöglich noch ihre vorhergehenden Erlebnisse. Auch die verschiedenen Geräusche in der Umgebung nehmen sie wahr und reagieren unterschiedlich darauf.

Möchten wir sie als Erwachsene gut begleiten, müssen wir uns auf ausführliche Dialoge einstellen, denn die Kinder verarbeiten ihre Eindrücke unter anderem im Austausch mit ihrer Bindungsperson.

Kleinkinder erfahren die Natur sehr unmittelbar und auch die Wetterverhältnisse können sie stark beeindrucken. Manche Wetterphänomene erleben sie das erste Mal in ihrem Leben, zum Beispiel Schnee oder Eis, und manche Kinder staunen lange darüber. Die Kinder reagieren individuell verschieden auf diese äußeren Eindrücke. Es ist die Aufgabe des Erwachsenen, sie bei der Bewältigung dieser Erlebnisse feinfühlig und aufmerksam zu begleiten.

Im Zusammensein mit den Kindern sollten wir selbst zufrieden, entspannt und offen für die verschiedenen Eindrücke sein. Eine positive, wertfreie Einstellung gegenüber der Natur, den Wetterverhältnissen und den Erlebnissen mit der Umgebung unterstützt die Kleinkinder beim Ankommen in der entsprechenden Situation und bewirkt, dass sie sich wohlfühlen.

Wiederkehrende Orte

Für Kleinkinder ist es wunderbar und ein Anlass zur Freude, wenn sie bekannte Orte erneut aufsuchen können. Sie fühlen sich dadurch sicher und in ihrer Eigenaktivität bestärkt. Einige Kinder möchten sogar von sich aus bestimmte Dinge oder Plätze wiederholt anschauen. Manchmal lassen sich markante Veränderungen in der Umgebung beobachten, zum Beispiel ein großer abgebrochener Ast an einem Baum oder eine Baustelle. Kleinkinder finden es sehr interessant, diese Veränderungen täglich von Neuem zu bestaunen.

Für die Bezugsperson ist es nicht immer einfach, diese Liebe zur Wiederholung zu pflegen und das Bekannte lebendig zu erhalten. Aber den Kindern zuliebe lohnt sich diese Übung.

Ein Sandplatz

Schön und wertvoll ist ein Platz im Freien, an dem die Kinder mit Sand und anderen Naturmaterialien umgehen können. Dies kann ein Sandkasten, eine Matschküche oder einfach ein bestimmter Platz mit geeignetem Material sein (Sand, Kies, Steine, Erde, Wasser, Laub). Kleinkinder lieben es, mit Naturmaterial zu hantieren, zum Beispiel Sand zu schütten, Kies zu schaufeln oder Laub mit den Händen zu bewegen.

Der Erwachsene ist selbst zufriedener, wenn er unterdessen auch eine schöne Arbeit hat. Für Draußen eignen sich zum Beispiel alle Arten von Schleifarbeiten. Er kann kleine Klötze oder Scheiben aus Holz schleifen, die später eingewachst werden und dann in einem Korb im Spielzimmer bereitstehen.

Weitere Tätigkeiten für den Erwachsenen können sein: sammeln, pflegen, sortieren, reparieren ...

Unter Bäumen, in Büschen oder im Wald

Für kleine Kinder hat es eine andere Qualität, wenn sie sich in einem Wald bewegen oder unter Bäumen und Büschen spielen. Der Waldboden ist weicher und es ist schwieriger, auf ihm zu laufen. Manchmal liegt in der Nähe ein umgesägter Baumstamm, der vielleicht nach und nach seine Rinde verliert oder auf den die Kinder hochklettern können.

Eine Obstbaumwiese bietet ebenfalls eine interessante Umgebung für kleine Kinder, denn hier trainieren sie unter anderem ihren Gleichgewichtssinn. Es ist nicht leicht, über die wild wuchernden Grasbüschel und Kräuter auf diesen Wiesen zu laufen. Im Frühling wächst das Gras immer höher und die Kinder nehmen die Veränderung staunend wahr. Wenn dann eines Tages im Juni das hohe Gras erstmals gemäht wurde, sieht es ganz anders aus auf der Obstbaumwiese ...

Auf ebenen Wegen oder Plätzen

Wege und Plätze mit Asphalt oder Platten sind ebenso spannende Bewegungsräume für kleine Kinder. Wenn sie gerade laufen gelernt haben, lieben sie diese ebenen Flächen besonders. Hier können sie selbstständig gehen und sind kaum auf Hilfe angewiesen. Wenn der Weg an einer Stelle ein wenig bergab führt, haben die Kinder eine zusätzliche Herausforderung. Eine Schräge hinunterzukommen ist anfangs immer schwieriger, als sie hinaufzugehen. Die Kinder haben ihre Freude daran, wenn sie selbst versuchen dürfen, wie sie es schaffen können.

Bei Regenwetter können sie Schnecken finden und beobachten, vielleicht gibt es auch Pfützen. Im Herbst liegen womöglich Äpfel oder größere Erdstücke (von Traktorreifen) auf dem Weg. Wenn die Kinder kleine Gefäße bei sich haben, finden sie oft etwas, das sie hineinlegen möchten. In diesem Alter lieben sie es, Dinge aufzusammeln und mitzunehmen.

Nun möchte ich einige Erfahrungen beschreiben, die ich mit meinen Tageskindern in unterschiedlichen Umgebungen gemacht habe.

Beispiel: „Eigene Themen finden ‒ im Wäldchen"

Inmitten der Obstbaumwiesen befindet sich ein kleines Wäldchen, das an einer Seite von einem Maschendraht begrenzt ist. Wir stellen unseren Krippenwagen am Straßenrand ab und laufen ein Stückchen über eine der Obstbaumwiesen. Rasch haben wir den Eingang zum Wäldchen gefunden und gehen hinein.

Johann, ein eher ruhiges, aber sehr erfinderisches Kind, sieht einige Stöckchen unter den Bäumen liegen. Er nimmt sich eines und schiebt es durch eine der Lücken im Zaun. Es fällt auf der anderen Seite herunter. Er kann es sehen und zeigt es mir. Erfreut sich darüber und sucht noch mehr Stöckchen.

Die beiden anderen Kinder, die heute dabei sind, machen jetzt auch mit. Plötzlich entsteht eine sehr geschäftige Stimmung und alle drei haben nun eine Aufgabe gefunden, die ihnen sehr wichtig ist. Über mehrere Minuten stecken sie kleine und größere Stöckchen durch den Zaun und freuen sich bei jedem einzelnen. Immer wieder schauen sie zu mir, ob ich es auch gesehen habe! Ich freue mich mit ihnen. Dieses Spiel wiederholen wir dann an zwei oder drei Tagen hintereinander.

Beispiel: „Überfahrene Äpfel auf dem Weg"

Wir laufen an einem schönen, warmen Herbsttag über das kleine Sträßchen, das an den Obstbaumwiesen entlangführt.

Elin, ein ausgeglichenes, fröhliches Mädchen von zwei Jahren, bleibt plötzlich stehen und zeigt aufgeregt auf einen am Boden liegenden Apfel. Ich schaue genauer hin und sehe, dass der Apfel kaputt ist, weil vermutlich ein Traktor darübergefahren ist. Sie hockt sich vor den Apfel und betrachtet ihn lange. Auch die anderen Kinder sind jetzt sehr ernst und beeindruckt, zumal noch mehrere Äpfel auf der Straße liegen. Sie sagen mir, dass diese Äpfel kaputt sind, und erwarten von mir eine Erklärung. Ich habe keine Erklärung, die sie erleichtert, außer dass ein Traktor sie überfahren hat. Das genügt ihnen zwar nicht, wahrscheinlich verstehen sie es noch nicht, aber alle bestaunen die zerbrochenen Äpfel. Wir können längere Zeit nicht weiterlaufen und an den folgenden Tagen erwähnen die Kinder dieses Erlebnis immer wieder und suchen nach kaputten Äpfeln.

Beispiel: „Apfel essen"

Eines Tages im Herbst spazieren wir wieder über die Obstbaumwiesen und finden heruntergefallene Äpfel am Boden. Zwei der Kinder heben sich sofort einen auf und beißen hinein. Ben, das dritte Kind, nimmt sich auch einen Apfel und beobachtet zunächst, was die anderen beiden machen. Nach einiger Zeit versucht er ebenfalls, von seinem Apfel abzubeißen, es gelingt ihm aber nicht. Er schaut mich verwundert und Hilfe suchend an und sagt: „Geht nicht!" Ich staune auch etwas, bewerte seine Äußerung aber nicht.

Beispiel: „Das erste Mal Schnee und Eis"

Anja ist ein kräftiges, ruhiges Mädchen von eineinhalb Jahren. In diesem Winter erlebt sie das erste Mal, seit sie laufen kann, Schnee und Eis. Wenn die Kinder im Krippenwagen sitzen (der Wagen ist aus Holz), bringt der gefrorene Untergrund das ganze Gefährt zum Dröhnen und es ruckelt und schaukelt ziemlich. Anja behagt das nicht, sie kann die Geräusche nicht einordnen. Sie schaut mich fragend an und gibt ihr Erstaunen zum Ausdruck. Lieber würde sie nach drinnen gehen und sich nicht mit diesen neuen Eindrücken beschäftigen. Sie mag keine Veränderungen und keine unbekannten Dinge.

Ich erkläre ihr, so gut ich kann, dass der Schnee und das Eis diese Geräusche verursachen. Sie sieht, dass die anderen Kinder entspannt im Wagen sitzen und sich nicht wundern. Allmählich fühlt sie sich sicherer und kann sich dann auf unsere Fahrt einlassen.

Auf dem Obstbaumweg lasse ich die Kinder aussteigen und wir laufen durch den herrlichen Pulverschnee. Ich genieße das Knirschen meiner Schuhe im Schnee. Anja mag das Geräusch nicht, das ihre Schritte verursachen. Es klingt für sie ungewohnt und unheimlich. Sie möchte lieber zurück in den Wagen und sitzen. Ich helfe ihr dabei und erkläre ihr immer wieder, was da zu hören ist.

In den folgenden Tagen gewöhnt sie sich an die neuen Geräusche und kann dann bald ohne Bedenken im Schnee laufen.

Beispiel: „Eine Schräge überwinden - auf einem Parkplatz"

Ich gehe mit den Kindern an einem winterlichen Tag zum asphaltierten Feuerwehrparkplatz in der Nähe unseres Hauses. Alle drei sind etwa gleich alt und können erst seit Kurzem laufen. Wir halten uns in einem leeren Bereich des Parkplatzes auf, wo die Kinder ausreichend Raum haben. Die Fläche des Parkplatzes fällt hier zum Feuerwehrhaus hin etwas ab und an einer Stelle führt ein kleiner Weg etwa 1,5 m hinunter. Diese Schräge interessiert die Kinder.

Zwei der Kinder möchten meine Hand, um sie zu überwinden. Da ich den Kindern in solchen Situationen nicht helfe, sondern sie stattdessen beim Selbsttun begleite, verlieren sie bald das Interesse oder nehmen einen anderen Weg den sie selbständig bewältigen können, weil er nicht so steil ist.

Nur Jona interessiert sich für dieses kleine, steile Wegstück. Meine Hand braucht er dazu aber nicht. Konzentriert stellt er sich unten hin und geht dann ganz langsam, Schritt für Schritt, seitwärts die Schräge hinauf. Mich streift er nur mit dem Blick und ich staune nicht schlecht. Oben dreht er um und versucht es nun sogar abwärts, was viel schwieriger ist! Erfreut sich und übt diese Art, die Schräge zu überwinden, immer wieder.

Die anderen Kinder haben nicht mitbekommen, wie genial seine Erfindung eigentlich ist! Ich selbst bin tief beeindruckt und berichte es den Eltern beim Abholen. Wir sind begeistert, so etwas ist noch keinem der Kinder bei mir eingefallen.

Zusammenfassung

Draußen zu sein bedeutet für Kleinkinder immer, sich auf eine fremde, große, unvorhersehbare und manchmal überwältigende Welt einzulassen.

Im Freien kommen ständig neue, noch unbekannte Themen auf die Kinder zu, die sie nur mit Hilfe ihrer Bindungsperson einordnen können.

Die tägliche Wiederholung ähnlicher Abläufe und das Aufsuchen bekannter Orte gibt ihnen Sicherheit und Orientierung. Es unterstützt sie in ihrer Autonomie und Selbstwirksamkeit.

Als Erwachsene habe ich die Aufgabe, mir eigene Themen zu suchen, um Freude an der Wiederholung zu entwickeln und die gemeinsame Zeit im Freien erfüllend zu gestalten.

Tipps zu jahreszeittypischen Unternehmungen

Im Herbst

Morgens ist es in den Herbst- und Wintermonaten länger dunkel, trotzdem gehe ich mit den Kindern in der Frühe gerne nach draußen. Hier hat es sich bewährt, einfach die Laternenzeit und das Laternelaufen ein wenig zu verlängern. Die wenigen Wochen um den Martinstag herum lassen sich wunderbar ausdehnen. Zu dieser Zeit können wir draußen auch Laternenlieder singen und so die manchmal ungemütliche Wetterlage in den Herbstmonaten überbrücken.

(Geeignet sind Laternen mit LED-Licht.)

Im Winter

Kleinkinder mögen keine Handschuhe und wehren sich dagegen. Sie finden es unangenehm, wenn sie ihre Hände nicht frei bewegen können. Sie möchten jederzeit etwas zeigen oder anfassen können. Gleichzeitig spüren sie die Kälte im Winter und frieren an den Händen.

Ein Muff kann hier eine gute Lösung sein. Man näht einen kleinen Tunnel mit einem warmen Futter und einer Schlaufe zum Umhängen. So können Kleinkinder selbstbestimmt mit ihren Händen umgehen und lernen fast von allein, was sie im entsprechenden Moment brauchen. Natürlich können sie den Muff beim Laufen nicht benutzen, sondern nur im Sitzen.

Eine andere Idee ist, ihnen Armstulpen mit oder ohne Daumenloch zu machen.

Im Sommer

Möchten die Kinder draußen mit Bällen spielen, haben sich Noppenbälle bewährt. Sie sind gut mit einer Hand zu greifen und rollen auf glattem Untergrund nicht so weit weg, sodass die Kinder sie selbst zurückholen können.

3. Übergänge

Gewöhnlich gehe ich morgens immer zuerst mit den Kindern nach draußen. Heute ist Schneetreiben und ich habe mich entschieden, mit ihnen drinnen zu bleiben.

Dies teile ich meinem ersten Tageskind und seinem Vater mit, als sie an der Haustür klingeln. Beide kommen daraufhin in den Schuhraum, statt zum Krippen wagen zu gehen.

Der Vater zieht seinem Sohn den Schneeanzug und die Stiefel aus.

Als die Hausschuhe angezogen sind, möchte der Vater sich rasch verabschieden, aber der kleine Junge ist plötzlich nicht mehr ansprechbar. Er ist kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ihm behagt es ganz und gar nicht, dass wir heute drinnen bleiben, er ist sehr irritiert und verunsichert. Er möchte nicht ins Spielzimmer gehen.

Der Vater versteht diese Reaktion nicht gleich und erklärt ihm noch einmal den Grund dieser Änderung. Der Junge sagt leise unter Tränen, dass er zum Wagen nach draußen gehen möchte. Ich nehme ihn weinend mit ins Spielzimmer und schließe die Tür. Erst nach einigen Minuten kann der Junge sich entspannen und so wie immer seiner Tätigkeit nachgehen.

Übergänge ergeben sich immer dann, wenn eine Aktivität endet und eine neue beginnt. Kleinkinder reagieren unterschiedlich auf diesen Wechsel der Aktivitäten.

Durch neue oder veränderte Abläufe fühlen sie sich oft verunsichert und lehnen diese ab. Bekannte und gleichbleibende Routinen schätzen sie dagegen sehr, da diese ihnen Sicherheit geben. Deshalb sollten Übergänge für sie möglichst nachvollziehbar und wiedererkennbar ablaufen.

Kinder tun sich besonders schwer, wenn sie sich nicht auf eine Veränderung vorbereiten konnten und keine Zeit hatten, in einer neuen Situation anzukommen, so wie in obigem Beispiel.

Gut gemeinte Erklärungen oder Beruhigungen durch den Erwachsenen führen oft keine Entspannung herbei. Meist sind diese Versuche auch viel zu schnell und zu wortreich gesprochen. Der Erwachsene geht spontan von sich selbst aus und kann kaum erfassen, was das Kind in diesem Moment erlebt. Es befindet sich in einer inneren Verunsicherung und kann mit beschwichtigenden Ratschlägen wenig anfangen. Hier hilft nur eine umfassende Versicherung der Bindung durch eine Bezugsperson. Auch zusätzlicher Körperkontakt tut gut.

Eine kurze, verständnisvolle Erklärung und das Benennen der Gefühle des Kindes sind ebenfalls hilfreich. Diese Worte wirken auch auf den Erwachsenen beruhigend, wodurch das Kind leichter zur Ruhe kommt. Besonders wichtig ist es, dem Kind die notwendige Zeit zu lassen, um das Neue zu begreifen und darin anzukommen.

Ich mache häufig die Erfahrung, dass ein Übergang entspannter verläuft, wenn ich ihn wiederholt sprachlich ankündige auch dann, wenn das Kind die Worte noch nicht ganz versteht.

Die Bindungsperson sollte unbedingt dialogbereit sein und ein liebevolles Verständnis für die kindlichen Gefühle zeigen. Kleinkinder haben in diesen Phasen einen großen Bedarf an Austausch und emotionaler Regulierung.

Wenn eine Bezugsperson mehrere Kleinkinder allein betreut, bedarf es einer besonders achtsamen inneren Haltung, denn das Meistern schwieriger Übergänge kann manchmal eine große Herausforderung darstellen. Dies liegt vor allem an der Tatsache, dass ein Kleinkind, welches sich in einer inneren Notlage befindet, sehr zeitnah die ausschließliche Zuwendung seiner Bindungsperson braucht. Der Zustand eines einzelnen Kleinkindes der Gruppe verunsichert aber auch die anderen Kleinkinder. Sie nehmen wahr, dass die Situation gerade nicht stabil ist und möchten ebenfalls den Beistand der Bindungsperson spüren. Dies kann zu einer Herausforderung für die ganze Gruppe werden.

Ein besonderer Übergang ist die Eingewöhnungsphase. Deshalb beschreibe ich diesen Übergang in einem eigenen Kapitel.

Reihenfolge der wichtigsten Übergänge im Tagesablauf

Abschied von den Eltern

Von draußen nach drinnen kommen

Hände waschen

Essen

Pflege / Wickeln / Umziehen

Schlafen gehen

Aufwachen

Abgeholt werden

Übergang Abschied von den Eltern

Morgens werden die Kinder von ihren Eltern in die Betreuung gebracht. Nach der Begrüßung tauschen wir Erwachsenen uns kurz über die wichtigsten Ereignisse aus. Dieser Informationsaustausch ist unverzichtbar in der Betreuung von Kleinkindern.