Klinsmann. Ein Briefroman - Michaela Maria Müller - E-Book

Klinsmann. Ein Briefroman E-Book

Michaela Maria Müller

0,0

Beschreibung

Klinsi war meine erste Liebe, 1987 auf dem Dorf. Rick Astley und Bono brauchten gar nicht erst auszupacken. An Klinsi mochte ich alles: den schüchternen Blick, die bäckerblonden Haare, das Golf-Cabriolet, in dem ich gern mitgenommen worden wäre, seine Bescheidenheit, die ich in seinem Lächeln vermutete und natürlich sein Stürmertum auf dem Platz. Dabei war ich Fan des FC Bayern und er Spieler beim VfB Stuttgart. Als Mädchen Fußballfan zu sein, führte in die Vereinzelung. Es war der Sport der Jungs und andere Mädchen interessierten sich nicht dafür. Ich begann, Klinsi Briefe zu schreiben. Mir hörte ja sonst niemand zu. Mein Leben begann sich zu ordnen. Eine Liebeserklärung an das Außenseitertum und die Entdeckung, wie alte Lieben noch leuchten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 79

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Michaela Maria Müller, in Dachau geboren, wuchs auf einem Bauernhof zwischen Rhabarberstengeln und Himbeerstauden auf. Nach ihrem Realschulabschluss, Ausbildung zur Verlagskauffrau, Buchhändlerin in New York, München und Berlin studierte sie Geschichte und Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr Fan-Status: o.V. (ohne Verein), Ex-FC Bayern (ach, ja) und Ex-Union Berlin (weil kartenlos). Sie hat bisher drei Romane geschrieben, zuletzt „Zonen der Zeit“ (Quintus-Verlag, 2024). Sie schreibt außerdem Essays und Porträts für ZEIT Online, Merkur, Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken sowie taz.die tageszeitung.

© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2025

Reihen-Hrsg. IKONEN:

Frank Willmann

ISBN 978-3-86391-427-1

eISBN 978-3-86391-452-3

voland-quist.de

Lektorat: Helge Pfannenschmidt

Umschlaggestaltung und Satz:

Guerillagrafik

Druck und Bindung:

BALTO print, Litauen

Verlag Voland & Quist GmbH

Gleditschstr. 66

D-10781 Berlin

[email protected]

www.voland-quist.de

MICHAELA MARIA MÜLLER

Inhalt

Aufwärmen, Reinkommen

Die Verfußballung des Diercke-Weltatlas

Meine erste Auswärtsfahrt

Meine erste Brieffreundschaft

Der erste Klinsi-Brief

Mein erstes Heimspiel

Die Devotionalien

Zu Besuch

Das Panini-Sammelalbum

Das Spielertelefon

Der SV Günding

Die dritte Auswärtsfahrt: Wirsberg

Milkaschokolade

Die Jahre ohne Klinsi

Schlenzer: Fansein in the Future

Die erste Lunge voll Hanseatenluft

Auswärtsfahrten und Sommermärchen mit Happy End

Die letzte Auswärtsfahrt: Hohenwutzen

Finale, vorläufiges

Aufwärmen, Reinkommen

In 90 Minuten kann im Fußball alles passieren. Ich glaube, das war der Anfang von allem.

„Ah geh, Fuasboi, des ist doch wos für de Buam.“

In den USA war das da schon anders. Dort gab es High School Soccer Rankings für Mädchenmannschaften, Nachwuchsförderung und eine Nationalmannschaft, ach was, gleich mehrere, U17 aufwärts. Und er, Klinsi, hat Amerika damals schon gut gefunden. In seinem dunkelblauen Käfer-Cabriolet, das er vor Fernsehkameras ausfuhr, das Göppinger Kennzeichen schnittig rechts unten an der Stoßstange montiert, fuhr Snoopy mit. Da, wo am Armaturenbrett das Autoradio steckte, hatte Klinsi einen Comic geklebt. Snoopy stand mit einem Paddel auf einem SUP-Board im Wasser und wollte wissen: „Ist es noch weit bis Amerika?“ Er paddelte aber nicht Richtung Klinsi, der am Steuer saß, sondern Richtung Beifahrersitz, nach Osten, von Stuttgart aus also Richtung Pazifik, ein nicht unerheblicher Umweg. Aber was weiß man schon am Beginn einer Reise. Der Weg ist das Ziel. Und ich war verknallt in Klinsi.

Wann er und der Fußball in mein Leben gekommen sind, weiß ich nicht mehr genau. Ich rechne mit seiner Spielerbiografie zurück. Mit achtzehn wurde Klinsi Profi bei den Stuttgarter Kickers und ich kam zur Schule. Auf dem Platz des Zweitligisten spielte er in einem hellblauen Trainingsanzug. Für das Fernsehen wurde er als Nachwuchshoffnung interviewt, schaute verhuscht und schüchtern in die Kamera, als ob er dem, was er sagte, nicht ganz traute: „Das Schönste, was es gibt, ist doch, wenn man mit seinem Hobby …“, er machte eine Pause bevor er weitersprach: „Geld verdienen kann.“ Er hat gerade eine Ausbildung als Bäckergeselle bei seinem Vater abgeschlossen, auf die der Vater bestanden hatte. Aber Klinsi musste nun nicht mehr nachts raus und in die Backstube.

Um diese Zeit stellte sich bei einem Zahnarztbesuch heraus, dass mich Dinge interessierten, die anders waren. Dass mich Dinge interessierten, die, naja, vielleicht nicht naheliegend waren, Fuasboi füa Madl zum Beispiel. Nach der Behandlung zog der Zahnarzt in der weißen Kittelschürze neben mir eine Schublade auf. Darin lagen Spielzeugautos und anderer Krimskrams, als Belohnung für die, die durchgehalten hatten. Und außerdem ein bezahnter Kiefer, mit dem er den Patienten und Patientinnen auf dem Behandlungsstuhl Bürstengriffe zeigte. Ich wollte kein Spielzeugauto, keinen Krims und keinen Krams. Mich interessierten der nachgeformte Normkiefer und die perfekten Zähne, die darin steckten. Ich deutete darauf. Der Zahnarzt und meine Mutter sagten nichts. Meine Hoffnung wuchs, unerwartet mit einem rosa Kiefer nach Hause zu gehen. Dann wollten sie von mir wissen, was ich damit anfangen würde. Ich wusste es nicht. Ich fand ihn einfach schön. So wie Klinsi, als ich mich vier Jahre später in ihn verguckte.

Es begann in der fünften Klasse, als ich mal links außen neben Manu, mal zwischen Ekrem und Franzi saß. Als wir jeden Tag mit unserem Klassenlehrer Kopfrechnen trainierten und Dienstagnachmittag Blockflötenunterricht bei ihm hatten. Klinsis Talent funkelte in dieser Saison schon am Spielerhimmel und ging gerade ins Strahlen über. Strahlen ist überhaupt ein gutes Stichwort. Er hat gestrahlt für mich, nicht nur auf dem Platz. Dabei war ich Turbofan des FC Bayern München, insbesondere von Jean-Marie Pfaff, Norbert Nachtweih, Wiggerl Kögl, Klaus Augenthaler, aber vor allem von Lothar Matthäus. Doch niemand strahlte wie Jürgen Klinsmann. Ein cooler Grundoptimismus war es, der ihn durchs Leben zu tragen schien. Und wer so strahlte, konnte auch schweben.

Dass ich Klinsi gut fand, verstanden die Mädchen in der Schule, wenn ich ihnen ein Foto von ihm zeigte. Er schien mit den Bravo-Postern von Morten Harket, Bono und Rick Astley mithalten zu können. Ich hatte die Bravo nicht, konnte sie aber bei meiner besten Freundin lesen. In der Bravo wiederum gab es die Briefe an das Dr. Sommer-Team. Ich hatte Riesenrespekt vor den Absendern und Absenderinnen: für ihren Mut, das alles aufzuschreiben und sich Hilfe zu suchen, und vor ihren Erfahrungen, die sie mir voraushatten, um die ich sie aber nicht unbedingt beneidete. Von Ihhh bis Staunen war alles drin – und die Reichweite der Bravo war immens: vom Schulbus, auf den Pausenhof, ins Teenagerzimmer und zurück. Ein bisschen wie bei den Talkshows heute.

Ich war derweil von wenig weiter entfernt als von Boy meets Girl, Boy meets Boy oder Girl meets Girl. Die Buam hatten kein Interesse an meinen Fußballfantum und mir – und ich nicht an ihnen. Während die coolsten Mädchen in der Pause in die Raucherecke verschwanden, Röhrenjeans trugen, ihre Haare mit phantastischen Dauerwellenmähnen zerschossen, was in Blond besonders super aussah und ihre Augen in tiefen Kajalhöhlen versenkten, wollte ich am liebsten in Jungsklamotten herumlaufen. Meine Frisur bestand aus einem möglichst unspektakulären Topfdeckelschnitt. Jeden Morgen drückte ich dafür meine Haare mit einem entschiedenen Bürstenstrich an den Kopf, als ob ich damit bekräftigen wollte, dass ich nicht mitmachen würde. Jedenfalls nicht mit meiner Frisur, bei was auch immer.

Klinsis Mähne fand ich super. Halblang, bäckerblond. Cool und lässig. So saß er bei Jörg Wontorra, redete erwachsen und war doch der eine Junge von nebenan, von dem ich mir wünschte, dass es ihn gab, und der mich so nehmen würde, wie ich war, aufs Dagegen gebürstet. Auch wenn nicht ganz klar war, wogegen.

Auf jeden Fall war ich für Fußball. Aber ich war a Madl und wenn sich a Madl so richtig für Fuasboi interessierte, war das mindestens suspekt, wenn nicht sogar befremdlich. Doch das war okay für mich. So wie man eben okay ist mit etwas, von dem man weiß, dass es unverrückbar ist.

Unverrückbar waren meiner Erinnerung nach – von der ich inzwischen gelernt habe, ihr nur halbwegs zu vertrauen – im Alter von zwölf Jahren folgende Wünsche:

Boxen lernen

jeden Tag den gleichen dunkelgrünen Pulli tragen

Sonntags um neun nicht mehr die Messe besuchen müssen

ein Rad mit Herrenrahmen fahren

Jürgen Klinsmann treffen

Liebe C.,

ich habe für dieses Klinsi-Buch meine Briefe an Dich wieder gelesen. Ich bewahre sie immer noch in der grünen Kiste auf, die Du mir vor 25 Jahren geschickt hast, weil wir tauschen und uns an die Gedanken von damals erinnern wollten.

Weißt Du noch, wie wir uns eines Abends zum Abschied einen Zehn-Seiten-Brief versprochen haben? Wie wir uns am nächsten Tag in Deinem Zimmer gegenübersaßen und leise lasen, was wir füreinander geschrieben hatten?

Wir haben mit der Bravo, Briefeschreiben, Gehen und Reden die Welt entdeckt. Wir haben uns ihr genähert, sie abgelehnt, uns vorangetastet und uns in ihr verankert. Keine Ahnung, was ich in der Zeit ohne Dich gemacht hätte.

Und was ich auch sagen will: Danke, dass Du das mit dem Fußball, Klinsi und mir jahrelang ausgehalten hast. Du hast Dich kein bisschen dafür interessiert.

Deine Michi

Die Verfußballung des Diercke-Weltatlas

Meine Welt franste nach Norden hin aus. Und zwar recht bald. Es gab Bayern, Preußen und einen nicht näher umrissenen „Rest der Welt“, der eigentlich äquivalent mit Preußen war. Genauer gesagt: Die Donau markierte meinen Weißwurstäquator. Hinter ihr begann Preußen.

Es stellte sich nämlich so dar: Bayern war zwar groß, aber Preußen war größer. Ein Konflikt, für den ich keine Lösung hatte. Außerdem redeten die Preußen zu viel. Und sie wussten alles besser. Viele waren nicht mal Katholiken. Das verlangte von dem Bayern, in dem ich lebte, auch aus weiter Entfernung nach einem kräftigen „Los mi in Rua“.

Die Sprechchöre von Blau-Weiss 90 Berlin „Zieht den Bayern die Lederhosen aus, die Lederhosen aus, die Lederhosen aus“, machten es nicht besser. Dass mein Bayern hinter der Donau aufhörte, brachte aber auch die Welt ins Wanken. Klinsi lebte da. Und er, er war nicht so. Ab der fünften Klasse hatten wir Erdkunde, und zwar in einem Extraraum, wo zum Unterricht die Landkarten ausgerollt wurden. Wir lernten das Lesen von Legenden, die Maßstäbe, wir lernten über Kontinente, den Welthandel und Kartenarten.

Der Diercke-Weltatlas wurde mein Tor zur Welt. Die topografischen Karten mochte ich am liebsten: mit viel weitem Grün und hohem Braun, blauen Flussadern und roten Punkten für Orte, Städte mit ganz eigenen Umrissen, Ballungsräume.

Systemvergleiche zwischen der BRD und der DDR: Steinkohle im Pott, Braunkohle in der Lausitz. Die Veränderungen der Landschaft durch Bergbau und Industrie am Beispiel von Wolfsburg und Eisenhüttenstadt. Da, wo 1930 die Villa eines Gerichtsassessors und eine Eisenbahntrasse gelegen hatten, befanden sich 1985 das Volkswagenwerk, vier Bahntrassen, der Mittellandkanal, ein Hafenbecken –