Knockin' on Jimmy's Door - Dada Peng - E-Book

Knockin' on Jimmy's Door E-Book

Dada Peng

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Beschreibung

Den Tod kennt der Moderator und Songwriter Dada Peng gut. Seit 20 Jahren ist Jimmy, wie er den Tod nennt, fester Bestandteil seines Lebens. Als persönlich Betroffener und Hinterbliebener, als Sterbebegleiter, als ehrenamtlicher Mitarbeiter in einem Hospiz, als Begründer seiner Initiative "Superhelden fliegen vor" für junge Sterbende und ihre Freunde sowie als Aktivist für einen neuen Umgang mit dem Thema "Tod und Sterben" hat er viele Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Seine Maxime lautet: Der schönste Tag im Leben muss der letzte sein! Daher plädiert er für ein selbstbestimmtes Sterben. In seinem neuen Buch zeigt er, wie sich dies ganz konkret gestalten kann, auf privater Ebene ebenso wie auf gesellschaftlicher. Er wirft einen sehr eigenen Blick auf die Hospizbewegung und fragt sich, wie wir unsere Bestattung gestalten können. Ein höchst ungewöhnliches Buch zum Thema Sterben.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dada Peng

Knockin’ on Jimmy’s Door

Wie wir glücklicher leben, wenn wir zu sterben lernen

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2022

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rohrdorf

Umschlagmotiv: © Dada Peng, Berlin

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-82726-6

ISBN Print 978-3-451-60113-2

Und so sollte ich nicht wiederkehren

von da oder dort

sollte ich nicht mehr zurück kommen an diesen Ort

so sagt doch allen:

Ich bin hier gewesen.

Inhalt

Vorwort

Who the fuck is Jimmy?

Kapitel 1: Kein Mitleid mit Sterbenden

Kapitel 2: Liebe dein Leben und plane deine Beerdigung

Kapitel 3: Von Sterbenden zu leben lernen

Kapitel 4: Digital leben – digitaler sterben

Kapitel 5: Kinderhospizarbeit stärken und feiern

Kapitel 6: Jimmy und die Medien

Kapitel 7: Der assistierte Peng

Kapitel 8: Hospiz 4.0

Kapitel 9: Sterbebegleitung 4.0

Kapitel 10: Wenn Kinder sterben

Kapitel 11: Wenn Eltern sterben

Kapitel 12: Wenn Tiere sterben

Kapitel 13: Wenn wir alt sterben

Kapitel 14: Jimmy, Dada und der Suizid

Kapitel 15: Pimp your funeral

Epilog

Über den Autor

Links und Informationen

Vorwort

Mein Mitleid mit Sterbenden hält sich in Grenzen. Um ganz ehrlich zu sein: Es ist nicht existent. Um Mitleid mit jemandem zu haben, muss ja zunächst der Umstand eintreffen, dass jemandem ein Leid passiert. Und entgegengesetzt zu dem, was du wahrscheinlich bis jetzt aus allen Richtungen über den Tod gehört hast, sage ich dir: Der Tod ist kein Leidensbringer, kein Sensenmann und auch kein schlimmes Schicksal. Er ist einfach das, was er ist. So wie ein Stuhl ist, was er ist, so wie ein Drink ist, was er ist, so wie ich der bin, der ich bin.

Seit zwanzig Jahren beschäftige ich mich täglich mit dem Thema Tod und Sterben und bin seit über zwanzig Jahren Unterstützer der Hospizbewegung. Was ich in all dieser Zeit gelernt habe, ist, dass fast alles, was wir über den Tod und die Zeit des Sterbens denken, Schwachsinn ist. Wir haben den Tod so tabuisiert, so als Arschloch gekennzeichnet, dass niemand wirklich Lust hat, über ihn zu sprechen oder sich mit ihm auseinanderzusetzen. Allein schon der Name »Tod« ist nicht wirklich sexy. Jedes Mal, wenn ich auf einer Party, in der S-Bahn, in einem Meeting, wo auch immer, nur das Wort »Tod« erwähne, ist die Stimmung dahin.

Deshalb werde ich hier in diesem Buch dem Tod einen neuen Namen geben. Er heißt ab jetzt Jimmy. Jimmy Gonzales Fernando Jeshua Mayer. Einfachheitshalber werde ich ihn nur Jimmy nennen. So wie Madonna oder Cher.

Bei Jimmy ist es genauso wie mit jeder anderen Beziehung, die du in deinem Leben hast, hattest, haben wirst. Du kannst für alle deine Fehler dein Gegenüber verantwortlich machen, oder du übernimmst selbst die Verantwortung und gestaltest die Beziehung aktiv. Das ist in einer Liebesbeziehung sogar wesentlich schwieriger als mit Jimmy, denn Jimmy ist ein komplett offenes Buch. Er ist schmerzhaft ehrlich, denn er hat es einfach nicht nötig zu lügen. Aus meiner Erfahrung heraus gesehen, ist das wesentlich mehr, als man von einer Liebesbeziehung erwarten kann.

Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen ist etwas, das Jimmy mir beigebracht hat und wofür ich ihm unendlich dankbar bin.

Wenn wir uns mit der eigenen Endlichkeit, mit dem eigenen Sterben befassen, bedeutet das auch, dass wir unser Leben neu bewerten. Und ich glaube, in den allermeisten Fällen wächst dann ein unabdingbares Verlangen, das eigene Leben so zu gestalten, wie es einem naturgemäß entspricht.

In viele Bereiche unseres Lebens werden wir hineingeboren. Wir werden auf eine gewisse Art und Weise erzogen und konditioniert. Uns wird gesagt: »Das ist gut, und das ist böse, das macht man, und das macht man nicht.« Die große Herausforderung bei vielen von uns im Leben besteht aber nicht darin, diese Glaubenssätze trotz aller inneren Widerstände zu leben, sondern an den Punkt zu kommen, an dem wir uns von allem, das wir intellektuell nicht nachvollziehen können, von allem, das uns nicht entspricht und das wir einfach nicht glauben können, zu befreien.

Reincarnate yourself!

Nicht jede Mutter ist in der Lage, ihr Kind zu lieben. Die Lösung dieses Dilemmas liegt aber nicht darin, es krampfhaft ein Leben lang zu probieren, sondern zu akzeptieren, dass es einfach so ist. Ohne Groll und ohne Schuldzuweisungen. Ein Ochse kann einfach keine Milch geben. Und manche Mütter können einfach ihr Kind nicht lieben. That’s it.

Manch ein Bänkersohn möchte Ballerina werden. Und manch eine Anwaltstochter möchte keine feste Bindung, sondern Sex mit Fremden. Manch ein Muslim möchte Cheeseburger essen. Und manch einer möchte einfach nur zu Hause sitzen und RTL 2 gucken.

Was sagt Jimmy zu alledem? Er sagt:

»Alter, es ist dein Leben, und dank mir weißt du, es ist begrenzt. Und dank mir weißt du, was uns alle eint: Mensch zu sein, zu leben und irgendwann zu sterben. Sieh zu, dass du glücklich wirst, und sieh ein, dass das Unglück von anderen für dich kein Glück bedeutet. Unser aller Leben ist gleich viel wert. Wir kommen auf die Welt – das Leben, es ist zehn Euro wert. Es könnten auch zweihundert Euro oder fünfzig Euro sein oder sogar nur ein Euro. Der Betrag ist völlig egal. Wichtig ist, dass er für uns alle gleich ist und nicht an Wert verlieren oder an Wert gewinnen kann. Von daher sage ich: zehn Euro! Und wenn wir sterben, ist es immer noch zehn Euro wert. Egal, was wir im Leben geleistet haben, egal, was wir gemacht oder nicht gemacht haben, es ist und bleibt zehn Euro wert. Wenn du also meinst, du könntest deinen Selbstwert steigern, indem du irgendwen heiratest, in irgendeine Position kommst oder sonst was, vergiss es! Ich sag nur: zehn Euro!«

Der Umgang mit Jimmy kann dazu führen, dass du nicht etwa dein Sterben überdenkst, sondern dein Leben. Deshalb: Mach dich bereit, dass du am Ende der Lektüre vielleicht deinen Mann verlässt oder in Thailand eine Pommes-Bude aufmachen möchtest. Oder dass du realisierst, dass da, wo du gerade bist, alles genau so ist, wie es sein soll.

Glücklich zu sterben setzt voraus, glücklich gelebt zu haben. Und glaub es mir oder nicht, dabei kann Jimmy helfen.

Ich habe viele Menschen sterben sehen. Ich habe mit über hundert Hospizeinrichtungen in Deutschland kooperiert und durfte viele Hospize auch selbst besuchen, die Bewohner und Mitarbeiter kennenlernen. Die Menschen, die dort arbeiten, leisten großartige Arbeit und engagieren sich von Herzen, ohne dafür die gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, die sie verdient haben. Allerdings heißt es noch lange nicht, dass wenn wir in einem Hospiz arbeiten und Sterbende begleiten, wir uns auch automatisch intensiv mit Jimmy auseinandersetzen. Das bleibt immer eine individuelle Entscheidung.

Hospize und Sterbebegleitung werden in erster Linie von sozialen und oftmals kirchlichen Organisationen angeboten. Dementsprechend sind die Angebote gestaltet und aufgebaut. Für viele Menschen sind diese Angebote ein Segen, für viele sind sie aber einfach nicht mehr zeitgemäß.

Und genau deshalb haben auch viele Menschen Angst davor, in einem Hospiz sterben zu müssen. Die Menschen haben Angst davor, ihr bisheriges Leben quasi an der Eingangstür abgeben zu müssen.

Dein komplettes digitales Leben ist vorbei. Dein komplettes Sexleben ist vorbei. Deine Selbstbestimmung ist vorbei. Ein Freund, der überhaupt gar nichts mit der Hospizbewegung zu tun hat, sagte neulich zu mir: »Ja gut, wenn es da Koks und Nutten gäbe, dann sähe die Sache anders aus, dann wäre ich dabei.«

Ich meine jetzt mal ganz ehrlich: Warum denn nicht?

Meiner Meinung nach muss hier ein kompletter Neustart stattfinden. Der Sterbende muss sich emanzipieren, und ich möchte auch kein »Dürfte ich jetzt vielleicht eintreten?« an der Hospiztür hören, sondern ein: »PENG – da bin ich! Jetzt zack, zack, denn ich habe keine Zeit!«

Lasst uns das letzte Stück Leben gestalten! Ein perfektes Ende ist möglich. Glück auch in der letzten Lebensphase zu empfinden ist möglich. Aber nur, wenn Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen sich einmischen und wenn wir laut aussprechen, wie wir sterben möchten. Was brauchen wir, wie soll mein Zimmer aussehen, möchte ich »Mensch ärgere Dich nicht« spielen oder brauche ich ’ne PlayStation? Wer besorgt mir meine Drinks? Und ganz wichtig für viele: Darf ich im Hospiz kiffen? »Na klar!«, muss die Antwort lauten.

In diesem Buch möchte ich dir alle Bereiche vorstellen, in denen jetzt aktiv Veränderungen angegangen werden müssen, damit wir unser individuelles, eigenes perfektes Ende gestalten können.

Ich weiß, es gibt Bücher, in denen die Wünsche von Sterbenden beschrieben werden. Es gibt Ratschläge von Experten, wie man mit Sterbenden reden soll und, und, und. Das alles ist Quatsch! Das wäre so, als würde ich dir raten, wie man mit allen Lebenden spricht, oder als würde ich ein Buch darüber schreiben, was sich alle Lebenden wünschen.

Du bist der, der du bist, von Anfang bis Ende. Wir alle sind Sterbende. Nur weil sich einige von uns durch eine Diagnose, durch eine Krankheit ihrer eigenen Sterblichkeit mehr ­bewusst werden, ändern sich nicht ihre Bedürfnisse und schon gar nicht kollektiv. Sprich ganz einfach mit Sterbenden wie mit Lebenden. Fertig!

Wir sollten die letzte Wegstrecke wie einen Urlaub sehen, in den wir alle einmal fahren werden. Wir wissen nicht wann; es kann morgen sein oder erst in einigen Jahren – aber reisen werden wir alle dorthin. Und wäre es nicht schlau, diese Reise frühzeitig zu planen?

Wir alle wollen doch perfekte Ferien. Und wie sorgen wir dafür? Indem wir die Verantwortung der Planung übernehmen und Vorsorgen treffen. Welches Hotel gefällt mir am besten, wo ist mein Reisepass, welche Restaurants gibt es am Strand, darf der Hund mit? Und wenn wir all das unseren Wünschen entsprechend planen, dann ist die Chance auf jeden Fall um ein Vielfaches größer, dass es perfekte Ferien werden.

Mit dem Sterben ist es nicht anders. In diesem Buch möchte ich dich an die Hand nehmen, dir meinen Kumpel Jimmy noch etwas näher vorstellen; mit seiner Hilfe ein glückliches Leben gestalten und ein gutes, individuelles, selbstbestimmtes Ende planen. Denn für mich ist eins ganz sicher: Yes We Peng!

Who the fuck is Jimmy?

Was genau passiert eigentlich während des Sterbens? Hilft es, in irgendeiner Weise an ein Jenseits zu glauben? Oder machen wir uns einfach nur etwas vor, damit wir nicht einsehen müssen, dass da rein gar nichts ist, nachdem wir gestorben sind?

Ich kann uns hier auch nicht weiterhelfen. Denn auch ich stecke in diesem Leben fest. Und all das, was ich glaube, entspringt meinem Erleben, meinem Dasein. Alles, was ich glaube, kann also nur meine ganz eigene Wahrheit sein. Daher müssen wir uns der Frage, was während des Sterbens geschieht, anders nähern. Wir müssen das Ganze objektiver angehen. Und die Frage lautet: Who the fuck is Jimmy?

Eine wichtige Einsicht vorab: Der Tod, Jimmy, ist Teil des Lebens. Die Geburt und Jimmy, die beiden sind das, was uns alle eint. Denn zu leben beinhaltet beides. Das In-die-Welt-Kommen und das Verlassen derselben.

Beides ist ganz ähnlich, und beide Übergänge werden uns auferlegt und aufgezwungen, sofern wir uns in unseren Daseinszuständen wohlfühlen.

Ein Baby, das sich im Mutterleib wohlfühlt, das möchte dort nicht weg. Das möchte auf gar keinen Fall hinaus ins Ungewisse. Ähnlich ist es auch bei uns Sterbenden. Sofern wir keine Schmerzen haben, es uns gut geht und wir auch emotional glücklich sind, gibt es wohl kaum jemanden, der freiwillig abermals ins Ungewisse aufbrechen mag.

Sind wir lebensmüde oder fühlen wir uns im Mutterleib nicht wohl, dann kann es schon vorkommen, dass wir uns aus eigener Initiative aufmachen, um dem Ganzen als Frühgeburt oder durch einen Suizid zu entfliehen.

Lasst uns also versuchen, Jimmy etwas besser kennenzulernen. Denn Jimmy, so wie wir ihn kennen, als jähes Ende gibt es nicht. Dieses jähe Ende, das haben wir uns nur ausgedacht. The end has no end.

Wir tendieren alle zur Dramatik, sobald Jimmy auftaucht. Niemand sieht ihn gerne kommen, niemand sehnt ihn herbei.

Ich weiß noch, wie meine Tante, die während des Sterbens meiner Oma dabei war, uns hinterher davon berichtet hat: »Sie hat nach Gott geschrien und ist elendig dahinkrepiert. Das sollte kein Mensch erleben müssen. Das hat sie nicht verdient. Es war grausam. Nicht mal einem Tier würde ich so etwas wünschen.« Ich dachte wirklich, noch während sie es erzählte: »Jetzt halt endlich die Fresse. Sie ist doch einfach nur gestorben!«

Wie soll denn bitte sehr ein würdevolles Sterben aussehen? Meine Oma war alt, sie hatte Schmerzmittel, sie lag zu Hause in ihrem Bett und hatte ihre Kinder bei sich. Was denn noch?

Oder bedeutet würdevoll, auch noch während des Sterbens gut aussehen zu müssen, Handküsse zu verteilen und nach Veilchen zu duften?

Ich war bisher bei noch keiner Geburt dabei, aber ich habe mir sagen lassen, dass es unter Umständen martialisch dabei zugeht. Die Gebärenden schreien, die Neugeborenen schreien, alle haben Angst und große Schmerzen. Objektiv betrachtet ist wahrscheinlich jede Geburt ein schlimmeres und leidvolleres Erlebnis, als zu sterben. Zumindest in unserer westlichen Welt, umgeben von modernster Medizin, von Wohlstand und all unserem Gold.

Und dann erinnere ich mich immer wieder an eine über achtzigjährige Frau, die im Hospiz starb. Sie und ihr Enkel hatten eine sehr enge Beziehung, und so war auch er fast täglich vor Ort. Loszulassen fiel ihm schwerer als seiner Großmutter.

Die alte Dame hat gerne gelebt, so erzählte er. Auf Familienfesten hat sie ausgiebig geraucht, getrunken und gefeiert. Es tat ihm leid, diese einstmals so lebendige Frau nun fast leblos im Bett liegen zu sehen.

Eines Morgens standen wir etwas entfernt vom Krankenbett und unterhielten uns, als auf einmal seine Oma ihn näher ans Bett bat. Es sollten ihre letzten Momente in diesem Leben werden. Er näherte sich ihr, während ich im Türrahmen stehen blieb. Er setzte sich und nahm behutsam ihre Hand. Sie wollte ihm etwas sagen. Er musste sehr nah an ihr Gesicht, um sie verstehen zu können. Als sie sicher war, dass er sie hörte, begann sie zu singen: »So ein Tag, so wunderschön wie heute …«

Kurze Zeit später starb sie.

Was wir also bis jetzt festhalten können, ist, dass der Akt der Geburt und der Akt des Sterbens ganz eng miteinander verknüpft sind. Sie werden nur allgemein anders bewertet. Das eine ist gut, das andere ist schlecht.

Aber was geschieht in diesen Momenten denn wirklich, was ist der eigentliche Prozess?

Um Dinge zu verstehen, schaue ich mir immer ganz gerne die Natur an. Denn unser aller Ursprung ist derselbe.

Ich schaue mir manchmal gerne Ameisenhaufen an und denke dann: Das sind wir aus einer anderen Perspektive betrachtet. Und wenn ich jetzt reintrete, dann sterben hunderte von Ameisen just in einem Moment. So wie bei einer Sturmflut, die vielleicht auch einfach nur, von einer anderen Perspektive aus betrachtet, für jemanden, der größer ist als wir, das Springen in eine Pfütze darstellen mag.

So betrachtet heißt das: Nichts ist wirklich von Bedeutung. Das Leben ist einzig und allein eine Aneinanderreihung von Erfahrungen, die eines Tages nur noch in unserem kollektiven Bewusstsein bestehen.

Ich war schon immer davon fasziniert, dass es Menschen gibt und gab, die heute niemand mehr kennt. Wir kennen ihre Namen nicht, es existiert kein Foto, und all ihre erlebten Freuden und Dramen sind nirgends niedergeschrieben und erfasst. Und so wird es uns allen ergehen. Trotz unseres Facebook-Profils, trotz nach uns benannten Straßennamen, trotz alledem.

In zwei, drei Generationen wird es niemanden auf dieser Welt geben, der Dada Peng kennt; niemanden geben, der noch weiß, wer du warst.

Wenn ich junge Mitarbeiter von mir frage, wer Willy Brandt war, dann könnte ich ihnen auch erzählen, dass er Olympiasieger im Hochspringen war. Sie kennen ihn nicht. Sie kennen auch keine Anne Will oder Ina Müller.

Unser Haltbarkeitsdatum als Person, als der, der wir sind, ist unendlich schnell abgelaufen. Ist das nicht wunderbar? Die komplette Weltbevölkerung tauscht sich innerhalb von maximal drei Generationen komplett aus. Das heißt, wir alle, die wir jetzt existieren, werden in hundert Jahren in der jetzigen Form nicht mehr da sein. Befreiend!

Spannend finde ich, dass dieses Konzept der Erneuerung auch im Kleinen bereits während unseres Lebens beginnt. Unsere Körperzellen erneuern sich ständig. An den Hautzellen können wir es sogar sehen. Wir pellen uns die Hornhaut ja quasi selbst von den Füßen und schrubben uns diese alten, nicht mehr lebensfähigen Zellen einfach ab. Und doch entsteht kein Loch, kein Defizit, es generieren sich einfach neue Zellen.

Daher ist es viel mehr eine Transformation, die da stattfindet. Der bekannte Mediziner und Bestsellerautor Deepak Chopra nennt es ein Recycling-Programm, das alte Informationen ganz einfach erneuert und das Alte, Verbrauchte abstreift. Mehr als das ist es nicht.

Und genauso ist es zu sterben. Wir recyceln unseren Körper und werden zu etwas Neuem.

Ich erzähle an dieser Stelle immer ganz gerne die Geschichte von Harry. Ich saß eines Tages in meiner damaligen Wohnung in Köln, hörte Musik und versuchte zu begreifen, wer oder was Jimmy eigentlich ist. Ich überdachte wirklich an diesem Abend mein gesamtes Denkkonzept vom Leben und Sterben. Ich versuchte zu begreifen, was während des Sterbens passiert. Inwiefern der Körper eine Hülle ist und was mit der zurückbleibenden Materie passiert. Ist ein Körper tot, sobald ihm der letzte Atemzug entnommen wurde? Wann ist eine Hautzelle tot? Kann sie wiederbelebt werden? Und was ist mit unserem Bewusstsein? Ist es abhängig von einem lebendigen Körper?

Ich wollte mir einen Gin Tonic mixen und hatte weder Eis noch Zitrone im Haus. Ich ging rüber zum Rewe und kaufte diese Riesenbeutel mit Eiswürfeln sowie mehrere Zitronen. Zu Hause wollte ich dann den Eisbeutel in mein viel zu kleines Eisfach pressen, was natürlich nicht gelang. (Mittlerweile habe ich übrigens eine Eismaschine, die ich von Herzen liebe.)

Ich nahm also ein paar Eiswürfel aus dem Beutel, warf sie in die Spüle und presste dann zufrieden den Beutel ins Eisfach. Ich mixte mir meinen Gin Tonic, legte irgendeine Musik auf, ich glaub es war Buddha Bar oder etwas Ähnliches, und wollte noch das Licht in der Küche dimmen, als mein Blick auf die Spüle und die darin liegenden Eiswürfel fiel.

Ich lehnte mich an den Schrank, mit meinem Gin in der Hand, mit Musik auf den Ohren und beobachtete, wie die Eiswürfel schmolzen. Einen davon ganz besonders. Ich nannte ihn Harry.

Harry verlor ganz sanft seine Form.

Ich stand da und blickte, trank und atmete, bis der Harry ganz seine Form verloren hatte und im Ausguss verschwunden war. So wie auch mein Körper eines Tages verschwinden würde.

Ich sagte leise: »Adieu Harry«, und dachte: »Wie tötet man eigentlich einen Eiswürfel?«

Klar, ich kann ihn kaputt machen, ich kann ihn schmelzen lassen, aber dann ändert er ja nur seine Form, dann ist er halt Wasser. Und dann? Wie töte ich Wasser?

Ich kann es kochen, bis es verdampft, aber dann ist es trotzdem nicht tot, sondern Wasserdampf. Und wie töte ich Wasserdampf? Egal, was ich tue, ich kann die Form des Eiswürfels verändern, aber ich kann ihn nicht töten. Ich kann es nicht vollbringen, dass die Moleküle, die ihn ausmachen, die ihn existieren lassen, dass die nicht mehr existent sind.

Und da verstand ich: Harry lebt!

Und wenn dies bei Harry so ist, bei jeder Hautzelle so ist, warum sollte es dann bei uns anders sein?

Okay, jetzt haben wir geklärt, was mit unserem Körper während des Sterbens geschieht. Aber was ist mit unserem Bewusstsein? Und wo existiert dieses? Im Gehirn, im Geist?

Jimmy sagt dazu: »Warum glaubt ihr Menschen, dass ihr so etwas Außergewöhnliches seid? Alles hat ein Bewusstsein. Jede Biene, jeder Baum, jede Hautzelle. Und auch Harry, der Eiswürfel. Die Wahrnehmungen sind verschieden. Die sind es ja selbst innerhalb jeder einzelnen Spezies. Wenn ich mich mit deiner Frau, mit deinem Kind, mit wem auch immer über euren letzten Urlaub unterhalte, dann bekomme ich mit ziemlicher Sicherheit den Eindruck, dass ihr nicht im selben Urlaub wart. Wir alle nehmen die Dinge aus unserer ganz persönlichen Sicht wahr. Und das ist nicht nur unter euch Menschen so, das ist so bei allen Dingen. Denn alles hat ein Bewusstsein. Alles ist Leben. Auch der Stuhl, auf dem du sitzt. Er existiert. Ihr Menschen seid leider nicht so wichtig, wie ihr denkt. Jeder Baum lebt länger und wird diese Welt mehr prägen als irgendeiner von euch.«

Wenn also auch Harry ein Bewusstsein hat und jede kleine Zelle Informationen speichern kann, warum sollten wir Menschen das dann nicht auch können? Wir sind einfach ein so kleiner Teil eines so großen Ganzen, dass wir es in Gänze schlicht nicht begreifen können.

Alles im Leben startet und endet. Alles kommt, alles bleibt, alles stirbt, recycelt sich und vergeht wieder.

Ein perfekter Kreislauf. Wir existieren als ein Teil dieses perfekten Erlebens, Teil dieses perfekten Zusammenspiels von Kommen und Gehen, von Geburt und Sterben.

Unsere Angst vor Jimmy ist also unbegründet. Und es ist genau diese unbegründete Angst, die uns daran hindert, das Sterben zu gestalten. Uns vielleicht sogar darauf zu freuen. Ganz so wie die Dame im Hospiz den Moment des Sterbens singend feierte. Für sie war es ein perfekt gelebtes Leben und der perfekte Moment, um zu sterben. Ihr persönliches perfektes Ende.

Wir leben alle so individuell, selbstbestimmt, unabhängig und emanzipiert wie kaum jemand vor uns. Wir sind die Generation, die in Frieden und Freiheit groß geworden ist und die einen ganz großen Luxus besitzt: Wir können unsere letzte Lebensphase, unser perfektes Ende, aktiv gestalten. Allerdings müssen wir dafür Dinge planen, verändern und kommunizieren.

Gehen wir es an. Zeit, dass wir an Jimmys Tür klopfen.

Kapitel 1 Kein Mitleid mit Sterbenden

Mitleid ist eine ganz wunderbare Sache. Allerdings hilft Mitleid vor allem und fast ausschließlich dem Spender, mitnichten demjenigen, dem das Mitleid gilt.

Wir haben uns dieses Mitleid irgendwie, irgendwann angewöhnt und verschütten es hemmungslos über jeden, der nicht so ist wie wir. Behinderte Menschen, dicke Menschen, getrennt lebende Menschen, Menschen, die unperfekte Kinder haben, und, und, und.

Ich weiß noch, wie vor ein paar Jahren eine Freundin völlig aufgelöst zu mir kam. Am Tag zuvor hatte ihr Sohn in der zweiten Klasse seine erste Theateraufführung in der Schule gehabt. Sie hatte sich das Ganze schon ausgemalt, wusste, wie dieser Tag ablaufen würde. Perfekt sollte alles sein. Die Aufführung, die Klamotten ihres Sohnes und er natürlich auch. Wir wünschen uns wahrscheinlich einfach immer für die, die wir lieben, dass ihnen Gutes widerfährt. Dass ihnen das widerfährt, das wir als gut bewerten.

Der Sohn meiner Freundin spielte aber schon in jungen Jahren bei solchen perfekten Inszenierungen nicht mit. Er stand während der Aufführung auf der Bühne und aß Popel. Was für ein Theater! Ich habe das so gefeiert, als sie mir das erzählte. Allerdings war ich da in ihrem Freundeskreis der Einzige. Anstelle von Applaus ernteten der Kleine und seine Mutter nämlich in erster Linie mitleidige Blicke.

Wenn wir jemanden bemitleiden, sagen wir ja über uns selbst aus, dass wir uns in einer besseren Position verstehen. Dass wir jemand sind, der nicht bemitleidet werden muss. Der andere ist es. Was aber, wenn Mitleid in erster Linie auf einen eigenen Mangel hinweist? Wenn wir durch Mitleid anderen das sagen, was wir uns selbst nicht eingestehen wollen?

Warum können wir einen Popel essenden Zweitklässler nicht feiern, da er den Mut hat, keinen Erwartungen zu entsprechen? Weil er den Mut hat, eine perfekte Inszenierung zu stören? Wenn wir nun Mitleid für seine Mutter empfinden, dann doch eher, weil wir selbst genau jene Freiheit vermissen, die sich der kleine Junge auf der Bühne einfach so genommen hat. Ganz ohne dafür zu zahlen.

Wollen wir nicht alle frei leben, ohne fremden Erwartungen entsprechen zu müssen? Und sind die mitleidigen Blicke dem Jungen gegenüber nicht genau der Beweis dafür, dass viele von uns dies nicht tun?

Wie verhält es sich nun also mit dem Mitleid Sterbenden gegenüber? Ist dieses Mitleid nicht vielmehr Ausdruck unseres Unvermögens einzusehen, dass Jimmy eines Tages auch uns treffen wird? Gilt dieses Mitleid nicht ausschließlich uns selbst, da wir erahnen, dass Jimmy nicht an uns vorübergehen wird? Sterben tun immer nur die anderen. Es scheint in vielen von uns diesen existenziellen Drang zu geben, Jimmy zu verdrängen. Viele von uns können sich einfach nicht vorstellen, tatsächlich einmal selbst zu sterben.

Zu sterben heißt zu leben. Und oftmals sterben wir so, wie wir gelebt haben.

Die Zeit des Sterbens ist unsere einmalige Chance, Jimmy als den, der er ist, zu begreifen und all das, was er uns lehren kann, in unser Leben zu integrieren.

Wer während des Lebens stets neugierig auf Neues ist, der ist es auch in der letzten Lebensphase. Wer gerne in Selbstmitleid schwelgt, der mag dazu auch während des Sterbens neigen.

Für viele Menschen wird die Zeit des Sterbens zu einer ganz wichtigen Lern- und Lebensphase, in der wir uns nicht mehr um das Alltägliche sorgen, sondern in der wir uns dem Existenziellen zuwenden. Denn in dieser Phase verstehen wir: Ja, ich bin tatsächlich sterblich. Daher gibt es niemanden, von dem wir mehr lernen können als von Sterbenden.

Wer sein Sterben als eine Art Kunst begreift und sein Leben wie das eigene künstlerische Erbe ansieht, der kann vom Glück, gelebt zu haben, berichten und ohne jegliche Reue vorangehen.

Sterbende Menschen zu begleiten heißt, leben zu lernen. Und jegliches Mitleid mit Sterbenden ist unbegründet und unangebracht. Wir alle sind Sterbende. Manche sind sich dessen einfach nur mehr bewusst.

Mitleid ist oft ja auch einfach nur ein Reflex. Mitleid passiert einfach so. Auf einmal ist es da. Wir haben den Umgang mit Jimmy und mit vielen Krisensituationen einfach nicht gelernt. Und deshalb ist unser erster Impuls: Mitleid raushauen.

Was wir gelernt haben, ist, über Jimmy NICHT zu sprechen. Oftmals fehlen uns auch ganz einfach die Worte. Wir haben überhaupt keine Sprache, keine Sätze, die uns einfallen würden. Außer: »Es tut mir leid! Das ist alles so schlimm. Dass du das durchmachen musst, ist so ungerecht.«

Wir müssen die Kommunikation mit Sterbenden ganz neu lernen. Quasi wie eine Fremdsprache. Denn es gibt Worte und Sätze, die Mitgefühl ausdrücken, ohne mitleidig daherzureden.

Um diese Sprache zu sprechen, müssen wir als Allererstes etwas ganz Elementares tun. Wir müssen einsehen, dass auch unser eigenes Leben enden wird. Ich werde sterben. Auch ich werde all das, was mein Gegenüber erlebt, erleben. Es gibt keinen Ausweg. Es gibt kein Entkommen.

Um es noch mal ganz klar zu sagen: Wenn wir Sterbende bemitleiden, dann bemitleiden wir uns selbst. Wenn wir das akzeptiert haben, steht dem Erlernen der neuen Sprache nichts mehr im Weg.

Und genauso, wie wir Spanisch lernen, um uns in der Fremde besser verständigen zu können, kann uns das Erlernen der Kommunikation mit Sterbenden helfen, wenn wir selbst daniederliegen, irgendwann.

Wie erlernen wir neue Sprachen? Wir sind aufgeregt, interessiert, wissbegierig, demütig dem Lehrer gegenüber, dankbar und neugierig. Und genauso, mit genauso einer Haltung, müssen wir auch sterbenden Menschen gegenübertreten.

Dann sagen wir anstelle von »Das tut mir so leid«: »Wow, ist es jetzt so weit? Wie geht es dir, hast du Angst oder ist bis jetzt noch alles okay?«

Dann sagen wir anstelle von »Das ist alles so schlimm«: »Wie kann ich dir denn helfen, damit dieses Erleben für dich etwas Schönes wird?«

Dann sagen wir anstelle von »Dass du das durchmachen musst, ist so ungerecht«: »Ich würde dich gerne begleiten, denn ich komme ja auch mal in diese Situation und fände es großartig, von dir lernen zu können, damit umzugehen. Darf ich das? Und darf ich das behalten?«