Königskinder und Drachen - Gudrun Gauda - E-Book

Königskinder und Drachen E-Book

Gudrun Gauda

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Beschreibung

Therapeutisches Puppenspiel wird hier als Methode vorgestellt, mit der auch "sprachlose" Menschen ihre Geschichte auf der Puppenbühne mit Hilfe des Therapeuten erzählen können. Für Praktiker aller heilpädagogischen und psychotherapeutischen Arbeitsbereiche bietet das Buch eine vertiefte theoretische Einführung und eine umfassende Darstellung der praktischen Arbeitsmöglichkeiten von der erforderlichen Aussstattung bis zur möglichen Vorgehensweisen mit Kindern und Erwachsenen. Viele Beispiele aus der kindertherapeutischen Arbeit mit zahlreichen Abbidungen veranschaulichen die Methode.

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Dank

Therapeutisches Puppenspiel - Versuch einer Definition

1.1. Puppen – Spielzeug der Menschheit

1.2. Theaterpuppen – ihre Geschichte und ihre Möglichkeiten

1.3. Die Puppe in der Psychotherapie

1.4. Therapeutisches Puppenspiel

Menschenbild, Ethik und Erkenntnismodell - eine Annäherung

2.1. Menschenbild und Ethik

2.2. Erkenntnismodell

Exkurs I - Ein Fallbeispiel oder: Wie sieht therapeutisches Puppenspiel in der Praxis aus?

Persönlichkeits- und Entwicklungsmodell nach C.G. Jung

4.1. Wichtige Schritte menschlicher Entwicklung auf dem Weg zur Individuation

4.2. ICH - Entwicklung und Entwicklungsarchetypen

Exkurs II - Märchen und ihre Bedeutung für das Therapeutische Puppenspiel

Symbole im Therapeutischen Puppenspiel

Therapeutisches Puppenspiel - für wen?

Exkurs III - Therapeutisches Puppenspiel mit Jugendlichen: Drei Fallbeispiele

Die Rolle und Aufgabe des Therapeuten im Therapeutischen Puppenspiel

9.1. Der Therapeut als Mitspieler

9.2. Der Therapeut als Zuschauer

9.3. Der Therapeut als Alleinspieler

9.4. Die Aufgabe des Therapeuten bei schwer traumatisierten Klienten

9.5. Die Aufgabe des Kindertherapeuten gegenüber den Eltern

Die Ausstattung für das Therapeutische Puppenspiel

10.1. Die Bedeutung der Figuren und Figurenarten

10.2. Das Figurenrepertoire

10.2.1. „Moderne“ Archetypen

10.2.2. Der Archetyp des Kaspers

10.2.3. Tiere

10.3. Gegenstände

10.4. Die Bühne(n) und die Symbolik der Orte

Das Schöpfen eigener Figuren

11.1. Die Ideen zu den Figuren

11.2. Der Schöpfungsprozess

11.3. Der Stellenwert der selbst hergestellten Figuren in der Therapie - Zwei Fallbeispiele

Geschichten erfinden und spielen

12.1. Die Dreierdynamik

12.2. Geschichten erfinden mit Hilfe von Bildkarten

12.3. Geschichten aus „zufällig“ gefundenen Wörtern

12.4. Märchenanfänge zu Ende spielen

12.5. Geschichten imaginieren

12.6 Symbolspiel lernen

Die Kraft der Figuren

Verweise

Anhang

Internetadressen

Vorwort und Dank

Dieses Buch erscheint nun nach 16 Jahren in der dritten, ausführlich überarbeiteten Fassung. Dabei hat es auch seinen Titel geändert: Aus „Theorie und Praxis des Therapeutischen Puppenspiels“ wurde das „Handbuch des Therapeutischen Puppenspiels“, denn das will es sein. Ein Handbuch, in dem Leser gezielt Fragen beantwortet bekommen. Deshalb muss es auch nicht vom Anfang bis zum Ende gelsen werden, sondern die einzelnen Kapitel stehen für sich und können auch losgelöst vom Rest nachgeschlagen werden. Wie es sich für einen lebendigen Prozess gehört, wurden einige Teile der vorherigen Fassungen ganz weggelassen und andere Teile völlig neu hinzugefügt. Manche der Beispiele sind neu, andere stammen noch aus der ersten Auflage und sind nicht zu optimieren. Fest steht, dass dieses Buch ohne die Mithilfe und die Phantasie von vielen, vielen Menschen nicht entstanden wäre. Ich danke deshalb in allererster Linie allen Kindern und Erwachsenen, allen Klienten und Seminarteilnehmern für ihre wunderbaren Geschichten und dafür, dass ich sie hier weitererzählen darf. Danke auch für die Bilder und Fotos der Figuren. Selbstverständlich sind alle Namen und große Teile der Biographie zu ihrem Schutz verändert worden. Eine große Hilfe waren mir die vielen Diskussionen mit den Teilnehmer/innen meiner Weiterbildungen und ganz besonders auch mit meinem Mann Hansjürgen, der mit mir gemeinsam den Pfad des Therapeutischen Puppenspiels seit nunmehr 30 Jahren verfolgt. Er ist es auch, der mich immer wieder ermutigt, neue Ideen auch zu publizieren und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Den neuen Titel verdanke ich ebenfalls ihm. Danke auch unserem Sohn Manuel, der in bewährter Weise die Bilder bearbeitet und Titelbild sowie Layout gestaltet hat. Ein besonderer Dank gilt auch der engagierten Puppenspieltherapeutin Gabriele Ascheid: Geduldig hat sie über ein Jahr lang diese Arbeit begleitet und in der Zeit nicht nur viele kritische Fragen gestellt, sondern es auch geschafft, dass dieses Buch hoffentlich endlich weitgehend frei von Tipp- und Zeichenfehlern ist.

1. Therapeutisches Puppenspiel - Versuch einer Definition

1.1. Puppen – Spielzeug der Menschheit

Puppen sind wohl das älteste Spielzeug, das in der Kulturgeschichte der Menschheit überliefert ist. Ganz zu Beginn, – noch bevor sie zum Spielzeug wurden, – waren sie Grabpuppen, Ahnenfiguren und sich daraus entwickelnde Haus- und Schutzgötter. Auch Fetische, Fruchtbarkeits- und Zauberpuppen, Opferfiguren und andere magische Verkörperungen und Vertreter des Menschen sind aus dem Altertum bekannt. (1) Vor allem diese frühen Figuren haben häufig nur entfernte Ähnlichkeit mit dem, was wir heute als Puppe identifizieren würden. Sie sind meist nur in ihrer Andeutung Mensch: Holzgeschnitzte Puppen, Puppen aus Stroh, Wolle oder Lumpen usw. Sie aber regen in besonderem Maße unsere Phantasie an, gerade weil (2) sie ein Abbild des Menschen sind; - ein Abbild, in das viel hineingedacht werden kann an Persönlichkeit, Charakter und Verhaltensweisen. Das heißt: Eine Puppe ist wie ein Mensch - aber eben auch so, wie wir diesen Menschen (gerade jetzt) gerne hätten.

Ihr wesentliches Merkmal ist:

Die Puppe widerspricht uns nie. Sie muss das sein, was wir wollen.

Puppen sind somit ein sehr besonderes Spielzeug: Nicht wirklich Objekt und nicht wirklich Subjekt. Sie können lange unbemerkt in einer Sofaecke abgelegt werden und erwachen erst, wenn sie dann gebraucht werden, von einem Augenblick zum anderen zum Leben; – ein Leben, das ihnen das spielende Kind einhaucht. So sind sie auf eine völlig andere Weise Begleiter des Menschen als die Geschwister, das Haustier oder anwesende Erwachsene.

Als „Übergangsobjekt“ (3) für die Zeit, in der die Mutter noch nicht sicher innerlich präsent ist, geben sie Sicherheit, schützen vor Angst und gehören zur Entwicklung des Kindes untrennbar dazu. Selbst später, wenn sie als Mutter-Ersatzobjekt nicht mehr gebraucht werden, können sich viele Menschen bis ins Erwachsenenalter hinein nicht von ihnen trennen, denn sie verlieren ihre beruhigende Wirkung nicht. Auch bei hochbetagten und/ oder dementen Menschen behalten sie ihre Bedeutung. Hier finden wir sie als „Kindersatz“ vor allem bei hochbetagten Frauen. So werden Puppen zu einem Teil von uns selbst, und sie helfen bei der Suche nach uns selbst. Wir finden sie in allen Kulturen der Welt, und sie eignen sich psychodynamisch gesehen als ideale Projektionsfläche für die gesamte Breite der Gefühlspalette: Von inniger Liebe und Zuneigung bis hin zu Ablehnung und Strafe müssen sie alle Gefühle aushalten, die ihr Besitzer ihnen gibt. Denn: Puppen sind willenlos und müssen sich ihrem Schöpfer oder dem, der sie belebt, unterwerfen in ihrem Sein. Man kann sie, – ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, – beschimpfen, und Geheimnisse sind bei ihnen gut aufgehoben. Wir „lassen die Puppen tanzen“ oder entziehen ihnen das Leben, indem wir sie loslassen und sie leblos in sich zusammenfallen müssen. Puppen werden besessen und die Besitzer verfügen über sie: Kinder verstümmeln sie und werfen sie weg oder küssen und herzen sie. Puppen werden wunderbar bekleidet, oder ihnen werden die Haare ausgerissen. Sie sind jedem Impuls ausgesetzt und fangen überschießende Affekte wunderbar auf. Die Puppe ist ein Ding und doch kein Ding. Jede Stimmung, jede Wirklichkeit erschafft die Puppe neu. Wichtig dabei ist, dass sie alle Impulse aufnehmen muss – aber selbst keine abgeben kann. Sie steht immer zur Verfügung und muss stellvertretend Enttäuschungen und Verletzungen aufnehmen, die der Mensch vorher erdulden musste.

Hilarion Petzold beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: „Der Mensch braucht Puppen, und wo er sie verloren, weggelegt, vergessen hat, erschafft er sich neue Figuren, Bilder, Marionetten. Es ist das Wesen der Puppe, erschaffen zu sein. Sie macht den Menschen zum Schöpfer, der in immer neuen Versuchen der Gestaltung sich selbst zu finden hofft und in immer neuen Animationen den Puppen Leben zu geben sucht, denn ihre endgültige Beseelung würde das Rätsel des Lebens und die Schrecken des Todes auflösen.“ (4)

Dabei können die Puppen sehr unterschiedlich aussehen und als Puppe im Grunde kaum (mehr) erkennbar sein. Dazu einige Beispiele:

Auf einem Foto des Fotografen David Seymour von 1948 (

5

) sehen wir zwei kleine offenbar sehr arme Mädchen von ca. drei Jahren. Eines von ihnen hat eine Puppe im Arm, die es zärtlich an sich schmiegt. Eine Puppe? Es handelt sich um einen Puppentorso – nur mit Beinen, ohne Füße, ohne Kopf und Arme; – für dieses Kind aber Inbegriff eines Liebesobjekts, dem es all seine Zärtlichkeit schenkt.

Von einer Reise in die jordanische Wüstenstadt Petra hat mir jemand eine Puppe mitgebracht, die dort von Nomadenfrauen verkauft werden. Es handelt sich um eine etwa handgroße Figur, Lumpen im Inneren, von einem bunten Stoff umwickelt. Am Kopfende ist ein kleiner Ausschnitt von der Wicklung freigelassen, so dass der Eindruck eines von einem Kopftuch umrandeten Gesichts entsteht.

In einem Buch über Puppen (

6

) ist eine Puppe aus Ostbrasilien abgebildet: Es handelt sich um einen Palmblattschaft ohne Andeutung eines Kopfes, aber durch Wachsbrüste und einen Gürtel aus gefärbten Pflanzenfasern unzweideutig als Frau zu erkennen.

Solche Puppen in völlig offenen Gestaltungsformen, ohne eine Zuordnung von Eigenschaften, regen in besonderem Maße unsere Fantasie und Vorstellungskraft an. Allerdings sind derartige rudimentäre Puppen z. B. aus Stoff, einer Wurzel oder einem Holzstück und ohne Augen in unserer Kultur heute eher selten geworden. Meist deuten wenigstens zwei Augen ein Gesicht an. Sie sind für uns das wichtigste Detail an einer Puppe, denn sie verleihen ihr Leben. Das erstaunt uns nicht, wenn wir wissen, dass die Augen der Eltern das Erste sind, was ein Säugling scharf sehen kann und wir alle also unsere ersten Erfahrungen mit der Welt aus den Augen der Eltern „ablesen“. (7)

Heute haben wir Puppen aus Stoff, Wachs, Porzellan, Papiermaché, Celluloid, Weich- und Hartplastik, und sie haben in der Regel nicht nur Augen, sondern sprechen auch in ihrer Gestaltung unterschiedliche Bedürfnisse an. Sie laden ein zum Schmusen und Liebhaben; zum „Alltag nachspielen“, indem eigene Lebenserfahrungen an und mit ihnen wiederholt, eingeübt oder bewältigt werden. Als Playmobilfigur laden sie sogar Jungen in der Phase der Geschlechtsidentitätsentwicklung zum Rollenspiel als Feuerwehrmann, Chirurg, Ritter oder Polizist ein.

Unabhängig von Materialeigenschaften und Ausstattung entsteht hier zwischen Puppe und Mensch ein intermediärer Raum (8), den der spielende Mensch gestaltet. Er sieht in der Puppe, was er sehen will und kann. Und macht mit ihr, was er machen möchte. Ganz gleich, ob er sie nun liebt oder hasst.

Wichtige Voraussetzung ist dabei die Fähigkeit zur Identifikation und bei jungen Kindern im Vorschulalter auch die Fähigkeit zum magischen Denken, was zur Folge hat, dass wir als außen stehende Beobachter nie so ganz sicher sein können, wie belebt das Kind in seiner Fantasiewelt die Gegenstände tatsächlich erlebt. Deshalb ist Vorsicht geboten. Hans Zulliger beschreibt dazu sehr anschaulich das folgende Beispiel: „Wir sehen ein Kind mit einem Holzscheit spielen. Es hat es in Lumpen gewickelt, es spricht mit ihm, es lässt sich – durch seinen eigenen Mund – vom Scheit mitteilen, was dieses will, möchte und denkt. Es hält mit ihm Zwiesprache, reicht ihm Essen und Trinken, bettet es in eine Kartonschachtel als „Wiege“ usw. Und wir sagen lächelnd: „Das Kind nimmt das Scheit für seine Puppe – es phantasiert das Holzstück in eine Puppe um und spielt mit ihr – und dies entspricht dem anthropomorphisierenden Denken nach Kinderart!“ Wir irren. Das Scheit ist nicht ‚an Stelle‘ der Puppe, es ist nicht einmal nur ‚die‘ Puppe: Es ist das Kind des Kindes, und was es mit dem Scheite treibt, ist viel mehr als das, was uns Erwachsenen ein ‚Spiel‘ bedeutet. Das mit dem Scheit spielende Kind hält das, was wir als sein ‚Spielzeug‘ auffassen, für sein lebendiges Kind, das es pflegt. Nur dann, wenn wir dies begriffen haben, können wir uns in das ‚spielende‘ Kind einfühlen und eindenken und verstehen, dass es um sein Scheit Tränen der bittersten Trauer weinen, höchste Freude und tiefstes Herzeleid empfinden kann. Man nehme dem Kinde sein ‚Kind‘ weg und werfe es in den Ofen – man wird erschrocken sein über die Reaktion des (wirklichen) Kindes! Wir haben einen glatten Mord begangen – und unser Kind fühlt in starrem Erschrecken, wozu wir fähig sind und – was es selber von unserer Seite her erwarten könnte!“ (9)

Natürlich wird heute kaum mehr ein Kind in unserer westlichen Welt ein Holzscheit für eine Puppe nehmen. Dafür wird es womöglich mit Industrieprodukten versorgt, die der Fantasie weit weniger Spielraum lassen. Das Prinzip aber bleibt gleich: Die Puppe ist ein lebendes Wesen. Sie spürt Schmerz und Leid wie Du und ich! Und: Was ihr geschieht, kann auch mir geschehen! Das lässt begreifen, warum Kinder (und gar nicht einmal nur die ganz Kleinen) oft so abgrundtief verzweifelt sind, wenn ihren Lieblingen etwas zustößt oder wenn sie gar – Gott behüte! – verloren gehen!!!!

1.2. Theaterpuppen – ihre Geschichte und ihre Möglichkeiten

Leider hat die deutsche Sprache ein Problem, die oben beschriebenen Puppen von den Puppen, die im Puppentheater auftreten, zu unterscheiden. Im Englischen oder Französischen ist das einfacher: Hier wird zwischen doll und puppet bzw. zwischen la puppée und la marionnette auch sprachlich unterschieden. Im Deutschen hat sich in den letzten Jahren der Begriff „Figur“ für die Theaterpuppe eingebürgert. Da das in meinen Augen jedoch auch nicht ganz korrekt ist, wird im Folgenden weiterhin der Begriff Puppe verwendet, der von nun an alle Puppen meint, in die man hineinschlüpfen kann, um eine Rolle zu übernehmen. Das reicht vom kleinen Fingerpüppchen - über die Hand- oder Stabpuppe - bis hin zur Großfigur und Marionette.

Theaterpuppen üben auch deshalb eine besondere Faszination aus, da der Mensch als Zuschauer sich ihrem besonderen Zauber auf der Bühne kaum entziehen kann.

Auch Puppenspiele sind schon sehr alt: In der Antike waren sie eine kultische Zeremonie, - im Frühmittelalter Träger der Zauberwirklichkeit. Im Spätmittelalter waren sie Gottesdienst und christliches Spektakulum. Als Sinn- und Abbild des Menschen dienten die Puppen immer einer magischen Verkörperung, und die Puppenspiele dienten Kultzwecken. Platon z.B. verglich den Menschen mit einer Marionette in der Hand - mit dem Menschen selbst in der Hand der Götter - und seine Leidenschaften mit den Fäden, die ihn ziehen. (10)

Frühe Bildzeugnisse von Puppentheater finden sich in mittelalterlichen Handschriften: Auf einer Abbildung aus dem Jahr 1344 ist eine mit Stoff verkleidete Miniaturbühne zu sehen, auf der sich zwei Handpuppen bewegen, von denen eine offenkundig die andere mit einem Stock verprügelt. Auf einer noch älteren Abbildung aus dem Jahr 1170 sind rechts und links von einem Tisch zwei Menschen zu erkennen, die zwei mit Schwertern kämpfende Ritter an einer Art an den Hüften der Puppen befestigten Seile bewegen. (11)

Erst im Zuge der Reformation wurde das Puppenspiel säkularisiert und wurde zum dramatischen Theater „en miniature“. Denn ursprünglich war Puppentheater nichts anderes als eine Miniaturausgabe der großen Bühne, und die Spieler (damals meistens Marionettenspieler) hatten das Bestreben, ihre Puppen möglichst der menschlichen Realität anzugleichen. Wichtig für die heutige Bedeutung des Puppentheaters und die Auswirkung auf mehrere Kindergenerationen ist aber vor allem die weitere Entwicklung. Mit Ausnahme weniger Marionettenbühnen war Puppenspiel nämlich nicht „hoffähig“ und die Puppenspieler somit immer gesellschaftliche Außenseiter. Das führte dazu, dass immer mehr Bühnen mit den billigeren und einfacheren Handpuppen zu Wanderbühnen wurden und vor dem so genannten einfachen Volk spielten und dadurch auch andere Themen entwickelten. Der Kasper als die Figur, die mit „Volkes Stimme“ sprach, wurde zum Hauptvertreter dieser Gattung. Das ging so weit, dass auch heute Handpuppenspiel immer noch mit Kasperle-Theater gleich gesetzt wird. Und da der Kasper aus seiner Tradition heraus ein ziemlich wilder Geselle ist, der laut schreiend, fluchend und rüpelnd über die Bühne stolpert, reduzierten sich etliche Kasperstücke zunehmend auf diese Inhalte. Das „Seid ihr alle da?“, mit dem er seine Zuschauer zur Aufmerksamkeit aufruft, ist auch für die allermeisten Kinder noch heute zum Synonym für Puppenspiel geworden – und damit leider häufig zum Synonym für Bühnenkrawall. Der Kasper, der eigentlich eine äußerst vitale und rebellische archetypische Figur ist, ist im Laufe der Jahre in vielerlei Hinsicht „heruntergekommen“. Einerseits zum Jahrmarktskasper, wo er von vielen schlechten Bühnen nur noch zum Krawallmachen missbraucht wurde und andererseits zum Verkehrs- oder Zahnkasper, der den Kindern auf spaßhafte Weise das richtige Verhalten im Verkehr beibringen wollte. Dabei hat er aber oft seine Klatsche mit dem moralischen Zeigefinger verwechselt und auf diese Weise natürlich auch schlechtes Theater dargestellt. Leider ist es das, was die meisten Kinder kennen und natürlich auch versucht sind, so wieder zu geben, wenn sie selbst „Kasperle-Theater“ spielen. Die elfjährige Kerstin und die siebenjährige Laura haben mir das einmal in folgendem Gedicht verdeutlicht:

Ich kenn ein kleines Kasperhaus

der Kasper schaut zum Fenster raus.

Da kommt der schlimme Maxi her

und ärgert meinen Kasper sehr.

Der Kasper macht „bum bum“

und haut den schlimmen Maxi um.

Da kommt das große Krokodil,

das meinen Kasper fressen will.

Der Kasper macht sich einen Spaß

versteckt sich in ein Gurkenfass.

Das Krokodil schaut hin und her

und findet keinen Kasper mehr.

Da geht es fort und geht nach Haus.

Der Kasper aber lacht es tüchtig aus:

„Wer mich ärgern will, der merke sich:

Der Schlauere bin immer ich!“

Glücklicherweise aber hat sich das Handpuppentheater, das noch immer überwiegend Kindertheater ist, in den letzten Jahren in seinem Anspruch weiterentwickelt. Kinder sollen nicht mehr nur mit erhobenen Zeigefinger gezeigt bekommen, was falsch ist und was sie NICHT tun sollen. Puppentheater für Kinder heute will nachdenklich machen, Kinder selbst anregen, ihren Weg im Leben zu finden, ihre Rechte kennen zu lernen und sich zu wehren, wo es nötig ist. Und außerdem soll es natürlich immer Spaß machen.

Ganz gleich ob Marionette, Handpuppe oder Stabfigur – alle drängen nach künstlerischer Freiheit in dem Sinne, dass sie den Menschen von dem Glauben an die Unerbittlichkeit des Schicksals befreien können. Denn mit dem Puppenspiel schuf sich der Mensch eine Welt, der er seinen Willen, seine Logik und seine Ästhetik aufzwingen konnte. Hier regiert er selbst ohne die Begrenzung von Zeit, Raum, Logik oder anderen Zwängen. Puppen können zaubern und diesen Zauber auch sichtbar machen. Sie können sich von einer Sekunde zur anderen an einen völlig anderen Ort begeben. Eben noch in der Hölle, steigt der Teufel mit Schwefeldampf und Getöse ans Licht. Oder die im Gefängnis des bösen Räubers eingesperrte Prinzessin wird durch Zauberhand befreit und kann ihren Käfig verlassen. Böse Stiefmütter oder ungerechte und harte Könige erhalten gerechte Strafen wie im Märchen, und die gerade in der Hölle verbrannten Helden erstehen in voller Blüte wieder zum Leben. Puppen können sterben und auferstehen, sie können fliegen, schweben, sich über die Dinge erheben, unsichtbar werden, und sie unterliegen auch keinen anderen physikalischen Gesetzen. Und doch erkennt der Zuschauer sich selbst – weit mehr als im Menschentheater – in den „Lebewesen,“ die da auf der Bühne agieren, wieder.

Max Frisch drückt das folgendermaßen aus: „Was jedes Mal auffällt..... Wie leicht es den Marionetten gelingt, auch außermenschliche Wesen darzustellen, einen Erdgeist, einen Kobold, Ungeheuer und Feen, Drachen, Geister der Lüfte und was das Herz begehrt. Auch auf der großen Bühne kann es sich ja ergeben, dass solche Gestalten erscheinen müssen, die Meerkatzen oder ein Ariel; dort besteht immer die Gefahr, dass es peinlich wird, und bestenfalls gelingt es dem Schauspieler, dass sie nicht lächerlich werden; die erhoffte Wirkung jedoch, nämlich ein letztes Grauen oder eine überirdische Wonne, die von solchen außermenschlichen Wesen ausgehen sollten, kann die Bühne kaum erreichen, solange sie mit wirklichen Menschen darstellt. Die Marionetten können es. Viel liegt schon an dem Umstand, dass die Puppe, die hier einen Menschen darstellt, und die andere Puppe, die einen Erdgeist gibt, aus dem gleichen Stoff sind. Das bedeutet: dass die Marionette, die uns den Erdgeist vorstellt, ebenso glaubhaft oder unglaubhaft ist, wie die andere, der wir den Menschen glauben sollen. Auf der großen Bühne, meine ich, können wir den Erdgeist nicht glauben, weil er gegenüber dem Menschen nicht aufkommt: weil der Mensch, der ihm gegenübertritt wirklich ein Mensch ist, eine Natur aus Fleisch und Blut. Das andere dagegen, der Erdgeist, bleibt ein Bild, ein Zeichen. Und damit spielt die Szene, wie vortrefflich sie auch gespielt werde, von vorneherein auf zwei verschiedenen Ebenen, die nicht auf die gleiche Art glaubhaft sind. Beim Puppenspiel sind sie es. Auch beim antiken Maskenspiel: wenn Athene und Odysseus gleicherweise eine Maske tragen, wenn sie gleicherweise unwahrscheinlich und zeichenhaft bleiben, können wir auch die Göttin glauben. ........ Die hölzernen Zwerge, indem sie spielen, übernehmen sie gewissermaßen unser Leben. Sie werden wirklicher als wir, und es kommt zu Augenblicken eigentlicher Magie; wir sind, ganz wörtlich, außer uns.“ (12)

Die Tiefenpsychologie spricht bei den Wesen, die auf der Bühne handeln, von Archetypen. Das meint: Sie verkörpern überdeutlich Wesen und Wesenszüge, die wir mit bestimmten Erscheinungen verbinden und die in allen Kulturen und in allen Zeitaltern wiederzuerkennen sind. Auch der Kasper ist ein solcher Archetyp. Es gibt ihn unter unterschiedlichem Namen und mit unterschiedlichem Aussehen, aber immer gleichem Verhalten in allen Kulturen. (13) Aber auch seine Begleiter im klassischen Kinderkaspertheater wie Seppel, Großmutter, Prinzessin, Räuber, Polizist und Krokodil sind solche Archetypen, die klar an ihrem Aussehen zu erkennen sind und von denen wir bereits bei ihrem Erscheinen bestimmte Verhaltensweisen erwarten. Seppel ist der etwas naive kleine Junge (in den Kasperstücken für Erwachsene der junge Mann mit seiner Frau Gretel an der Seite), der immer wieder auf die derben Späße von Kasper hereinfällt und sich zur Großmutter flüchtet, die ihrerseits die freundliche und allzeit bereite, nette Omi ist. Die Prinzessin muss blond sein, etwas naiv und einfältig und stets in Gefahr, damit die männlichen Helden jemanden haben, den sie retten können. (Haben wir dagegen eine dunkel- oder rothaarige Prinzessin im Sortiment, so ist diese ein Identifikationsangebot für alle die aktiven, starken Mädchen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen!) Der Räuber ist natürlich in seiner Gefährlichkeit eindeutig bereits an seinem Äußeren zu erkennen; und er muss natürlich rauben, sonst hat er seine Funktion nicht erfüllt. Und im Gegenzug muss der Polizist für Recht und Ordnung sorgen, während das Krokodil sozusagen das Synonym für das gefräßige Böse an sich darstellt. So weiß der Zuschauer bereits beim Anblick der Protagonisten, was er von ihnen zu erwarten hat – und er wäre mit Recht enttäuscht, wenn diese Erwartung nicht erfüllt würde. Das gilt ebenso natürlich für andere Archetypen wie den König und die Königin, den Jäger, den Ritter, den Tod, den Vampir, den Arzt, den Koch usw. usf.

Dieses eindeutige Wiederkennen auf der einen Seite (Wir wissen genau, was wir zu erwarten haben!), gepaart mit den wider alle Erwartungen möglichen Handlungsspielräumen, die nur Puppen haben – das macht den ganz besonderen Zauber des Figurentheaters aus! Wir können uns gefühlsmäßig sofort mit einer Figur identifizieren. Das ist sehr häufig der Verlierer! Und gleichzeitig werden alle Register gezogen, wie wir doch am Ende siegreich und gestärkt aus dem ganzen Geschehen hervor gehen.

Beobachten wir Kinder bei einer (guten!) Puppentheatervorstellung, so können wir diese Vorgänge in ihren Mienen beobachten:

Gebannt starren sie auf die Bühne.

In ihren Zügen spiegelt sich die ganze Skala aller möglichen Gefühle.

Spannung entlädt sich in Geschrei oder Jubel.

Ist der Held bedroht, so wird er lautstark gewarnt.

„Brav“ auf dem Stuhl sitzen zu bleiben ist unmöglich.

Wird es zu spannend, so fühlt sich auch schon einmal ein kleiner Zuschauer berufen, direkt in das Geschehen auf der Bühne einzugreifen.

Hier wird deutlich, dass Kinder nicht passive Kunstgenießer sind, sondern dass jede Vorstellung ein aktiver Vorgang ist, bei dem die Fantasie des Kindes eine zentrale Rolle spielt: Es versetzt sich selbst in die Situation des Helden und handelt sozusagen immer mit ihm zusammen. Es tritt in seiner Phantasie mit auf die Bühne und verwandelt seine abstrakte Welt in reale Wirklichkeit. Die Gefühle, die im Zuschauer erweckt werden, sind ausschlaggebend dafür, ob ein Stück „wahr“ oder „gut“ ist oder nicht. Gefühle zu erzeugen, gelingt dem Puppentheater oft leichter als dem Menschentheater. Wie viel stärker sind diese Gefühle aber dann, wenn das Kind selbst eine Rolle übernimmt und nicht mehr nur passiver Konsument sein muss, sondern zum aktiv Handelnden wird.

Halten wir also fest:

Ich halte

die Puppe.

In

der Puppe

bin

ich.

Ohne

die Puppe

verliere ich

meinen Halt.

Zwischen

der Puppe

und

mir

spielt

sich

mein Leben

ab. (14)

1.3. Die Puppe in der Psychotherapie

Der Gedanke, Puppen in der (Heil)Pädagogik und der (Psycho)Therapie zu verwenden, ist auf diesem Hintergrund weder neu noch etwas Besonderes. So wie Schamanen Puppen als Gestalt und Symbol des Menschen schaffen, um ihre Magie an ihnen auszuüben, so benutzt jedes Kind, das eine Puppe in die Finger bekommt - und sei es auch nur eine Lumpenfigur - diese ganz instinktiv als Partner, Gegenüber und Identifikationsfigur.

Puppen in der Therapie und Pädagogik jedoch systematisch und gezielt zu verwenden, ist eine Idee, die in den USA und später in Europa in den 20er Jahren aufkam - und zwar im Zuge der Entwicklung des Psychodramas, so wie Jacob Levy Moreno (1892 -1974) es entwickelte. Moreno stützte seine Methode auf Beobachtungen von kindlichem Spiel und Rollenspiel auf Spielplätzen. Und Psychodrama bedeutet (verkürzt gesagt) nichts anderes, als all das, was sonst an Gefühlen, Gedanken und Empfindungen auf einer „inneren Bühne“ vorhanden ist, auf der „äußeren Bühne“ auszuspielen. Wut, Trauer, Zärtlichkeit, Angst usw. finden im Spiel des Psychodramas ihren Ausdruck - so wie Moreno es im Rollenspiel der Kinder beobachtete. Er beobachtete aber auch, dass es Kindern nach Aufforderung im direkten Rollenspiel sehr schwer fällt, ihre Empfindungen auszudrücken und dass deshalb bei ihnen das Spiel mit der Puppe vorzuziehen ist, wenn es nicht um spontanes Spiel geht. Das Übertragen von nicht verarbeiteten, ängstigenden Gefühlen auf die Puppe und das Aussprechen und Agieren dieser Gefühle über die Puppe, ängstigt Kinder (und oft nicht nur diese!) sehr viel weniger, als das direkte Aussprechen und Ausagieren im Psychodrama. (15)

Dazu kommt, dass Kinder häufig nicht mit Worten sagen können, was sie beschäftigt, - entweder, weil ihnen die Worte dazu noch fehlen oder auch, weil die Probleme verdrängt oder verschüttet sind.

Diese fehlenden Ausdrucksmöglichkeiten gelten natürlich ganz besonders für geistig behinderte Kinder und Erwachsene. Die Sprache, die sie stattdessen verwenden, ist eine Bilder- oder Symbolsprache, die erst einmal verstanden werden will. Dass diese Bildersprache in Kinderzeichnungen und im kindlichen Spiel zum Ausdruck kommt, macht sich die Kinderpsychotherapie seit ihren Anfängen zunutze und bietet dem Kind anstatt der bei Erwachsenen üblichen Gespräche das Spiel als Kommunikationsmittel an. So kann sich heute sicher kein Kinderpsychotherapeut, ganz gleich, welchen theoretischen Hintergrund er hat, vorstellen, ganz ohne Handpuppen in seinem Therapieraum auszukommen. Neben Gestaltungsmaterialien und Rollenspielangeboten sind mit Sicherheit überall ein paar Kasperpuppen vorhanden. Welchen Stellenwert diese haben, und WIE damit gearbeitet wird, ist jedoch sehr unterschiedlich.

An dieser Stelle soll statt eines realen Beispiels ein Romanheld zu Worte kommen. Paulus Hochgatterers (16) fiktiver Kinderpsychiater Raffael Horn soll im Auftrag der ermittelnden Kriminalbeamten ein kleines Mädchen zum Sprechen bringen, das nach der Ermordung des Großvaters, die es womöglich beobachtet hat, völlig verstummt ist. „Das Mädchen war in Pelzstiefeln und einer dunkelgrünen Steppjacke mit Eichhörnchen hinten drauf in die Stunde gekommen. Es hatte sich mit dem Rücken zur Wand hingestellt und war zuerst zehn Minuten lang vollkommen reglos dagestanden. Dann hatte es damit begonnen, sich langsam die Wand entlang zu bewegen. Dabei hatte es ihn nicht aus den Augen gelassen,

Er hatte schon nach einer kurzen Weile angefangen zu reden, ganz gegen seine Gewohnheit. Entängstigen, hatte er gedacht, du musst ihr möglichst rasch die Angst nehmen. „Beim letzten Mal war alles ziemlich aufregend“, hatte er gesagt, „die Sanitäter und das Rettungsauto, davor die Polizei und die anderen fremden Menschen.“ Das Mädchen war an der Wand weitergeglitten, vorüber am Spielzeugregal, bis hin zum schmalen Kleiderschrank. Dort hatte es sich auf den Boden gesetzt, die Knie an den Körper gezogen, die Arme herumgeschlungen. Die rechte Hand war zur Faust geballt gewesen. „Du hast noch immer dieses Geheimnis in der Hand, oder?“, hatte er gesagt und das Mädchen hatte keine Miene verzogen. Er hatte gesprochen, geschwiegen, mit den Handpuppen herumgespielt. Der Polizist hatte das Krokodil abgemahnt, weil es den anderen immer alles wegfraß, und die Hexe hatte schadenfroh gelacht. Das Mädchen hatte durch die Figuren hindurchgeschaut, den Blick über seinen Schreibtisch gleiten lassen, über die Bilder an der Wand, über das Bücherregal. Zwischendurch hatte es ihn immer wieder genau gemustert, von oben bis unten.“ (17)

Diese Situation kennen wir als Therapeuten alle!!! Niemand kann beharrlicher und beredter schweigen als ein Kind, und niemand kann uns dazu bringen, immer verzweifelter immer mehr zu sagen als ein derart schweigendes Kind. Hier nutzen die Handpuppen dem Psychiater gar nichts, und zwischen den Zeilen können wir auch lesen, dass er sich ziemlich unbehaglich bis etwas lächerlich vorkommt, wenn seine Bemühungen derart im Raum verpuffen. Offenkundig haben seine Versuche, mit den Puppen das Thema zumindest weiträumig einzukreisen, bei dem Mädchen nicht einmal einen Wimpernschlag bewegt.

Einige Zeit später versucht er es noch einmal. Sie geht bereitwillig mit ihm, was ihn als Anfang einer Beziehungsaufnahme beruhigt. Dann jedoch versteinert sie, als er ihr helfen will, den Mantel auszuziehen. Sie beginnt wieder, sich an der Wand entlang zu schieben und sich – den Rücken an die Schranktür gepresst – auf dem Boden niederzulassen, ohne den Psychiater auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

„Sie kann mich nicht einschätzen, dachte er, sie weiß nicht, wer ich wirklich bin. Sie weiß, dass ich hier im Spital arbeite, und sie weiß, dass im Spital Menschen sterben. Vielleicht bin ich derjenige, der ihren Großvater hat sterben lassen, und als nächste ist sie dran.

Horn schaute die Steckleiste mit den Kasperlfiguren an und überlegte, wen er wohl am besten sterben lassen sollte. Den Polizisten? Den Räuber? Kasperl oder Seppel? Den Zauberer? Mehr männliche Figuren hatte er in seiner Sammlung nicht. Eigentlich eine Sauerei, dacht er, dass die Großmutter im Kasperltheater eine Selbstverständlichkeit ist und der Großvater die absolute Ausnahme. Mütter kamen nicht vor, Väter ebenso wenig und Großväter erst recht nicht. Der Räuber passte altersmäßig am ehesten, war allerdings eine hundertprozentig unsympathische Gestalt. Ähnliches galt für den Zauberer. Kasperl oder Seppel sterben zu lassen, kam sowieso nicht in Frage und die Polizisten waren infolge der Ereignisse der vergangenen Tage eine eindeutig besetzte Bevölkerungsgruppe. Ich hab die Hemmung bereits ziemlich in mir drin, dachte Horn, ich bin absolut unfähig, mich zu entscheiden. Er nahm die fünf Figuren von der Leiste und legte sie nebeneinander auf den Boden. Ich werde es ihr überlassen, dachte er, ich werde sie fragen: „Wen von den Fünfen sollen wir sterben lassen?“, und sie wird auf einen von ihnen zeigen.“ (18)

Glücklicherweise wird der Mann an der Stelle seines Problems enthoben, denn das Mädchen entscheidet sich für ein Symbolangebot, das etwas reichhaltiger ist als die oben aufgelistete Handpuppenmannschaft und greift zum Märchenbuch.

Was lernen wir aus diesen Beispielen? Erstens: Es reicht in vielen Situationen eindeutig nicht, dass wir als Therapeuten den Puppen unsere Stimme leihen und zum Ausdruck bringen, was wir denken und zweitens: Das Symbolangebot müsste deutlich über das Repertoire des Kasper-Theaters hinausgehen, wenn wir dem Kind selbst Gelegenheit geben wollen, in eine Figur zu schlüpfen. Und man könnte drittens noch hinzufügen, dass einige strukturelle Hilfen für ein gemeinsames Spiel ausgesprochen hilfreich sein könnten.

Und genau das will das Therapeutische Puppenspiel.

Es stellt zunächst die Handpuppe als Kommunikationsmittel gezielt in den Mittelpunkt. Hier ist sie nicht ein Spielzeug unter anderen, sondern DAS Ausdrucksmittel per se. Und das zeigt sich bereits an der Ausstattung des Raumes: Die Puppen und die Bühnen (siehe dort) dominieren und haben einen sehr hohen Aufforderungscharakter. Daneben gibt es sicher noch Papier und Farben zum Malen, wenige Bilder- und Märchenbücher. Vielleicht verborgen in einem Schrank ein paar Brettspiele für „Notfälle“. Für die ganz Kleinen, noch nicht rollenspielsicheren Kinder auch eine Kiste mit Bauklötzen, ein paar Autos und Fingerpüppchen und/ oder Playmobilfiguren.

Handpuppen können im therapeutischen Prozess ganz unterschiedliche Funktionen übernehmen, wie weiter unten noch ausführlich aufgezeigt werden wird. Petzold betont, dass sie im Rahmen der integrativen Psychotherapie der Protektion, der Substitution oder der Identifikation ebenso dienen können wie der Aggressionsbewältigung. (19)

Protektionspuppen sind danach Figuren, in die das Kind starke und schützende Eigenschaften hineinlegt, die ihm selbst meist fehlen oder die es sich wünscht. So wird ein Teddybär zum starken Beschützer in allen Lebenslagen. Und wenn er dabei ist, kann dem Kind nichts mehr geschehen. Im Spiel kann das auch ein Polizist sein, der „Amtsgewalt“ ausüben kann. Oder ein mutiger Löwe oder ein tapferer mittelalterlicher Ritter. Häufig sind es starke oder stark machende Figuren. Es können jedoch auch zärtliche, schöne Figuren sein, - oder welche Eigenschaften auch immer das Kind für sich als stärkend und schützend erlebt.

Viele der modernen Helden aus der Spielzeugindustrie (He-Man, Bat-Man, Spider-Man usw.) sprechen die Kinder genau auf dieser Ebene an und haben u.a. auch deshalb so große Erfolge.

Identifikationspuppen sind dann im Spiel all jene Figuren, mit denen das Kind sich gerade selbst identifiziert. In der Regel werden sie auch von ihm selbst gespielt. Das kann die schöne Prinzessin sein oder der starke Held, deren Schönheit und Kraft auf die Spieler selbst übergeht. Es gibt jedoch auch die verstoßene Stieftochter, die immer so leiden muss, wie auch das Kind sich leiden fühlt. Identifikationspuppen geben immer Auskunft darüber, wie der Spieler sich aktuell fühlt, im Gegensatz zu Projektionspuppen, die Auskunft darüber geben, wie der Spieler gerne sein möchte. Indem die Kinder sich die Figur „überziehen“ (über die Hand), ziehen sie auch eine zweite Haut über.

Hat ein Spieler eine Figur selbst hergestellt, so handelt es sich in aller Regel um eine Identifikationsfigur, die zumindest einen Teilaspekt der Persönlichkeit widerspiegelt - auch wenn man manchmal überlegen muss, wo sich dieser Anteil im Alltag dann verbirgt.

Substitutionspuppen stehen für etwas anderes oder für jemand anderen aus dem Seelenleben oder dem realen Leben des Kindes.

So steht z.B. die immer wieder operierte Puppe für das Kind selbst, das gerade eine Operation hinter sich hat und nun vielleicht selbst in der Rolle des Arztes die andere Seite erlebt. Sie werden meist benötigt, wenn es darum geht, eine erlebte Situation zu „be-greifen“.

Aggressionspuppen müssen eigentlich nicht näher erläutert werden. Das sind all die Figuren, die ihre Aggressionen frei und ungestraft äußern dürfen, weil sie von Natur aus böse sind: Die Hexe, der Teufel, der Räuber, Dracula und andere Bösewichte. Sie dienen in erster Linie der (kanalisierten) Aggressionsabfuhr.

Unabhängig von diesen Zuordnungen gilt jedoch ganz allgemein:

So wie jede Puppe die Herausforderung in sich birgt, belebt zu werden, so tut dies die Handpuppe auf besondere Weise: Sie erlaubt dem Kind auf dem kürzesten Weg IN die Figur hineinzuschlüpfen. Indem es sie über die Hand streift, kann es sie mit seiner Identität ausfüllen und im Spiel seine innere Geschichte gestalten und sichtbar werden lassen. Es kann auch verschiedene Rollen ausprobieren und so mit Gefühlen und Identitäten experimentieren.

Das „mit der Hand in die Puppe schlüpfen“, bzw. „die Puppe überstreifen“ macht deutlich, dass hier im Spiel eine andere Person die Stelle des Kindes einnimmt – eine Person, die zwar viel mit dem Kind zu tun hat, aber eben doch ein Stellvertreter ist. Hier ist das Kind nicht mehr Gegenüber der Puppe, wie bei einer Babypuppe oder einer Playmobil Figur, sondern wird selbst zum „Anderen“. Kein „der/die täte mal so als ob...“ mehr, sondern ein „ich bin nun .... und ich tue!“. Das Kind macht nicht mehr etwas mit oder für die Puppe, sondern übernimmt selbst eine neue Identität.

Dadurch, dass die Puppe stellvertretend für etwas oder jemand anderen steht, darf sie auch alles: Sie darf schimpfen, fluchen, spucken, kämpfen, zerstören, weinen, lieben, lachen, aggressiv sein und anlehnungsbedürftig. Sie darf rauben, morden, zaubern und verwandeln – und vieles mehr. Kurz sie – als Puppe – darf alles, was wir Menschen oft nicht dürfen oder uns nicht trauen. Und sie KANN auch alles. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! Das gilt in ganz besonderem Maße für das Spiel an der Bühne, das wie gesagt alle physikalischen und logischen Gesetze ignorieren darf. Schwerkraft, Zeit und Raum, Logik – alle sind aufgehoben. So hat das Kind mit der Figur auf der Hand für die kurze Zeit des Spiels Gelegenheit, ein Gefühl von Allmacht und Überlegenheit zu spüren, wo es sonst in seinem Alltag meist sein „noch klein Sein“ und Schwäche erlebt. „Mit dem mächtigen Zauberer auf der Hand bin ich nahezu allmächtig. Als König habe ich jedwede Befehlsgewalt. Als Ritter bin ich stark und mutig. Als Prinzessin wunderschön und begehrt.“ So gibt die Handpuppe unmittelbar Gelegenheit, verschiedene Identitäten auszuprobieren, Wunschphantasien zu verfolgen oder auch Machtbedürfnisse und Aggressionen auszuleben

Aus diesen ersten Ausführungen, wird bereits deutlich, dass der allererste Schritt bei der Verwendung von Puppen in der Therapie immer in einer Art Diagnostik besteht: D.h. wir versuchen zu verstehen, was das Kind uns über die Symbolsprache der Puppe und ihre Handlungen mitteilt.

In der psychologischen Diagnostik spielen Puppen (auch unabhängig vom therapeutischen Bereich) schon immer eine große Rolle und sind deshalb ein alt bewährtes und vertrautes Mittel, dem Innenleben des Kindes, seinen Erlebnissen und seinen subjektiven Wahrnehmungen auf die Spur zu kommen.

Sehr bekannt ist hier vor allem der in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte Szeno-Test von Gerhild von Staabs (20): Dabei handelt es sich um einen Kasten voller Spielmaterial, Puppenstubenzubehör und kleinen Biegepüppchen; vom Baby über die Eltern bis hin zu Großeltern und einem Arzt. Das Kind baut mit diesem Kasten seine Welt auf und die Interpretationen erfolgen auf dem Hintergrund der klassischen psychoanalytischen Entwicklungstheorien der oralen, analen und genitalen Phase der kindlichen Entwicklung und versuchen zu verstehen, an welchem Entwicklungsthema das Kind gerade arbeitet. Aber auch in jüngerer Zeit greifen psychologische Testverfahren auf Puppen zurück: Der im Jahr 2009 erschienene Test zur Bindung 5- bis 8-jähriger Kinder von Gabriele Gloger-Tippelt und Lilith König (21) bietet den Kindern ebenfalls Biegepüppchen an, mit denen familiäre Szenen angespielt werden, die die Kinder vervollständigen sollen. Unabhängig vom theoretischen Hintergrund spiegelt jedes Spiel mit Puppen immer sehr viel von der subjektiven Wahrnehmung des Kindes aus seiner Lebensumwelt wieder - auch dort, wo es mit seiner Puppe Vater-Mutter-Kind spielt. Wichtig dabei ist die Betonung des Subjektiven: Es ist schwer bis unmöglich, aus dem Spiel des Kindes auf reale Begebenheiten zu schließen!! Jedes Spiel ist gleichzeitig auch eine Form der Verarbeitung und deshalb muss eine im Spiel dargestellte strenge Mutter, die ihr Puppenkind schlägt, nicht unbedingt bedeuten, dass die wirkliche Mutter ebenfalls schlägt. Es kann durchaus auch bedeuten, dass das Kind hier, indem es in die Rolle der Mutter schlüpft, ausprobieren möchte, wie sich das anfühlt, wenn eine Mutter auf ihr Kind wütend ist. Es kann aber auch bedeuten, dass es sich über eine strafende Mutter geärgert hat und diese Strafe nun extrem überbetont.

Das ist auch der Grund, warum es so schwer ist, z. B. aus dem Spiel mit den so genannten anatomisch korrekten Puppen, die häufig in der Diagnostik bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch Kindern zum Spiel gegeben werden, auf einen tatsächlichen Missbrauch zu schließen. Man geht zwar allgemein davon aus, dass vor allem ganz kleine Kinder bestimmte sexuelle Szenen gar nicht nachstellen könnten, wenn sie sie nicht erlebt hätten - andererseits laden die Körperöffnungen dieser Puppen auch zum Experimentieren ein; und jede Frage, die dem Kind zu diesem „Ausprobieren“ gestellt wird, ist auf eine gewisse Weise bereits wieder suggestiv. Aus gutem Grund sind die Spiele mit diesen Puppen nicht rechtsrelevant.

Im Spiel mit der Puppe oder der Handpuppe spiegelt das Kind also sein inneres Erleben wieder, - so wie es das im Zeichnen und Malen ja ebenfalls tut. Und jede Interpretation dieses Spiels verlangt nach einem theoretischen Hintergrund (s.u.), d. h. sie muss im Rahmen einer bestimmten Theorie erklärbar und nachvollziehbar sein.

Nach der Diagnostik wird das Puppenspiel natürlich auch im allerweitesten Sinne therapeutisch eingesetzt. Im gesamten heilpädagogischen Bereich ist übendes Spiel, bildnerische und musische Betätigung, ja schon immer ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitens gewesen. So wie in der Kinderpsychotherapie das „so tun als ob“ die eigentliche Sprache des Kindes darstellt. Die Puppe erweist sich hier als eines der wirkungsvollsten Medien. Welche wundersamen Verwandlungen Puppen bewirken können, sehen wir vor allem immer wieder sehr deutlich in der Sprachheilpädagogik. Es ist wie ein Wunder: Geben wir einem Stotterer eine Puppe auf die Hand und schicken ihn hinter die Bühne, so dass er vom Publikum nicht mehr gesehen wird, - seine Puppe stottert in den allermeisten Fällen nicht! Welch ein überwältigendes Erlebnis muss es für solch ein Kind sein, mehrere Sätze hintereinander sagen zu können, ohne ständig um Worte zu ringen.

Eine Puppe nimmt also nicht nur mir als Therapeuten vieles ab, - hinter ihr kann ich mich auch selbst gut verstecken! Und das gilt für Therapeuten UND Kinder, denn sie nimmt die Angst vor Beobachtung. Sie kann aber auch Dinge sagen, die wir uns sonst nie zu sagen trauen würden: Sie kann ungezügelte Wut äußern und muss unbändige Wut aushalten können. Aber sie kann auch den Mut geben, die Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit deutlich zu machen oder auszuleben.

Und nicht zuletzt ist für alle, die mit Einzelnen und Gruppen pädagogisch und/oder therapeutisch arbeiten, die Puppe natürlich eine echte Hilfe und Unterstützung, um Kontakte herzustellen. Es ist tatsächlich (und hier hatte Dr. Horn in seiner Absicht recht!) in der Regel sehr viel einfacher, zu einem ängstlichen, abwartenden, verschlossenen Menschen (ganz gleich welchen Alters) Kontakt zu bekommen, wenn ich eine Puppe als Mittler habe, als wenn ich den Betreffenden direkt persönlich anspreche. Hier ist die Puppe ein Helfer bei der Kontaktaufnahme mit dementiell erkrankten alten Menschen, mit besonders schüchternen oder ängstlichen Menschen usw. oder auch bei der Moderation von Gesprächsrunden. Selbst autistische Kinder, die sonst jeden Kontakt mit Menschen meiden, wenden sich manchmal einer Puppe zu. (22)

Aber Achtung bei der Annäherung!!! Puppen sind vor allem für kleine Kinder und behinderte Menschen immer beseelt. Und haben sie nicht genügend Zeit, sich anzunähern, so kann auch Angst entstehen.

Im Puppenspiel vermischen sich häufig pädagogische und therapeutische Bemühungen. Puppenspiel ist oft beides: Pädagogisch und therapeutisch. Und zwar überall dort, wo es mit auf das Kind zugeschnittenen Übungen darauf abzielt, Kindern zu helfen, ihre Sorgen und Probleme zu bewältigen. Dennoch gibt es natürlich eindeutige Unterschiede in der Zielsetzung von Pädagogik und Therapie, die weiter unten noch deutlich aufgezeigt werden sollen. Die Puppe als MEDIUM jedoch ist in beiden Bereichen gleichermaßen hilfreich.

Kinder sind häufig am ehesten bereit, auf die Puppen zuzugehen, weil sie ihnen in ihrem magischen Denken noch am nächsten stehen. Therapeutisches Puppenspiel erweist sich aber auch in der Arbeit mit Jugendlichen, alten Menschen oder in der Arbeit mit bestimmten Problemgruppen (z.B. in der Therapie von Menschen mit Aphasie oder in der Therapie mit Alkoholkranken) als außerordentlich hilfreiches Medium.

Dabei unterscheiden wir natürlich immer verschiedene Formen unterschiedlicher Komplexität und Schwierigkeitsgrade.

Die schwierigste Form ist in jedem Fall die Theateraufführung vor Publikum. Sie kann allerdings als Gruppenerlebnis ganz besonders wichtig sein, da gerade hier jeder Beteiligte mit seinen individuellen Fähigkeiten einbezogen werden kann. Stumme Rollen, Tierrollen, Musik machen oder Bühnenbilder malen gehören ebenso dazu, wie Rollen, die bereits eine gewisse Textbeherrschung verlangen.

Die Puppenführung allerdings (ganz egal, ob bei Handpuppen, Stabpuppen oder beim Schattentheater) verlangt eine zielgerichtete Zusammenarbeit von Auge und Hand und wird sehr komplex, wenn auch noch Sprache, Gedächtnis (bei vorgegebenen Texten) und Vorstellungskraft verlangt sind. Kinder wie Erwachsene fühlen sich deshalb von solchen „großen Vorstellungen“ oft überfordert und im therapeutischen Kontext ist deshalb immer ein improvisiertes Stegreifspiel vorzuziehen. Dabei muss natürlich auch die Besonderheit des Arbeitens mit Gruppen berücksichtigt werden. (Siehe dort)

Zum Therapeutischen Puppenspiel, so wie wir es hier verstehen, gehört jedoch mehr als das reine Spiel. Zum Puppenspiel aus therapeutischer Sicht gehört vor allem auch das Herstellen einer eigenen Figur. Eine schöpferische und kreative Arbeit, die (fast) jedermann Freude bereitet. Nichts ist befriedigender, als die eigene Wunschfigur selbst hergestellt zu haben. Auch hier sind Phantasie und Vorstellungskraft gefragt, aber auch eine gewisse Portion Geduld und Ausdauer, einen einmal begonnenen Prozess zu Ende zu bringen. Die Belohnung dafür ist umso einmaliger: Dieses Wesen, so wie es hier ist, gibt es wirklich nur einmal! Es ist mein Eigenes, und es muss tun, was ich möchte!

Beim ersten ungezwungenen Agieren mit der Puppe (noch ganz ohne Bühne) kann die Scheu, sich (vor Anderen) hör- und sichtbar auszudrücken, leicht überwunden werden. Oft empfiehlt sich ein Spiel frei im Raum, um auch Bewegungshemmungen abzubauen.

Nach Möglichkeit sollten in einer Gruppe auch, natürlich nur mit Einwilligung der Schöpfer, Rollen einmal ausgewechselt werden, damit jeder Beteiligte in einer Gruppe einmal Gelegenheit bekommt, die eigene Figur auch aus der Distanz agieren zu sehen, - was oft ganz neue Einsichten vermittelt.

In diesen Spielen überträgt sich das „sich Ausleben“ der Spieler auch auf die Zuschauer: Sie vergleichen sich mit der Puppe, sie wird ermutigt, gewarnt, gebremst. Sie wird zum Sprachrohr, genauso für Spieler wie für Zuschauer, und für beide Parteien zum Ausdrucksträger von Gefühlen, Wünschen, Gedanken aus Phantasie und Wirklichkeit.

Immer wieder passiert es, dass bei dem Begriff „Puppenspiel“ am ehesten „Kasperlespiel“ assoziiert wird. (s.o.) Therapeutisches Puppenspiel, so wie es hier verstanden wird, hat jedoch mit Kasperlespiel nichts zu tun! Es hat auch nichts mit einem mahnend erhobenem Zeigefinger zu tun; - in diesem Fall wäre es völlig fehl verstanden, und ich würde es auch als einen Missbrauch der psychischen Kraft der Puppen betrachten, wenn eine Puppe nur als Ersatz einer Autorität genutzt würde, die dem Mahnenden selbst abgeht.

Hier sind wir auch an der Grenze des Theaters angekommen. Therapeutisches Puppenspiel ist mehr und anders als Puppentheater, und dieser Unterschied soll hier gegenübergestellt werden. Therapeutisches Puppenspiel ist vor allen Dingen immer Du-konzentriert, das heißt ganz gezielt auf ein Gegenüber bezogen, und im Dialog darf der Therapeut selbst kein Anliegen haben; - außer dem, dem Klienten möglichst nahe zu sein.

Puppentheater ist zwar für Publikum gedacht, jedoch immer Ich-konzentriert, was den Künstler angeht, der mit seiner Kunst und seinem Tun im Mittelpunkt steht.

Therapeutisches Puppenspiel

Es ist das Spiel des Kindes.

Das Spiel steht für sich selber. Der Spielprozess steht im Vordergrund und das, was er beim Spieler bewirkt. Es handelt sich um einen geschützten Raum, aus dem nichts nach außen dringen darf. Das Spiel wirkt befreiend und Spannung abbauend, indem es dazu dient, verdrängte Gefühle nach außen zu bringen, Ängste abzubauen, Konflikte zu lösen. Z.B. steht die Hexe, die getötet werden darf, vielleicht für Aggressionen gegen die Mutter. Ängste nehmen in der Figur Gestalt an und verlieren damit an Kraft, da spielerisch damit umgegangen werden kann. Der Spieler spielt, wie er sich gerade fühlt, und dabei gibt es keine Zuschauer, keine Bewertung und keine Theaterkritiken. Die Beziehung zum Mitspieler (Therapeut) ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Prozesses. Der Therapeut kann erkennen, sofern er die Symbolsprache versteht, was das Kind ihm mitteilt.

Puppentheater

Es ist ein Spiel alleine des Puppenspielers für die Öffentlichkeit. Er spielt für den Zuschauer, der verzaubert, belehrt und/oder unterhalten werden soll. Der Zuschauer selbst kann das Spiel nur mittels seiner Phantasien und Projektionen mitgestalten. Es ist auch nicht entscheidend wichtig, ob er sich voll auf das Stück und seine Aussage einlässt. Es kann für ihn trotzdem unterhaltsam sein. Die Inszenierung stellt sich der Kritik der Öffentlichkeit. Das Stück wird immer wieder gleich gespielt; – allerdings oft auch mit kleinen Veränderungen, – so wie es jeweils unter der Hand des Spielers „reift“. Aktuelle Gefühle der Spieler sollten keine Rolle spielen.

Therapeutisches Puppenspiel

Spiel des Therapeuten

Er spielt nach Anweisungen des Kindes. Das Kind steht immer im Mittelpunkt. Der Therapeut ist Begleiter, Helfer, Zuhörer, Einfühler, Beobachter und Anreger. Er begleitet das Kind in der Bewältigung einer schwierigen Lebensphase und handelt therapeutisch auf Grund von Einfühlung in das psychische Problem des Kindes. Er braucht Intuition und psychologisches Fachwissen.

Puppentheater

Spiel des Puppenspielers

Die Puppenspieler sind hier die Chefs, ihre Ideen sind entscheidend. Sie haben sich aus bestimmten Gründen für ein Stück entschieden und spielen es aufgrund ihrer persönlichen Entscheidung in ihrer persönlichen Interpretation.

Therapeutisches Puppenspiel

Inszenierung

Im therapeutischen Kontext erwarten wir gar nicht, dass eine geschlossene Geschichte gespielt wird. Sie kann u. U. auch sehr langweilig für Zuschauer sein, - und sie ist immer wieder anders. Ein Bügelbrett dient als Bühne. Drei Figuren und wenige Requisiten reichen aus, um eine Geschichte zu erfinden, und die Sprache kommt „aus dem Bauch“.

Puppentheater

Inszenierung

Hier wird Perfektion angestrebt: Licht, Musik, Bühnengestaltung und Figuren sollten zusammen mit der Aussage des Stückes aus einem Guss sein. Das Stück selbst hat einen Rhythmus und einen Spannungsbogen. Die Sprache ist poetisch.

Therapeutisches Puppenspiel

Figuren

Sie sind in ihrer Aussage eindeutig festgelegt (archetypisch) und realistisch in der Gestaltung. Jede Figur hat ihre eigene Aussage. Dennoch setzt jeder Klient die Figuren anders ein, und die Deutung durch den Therapeuten erfolgt anhand ihrer Handlungen. Jeder kann sie herstellen.

Puppentheater

Figuren

Sie müssen nicht völlig ausgestaltet sein und lassen in jedem Fall Raum für Phantasien der Zuschauer. Sie unterwerfen sich der Aussage des Stückes und haben festgelegte Charaktere. Die Figur ist in ihren Bewegungsmöglichkeiten, in ihrer Kleidung und ihrer Stimme speziell für diese Rolle festgelegt worden und oft auf das Wesentliche reduziert, so dass sie viel Raum für Projektionen lässt. Oft hat ein Künstler sie hergestellt.

1.4. Therapeutisches Puppenspiel

Ansätze, das Puppenspiel als Teil des therapeutischen Geschehens auch eigenständig und zentral zu betrachten, gibt es in allen therapeutischen Strömungen, seit es Psychotherapie mit Kindern gibt. Wie das Puppenspiel in der Kinderpsychoanalyse einzusetzen ist, zeigte Madelaine Rambert (23) auf. Auch im Rahmen der Gestalttherapie mit Kindern und Jugendlichen hat das Puppenspiel einen wichtigen Stellenwert, (24) und mit zunehmender Verbreitung der Familientherapie und systemischen Ansätzen fand es auch dort seinen Platz. (25) Natürlich findet es sich auch in der Kunsttherapie wieder, hat jedoch auch dort seit Ende der 70er Jahre keine wirkliche Ausdifferenzierung erfahren. (26)

In den vergangenen Jahren hat der Begriff „Therapeutisches Puppenspiel“ auf diese Weise eine geradezu inflationäre Bedeutung erfahren. Es ist heute nicht mehr immer klar, welche theoretischen Grundüberlegungen dahinter stehen. Ob der Therapeut für das Kind spielt, das Kind alleine oder der Therapeut mit dem Kind spielt; welche Puppen genutzt und welche Ziele verfolgt werden und vor allem, welches ethische Verständnis dahinter steht. Einig sind sich alle Ansätze darin, dass das Puppenspiel innerhalb ihres jeweiligen theoretischen Rahmens die Figuren als Bedeutungs- (Symbol)träger betrachtet. Wie diese dann jedoch eingesetzt werden, in welchem Umfang, mit welcher Zielsetzung usw., unterscheidet sich dann sehr von Theorie zu Theorie, bzw. ist abhängig von dem jeweiligen Setting (Einzel-Paar-Familie-Gruppe), in dem es zur Anwendung kommt. Gemeinsam ist allen Ansätzen jedoch, dass das Puppenspiel (meist neben Zeichnen, Malen, Sandspiel, Rollenspielen, Imaginationen, Katathymem Bilderleben, Märchenspiel, Märchenerzählen, Skulpturen stellen usw.) eine METHODE unter anderen ist und keine spezielle Ausformulierung erhält, wie nun im Detail mit ihr umgegangen werden soll. Ricarda Müssig schreibt noch 1991: „Eignung: für alle Altersstufen, vorausgesetzt, ein Kind ergreift die Initiative und die Eltern lassen sich hineinziehen. Die Figuren und die ihnen zugeschriebenen Rollen entsprechen kindlichem Erleben bis etwa zur Vorpubertät..... Literatur: Das Verfahren wurde von mir..... an Hand einer Falldarstellung beschrieben. Weitere Literatur ist mir nicht bekannt.“ (27) Auch das von ihr verwendete Figurenrepertoire entspricht dem des klassischen Kasper-Theaters (Kasper, Seppel, Polizist, Gretel, Großmutter etc.) und wird auch von ihr auf dem Hintergrund psychoanalytischer Entwicklungs- und Persönlichkeitsmodelle gedeutet. Ähnlich gehen auch die anderen Autorinnen vor: Das Repertoire ist das klassische Kasper-Theater, der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der diagnostischen Fragestellung: „Welche Geschichte erzählt mir das Kind? Und: Was erfahre ich daraus über die Psychodynamik dieses Kindes?“ Gemeinsam ist diesen Ansätzen auch, dass das Puppenspiel als etwas betrachtet wird, das für Kinder da ist und mit der Pubertät ein natürliches Ende findet, es sei denn, „die Eltern lassen sich hineinziehen“ (s.o.). In den letzten Jahren gewannen immer mehr Großfiguren oder bestimmte Handpuppen-Tiere, auf deren Herstellung sich vor allem der amerikanische Markt spezialisiert hat, für das Spiel der Therapeuten an Bedeutung. Sie werden somit in erster Linie als Kontaktschaffer genutzt oder dem Kind (und neuerdings bevorzugt auch älteren Menschen) wird eine Figur als Identifikationsfigur vom Therapeuten angeboten (z.B. die schüchterne Schnecke, die sich sofort wieder in ihr Haus zurückzieht, wenn die Annäherung zu unsensibel erfolgt).

Versuche, dem Puppenspiel einen besonderen Stellenwert und eine größere Ausformulierung zu geben und es auch über den Anwendungsbereich der Kindertherapie hinaus zu erweitern, gab es wie bereits mehrfach erwähnt, vor allem in der integrativen Psychotherapie (28). Über längere Zeit hinweg wurden die verschiedenen theoretischen Ansätze und methodischen Zugangsweisen jedoch nicht konzentriert und/oder weiterentwickelt, so dass jede Therapieform mehr oder weniger das Puppenspiel in ihrem Repertoire hatte, jedoch keine eigenständige Ausformulierung einer Theorie erfolgte. Dies geschah in Ansätzen Anfang der 90er Jahre: Hilarion Petzold formulierte es für die Integrative Therapie mit Kindern (29). Und aus einer anderen Richtung, nämlich vom Puppenspiel selbst herkommend, erarbeitete Käthy Wüthrich eine Form, die das Puppenspiel ganz und gar in den Mittelpunkt des Geschehens in der Kindertherapie rückte. (30) Auch die Gründung der deutschen Gesellschaft für Therapeutisches Puppenspiel im Jahre 1984 (31) spricht für das Bedürfnis und das Bemühen einiger Therapeuten, ein eigenes Forum für das Puppenspiel zu finden.

Die sich seit einigen Jahren entwickelnden, unterschiedlichen therapeutischen Ansätze nehmen für sich in Anspruch, die Puppen immer stärker in das Zentralgeschehen der Therapie einzubeziehen, ja sogar eigene Therapieformen zu sein. Sie fungieren unter den unterschiedlichsten Begriffen:

Therapie mit Puppen

(gerontologische) Clown- und Puppentherapie

Therapeutisches Puppenspiel

Puppenspieltherapie (für Kinder)

figuratives Psychodrama mit Puppen

Kurzzeittherapie mit Puppen

Auf den ersten Blick ist ihnen einiges gemeinsam:

Alle stützen sich (zumindest implizit) auf tiefenpsychologische Ansätze.

Alle arbeiten mit Symbolen.

Alle konzentrieren sich darauf, in der Therapie dem Unbewussten Raum zur Entfaltung zu geben (und soweit sie mit Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten, dieses Unbewusste auch zur bewussten Wahrnehmung zu bringen).

Für die meisten Ansätze ist die Gestaltung der eigenen Figur ein wesentliches Element.

Puppenspiel dient nicht mehr primär diagnostischen Zwecken oder ist ein Element unter vielen, sondern ist tragendes Element der Therapie.

Ergänzende methodische Elemente finden sich

in der Märchenarbeit

in künstlerisch-kreativem Arbeiten (Malen und Zeichnen)

in der Poesie- und Bibliotherapie (eigene Geschichten schreiben)

in der Leib- und Bewegungsarbeit, die offenbar je nach „Herkunft“ der Therapeuten und/oder persönlichen Vorlieben und Neigungen mehr oder weniger Raum erhalten.

Wenn in der Folge von Therapeutischem Puppenspiel die Rede ist, so ist die Puppe in jedem Fall mehr als Mittel zum Zweck. Sie kann mehr, und sie will auch mehr als ausschließlich Objekt in der Hand des Therapeuten sein, mit dem er bestimmte Therapieziele erreichen oder bestimmte Techniken anwenden möchte.

So ist sie nicht nur da, damit der Therapeut einen leichteren Kontakt zum Klienten bekommt oder ihn ermuntert, bestimmte Dinge zu tun, – was sicher die am häufigsten gesehene Funktion ist. (32) Sie ist auch nicht nur da, damit der Therapeut dem Klienten mit ihrer Hilfe verschiedene Bewältigungsstrategien für sein Problem aufzeigen kann. (33) Oder damit der Therapeut, ansetzend an einer bestimmten Fragestellung, dem Klienten die Dynamik seiner inneren Anteile sichtbar machen kann. (34)

In all diesen Fällen wird sie zum Instrument in der Hand des Therapeuten degradiert.

Aber die Puppe kann deutlich mehr. Insa Fooken spricht in ihrem Buch mit dem in diesem Sinne ausgesprochen gelungenen Titel: „Puppen – heimliche Menschenflüsterer“ (35) von der „Puppifizierung des Objektes“ und meint damit, dass letztlich jedes Objekt im eingangs erwähnten Sinne belebt und damit auch beseelt werden kann. Sicher ist dabei von besonderer Bedeutung, welche Art Puppe wir als verantwortliche Therapeuten wo und wie anbieten. Erfüllt sie die Funktion, die sie erfüllen soll? Wird sie dabei den Bedürfnissen des Gegenübers gerecht? Lässt sie ihm die Freiheit, sie als Gegenüber ernst zu nehmen? Das sind in jedem Fall wichtige Leitfragen, die das Handeln des Therapeuten bestimmen müssen. Immer aber bleibt die Puppe Objekt.

So wie wir die Puppe im Idealfall sehen, wird sie jedoch vom Klienten zum handelnden Subjekt erhoben, das besser weiß als er selbst, was er fürchtet oder liebt, was er braucht, was ihm hilft und was er meiden möchte. Die Puppe „flüstert“ es ihm „heimlich“ zu. Und das gilt für die Puppe auf der Hand des Klienten; aber ebenso für die auf der Hand des Therapeuten. Damit geben wir sehr viel Therapeutenmacht an die Puppe ab – was auch bedeutet, dass wir sehr viel Vertrauen in sie und ihren Dialog mit dem Klienten haben müssen. Denn wir wissen nie, wo sie uns aktuell gerade hinführt:

Auf dem kürzesten Weg zu einer intuitiv erkannten Lösung, die wir als Therapeuten dem Klienten auch mit allen methodischen Tricks nicht hätten anbieten können oder

in die schwarzen Tiefen traumatischer Abgründe.

Ihr so viel Verantwortung abzugeben, erfordert großen Mut vom Therapeuten und großes Vertrauen in die autonome Kraft der Puppen. Der Therapeut muss dann der Puppe im Verbund mit dem Klienten zunächst die Steuerung überlassen und kann zunächst nur für eine Halt gebende Struktur sorgen. Diese jedoch ist extrem wichtig, damit der Klient sich zusammen mit der Puppe überhaupt auf die abenteuerliche Reise machen kann.

Erst in einem zweiten Schritt reflektiert der Therapeut das Geschehen und kann überlegen, wie er sich in Zukunft zum Mitarbeiter der Puppe machen kann.

Dennoch kann die Frage, ob Therapeutisches Puppenspiel ein eigenständiges Therapieverfahren darstellt, zum jetzigen Zeitpunkt sicher nur in Ansätzen und als Versuch beantwortet werden. Wichtig ist sicher auch, in der derzeitigen Diskussion über das Therapeutische Puppenspiel, die Frage der Wissenschaftlichkeit nicht zu vermischen mit der Frage der Wirksamkeit. D. h., ob Therapeutisches Puppenspiel als ein eigenständiges Therapieverfahren zu betrachten ist, hat nichts zu tun mit der Frage, wie und was dort wirkt.

Zunächst einige Sätze zur Frage der Wissenschaftlichkeit:

In dem 2. Band des Handbuches der Kunsttherapie findet sich ein Vortrag von Hilarion Petzold (36), in dem er für die Kunsttherapie beschreibt, welche Bedingungen erfüllt sein müssten, damit sie ein eigenständiges therapeutisches Verfahren wird. Dieses Modell, das ja für alle Therapieformen gilt, ist gut auf das Therapeutische Puppenspiel zu übertragen. Dazu gehören die folgenden Elemente, die im Einzelnen ausformuliert, genau beschrieben, wissenschaftlich untersucht und begründet sein müssen.

Zum einen braucht jedes therapeutische Verfahren eine Metatheorie, d.h. einen großen Rahmen, in den sich eine Therapie einordnen lässt. Denn keine therapeutische Richtung kommt aus ohne:

Menschenbild, d.h. eine philosophische Überlegung darüber, wie der Mensch (an sich) beschaffen ist. Es bestimmt in gewissem Sinne auch die

Ethik, die von großer Bedeutung ist, da es sich bei jeder Form von Therapie um gezielte Beeinflussung im Rahmen eines Machtverhältnisses (Therapeut – Klient) handelt. Dazu kommt eine exakt ausformulierte

Erkenntnistheorie, d.h. eine Überlegung darüber, wie Veränderung/ Lernen/ Therapie/ Heilung geschieht. Diese ist immer eingebettet in eine spezifische

Gesellschaftslehre, die insofern von Bedeutung ist, als sie bestimmt, wer ein Interesse an der Therapie hat und in wessen Auftrag sie erfolgt. Sie beantwortet auch Fragen wie:

Was heißt es, Patient zu sein?

Welches sind die gesellschaftlichen Einflüsse auf das Handeln des Patienten?

Welches sind die gesellschaftlichen Einflüsse auf das Handeln des Therapeuten? (Was lässt er zu? Was macht ihm Angst? Welches Rollenbild vertritt er? Welches Familienbild vertritt er? usw.)

Außerdem gehört zweitens zu jedem therapeutischen Verfahren eine realexplikative Theorie. Sie erklärt sozusagen, wie die Therapie „funktioniert“ und muss enthalten:

Eine Persönlichkeitstheorie, die die Frage beantworten können muss, wie Persönlichkeit entsteht, wie sie aufgebaut ist und wie sie funktioniert.

Eine Entwicklungstheorie, die Aussagen machen können muss über die psychische, perzeptionelle, sensumotorische, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung des Menschen.

Eine Theorie der Pathogenese, die Fragen darüber beantworten können muss, wie Krankheiten entstehen.

Und schließlich eine allgemeine Theorie der Psychotherapie.

Diese umfasst die Bereiche

Diagnostik (Um welche Krankheit handelt es sich?)

Indikation (Was braucht ein Patient mit dieser Krankheit für seine Heilung?)

Prognose (Wie sehen die Heilungschancen aus, und wie lange dauert es?)

Eine spezielle Theorie der Psychotherapie, die sich mit der therapeutischen Beziehung befasst und Prozesse betrachtet und erklärt wie

Übertragung

Gegenübertragung

Widerstand

Abwehr.

Und letztlich die Praxeologie, die die Einzelheiten des therapeutischen Prozesses und das praktische Vorgehen beschreibt und sich daher immer aus den anderen Bereichen ableitet.

Sie muss auch die Beschreibung der Methode enthalten, d.h. eine in sich konsistente Strategie des Handelns im Rahmen eines Verfahrens, sowie

außerdem eine Beschreibung der Technik, die alle dieser Methode innewohnenden Arbeitsmöglichkeiten umfasst. Im Therapeutischen Puppenspiel sind das z.B. Puppenherstellung, Erfinden von Geschichten, in Szene setzen von Geschichten, unterschiedliche therapeutische Interventionen wie z.B. Rollenwechsel usw.

Zur Praxeologie gehört auch eine Beschreibung des Mediums, das heißt des verwendeten „Vermittlers“ oder Bedeutungsträgers, z.B. Handpuppe, Stabpuppe, Großpuppe, Schattenspiel, Ton, Bild, Wort usw.

Schließlich gehört hierher eine Beschreibung der Form, d.h. ob es sich um Einzel- oder Gruppentherapie handelt

sowie eine Beschreibung des Settings (stationär oder ambulant)

und der Modalitäten, die die Art der Vorgehensweise wie z.B. konfliktzentriert, erlebnisorientiert, übend usw. beschreiben.

Wenden wir dieses Modell der Anforderungen an eine Psychotherapie streng an, so steht fest: Therapeutisches Puppenspiel ist NOCH keine eigenständige Psychotherapieform, – ebenso wenig wie die verschiedenen Ansätze der Kunsttherapie, der Transaktionsanalyse, der Körperpsychotherapien usw., denn die Mehrzahl von ihnen lehnt sich an verschiedene Grundlagenmodelle aus älteren, theoretisch gut fundierten und beschriebenen Therapieformen an: S. Freud, C.G. Jung, F. Perls u.a. die sie dann selbst weiterentwickeln.