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Das Buch schildert die Traumabearbeitung eines Kindes über zwei lange Therapiephasen vom sechsten bis fünfzehnten Lebensjahr einschließlich eines Evaluationsgesprächs im jungen Erwachsenenalter. Der Schwerpunkt liegt auf der detaillierten Darstellung der Methode des Therapeutischen Puppenspiels und der Neuerarbeitung eines Lebensnarrativs. Die Schilderung des Therapieverlaufs aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten trägt zur Veranschaulichung bei.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2021
Vorwort zur überarbeiteten und erweiterten zweiten Ausgabe
1. Das Angebot des Therapeutischen Puppenspiels
2. Mit Märchen arbeiten
2.1. Märchen und Therapie
2.2. Das Wesen des Märchens
2.3. Märchen praktisch nutzen
3. Trauma
3.1. Begriff, Geschichte und Diagnostik
3.2. Therapiemöglichkeiten
3.2.1. Traumabezogene Spieltherapie
3.2.2. Das Therapeutische Puppenspiel
3.2.3. … und die Märchen?
4. Damit es gelingen kann
4.1. Voraussetzungen, die für das Kind erfüllt sein sollten
4.2. Bedingungen, die die Therapeutin erfüllen sollte
4.3. Ansprüche an die konkrete Arbeit im Therapeutischen Puppenspiel
5. Wie Dornröschen sich selbst befreite
5.1. Die Vorgeschichte und wie alles begann
5.1.1. Was Maren erzählen kann
5.1.2. Was die Pflegemutter weiß
5.1.3. Erster Eindruck der Therapeutin
5.2. Erste Begegnungen
5.2.1. Maren - mit den Augen der Therapeutin gesehen
5.2.2. Die Therapeutin - mit den Augen von Maren gesehen
5.3. Die Stabilisierungsphase oder: Die Märchen der ersten Zeit
5.3.1. Dornröschen – Schneewittchen
5.3.2. Marens Spielweise
5.3.3. Die Deutung
5.4. Die Konfrontationsphase: Katzenkinder und Hexenkinder
5.4.1. Katzenkinder
5.4.2. Hexenkinder
5.4.3. .......und wie geht es der Therapeutin?
5.5. Integration und Neubeginn: Das andere Kind
5.5.1. Die große Wende
5.5.2. Was die Pflegemutter am Ende sagt
5.5.3. Was Maren am Ende sagt
5.6. „Glücklos“ - Das Märchen der frühen Jahre
5.7. Rückblickende Bewertung
6. Dornröschen muss heiraten – Traumatherapie mit einer pubertierenden Jugendlichen
6.1. Wiederbeginn und Widerstand
6.2. Die Stabilisierungsphase: Familie, Liebe, Sexualität und Macht
6.2.1. Königsväter dürfen alles
6.2.2. Wer gehört zu meiner Familie?
6.2.3. Wer bin ich?
6.3. Konfrontationsphase: Die Selbstbehauptung
6.4. Die Integrationsphase: Märchen, Märchen, Märchen
6.4.1. Das Abschlussmärchen
7. Angekommen
Literatur
Dank
„Traumatherapie und Puppenspiel – Wie Dornröschen sich selbst erlöste.“ erschien als Falldarstellung 2008. Das Kind, dessen Therapiegeschichte dort erzählt wird, war damals zwölf Jahre alt und das Wissen über die Behandlung von komplex traumatisierten Kindern noch sehr frisch. Bei Therapiebeginn 2003 und den ersten Jahren der Therapie, die in dieser Falldarstellung beschrieben sind, steckte dieses Wissen sozusagen noch in den Kinderschuhen. Trauma und Bindungsstörung wurden häufig in der Literatur in einem Atemzug genannt, da sowohl die Ursachen als auch die Störungsbilder zumindest teilweise sehr ähnlich sind. (Kuntzag, 1998; Brisch& Hellbrügge, 2003)
Mit Bindungsstörungen kannte ich mich bereits aus: in 10 Jahren Mitarbeit in einem Forschungsprojekt zu Bindungsstörungen und nach 14 Jahren als Kindertherapeutin in freier Praxis hatte ich in dem Bereich viele theoretische und praktische Erfahrungen gesammelt. Zudem schien sich die Arbeit mit dem therapeutischen Puppenspiel geradezu für solche Kinder anzubieten. Sie wurden mir im Laufe der Jahre immer häufiger als „austherapierte“ oder „hoffnungslose“ Fälle geschickt – immer mit dem Argument, dass die symbolische und bei Bedarf sprachfreie Arbeit an der Puppenbühne für diese Kinder eine letzte Chance darstelle. Und die Kinder ergriffen diese Chance mit Begeisterung.
Kam zu der Bindungsstörung jedoch ein Trauma hinzu, wurde es kompliziert: denn lange Zeit (und bei manchen Therapeuten und Wissenschaftlern auch heute noch) herrschte die Überzeugung, dass die sogenannte „erlebniszentrierte Methode“ des Therapeutischen Puppenspiels eine Reinszenierung des Traumas geradezu herausfordere. Die Warnungen: „Achtung Dissoziation“ und „Vorsicht vor Retraumatisierung“ blinkten überall auf. Und ja - es stimmt natürlich: die Puppen aktivieren das szenische und atmosphärische Gedächtnis und die Spieler*innen können von Erinnerungen überflutet werden. Dass dies jedoch gleichzeitig die Chance eröffnet, diese re-aktivierten Erfahrungen aus der Vergangenheit auch neu ordnen zu können, machen wir uns ja gerade beim Therapeutischen Puppenspiel zunutze. Dass es zu emotional hoch aufgeladenen Spielen kommt, stimmt ebenfalls. Diese entgleisen nicht, wenn die Therapeut*in hinreichend viel Sachkenntnis hat und vor allem eine haltgebende Beziehung zu dem Kind aufrechterhalten kann. Dazu gehört meines Erachtens an allererster Stelle, dass wir selbst keine Angst haben, vor den Monstern, die dort geweckt werden können. Wenn ein Kind spürt, dass wir ihm in die Abgründe seines Erlebens folgen können, entlasten wir das Kind und Vertrauen entsteht.
Nebenwirkungen des Spiels zu verhindern, dazu sind wir da. Und Nebenwirkungen sind mit Sicherheit viel größer, wenn ein Kind außerhalb der therapeutischen Situation traumatische und bedrohliche Szenen reinszeniert – denn das tut es auch im alltäglichen, nicht-therapeutischen Spiel automatisch. Alle „bösen“ Figuren aus dem Figurenensemble zu entfernen hilft hier sicher nicht, denn es kann – wie wir ja wissen – alles mögliche zu einem Triggerreiz werden. Für mich stehen all diese Überlegungen und Argumente in der Reihe eines allgemeinen Zurückschreckens vor der Arbeit mit traumatisierten Menschen – die Angst vor dem „Erwecken des Monsters“ scheint bei allen Erkenntnisfortschritten der vergangenen Jahre doch immer Begleiter zu bleiben.
Gleichzeitig konnte ich jedoch beobachten, dass die Kinder selbst mit großer Energie und geradezu mit Lust ihr Trauma auf der Symbolebene darstellten und offenkundig auch bearbeiteten. Und dass ihnen dabei die Möglichkeit auch ohne Sprache zu arbeiten offenbar sehr half.
Als Therapeutin hatte ich allerdings in den ersten Jahren nur wenig konkrete Hilfen und musste mich zusammen mit „Dornröschen“ auf einem abenteuerlichen und unsicheren Weg durch ihre Geschichte arbeiten – immer im Vertrauen darauf, dass sie selbst am besten wusste, welche Kapitel ihrer furchtbaren Erlebnisse und wie viel von dem erlebten Schrecken sie gerade verarbeiten konnte. Und auch, was ihr nächstes Ziel sein würde.
Meine damals einzige Stütze war ein Artikel von Dorothea Weinberg (2000). Dort habe ich erstmals etwas darüber erfahren, dass eine Auseinandersetzung mit den traumatischen Inhalten (in symbolischer Form) zwingend zu einer gelungenen Bearbeitung des Traumas dazugehört und dass eine spielerische Reinszenierung der Bearbeitung hilft, sofern sie nicht in einer zwanghaften Wiederholung stecken bleibt. Wie das allerdings im konkreten Fall passieren könnte und wie es aussehen dürfte und wo die Grenzen wären …. all das blieb mir zunächst unbeantwortet und jede Behandlung eines traumatisierten Kindes stellte ein neues Abenteuer dar.
Mit Maren hatte ich nun ein Kind, das nicht nur allen Kriterien eines komplex traumatisierten Kindes entsprach, sondern gleichzeitig ein Kind, das „es wissen wollte“. Mutig, kopfüber und mit einer Energie, der ich mich nicht widersetzen konnte, stürzte sie sich in das Abenteuer. Mir blieb gar nichts anderes übrig als mit ihr zu gehen.
Die erste Ausgabe des Buches (hier Therapiephase 1) beschreibt also im Wesentlichen meinen unsicheren Weg mit ihr und meine eigenen Fragen, die immer wieder auftauchten. Deshalb sind große Teile des Textes hier auch als eine Art innerer Monolog dargestellt oder im Versuch die Perspektive des Kindes einzunehmen. Und Maren bewies mir WIE wichtig das Eintauchen in die Trauma-Wiederholung war – vorausgesetzt sie konnte sich in der therapeutischen Beziehung sicher und geschützt fühlen.
Als wir nach zwei Jahren emotional aufwühlender Arbeit diese erste Therapiephase beendeten, war inzwischen auch die Literatur über die Traumatherapie mit Kindern angewachsen (Levine&Klein dt. 2005 und Weinberg 2005) und hatte mich auf unserem Weg bestätigt. So entstand das erste Buch.
Bei der zweiten Therapiephase 2007 bis 2009 war das Wissen über Traumatherapie mit Kindern und die Beschreibung der praktischen Umsetzung noch einmal angewachsen. (Krüger & Reddemann 2007; Hensel 2006). Aktive Imagination oder EMDR wurden wichtige Werkzeuge. Sie setzen, meiner Erfahrung nach, stark bei den sprachliche Kompetenzen an. Die Kinder, die in zunehmender Zahl bei mir ankamen, brachten jedoch genau diese häufig nicht mit. Fast immer entwicklungsverzögert, war auch ihre Fähigkeit zu Konzentration und sprachlichem Ausdruck nicht altersgerecht. Über Gefühle zu sprechen war ihnen häufig nicht möglich – sie hatten keine Worte für das Erlebte und/oder es lag so weit in ihrer Kindheit zurück, dass es noch vor der Spracherwerbsphase lag und es keinen Namen dafür gab.
Hier half nun wieder das Therapeutische Puppenspiel. Und das durchaus auch – wie man bei der dann 11 bis 13jährigen Maren gut sehen kann – in Zeiten der Pubertät, in der das Spielen als Ausdrucksmöglichkeit langsam an Bedeutung verliert, nicht aber die universelle Möglichkeit des symbolischen Ausdrucks, dort wo Sprache nicht hinreicht oder nicht zur Verfügung steht.
In der Summe hatte Maren 160 Therapiestunden in etwas mehr als fünf Jahren mit zwei Jahren Unterbrechung und größeren Abständen der Therapiestunden gegen Ende der Behandlung.
Die Idee, dem alten Buch weitere Kapitel hinzuzufügen, entstand jedoch erst viele Jahre später, als mich ein Anruf von der nun 21jährigen Maren erreichte: Sie habe das Buch über ihre Geschichte (das ihr die Pflegemutter mit einem Begleitbrief von mir auf meine Bitte hin zu ihrem 18. Geburtstag überreicht hat) nun erst richtig gelesen und hätte gerne ein „Abschlussgespräch“. Ich war einerseits begeistert über ihre weitere Entwicklung und zusammen mit ihr stolz über ihren Werdegang. Gleichzeitig zeigte es jedoch auch, dass die Bearbeitung sich strukturell auswirkender Traumata in jedem Lebensabschnitt wieder neu thematisiert wird, auch wenn die akuten Belastungen nicht mehr so dramatisch sein müssen und das Leben nicht mehr in gleichem Ausmaß bestimmen wie vor der Traumabearbeitung.
Über die biographische Erweiterung des ersten Buches hinaus möchte diese Neufassung aufzeigen, wie unterschiedliche narrative Ansätze vereint zum Ziel führen können. Das Therapeutische Puppenspiel als prozeßorientierte Spieltherapie verfolgt im Wesentlichen das Ziel, dem „sprachlosen“ Kind eine Möglichkeit an die Hand zu geben, die aktuelle Erzählweise seines Lebens zu verdeutlichen und ihm gleichzeitig eine neue Sichtweise und damit neue Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft zu geben. Kapitel zwei zeigt, warum Märchennarrative ein essentieller Bestandteil der Methode sind und schließlich gibt Kapitel drei einen Überblick über die traumazentrierten methodischen Anteile des Therapeutischen Puppenspiels. Diese drei Kapitel stellen die jeweiligen Themen kurz vor. Die eigentliche Fallgeschichte zeigt dann wie Therapeutisches Puppenspiel, Märchen und traumazentrierte Spieltherapie grundlegend zusammenfließen können und die Wirkweise der Therapie wird über einen langen Zeitraum hinweg deutlich.
Dieses Buch möchte Mut machen.
Es möchte den Puppenspieltherapeutinnen und -therapeuten die Angst nehmen, in manchmal tiefe Abgründe hinabzusteigen. Was tun, wenn das Monster tobt und brüllt? Und wenn das traumatische Erleben auch uns in der Übertragung immer näher kommt? Wichtig ist, uns immer wieder klar zu machen, dass wir sicher überleben werden, was das Kind überlebt hat. Und dass das Kind am besten weiß, welcher Weg aus dem Dunkel für es selbst der Richtige ist. Wir müssen hier also auch bedingungslos seiner Kompetenz vertrauen und es fachkundig und Halt gebend begleiten. Das Buch will auch Mut machen, bei den häufigen Wiederholungen von Kämpfen, Schlachten und verzweifelten Bedrohungsszenarien nicht aufzugeben, sondern immer wieder neu Lösungen zu suchen und selbstverständlich auch Trost anzubieten. Manchmal hilft schon eine Kampfpause. Auch wir Therapeutinnen und Therapeuten dürfen das Recht anmelden uns ausruhen zu dürfen. Mut braucht auch Methode. Auch der Therapeut braucht Helfer wie der Held im Märchen. Deshalb gibt es in Kapitel vier eine Art Kompass, was wir in verzweifelten Momenten tun können und dürfen. Denn das Therapeutische Puppenspiel gibt uns geradezu wörtlich die Möglichkeit, dem Kind einen Weg zu ebnen - weg von der Erfahrung „es passiert mir“ hin zu „ich habe es (spielerisch) in der Hand“.
Eine Anmerkung zum Schluss. Um im weiteren Text „Sprachmonster“ zu vermeiden, benutze ich in Zukunft für die Therapeut*innen immer nur die weibliche Form. Zum einen, weil ich selbst eine Frau bin und viel von mir erzähle und auch, weil nur sehr, sehr wenige Männer auf diesem Arbeitsfeld anzutreffen sind.
Darüber hinaus ist es selbstverständlich, dass nicht nur Marens Name und Lebensumstände anonymisiert sind, sondern auch alle anderen im Buch erwähnten Namen von Kindern oder Eltern.
Mainz im November 2020
„Die Redecouch ist doch kein Bühnenbrett!!“ Kind beim Angebot der Therapeutin, sich doch erst einmal kurz hinzusetzen, um anzukommen.
Puppenspiel im Rahmen der Kinderspieltherapie zu nutzen hat Tradition und ist seit den 30er Jahren und später nach dem zweiten Weltkrieg als erfolgreiche Therapiemöglichkeit (nicht nur für Kinder!) immer wieder beschrieben worden. (u.a. Bender&Woltmann, 1936; Bryan, 1951)
Seltsamerweise hat es sich jedoch bislang nicht wirklich als eigene Therapieform durchgesetzt, obwohl seit den 80er Jahren etliche Veröffentlichungen erschienen sind (Petzold, 1983; Gonseth & Zöller, 1985; Wüthrich & Gauda, 1990; Gauda, 2016), eine eigene Fachgesellschaft gegründet wurde (www.dgtp.de) und unterschiedliche Ausbildungsangebote bestanden und bestehen.
Ein Sortiment an Handspielfiguren im Spielzimmer hat Tradition in der Kindertherapie. Einigkeit besteht auch darin, dass insbesondere Handpuppen (gegenüber Tischfiguren, Stabpuppen, Marionetten) von Vorteil sind, da sie erlauben, das Spiel „handhabbar“ zu machen. Außerdem „begegnen (sie) sich aus narrativer Sicht jeweils mit externalisierten Aspekten des Verhaltensrepertoires“. (vgl. Brächter, 2010, S. 149) Dennoch: Handpuppen sind ein einerseits beliebtes - bei näherer Betrachtung letztlich aber doch eher selten genutztes – Angebot. Dass die Charakteristika der Rollen im Puppenspiel schneller zutage treten als im „normalen“ Rollenspiel kennen wir aus dem Figurentheater. So bleibt das Angebot der Figuren aber leider häufig bei einem klassischen Kasperletheater-Sortiment: Kasper – Räuber – Großmutter – Prinzessin - Krokodil – Polizist.
Außerdem reicht es nicht, den Vorteil nutzen zu wollen, dass ich mit einer Handpuppe als Therapeutin leichter mit dem Kind in Kontakt komme, wie immer wieder propagiert wird. Nach meiner eigenen Einschätzung ist das sogar eine der schwierigsten Übungen. Kinder, die wenig Zugang zur magischen Ebene haben, sind spürbar irritiert und Kinder, die der magischen Wirkung der Figur noch voll folgen, erschrecken häufig, wenn sie irgendwann ja doch auf der Realebene angesprochen werden (müssen). Und die vorgeschlagenen Techniken, wie die Puppe eingesetzt werden kann, sind häufig eine Art Frage-Antwort-Spiel, das ebenso gut ohne Handpuppe stattfinden könnte. Die therapeutischen Techniken, wie Interventionen aus der Spielrolle heraus, sind auch für Kinder sehr transparent und werden schnell als Einwirkung erfasst. (vgl. u.a. die Beispiele in Retzlaff, 2008) Damit wird in meinen Augen jedoch der Vorteil – sich spielend mit der Puppe zu identifizieren – wieder zunichte gemacht.
Auch die Frage, wer spielt und wie und wer die Figur(en) nach welchen Kriterien aussucht wird nicht immer hilfreich beantwortet. Häufig spielt das Kind alleine und die Therapeutin interveniert mit Fragen (vielleicht sogar mit einer Figur auf der Hand) oder reflektiert das Spiel der Kinderfigur. (Aichinger, 2010) Das gelingt bei sehr erfahrenen Therapeutinnen, mündet aber häufig in Warum-Fragen, die jede Spontaneität des Kindes ausbremsen.
Um in der Spieltherapie wirklich eine Möglichkeit zu geben mit den Handpuppen alte Lebensgeschichten zu erzählen und neue Narrative zu entwickeln, soll hier nun zunächst kurz, wie in einer Art „Manual“, die Herangehensweise an das Spiel auf der Bühne beschrieben werden.
Wir nutzen im Therapeutischen Puppenspiel die Möglichkeit mit strukturierenden Hilfen (Figuren/ Gegenstände/ Ort) im gemeinsamen Spiel biographische Prozesse symbolisch auf die Bühne zu bringen, sie so besser zu verstehen, Problemerzählungen zu dekonstruieren, Erfahrungen neu zu bewerten und für zukünftige Situationen neue Handlungsalternativen auszuprobieren. So kann das Kind eine neue Lebensperspektive finden, sein eigenes Handeln und das der anderen Menschen besser verstehen, sich selbst ermächtigen, in Zukunft anders zu handeln und ein neues, anders Selbstbewusstsein zu entwickeln. Es findet neue Geschichten, denen es erlaubt, sein Leben zu regieren und findet Zugang zu seinen Ressourcen.
Ich möchte jedoch davor warnen, dies als eine Art Bedienungsanleitung zu betrachten – die einzelnen Elemente können vom Kind beliebig variiert, in ihrer Anzahl unterschiedlich genutzt und gestaltet werden. Es ist ein immer gleich aussehendes Angebot in einem festen Rahmen, das jedoch von jedem Kind unterschiedlich befolgt oder variiert wird.
Spielfiguren
Bereits das Angebot an Spielfiguren ist bei der Puppen-Spieltherapie anders als im Kaspertheater. Es gibt eine Reihe von Figuren, die die Familie über die Zeit repräsentieren: Mutter –Vater – Baby–Mädchen – Junge – Großmutter und Großvater. Aber auch jede Menge Berufe: unentbehrlich sind Polizist, Arzt und Koch. Häufig braucht es aber auch einen Jäger, einen Ritter oder andere Spezialisten. Selbstverständlich haben wir auch gefährliche Zeitgenossen im Angebot wie den Räuber, die Hexe oder einen bösen Magier, den Tod und andere mythische Gestalten, die symbolisch für Menschen in der Umgebung des Kindes und deren Niederschlag als Erfahrungen im Kind stehen. Jede Figur kann natürlich auch eine Selbstrepräsentation des Kindes sein: „Ich bin das Baby“ - „Ich bin stark wie ein Löwe“ usw.
Nicht immer sind diese jedoch auch in ihrem Äußeren erkennbar. Es gibt immer wieder Kinder, die mich damit überraschen, dass sie mir eine ganz unauffällig aussehende Figur auf die Hand geben mit den Worten: „Du spielst die Hexe!“ Natürlich versuche ich so zu tun, als wäre das ganz selbstverständlich. Aber Kinder sind hochaufmerksam auf kleinste Reaktionen und beantworten meine unausgesprochenen Frage mit: „Das kann man der nur nicht ansehen!“ Hier wird auch deutlich, dass nur das Kind die Bestimmungshoheit über die Rolle hat.
Selbstverständlich gibt es auch Tiere im Angebot. Ohne einen Drachen, ein Krokodil, einen Hund und ein Pferd geht es nicht. Wir stützen uns bei dem gesamten Repertoire eben nicht auf den Gedanken des Kaspertheaters, (vgl. Minuth, 1996) sondern erforschen, welche typischen Vertreter an handelnden Wesen für einen Menschen im Laufe seines Lebens eine Rolle spielen und wie er selbst ihnen gegenübersteht. Sie entsprechen in ihrer Erscheinungsform häufig den Protagonisten in Märchen (z.B. König/ Königin/ Prinz/ Prinzessin/ Hexe/ böser Magier) und vertreten symbolisch wichtige Entwicklungs- und Begegnungspartner wie Personen, die eine Bedrohung darstellen aber selbstverständlich auch Helfer und Beschützer. (vgl. Harter, 2012) In der Deutung können dies objektstufig tatsächlich existierende Menschen im Umfeld des Kindes sein, subjektstufig jedoch auch Niederschläge von deren Handeln im Kind selbst. Das ist natürlich auf dem Hintergrund der Identifikation mit dem Aggressor in der Traumatherapie ein besonders wichtiger Aspekt. Jede Figur kann somit eine doppelte symbolische Bedeutung haben.
Unsere Protagonisten könnten so auch im Märchen vorkommen und so werden sie von den Kindern auch verstanden und genutzt. Ohne, dass ich das gesondert ansprechen müsste, sprechen die Kinder selbst oft davon, dass sie ein „Märchen“ spielen werden. So wie im Märchen auch, durchlaufen ihre Helden einen mühevollen Entwicklungsweg, sie geraten in große Gefahren, erfahren unermessliches Leid und müssen ihre Talente wie Tapferkeit, Mitleid, Voraussicht usw. unter Beweis stellen. (siehe weiter unten)
Das hier in Teilen beschriebene Figurenangebot kann dabei natürlich nur rudimentär sein denn potentiell gibt es ja unendlich viele Begegnungsmöglichkeiten. Benötigt das Kind also eine Figur, die wir nicht haben oder entspricht unsere Figur nicht der Vorstellung des Kindes, so kann es sich selbstverständlich diese Figur selbst schaffen. Die Schweizerin Käthy Wüthrich (Wüthrich & Gauda, 1990) hat dazu eine einfache Methode entwickelt, in der ein Kind in kurzer Zeit (wichtig!) eine eigene, sehr naturalistisch aussehende Figur schöpfen kann. Das wird von den Kindern je nach Interesse, Persönlichkeit und Bedeutung der speziellen Figur sehr unterschiedlich genutzt und stellt für manche Kinder sogar die bevorzugte Ausdrucksmöglichkeit dar.
Rolle der Therapeutin
Die Therapeutin ist aktive Mitspielerin oder bietet sich zumindest immer als solche an und spielt ihre Rolle(n) nach Anweisung des Kindes. Hier muss ich also genau das tun, was das Kind mir anweist und habe weder die Möglichkeit eigne Vorstellungen (auch nicht als therapeutische Intervention!) zu realisieren, noch das Geschehen zu hinterfragen. Ich muss ganz den Regieanweisungen des Kindes folgen, das seine selbst erfundene Geschichte als Teil seines Narrativs auf die Bühne bringt. Gleichzeitig ist die Therapeutin Geburtshelferin für die Geschichte des Kindes. Denn natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass jedes Kind mit einer fertigen Geschichte kommt – oder überhaupt mit einer Geschichte – sondern meist eher mit vielen losen Fäden, die erst einmal zu einer Geschichte verwoben werden wollen. Das bedeutet für die Therapeutin, dass sie Strukturen schaffen und Angebote machen muss, die sowohl strukturlosen Kindern Halt geben, als auch den eher gehemmten Charakteren die Möglichkeit geben, loszulassen. Manche Kinder haben sehr viel Fantasie und benötigen dazu keinerlei Anregung. Andere kommen mit der einfachen Anweisung drei Requisiten, drei Figuren und einen Ort auszusuchen schnell zu einer eigenen Geschichte. Andere wollen ein Märchen nachspielen und machen dann ihr eigenes Märchen daraus und wieder andere brauchen vielleicht einen Märchenanfang, um die Geschichte zu Ende zu erzählen. Wobei „erzählen“ hier immer „spielen“ meint. Und da das Handeln so wichtig ist, benötigen wir ein Angebot an Gegenständen, die zum Handeln auffordern: Nahrungsmittel – eine Schatzkiste –Waffen zur Verteidigung – Hilfen auf dem Weg usw.
Spielorte
Der Ort, an dem die Geschichte stattfindet, wird schließlich auf einem Bügelbrett (sehr praktisch: höhenverstellbar und nicht zu breit) mit wenigen Hilfsmitteln wie bunten Tüchern angedeutet. Er ist wichtig, um das Geschehen an einem realen Ort zu verankern und nicht im inneren Chaos zu versinken.
Spielinhalte
Bereits in der Kürze der Darstellung wird deutlich: nicht bei jedem Kind und in jedem Fall bekommen wir in einer Therapiestunde ein komplettes „Stück“ mit Anfang, Steigerung und Schluss. Manche Kinder verblüffen uns mit Blitzaktionen von wenigen Minuten, andere brauchen eine Stunde oder mehr, um überhaupt nur einen Ort zu gestalten. Das hat nicht unbedingt mit Abwehr oder Widerstand zu tun, sondern eher mit einer Art Hemmung. Also damit, ob das Kind überhaupt ein eigenes inneres Bild hat oder ob es sich dieses Bild erst mühsam erarbeiten muss. Die „Geschichten“, die die Kinder entwickeln, können mehr oder weniger offen oder geschlossen, mehr oder weniger lang oder kurz sein. Es gibt Kinder, die im Laufe der Therapie lange geschlossene Schicksalsromane in Fortsetzungen spielen. Andere bringen in jeder Stunde eine kleine Kurzgeschichte oder auch nur Fragmente davon auf die Bühne, oft in Variationen. Was dann immer den Versuch darstellt nach anderen als den bisher bekannten und vertrauten Lösungen zu suchen.
In jedem Fall dient das Geschehen auf der Bühne als Probehandeln. „Ich habe das Leben so oder so erlebt. Nun kann ich ausprobieren, wie es anders sein könnte und welche Möglichkeiten ich selbst habe, anders zu handeln. Ich nehme mein Schicksal mit der Puppe selbst auf/ in die Hand!“
Wir gehen in jedem Fall davon aus, dass die Geschichten der Kinder zentrale Erfahrungen ihres Lebens wiedergeben, so wie sie erlebt wurden. Da dieses Narrativ nicht der objektiv erlebten Wirklichkeit entsprechen muss, häufig auch im Erleben nicht linear, sondern verzerrt, fragmentarisch oder verfremdet ist, sind diese „Geschichten“ nicht unbedingt auf Anhieb verständlich. Dennoch akzeptieren wir die Kinder als Experten für ihr eigenes Leben. Sie kennen ihre Bedürfnisse – und zwar auch dann, wenn sie noch nicht in der Lage sind, sie in Worte oder verständliche Bilder zu fassen. Die Therapeutin steht am Ende der Therapiestunde vor der häufig schwierigen Aufgabe, die gespielten Inhalte zu verstehen. Das ist manchmal beim ersten Anlauf gar nicht möglich. Auch gibt es hierfür kein Nachschlagewerk.
Die Antwort darauf kann nicht sein, dass wir versuchen, dem Kind eine engere, konkretere „Anleitung“ zu geben. Stattdessen brauchen wir viel Vertrauen in den Prozess, „Fehlerfreundlichkeit“ (vgl. Eberhart & Knill, 2010) und Aufmerksamkeit gegenüber Überraschungen. Manchmal gibt es vom Kind nicht einmal eine Geschichte oder wenigstens ein Bild, sondern nur ein schwer verständliches Fragment.
Dazu ein Beispiel der sechsjährigen Judith, einem Mädchen mit einer sehr schweren Bindungsstörung auf dem Hintergrund eines familiären transgenerativen Traumas.
Nie, nicht ein Mal beginnt sie selbst ein Spiel. Sie ist nicht einmal bereit, Figuren, Gegenstände und einen Ort zu bestimmen. Immer lautet ihre Aufforderung: „Fang du an“. Und dann steuert sie mich auf sehr subtile Art, indem sie peu à peu immer mehr eingreift, häufig indem sie zu Beginn nur Regie führt indem sie Geräusche macht oder das Licht verändert. In diesem Beispiel hier weiß sie nur, dass die Geschichte mit einem kleinen Jungen anfängt. Dazu soll ich noch ein Tier aussuchen. Da sie selbst ganz zu Beginn der Therapie einmal einen Hund modelliert hat, wähle ich einen Hund. Junge und Hund richten sich auf der Bügelbrettbühne ein Zuhause ein. In der Zeit holt Judith den Wecker, erinnert sich noch, wie sie ihn klingeln lassen kann und es wird Nacht: Junge und Hund müssen schlafen.
Nun nimmt sie - immer noch wortlos - zwei Kulleraugen aus dem Requisitenregal und, während die Beiden schlafen, kullern die Augen durch den Raum zur Bühne. Der Wecker klingelt. Junge und Hund stehen auf und Judith meint nun: „Die Kulleraugen sind verletzt und müssen verbunden werden!“ Sie kommt selbst mit dem Arztkoffer und die Augen müssen mit Mullbinden und Pflaster richtig verbunden werden. Und nicht nur das: sie werden ganz intensiv behandelt. Fieber wird gemessen, Tropfen werden gegeben. Dann geht Judith weg, verlangt Papier, das wild und unleserlich beschrieben wird und legt damit eine dicke „Krankenakte“ an, die in einen Umschlag mit einem roten Kreuz gesteckt wird. „Da steht drin, was die haben und was die alles nicht können!“ Die Akte kommt zu den Augen, dem Jungen und dem Hund ins Haus. Die Behandlung geht weiter, es gibt Eier als Nahrung, Salben, Medikamente und nach all der aufmerksamen Versorgung versuche ich einen Kommentar: “Die Temperatur ist schon gefallen. Wenn wir uns so weiter um sie kümmern, können die nach einer Woche sicher wieder aufstehen.“ Aber Judith sagt ganz hart: „NEIN!! Die sind noch lange krank!“
Diese Botschaft ist klar und eindeutig und versetzt mir in der 48ten Therapiestunde (!! wie lange soll diese Therapie noch dauern??) zunächst einen Schrecken. Wer hier genau krank ist, um welche Krankheit es sich handelt, wie sie geheilt werden kann …. Das alles sind zunächst unbeantwortbare Fragen und nur die Folgestunden können darüber Auskunft geben.
An dieser Stelle muss ich einfach akzeptieren, dass noch keine „Person“ krank ist und behandelt werden muss, sondern dass die Augen hier wie eine Figur behandelt werden. Noch handelt es sich also um das Fragment einer Figur, ein wichtiges, behandlungsbedürftiges Fragment. Und noch ist es Judith nicht möglich zu verdeutlichen, um wessen Augen es sich eigentlich handelt. Oder gar, was sie wohl gesehen haben, dass sie so schwer krank sein müssen. Aufgrund der Hintergrundgeschichte kann ich jedoch unzweifelhaft deuten, dass zur Zeit ein „Hinsehen“ weder für Judith noch für den Rest der Familie möglich ist.
Gerade früh traumatisierten Kindern fehlt es in der Regel an Worten für ihre Gefühle und inneren Zustände. (Krüger & Reddemann, 2007, S. 68) Im therapeutischen Puppenspiel geht es nun also darum, insbesondere den Kindern, die mit Worten nicht oder nur schwer sagen können, was sie bedrückt und was ihnen Sorgen macht, die Möglichkeit zu geben, ihre persönliche Geschichte bildhaft auf die Bühne zu bringen. Es ist eine spieltherapeutische Methode, die besonders für Kinder geeignet ist, die gerne Rollenspiele spielen. Das Angebot, in eine Figur zu schlüpfen und, anders als z.B. im Psychodrama, die Puppe die Rolle übernehmen zu lassen, erlaubt eine größere innere Distanz zur Rolle und gibt dem Kind die Möglichkeit sich mit der Puppe auszuprobieren. So wird die Hemmung abgebaut, manche Dinge nicht ausdrücken zu dürfen (z.B. Wut oder Trauer) oder zu können (Erinnerungsverlust, Angst oder Schmerz). Das bin ja nicht ich, der/die da so wütend ist – das ist ja nur die Puppe!
Die Triangulation: Kind – Therapeutin – externalisierter Spielinhalt (Figuren, Gegenstände, Orte) gibt einen festen Rahmen und das Kind kann sich über das Element des therapeutischen Settings mit dem es sich am sichersten fühlt, seinen Themen annähern. Es kann z.B. über viele Therapiestunden hinweg einen Ort aufbauen – immer wieder und so lange, bis er sich „richtig“ anfühlt. Oder zunächst die Gegenstände in den Vordergrund stellen. Sie sind einfach da. Zum Beispiel eine Waffe oder noch besser viele Waffen zum Schutz, die immer dabei sein müssen oder der dicke Schlüsselbund aus allen vorhandenen Schlüsseln den der sechsjährige Boris der fünf Jahre in einem osteuropäischen Kinderheim lebte, immer zu Beginn jeder Stunde an seinem Hosenbund befestigen musste..
An dieser Stelle soll noch einmal ein Beispiel aus einem Schöpfungsprozess gegeben werden, für den auch gilt, dass das Kind mir zunächst aus der Distanz zeigen kann, wie seine Welt aussieht.
Der siebenjährige Niklas wurde in seiner frühen Kindheit schwer traumatisiert und gerät heute in der Schule immer wieder in Konflikte mit den anderen Kindern. Zunehmend wird er wie ein streitbares Ungeheuer behandelt, das aus dem Stand buchstäblich den Halt verliert. Gleich zu Beginn der Therapie äußert Niklas den Wunsch, dass er ein Monster schöpfen möchte. Bis er es sich zutraut, gehen jedoch noch einmal vier Stunden vorüber. Dann aber schafft er in zwei Therapiesitzungen ein eindrückliches Monster. Es hat einen recht großen Kopf, einen mürrischen Mund, Hörner und große (kindlich-blaue) Augen. Davon auch ein zusätzliches Paar am Hinterkopf, denn es „sieht alles“. Die Hörner werden golden angemalt, der gesamte Kopf knallrot ohne Nuancierung und aus der Nase schnaubt es rotes Feuer. Für den Körper braucht er ebenfalls einen knallroten Stoff.
Bis dieses Monster seinen ersten Einsatz auf der Bühne bekommt dauert es jedoch noch lange. Viele Stunden später möchte Niklas eine zweite Puppe machen. Es wird wieder ein Monster, grün mit einem zusätzlichen Auge auf der Stirn. Damit kann es ganz weit in die Ferne schauen, das Auge kann aber auch bei Bedarf nach hinten wandern. Das Monster bekommt wild gefletschte Zähne, die allerdings bluten, denn ein Zahn wurde ihm im Kampf ausgeschlagen. (So wie auch der schmächtige Niklas bei Auseinandersetzungen am Ende meist die Blessuren davonträgt!)
Die Puppen spiegeln im Ausdruck ein anderes Gefühl wider, als sie dem Namen nach eigentlich vorgeben sollen: beide „Monster“ wirken ausgesprochen kindlich, eher ängstlich, wachsam und nicht wirklich bedrohlich. Wieder erfährt die Puppe keinen Einsatz im Spiel, sondern zeigt vorläufig Niklas' Verwirrung über die Zuschreibung durch Andere und seinem eigenem Empfinden von sich selbst.
Erst nach einer sehr langen Pause und einer Therapieunterbrechung kommen die beiden Monster ein einziges Mal zum Einsatz: Sie bewachen in einer Höhle kostbare Schätze, die ein Junge unbedingt haben möchte. Dabei muss er große Gefahren überwinden und fällt dann am Ende in eine Falle, die die Monster ihm aufgestellt haben. Er muss sich selbst durch seine Klugheit befreien, indem er Rätsel löst und bekommt von dem grünen Monster am Ende einen Teil des Schatzes geschenkt.
Davon ausgehend, dass alle drei Puppen dieses Spiels innere Anteile von Niklas repräsentieren, macht die Deutung klar, dass er die „Monster“ braucht, um seine Ressourcen zu bewachen. Gleichzeitig machen sie es ihm schwer, mit seinem Alltags-Ich an diese Schätze heranzukommen. Tröstlich ist jedoch, dass er spürt, dass er überhaupt über Ressourcen verfügt. (vgl. Gauda, 2018, S.116/117)
Auf der Puppenbühne können so Gefühle ausgedrückt werden und Handlungen geschehen, die im Menschentheater nicht möglich wären. Denn auf der Puppenbühne (und nur dort!) ist wirklich alles erlaubt: hier darf auch verraten, gelogen, gekämpft und gemordet werden. Aber hier kann auch überschäumende Freude und hilflose Abhängigkeit gezeigt werden, die im wirklichen Leben vielleicht keinen Platz haben. Die Puppe als Stellvertreter des Menschen kann alles und darf alles und mit ihr darf und kann das Kind alles anstellen, was ihm in den Sinn kommt. Ob sie geköpft oder geliebt wird, bestimmt das Kind – bzw. dessen vorausgehende Erfahrung. Das Kind mit seinem individuellen Erlebnis- und Erfahrungshintergrund ist also sozusagen immer der Regisseur des Stückes. Es bestimmt Figuren, Requisiten, Spielorte, Handlung und Ablauf der Geschichte. Das Kind bestimmt auch, wer welche Rolle spielt und wie die Charaktere sich zu verhalten haben. Es kann sich also in neue Erfahrungen immer so weit vorwagen, wie es sich das zutraut und so viele Schritte weitergehen, wie es gefahrlos ausprobieren kann und möchte. Es kann sich das ganze Geschehen aber auch erst einmal vorsichtig von außen ansehen, indem es die Therapeutin alleine spielen lässt.
Der therapeutische Prozess macht ein aktives Handeln der Therapeutin also unabdingbar, ohne dass dies eine nicht-abstinente Haltung widerspiegeln würde. Als Therapeutinnen stellen wir nicht nur den Rahmen zur Verfügung (Figuren, Gegenstände, Orte, Spielregeln), sondern wir helfen auch; strukturieren, wo nötig, schützen, unterstützen, schlagen womöglich Lösungen vor und helfen auch bei der Suche nach einem sicheren Ort. Das Kind aber entscheidet, was es mit den Angeboten anfangen kann und ob es sie ausprobieren möchte oder nicht. Dabei lassen wir ihm die Zeit, die es braucht. Dies ist häufig ein Punkt, der für uns selbst und vor allem für Eltern schwer auszuhalten ist. Manche Kinder brauchen lange, um Gegenstände und Figuren für den Beginn einer Geschichte festzulegen und gestalten den Ort ausgiebig und detailreich. Andere sind schnell im Gestalten und in ihren Entscheidungen. Einige Geschichten entwickeln sich stockend, Schritt für Schritt mit Pausen und Unterbrechungen, in denen wir - häufig gemeinsam - überlegen, wie es weitergehen könnte. Andere Kinder treiben ihre Geschichte wie von alleine mit großem Tempo voran. So unterschiedlich die Prozesse im Einzelnen auch sein mögen, wir kommen mit diesen Hilfen immer zu einer für das Kind „richtigen“ Lösung. Es kann spielend ausprobieren, wie es sich anfühlt, in die Rolle dessen zu gehen, den es sonst als Antagonisten oder Aggressor erlebt und es kann sich so z.B. endlich einmal stark fühlen oder gar Rache üben für erlittenes Leid und Unrecht. Es kann mir als Therapeutin - indem es mich seine Rolle im Leben übernehmen lässt - hautnah verdeutlichen, wie es ihm selbst erging oder heute geht und ich kann es hier sehr viel deutlicher fühlen, als es sonst je möglich wäre. Denn ich erlebe hier auf der Bühne das, was das Kind selbst erlebt hat: ungeschützt und ungefiltert. Die Übertragungsprozesse im Therapeutischen Puppenspiel sind also äußerst intensiv. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum es sich als Angebot nur schwer durchsetzen kann, denn es verlangt den Helfenden nicht nur eine Menge Mut ab, sondern auch eine besondere Sensibilität und besonderes Einfühlungsvermögen. Als Mitspielerin habe ich ja sozusagen eine Doppelrolle: ich muss gleichzeitig distanziert von außen schauen, was hier passiert, bin aber emotional stark angesprochen und darf mich doch meiner eigenen Spiellust und meinem eigenen Impuls eine Handlung fortzusetzen nicht hingeben.
Ziel ist in jedem Fall, dass das Kind handelnd nach Lösungen für seine Probleme suchen kann, indem es so lange ausprobiert und variiert, bis es für seine spezifische Situation und seine Persönlichkeit zu passen scheint.
Kinder wie Maren, die ein schweres Trauma erlitten haben, an das sie sich kaum oder gar nicht konkret erinnern, können ihr Trauma auf diese Weise durcharbeiten, denn sie bewegen sich auf der Symbolebene und teilen sich so doch deutlich mit - vorausgesetzt, die Therapeutin weiß die Symbole im Laufe der Zeit zu deuten und in ein Gesamtbild einzuordnen. Wie oft und wie lange ein Kind auf diese Weise spielen muss, bis es „geheilt“ scheint, ist natürlich sehr unterschiedlich - abhängig vom Problem, dessen Komplexität und Schwere und dem Vertrauen in die Therapeutin. Letzteres entwickelt sich über das Spiel allerdings recht schnell, wenn das Kind merkt, dass es hier sein Stück auf die Bühne bringen darf, und so, wie es ihm tatsächlich zu Mute ist. Und vor allem, wenn es spürt, dass die Therapeutin die harte Wahrheit erträgt.
Natürlich gelten auch für das Angebot des Therapeutischen Puppenspiels die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Traumatherapie - allerdings bin ich der Überzeugung, dass das Puppenspiel sich aus vielerlei Gründen besonders gut dafür eignet. Krüger und Reddemann (2007, S. 60) betonen, dass in der Arbeit mit schwer traumatisierten Kindern jeder Stress vermieden werden sollte. Dazu gehören auch längere Schweigepausen. Deshalb sind therapeutische Techniken, die darauf bauen, dass Prozesse sich langsam entwickeln, für traumatisierte Kinder nicht sonderlich gut geeignet. Das therapeutische Puppenspiel dagegen gibt von Beginn an Handlungsmöglichkeiten, die sich auch in Körperlichkeit und Bewegung niederschlagen. Das Kind nutzt sie in dem Maße, wie es sie selbst als angemessen für sich erlebt. Wenn man bedenkt, wie stark bereits reine Vorstellungsbilder (Imaginationen/ Märchen) zu nachweisbaren Veränderungen der neurologischen Verschaltung im Gehirn führen, so sollten die sinnlich erlebbaren und emotional und körperlich bewegten Darstellungen in Form von Figuren und deren Probe-Handlungen entsprechend bedeutsamere neurologische Veränderungsprozesse anstoßen. (vgl. Hüther, 2010) Die Kinder bringen sich mit ihrer ganzen Person ein und es können vom Kind mit der Therapeutin auch neue Erfahrungen auf der Beziehungsebene gemacht werden.
Zusammenfassend bleibt also zu sagen: unser Arbeitsangebot ist begrenzt und doch offen. Wichtiger, als auf die Form zu achten ist dabei, dass wir uns als <Expertin für die Prozessgestaltung> verstehen, Sicherheit geben und ganz allgemein eine <diskret arbeitende, animierende „Befähigerin“> sind. (vgl. Eberhart & Knill, 2010, S. 63) Wir müssen uns immer vor Augen führen, dass das Gelingen letztlich nicht durch das Befolgen von Rezepten machbar ist. Viel wichtiger ist die Beziehung, die Suche und die Bestätigung von Ressourcen im Kind und der Respekt vor dem Narrativ des Kindes, das wir nicht nach unserer Vorstellung verändern dürfen und das wir auch nicht nach dem Spiel versuchen sprachlich zu ergründen oder in eine neue Richtung zu lenken.
So gibt es keine typischen Verläufe und natürlich auch kein von der Therapeutin gesetztes Ziel. Nur das Kind selbst entscheidet, z.B. ob es überhaupt eine Puppe schöpft, ob es mit ihr auch spielt und auch was mit ihr am Ende der Therapie geschieht. Gelegentlich bekomme ich ein Geschöpf geschenkt, weil es nicht mehr gebraucht wird. Manche werden vernichtet, und auch das darf so sein. Denn wenn z.B. die Angst keine Rolle mehr spielt, kann ich auch ihre Verkörperung entsorgen. Manche Puppen werden jedoch auch mit nach Hause genommen und selbst von größeren Kindern und Jugendlichen noch in Sichtweite im Zimmer aufbewahrt. Vielleicht werden sie nicht mehr gespielt – aber zu erzählen haben sie noch immer etwas. (vgl. dazu auch: Gauda, 2018)
Allen Ernstes ich habe Schneewittchen gesehen zur Stiefmutter ging es hatte Pilze im Korb und sagte es sei jetzt die Zeit für ein Gegengeschenk. (Georg-Oswald Cott)
