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Die Konstruktivistische Psychotherapie (KPT) fokussiert auf die Bedeutung, die Klienten ihrer Welt zuschreiben und darauf, wie diese Zuschreibungen zu Problemen führen können. Sie entlehnt Elemente aus mehreren therapeutischen Traditionen, z.B. aus der humanistischen oder systemischen Therapie, erweitert diese und interpretiert sie neu vor dem Hintergrund charakteristischer postmoderner Themen, welche insbesondere mit der Vorrangstellung der persönlichen Bedeutung, der Konstruktion von Identität in einem sozialen Umfeld und der Revision von inkohärenten oder restriktiven Lebensnarrativen zu tun haben. Mit diesem zweiten Band unserer neuen Reihe "Therapeutische Skills kompakt" ermöglicht Robert A. Neimeyer " interessierten Kandidaten und Praktikern eine sichere Passage durch das gelegentlich beängstigende postmoderne Terrain".
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2013
Robert A. NeimeyerKonstruktivistische Psychotherapie
Reihe Therapeutische Skills kompakt Band 2
Copyright: © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2013
Copyright: © der Originalausgabe: Robert A. Neimeyer, 2009
Originalausgabe Constructivist Psychotherapy. Distinctive Features, Routledge 2009. All rights reserved. Authorised translation from the English language edition published by Routledge, a member of the Taylor & Francis Group.
Übersetzung: Guido Plata, Bremen
Coverfoto: © Laurin Rinder – Fotolia.com
Coverentwurf / Reihengestaltung: Christian Tschepp
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2013
Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn
ISBN der Printausgabe 978-3-87387-837-2 ISBN dieses eBooks: 978-3-87387-908-9
Wenn man darum gebeten wird, ein Buch über die distinktiven Merkmale der konstruktivistischen Psychotherapie (KPT) zu schreiben, so ist dies gleichzeitig Fluch und Segen. Einerseits ist es ein Segen, denn selten genug kann die Praxis dieser interessanten postmodernen Perspektive ausführlich dargestellt werden: Anstatt mich auf eine Zusammenfassung im Umfang von maximal einem Kapitel mit oftmals vorgegebener Struktur beschränken zu müssen, wurde mir hier Gelegenheit gegeben, eingehend darzulegen, was mir am Konstruktivismus wichtig ist und weshalb er mir in den vergangenen 30 Jahren meiner Arbeit als Psychotherapeut ein wertvoller Begleiter war. Andererseits drängen sich aber auch zahlreiche Fragen auf. Wie kann ich in angemessene Worte fassen, auf welch zutiefst persönliche Art diese philosophische Position meine praktische Tätigkeit mit so vielen Patienten beeinflusst oder mein Denken inspiriert hat, ganz zu schweigen von den zahllosen Menschen, die sich als geneigte oder auch leidenschaftliche Anhänger dieser klinischen Tradition bezeichnen würden?
Mein Versuch, dieser Herausforderung zu begegnen, folgt vier Prinzipien. Erstens habe ich versucht, allgemeinverständlich zu schreiben. Mein Anliegen war die Entmystifizierung einer Perspektive, die gelegentlich als philosophisch schwer verständlich und im Hinblick auf die praktische Vorgehensweise als obskur bezeichnet wird, da meiner tiefsten Überzeugung nach keines dieser Urteile zutrifft. Hierbei sei der Leser gewarnt, dass der vorliegende Band nicht für „Insider“ gedacht ist; wer nach (zugegebenermaßen faszinierenden) tiefen epistemologischen Abhandlungen über konstruktivistische Philosophie sucht, wird schlicht und ergreifend an anderer Stelle danach suchen müssen. Vielmehr habe ich dieses Buch für diejenigen Interessierten geschrieben, die ich jedes Jahr in Dutzenden von Workshops, Konferenzen und Vorlesungsreihen trainiere und die größtenteils Neulinge in Bezug auf diesen Ansatz sind. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, den Inhalt für diese Gruppe verständlich darzulegen!
Zweitens habe ich den Schwerpunkt auf die distinktiven Merkmale des Konstruktivismus gelegt. Dies war selbstredend das Hauptanliegen der Herausgeberin dieser Reihe, Windy Dryden, die mich bat, mich auf 30 Schlüsselaspekte des Konstruktivismus zu konzentrieren, die ihn vom ganzen Spektrum der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Perspektiven abgrenzen, auch wenn er ihnen gelegentlich zugeordnet wird. Glücklicherweise ist dies eine leichte Aufgabe gewesen, da das postmoderne Potpourri, an dem auch der Konstruktivismus teilhat, in hohem Maße diversifiziert ist und Bereiche von zutiefst persönlichen bis zu übergeordneten sozialen Zusammenhängen überspannt, was sich fundamental von den zentralen Tendenzen der kognitiv orientierten Kollegen aus anderen Traditionen unterscheidet.
Drittens habe ich dieses Buch sowohl mit Herz als auch mit Verstand geschrieben. Die ganzheitliche Eigenschaft der konstruktivistischen Therapie mit ihrer starken Betonung von Emotion wie auch von Bedeutung und Handlung unterstützte die Entscheidung, in diesem Band gleichermaßen meine persönlichen Vorlieben kundzutun wie auch vom Standpunkt eines konstruktivistischen Gelehrten aus zu sprechen. Dies impliziert weiterhin, dass die hier von mir dargelegten und veranschaulichten Prinzipien und Prozeduren solche sind, die für mich große Bedeutung haben; und ich möchte gleich zu Anfang klarstellen, dass ein anderer Konstruktivist möglicherweise eine völlig andere Einführung in sein Fachgebiet geschrieben hätte. Trotz meiner sehr persönlichen Perspektive auf den Konstruktivismus hoffe ich, dass das vorliegende Buch dem interessierten Leser auch einen Weg zu den Arbeiten anderer Wissenschaftler ebnet.
Viertens habe ich versucht, abstrakte Prinzipien auf der konkreten Praxis zu begründen. Buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite wird der Leser vielen Personen begegnen, die ihre Probleme und Erfolge im Rahmen jener intimen Partnerschaft, die man Psychotherapie nennt, mit mir geteilt haben. Ich hoffe, dass diese zur angemessenen Wahrung der Vertraulichkeit abgewandelten Geschichten dem interessierten Praktiker oder Studenten vor Augen führen, wie die konstruktivistischen Prinzipien aussehen, wenn es in der klinischen Praxis „zur Sache geht“.
Auch wenn ich mich als allein verantwortlich für die nun folgende Darstellung des Konstruktivismus bezeichnen würde, ist das vorliegende Buch unter Mitwirkung zahlreicher anderer Personen entstanden. Ebenso wie im Konstruktivismus die „Konstruktion der Realität“ im Sinne der Zuweisung von Bedeutungen nicht als Projekt einer isolierten Subjektivität betrachtet wird, sondern vielmehr ein zutiefst relationales, soziales und kulturelles Unterfangen ist, wurde auch der Konstruktivismus selbst von den Diskursen einer vielfältigen globalen Gemeinschaft von Gelehrten, Wissenschaftlern und Praktikern geformt, die Freunde zu nennen ich in vielen Fällen das Privileg habe. Unter den vielen anderen, deren Stimmen durch mich in diesem Band zu sprechen beginnen, sind meine Kollegen Bruce Ecker, Ken Gergen, David Epston, Hubert Hermans, David Winter, Heidi Levitt, Ze’ev Frankel, Les Greenberg, Art Bohart, Larry Leitner, Jon Raskin, Sara Bridges, Guillem Feixas, Harry Procter, Laura Brown, mein Bruder Greg Neimeyer und vielleicht sogar der Geist von George Kelly persönlich! Auch schulde ich nicht nur Freunden und Vorgängern Dank, da auch die Arbeit meiner Protegés in diesem Buch Ausdruck findet, und zwar insbesondere die meiner jungen Kollegen Joe Currier, Jason Holland, James Gillies und Jessica van Dyke, von denen die Letztgenannte das Manuskript in unermüdlicher Weise auf Fehler durchgesehen hat, die so subtil waren, dass sie sogar die Rechtschreib- und Grammatikprüfungen von Microsoft® Word verwirren konnten.
Und schließlich fühle ich mich besonders verpflichtet, die impliziten Beiträge nicht nur zu diesem Buch, sondern auch zu dem übergeordneten Narrativ meines Lebens herauszustellen, die von meinen Kollegen Vittorio Guidano, Michael Mahoney und Michael White geleistet wurden. Ihr verfrühtes Ableben in den Jahren 1999, 2006 und 2008 hat nicht allein den Konstruktivismus dreier seiner herausragendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten beraubt. Es scheint mir daher angemessen, diese Einleitung mit einem Gedicht zu beenden, das ich im Gedenken an diese Kollegen verfasste, deren Wirken in jenem von ihnen in weiten Teilen errichteten Denkgebäude nach wie vor spürbar ist. Der Konstruktivismus wurde durch sie in außergewöhnlicher Weise bereichert.
Robert A. NeimeyerMemphis, TN, USA, Juni 2008
Der Sessel beschreibt dich
durch deine Abwesenheit.
Er hebt seine Arme,
um deine zu empfangen, öffnet seinen Schoß,
um dich in seiner weichen Form zu umschließen.
Ohne dich
ist er eine leere Hand.
Auf dem Schemel streifen die Bücher
ohne Ziel umher, vergessen ihr Sinn,
vergessen ihr Zweck.
Die Feder auf deinem Pult
hat alle Worte vergossen.
Das Papier ein Grabstein
ohne Inschrift.
So stehen wir da
im uralten Lichte deines Schattens,
erstarrt in kalter Bedeutungslosigkeit.
Die Perlen auf dem zerbrechlichen Strang der Zeit,
einst aufgereiht, nun verloren
wie die Fäden der Erinnerung, der Absicht,
die unser Streben leiteten.
Der Pulsschlag der Uhr
eine Vermessung der Stille
ein zinnenes Herz, zählend
die Stunden seit, doch niemals bis.
Langsam höhlen wir uns aus
im Rückblick unserer Gram,
Felsen gleich, vom Sand geschliffen
im rauhen Wind.
Wenn genug von dem, was wir einst waren,
verloren ist,
und wir im Nichts vollendet sind,
wird unsere Sehnsucht enden,
und endlich öffnen wir
den Raum für dich.
Joanne W.’s Entscheidung zu einer Therapie war eine Reihe von zwar erst kurze Zeit währenden, aber besorgniserregenden Symptomen vorausgegangen, darunter Schwindelgefühle und Herzrasen, begleitet von scheinbar unerklärlichen Phasen sich aufschaukelnder „Nervosität“. Nachdem gründliche medizinische Untersuchungen keine organische Ursache dieser Reaktionen aufdecken konnten, wurde sie mit der Diagnose von „Panikattacken psychogenen Ursprungs“ zur Psychotherapie überwiesen, obwohl Joanne große Schwierigkeiten damit hatte, die Gründe für ihre lähmende Angst in einer für sie selbst oder andere überzeugenden Weise darzulegen. Bei ihrer ersten Sitzung, zu der sie gut gekleidet in einem konservativen, aber gut geschnittenen Anzug erschien, erklärte Joanne, dass ihre Symptome erstmals aufgetreten waren, als sie sich fünf Monate zuvor auf den Wegzug aus der Stadt an der US-Ostküste vorbereitet hatte (ihr „einziges Zuhause“), um dem „Ruf“ ihres Mannes auf eine Position als Pastor einer mehr als 1000 Meilen entfernten afroamerikanischen Baptistengemeinde in den Südstaaten zu folgen. Nun, da sie von ihrer Mutter, ihren Schwestern und ihren Freunden in der Gemeinde getrennt war, die ihr Leben geformt und sie unterstützt hatten, zog sie sich immer mehr zurück, damit die Mitglieder der neuen Kirchengemeinde ihre „emotionalen Probleme“ nicht bemerkten und sie letztlich als „verrückt“ abstempelten. Joanne räumte weiterhin ein, im Verlauf der letzten Wochen zu ihrem Ehemann George und ihrer zwölfjährigen Tochter Leitha „auf Distanz gegangen“ zu sein, was ihre Sorgen vergrößerte, nicht nur als „First Lady“ ihrer Kirche zu versagen, sondern neben ihrer geliebten Familie auch „sich selbst zu verlieren“.
Nachdem ich Joannes eigenes Verständnis ihres Problems einige Minuten lang genauer erkundet hatte, fragte ich sie, ob sie bereits Therapieerfahrungen gesammelt hatte, um gegebenenfalls mit ihrer Unterstützung herauszufinden, welche therapeutischen Stile oder Methoden für sie besonders gut – oder schlecht – funktionierten. Joanne gab an, dass sie im Rahmen ihrer „spirituellen Ausbildung“ vor einigen Jahren zum ersten Mal mit Therapie überhaupt in Berührung gekommen sei und sich dabei mit ihren psychologischen Problemen und Bedürfnissen befasst habe. Weiterhin berichtete sie in einer kontrollierten Art und Weise, dass seinerzeit ihr größtes Problem der Tod ihres Vaters sechs Jahre zuvor gewesen sei. Die Belastung war für sie umso größer gewesen, da ihr Vater nach einer langen Krankheitsphase verstorben war, in der sich hauptsächlich Joanne und ihre Mutter um die Pflege gekümmert hatten. Nachdem ich Joanne empathisch auf das Beben ihrer Lippen angesprochen hatte, rollten Tränen ihre Wangen hinab, während sie sich an den Tod ihres Vaters erinnerte. Die „Gemeinheit“ des Vaters, die eigentlich untypisch für ihn war, aber während seiner langen Krankheit dominierte, hatte dazu geführt, dass sie direkt nach dem Ableben eher benommen und erleichtert reagierte und erst im letzten Jahr zu trauern begann. Nun erkannte sie, dass sie ihn wirklich vermisste, und fügte mit leiser, aber zitternder Stimme hinzu: „Er hätte mir einen Rat wegen des Umzugs geben können, wenn er doch nur hier wäre.“
Ich war von der emotionalen Lebhaftigkeit, die diese Erinnerungen bei Joanne auch sechs Jahre nach dem Tod ihres Vaters noch hervorriefen, beeindruckt und verblüfft von ihrer spontanen Verknüpfung der Abwesenheit ihres Vaters und ihren – den Angstattacken vorausgegangenen – Problemen im Kontext des Umzugs. So fragte ich Joanne vorsichtig, ob sie ihren Vater vielleicht dazu einladen wolle, uns im Therapiezimmer Gesellschaft zu leisten, um ihre Beziehung zu ihm, die durch Krankheit und Tod unterbrochen wurde, wieder aufleben zu lassen. Fasziniert von dieser Idee akzeptierte sie meinen Vorschlag und begann unter meiner Anleitung ein Gespräch mit ihrem Vater, dem wir symbolisch einen leeren Stuhl gegenüber seiner Tochter anboten. Schluchzend beschrieb sie ihrem Vater zunächst die Grundzüge der aktuellen Probleme, bis sie nach einigen Sekunden des Schweigens ihre Selbstenthüllung vertiefte. Nun erwähnte sie auch die Schuldgefühle, die sie plagten, weil sie ihren Vater in der Stadt, die sein gesamtes Erwachsenenleben geprägt habe, „zurückgelassen“ hatte und in die Südstaaten zurückgekehrt war, die er nur aus seiner Kindheit kannte.
Ich schlug vor, dass Joanne den Platz ihres Vaters einnehmen und auf ihre Äußerungen antworten sollte. Joanne akzeptierte, setzte sich auf den anderen Stuhl, trocknete ihre Tränen und antwortete beschwichtigend: „Keine Angst, Schatz. Ich komme dich besuchen“ (was angesichts des Gefühls von schmerzlichem Verlust, das Joanne nur wenige Momente zuvor äußerte, seltsam hohl klang). Auf meinen Wink hin setzte Joanne sich wieder auf ihren eigenen Platz und wiederholte die Worte, die ich ihr probeweise vorgab: „Du kannst mich nicht besuchen kommen, Dad. Du bist tot.“ Daraufhin versank sie wieder in Trauer und Selbstzweifeln, unterbrochen von wildem Schluchzen. Als sie still wurde, wies ich sie erneut auf den Platz ihres Vaters, woraufhin sie ohne entsprechende Aufforderung liebevolle und aufrichtige Rückversicherung bot, indem sie betonte, dass er trotz seines Todes immer bei ihr sein und stets an sie glauben würde. Diese Interaktion führte Joanne zu einer aufrüttelnden Erkenntnis, die sie in ihren eigenen Worten folgendermaßen ausdrückte: „Ich erkenne jetzt, dass ich ihn behalten kann, dass er bei mir bleiben kann und dass ich ihn sogar über die Südstaaten, die er geliebt hat, besser kennenlernen kann.“ Getragen von dieser wiederentdeckten Verbindung zu ihrem Vater begann Joanne, ihre Gefühle von Entwurzelung und Illoyalität in den Kontext ihrer Beziehung zu den noch lebenden Mitgliedern ihrer Herkunftsfamilie zu setzen, die ebenso wie sie selbst „alle darum kämpften, sich über den Sinn dieser Übergangsphase klar zu werden“. Als die erste Sitzung zu Ende ging, äußerte Joanne leicht verlegen den Wunsch, trotz ihres Status als „First Lady“ einen weiterführenden Universitätsabschluss zu erlangen. Dabei beschrieb sie in der Rolle einer Art „Kulturdolmetscherin“ für ihren kaukasischen Therapeuten die ihm unbekannten impliziten sozialen Erwartungen, die in ihrer afroamerikanischen Glaubensgemeinschaft an sie gerichtet wurden und ihrem potenziell „selbstsüchtigen“ Ziel entgegenstanden. Begierig auf eine Weiterverfolgung der „neuen Ideen“, die ihr im Verlauf der Sitzung gekommen waren, schloss Joanne mit der Bitte um einen neuen Termin.
In ihren drei verbleibenden zweiwöchentlich stattfindenden Sitzungen vertiefte Joanne die Erkundungen hinsichtlich ihrer Geschichte von Verlusten – wobei sie sich den Tod ihres Sohnes im Kleinkindalter ganz am Anfang ihrer Ehe nochmals ins Bewusstsein rief – als auch im Hinblick auf ihre neu erwachten Bestrebungen, als eigenständige erwachsene Frau in Familie und Gemeinde „ihre Stimme zu finden“. Währenddessen bemerkte sie mit einiger Verblüffung, dass ihr Leben ihr auf irgendeine Weise „realer“ vorkam, und berichtete mit Stolz von mehreren konkreten Gelegenheiten, bei denen sie wichtige familiäre Entscheidungen mit ihrem Ehemann ausgehandelt hatte, eine aktivere Rolle als Mutter für ihre Tochter im Vor-Teenageralter gespielt hatte und in der Kirche für innovative Programme, die ihr am Herzen lagen, eingetreten war. Bei all diesen Dingen spürte sie nach wie vor ein starkes Gefühl der Gegenwart ihres Vaters und seines Stolzes und hatte fortwährend den Eindruck, dass sich während der Schlüsselkonversation mit ihm in der ersten Sitzung etwas für sie „gelöst“ habe. Sie selbst formulierte es so, dass sie sich nicht länger „zurückgehalten“ fühle und durch Georges Unterstützung in ihrer neuen, „forschen“ Art bestärkt werde, selbst dann noch, wenn sie sowohl zu Sitzungen des Kirchenkomitees als auch zu Therapiesitzungen in normaler Freizeitkleidung erschien. Am bemerkenswertesten war jedoch, dass sie seit ihrem „Gespräch“ mit dem Vater frei von jeglichen Paniksymptomen geblieben war, obwohl diese Symptome niemals das ausdrückliche Ziel einer therapeutischen Intervention gewesen sind. Die Therapie schloss mit einer Reflexion über das „veränderte Narrativ“ ihres Lebens, das ihr ein Gefühl der Kontinuität mit ihrem früheren Selbst (das von einer ununterbrochenen Beziehung zu ihrem sie unterstützenden Vater geprägt war) vermittelte und zugleich eine „Umschreibung“ von Aspekten ihrer Identität in kritischen Lebenszusammenhängen gestattete.
Wie diese eröffnende Fallvignette nahelegt, entlehnt die konstruktivistische Psychotherapie (KPT) Elemente aus mehreren therapeutischen Traditionen – in diesem Fall insbesondere die humanistische, systemische und feministische –, während sie eben diese Traditionen gleichzeitig vor dem Hintergrund charakteristischer postmoderner Themen neu interpretiert und erweitert, die insbesondere mit der Vorrangstellung der persönlichen Bedeutung, der Konstruktion von Identität in einem sozialen Umfeld und der Revision von inkohärenten oder restriktiven Lebensnarrativen zu tun haben. Obwohl die Vielfalt der postmodernen Ansätze jeden Versuch einer allgemeingültigen Definition zunichte macht, tendieren sie im Allgemeinen dazu, eher kollaborativ denn autoritativ zu sein, ebenso eher entwicklungsbezogen denn symptomorientiert, eher prozessleitend denn inhaltsfokussiert und eher reflexiv denn psychoedukational. Ziel meines schmalen Buches ist die Entmystifizierung vieler Konzepte und Praktiken, die mit dem Zusammenschluss zeitgenössischer Ansätze assoziiert sind, um den interessierten Laien und Experten eine sichere Passage durch das gelegentlich beängstigende postmoderne Terrain zu ermöglichen. Wir werden mit einer Erörterung des theoretischen und historischen Hintergrundes beginnen, der den Konstruktivismus durchdringt und seine distinktiven Ansätze zur Konzeptualisierung und Behandlung psychosozialer Probleme verdeutlicht.
Keine intellektuelle Entwicklung ist je die Folge einer „unbefleckten Empfängnis“ gewesen, vielmehr ist sie stets das Ergebnis einer Vermischung der Konzepte vorangegangener Generationen und somit eine fruchtbare Verbindung aus Ideen, die unterschiedlichen theoretischen Stammbäumen angehören. In der Erweiterung dieses Vergleichs könnten wir sogar sagen, dass jede aufkommende Theorie „etwas Altes, etwas Neues, etwas Entliehenes und etwas ‚Wahres‘“ (Letzteres zumindest für ihre Anhänger!) beinhaltet. Mit anderen Worten, jede neu konstruierte Perspektive verpackt die Weisheit früherer Denker aufs Neue, fügt ihre eigenen Einsichten und Innovationen hinzu, schöpft aus anderen Gedankenströmen (mit oder ohne Erwähnung der Quelle) und bringt diese komplexe Mixtur dann als ein in irgendeinem Sinne valides Abbild der „Realität“ vor – jedenfalls innerhalb der durch das gegenwärtige Wissen gesteckten Grenzen. Natürlich ist die Frage, ob dieses einzigartige Gemisch aus Konzepten und Praktiken anderen Menschen als faszinierend, beleidigend oder unverständlich erscheint, von deren persönlichen Theorien und Philosophien abhängig – was genau der Argumentation der Konstruktivisten entspricht! Ich werde daher damit beginnen, einige der distinktiven Annahmen darzustellen, die von konstruktivistischen Psychotherapeuten geteilt werden, und anschließend mit den von diesen Annahmen geleiteten Praktiken fortfahren.
Neulinge auf dem Gebiet der postmodernen Therapien lassen sich in der Regel in zwei Kategorien einteilen: In der einen versammeln sich jene, die heimliche Philosophen sind und eine Faszination für die Theorie teilen, in der anderen begegnet man eher den praktisch veranlagten Kandidaten, die diese Tendenz zur Abstraktion als frustrierend empfinden! Mein Ziel ist es, gerade genug Orientierung im Hinblick auf den philosophischen Rahmen hinter der konstruktivistischen Praxis zu bieten, um deren distinktive Natur herauszustellen, wobei ich einige der abgehobeneren Konzepte in konkrete klinische Illustrationen und Methoden einbetten werde. Man mag mir daher verzeihen, wenn ich die beängstigende Komplexität des postmodernen Diskurses gelegentlich vereinfache. Glücklicherweise existieren hinreichend viele detaillierte Abhandlungen über die hier beschriebenen Theorien, und für jene Leser, die an den Konzepten hinter der klinischen Praxis interessiert sind, werde ich im Rahmen der nun folgenden Diskussion auf einige davon verweisen.
Wenn es ein gemeinsames Thema gibt, das alle postmodernen Formen der Psychotherapie verbindet, so ist dies auf der Ebene ihrer Epistemologie, oder Erkenntnistheorie, zu suchen. Obwohl die meisten im Rahmen dieser Perspektive tätigen Therapeuten anerkennen, dass außerhalb des menschlichen Bewusstseins oder der menschlichen Sprache eine „reale Welt“ existiert, interessieren sie sich viel mehr für Nuancen in den individuellen Konstruktionen der Welt anstatt dafür, welchen „Wahrheitsgehalt“ derlei Konstruktionen hinsichtlich ihrer Repräsentation einer mutmaßlichen externen Realität aufweisen. Diese Betonung einer aktiven, formgebenden Natur des Geistes reicht mindestens bis in die Zeit des italienischen Historikers Giambattista Vico (1668–1744) zurück, der als Ursprung der Entwicklung des Denkens den Versuch ausmachte, die Welt zu verstehen, indem man menschliche Motive, Fabeln und linguistische Abstraktionen auf sie projiziert. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) stellte ebenfalls den transformativen Charakter des Geistes heraus, welcher den Phänomenen der Erfahrung zwangsläufig eine räumliche, zeitliche und kausale Ordnung auferlegt. Von diesen Philosophen entlehnten die Konstruktivisten ein Modell der Erkenntnis, das von einem aktiven Strukturieren der Erfahrung ausgeht statt von einem passiven oder rezeptiven Assimilieren der „Dinge an sich“, die von menschlichem Denken gänzlich unbeeinflusst sind.
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurden diese Ideen von dem deutschen analytischen Philosophen Hans Vaihinger (1852–1933) untersucht, der in seiner Philosophie des Als Ob den Standpunkt vertrat, dass Menschen „nützliche Fiktionen“ (etwa von mathematischer Unendlichkeit oder Gott) entwickeln, um die Erfahrung im Sinne des Erreichens lebenspraktischer Zwecke zu ordnen und zu transzendieren (Vaihinger, 1911). Eine ähnliche Betonung der Unterscheidung zwischen unserer linguistischen „Karte“ der Erfahrung und dem „Territorium“ der Welt wurde von dem polnischen Intellektuellen Alfred Korzybski (1879–1950) getroffen, dessen „allgemeine Semantik“ sich auf die Diskrepanz zwischen der Welt der Sprache und der Welt der Ereignisse konzentriert. Von diesen Denkern übernahmen die Konstruktivisten die Schlussfolgerung, dass menschliche Wesen auf der Grundlage symbolischer linguistischer Konstrukte agieren, die ihnen helfen, sich in der Welt zu orientieren, ohne mit ihr in einfacher oder unmittelbarer Weise in Kontakt zu kommen. Anders formuliert könnte man sagen, Vertreter des Postmodernismus vertreten die Auffassung, dass Menschen in einer interpretierten Welt leben, die durch ihre individuellen und kollektiven Bedeutungskategorien ebenso organisiert wird wie durch die Struktur einer aus externen Reizen bestehenden „objektiven“ Welt. In der klinischen Praxis impliziert dies, dass Therapie eher eine Intervention in der Bedeutung ist denn eine Prozedur zur Linderung unerwünschter Symptome oder zum Training adäquater Coping-Fertigkeiten, wie sich schon in der Vignette von Joanne zu Beginn dieses Buches zeigte.
In den 1930er-Jahren begannen diese und verwandte philosophische Einflüsse sich in der Psychologie auszuwirken, indem sie eine Konzentration auf die Art und Weise förderten, in der Menschen ihre Erfahrung aktiv konstruieren, anstatt einfach nur als Tabula rasa Umweltreize zu registrieren. Unter den Psychologen, die diesen erklärtermaßen konstruktivistischen Paradigmenwechsel vollzogen, waren auch der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget und der britische Experimentalpsychologe Frederic Bartlett. Während Piaget die qualitativen Transformationen untersuchte, durch welche Kinder die physikalische und soziale Welt schematisieren, zeigte Bartlett, dass Erinnerungen nicht lediglich aus dem Abrufen abgespeicherter Ereignisse bestehen, sondern vielmehr von mentalen Schemata dominiert im Kontext gegenwärtiger Motive konstruiert werden. Beide Einflüsse spiegeln sich auch in der aktuellen Forschung zum autobiografischen Gedächtnis wider, welche die Konstruktion und periodische Konsolidierung eines sich wandelnden Identitätsverständnisses im Erwachsenenleben untersucht (Fireman, McVay & Flanagan, 2003; Neisser & Fivush, 1994).
Der Erste, der auf der Grundlage dieser philosophischen Ideen eine detaillierte Theorie der Psychotherapie entwickelte, war der US-amerikanische klinische Psychologe George Kelly. Während seiner recht isolierten Arbeit im ländlichen Kansas der 1930er- und 1940er-Jahre wurde Kelly mit den überwältigenden psychologischen Bedürfnissen bäuerlicher Gemeinden konfrontiert, die durch die „Dust Bowl“ (engl. „Staubschüssel“; eine Reihe äußerst verheerender Staubstürme im Gebiet der „Großen Ebenen“ im zentralen Nordamerika, verursacht durch Bodenerosion infolge übermäßiger Rodung von Präriegras zur Gewinnung von Ackerland) und die Weltwirtschaftskrise in zweifacher Hinsicht schwer getroffen worden waren (R. A. Neimeyer, 1999). Dies führte Kelly zur Entwicklung effizienter psychotherapeutischer Prozeduren, in denen Klienten darin trainiert wurden, über einen festgelegten Zeitraum hinweg (meist nur für zwei oder drei Wochen) in ihrem Alltag sorgsam konstruierte fiktionale Identitäten darzustellen. Auf diese Weise wollte er ihnen dabei helfen, sich vom Druck der Umstände zu befreien und mit anderen Lebensentwürfen zu experimentieren. Kellys fixierte Rollentherapie war somit die erste Form einer psychologischen Kurztherapie und nahm dramatische und narrative Strategien vorweg, die heute Bestandteil vieler moderner konstruktivistischer Therapien sind. Schließlich entwarf Kelly eine umfassende Psychologie der persönlichen Konstrukte, die dieses Verfahren in einen schlüssigen theoretischen Kontext einordnete und diagnostische, therapeutische und forschungsbezogene Methoden vorschlug, die sich speziell auf das einzigartige System der persönlichen Konstrukte richteten, das Individuen zur Strukturierung und Antizipation der Themen ihres Lebens entwickeln.
Ein fundamentales Prinzip von Kellys Perspektive war, dass jeder ein einzigartiges Denksystem – oder, um in seiner Terminologie zu bleiben, Konstruktsystem
