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Qualitativ hochwertiger Kontakt ist für jeden gewinnbringend. Für den Einzelnen wie für ein Team, um eine positive Stimmung zu erzeugen, die leistungsfördernd ist und zu Zufriedenheit führt. In diesem Buch erfahren Sie, welche verschiedenen Kontaktformen und -aufnahmearten es gibt. Es stellt eine neue Art von Kontaktmodell vor, das Personalentwickler:innen und Führungskräften eine Standortbestimmung zu Kontakt(un)fähigkeit, Kontaktbereitschaft und Kontaktfreude ermöglicht – für sich selbst sowie für neue und bereits vorhandene Teammitglieder. Bei Veränderungswunsch bietet es praxiserprobte Anleitungen und Maßnahmen zur Weiterentwicklung. Inhalte: - Definition von Kontakt - Haptische und emotionale Kontaktformen - Kontaktaufnahmearten: verbal, nonverbal, physisch - Kontaktmodell & Definition nach Kugler/Gatt - Bedeutung von Kontakt in Krisenzeiten Digitale Extras: - Fragenkatalog zur Eruierung der Kontaktqualität - Checklisten
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Haufe Lexware GmbH & Co KG
[6]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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ISBN 978-3-648-16708-3
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ISBN 978-3-648-16709-0
Bestell-Nr. 11041-0100
ePDF:
ISBN 978-3-648-16710-6
Bestell-Nr. 11041-0150
Peter Kugler/Christian Gatt
Kontakt
1. Auflage, Dezember 2022
© 2022 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg
www.haufe.de
Bildnachweis (Cover): © Alija Orbon, iStock
Produktmanagement: Dr. Bernhard Landkammer
Lektorat: Ursula Thum, Text+Design Jutta Cram, Augsburg
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In unserer täglichen Arbeit haben wir oft festgestellt, dass Produktivität, Teamstimmung und Erfolg dort, wo Menschen zusammenarbeiten, maßgeblich von einem Faktor beeinflusst sind, der oft vernachlässigt und zum Teil vielleicht auch gar nicht erkannt wird: Dieser Faktor heißt »Kontakt«.
Aus unserer Sicht hakt es bei der Teamarbeit immer dann, wenn Menschen nicht zusammenpassen, wenn zwischen ihnen Reibung besteht, die manchmal ganz offen und manchmal auch nur im Verborgenen vonstatten geht. Wir stellen fest, dass Menschen, wenn regelmäßig Konflikte oder Streit auftreten, anscheinend nicht zusammenpassen, und sie dort, wo Harmonie und Spaß bei Arbeit und in der Freizeit zu spüren sind, wohl gut zusammenpassen. Wir schließen daraus: Die einen stehen in gutem Kontakt zueinander, bei den anderen besteht eben kein oder nur schlechter Kontakt.
Genau diese Komponente, der Kontakt, scheint es zu sein, die ein Team erfolgreich werden lässt oder maßgeblich zum Scheitern beiträgt. Umso erschreckender ist es aus unserer Sicht, wie wenig wir uns sowohl im Berufsleben als auch im privaten Kontext mit dem In-Kontakt-Kommen, dem In-Kontakt-Bleiben und der Kontaktqualität an sich beschäftigen. Und da zum Kontakt ja immer mindestens zwei gehören, sollten wir natürlich auch darüber nachdenken, wann der Kontakt denn für beide Personen als stimmig erachtet wird. Erst wenn er so empfunden wird, glauben wir, besteht guter Kontakt. Guter Kontakt ist für den Einzelnen wichtig, um Freude bei der Ausübung von Tätigkeiten und bei der Erfüllung von Aufgaben zu empfinden – und für das Team ist guter Kontakt notwendig, um eine Stimmung zu erzeugen, die leistungsfördernd ist und zu Zufriedenheit führt. Dieser gute Kontakt für den Einzelnen und im Team ist eine zwingend notwendige Bedingung für erfolgreiches Zusammenarbeiten.
Viel zu oft steht allerdings ausschließlich die fachliche Qualifikation oder die bereits erlangte Erfahrung im Vordergrund, wenn es im Personalwesen um Einstellungskriterien oder Aufstiegsbedingungen geht. Ob es jemandem aber gelingt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so miteinander zu vernetzen und damit in Kontakt zu bringen, dass sich das maximale Potenzial entfalten kann, wird oft unberücksichtigt gelassen.
Überlegen Sie einmal, wie viele – berufliche und private – Verbindungen und Beziehungen Sie kennen, die nicht stabil waren oder die gescheitert sind. Woran lag es? War es der Kontakt? Ja, wir sind davon überzeugt, es war der Kontakt. Und so bewahrheitet sich für uns der Kernsatz: Wenn der Kontakt nicht stimmt, kannst du es auch gleich sein lassen!
[12]Genau aus diesem Grund, weil der Hebel »Kontakt« so immens groß ist und sich gleichzeitig so wenige intensiv damit auseinandersetzen, beschäftigen wir uns in diesem Buch ausführlich und aus unterschiedlichen Perspektiven mit diesem Thema, um Ihnen sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext leicht umsetzbare Einsichten zu einem allgegenwärtigen Phänomen – dem Kontakt – zu vermitteln.
Ein kleiner Hinweis noch: Im Buch kommt es vor, dass mal der eine oder der andere von uns seine Erfahrungen, die er im Berufs- oder Privatleben gesammelt hat, einbringt und sozusagen mit seiner Stimme spricht. Lassen Sie sich davon nicht irritieren.
Neben viel Spaß beim Lesen wünschen wir Ihnen auch viele neue und hilfreiche Erkenntnisse.
Christian Gatt und Peter Kugler
An wen richtet sich dieses Buch? Unsere Zielgruppe sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Personalwesen, Führungskräfte und Unternehmensinhaber.
Aber Achtung, sollten Sie einer der drei Gruppen angehören, reicht das noch nicht unbedingt. Es braucht auch eine gewisse Offenheit und Bereitschaft, über Kontakt nachzudenken und sich damit zu beschäftigen – in dem Wissen, dass es darauf nicht nur die eine unverrückbare Perspektive gibt. Dafür bietet dieses Thema aber eine ungeheuer große Chance, eine Ressource zu heben, die keinen monetären Aufwand nach sich zieht, aber in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt. Eine Ressource ist ganz grundsätzlich dadurch gekennzeichnet, dass es von ihr ohnehin einen natürlichen Bestand gibt. Sie ist also einfach »vorhanden«. So ist es auch mit dem Kontakt zwischen Menschen, unabhängig von der Art der Ausgestaltung besteht er immer, wenn sich Menschen begegnen, zusammenarbeiten oder zusammenleben. Das Heben der Ressource besteht darin, sich über die Art des Kontakts und seine Qualität Gedanken zu machen und zu verstehen, welche positiven Folgen eine Veränderung mit sich bringen würde. Denken Sie an dieser Stelle zum Beispiel an Motivation, Teamgeist, respektvollen und offenen Umgang usw. All diese Dinge erwachsen aus der Ressource Kontakt. Ihn zu verbessern und die positiven Folgen für sich zu nutzen bedarf keines finanziellen Aufwandes, wohl aber eines zeitlichen Investments. Wenn Sie etwas für sich aus diesem Buch ziehen wollen, sollte so etwas wie ein kleiner Abenteurer in Ihnen stecken: Sie sollten offen sein für Unbekanntes und vielleicht in Teilen Neues und bereit, sich weg von ausgetretenen Pfaden und hin zu neuen Wegen zu bewegen – ein bisschen wie auf einer abenteuerlichen Bergtour. Nehmen Sie möglichst viel auf!
Und für alle diejenigen, die nicht zu den drei erwähnten Berufsgruppen gehören, heißt das nicht, dass das Buch nichts für sie ist. Wenn Sie Freude an persönlichem Fortkommen, Horizonterweiterung und Weiterbildung haben, dann versprechen wir Ihnen spannende Stunden und erkenntnisreiche Überlegungen.
Das Wissen um die Stimmigkeit des Kontakts sowie die Fähigkeit, auf verschiedene Weisen Kontakt aufzunehmen und zu pflegen, ist nämlich nicht nur im beruflichen Kontext äußerst hilfreich, sondern generell überall dort, wo Sie auf Menschen treffen.
Wir wollen Ihnen eine ganzheitliche Annäherung an das Thema Kontakt bieten, eine fundierte Auseinandersetzung, die einen hohen Praxisbezug hat und deren Erkenntnisse einfach anzuwenden sind. Kommen wir nochmals kurz zurück zum Bild der Bergtour, auf die wir Sie mitnehmen wollen: Sie fängt mit allgemeineren Überlegungen an, findet [14]ihren Weg über die verschiedenen Kontaktformen und -aufnahmearten zu unserer Definition von Kontakt, bevor der Gipfel – unser Kontaktmodell – erreicht wird. An der Bergstation angekommen, haben Sie viele Möglichkeiten des Abstiegs: Verschiedene Felder der praktischen Anwendung unseres Modells in den Bereichen Human Resources und der Unternehmensentwicklung gehören ebenso dazu wie zum Beispiel die Bereiche Sport, Politik oder Soziales. Am Fuß des Berges angelangt, finden Sie viele Denkanstöße und Reflexionsmöglichkeiten für sichere Wege durch möglicherweise auftretende Krisenzeiten.
Das Buch beleuchtet, was es heißt, mit sich, anderen Menschen oder Dingen in unterschiedlichem Kontakt in unterschiedlicher Qualität zu stehen. Extremformen des Kontakts werden anhand von Ursachen und Folgen analysiert. Es wird kritisch hinterfragt, ob viele bekannte und regelmäßig eingesetzte Modelle im Bereich Persönlichkeitsentwicklung und Kommunikationstraining eine gewisse Form des Kontakts voraussetzen. Genauer gesagt: ob für das Funktionieren des einen oder anderen Modells oftmals eine bestimmte Kontaktqualität als notwendig zugrunde gelegt wird. Erst die Kombination der Überlegungen zum Thema Kontakt und der Theorie des jeweiligen Modells ermöglicht es, das maximale Potenzial des Modells zu heben – in der Umsetzung, Anwendung und für eine entsprechende Weiterentwicklung der eigenen Perspektiven.
Ganz pragmatisch soll das Buch den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, eine Standortbestimmung zu Kontakt(un)fähigkeit, Kontaktbereitschaft und Kontaktfreude vorzunehmen – nicht nur für sich selbst, sondern auch für potenzielle neue und bereits vorhandene Teammitglieder. Auch für die Selbstreflexion zum Thema Kontakt ist es natürlich hervorragend geeignet. Besteht im Anschluss ein Veränderungswunsch, gibt das Buch entsprechend der selbst definierten Entwicklungsfelder Schritte und Maßnahmen zur persönlichen Weiterentwicklung an die Hand.
Auch Personalentwicklerinnen und Führungskräfte, die durch entsprechende Beobachtungen und Einschätzungen die Kontaktqualität ihrer Mitarbeiter und Teams beurteilen und positiv auf eine gemeinsame Veränderung einwirken möchten, erhalten hier Informationen und Anleitungen. Dadurch werden fundiertes Feedback und die Begleitung in der persönlichen Weiterentwicklung möglich. Außerdem erhalten Verantwortliche ein Bindungstool zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, also Hilfestellung, wie sie als Führungskräfte und Personaler einen engeren, stimmigeren und von den Beteiligten als positiv empfundenen Kontakt herstellen können. Dort, wo sich jemand wohlfühlt, möchte er auch bleiben. Individuelle Förderung ist dann ebenso möglich wie eine zielgerichtete und am Bedarf orientierte Einstellungspraxis.
Die Autoren
Wenn Sie sich fragen, wer dieses Buch denn geschrieben hat, dann wollen wir Ihnen natürlich auch hier eine Antwort geben. Es sind die beiden Inhaber und Trainer der kontaktwerkstatt GbR. Getroffen und kennengelernt haben wir beide uns bei einer [15]knapp dreijährigen, sehr persönlichkeitsorientierten Coachingausbildung. Bei einer gemeinsam absolvierten Supervisionsaufgabe, während vieler intensiver Workshoptage und in so manch abendlicher bzw. nächtlicher Runde haben wir festgestellt, dass uns trotz scheinbar großer Unterschiedlichkeit ein festes gemeinsames Wertegerüst verbindet.
Auf den ersten Blick vielleicht eine seltsame Kombination: der Pädagoge Peter mit Schwerpunkt Personal- und Organisationsentwicklung und der Wirtschaftsjurist Christian mit Schwerpunkt Mediation. Peter ist geprägt durch viele Jahre Leistungssport im Bereich Fußball, Christian durch die langjährige Tätigkeit im Rettungsdienst.
Oft nehmen uns Teilnehmerinnen und Teilnehmer anfangs als äußerst unterschiedlich wahr. Manchmal werden wir beschrieben als »good cop, bad cop«, andere fragen, ob wir diese Rollen bewusst einnehmen. Das ist extrem spannend für uns, denn natürlich spielen wir keine Rollen, sondern verhalten uns im Workshop so, wie wir wirklich sind. Nichts fänden wir schlimmer als ein nicht authentisches Auftreten und Agieren. Durch derartiges Feedback stellen wir fest, dass die Unterscheidung zwischen Wirkung und Sein, die wir häufig in Workshops thematisieren, wohl auch auf uns zutrifft.
Natürlich gibt es – schon durch die verschiedenen Ausbildungen, die wir durchlaufen haben – Unterschiede in unseren Herangehensweisen, Formulierungen und Äußerungen sowie in Auftreten und Wirkung. Während Peter, geprägt durch sein Pädagogikstudium und die zehnjährige Tätigkeit im Bereich Human Resources, den Kontakt zum Gegenüber für ein erfolgreiches gemeinsames Arbeiten herstellen musste, bringen die Aufgaben eines Juristen, der 14 Jahre in einem Versicherungskonzern in den Bereichen Medizin, Recht und Beschwerdemanagement gearbeitet hat, eine andere Vorgehensweise mit sich. Natürlich stand und steht auch in Christians Wertegerüst der Mensch und der Kontakt zu ihm im Fokus. Allerdings sind die Herangehensweise und der Kontaktaufbau anders. Während Peter Kontakt primär durch seine Präsenz, Ausstrahlung und Offenheit herstellt, ist Christians Weg eher das Gespräch, verbunden mit einer analytisch bedingten Nachdenklichkeit, die ganz unterschiedlich interpretiert wird. Dies mag manchmal faktenorientiert und damit ein Stück weit nüchterner wirken, weshalb der Kontaktaufbau in Christians Fall in der Regel auch eine längere Anlaufphase hat.
Wer sich hiervon ein Bild machen möchte, ist herzlich eingeladen, sich unseren Podcast »kontaktaufnahmen« anzuhören. Ja, wir haben Mitte 2021 damit begonnen, Themen unserer Arbeit zusammen mit Gästen zu beleuchten, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht mit uns in Verbindung bringen würde. Hier sei exemplarisch der Generalmusikdirektor und Dirigent des Staatsorchesters Stuttgart, Cornelius Meister, genannt, wenn es um das Thema Führung geht.
Unser Podcast »kontaktaufnahmen«
Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Workshops ergibt sich durch unsere konträren Herangehensweisen der Vorteil einer nahezu 360-Grad-Sicht auf Themen und Personen. Entscheidend und wohl auch einer unsere Erfolgsfaktoren ist aber unser hoher Übereinstimmungsgrad bezogen auf Menschen, Werte und unsere Zielorientierung.
Unter der gemeinsamen Firmierung, der kontaktwerkstatt GbR, arbeiten wir mit den folgenden vier Säulen und einem damit verbundenen Verständnis von Kontakt, das uns eint:
Die vier Säulen der kontaktwerkstatt GbR
Gemeinsam sind wir der festen Überzeugung, dass ein tragfähiges Fundament eines erfolgreichen Unternehmens zwingend alle vier Pfeiler benötigt und die wechselseitigen Beziehungen und Verbindungen untereinander stets im Fokus stehen müssen. Diese vier Themenfelder finden sich in unzähligen Lehrbüchern, Skripten und Homepages renommierter Marktbegleiter. Sie teilen wie wir die feste Überzeugung der Wichtigkeit dieser Felder.
Was macht ein Gebäude neben Fundament und »Säulen« aus? Die Mauern, die Verbindung zwischen den Pfeilern, eine schöne Tür oder Fenster, die Licht ins Gebäude [17]lassen, oder ein ästhetisches Element, das vielleicht ganz ohne Funktion ist – also das Schöne, das Angenehme, ja das alles Umfassende. Unsere Überzeugung ist, dass Kontakt die verbindende Basis aller Säulen ist. Ohne diese Verbindung bleibt das Bauwerk eine Ruine. Auch Ruinen können beeindruckend anzusehen sein, schauen wir nur auf die Bauwerke aus der Antike, aber ihre volle Funktionalität entfalten sie nicht mehr.
Aus einer tiefen Überzeugung heraus und um Sie zum Nachdenken und Handeln anzuregen, haben wir dieses Buch geschrieben. Wir wollen unsere Erfahrungen mit Ihnen teilen und unsere Erkenntnisse und Thesen mit Ihnen diskutieren. Ja, Sie sind aufgefordert mitzudenken, sich einzubringen und zu arbeiten, wie sich das eben für eine Werkstatt gehört.
Es geht nicht um die Auseinandersetzung mit Kontakt um seiner selbst willen. Vielmehr dienen all unsere Überlegungen der Anregung und Anleitung, sich mit dem Thema Kontakt in unterschiedlichen Facetten zu beschäftigen und dessen Potenzial vollumfänglich zu erkennen. Darüber hinaus ist das intensive Auseinandersetzen die Basis für die Anwendung und den Erfolg unseres Modells.
Die Anwendungsfelder der vier Säulen der kontaktwerkstatt GbR
Wir wollen den Funken überspringen lassen, Sie anstecken und mit Ihnen weitere Menschen gewinnen, die dieses Thema als genauso wichtig erachten wie wir.
Wir wollen Sie mit unserem Buch fordern, überraschen und Sie zum Nachdenken anregen. Aber vor allem soll es Ihnen völlig neue Perspektiven auf das Thema Kontakt in der Berufswelt geben.
Wir wissen, dass das gewählte Thema und das Erreichen unseres Ziels nicht einfach sind, aber es war uns eine Herzensangelegenheit, damit zu beginnen.
[18]Kontakt und Corona
Corona hat noch einmal um ein Vielfaches mehr gezeigt, welche Bedeutung Kontakt in unserem Verständnis hat. Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit, sich mit diesem Thema intensiver auseinanderzusetzen, ist sicherlich durch Corona und dessen Begleiterscheinungen nochmals stark befeuert worden. Kontaktbeschränkungen, neue Begrüßungsrituale, Abstandsregelungen, Homeoffice, Quarantäne, Isolation, Einsamkeit – worauf haben all diese Dinge Einfluss? Richtig, auf die Art und die Qualität des Kontakts. Und Kontakt wiederum hat an sich wieder Einfluss auf jeden Einzelnen von uns.
Und so ist es selbstverständlich, dass wir auch auf diesen besonderen Umstand eingehen. Wir wollen und werden dafür sensibilisieren, genau hinzusehen oder hinzufühlen, wie wir mit den Kontaktbeschränkungen selbst umgegangen sind, was sie bei uns und anderen ausgelöst haben und wie sich dadurch unser Miteinander verändert hat. Und eines sollte klar sein: Dies gilt nicht nur in Zeiten eines Lockdowns oder einer flächendeckenden Homeofficeanordnung. Die Zeit hat uns verändert und das wirkt nach. Eine gute Führungskraft und ein verantwortungsvoller Personaler müssen dies noch über Monate und Jahre präsent haben.
Kontakt ist nur ein Gefühl – und jedes Gefühl macht etwas mit uns, denn Gefühle vergessen wir nicht, denn wir haben sie gespürt und nicht gelernt! (Christian Gatt)
In welchem Kontext begegnet uns der Begriff »Kontakt«? Kontakt leitet sich vom lateinischen »contingere – berühren« ab und taucht in ganz unterschiedlichen Bereichen auf. In der (Kontakt-)Mechanik, der Physik und der Astronomie wird der Begriff verwendet, aber geläufiger und uns mehr vertraut ist der Körperkontakt als die aktive oder passive Berührung des eigenen oder eines fremden Körpers, ebenso der emotionale Kontakt zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Gegenstand.
Im Folgenden betrachten wir genau diesen emotionalen Kontakt sowie den haptischen Kontakt und mögliche Kombinationen. Die Übergänge sind hier natürlich nicht immer trennscharf. Bei der Entwicklung von Beziehungen kommt außerdem eine zeitliche Komponente ins Spiel: Aus einem anfangs rein haptischen oder nur sozialen oder einem unemotionalen Kontakt kann im Laufe der Zeit eine emotionale Bindung entstehen. Die Grundlage unserer Arbeit und damit die Basis dieses Buches ist natürlich dieser emotionale Kontakt.
Ausschließlich haptischen Kontakt können wir Menschen zu anderen Personen, Tieren und Gegenständen haben.
Menschen
Wenn wir andere unbewusst und ohne emotionale Komponente in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei handwerklicher Arbeit berühren, besteht ein unemotionaler haptischer Kontakt. Hingegen stellt sich beim Händeschütteln als Geste der Begrüßung oder Verabschiedung die Frage, ob das mit oder ohne Emotion geschieht. Wir glauben, dass dies ein Beispiel für beide Varianten sein kann. Sicherlich gibt es Menschen, die entsprechend der bestehenden und/oder gefühlten Beziehung zum Gegenüber die Begrüßung oder Verabschiedung ausgestalten. Damit geht auch eine emotionale Komponente einher – sei sie positiv oder negativ.
Gleichzeitig glauben wir aber auch, dass es Menschen gibt, die dieses Ritual reflexartig und ohne jegliche Emotion vollziehen, wenngleich es für einen außenstehenden [20]Dritten einen anderen Eindruck erwecken mag. Vereinfacht gesagt: Bussi rechts, Bussi links geht auch ohne Emotion.
Gegenstände
Tagtäglich berühren wir eine Unzahl von Gebrauchsgegenständen wie Besteck, Gläser, Smartphones, Lenkräder, Türklinken oder die Tastatur unseres PCs. Dies geschieht sicherlich in den allermeisten Fällen ohne eine emotionale Komponente.
Tiere
Beim Berühren von Tieren wird es dagegen schon etwas komplexer. Gibt es Tiere, die wir ohne emotionale Komponente bewusst berühren? Gehen wir aktiv auf ein Tier zu, um es anzufassen, zu streicheln oder gar hochzuheben, geschieht dies aus unserer Sicht schon nicht ohne emotionale Komponente.
Der Kontakt zu Tieren ohne Emotion, zumindest ganz am Anfang, findet wohl eher nur dann statt, wenn das Tier uns berührt und wir den Kontakt nicht kommen sehen. Wie es der Fall ist, wenn ein Insekt auf uns landet, die Ameise über unseren Fuß krabbelt, oder bei der Katze, die uns unbemerkt plötzlich um die Beine streicht. Jedoch befinden wir uns hier wahrscheinlich schon in einem Graubereich, denn nur wenige Sekunden nach dem entsprechenden Kontakt entsteht sicherlich eine wie auch immer geartete Emotion.
Mensch
Denken wir nun an die intensiveren Formen der Begrüßung wie die Umarmung, den freundschaftlichen Kuss oder das beruhigende Streicheln eines Neugeborenen oder Kindes, die trostspendende Umarmung, die Berührung von Verliebten oder sich Vertrauten oder das Ausleben von Sexualität. Dies geschieht ganz sicher mit emotionalen Empfindungen.
Als negative Form haptischen Kontakts mit emotionaler Komponente ist jede Form von körperlicher Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen zu werten wie auch die Berührung gegen den Willen des Gegenübers. Auch die Selbstverletzung fällt darunter – hier geht es allerdings um den Kontakt zu sich selbst.
Gegenstand
Beim Kontakt zu Gegenständen und Sachen können es Kleidungsstücke sein, die sich besonders angenehm oder auch unangenehm auf der Haut tragen, die Matratze oder das Wasserbett, die uns Nacht für Nacht tragen oder auch Werkzeug, das besonders [21]gut in der Hand liegt und mit dem man gut arbeiten kann. Aber auch Schnee, Regen, Wind, Kälte, Wärme, die heiße Herdplatte oder die Flamme beim Grillen ermöglichen haptischen Kontakt mit emotionaler Komponente.
Als negative Form sei hier zum Beispiel die Sachbeschädigung erwähnt.
Tiere
Viele der Tiere, die wir in Haushalt oder Stall beherbergen, erfahren extrem oft haptischen Kontakt durch uns Menschen, indem wir sie streicheln, halten oder gar auf ihnen reiten. Dies geht meist mit Emotionen einher.
Da wir uns nun dem Kern unserer Überlegungen und damit des Buches nähern, erlauben Sie uns, dass wir an dieser Stelle – beim emotionalen Kontakt ohne haptische Komponente – ein klein wenig weiter ausholen.
Was ist gemeint, wenn wir sagen, etwas hat uns sehr berührt? Was berührt uns denn da? Was geschieht, wenn wir bei einer Trauerfeier dieses schwere, erdrückende Gefühl verspüren? Wenn wir mit den Tränen kämpfen oder haltlos weinen müssen? Wenn uns die Berichterstattung aus einem Krisengebiet schwer erschüttert und wir sagen, dass wir großes Mitgefühl empfinden? Wenn also Dinge geschehen, die uns berühren? Da uns in diesem Fall nichts physisch berührt, muss es also noch eine weitere Variable geben.
Welche Rahmenbedingungen und Konstellationen sind nötig, damit wir von Mitgefühl sprechen können? Muss da nicht eine Verbindung bestehen oder aufgebaut werden/ worden sein? Eine physische Verbindung muss in diesen Fällen unbestritten nicht bestehen, aber zweifelsohne ist da irgendetwas, sonst wären wir nicht ergriffen und berührt. Denn es gibt ja auch die Geschehnisse und Vorfälle, bei denen wir keine oder nur eine geringe emotionale Reaktion haben.
Halten Sie kurz inne und versetzen Sie sich in die oben beschriebenen Situationen. Überlegen Sie, was in Ihnen vorgeht und weshalb dies der Fall sein kann. Irgendeine Form der Verbindung muss es doch sein, die in uns etwas auslöst.
Wir haben für uns hier eine klare und aus unserer Sicht auch sehr schlüssige Erklärung und Schlussfolgerung: Es gibt neben der rein körperlichen/gegenständlichen Kontaktvariante auch die emotionale Form.
Lassen Sie uns an dieser Stelle einem späteren Kapitel kurz vorgreifen, das da heißt »Kontakt ist nur ein Gefühl«. Das Wort »nur« in dieser Definition ist nicht gleich[22]zusetzen mit »wenig«, sondern es ist im Sinne von »ausschließlich« zu verstehen. Wir sind der festen Überzeugung, dass Kontakt immer nur ein Gefühl ist. Hören wir also eine Nachricht, die uns erschüttert, so haben wir zu den Betroffenen entweder bereits eine gewisse Verbindung oder stellen sie in dieser Sekunde her – diese Verbindung nennen wir »Kontakt«. Dieser manifestiert sich in dem Gefühl, das wir verspüren. Natürlich geschieht dies genauso in Situationen der Freude und einer positiven Anteilnahme, wie wir sie erleben, wenn wir von der Geburt eines Kindes hören, eine Hochzeit miterleben, einen sportlichen Erfolg des Lieblingsvereins feiern oder etwa vom beruflichen oder schulischen Fortkommen von Freunden oder Familie hören.
Wir werden in den Kapiteln 3 und 4 noch genauer auf diese Überlegungen und die Definition eingehen.
Beispiele für emotionalen ohne gleichzeitigen haptischen Kontakt wollen wir an dieser Stelle exemplarisch aufführen. Gern fügen Sie Ihre Ideen hier gedanklich mit ein. Da gibt es die unterschiedlichen Formen der Zuneigung: das Sich-nicht-egal-Sein, das Mögen, das Schätzen, das Verliebtsein, das Sich-Lieben, das Sich-um-den-anderen-Sorgen, das Um-ihn-Trauern, das Vermissen, das Sich-ganz-nahe-Fühlen, das Ehrfürchtig-Aufschauen, das Respektieren oder das Anhimmeln. Ebenso aber auch die negativen Formen wie Gleichgültigkeit, Verachtung oder Hass.
Die eben aufgezählten »Verbindungen« sind immer auf zwei Menschen bezogen. Spannend ist die Frage, ob es eine emotionale Verbindung in der Konstellation zwischen Menschen und Sachen gibt beziehungsweise geben kann. Auch hier dürfen Sie gern mitarbeiten und mitreflektieren. Haben Sie es schon erlebt, dass Sie Ihr Auto verkauft haben und dabei irgendwie ein seltsames Gefühl aufgekommen ist, als es mit dem neuen Eigentümer vom Hof gerollt ist? Ist da über die Jahre eine Bindung, eine Verbindung entstanden? Schreiben wir Gegenständen manchmal menschliche Eigenschaften zu? »Mein Computer hat mich heute geärgert!« wäre so ein Beispiel.
Immer wieder hören wir von Menschen, die es regelmäßig zu denselben Orten zieht, weil sie mit ihnen ein besonderes Gefühl verbinden. Ob es der Ort des Heiratsantrags ist oder einfach eine Region und ein dort spürbares Lebensgefühl, das die Sehnsucht weckt, dort immer wieder hinzufahren und sich aufzuhalten. Auch die emotionale Bindung zu einem Ort ist letztendlich ein Kontakt dorthin und nach unserer Definition wiederum ein Gefühl, das wir spüren, wenn wir daran denken – und dabei müssen wir gar nicht vor Ort sein. Überlegen Sie kurz: Kennen Sie solche Orte, die Sie in besonderer Erinnerung haben? Welche Gefühle steigen auf, wenn Sie an diese denken?
[23]Ziehen wir an dieser Stelle ein kurzes Zwischenfazit, so wissen wir nun um die drei Kontaktformen:
haptischer Kontakt zu Mensch/Tier/Gegenstand ohne emotionale Komponentehaptischer Kontakt zu Mensch/Tier/Gegenstand mit emotionaler Komponenteemotionaler Kontakt zu Mensch/Tier/Gegenstand ohne haptische KomponenteBehalten Sie diese Gedanken im Gedächtnis. Wir brauchen sie als Basis an späterer Stelle, wenn wir uns gemeinsam mit der Definition von Kontakt beschäftigen.
An dieser Stelle stoppen wir und nehmen mit: Wir unterscheiden also den emotionalen und den haptischen Kontakt als (zwischen-)menschliche Verbindung.
Die zweite Dimension, mit der wir uns in diesem Kapitel beschäftigen wollen, sind die verschiedenen Arten der Kontaktaufnahme. Hier unterscheiden wir drei verschiedene Varianten: verbal, nonverbal und physisch. Stellen wir uns hierzu kurz ein jeweils passendes Szenario vor. Haben Sie jeweils ein Beispiel vor Augen für eine entsprechende Kontaktaufnahme Mensch–Mensch? Welche dieser drei Varianten können Sie sich auch in der Konstellation Mensch–Sache vorstellen?
Gleich ist allen drei Kontaktaufnahmearten, dass sie ihren Anfang jeweils über einen wahrgenommenen Reiz auf der Empfängerseite finden. Der Sender gibt einen Impuls, der Empfänger verzeichnet einen Sinneseindruck, der den Beginn der Prozesskette darstellt.
Eine Kette biochemischer Reaktionen übersetzt den initialen Reiz, der unmittelbar vorher das Sinnesorgan erreicht hat, in einen elektrischen Nervenimpuls, der anschließend in spezialisierten Bereichen des Gehirns analysiert wird. Grundlegende Unterschiede gibt es nur ganz am Anfang dieser Reaktionen, nämlich über welches Einfallstor sie den menschlichen Körper erreichen. Dementsprechend findet die Reizverarbeitung im Gehirn in unterschiedlichen Arealen statt.
Vielleicht fragen Sie sich, ob es stimmen kann, dass wir nur drei Kontaktaufnahmearten ins Rennen führen, wo wir doch oft von fünf beziehungsweise sieben Sinnen lesen, die der Mensch haben soll. In der Literatur finden wir unstrittig fünf Sinne: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Tasten. Die Quellen, die auf sieben Sinne kommen, zählen hierzu noch das Fühlen und die Körperbalance.
[24]Versuchen wir, die verschiedenen Sinne unter die drei Kontaktaufnahmearten zu subsumieren:
Das Hören ordnen wir eindeutig der Kontaktaufnahmeart »verbal« zu, das Sehen ebenso eindeutig »nonverbal«.Unstrittig ist, dass sowohl Schmecken, Riechen, Tasten, Fühlen als auch die Körperbalance weder zu den Kontaktaufnahmearten verbal noch nonverbal gehören, sondern der physischen Kontaktaufnahmemöglichkeit zuzuordnen sind. Der Kontakt mit Lebensmitteln oder Geruchsstoffen, der die entsprechende biochemische Reaktionskette in Gang setzt, ist in seinem Ursprung physisch. Lebensmittel oder andere Substanzen, die im Mund auf Zunge und Gaumen treffen, bilden aufgrund ihres Kontakts mit den entsprechenden Rezeptoren den Beginn dessen, was wir als »Schmecken« bezeichnen. Ähnlich ist es bei Geruchsstoffen, die im Bereich der Nase auf die entsprechenden Rezeptoren treffen. Beim Fühlen sind es die Rezeptoren der Haut, die die Kontaktaufnahme zur Weiterverarbeitung an das Gehirn senden.Die dargestellte Zuordnung basiert auf der entsprechenden Paarbildung nach dem Prinzip von Sender und Empfänger – also worüber der wahrzunehmende Reiz aufgenommen wird.
Das gesprochene Wort hören wir: verbal – HörenMimik, Gestik und Körpersprache sehen wir: nonverbal – SehenGeschmacks- und Geruchsstoffe sowie Gegenstände treffen auf entsprechende Rezeptoren – Kontakt im mechanischen Sinn: physisch – Schmecken/Riechen/ TastenBei genauerer Betrachtung verwundert die Nennung des Sinnes »Tasten« neben dem Sinn »Fühlen«, da aus unserer Sicht hier derselbe Sachverhalt zu unterschiedlichen Zeitpunkten beschrieben wird. Das Tasten eines Gegenstandes oder auch eines Lebewesens zieht im nächsten Schritt ein Empfinden, also das Fühlen, nach sich.
Für unsere weiterführenden Veranschaulichungen kann die Körperbalance beziehungsweise der Gleichgewichtssinn vernachlässigt werden. Denn dieser Mechanismus und die entsprechenden Auswirkungen und Empfindungen laufen über ein ausgeklügeltes System ab. Hierbei kann der Körper mithilfe von Flüssigkeiten im Innenohr, der Augen sowie der Oberflächen- und Tiefensensibilität die Relation der eigenen Lage im Verhältnis zur Außenwelt spürbar werden lassen. Auch hier wirken also Kräfte, weshalb die Zuordnung zu »physisch« korrekt ist. Der auslösende Impuls ist eine Kombination von Impulsen innerhalb und außerhalb des Körpers.
Wenden wir uns also den drei Varianten zu, über die wir Menschen Kontakt aufnehmen können: verbal, nonverbal und physisch.
Die drei Varianten des Kontakts
Ihnen ist beim aufmerksamen Lesen sicher aufgefallen, dass wir zum Thema »verbal« nicht über die Begriffe »Kommunikation« oder »Gesprächsführung« hinleiten, sondern es aus der Perspektive der Kontaktaufnahme betrachten. Der Grund dafür ist, dass wir keinen weiteren Kommunikations- oder Verhandlungsratgeber schreiben wollen, sondern alle in diesem Buch aufgegriffenen Themen mit unserem Verständnis von Kontakt in Verbindung und im besten Fall in Einklang zu bringen versuchen. Denn es ist aus unserer Sicht nicht möglich, besser zu kommunizieren, erfolgreicher zu verhandeln oder ein Streitgespräch konstruktiver zu führen, ohne den zwischen den Parteien bestehenden Kontakt in den Blick zu nehmen.
Genau aus diesem Grund haben wir uns nicht nach einem Sprachwissenschaftler oder klassischen Kommunikationstrainer als Gesprächspartner umgesehen, um unsere Perspektive zu bereichern, sondern waren auf der Suche nach einer Person, der es auf scheinbar spielerische Art und Weise gelingt, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Wir freuen uns deshalb riesig und sagen an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für eine tolle Podcastfolge und ganz besonders für eine so angenehme Kontaktaufnahme, wie wir sie mit Thorsten Otto erleben durften.
Als Beweis für seine außerordentliche Fähigkeit und Gabe gelten für uns die unzähligen Gespräche, bei denen immer dieses Gefühl der Vertrautheit und Offenheit zwischen den Gesprächspartnern zu spüren ist. Besonders faszinierend finden wir, dass [26]dieser Eindruck allein durchs Zuhören am Radio entsteht – dort kann man ja zwangsläufig keine visuellen Eindrücke und Wahrnehmungen mitverarbeiten, um die Situation einzuschätzen.
Thorsten Otto, Moderator, Autor und Gastgeber in über 3.000 Sendungen zuerst mit »Mensch Otto« auf Bayern 3 und dann mit der blauen Couch auf Bayern 1. Er ist sicherlich jemand, der weiß, wovon er spricht, wenn es heißt, auf neue Menschen zu treffen, in Kontakt zu kommen und in kurzer Zeit Vertrauen aufzubauen, jemand, der weiß, was es heißt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich das Gegenüber wohlfühlt und Kommunikation nicht zu einem bloßen Interview, sondern zu einem echten Gespräch wird.
Und vorab noch ein kleiner Auftrag an Sie: Achten Sie einmal darauf, worauf es immer wieder hinausläuft, Stichwort »Gefühl«, aber dazu am Ende mehr.
Auszug aus unserer Podcastfolge mit Thorsten Otto im Schlosspark Höhenried
© Susanne Sigl
kontaktwerkstatt: Lieber Thorsten, lass uns steil einsteigen und sag uns, wie du Kontakt definierst.
Thorsten Otto: Kontakt ist das, was entstehen muss, damit du mit einem Menschen überhaupt in Kommunikation treten kannst. Kontakt kann dabei sanft sein, kann zärtlich sein, kann ganz easy sein, kann aber auch heftig sein. Kontakt gibt es ja auch beim Boxen zum Beispiel.
Ich entscheide für mich, wie ich den Kontakt zu meinem Gegenüber aufbauen möchte, und dann gibt es noch die unterschiedlichen Tools und Möglichkeiten dazu, es zu tun. Aber Kontakt ist die Voraussetzung für jede Form von Kommunikation. Und diese Fähigkeit macht uns Menschen ja aus.
kontaktwerkstatt: Absolut, da sind wir definitiv der gleichen Meinung. Jetzt hattest und hast du ja mit deinen Formaten »Mensch Otto« und »Blaue Couch« ganz oft diese Situation, mit teilweise fremden Menschen sehr schnell in Kontakt zu kommen. Wenn du das beschreibst, wie ist die erste Anbahnung?
Thorsten Otto: Also da läuft ganz viel intuitiv ab, aus dem Bauch heraus, bei mir ist ganz viel Routine aus der Erfahrung von inzwischen über 3.000 solcher Gespräche. Die dauern (nur) eine Stunde und der erste Moment ist ganz wichtig – wie im richtigen Leben. Ich schau mir mein Gegenüber an und dann sagt mir mein Gefühl, sagt mir mein Bauch schon, so musst du mit dem umgehen. So musst du den oder die [27]angehen, damit die Lust haben, mit mir wirklich ein Gespräch zu führen. Ein Gespräch ist ja viel mehr als ein Interview, etwas, das möglichst auf Augenhöhe stattfindet, mit viel Empathie geführt wird, bei dem man sich wirklich in den anderen hineinversetzt, und um das gelingen zu lassen, ist die Atmosphäre ganz wichtig.
Ich muss mein Gegenüber abholen, das ist mein Job als Moderator. Im Endeffekt auch wieder, wie im richtigen Leben, dass ich eine Atmosphäre schaffe, und dafür ist es wiederum notwendig, dass ich dem anderen oder der anderen ein gutes Gefühl gebe. Ich bin freundlich und zugewandt und da muss ich mich gar nicht groß anstrengen. Und dann gibt es ein Thema, über das jeder Mensch reden will. Jeder Mensch hat irgendetwas, was ihm wichtig ist, was ihm sehr angenehm ist, worüber er reden muss.
Und wenn es später vielleicht ein bisschen anstrengender wird oder die Frage ein bisschen intimer oder investigativer, dann ist es wichtig, dass der- oder diejenige sich wohlfühlt, und das geht eben über ein Thema, das verbindet, und das Gefühl, das man vermittelt.
kontaktwerkstatt: Eine absolute Parallele zu unserer Arbeit. Auch wir müssen in den ersten Stunden, wenn wir auf fremde Menschen treffen, die mit uns zwei Tage arbeiten dürfen oder müssen, je nachdem, ein Wohlfühlklima herstellen, wollen wir maximal effizient zusammenarbeiten. Und wir stellen schon fest, dass dies manchmal gar nicht so einfach ist.
Thorsten Otto: Das stimmt!
kontaktwerkstatt: Da wäre natürlich die Frage an dich, denn die Erfahrung wirst du wahrscheinlich auch schon gemacht haben: Was muss man machen, wenn man merkt, es will nicht so recht ins Rollen kommen?
Thorsten Otto: Der Schlüssel ist: nicht aufgeben, weitermachen. Also gemeinsam das »richtige« Thema suchen, ganz offen darüber sprechen. Auch sagen, »Ich habe das Gefühl, Sie sind gerade aufgeregt, ich bin es übrigens auch«, weil ich möchte, dass ein besonders gutes Gespräch entsteht, offen ansprechen, dass da gerade irgendwas im Argen ist und die Wellenlänge vielleicht noch nicht ganz so passt.
Und dann kommt da auch der Sportler in mir hoch. So etwas weckt meinen Ehrgeiz. Ich will die Leute knacken. Ich will denen einfach ein gutes Gefühl geben und das funktioniert dann in acht von zehn Fällen auch in schwierigen Situationen. Und natürlich gibt es Fälle, in denen man es einfach nicht hinkriegt, weil der oder die andere es vielleicht auch gar nicht will und dann – das ist meine Erfahrung – kannst du auch nichts machen.
[28]Man darf und muss auch einfach akzeptieren, dass es Kontaktaufnahmen gibt, die bei der Kontaktanbahnung bleiben und an der Stelle vielleicht scheitern. Du kannst es in der Regel mit viel Routine und mit viel gutem Willen schon hinkriegen, dass es trotzdem noch ein professionell geführtes Gespräch wird. Aber eines, bei dem sich wirklich beide wohlfühlen und bei dem am Schluss beide rausgehen und sagen, »Oh, das war jetzt schön«, bei dem ich etwas erfahren habe, das ich vorher nicht wusste, und beide eine gute Zeit hatten – das wird es in diesen Fällen eben nicht werden.
kontaktwerkstatt: Wir wollen noch mal auf die Definition von »Kontakt« eingehen. Du hast gesagt, das ist die Grundvoraussetzung, dass ein gutes Gespräch überhaupt stattfinden kann. Lass uns da einen Schritt tiefer gehen. Kontakt ist die Voraussetzung, mit anderen Worten also eine Notwendigkeit. Aber was ist es denn, was da nötig ist und das wir »Kontakt« nennen?
Thorsten Otto: Also in diesem Zusammenhang kann ich es vielleicht so definieren: Ein guter Kontakt ist, wenn sich zwei Menschen wirklich wahrnehmen, wenn das also nicht eine einseitige Geschichte ist und wenn es eine bewusste, auch für mich emotionale Reaktion gibt. Wir kennen alle die Situation: Man sieht jemanden, du guckst jemanden an und es ist nur ein flüchtiger Kontakt, aber du spürst in dem Moment, dieser Kontakt, das ist etwas Besonderes. Da wird irgendwas passieren.
Also ist das auch wieder was, was mit viel Mitgefühl und Intuition zu tun hat. Kontakt ist etwas, das die Voraussetzung ist für Kommunikation, das aber auch schon weit darüber hinausgehen kann. In diesem ersten Moment der Kontaktaufnahme, da verbindet sich was – genau diese Verbindung macht es oft aus.
kontaktwerkstatt: Was hilft für eine erfolgreiche Kontaktaufnahme noch aus deiner Sicht?
Thorsten Otto: Ehrliches Interesse. Ich glaube, die meisten Menschen, wenn sie spüren, da ist jemand gegenüber, der wirklich Interesse an mir hat, öffnen sich dann auch. Nicht alle, aber die allermeisten. Und ganz wichtig: Ehrliches Interesse kann man nicht vorgaukeln. Das kennen wir auch alle aus Talkshows, bei denen du das Gefühl hast, hier herrscht keine Wohlfühlatmosphäre, obwohl auf der Tonspur entsprechende Sätze und Formulierungen fallen.
Es geht um das Thema Augenhöhe. Investigative Journalisten neigen zum Beispiel dazu, ihr Gegenüber spüren zu lassen, »So, ich sage Ihnen jetzt, wo es langgeht und wie der Hase läuft«. Dann wird dir dein Gegenüber im Zweifelsfall wenig [29]bis nichts mehr erzählen. Dann kannst du dir diese Kontaktaufnahme direkt sparen.
Mein bestes Beispiel und ein großes Vorbild war für mich immer Alfred Biolek. Ein Meister, der es in meinen Augen wie kein Zweiter geschafft hat, diese Wohlfühlatmosphäre im Studio herzustellen und der aus den hartgesottensten Politikern meistens mehr rausgeholt hat als all die investigativen Journalisten heutzutage.
kontaktwerkstatt: Lass uns noch ein bisschen aufs Handwerkszeug schauen. Zu einem guten Gespräch gehören ja immer zwei. Die Kontaktqualität beider bzw. deren Stimmigkeit und das Zusammenspiel machen ja den guten Kontakt – das gute Gefühl. Immer wieder erleben wir in den Medien, beruflich oder privat, dass es Menschen gibt, die extrem viel Raum einnehmen. Dies kann durch ihre physische Präsenz passieren, also in einem Raum, in dem ganz viele andere Menschen sind, aber auch verbal mit ihrem Gesprächsanteil oder Redefluss im eins zu eins.
Das fühlt sich dann nicht stimmig an, zuweilen sogar unangenehm, weil er oder sie viel zu viel kommuniziert. Was sind so deine Erfahrungswerte aus über 3.000 Gesprächen, wenn wir auf die Quantität der verbalen Kommunikation blicken?
Thorsten Otto: Das kann man wieder nicht verallgemeinern. Das Wichtigste ist, zuhören zu können. Wirklich zuzuhören hat wieder etwas mit Interesse zu tun. Wenn ich meinem Gegenüber das Gefühl gebe, ich bin jetzt wirklich bei dir, ich höre dir zu, das interessiert mich, was du erzählst, dann bildet sich daraus ein tiefes Gespräch. Ich ziehe immer gern die Parallele zur Musik. Auch ein Gespräch, ein gutes Gespräch hat eine Melodie und ich bin immer dann froh über meine Sendungen, was jetzt auch nicht jedes Mal passiert, wenn ich das Gefühl habe, da hat die Melodie, hat der Takt heute gepasst – und das ergibt sich dann, wenn es ein Geben und Nehmen ist.
Ich höre jetzt zu. Du erzählst mir etwas und anschließend erzähle ich etwas von mir. Wenn ich von mir etwas preisgebe, erzählst du mir auch wieder mehr von dir, was du vielleicht vorher gar nicht vorhattest. Wenn diese Melodie zwischen zwei Menschen entsteht, und die kann auch zwischen zwei Menschen entstehen, die sich eben zum ersten Mal sehen, dann ist es etwas Besonderes. Aber zu verallgemeinern, was das rechte Maß ist, ist schwierig.
Entscheidend ist, dass beide in eine Art Schwingung kommen, wie ein Pendel. Dabei kann der Takt mal langsamer und mal schneller sein, entscheidend ist, dass es hin und her schwingt. Dann entsteht oft ein Flow, es kommt ins Fließen und fühlt sich so leicht an.
[30]Das hat auch viel mit Energie zu tun. Wenn du dich mit jemandem unterhältst, der dir wie ein Schluck Wasser in der Kurve gegenübersitzt und der von der Intonation her auch eher monoton ist, wird es schwierig. Wenn nur einer erzählt und der andere gar nichts dazu beiträgt, dann stimmt die Energie nicht – und das ist auch meine Aufgabe als Gesprächspartner in so einer Situation, in der der andere gerade weniger Energie zu haben scheint, Energie zu geben. Und gleichzeitig kommt es nicht auf eine hohe Geschwindigkeit an.
Ich muss gerade da rübergucken: Die zwei alten Ladys gehen mit ihrem Riesenschirm hier im Park spazieren. Ich weiß, Sie als Leser bzw. Hörer dieser Podcastfolge können das jetzt nicht sehen, aber es ist ein grandioses Bild. Eine alte Dame, die hundert wird und ihre Tochter, die, ich schätze, circa 75 Jahre alt ist, und die mit einem Riesenregenschirm als Sonnenschutz hier gemeinsam durch den Park Schloss Höhenried laufen. Ein großartiges Bild.
Ja, liebe Leserinnen und Leser, natürlich können Sie die beiden alten Damen nicht sehen und ja, es war ein besonderer Moment, etwas Besonderes, wie die beiden hier hinter dem Platz im Schlosspark, den wir uns für unser Interview gesucht hatten, vorbeimarschierten.
Aber warum war es für uns etwas Besonderes? Selbstverständlich ist es außergewöhnlich, mit 99 noch so agil und fit zu sein, dass man mit der Tochter durch den Park schlendern kann. Ich glaube aber, für uns drei war es etwas Besonderes, weil es nicht einfach irgendwelche zwei alten Damen waren, sondern weil wir bereits einen gewissen Kontakt zu ihnen hatten. Thorsten Otto war nämlich in den wenigen Minuten unserer gemeinsamen Vorbereitung vor der Aufnahme plötzlich aufgestanden, hatte uns zu verstehen gegeben, dass er gleich wieder hier wäre, und war vier Tische weiter gegangen, wo die beiden Damen saßen und sich ausruhten.
Und so wurden wir beide Zeugen einer Kontaktaufnahme par excellence. Es war beeindruckend mitanzusehen, wie sich Thorsten den beiden näherte, zielstrebig und selbstbewusst, gleichzeitig demütig und vorsichtig. In seinem Auftreten und in seiner Stimme war so viel Wertschätzung zu spüren und ein echtes Interesse an den beiden. Und so fragte er nach wenigen Sätzen ganz direkt nach dem Alter der Damen. In den maximal 90 Sekunden zuvor war es ihm gelungen, eine spürbare Verbindung aufzubauen und das Vertrauen der beiden zu gewinnen. Allein in der Art und Weise, wie er ihnen etwas von unseren Getränken anbot, war erkennbar, dass dies nicht der Höflichkeit geschuldet war und es nicht der Anstand gebot, sondern dass er wollte und ernsthaft besorgt war, dass die beiden an diesem extrem heißen Sommertag auch etwas zu trinken hatten.
[31]Aus der kurzen Distanz beobachtet, entstand ganz schnell das Gefühl, dieses Schwingen, das ein gutes Gespräch ausmacht. Besonders eindrücklich mag der Umstand anmuten, dass wir Thorsten Otto ja als Experten für verbale Kommunikation beziehungsweise die verbale Kontaktaufnahmeart gewählt hatten und die ältere der beiden Damen so schlecht sehen konnte, dass der Kontakt letztendlich tatsächlich nur über seine Stimme hergestellt wurde.
