KONTROLLIERT AUSSER KONTROLLE - Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn - E-Book

KONTROLLIERT AUSSER KONTROLLE E-Book

Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn

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Beschreibung

Mit 16 Jahren erkrankt Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn an Magersucht. Ihre Gedanken kreisen fortan nur noch darum, wie sie Essen vermeiden und ihre Gewichtsabnahme beschleuni- gen kann. Sie zieht sich immer mehr in sich zurück und ihre Familie und Freunde reagieren hilf- los und voller Sorge auf Hannas körperliche und seelische Veränderungen. Als ihr Untergewicht lebensbedrohlich wird, wird sie von ihrer Mutter in eine Klinik gebracht - der erste von vier stati- onären Aufenthalten und der Beginn eines langen Leidensweges. Die Tagebuchaufzeichnungen von Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn sind die schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit und ihr Versuch, sie zu verstehen. In ihnen zeigen sich immer wieder die zwei Seiten ihrer Persönlichkeit, die kranke Seite, die sie zum zerstörerischen Hungern antreibt, und die gesunde Seite, die immer wieder an ihren Lebenswillen appelliert.

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Seitenzahl: 471

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Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn

KONTROLLIERT AUSSER KONTROLLE

Das Tagebuch einer Magersüchtigen

Du weißt, dass es so ist

Du lebst in einem Körper mit zwei Seelen,

Eigentlich wünschst du dir, eine würde fehlen

Da gibt’s die eine, die ist gut

Durch sie schöpfst du immer wieder Mut

Da gibt’s die andere, die ist schlecht

Und du weißt eigentlich, nur die gute hat recht

Doch ist das so?

Wenn du es weißt, wieso ist sie trotzdem da?

Einfach so? Weil es eben so war?

Schalte sie doch ab, ist doch kein Problem,

Du weißt, es würde dir dann viel besser gehn

Doch ist das so?

Du weißt auch, dass sie dich einzigartig macht

Und mit jedem Gramm ein Feuer in dir entfacht

Doch ist das so?

Du weißt, durch dieses Feuer wird dir warm,

Doch du weißt auch, was dieses Feuer mit dir macht:

Dein Herz wird dadurch arm.

VORWORT

Heute.

Heute sitze ich hier und kann es kaum glauben. Vor mir liegen die über 300 Seiten meines Buches und ich weiß einfach nicht, was ich denken soll. Ich habe lange überlegt, ob ich meine tiefsten Gedanken wirklich öffentlich machen soll. Einerseits versuche ich, stolz auf mich zu sein, was immer noch sehr schwierig ist, anderseits habe ich eine Heidenangst, dass es Konsequenzen für mich haben wird, dass ich mit diesem Buch mein Innerstes preisgebe. Werde ich denn einen Freund finden, wenn er meine Vorgeschichte kennt? Werde ich vielleicht benachteiligt bei Bewerbungen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass dieses Buch mir geholfen hat und es auch anderen helfen wird. Ich denke, es ist die richtige Entscheidung.

Durch das Schreiben konnte ich über meine Kranheit reflektieren. Erst gab es nur Tagebucheinträge, ganz für mich allein, doch irgendwann bemerkte ich, dass ich kein Buch kenne, in dem Magersuchtsgedanken so klar geschildert werden. Das Erstaunliche bei Magersucht ist ja, dass sich die Gedanken, der Magersüchtigen so unglaublich ähneln. Ich möchte zum einen den Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihren Gedanken und zum anderen versuchen, deren Angehörigen und Freunden die Magersucht etwas näherzubringen. Es ist einfach so, dass Menschen, die nicht magersüchtig sind, meist nicht verstehen können, dass man nicht nur Angst hat, zu essen und zuzunehmen, sondern dass schnell immer mehr Ängste dazukommen und man irgendwann gar kein normales Leben mehr führen kann.

Aus diesem Grund finde ich, dass Betroffene, Angehörige, aber auch Leute, die noch nie etwas mit diesem Thema zu tun hatten, dieses Buch lesen sollten. Es ist nichts erfunden, übertrieben oder untertrieben. Alles ist vollkommen authentisch. Und wenn ich zurückblicke, war der Schreibprozess wie eine Selbsttherapie für mich. Kaum ein Therapeut konnte mir die Krankheit so nahebringen wie meine eigenen Gedanken. Vieles wurde mir erst bewusst, nachdem ich es niedergeschrieben hatte. Und ich empfehle allen, die mit dieser Krankheit zu tun haben, sich ihre Gedanken aufzuschreiben. Es hilft!

Trotz meiner Klinikaufenthalte und des langen Weges, den ich schon gegangen bin, bin ich oftmals immer noch hin- und hergerissen zwischen meinem Wunsch, dünn zu sein, und dem Wunsch, gesund zu sein. Ich muss einfach lernen, mit meinem Körper klarzukommen. Aber das ist sehr schwer. Manchmal glaube ich, ich werde nie zufrieden sein mit meinem Körper – egal, wie viel ich wiege.

Zurzeit treffe ich viele Freunde und Bekannte wieder, die mich lange nicht gesehen haben und sehen, dass ich zugenommen habe. Ständig klingt in meinen Ohren: »Hanna, du siehst ja so gut aus. Schön, dass es dir besser geht.«

Es ist schwer, das auszuhalten. Ich habe mich daran gewöhnt, zu hören, dass ich schlecht aussehe, und es ist nicht einfach zu erklären, dass es einem nicht sofort blendend geht, nur weil man mehr wiegt und gut erholt aussieht. Das ist ja das Schwierige an der Krankheit. Es auszuhalten. Ich bin noch lange nicht gesund und mein Essverhalten hat sich in den letzten Jahren auch nicht wirklich geändert, aber ich habe die Hoffnung, dass es nach und nach besser wird. Dass ich ein geregeltes Leben führen und irgendwann wieder normal essen kann.

Ich möchte, dass die Betroffenen wissen, dass sie es ohne Hilfe nicht schaffen können. Es mag sein, dass es Mädchen und Jungs gibt, die es allein geschafft haben, aber ich würde behaupten, dass deren Zahl sehr gering ist. Je dünner man ist, desto tiefer steckt man drin und desto dringender braucht man Hilfe. Welche Hilfe das sein soll, muss man selber ausprobieren. Die Familie kann dabei zwar unterstützend sein, aber sie kann das Kind oder den Jugendlichen nicht gesund machen. Egal, ob meine Mutter und meine Oma mich angefleht oder ob sie mir gedroht haben – je mehr sie mich unter Druck gesetzt haben, desto weniger hab ich gegessen.

Fakt ist: Man muss es selber wollen. Wenn man nicht selber dahintersteht, kann man es nicht schaffen und dann kann einem auch niemand anders helfen. Wenn man starkes Untergewicht hat, braucht man auf jeden Fall professionelle Hilfe, aber auch ein Klinikaufenthalt wird wenig bringen, wenn man dort nicht lernt, seinen Körper zu akzeptieren. Es wird nichts bringen, solange man nicht selber gesund sein will. Ich kann das so genau sagen, weil ich viermal in der Klinik war und viermal nicht dorthin wollte.

Ob ich es jetzt will? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mich nach einem normalen Leben sehne, dass es sich lohnt, zu kämpfen und nie aufzugeben. Man liebt sich nicht mehr, nur weil man dünn ist. Man muss lernen, sich zu akzeptieren und mit sich zufrieden zu sein. Aber ich glaube, das ist ein langer Lernprozess und nicht nur für mich, sondern für die meisten Menschen sehr schwer.

Eure Hanna-Charlotte

1. KAPITEL

Die Kontrolle schleicht sich heran

Ostern bis August 2008

»Boah, das war zu viel! Konntest du dich wieder nicht beherrschen?« – »Du hast nicht zu viel gegessen, du hattest doch den ganzen Tag über kaum etwas, dann ist es doch klar, dass der Hunger umso größer ist.« – »Hunger hin oder her. Eine Portion hätte vollkommen gereicht und selbst die war zu groß. Auch wenn die Hälfte nur aus Salat bestand.«

Darf ich vorstellen? Meine zwei Stimmen im Kopf, die mich nicht in Ruhe lassen. Sie versuchen, mir Ratschläge zu geben, wie ich mich zu fühlen habe nach dem Essen. Es ist Ostern 2008 und gerade haben wir das Osteressen meiner Oma hinter uns. Ich bin pappsatt. Satt und zufrieden? Keinesfalls! Ich fühle mich zwiespältig, denke viel über das gerade Gegessene nach und entscheide mich, der ersten Stimme in meinem Kopf recht zu geben! Es war zu viel! So wird das nichts mit der gesunden Ernährung.

»Mama, Oma, darf ich aufstehen?«

»Ja klar, Schatz, räume nur deinen Teller bitte weg.«

Ich räume meinen Teller weg und überlege. Was jetzt? Wohin? Ich muss irgendwohin, wo ich ungestört bin und ein Waschbecken oder eine Toilette ist. Das Erdgeschoss ist zu nah zu den anderen. Ich renne die weiße Treppe meiner Oma hoch, doch auch hier bin ich nicht ungestört genug, weil meine Geschwister direkt nebenan vor dem Fernseher sitzen. Da fällt mir die Mansarde ein. Ich renne die nächste Treppe hoch, direkt zum Waschbecken, lehne mich darüber und stecke mir den Finger in den Hals, bis ich würgen muss. Immer und immer wieder. Die vielen Versuche kommen mir vor wie Stunden, meine Augen fangen an zu tränen, ich fange an zu zittern. Es dauert einige Zeit, bis ich brechen kann, doch es kommt viel zu wenig. Jetzt muss ich dranbleiben, egal wie ekelig ich mich fühle, egal wie sehr mir das Würgen wehtut.

Irgendwann kommt nichts mehr hoch. Wahrscheinlich waren es nur fünf bis zehn Minuten, doch es kam mir eher vor wie fünf bis zehn Stunden. Ich spüle das Waschbecken aus, wasche meine Hände, mein Gesicht. Mein Gesicht! Ich sehe im wahrsten Sinne des Wortes »zum Kotzen« aus. Meine Augen sind aufgequollen und tränen. Mein Mund ist rot und entzündet vom Aufreißen, den Händen und der Magensäure.

Soll ich mich jetzt gut oder schlecht fühlen? Zumindest bin ich erleichtert, dass es vorbei ist. Jetzt muss ich mich nur erst mal wieder ansehnlich machen und mich von den anderen fernhalten, damit keiner was bemerkt. Warum ich das mache? Nun ja, ich möchte mich gesund ernähren und auf meine Figur achten. Ich fühle mich undiszipliniert und habe deswegen jetzt auch wieder mit Leichtathletik angefangen, zwei- bis dreimal die Woche. Hinzu kommt dann noch das Tanzen donnerstags.

So wie heute geht es eigentlich die nächsten Monate weiter. Ich ernähre mich gesund, lasse »Sünden« weg und mache ganz viel Sport. Doch manchmal hab ich so großen Hunger, dass ich meiner Meinung nach zu viel gegessen habe, wenn ich satt bin, und übergebe mich deswegen. Außer dem Übergeben ab und zu macht mir das Ganze ziemlich Spaß. Ich fühle mich gesund und fit, auch wenn ich mich manchmal sehr quälen muss, zum Sport zu gehen. Wo sich dann auch gleich wieder meine zwei Begleiterinnen melden.

»Hanna, geh nicht zum Training, es ist so schönes Wetter. Leg dich in die Sonne, du hast doch eh keine Lust.«

»Doch, Hanna, du hast Lust. Stell dir vor, was dir das bringt: Du fühlst dich doch immer so gut nach dem Sport und außerdem kannst du dann einigermaßen beruhigt zu Abend essen.«

Okay! Ich sollte wirklich zum Training gehen. Allein dafür, dass ich schon wieder überlege, könnte ich mir in den Hintern beißen. Da leuchtet auf einmal eine Nachricht von meiner Freundin auf meinem Handy auf: »Hey! Kommst du auch gleich mit zum See, ein bisschen sonnen und so? Die anderen kommen auch alle!«

Na toll! Jetzt treffen sich alle und ich kann nicht mitkommen, nur wegen des scheiß Trainings. Aber ich muss dahin, ich zieh das jetzt durch, also schreibe ich zurück: »Hey! Nein, tut mir leid, aber habe jetzt gleich Training, vielleicht beim nächsten Mal!«

Wann das alles anfing? Ich weiß es nicht ganz genau. Als die ganze Familie und der neue Freund meiner Mutter im Jahr 2007/2008 im Skiurlaub waren, ging es mir, soweit ich weiß, ganz gut. Gerade hatte ich mich einigermaßen vom Tod meines über alles geliebten Opas, der an einem Gehirntumor gestorben war, erholt. Er war wie ein Vater für mich.

Ob ich damals schon ein Problem mit mir oder meiner Figur hatte, weiß ich nicht. Kurze Zeit nach diesem Urlaub entschieden der neue Freund meiner Mutter und sie, sich zu trennen. Es tat mir unglaublich leid für meine Mutter, da sie ihn, glaube ich, sehr mochte, wobei ich nicht sagen kann, ob sie ihn zu diesem Zeitpunkt schon richtig liebte. Für mich persönlich war es nicht so schlimm. Ich fand ihn zwar nett, mehr aber auch ehrlich gesagt nicht, also störte es mich nicht sonderlich. Ich würde sagen, dass es mir auch in diesem Zeitraum noch gut ging. Allerdings war seit einiger Zeit mein leiblicher Vater Thema in der Familie.

Damals, vor 18 Jahren, war meine Mutter mit ihm verheiratet und bekam mit ihm meinen Bruder und mich. Doch nach einiger Zeit stellte sie fest, dass er sie nur noch belog. Er war kaum zu Hause und von seinem Studium längst exmatrikuliert. Es stellte sich heraus, dass er Alkoholiker war. Sie fasste sich ein Herz und zog mit meinem Bruder und mir von München nach Hamm zu ihren Eltern.

Als ich zwei Jahre alt war, heiratete sie ein zweites Mal, einen Mann, der meinen Bruder und mich adoptierte. Meine Mutter war zehn Jahre mit ihrem zweiten Mann verheiratet und bekam noch zwei weitere Kinder. Meine Geschwister Maria und Robert. Das Bedürfnis, meinen leiblichen Vater kennenzulernen, hatte ich nie. Eher war ich sauer auf ihn, weil ich fand, dass es eigentlich seine Aufgabe war, den Kontakt zu seinen Kindern zu suchen. Ich sah immer den zweiten Mann meiner Mutter, meinen Adoptivvater, als meinen richtigen Vater an. Doch als meine anderen Geschwister auf die Welt kamen, wurde das Verhältnis kritischer.

Wenn Streit herrschte, waren die Großen schuld, sodass unter den Geschwistern ein Konkurrenzgerangel entstand. Doch auch die Ehe zwischen meinen Eltern lief nicht gut. Für meine Mutter war klar, dass an erster Stelle immer die Kinder stehen und dann der Ehemann kommt. Das konnte mein Vater oft nicht nachvollziehen, sodass in der Familie ein ständiger Kampf herrschte. Wenn wir uns mal wieder stritten, hatte es zur Folge, dass meine Mutter sich auf unsere Seite schlug und uns verteidigte. Es herrschte nur noch Streit. Man könnte es sogar als Teufelskreis beschreiben. Mein Vater stritt mit uns, meine Mutter verteidigte uns, dann stritten die beiden, dann verteidigten wir Kinder unsere Mutter und so ging es immer weiter. Das Widersprüchliche war, dass ich zwar tierisch sauer auf ihn war, er mir aber immer leidtat und ich ein schlechtes Gewissen hatte. Nach wochenlangem Schweigen zwischen Mama und Papa trennten sie sich und meine Mutter zog mit uns in eine Wohnung. Anschließend lebten wir mit unserer Mutter alleine und waren jedes zweite Wochenende bei meinem Vater. Anfänglich zog ich das noch durch, doch dann besuchte ich ihn immer weniger, da ich meine Mutter zu sehr vermisste.

Als mein Bruder dann 18 wurde, sprach meine Mutter ihn noch einmal auf seinen leiblichen Vater Sven an, denn nun hatte er sowieso den Wunsch, ihn kennenzulernen. Auch ich wurde gefragt, doch ich war immer noch der Überzeugung, dass die Kontaktaufnahme Aufgabe von ihm sei. Zuerst wurde Kontakt zu Svens Mutter, also unserer leiblichen Oma, aufgenommen und ein erstes Treffen vereinbart. Als dann immer mehr versucht wurde, ein Treffen zu organisieren, hatte auch ich Interesse, den anderen Teil meiner Familie kennenzulernen. Es war sehr seltsam, plötzlich vor Menschen zu stehen, von denen man eigentlich nichts weiß, und somit lernte ich meine Oma, meine Tante, drei Cousins und eine Cousine kennen.

Mein Vater war bei diesen Treffen nicht mit dabei. Ihm ging es zu dieser Zeit gesundheitlich schon sehr schlecht und er verschob die Treffen immer wieder, weil er sich nach Aussage meiner Oma sehr schämte. Er hatte sich für das Treffen mit meinem Bruder und mir extra einen neuen Anzug gekauft und dann sollte es endlich so weit sein. Am Ostersamstag sollten wir ihn das erste Mal zu Gesicht bekommen. Max und ich wussten allerdings auch, dass man die Zeichen des Alkohols und seiner schlechten Gesundheit sehen würde. Am Karfreitag, einen Tag vorher, klopfte es an meiner Zimmertür und Max kam herein. Ich bemerkte sofort an seinem Gesicht, dass irgendetwas nicht stimmte. Nicht weil er weinte oder traurig aussah. Nein. Eigentlich sah er aus wie immer und trotzdem sah er anders aus.

»Ich muss dir was sagen. Oma Ursel hat eben angerufen … Sven ist gestorben. An Organversagen.«

In diesem Moment wusste ich überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. Während Max das zu mir sagte, lächelte er zwar, doch ich wusste ganz genau, dass er eigentlich nicht lächeln wollte, also antwortete ich nur: »Oh, ähm ja. Okay. Danke fürs Sagen.«

Als er wieder hinausging, saß ich, glaube ich, zehn Minuten einfach nur da und guckte geradeaus. Ich wusste überhaupt nicht, was ich denken, geschweige denn tun sollte. Sollte ich weinen? Ich wusste ja nicht mal, ob ich traurig war. Sollte ich es einfach so hinnehmen? Schließlich kannte ich ihn gar nicht. Doch gerade, dass ich ihn nicht kannte, war so schwierig, denn langsam wurde mir klar, dass ich ihn auch niemals kennenlernen würde. Nach weiteren Minuten wusste ich dann, dass ich entweder traurig, enttäuscht oder wütend war, denn ich fing an zu weinen. Wenn mich jetzt jemand gefragt hätte, warum ich weinte, ich hätte die Frage nicht beantworten können. Ich weinte um jemanden, der wie ein geschlossenes Buch war. Ein Buch, das ich nie wieder öffnen konnte.

Trotzdem würde ich dieses Weinen nicht als Trauer beschreiben, da ich selbst nicht wusste warum, um wen, oder um was. Meiner Mutter musste ich nichts erklären. Ich glaube, sie wusste ganz genau, was ich dachte. Wenn ich von dem Tod meines Vaters erzähle, habe ich immer das Gefühl, ich müsse mich erklären. Erklären, warum ich betroffen bin, weil ich es mir selber nicht erklären kann. Außerdem habe ich das Gefühl, in ganz vielen Augen zu lesen: »Du kanntest ihn doch gar nicht.« Doch auch das war nur ein Gefühl.

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir aus dieser Zeit die Zwischenfälle mit dem Übergeben nach dem Essen. Einen Tag nach dem Tod fand das beschriebene Osteressen bei meiner Oma Gerda statt. So geht es die nächsten Monate weiter. Eigentlich geht es mir gut und auch der Tod von Sven ist in den Hintergrund getreten. Ich fühle mich diszipliniert und fit, auch wenn ich mich manchmal mit unglaublichem Appetit herumquälen muss, was sich stark an meiner Laune bemerkbar macht und sich auf meine eigentliche Freundlichkeit auswirkt.

Auch meine Freundinnen und mein Freund werden stutzig.

»Sehen wir uns denn mal diese Woche irgendwann?«, fragt mich mein Freund.

»Also Montag, Mittwoch und Freitag bin ich beim Training«, erwidere ich.

»Ja, und ich habe Dienstag und Donnerstag Training und am Sonntag habe ich ein Fußballspiel, willst du dann vielleicht am Samstag zu mir kommen?«

Früher wollte ich meinen Freund am besten jeden Tag sehen. Am besten jedes Wochenende bei ihm verbringen. Am besten immer zusammen feiern gehen und zusammen die Feier verlassen. In dieser Hinsicht war meine Vorstellung von einer Beziehung sehr an den vielen Liebesbüchern und Liebesfilmen orientiert, die ich gelesen und gesehen hatte.

Aber jetzt hat sich der Spieß umgedreht. Jetzt gehe ich lieber zum Sport. Er merkt meine Veränderung und versucht, noch irgendetwas geradezubiegen. Er bemüht sich um mich, lädt mich zu sich ein. Doch ich denke nur noch daran, wie unerträglich ich meinen Körper finde.

Bald sehen wir uns immer seltener und so geht die Beziehung mit ihm zu Ende, eine Beziehung, in der ich eigentlich sehr glücklich war.

Nicht nur die Beziehung zu meinem Freund geht in die Brüche.

Durch die Sorgen meiner Mutter streite ich mich immer mehr mit ihr und auch mit meinen Geschwistern. Es geht mir einfach alles und jeder auf die Nerven. Der Höhepunkt kommt aber erst noch.

Es ist Sommer 2008. Ein weiterer Urlaub im Schwarzwald steht vor der Tür. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, mit meinen Geschwistern und meiner Mutter auf einen Bauernhof zu fahren, mit fast 17 Jahren, doch andererseits freue ich mich total darauf, mir zwei wundervolle Wochen mit meiner Mutter zu machen. Shoppen gehen, gemeinsam etwas unternehmen. Einfach einen Frauenurlaub machen. Vor einigen Wochen ist Mama auch wieder mit ihrem vorherigen Freund Matthias zusammengekommen. Kurz vor dem Urlaub heißt es dann: »Matthias kommt übrigens nach einer Woche nach zu uns in den Urlaub, ist das nicht schön?«

Wunderschön. Ich könnte kotzen. Doch ändern kann ich es nicht. Ich versuche, mich damit abzufinden und mich einfach auf die erste Woche zu freuen. Die Autofahrt in Richtung Schwarzwald ist super. Ich sitze die ganze Zeit vorne neben meiner Mutter, unterhalte mich ununterbrochen mit ihr und höre Musik. Kurz bevor wir ankommen, gehen wir noch einkaufen für einen schönen ersten Urlaubsabend »à la famille« vor dem Fernseher.

Als es so weit ist, klingelt plötzlich Mamas Handy und sie verschwindet für einige Zeit im Schlafzimmer zum Telefonieren. Als sie wiederkommt, strahlt sie übers ganze Gesicht und meint: »Ich hab eine ganz tolle Überraschung für euch. Matthias kann morgen schon zu uns nachkommen.«

Als ich diesen Satz höre, ist es, als würde mir jemand ein Messer ins Herz rammen. Mein Hals schnürt sich zu, weil ich mich extrem zwingen muss, meine Tränen zu verstecken, also versuche ich, aggressiv zu reagieren: »Mann, immer dieses ganze Hin und Her, hätte er das nicht vorher gewusst? Ich hab keinen Bock darauf.«

»Keinen Bock? Ich dachte, dass ihr euch darauf freut. Soll ich ihm sagen, dass er nicht kommen soll?«

»Oh, nein, Mann! Ist mir auch egal. Ich geh jetzt ins Bett.«

So geht es eigentlich den ganzen Urlaub weiter. Meine Mutter versucht, verständnisvoll zu sein, den Urlaub für alle schön zu machen und zu vermitteln zwischen Matthias und den Kindern, doch es ist der schrecklichste Urlaub überhaupt und mit mir und meinem Charakter geht es von nun an nur noch bergab. Ich fühle mich wie ein Stein in Matthias’ Nähe und versuche, wo ich nur kann, meine schlechte Laune zu zeigen und sie an ihm auszulassen, wobei ich im Nachhinein weiß, dass es nicht an ihm lag, sondern daran, dass ich mit mir nichts mehr anfangen kann.

Ich fühle mich fett und hässlich und unsportlich und einfach total unausgeglichen. Jedes Mal, wenn mir irgendjemand aus der Familie etwas zu essen anbietet oder einfach nur fragt, ob ich ein Eis möchte, entsteht sofort ein Streit.

»Nein, ich will kein Eis!«

»Wieso nicht, du hast doch bis jetzt nur gefrühstückt und warum bist du überhaupt schon wieder so schlecht drauf, es hat dir niemand etwas getan, das war eine ganz normale Frage von uns.«

»Checkt ihr es eigentlich nicht? Ich hab halt keinen Bock auf ein Eis!«

»Also ich hab mir das jetzt schon fast eine Woche lang angeguckt, wenn das so weitergeht mit deiner ständigen Meckerei und diesem absolut unangebrachten Benehmen, setze ich dich in den Zug nach Hamm.«

»Mach doch. Ich hatte eh keine Lust auf diesen scheiß Urlaub. Welcher normale Mensch muss schon mit fast 17 Jahren mit seiner Familie auf einen abgegammelten Bauernhof fahren.«

»Jetzt ist Schluss! Setz dich sofort ins Auto und komm mir ja nicht unter die Augen in den nächsten drei Stunden. Ich gehöre eben nicht zu den Müttern, die ihre Töchter mit irgendwelchen Leuten in irgendwelche Länder fahren lassen, wo sie jeden Moment verschleppt werden können.«

»Ts, ist wahrscheinlich immer noch besser als dieser Urlaub.«

»Was hast du gesagt?« Meine Mutter ist kaum noch zu halten.

»Nichts hab ich gesagt, Mann, lass mich einfach in Ruhe!«

Die nächsten Stunden verbringe ich im Auto. Am liebsten würde ich gleichzeitig schreien und heulen. Ich bin so sauer. Was bilden die sich eigentlich ein? Dass wir einen auf tolle neue Familie machen? Wir hätten uns so einen schönen Urlaub machen können und dann kommt der daher und fühlt sich wie so ein toller neuer Vater und macht einen auf verliebt. Ich könnte kotzen, wenn ich die beiden turteln sehe. Ehrlich gesagt, kotze ich sogar, wenn ich an manchen Tagen etwas mehr gegessen hab und ich mich wieder nur schäbig und fett fühle. Eigentlich bestand der Urlaub bis jetzt nur aus Streit, Fasten, Kotzen, Joggen und Sit-ups-Machen. Genau. Jeden Abend geh ich schon vor neun ins Bett, so kann ich ein Buch lesen und nebenher Sit-ups machen, um abzunehmen. An manchen Abenden habe ich da eigentlich überhaupt keine Lust drauf, doch ich mache es trotzdem. Ich kann mich immer wieder motivieren und wenn es nur meine beschissene Laune ist, die mich dazu antreibt.

Ich denke ganz viel darüber nach, was mich so besessen macht. Woher kommt diese plötzliche Abneigung gegen Matthias? Im Winterurlaub war er doch auch mit dabei und da konnte ich ihn eigentlich sehr gut akzeptieren. Vielleicht ist es für mich einfach zu ungewohnt, meine Mutter verliebt zu sehen. Im Winterurlaub kam mir die Beziehung zwischen den beiden noch eher locker vor und Mama hat Matthias auch mal gerne veräppelt oder mit mir zusammen Späßchen über ihn gemacht. Doch jetzt ist es einfach etwas anderes zwischen den beiden. Beide haben auf einmal gemerkt, was sie am anderen haben und was sie sich gegenseitig wert sind.

Ich habe meine Mutter noch nie verliebt gesehen. Das ist total fremd. Ich würde es sogar als außerirdisch bezeichnen. Wenn sie sich küssen oder herumturteln, fühlt es sich an, als würde man mir das Herz herausreißen. Aber ich weiß nicht wirklich, was mich daran stört. Stört mich Matthias als Person? Eigentlich mochte ich ihn bis jetzt sehr gern. Oder stört mich ein neuer Mann allgemein? Ist es einfach eine ungewohnte Situation oder habe ich Angst, meine Mutter zu verlieren? Eigentlich ist mir ganz genau bewusst, dass ich meine Mutter niemals verlieren würde. Wir sind das Wichtigste in ihrem Leben. Das war immer so und das wird auch immer so sein. Das hat sie uns sozusagen eingeimpft. Doch warum bin ich dann so eifersüchtig? Es ist einfach nichts mehr wie früher. Sonst waren meine Mutter und ich immer ein Team und jetzt bin ich nur noch auf Abwehr und Abstand. Hinzu kommt noch, dass ich jetzt wahnsinnigen Hunger habe.

Anstatt etwas zu essen, schnappe ich mir meine obligatorische Wasserflasche und trinke etwas. Das hat keine Kalorien und macht mich wenigstens für kurze Zeit satt. Während ich mich mit meinem Hunger und diesen bescheuerten Gedanken herumschlage, kommt der Rest der Familie zum Auto. Am liebsten würde ich mich jetzt in Luft auflösen. Doch ich bleibe einfach auf meinem Platz sitzen und gucke aus dem Fenster, während wir zurück zu unserer Ferienwohnung fahren. Hauptsächlich sehne ich mich jetzt nach meinem Bett und vollständiger Ruhe. Am besten bis zum Ende des Urlaubs. Doch das bleibt ein Traum, denn nach einem weiteren schrecklichen Abendessen gehe ich ins Bad und merke, wie meine Mutter hinter mir herkommt und die Tür abschließt.

»Du sagst mir jetzt sofort, was mit dir los ist, eher kommst du hier nicht raus.«

»Ich hab doch schon gesagt, dass nichts ist, Mann, lass mich doch einfach in Ruhe.«

»Ich lass dich ganz bestimmt nicht in Ruhe und gucke zu, wie du immer weniger isst und ein völlig anderer Mensch wirst. Ich erkenne dich ja gar nicht wieder. Ich hab dich den ganzen Urlaub noch nicht einmal lachen gesehen und sonst hast du ein Späßchen nach dem anderen gemacht. Wenn ich da alleine an den Skiurlaub denke, das war doch unglaublich lustig mit dir.«

»Ja war es auch. Aber zurzeit hab ich halt schlechte Laune, mehr aber auch nicht. Da muss man jetzt auch kein Drama draus machen.«

»Kein Drama? Du bist total verändert. Allein schon dein ganzes Essverhalten. Man sieht jetzt schon, dass du abgenommen hast, und das Wasser trinkst du doch auch nur, um abzunehmen oder dein Hungergefühl zu unterdrücken.«

»So ein Schwachsinn. Ich hab mir einfach nur vorgenommen, mehr zu trinken und auf meine Ernährung zu achten. Ich möchte einfach gesünder leben. Außerdem hab ich ’ne Wampe, die ich loswerden will, mit der fühle ich mich nämlich nicht wohl.«

»Willst du mich veräppeln? Wo hast du denn eine Wampe? Im Winter hattest du noch so eine wundervolle Figur und jetzt bist du total schmal geworden. Wie kommst du auf einmal darauf, abnehmen zu wollen? Früher hast du dich immer über so Magerhippen aufgeregt und jetzt bist du selber auf so einem Trip.«

»Auf einem Trip bin ich schon mal gar nicht. Und ich will niemals in meinem Leben dick sein und damit das nicht passiert, achte ich eben auf meine Ernährung und mache viel Sport.«

»Du warst doch noch nie in deinem ganzen Leben dick und wirst auch nie in deinem Leben dick sein. Das würde überhaupt nicht in unsere Familie passen oder kennst du irgendjemanden in unserer Familie, der dick ist? Niemand. Und wir haben auch keinen, der Ernährungsprobleme hat, wir achten von Natur aus schon auf gesunde Ernährung, weil wir gar nicht der Typ für ungesundes Essen sind. Außerdem hattest du das früher doch auch nicht.«

»Früher hatte ich auch keine Wampe und Sport gemacht habe ich ja wohl schon immer. Ich hab einfach nur schlechte Laune. Punkt! Darf ich jetzt gehen?«

»Du darfst erst gehen, wenn ich eine ordentliche Antwort bekommen hab. Ich glaube dir nicht, dass sonst nichts ist. Und schlechte Laune hat man auch nicht einfach so. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie es bei dir gerade ist. Man kommt ja überhaupt nicht mehr an dich heran. Sobald man dir eine Frage stellt oder versucht, dich ins Familienleben einzubeziehen, pflaumst du denjenigen an, als hätte man dir sonst etwas getan. Man kann ja kein normales Wort mit dir wechseln. Deine Geschwister trauen sich schon gar nicht mehr, dich überhaupt anzusprechen. Und wie du mit Matthias umgehst, ist unter aller Sau. So kenne ich dich gar nicht, so warst du doch früher auch nicht zu ihm und so hab ich dich auch nicht erzogen. Hat es etwas mit Matthias zu tun? Du kannst mir das ruhig sagen, ich bin dann nicht traurig oder so. Ich könnte das sogar verstehen. Immerhin haben wir jetzt so lange ohne Mann gelebt und selbst als ich noch mit deinem Vater verheiratet war, waren wir ja eigentlich immer mehr unter uns. Und jetzt kommt plötzlich jemand in die Familie, der versucht, sich einzubringen und an der Seite deiner Mutter steht.«

»Totaler Schwachsinn. Ich finde die Situation einfach komisch, mehr nicht. Ist mir doch scheißegal, was er macht.«

»Aber warum? Das muss doch irgendeinen Grund haben. Denkst du vielleicht, dass er ein Vaterersatz sein will? Er wird euch niemals ein Vaterersatz sein können. Das möchte er auch gar nicht. Er möchte mehr ein Freund oder eine Vertrauensperson für euch sein. Den Vater kann euch nämlich nichts und niemand ersetzen.«

»Selbst wenn. Auf einen Vaterersatz würde ich eh scheißen. Ich hab halt einfach keinen Bock darauf, wenn er sagt: ›Wir sind jetzt eine Familie.‹ Sind wir ganz bestimmt nicht.«

»Das meinte er wahrscheinlich gar nicht so. Er ist eben einfach glücklich, dass er jetzt wieder bei uns ist. Und er findet euch alle vier so toll und möchte sich ganz große Mühe geben, dass ihr euch wohlfühlt. Doch es ist vollkommen verständlich, dass das eine blöde Situation für dich ist. Aber es wird alles so sein wie vorher. Du weißt, dass an erster Stelle immer du und deine Geschwister kommen. Und da kann kommen, wer will, das wird auch immer so bleiben. Das ist bei Müttern so. Aber Matthias versteht das vollkommen und für ihn ist das genauso selbstverständlich wie für mich. Da würde er sich niemals dazwischendrängen.«

Plötzlich kann ich meinen Kloß im Hals, meine steife Haltung und meine Tränen, die jeden Moment kommen könnten, nicht mehr aushalten. Ich fange ganz stark an zu weinen und pöble los: »Dann soll er nicht so einen Schmarren von toller neuer Familie labern. Selbst wenn er sich Mühe gibt, finde ich das unangenehm.«

»Aber was genau findest du unangenehm? Dass er mit mir zusammen ist? Dass er mit im Urlaub ist? Dass er überhaupt einfach da ist?«

»Meine Fresse, ich weiß es doch selber nicht. Er gibt sich ja Mühe und ist nett und freundlich und versucht, sich so gut wie möglich einzubringen, deswegen versteh ich das ja auch eigentlich nicht. Aber ich fühle mich in seiner Gegenwart immer wie ein Holzklotz. Total verkrampft und auf Abwehr. Wie bei einem Fremden.«

»Ist er dir denn so fremd?«

»Nein. Das ist es ja gerade. Matthias ist ja eigentlich kein Fremder mehr für uns.«

»Aber vielleicht ist es das Problem, dass du einfach generell etwas gegen Männer hast oder sie von vorneherein ablehnst. Das könnte ich sogar verstehen, denn bis jetzt hast du ja nur negative Erfahrungen damit gemacht.«

»Ja, ne, ist klar. Ich hab doch nicht generell was gegen Männer. Mit anderen Männern komm ich doch auch klar und finde sie nett.«

»Dann liegt es vielleicht doch daran, dass es ein Mann ist, mit dem ich zusammen bin.«

»Oh nein! Ich finde halt die Situationen manchmal so schnulzig.«

»Ja, das kann ich schon auch verstehen. Das muss er eben noch lernen, dass das momentan unangebracht ist, von einer Familie zu reden. Den Kleinen gefällt es bestimmt, die fühlen sich damit wohl, aber für dich ist das was anderes. Du bist älter und kannst mit so einem Gerede momentan nichts anfangen. Das hab ich ihm aber auch schon gesagt, dass er das lieber lassen sollte. Aber für ihn ist die Situation genauso schwierig. Er quält sich mit Schuldgefühlen herum, weil wir uns damals kurz vor Ostern getrennt haben. Dadurch hat er unglaublich an Vertrauen bei euch verloren und wahrscheinlich weiß er nicht, wie er das wiedergutmachen soll, und ist jetzt vielleicht etwas zu sehr bemüht. Er weiß doch selber nicht, wie er mit der Situation umgehen soll. Bis jetzt bestand sein Leben doch auch nur aus der Zweisamkeit mit seiner Lebensgefährtin, Golfspielen und abends vor dem Kamin zu sitzen mit einem Gläschen Wein. Er selbst hat gar keine Kinder und die Kinder von ihr sind schon erwachsen. Und jetzt ist er auf einmal mit einer alleinerziehenden Mutter mit vier Kindern zusammen. Da wird er noch viel lernen müssen und ich glaube, dass das auch noch ziemlich hart für ihn wird.«

»Ja, das weiß ich doch alles. Trotzdem fand ich es blöd, dass er jetzt so plötzlich mit in den Urlaub gefahren ist. Da hatte ich halt keinen Bock drauf.«

»Das hab ich mir schon fast gedacht, für mich kam das auch plötzlich. Doch er hat sich so sehr darauf gefreut und wollte so schnell wie möglich kommen. Ich glaube, dass er auch damit versucht, irgendetwas wiedergutzumachen. Doch dass der Urlaub darunter leidet, wollte ich auf keinen Fall. Deswegen bin ich doch auch ständig auf dich zugegangen, weil das für mich auf keinen Fall ein Pärchenurlaub werden sollte. Ich wollte auch Zeit mit dir zusammen verbringen, aber ich bin ja nie an dich herangekommen. Jedes Mal, wenn ich versucht habe, dich anzusprechen, hast du so aggressiv reagiert. Ich wusste manchmal gar nicht, wie ich reagieren sollte, weil du so abweisend warst. Ich werde auf jeden Fall mit Matthias reden und die nächsten Tage möchte ich mich mehr um dich kümmern. Du darfst dir aussuchen, was wir zusammen machen. Und du entscheidest, ob wir etwas mit den anderen zusammen machen oder den Tag einfach nur zu zweit verbringen. Matthias würde das auch verstehen. Dann muss er sich eben mit den anderen beiden beschäftigen und wir machen uns einen schönen Frauentag. Und ich werde auch noch mal mit ihm reden, dass er einige Dinge einfach lassen muss, weil es von ihm vielleicht nett gemeint ist, aber für dich eben komplett unangebracht. Er fragt ja auch immer, wie er was machen soll.«

»Mhm. Ja, können wir machen, aber das ändert den Urlaub nicht.«

»Ist das auch der Grund, warum du so wenig isst, weil dich die ganze Situation nervt und sich das darauf überträgt, dass du mit dir selber so unzufrieden bist?«

»Jetzt kommt das schon wieder! Ich möchte mich einfach nur disziplinieren und habe totale Angst davor, dick zu sein. Das ist der einzige Grund.«

»Aber Hanna, gerade das ist doch so gefährlich. Du wirst magersüchtig. Wahrscheinlich bist du es sogar schon längst. Du kontrollierst dich von morgens bis abends, trinkst Unmengen von Wasser, machst exzessiv Sport und nimmst immer mehr ab. Wenn jemand übergewichtig ist, soll er das machen. Aber du warst ja nicht mal früher übergewichtig, du warst schon immer sehr schmal und zart. Doch jetzt bist du nicht mehr schmal, du bist dünn. Jetzt denkst du vielleicht, dass du alles unter Kontrolle hast, aber irgendwann entwickelt sich da eine Eigendynamik, aus der du selber nicht mehr herauskommst, und das kann tödlich enden.«

»Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich bin doch nicht magersüchtig. Kompletter Schwachsinn ist das, nur weil ich diszipliniert bin und mir meine Figur sehr wichtig ist, heißt das nicht, dass ich gleich magersüchtig bin.«

»Das denkst du vielleicht. Aber das denken alle Magersüchtigen am Anfang. Sie denken, sie hätten die totale Kontrolle über ihren Körper und fühlen sich unendlich stolz und gut damit, bis sie irgendwann so dünn sind, dass sie nichts mehr unter Kontrolle haben, weil die Wahrnehmung komplett im Eimer ist. Deine Wahrnehmung ist auch überhaupt nicht mehr normal. Du erzählst mir was von einer Wampe und dass du Angst vorm Dickwerden hast. Hanna! Du hast keine Wampe und du hattest auch noch nie eine. Du wirst auch nie dick sein. Zum jetzigen Zeitpunkt sowieso nicht, weil du jetzt schon viel zu dünn bist. Und auch, dass du das selber nicht einsiehst, passt in dieses Krankheitsbild, weil Magersüchtige das selber fast nie einsehen. Das ist das Gefährliche an der ganzen Sache. Ich weiß ganz genau, wovon ich spreche, mir kann man da nichts vormachen.«

»Wieso weißt du, wovon du sprichst?«

Dann erzählte mir meine Mutter etwas, wovon ich vorher nie gehört hatte, obwohl ich eigentlich dachte, dass ich alles von ihr wüsste.

Was ich wusste, war, dass ihr älterer Bruder sich mit 22 Jahren das Leben nahm. Er war zu der Zeit schwer schizophren und suizidierte sich, nachdem seine Anfrage, in einer Psychiatrie aufgenommen zu werden, abgelehnt wurde. Dass meine Großeltern gar nicht damit klarkamen, ein Kind verloren zu haben, wusste ich natürlich. Meine Oma litt unter schweren Depressionen und das war wahrscheinlich nicht das Einzige. Mein Opa versuchte es immer zu verdrängen. Wie meine Mutter jedoch damit umging, habe ich nie erfahren.

Jetzt begann meine Mutter zu erzählen: »Als Konstantin damals starb, war er bereits viele Jahre schwer krank. Oma und Opa litten unter ständiger Sorge, weil sie nie wussten, was mit Konstantin war, oder geschehen würde. Bei jeder Verspätung, die er hatte, bei jeder Abwesenheit wurde Oma fast verrückt vor Angst. Ihre Gedanken kreisten nur um Konstantin und das Familienleben war komplett kaputt. Meine Eltern konnten mit nichts und niemandem mehr etwas anfangen und ich stand theoretisch alleine da. Ich hatte mich schon immer zurückgenommen und schließlich entschied ich mich, für einige Zeit nach England zu gehen, damit sich meine Eltern nicht auch noch mit mir belasten müssten.

Es war die schlimmste Zeit in meinem ganzen Leben. Ich hatte fürchterliches Heimweh und fühlte mich schrecklich einsam. Um diese Zeit irgendwie zu ertragen, aß ich immer weniger, und als ich wieder nach Deutschland kam, hatte ich so sehr abgenommen, dass meine Eltern sich extreme Sorgen um mich machten und Angst hatten, ihr zweites Kind auch noch zu verlieren.

»Und was hast du dann gemacht?«

»Ich hab gekämpft. Aus Liebe zu meinen Eltern, denen ich nicht noch ein zweites krankes Kind antun konnte, hab ich gekämpft, um die Essstörung wieder loszuwerden. Es war ein sehr langer und harter Weg und ganz überwunden hab ich die Krankheit erst, als ich nach München zog und dann, vier Jahre später, mit Max schwanger wurde. Da war ich so glücklich, weil es mein allergrößter Wunsch war, ein Kind zu bekommen.«

Anschließend sagten wir erst mal ganz lange Zeit nichts. Dann sagte ich ihr: »Ich bin nicht magersüchtig, Mama. Mach dir keine Sorgen.«

Wir beide fingen noch einmal an, heftig zu weinen, und nahmen uns in den Arm. Mindestens zehn Minuten lang. Dann gingen wir still ins Wohnzimmer zu den anderen zurück und redeten kein Wort mehr. Und trotzdem war es so, als würden wir uns angucken und jeweils wissen, was der andere denkt. An diesem Abend sind meine Mutter und ich uns wieder ein Stück nähergekommen.

Der restliche Urlaub ist zwar nicht mehr ganz zu retten, aber er ist um einiges schöner als der Anfang. Das Verhältnis zu Matthias hat sich nicht sonderlich geändert, weil ich einfach nicht weiß, wie ich mit ihm umgehen soll. Meine Mutter und ich verbringen mehr Zeit miteinander, doch das Essensproblem ist geblieben. Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen am Tisch aufgrund meines Essverhaltens, der Portionsgröße oder einfach wegen der schlechten Laune und depressiven Stimmung, die ich manchmal an den Tag lege. Manchmal hab ich das Bedürfnis, einfach loszuweinen, weiß aber nicht warum. Da ich aber am Tag so gut wie nie alleine bin, sondern ständig die Familie um mich herumschwirrt, muss ich mich so zusammenreißen und schlucke meine Tränen oft einfach hinunter, wodurch ich regelrecht verkrampfe und so aggressiv werde, dass ich es einfach nicht schaffe, freundlich zu sein, und jeder meine Laune ertragen muss.

Heute Abend ist noch dazu Bauernfest hier auf dem Ferienhof, zu dem alle Feriengäste und umliegenden Bauernhöfe in die Scheune eingeladen werden, mit Band, Bühne und Buffet. Ich weiß nicht, ob ich mich darauf freuen oder Schiss haben soll. Auf die Feier selbst freue ich mich, weil sie mich bestimmt etwas ablenkt und ich mit den anderen Gästen und Hofbesitzern feiern kann, aber das Buffet macht mir Angst. Es soll selbst gemachten Braten geben, etliche Salate und Unmengen von Kuchen. Ich habe eigentlich jetzt schon Hunger, aber ich möchte mich eher auf den Salat beschränken.

Aber schaff ich es überhaupt, mich zurückzuhalten bei all den leckeren Sachen, die es dann da gibt? Während ich über das abendliche Buffet nachdenke, melden sich meine alten bekannten Stimmen wieder: »Du schaffst das auf jeden Fall. Du musst dich eben dazu zwingen und dich auf jeden Fall zurückhalten, denn wenn du das nicht tust, weißt du, was das für Folgen hat. Du fühlst dich schlecht und zunehmen wirst du wahrscheinlich auch.«

»Du musst dich doch nicht zurückhalten. Du hast dich den ganzen Tag schon zurückgehalten, weil du ganz genau wusstest, dass es heute Abend ein großes Buffet gibt. Selbst wenn du dir eine große Portion an Essen holst, hast du noch lange nicht deinen Tagesbedarf an Nahrung abgedeckt. Also genieße doch einfach den Abend und auch das Essen. Außerdem würdest du auch deiner Mutter damit eine große Freude bereiten.«

Das stimmt wohl, dass meine Mutter sich darüber freuen würde. Aber ich habe immer das Gefühl, von allen angestarrt zu werden, wenn ich esse. Mir ist dann, als denken sie, ich wäre undiszipliniert und hätte meine schlanke Figur nur, weil ich Glück habe. Ich finde, dass andere auch ruhig wissen dürfen, wie hart ich dafür arbeite. Ich versuche einfach, den Abend abzuwarten. Vielleicht habe ich ja heute Abend sogar gar keine Lust, Kuchen oder Braten zu essen. Wir werden sehen.

»Ach Hanna, du siehst ja wieder richtig schick und toll aus! Komm her, ich schneide dir mal ein ordentliches Stück Fleisch ab«, sagt Herr Erdmann, der Besitzer des Ferienhofes.

»Nein, danke, wenn, dann bitte nur ein ganz kleines Stück, ich möchte erst mal probieren«, antworte ich.

»Na ja, okay, aber der wird dir bestimmt schmecken.«

Er schneidet mir ein kleines Stück Braten ab und gibt mir Soße. Anschließend geht es weiter zum Salatbuffet.

»Weil du nur ein kleines Stück Fleisch und keine Beilagen auf dem Teller hast, kannst du doch zumindest jetzt am Salatbuffet ordentlich zugreifen. Hier gibt es doch so viel tolle Auswahl und du magst doch so gerne Nudel- und Reissalat«, meldet sich eine meiner Stimmen wieder, doch auch die andere Stimme lässt nicht lange auf sich warten: »Ordentlich zugreifen? Nichts da. Es reicht doch vollkommen, wenn du dir was von dem grünen Salat nimmst, der schmeckt doch genauso gut und selbst da kommen noch die Kalorien von der Salatsoße dazu. Und Reis- beziehungsweise Nudelsalat sind unnötige Kohlehydrate, die man besonders abends nicht essen sollte.«

Na toll. Was soll ich jetzt machen? Ich nehme mir eine große Portion grünen Salat ohne Soße, denn ich habe ja schon die Soße von dem Braten. Doch vom Reis- und Nudelsalat muss ich wenigstens probieren, die sehen so lecker aus. Also nehme ich von beiden Salaten jeweils einen halben Löffel. Ich hab das Gefühl, dass mein Teller unglaublich voll ist, weiß aber nicht, ob das an dem vielen grünen Salat liegt, der mich sperrig vom Teller aus anguckt, oder ob ich wirklich eine große Portion auf dem Teller habe.

Während ich ununterbrochen über die Salate nachdenke, die ich auf meinem Teller liegen habe, gehe ich zu meiner Familie, die bereits mit Freunden von uns am Tisch sitzt. Als ich mich gerade setzen möchte, meint unser Bekannter, der neben Matthias sitzt: »Ah, Hanna, hast dir ja doch wat zu essen jeholt, so ist dat gut. Deine Mutter hat uns nämlich grade erzählt, dass se sich so Sorgen um dich macht, weil du so wenig isst, aber heute Abend haste ja Appetit.«

Na super. Das war jetzt ehrlich gesagt das Letzte, was ich hören wollte. Sofort fühle ich mich wieder undiszipliniert und total elend, versuche aber, auf keinen Fall aggressiv zu antworten: »Mhm, ja, ist ja vielleicht ganz lecker.« Aber dass die Leute immer denken, ich hätte keinen Appetit ... Ich hab immer Appetit!

Ich esse meinen Teller leer, lasse aber was von dem Fleisch darauf liegen, sodass ich nur ein kleines Stück probiert habe. Trotzdem muss ich mich wieder extrem beherrschen, nicht loszuheulen, weil wieder einer dieser Momente ist, in denen es mir total mies geht. Diesmal weiß ich aber warum. Es wurde gerade erst gegessen, ich fühle mich schlecht, weil ich das Gefühl habe, dass es vielleicht zu viel war. Andererseits glaube ich, dass es nicht zu viel war, weil ich fast nur Salat gegessen habe, und jemand sagt mir ganz deutlich, dass es nicht zu viel war. Mein Magen. Ich habe nämlich noch unglaublichen Hunger.

Um mich abzulenken, setze ich mich zu den beiden Kindern der Hofbesitzer, die eigentlich gar keine Kinder mehr sind. Die Tochter ist 25 und der Sohn 23. Mit beiden versteh ich mich total gut und verbringe die nächsten Stunden mit ihnen, die sehr lustig sind, weil wir viel lachen und etwas von den selbst gebrannten Schnäpsen trinken.

Ich bin eigentlich einigermaßen abgelenkt und habe auch schon lange nicht mehr ans Essen gedacht, bis plötzlich sämtliche Kuchensorten auf das Buffet gestellt werden. Sofort meldet sich mein Magen wieder und mein unglaublicher Appetit, den ich habe. Ich sitze fast zehn Minuten einfach nur da und starre diese vielen Kuchensorten an, die mir eigentlich alle schmecken würden. Fast alle in der Scheune holen sich ein oder mehrere Stücke, aber ich schaff es nicht.

»Später«, sag ich dann immer. Wenn ich mir jetzt ein Stück holen würde, hätte ich das Gefühl, dass die Blicke regelrecht auf mir brennen würden, aber da ich so unglaublichen Appetit habe, gehe ich ständig am Buffet vorbei und schneide mir von einigen ganz kleine Häppchen ab, stecke sie aber sofort in den Mund, damit mich ja keiner sieht. Kurze Zeit später steigt plötzlich eine unglaubliche Panik in mir auf. Ich habe das Gefühl, innerlich erdrückt zu werden, und bekomme Herzrasen. Sofort gehe ich zu unserem Tisch zurück und frage: »Mama, gibst du mir mal bitte eben den Wohnungsschlüssel?«

»Ja klar, was willst du denn machen?«, fragt sie.

»Mann, gib mir doch einfach den Schlüssel, ich möchte nur Frauke mal anrufen«, gebe ich mal wieder aggressiv zurück.

»Ja, Entschuldigung, das war doch nur eine ganz normale Frage.«

Das Ende des Satzes bekomme ich eigentlich kaum noch mit. Ich schnappe mir den Schlüssel, gehe in zügigem Schritt aus der Scheune, renne aber sofort los, als mich keiner mehr sieht. Renne zur Haustür, renne die Treppe hoch, in die Wohnung, auf die Toilette, lehne mich über sie und stecke mir den Finger in den Hals. Immer und immer wieder, bis etwas kommt und ich wieder anfange, zu zittern und zu schwitzen. Es kommt mir wieder vor wie eine Ewigkeit, bis alles raus ist. Ob es wirklich alles ist, weiß ich gar nicht genau, aber zumindest ist es so viel, dass ich mich erleichtert fühle, dass ich es losgeworden bin. Langsam stelle ich mich wieder aufrecht hin und gucke in den Spiegel. Ich sehe grausam aus. Sofort gerate ich wieder in Panik, denn wenn mich jetzt jemand so sieht, mit dicken, aufgequollenen und tränenden Augen, ist sofort alles klar. Also gehe ich erst mal in die Küche und lege mir Eis auf die Augen, damit sie etwas abschwellen. Anschließend schminke ich mich noch mal neu und versuche, so frisch wie möglich auszusehen. Doch anscheinend nicht frisch genug, denn als ich wieder nach unten gehe, fragt mich meine Schwester entsetzt: »Was hast du denn gemacht? Hast du geheult? Deine Augen sehen ganz komisch aus.«

Was soll ich denn jetzt antworten? Ich muss mir ganz schnell was überlegen: »Ähm ne, ich glaube, ich habe irgendeine Allergie. Sieht komisch aus, oder? Aber meine Augen haben vorhin ganz komisch gejuckt und dann habe ich die ganze Zeit gerieben und dann sind sie plötzlich ganz dick geworden. Sieht es denn sehr schlimm aus?«

»Mhm, ne, sieht halt nur so aus, als ob du geweint hättest. Ist was mit dir?«

»Nein, Mann, ich hab doch grade gesagt, dass ich nicht geheult habe, und jetzt lass mich in Ruhe.«

Ich gehe genervt zur Scheune und habe Schiss davor, was meine Mutter sagen würde, da sie vorhin schon so misstrauisch gefragt hat, warum ich in die Wohnung wolle. Am besten, ich nehme ihr gleich den Wind aus den Segeln.

»Du Mama, guck mal, ich habe ganz plötzlich so dicke Augen, die jucken ganz doll. Ich glaube, ich bin gegen irgendetwas allergisch.«

Sie guckt mich extrem misstrauisch an und ich glaube, dass sie mir kein Wort abnimmt von dem, was ich sage.

»Allergisch? Du hast aber nicht geweint, oder? Ist irgendetwas? Du kannst mir das ruhig sagen.«

»Ich raste hier gleich aus, ey. Meine Augen jucken wie Sau und sind ganz dick. Warum sollte ich das einfach so erzählen, wenn es nicht stimmen würde«, schnauze ich sie an.

»Jaja, ist ja gut, ich dachte nur ... Warte am besten ab und versuche, so wenig wie möglich mit den Händen an deine Augen zu gehen. Wenn das nicht hilft, sehe ich mal nach Tropfen.«

»Okay!«

Na also, es geht doch. Ich sollte Schauspielerin werden. Aber eigentlich fühle ich mich ziemlich bekloppt, dass ich so einen Mist erzähle. Eigentlich habe ich eh das Gefühl, dass ich in letzter Zeit extrem viele Lügen auftische. Ich würde mich jetzt nicht als Lügnerin bezeichnen, aber zumindest schwindele ich schon ab und zu, so in der Art:

•»Ich habe keinen Hunger.«

•»Ich habe keine schlechte Laune.«

•»Ich habe grade erst etwas gegessen.«

•»Ich bin pappsatt.«

•»Ich möchte nicht weiter abnehmen.«

•»Mir geht es gut.«

Und so weiter und so fort …

Aber wenn man genau drüber nachdenkt, sind das ja nur Notlügen, um meine Umgebung, meine Freunde und vor allem meine Mutter und meine Oma zu beruhigen. Ich glaube, das ist erlaubt.

2. KAPITEL

QuälendeGespräche

August bis September 2008

Nach zwei Wochen geht es wieder ab nach Hause. Matthias ist bereits kurz vor dem Sommerurlaub wieder zu uns gezogen. Nach und nach wird das Thema Essen in meinem Leben immer größer und wichtiger. Der Sport wird mehr, die Sorgen werden mehr, das Essen wird weniger, Verabredungen werden weniger. In letzter Zeit werde ich ganz oft gefragt, ob es mir gut geht und warum ich so dünn bin und ob ich abgenommen habe. Man könnte jetzt meinen, dass ich das nervig finde, doch es gibt mir eher noch mehr Ansporn. Jedes Mal, wenn mir gesagt wird, dass ich dünn bin, habe ich das Gefühl, dass mein Herz platzt vor Stolz. Die Personen, die mir das sagen, haben zwar eher große Sorge in ihren Augen stehen, doch für mich ist es wie ein großes Kompliment, welches mir gemacht wird. Eigentlich ist es total paradox, denn selbst wenn ich zu hören bekomme, dass ich ZU dünn aussehe, dass das nicht mehr schön sei, dass eine Frau Rundungen haben müsse usw., selbst dann stört es mich nicht. Im Gegenteil. Ich fühle mich richtig gut. Der einzige Nachteil ist, dass man ständig im Mittelpunkt steht und ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob ich das jetzt gut oder schlecht finde, da ich mich jetzt nicht unbedingt als Mittelpunktmensch bezeichnen würde.

Ganz oft bekomme ich zu hören, dass ich mich verändert hätte, und ich glaube, dass das dann eher als Kritik gemeint ist. Aber ist das unbedingt schlimm, sich zu verändern? Das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu, oder nicht? Ich würde sagen, dass ich einfach reifer geworden bin. Früher musste ich jedes Wochenende feiern gehen und sobald ich einen Abend mal zu Hause herumsaß, hatte ich ständig das schreckliche Gefühl, irgendetwas zu verpassen oder zu Hause zu vergammeln. Jetzt ist es eher so, dass ich gerne zu Hause bin bei der Familie oder einfach keine Lust habe, irgendetwas zu machen. Muss doch auch nicht immer sein. Außerdem möchte ich auch im sportlichen Bereich wieder erfolgreicher werden. Vor meiner Leichtathletik-Pause habe ich an etlichen Wettkämpfen teilgenommen und würde sagen, dass ich da manchmal sogar sehr erfolgreich war. Ich weiß noch, wie super es mir immer anschließend ging, allerdings nur, wenn ich unter den ersten drei Plätzen war. Wenn nicht, war ich immer am Boden zerstört und so was von enttäuscht von mir. Und jetzt habe ich eben wieder angefangen, an Wettkämpfen teilzunehmen. Eigentlich habe ich ganz oft überhaupt keine Lust, weil die Wettkämpfe meistens frühmorgens an den Wochenenden stattfinden, doch da muss ich durch.

Immerhin möchte ich was erreichen im Leben, besser sein als die anderen und mich mit den Guten messen. Und gerade das zeichnet echte Disziplin doch aus. Zu Hause herumsitzen, ausschlafen und feiern gehen kann doch jeder. Man muss sich aufraffen und durchhalten, egal ob man jetzt Lust hat oder nicht, ob man müde ist oder nicht, ob man Zeit hat oder nicht. Deswegen würde es mir auch niemals in den Sinn kommen, in einem Wettkampf auszusteigen oder aufzuhören. Eher würde ich ins Ziel kriechen oder man müsste mich von der Bahn schleppen.

Generell bekomme ich Angst, wenn ich an meine Zukunft denke. Was ist, wenn aus mir nichts wird, dabei möchte ich doch Großes erreichen. Erfolgreich sein. Aber wie? Ich weiß es einfach nicht. Eigentlich weiß ich, was ich will, andererseits wieder gar nicht. Die Zukunft ist so ungewiss und das macht mir Angst. Zurzeit gehe ich dreimal die Woche zum Training und an den Wochenenden sind dann manchmal Wettkämpfe, aber mein Trainer meint, ich sollte öfter zum Training kommen, wenn ich was erreichen möchte. Er sagt, dass ich sehr talentiert sei und das Talent mehr ausbauen müsse, dann könnte ich auch einiges schaffen im Leistungsbereich. Aber noch mehr Leichtathletik in der Woche? Ich hab ja auch noch Tanzen donnerstags. Ich muss ja nicht unbedingt zum Training gehen, ich geh einfach noch zwischendurch joggen, wenn ich Zeit habe, oder abends vor dem Abendessen, dann klappt das schon.

Bis jetzt wurde ich eher nebenbei auf meine äußere und charakterliche Veränderung angesprochen, doch in letzter Zeit muss ich mich ständig mit so ernsten Gesprächen herumschlagen. Genauso wie jetzt. Das Telefon klingelt und ein Freund von mir ist dran und begrüßt mich wie üblich: »Jo, Hänn, was gehten bei dir so? Hast du jetzt gleich Zeit? Ich würde gerne mal vorbeikommen, um mit dir über etwas zu reden.«

»Peace. Um mit mir über etwas zu reden? Das hört sich ja spannend an. Willst du mir denn vielleicht verraten, worum es geht?«

»Nene«, antwortet er, »das wirst du dann schon noch erfahren. Ich fahr dann jetzt nur eben vorher zu Mc’s. Soll ich dir was mitbringen? Nuggets oder so?«

»Nein danke.«

»Mhm, okay, war ja klar. Bis gleich dann.«

Eine halbe Stunde später klingelt es an der Haustür und besagter Freund ist da mit einer 20er-Packung Chicken McNuggets und wirft sich auf mein Bett.

In ironischem Ton sage ich: »Ja klar, schmeiß dich ruhig auf mein frisch gemachtes Bett. Mach es dir gemütlich.«

Und er gibt mit einem Lachen zurück: »Och danke, habe ich schon.«

Danach guckt er mich lange an und bietet mir etwas von seinen Nuggets an, doch ich lehne ab.

»Nee, ich möchte nicht. Jetzt lass mal knacken und spann mich nicht auf die Folter. Worüber willst du mit mir reden? Schieß los.«

»Ja. Also mir ist da etwas an dir aufgefallen. Und zwar bist du extrem schmal geworden. Du hast total abgenommen und essen sehe ich dich sowieso nie. Immer wenn wir uns was zu essen bestellen oder irgendwo etwas zu essen herumsteht, lehnst du das ab und isst nichts. Was ist los mit dir? Ich persönlich würde sagen, dass du magersüchtig bist.«

Da muss ich plötzlich ganz laut anfangen zu lachen: »Willst du mich natzen? Ich bin doch nicht magersüchtig, so ein Scheiß. Meine Mutter hat mich auch schon damit vollgelabert.«

»Ich weiß«, antwortet er, »ich hab mich vorhin kurz mit ihr unterhalten und ich denke, wenn ich nicht der Einzige bin, und das bin ich auf keinen Fall, das denken nämlich mehrere, muss doch irgendetwas dran sein, oder nicht?«

Ich weiß gar nicht, was ich erwidern soll, da seine Aussage ziemlich plausibel klingt.

Recht hat er aber trotzdem nicht, also erkläre ich: »Mein Gott, es mag sein, dass ich vielleicht ein bisschen abgenommen habe, aber das liegt nur daran, dass ich seit Längerem wieder viel Sport mache. Ist doch kein Ding und ich finde, Fastfood muss halt nicht sein. Da achte ich eben drauf.«

»Dass du das abstreitest, ist klar, weil Betroffene das selber eh nie einsehen. Außerdem isst du ja nicht nur einfach kein Fastfood. Deine Mutter meinte, dass du generell total wenig isst.«

»Ts. Das ist ja super, dass sie das einfach so irgendjemandem erzählt hinter meinem Rücken. Ich könnte schon wieder ausrasten.«

Nachdem er mich kurz schräg ansieht, erwidert er: »Also erstens bin ich nicht irgendjemand, und zweitens hat das nichts mit ›hinter dem Rücken reden‹ zu tun. Sie macht sich einfach nur Sorgen um dich. Genauso wie deine ganzen Freunde auch.«

»Ja, mag sein, aber man muss es auch nicht übertreiben. Ich bin bestimmt nicht magersüchtig, ich achte auf meine Figur und gesunde Ernährung, mehr nicht.«