Kopfkino - Blanca Imboden - E-Book

Kopfkino E-Book

Blanca Imboden

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Beschreibung

Blanca Imbodens neues Buch, "Kopfkino", ist für einmal kein Roman, sondern überrascht mit Geschichten, die durch den ganz normalen Alltag inspiriert sind. Manchmal braucht es nur einen Satz, den die Autorin irgendwo aufschnappt, und schon läuft vor ihrem inneren Auge ein Film ab, den sie dann in kürzeren oder längeren Kolumnen in Worte fasst. Einige der Texte sind in Zeitungen erschienen, viele trug sie immer wieder an ihren Lesungen vor und hörte danach genauso oft: "Gibt es diese Geschichten nicht auch in einem Buch?" Und jetzt ist es so weit, hier sind sie, Blanca Imbodens so gern gehörte Antworten auf Fragen wie "Hat der Gummistiefel eine Seele?", "Was macht eine Kakerlake im Paradies?", "Kann ich den November überspringen?", "Wer ist eigentlich dieser Bethlehem?", "Helfen Kleiderschranksprünge beim Abnehmen?" oder "Wie viele Wörter braucht ein Mensch?". Hinter diesem roten Vorhang entdecken Sie kleine Geschichten, die einen großen Einblick in die Gedankenwelt von Blanca Imboden gewähren, geschrieben in ihrer wunderbar unterhaltsamen, manchmal tiefsinnigen, oft aber auch einfach enorm witzigen Art. Das Buch ist ein zeitloses Potpourri aus Beobachtungen, Erlebtem, Durchgestandenem, ein Rückblick auf zwanzig Jahre Leben. Und manchmal sieht man es beim Lesen förmlich: ihr Augenzwinkern, das Lächeln auf ihren Lippen oder aber die Träne, die sich beim Schreiben in ihrem Augenwinkel festgesetzt hat. "Kopfkino – Geschichten, die mein Leben schrieb" ist definitiv Blanca Imbodens persönlichstes Buch.

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EPUB
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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2020 Wörterseh, Lachen

Lektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Lydia ZellerUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaLayout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel

Print ISBN 978-3-03763-116-4 E-Book ISBN 978-3-03763-789-0

www.woerterseh.ch

 

ÜBER DAS BUCH

Blanca Imbodens neues Buch, »Kopfkino«, ist für einmal kein Roman, sondern überrascht mit Geschichten, die durch den ganz normalen Alltag inspiriert sind. Manchmal braucht es nur einen Satz, den die Autorin irgendwo aufschnappt, und schon läuft vor ihrem inneren Auge ein Film ab, den sie dann in kürzeren oder längeren Kolumnen in Worte fasst. Einige der Texte sind in Zeitungen erschienen, viele trug sie immer wieder an ihren Lesungen vor und hörte danach genauso oft: »Gibt es diese Geschichten nicht auch in einem Buch?« Und jetzt ist es so weit, hier sind sie, Blanca Imbodens so gern gehörte Antworten auf Fragen wie »Hat der Gummistiefel eine Seele?«, »Was macht eine Kakerlake im Paradies?«, »Kann ich den November überspringen?«, »Wer ist eigentlich dieser Bethlehem?«, »Helfen Kleiderschranksprünge beim Abnehmen?« oder »Wie viele Wörter braucht ein Mensch?«.

Hinter diesem roten Vorhang entdecken Sie kleine Geschichten, die einen großen Einblick in die Gedankenwelt von Blanca Imboden gewähren, geschrieben in ihrer wunderbar unterhaltsamen, manchmal tiefsinnigen, oft aber auch einfach enorm witzigen Art. Das Buch ist ein zeitloses Potpourri aus Beobachtungen, Erlebtem, Durchgestandenem, ein Rückblick auf zwanzig Jahre Leben. Und manchmal sieht man es beim Lesen förmlich: ihr Augenzwinkern, das Lächeln auf ihren Lippen oder aber die Träne, die sich beim Schreiben in ihrem Augenwinkel festgesetzt hat.

»Kopfkino – Geschichten, die mein Leben schrieb« ist definitiv Blanca Imbodens persönlichstes Buch.

»Blanca Imboden gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Schweiz. Das Feuilleton kennt sie nicht, ihre Fans lieben sie.« Annik Hosmann, DIE ZEIT Schweiz

 

ÜBER DIE AUTORIN

© René Lang

Blanca Imboden, geb. 1962, war Sekretärin, Sängerin und Seilbähnlerin und lebt heute ihren Traumberuf: Schriftstellerin. Wenn sie nicht gerade in den Bergen unterwegs ist oder auf Lesetour durch die ganze Schweiz reist, tut sie das, was ihr das Liebste ist: Sie setzt sich hin und schreibt. Meist Romane, immer wieder mal Kolumnen und ab und zu auch eine Kurzgeschichte. Für Wörterseh schrieb Blanca Imboden zahlreiche Bestseller – die erfolgreichsten: »Wandern ist doof – Ein Kreuzworträtsel mit Folgen« (2013) und »heimelig – Warum Nelly aus dem Altersheim spazierte und nie mehr wiederkam« (2019). Die Autorin, die im Schwyzer Talkessel aufgewachsen und verwurzelt ist, lebt heute in Malters LU. www.blancaimboden.ch

 

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Seit über zwanzig Jahren schreibe ich nicht nur Romane, sondern auch mit viel Freude Kolumnen und Kurzgeschichten. An Lesungen ziehe ich es vor, kleinere, in sich geschlossene Texte vorzutragen, statt mitten aus einem Buch einen beliebigen Abschnitt vorzulesen. Immer wieder werde ich anschließend gefragt: »Gibt es diese Geschichten nicht auch in einem Buch?«

Jetzt schon. Voilà! Dies ist ein Buch mit kurzen Texten.

Beim Zusammentragen, Auswählen und Überarbeiten der Geschichten habe ich mich durch meine letzten zwanzig Lebensjahre gelesen, denn natürlich ist so eine Sammlung von Texten auch eine Art Tagebuch, da ich immer über das geschrieben habe, was mich gerade beschäftigte: Diäten, Reisen, Liebe, Tod, Glück, Schreiben …

Es ist der Alltag, der mich inspiriert, der regelmäßig mein Kopfkino beflügelt. Manchmal braucht es nur ein Wort, und die Bilder sind nicht mehr zu bremsen. So entstehen meine Texte.

Es ist ein sehr persönliches Buch geworden.

Wer meine Romane gelesen hat, wird vielleicht einige Episoden wiedererkennen, da ich sie dort eingewoben hatte. Viele dieser hier gedruckten Zeilen sind in Zeitungen erschienen, die es längst nicht mehr gibt, und haben trotzdem überlebt. Ich wünsche auch diesem Buch mit den kurzen Werken ein langes Leben und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Spaß mit den Geschichten, die mein Leben schrieb!

Blanca Imboden, Mai 2020

INHALT

1 Leben in Zeiten von Corona

»Kommen Sie ja nicht vorbei!«

Staatlich verordnete Zweisamkeit

2 Vom Schreiben und vom Lesen

Eigentlich wollte ich lieber lesen

Niedergemetzelt

Mängelexemplar

Ticken Kinder heute anders?

Mein Ackergaul streikt

3 Auf Reisen

Kopfkissenpralinen

Der Volksheld und ich

Pflanzen Sie Ihren eigenen Schreibtisch!

Eine Kakerlake im Paradies?

Über Afrika, Ali, Heim- und Fernweh

Mehr Fragen als Antworten

Das Landei in der Großstadt

Nein, heute schreiben wir keinen Aufsatz

Nackt durch den Regen tanzen

4 Als Bähnlerin am Stanserhorn

Freundlich ist das neue Cool

Häuser, Bäume und eine nasse Kuh

Von Hans und Hänschen

Rote Autos in stillen Wäldern

5 Älter werden …

Ich bin doch noch nicht alt!

Alte Chläuse und neue Begeisterung

Entschleunigte Erkenntnisse

Langsam wird es unheimelig

6 Eine Fastenwoche

Montag – Keine Ausreden mehr

Dienstag – Eine kleine Krise

Mittwoch – Hokuspokus bis zum Herztod

Donnerstag – Die Stimmung steigt

Freitag – Kann man Tee kauen?

Samstag – Jeder Dumme kann fasten

Montag – Alice im Wunderland

7 Überwintern

Wer ist eigentlich dieser Bethlehem?

Bleiben Sie wachsam!

Kann ich den November überspringen?

Krawatten verbinden

La Ola hinter dem Küchenvorhang

Antizyklisches Verhalten

Wanderlust statt Winterfrust

Wadenwickel und Zungenküsse

8 Meine Lieblinge

Kleiderschranksprünge

Herzensworte

Flügellahme Schmetterlinge

Zügige Inspirationen

Wie viele Wörter braucht ein Mensch?

Von Freund und Feind

Auf den Punkt gebracht

Wie eine Wurst

Rot, rund und resistent

Brauchen wir einen achten Bundesrat?

9 Als Hans ging – und Peter kam

Gemütlich – Höhle – auf Wiedersehen

Der Januar war ein mieser Verräter

Reden wir doch über Brot

Sehen wir uns im Wald?

Der Januar ist kein mieser Verräter

Ein Vitaparcours für die Liebe

Zwischen Kisten, Koffern und Kartonschachteln

10 Dies und das

Berufe, die es noch nicht gibt

Hat der Gummistiefel eine Seele?

Muttertag? Nein danke!

Von Vorbildern und Vorurteilen

Eine Japanerin

Events und Experimente

Wer bin ich?

»Wir machen einen Ausflug!«

Sitzen ist das neue Rauchen

Spannende Studien studieren …

11 Das und dies

Kann man bei Ihnen vom Boden essen?

Bin ich ein Tier?

Nichts hören, nichts sehen …

Mein Coming-out: Ich bin eine Fernseherin

Nichts und niemand kann mich aus der Ruhe bringen

Wer ist Freund, wer ist Feind?

Vom Couch-Potato zum Wandervogel

Wie die Maden im Speck

Bratwürste zum Blanca-Tag

12 Herz und Schmerz – noch mehr Lesestoff

Gelegenheit macht Liebe

Keine Lust auf Lametta

 

1 LEBEN IN ZEITEN VON CORONA

»Kommen Sie ja nicht vorbei!«

MÄRZ 2020

Am Sonntag, 8. März, besuchte ich eine Operette. Volles Haus. Ich war gesund, fröstelte bloß ein wenig, was mich erstaunte. Und in der Nacht zum Montag hatte ich 38,8 Grad Fieber, mit einem leichten trockenen Husten.

CORONA!?!

Ich hatte ein wenig Angst und sah mich vor meinem geistigen Auge schon am Beatmungsgerät hängen. Was hatte ich jetzt schon wieder in meine Patientenverfügung geschrieben bezüglich künstlicher Beatmung?

Am Montagmorgen wollte ich sofort einen Corona-Test machen lassen und rief meinen Hausarzt an. Das war wohl ziemlich naiv. »Kommen Sie ja nicht vorbei!«, hieß es nämlich abwehrend. Einen Test könne ich nicht machen lassen, weil ich nicht zur Risikogruppe gehöre. »Aber mein Partner gehört zur Risikogruppe«, warf ich ein. Keine Chance! Ich solle zu Hause bleiben. Ich hätte doch sicher noch irgendwelche Medikamente daheim.

Oha. Selbstmedikation war plötzlich erlaubt, sogar verordnet. In meinem Schrank fand ich alles Mögliche: Imodium, Temesta (schon zwei Jahre abgelaufen), einige Schmerzmittel, teilweise auch fiebersenkend, grüne Pferdesalbe, natürlich auch diverse homöopathische Kügelchen, ein paar Lutschtabletten und einen Spray, von dem ich nicht mehr genau wusste, wofür er eigentlich gedacht war, oder wogegen. Was sollte ich nun anwenden, und in welcher Reihenfolge oder Kombination?

Ich hätte nie gedacht, dass mich die Verweigerung eines Arzttermins so erschüttern könnte. Wie sollte ich jetzt mit meinem Partner umgehen? Wie mit der einzigen Lesung, die noch nicht annulliert worden war?

Am Mittwoch waren meine Augen entzündet. Eine hässliche Suppe lief heraus. Nach Selbstquarantäne und Selbstmedikation jetzt die Selbstdiagnose: Bindehautentzündung – laut BAG (Bundesamt für Gesundheit) übrigens auch eine der möglichen Nebenerscheinungen von Covid-19. Ich rief meinen Arzt an. »Kommen Sie ja nicht vorbei!«, hieß es wieder abwehrend. Man werde mir ein Medikament in einen Kasten neben der Eingangstür legen, wo ich es dann abholen lassen könne.

Natürlich fragte man mich bei jedem Telefon nach Atembeschwerden. Wenn ich welche hätte, müsse ich sofort wieder anrufen. Und ich sei jetzt auf einer Liste mit all den anderen, die sich daheim durchseuchen würden.

Ich war auf einer Durchseucher-Liste!

Das fühlte sich gut an. Beruhigend.

Ich tauchte zwar in keiner Statistik auf, aber ich war immerhin auf einer Liste.

Ich tauchte zwar in keiner Statistik auf, aber ich war immerhin auf einer Liste.

Immer wieder schaute ich mir Corona-Berichterstattungen im TV an und sah dort die Infizierten-Zahlen. Dann bewarf ich den Bildschirm mit Papiertaschentüchern und schrie: »Mich hat keiner gezählt!« Die Zahlen mussten ja extrem daneben sein, wenn man die meisten Leute gar nicht testete, sogar die, die es sich so sehr wünschten wie ich.

Das Fieber kam und ging und kam. Der Husten veränderte sich. Nach einer Woche Bettruhe, am Montag, 16. März, rief ich wieder beim Hausarzt an und hoffte auf einen Termin. Ich war einfach erschöpft, wollte nicht noch länger krank sein. Inzwischen hatte ich starke Halsschmerzen, und die Augen waren noch immer nicht sauber.

»Kommen Sie ja nicht vorbei!«, hieß es einmal mehr. Sie müssten sich und ihre Risikopatienten schützen, meinte die Arztgehilfin. »Ich habe auch einen Risikopatienten daheim«, wiederholte auch ich einmal mehr.

Ich bin jetzt über vierzehn Tage krank, aber ich jammere nicht mehr. Es geht mir wesentlich besser, nahezu gut. Winzige Beschwerden sind geblieben, Schluckweh vor allem. Gesund bin ich erst, wenn gar keine Symptome mehr da sind, und dann muss ich noch vierundzwanzig Stunden dazuzählen.

Was ich wirklich hatte oder habe, spielt keine Rolle, wenn man es im Verhältnis zum Weltgeschehen sieht.

Schön, wenn man wirklich Zeit hat, sich auszukurieren.

Und was mache ich, wenn ich gesund bin?

Beginnt dann erst meine persönliche Corona-Krise?

Je besser es mir geht, desto mehr mache ich mir Sorgen. Mit gutem Grund: Die Welt gerät gerade aus den Fugen.

Was ist mit meinen Liebsten? Ich hoffe, sie bleiben alle gesund, aber ich kann sie nicht beschützen.

Beruflich mache ich mir auch Gedanken. Alle Lesungen wurden und werden annulliert. Tausende von Franken habe ich schon verloren. Lesungen sind ein großer Teil meiner Einnahmen. Im Büro, in dem ich Teilzeit arbeite, gibt es zurzeit auch keine Arbeit für mich. Die Story des Romans, den ich angefangen habe, erhängt sich gerade selber am Lauf der Geschichte und muss eine Weile ruhen. Mein neues Buch – »Kopfkino« – sollte am 4. Mai erscheinen. Macht das Sinn? Wann öffnen die Buchhandlungen wieder?

Aber der Staat verteilt ja Geld. Auch für Selbständige wie mich. Auch für die Kultur. Ich muss nur noch herausfinden, wo genau, wie genau und wann genau. Noch glaube ich nicht daran.

Diese Corona-Krise wird an niemandem spurlos vorbeigehen. Wir werden alles neu überdenken müssen: die Globalisierung, die Abhängigkeiten, unseren Umgang miteinander, das Gesundheitssystem, unser Krisenmanagement, unsere Werte. Wir lernen gerade, dass nichts selbstverständlich ist, rein gar nichts. Die Tatsache, wie schnell sich alles verändern kann, bringt mich etwas aus dem Gleichgewicht. Ich möchte planen können, brauche Sicherheit. Meine verwöhnte innere Prinzessin ist gerade mal kurz vom Barbie-Ross gefallen. Echt.

Meine verwöhnte innere Prinzessin ist gerade mal kurz vom Barbie-Ross gefallen.

Einige wenige haben es gut: Sie müssen über rein gar nichts nachdenken, haben keine Zeit für Sorgen, weil sie sich mit diversen Hamsterkäufen beschäftigen und zum Beispiel ihre Reserven an WC-Papier für die nächsten zehn Jahre aufstocken. Pure Beschäftigungstherapie. Plumpe Ablenkungsmanöver. Das geht auch anders: Ich glaube, ich fange an, die Fenster zu putzen.

Und bleibe zu Hause.

Das auf jeden Fall.

Bleiben auch Sie zu Hause – und gesund!

Noch eine kurze Anmerkung: Schon immer war es mir ein Dorn im Auge, dass jede zweite Pflegekraft aus dem Ausland kommt. Wir machen es uns bequem, bilden zu wenig Leute aus, behandeln Pflegende zu schlecht und verlassen uns auf den Zustrom von Fachkräften aus dem Ausland. Dass diese Leute – gerade jetzt, aber auch sonst – in ihren eigenen Ländern fehlen, beschämt mich. Nun zittern Spitäler um Tausende Grenzgänger, und das geschieht ihnen und uns recht.

Es wird nicht reichen, wenn wir alle Schaltjahre einmal unserem Pflegepersonal aus den Fenstern heraus applaudieren. Da müssen andere Zeichen der Wertschätzung folgen, um hier langfristig eine Veränderung zu bewirken.

Und dringend noch dies: Nach dieser Krise wird es viele Neugeborene geben, aber sicher auch viele Ehescheidungen. Meine Eltern hätten sich umgebracht, wenn man sie zusammen in Quarantäne gesteckt hätte. Eine traurige Vorstellung, gell? Man spricht tatsächlich auch jetzt schon über die zunehmende häusliche Gewalt. Das ist schlimm, aber vorstellbar.

Die Corona-Krise kann schnell zur Ehekrise mutieren. Gut, dass ich Peter habe, der auch in schwierigen Zeiten lacht und singt und Musik macht und der meine schlechte Laune erträgt (wenn ich krank bin, bin ich ziemlich grantig). Zur omnipräsenten Aufforderung des Bundes »Bleibt zu Hause!« müsste man eigentlich noch anfügen: »Und seid nett zueinander!«

Ganz zum Schluss ein paar schöne Gedanken: Wir müssen uns voneinander distanzieren. Physisch. Das schon. Aber irgendwie spüre ich auch ein erfreuliches Zusammenrücken. Noch nie bin ich so oft angerufen worden wie in diesen Tagen. Ich höre von Hilfsaktionen überall. Gerade haben Peters Großkinder ein feines Dessert in unserem Milchkasten deponiert. In unserem Hauseingang hängt ein Schreiben des Hauswarts, der allen seine Hilfe anbietet.

Vielleicht sind am Ende die Erkenntnisse, die wir aus dieser Krise ziehen, nicht nur negativ. Vielleicht werden wir auch schöne Erinnerungen haben, später einmal, wenn wir zurückblicken, wenn alles wieder gut ist, anders gut, aber eben doch irgendwie gut. Im Idealfall haben wir mehr Miteinander und Füreinander gelernt.

Es drängte sich geradezu auf, dieses Buch mit einem Text über das Coronavirus zu beginnen. Corona ist DAS Thema des Jahres 2020. Nicht darüber zu schreiben, ist daher unmöglich. Ich hätte es also sowieso getan – dass ich einen Auftrag von Bluewin hatte, freute mich umso mehr.

Staatlich verordnete Zweisamkeit

JUNI 2020

Was für eine Zeit! Ich selber war ja nur krank, andere mussten um ihr Leben bangen oder sich in Spitälern um das Leben anderer kümmern. Ich hatte finanzielle Einbußen, andere hatten große, berechtigte Ängste um ihre berufliche Existenz. Meine Sorgen galten meinen Lieben, von denen so viele den Risikogruppen angehören.

Was ich mir am Anfang dieses Jahres sehnlichst wünschte, war freie Zeit. Und dann – PENG – implodierte die Agenda mit einem lauten Knall, begleitet von Fanfaren und Feuerwerk.

Von einem Tag auf den anderen gab es keine Termine mehr.

Gar keine.

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich mich – nachdem ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte – darüber freute. Endlich einmal eine staatlich verordnete Zweisamkeit. Nur Peter und ich. Und das wochenlang.

Wir haben es wirklich genossen. Da waren so viel Ruhe, Sonne, Vogelgezwitscher und Liebe. Wir haben auf dem Balkon der Wäsche beim Trocknen zugeschaut, Koch-Experimente gemacht, unzählige Bücher gelesen.

Anfangs sah ich sowieso viel Positives in der Krise. Obwohl man auf Distanz gehen musste, rückte man doch irgendwie zusammen, musste es teilweise auch. Es gab eine neue Nähe, die ich mochte. Hilfsangebote schossen aus dem Boden. Auch der Staat bemühte sich. Auf den Balkonen wurde Musik gemacht. Noch nie haben wir innerhalb der Familie so viel telefoniert. Alle möglichen digitalen Netzwerke wurden aktiviert.

Das tat gut.

Einer meiner Freunde fand, der Lockdown lasse sich mit einer kollektiven Entziehungskur vergleichen. Wollten wir nicht alle immer mehr – und das auch noch immer schneller – und verloren uns dabei im Dauerstress? Jetzt wäre der Moment, uns aus der Wachstumsspirale zu befreien. Ob uns das gelingen würde? Es wäre schön, wir könnten ein neues Gleichgewicht finden: mit weniger zufrieden sein und weniger müssen wollen.

Dann änderte sich die Stimmung. Plötzlich erklärte sich jeder, der in der Lage war, Youtube-Videos anzuschauen, zum Experten. Sänger, Starköche und Komiker wollten mehr wissen als studierte Virologen. Jede Studie wurde mit einer anderen Studie widerlegt. Um mich herum wurde unschön gestritten, und ich fühlte mich, als stünde ich zwischen allen Fronten. Jeder hatte die Wahrheit für sich gepachtet und fand, die anderen seien eben noch nicht »erwacht«.

Irgendwann wurde sogar der Wert des Lebens diskutiert. »Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären«, erklärte Boris Palmer, ein deutscher Politiker der Partei Bündnis 90 / Die Grünen. Und auch Samih Sawiris, der Andermatt-Investor, äußerte sich ähnlich, und dies – wie er betonte – im Wissen darum, dass es politisch unkorrekt sei: »In der Schweiz gehen Milliarden von Franken verloren, damit es einige Hundert weniger Tote gibt.«

Die Kaltschnäuzigkeit, wie Menschenleben zur Disposition gestellt wurden, bedrückte mich zunehmend. Ab und zu schaltete ich die irritierende Informationsflut einfach aus, atmete tief durch und marschierte mit Peter im Eigenthal durch den Wald. Aber sogar beim Spazieren wurden ältere Bekannte von uns von Jugendlichen angepöbelt. Die jungen Leute schrieben ihnen vor, sie hätten gefälligst zu Hause zu bleiben, denn schließlich würde nur wegen ihnen so ein Zirkus veranstaltet.

Ab und zu schaltete ich die irritierende Informationsflut einfach aus.

Ich dachte, wir würden alle aus dieser Krise lernen. Aber es war nicht nur Schönes, das da zum Vorschein kam. Sicher muss man aufpassen, dass nicht auf dem Rücken einer Pandemie Volksrechte und Datenschutzgesetze ausgehebelt werden. Und die Ängste der Impfgegner verstehe ich auch. Außerdem ist die Diskussion, was denn nun wirklich »systemrelevant« ist, durchaus wichtig.

Ich begreife den Ärger darüber, dass wir sogar bei den gängigsten Medikamenten von China abhängig sind. Viele Ideen und Theorien kann ich aber überhaupt nicht nachvollziehen. Ich denke, dass man auch mal Ungewissheit und Kontrollverlust aushalten können muss, ohne überall Verrat und Böses zu wittern und Sündenböcke zu suchen.

Und natürlich machen auch Regierungen Fehler, wenn sie Neuland betreten und plötzlich schnelle Entscheidungen treffen müssen. Alles in allem war ich aber eindeutig im »Team Daniel Koch«.

Heute versuche ich meine innere Mitte zu finden.

Irgendwann sehen wir uns alle wieder.

Irgendwann halten Sie dieses Buch in den Händen.

Irgendwann ist alles wieder wie früher.

Nur bestimmt – und hoffentlich – dann doch irgendwie ein bisschen anders.

Heute weiß ich, dass ich nicht am Coronavirus erkrankt war. Ich durfte einen Antikörper-Test machen. Mir geht es gut. Dankbar sehe ich auf viele erholsame, entspannte Wochen zurück und freue mich riesig, wenn es mit Lesungen und Arbeit wieder losgeht. Ich bin bereit. –

Ich hoffe, dass auch Sie die Corona-Krise gut überstanden haben. Und schließe dieses Kapitel mit den Worten, die seit dem Frühling 2020 eine neue Bedeutung haben: Bleiben Sie gesund!

 

2 VOM SCHREIBEN UND VOM LESEN

Eigentlich wollte ich lieber lesen

JANUAR 2018

Erstmals schreibe ich einen Text über mein Schreiben. Eine echte Herausforderung. Plötzlich soll ich mich selber analysieren, hinterfragen, erklären, vielleicht sogar rechtfertigen. Und das in einem Literaturmagazin. Keine Sorge, ich weiß, dass ich keine Literatur schreibe. Ich bekomme hier nur ein einmaliges, kleines Gastspiel. Allerdings könnte man über den Begriff Literatur natürlich fröhlich streiten.

Aber es ist schon so: Ich bin keine, die über einen Satz eine Stunde lang nachdenkt, die tagelang nach dem richtigen Wort sucht, über einer Formulierung schwitzt und an der Unvollkommenheit ihrer Arbeit verzweifelt. Ich habe fünfzehn Jahre bei einer Zeitung gearbeitet, dort eine einfache, klare, leicht verständliche Sprache gelernt und beibehalten. Möglicherweise auch deshalb, weil ich es gar nicht anders kann.

Ich fing an zu schreiben, weil ich keine Bücher hatte. Eigentlich wollte ich lieber lesen. Unsere Dorfbibliothek war leider nur ein Kellerloch im Pfarrhaus und konnte meinen großen Lesehunger nicht stillen. In meiner Familie fehlte das Geld, um Bücher zu kaufen. Ich fing deshalb als Fünftklässlerin an, die Geschichten zu schreiben, die ich gern gelesen hätte, um mich selber zu unterhalten.

Vielleicht ist das heute noch mein Hauptantrieb? Dass es mir einfach Spaß macht, Geschichten zu erfinden? Früher lasen sie meine Schulkameraden. Sie tauschten meine vollgekritzelten Schulhefte auf dem Pausenplatz. Heute habe ich eine große, treue Leserschaft, die auf meine Bücher wartet. Das ist ein weiterer Ansporn.

Meine letzten acht Bücher waren Schweizer Bestseller. Darauf bin ich stolz. Ich habe davor auch erfolglose Bücher geschrieben und trotzdem nie aufgegeben. Schreiben, das ist meine Leidenschaft. Und heute kann ich davon sogar leben. Die Bezeichnung »Bestsellerautorin« habe auch etwas Abwertendes, meinte neulich jemand, aber eigentlich spiegelt der Begriff ja nur meine Verkaufszahlen. Diese wiederum sagen natürlich nichts über Qualität aus, denn auch Dieter Bohlen hat fantastische Verkaufszahlen. Bohlen glaubt deswegen sogar, ein besonders guter Musiker zu sein. Ich jedoch kann mein Können sehr wohl einordnen, hebe nicht ab. Im Gegenteil. Viele abwertende Ausdrücke, die in Zeitungen erschienen sind, habe ich leider selber generiert, wie etwa den Begriff »Unterhaltungstante«. Dass ich ihn hier wiederhole, würde meine Marketingabteilung ausrasten lassen, wenn ich denn eine hätte. Tele Züri bezeichnete mich als »Rosamunde Pilcher vom Vierwaldstättersee«. Ich kann damit umgehen. Auch damit, dass ich nie einen Literaturpreis gewinnen werde.

Ich kann mein Können einordnen.

Meine Leserinnen und Leser schreiben mir, dass meine Bücher sie zu Tränen rühren, zum Lachen bringen oder überhaupt erst wieder zum Lesen gebracht haben. Unterhaltung ist mein Anspruch. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich will ich eine saubere Arbeit abliefern. Ich recherchiere genau und manchmal aufwendig: Ich mache ein Praktikum bei einem Tierarzt, besuche ein Frauengefängnis, fahre mit einem Dampfschiffkapitän über den See, arbeite in einem Kuhstall mit, verbringe einen Monat in Arosa, wandere ganze Gegenden ab … Ich tue alles für die Authentizität meiner Geschichten. Ich beobachte, höre zu, schaue hin, reise herum, frage nach. Mein Verlag stellt mir eine gute Lektorin zur Seite, auch zwei Korrektorinnen. Die Bücher werden sorgfältig hergestellt. Nein, sie sind kein Trash. Banal, trivial, primitiv? Die Tatsache, dass ich im Magazin »Literarischer Monat« unter dem Übertitel »Trash!« zu Wort komme, sagt mir, dass meine Bücher von einigen Literaten so eingeordnet werden. Kann ich damit leben? Auf jeden Fall.

Ein Literaturmagazin lud mich ein, einen Text einzureichen. Ich fühlte mich geehrt. Dann erfuhr ich: Das Magazin erschien unter dem Schwerpunkt »Trash!«. Ich war ein wenig beleidigt. Aber nur kurz. Dann sprang ich über meinen Schatten und schrieb diesen Text.

Niedergemetzelt

JUNI 2019

Ich glaube, ich habe das schon mal geschrieben: Eskimos haben über zwanzig Wörter für Schnee. Das las ich irgendwann in irgendeiner Zeitung. Inzwischen zweifle ich allerdings daran. Natürlich gibt es auch bei uns Begriffe wie Schneeflocken, Schneematsch, Schneeregen, Schnee von gestern, Schneetreiben, Pulverschnee. Würde man die alle zählen, könnten wir schnell einmal mit den Eskimos gleichziehen. Und sagt man überhaupt noch Eskimos? Einige davon möchten heute lieber als Inuit bezeichnet werden. Es ist schwierig mit den Bezeichnungen, mit den Wörtern, mit der Sprache.

Meine Kollegin Dora fährt inzwischen viel Zug und trifft dabei regelmäßig junge Leute auf dem Weg ins Gymnasium. »Ich erlebe tagtäglich live mit, wie im Zug die deutsche Sprache blutig und brutal niedergemetzelt wird«, meinte sie neulich und spielte damit auf den eigenartigen Slang an, den viele Teenies heute sprechen. »Sie wollen tatsächlich wie Fremdsprachige klingen.« Auch der Wortschatz der jungen Leute sei bedenklich. Neulich sei eine junge Frau aus Deutschland mit dabei gewesen und habe erzählt: »… und dann stellt er sich drei Wecker und schlummert immer wieder …« Das Wort schlummern habe danach die Jugendlichen mindestens drei Zugstationen lang beschäftigt. Schlummern, das gebe es gar nicht. Schlummern, das sage man einfach nicht. Das habe doch i-Phone erfunden. Schließlich entdeckte dann einer das Wort im Online-Duden, und große Verwunderung herrschte im Abteil. Ich kann dazu nur sagen: Hoffentlich schlummert in diesen jungen Menschen noch sehr viel …

Auch ich hatte ein ähnliches Erlebnis, das ich lange nicht vergessen konnte. Ein Mann in einem beigen Trenchcoat ging durch den Zug. Ein jugendlicher Mitreisender sagte: »Der sieht aus wie einer, der darunter nackt ist und dann plötzlich den Mantel öffnet und damit Kinder erschreckt. So was gibt es im Fall!« Gelächter und Gekicher folgte. »Wirklich?«, wunderten sich einige. »Dafür gibt es sogar ein Wort«, erklärte jemand. »Nein? Krass! Ein eigenes Wort für so einen ›Grüsel‹?« Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht das gesuchte Wort einfach ins Abteil zu posaunen. Stattdessen schaute ich den jungen Leuten beim Suchen im Internet zu. Es war gar nicht so einfach, über die Stichworte »Mantel« und »nackt« zum Lösungswort zu kommen. Kurz bevor sie den Zug verließen, hatten sie die Antwort: »Exhibitionist. So einer nennt sich Exhibitionist!« Ich atmete erleichtert aus.

»Ein eigenes Wort für so einen ›Grüsel‹?«

Natürlich weiß ich, dass die Wörter »schlummern« und »Exhibitionist« nicht unbedingt nötig sind, um im Leben weiterzukommen oder um zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen. Aber manchmal täte unserer oft so sprachlosen Welt, die uns manchmal selber sprachlos macht, ein größerer Wortschatz gut. Es wäre leichter, sich näherzukommen und sich zu verstehen. Neue Wörter kann man sich übrigens aneignen, indem man viel liest, zum Beispiel eine Zeitung, oder halt eben im Zug, wenn man denn bereit ist, zuzuhören.

Nehmen Sie beim Zugfahren mal die Kopfhörer von den Ohren und hören Sie zu, was da so gesprochen wird. Vielleicht lassen Sie auch die Ohrstöpsel drin und tun so, als würden Sie Musik hören. Oft wird man dann bestens unterhalten.

Mängelexemplar

JUNI 2016

Mängelexemplar, klingt das nicht nach einem spannenden Titel für einen neuen Roman mit Bestsellerpotenzial? Mein Puls beschleunigt sich vor Aufregung und Vorfreude wie bei einer Skirennfahrerin am Start, die sich kaum noch bremsen kann und sich möglichst schnell in die Abfahrt stürzen möchte. Mein Kopfkino läuft heiß. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Geschichte bereits in allen Einzelheiten: Die Hauptfigur, Jolanda Joller, muss mit fünfzig auf Stellensuche gehen und fühlt sich wie ein Mängelexemplar. Vielleicht ist Jolanda sogar Buchhändlerin und hat oft genug leicht beschädigte oder verschmutzte Bücher mit dem Stempel »Mängelexemplar« versehen. Danach waren diese nur noch halb so viel wert. Und jetzt fühlt sie sich selber abgestempelt, weil sie auf dem Arbeitsmarkt einen der größten Mängel überhaupt aufweist: Sie ist zu alt.

Wird dieser neue Roman dann lustig und heiter und führt unweigerlich zum Happy End, so wie sich das die Leserinnen und Leser meiner Bücher gewohnt sind? (Jolanda eröffnet einen Laden für Mängelexemplare und findet so die gewinnbringende Marktnische.) Oder wird es vielmehr ein Drama, weil die Buchhändlerin nach und nach ihre Verzweiflung in Alkohol ertränkt? (Am Ende lässt sie sich im Vollrausch »Mängelexemplar« auf den Hintern tätowieren.) Ich könnte auch einen Thriller daraus machen, in welchem Jolanda alle jüngeren Mitbewerber umbringt. (Sie wird gefasst, weil sie auf jeder Leiche den Stempel »Mängelexemplar« hinterlässt.) Vielleicht wird es gar ein Sachbuch, das aufzeigt, wie man seine Mängel erfolgreich vertuschen kann (»Von mangelhaft zu makellos in dreißig Tagen«)?

Romananfänge sind wie ein Glücksrausch. Ich bin voller Ideen und Zuversicht, sprühe vor Fantasie und Inspiration, will sofort loslegen. Ich bin die wunderschöne Araberstute in der Startbox, die mit den Hufen scharrt und im Geiste schon mit fliegender Mähne vorwärtsprescht, dem Ziel entgegen, jedes Hindernis elegant überspringend. Wenn ich ein Buch beginne, hat das nichts mit Arbeit zu tun. Anfänge sind reine, pure Schreibfreude, explodieren wie ein Feuerwerk, schmecken wie süßeste Schokolade. Mein Schreibfluss ist voller bunter Fische und fließt fröhlich voran, dem Happy End entgegen. Die Sätze sprudeln, die Seiten füllen sich. Erst viel später kommen die Zweifel, die Krisen, die Fragen und stellen sich mir in den Weg. Aus der Schokolade wird irgendwann alter, zäher Kaugummi, und das Schreiben artet in Arbeit aus. Angehende Autoren wollen das oft nicht sehen. Sie denken, das Schreiben müsse immer Spaß machen. Tut es nicht. Sorry.

Ja, so ist es bei mir, wenn ich schreibe. Und im Leben? Ich bin jetzt dreiundfünfzig, und es gibt nicht mehr so viele berauschende, explodierende Anfänge. Ganz ehrlich und unter uns: Tief in meinem Innern fühle ich mich nach wie vor wie eine temperamentvolle Araberstute in der Startbox, bereit zum Losrennen, wohin auch immer, und ich warte auf den Startschuss. Nur die Außenwahrnehmung ist halt manchmal anders. Da bin ich dann doch eher das Mängelexemplar.

Neulich las ich irgendwo im Internet: »Ich habe schon so viel aus meinen Fehlern gelernt – ich glaube, ich mache noch ein paar.« Das hat mir gefallen. Das ist genau die richtige Einstellung. Wir versuchen doch immer, alles perfekt zu machen, und sind damit schon zum Scheitern verurteilt. Dabei habe ich gar nicht so viel falsch gemacht in meinem Leben. Ich habe immer versucht, meine Träume zu leben, habe mich dafür eingesetzt, dafür gekämpft, nicht aufgegeben, durchgehalten. So bin ich heute ein glücklicher, zufriedener Mensch. Und ich bereue nichts, trauere keinen verpassten Gelegenheiten hinterher.

Trotzdem fühle ich mich ab und zu als Mängelexemplar. Wenn ich beispielsweise einen Nebenjob zu meiner Tätigkeit als Buchautorin suche und meine Akte altershalber immer wieder vom Bewerbungsstapel direkt in den Papierkorb fällt, dann brauche ich nicht erst einen Stempel. Ich fühle ihn, imaginär, mitten auf der Stirn: Mängelexemplar. Aber sind wir das nicht alle irgendwie? Meine Mutter fühlt sich als Mängelexemplar, seit sie sich mit der Hilfe eines Rollators durch die Gegend bewegen muss. Sie meint, das werte sie ab, obwohl es sicher kein Makel ist, wenn frau mit siebenundachtzig Jahren ein wenig Unterstützung beim Gehen braucht. Meine Freundin Berta fühlt sich als Mängelexemplar, weil sie wegen Übergewichts von ihrer Versicherung als Risiko eingestuft wurde und keine Taggeldversicherung abschließen konnte. Es ging um drei Kilo!

Aber was ist ein Mängelexemplar wirklich? Mängelexemplar ist ein Begriff aus dem Buchhandel und bezeichnet ein Buch, das aufgrund eines deutlichen Mangels nicht mehr der Buchpreisbindung (in Deutschland) unterliegt und somit billiger wird. Ein leicht beschädigtes, gebrauchtes Buch ist deswegen trotzdem ganz bestimmt nicht wertlos. Bei einem Buch geht es schließlich um die inneren Werte. Der Inhalt ist immer noch der gleiche, unverändert, auch wenn das kostbare Buchcover eventuell Schaden genommen hat oder eine Seite zerknittert ist und eine Ecke umgeknickt. Der Text kann trotzdem bezaubern, in fremde Welten entführen, schlaflose Nächte verursachen, Spannung erzeugen, Gefühle vermitteln, weiterbilden, zum Weinen oder Lachen animieren. Ich weiß das aus diversen Selbstversuchen: Ich stöbere nämlich gern auf Flohmärkten auf den Büchertischen und nehme immer mehr Bücher heim, als ich abliefere. Ein paar unappetitliche Flecken oder vergilbte Seiten können mich da nicht schrecken, solange noch alle Seiten drin sind und mich der Inhalt interessiert.

Nicht alle Leser denken so. Die meisten schauen mehr auf Äußerlichkeiten – wie im wirklichen Leben halt. Ich habe neulich in einer Studie gelesen, dass die Menschen nur eine Zehntelsekunde brauchen, um ein Urteil über ihr Gegenüber zu fällen, und dieser erste Eindruck werde selten revidiert. So viel zu den inneren Werten …

So viel zu den inneren Werten …

Aber abgesehen davon: Bald einmal wird es keine Mängelexemplare mehr geben. Wenn wir nur noch E-Books lesen, können wir das Thema abhaken, das Wort ersatzlos streichen. Eigentlich schade. Ich habe im Internet kürzlich ein Parfüm mit dem Duft »Bibliothek« entdeckt (»In The Library«, Christopher Brosius). Es scheint, als hätten einige Leser schon Sehnsucht nach Büchern, die sie aus ihrem Leben verbannt und durch E-Books ersetzt haben. Irgendwann wird es vielleicht auch einen Duft »Mängelexemplar« auf dem Markt geben. Manchmal frage ich mich schon: Sind wir Menschen nicht alle ein bisschen … mangelhaft?

Dies war eine Auftragsarbeit für ein Literaturmagazin. Thema: Mängelexemplar. So etwas macht mir Spaß. Das sind Herausforderungen – fast wie in der Schule, als wir zu unmöglichen Themen Aufsätze schreiben mussten. Ich habe es geliebt.

Ticken Kinder heute anders?

MAI 2017

Neulich durfte ich eine Talentklasse besuchen und mit Mädchen sprechen, die gerade ihr erstes Buch schreiben. Sie hatten gar nicht so viele Fragen an mich, sondern vor allem eine, und die schien besonders wichtig zu sein: »Was verdient eine Autorin an einem Buch?« Wäre diese Frage eine von vielen gewesen, hätte sie mich nicht verwundert, aber so erhielt sie großes Gewicht, zu großes, wie ich fand.

Ticken heute Kinder so viel anders als wir früher? Und ist das schlecht oder vielleicht sogar gut?

Ich wollte schon als Kind Bücher schreiben und Sängerin werden, und dabei spielten für mich Karriere, Verdienstaussichten oder Ruhm überhaupt keine Rolle. Ich wollte singen und schreiben, Punkt. Wenn eine Kameradin Floristin oder Bäuerin werden wollte, hat ihr keiner vorgerechnet, dass man in diesem Beruf wenig Aufstiegschancen habe oder damit kaum reich werden könne. Waren wir naiv? Sind Kinder heute cleverer?

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