Die Löffelliste - Blanca Imboden - E-Book

Die Löffelliste E-Book

Blanca Imboden

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Beschreibung

Die Pflegefachfrau Karin Kaufmann hat genug. Von ihrem Beruf, in dem nichts mehr ist, wie es einmal war. Von ihrer Ehe, die sich so entwickelt hat, wie sie es nie wollte. Vom Oberarzt Dr. Theo Eberle, der ihr auf niederträchtigste Art und Weise mitgespielt hat. Das ist denn auch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und Karin aufs Dach des Krankenhauses steigen lässt, um hinunterzuspringen. Sie wird allerdings von ihrem todkranken Patienten Reto Rösti gestört, der dort jeweils heimlich seine Stumpen raucht. Das ungleiche Paar kommt ins Gespräch, und dabei wird schnell klar, dass nicht nur Karin Kaufmann verschwinden will, sondern auch Reto Rösti. Er allerdings nur ins Oberengadin. Und weil beide nichts mehr zu verlieren haben, denken sie über Dinge nach, die gestern noch komplett undenkbar schienen. Haben Sie Ihre Löffelliste schon gemacht? Die Liste, auf der alles steht, was Sie noch erleben möchten, bevor Sie – hoffentlich erst eines fernen Tages – den Löffel abgeben müssen?

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2023 Wörterseh, Lachen

Lektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Lydia ZellerUmschlaggestaltung: Thomas Jarzina unter Verwendung des Gemäldes »Die Sixtinische Madonna« von Raffael, © akg-images, BerlinLayout, Satz und Herstellung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI Books GmbH

Print ISBN 978-3-03763-145-4 E-Book ISBN 978-3-03763-835-4

www.woerterseh.ch

 

Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, euch wie ein Andenken zu behandeln.Esst feines Essen.Spaziert in der Sonne.Springt ins Meer.Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge.Seid albern.Seid freundlich.Seid komisch.Für nichts anderes ist Zeit!

ANTHONY HOPKINS BRITISCH-AMERIKANISCHER SCHAUSPIELER

 

Für Sindy …… und alle anderen, die in einem Pflegeberuf arbeiten.Danke!

 

Inhalt

Über das Buch

Über die Autorin

1 Ich will dieses Geschenk nicht mehr

2 Einfach nur weg

3 Enkeltrickbetrügerin und Jaguar

4 Der Weg ist nicht das Ziel

5 Rote Rosen regnen

6 Nonno will rauchen

7 Die Löffelliste

8 Ein kleines bisschen Glück

9 Monsterkrebse im Badesee

10 #MeToo

11 Ist Rache süß?

12 Rotkehlchen und Bulle

13 Drogen, Russen, Dekadenz

14 Rauchzeichen

15 Kirschblütenzauber

16 Begegnung

17 Gestöhnt, nicht gesungen

18 Mary Mayer

19 Lej da Staz

20 Sterben ist keine leichte Übung

21 Anders – aber gut

22 Zehn Briefe

23 Magie und Zauber

24 Fahrt durchs Bilderbuch

25 Abschied und Anfang

Danke

 

Über das Buch

Die Pflegefachfrau Karin Kaufmann hat genug. Von ihrem Beruf, in dem nichts mehr ist, wie es einmal war. Von ihrer Ehe, die sich so entwickelt hat, wie sie es nie wollte. Vom Oberarzt Dr. Theo Eberle, der ihr auf niederträchtigste Art und Weise mitgespielt hat. Das ist denn auch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und Karin aufs Dach des Krankenhauses steigen lässt, um hinunterzuspringen. Sie wird allerdings von ihrem todkranken Patienten Reto Rösti gestört, der dort jeweils heimlich seine Stumpen raucht. Das ungleiche Paar kommt ins Gespräch, und dabei wird schnell klar, dass nicht nur Karin Kaufmann verschwinden will, sondern auch Reto Rösti. Er allerdings nur ins Oberengadin. Und weil beide nichts mehr zu verlieren haben, denken sie über Dinge nach, die gestern noch komplett undenkbar schienen.

Haben Sie Ihre Löffelliste schon gemacht? Die Liste, auf der alles steht, was Sie noch erleben möchten, bevor Sie – hoffentlich erst eines fernen Tages – den Löffel abgeben müssen?

Mit ihrem neuen Roman gelingt Blanca Imboden nicht nur eine generationenübergreifende Ode an die Freundschaft und an das Leben, das Hier und Jetzt, sondern auch eine großartige Liebeserklärung ans Engadin.

Christian Jott Jenny, Gemeindepräsident St. Moritz

 

Über die Autorin

© Wörterseh

Blanca Imboden, geb. 1962, liebt die Berge, reist aber auch gern auf Lesetour durch die Schweiz. Für Wörterseh schrieb sie zahlreiche Bestseller. Der erste, »Wandern ist doof – Ein Kreuzworträtsel mit Folgen«, erschien 2013 und wurde zum sehr erfolgreichen Longseller. 2021 veröffentlichte sie ihren persönlichsten Roman, der zum Nummer-1-Bestseller avancierte: »Rigi – Ein fröhlicher Roman über traurige Menschen«. Für ihr neuestes Buch, »Die Löffelliste – Ein St.-Moritz-Roman«, verbrachte sie einen Monat als Writer in Residence im Oberengadin, wo sie sich von der Gegend bezaubern und zu dieser Geschichte inspirieren liess. Die Autorin, die im Schwyzer Talkessel aufgewachsen und verwurzelt ist, lebt heute in Malters LU. www.blancaimboden.ch

 

Wie immer ist auch dieser Roman eine frei erfundene Geschichte.

Es kommen Menschen darin vor, die gibt es wirklich – und die (meisten) Fakten stimmen.

Vieles ist jedoch einfach meiner Fantasie entsprungen.

 

1 ICH WILL DIESES GESCHENK NICHT MEHR

»Wer ist da?«, frage ich misstrauisch. Ich stehe mit zittrigen Knien am Rand des Dachs und sammle mich vor meinem endgültigen Schritt ins Jenseits, als ich irritierende Geräusche hinter mir höre.

»Ich bins nur, Reto Rösti. Ich rauche hier regelmäßig«, vernehme ich dann eine alte Männerstimme. »Lassen Sie sich nicht stören, Oberschwester Karin.« Rösti atmet schwer.

Ich trete vom Abgrund zurück. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Der Mann hat Lungenkrebs im Endstadium und raucht hier! Regelmäßig!? Wir geben alles, um unsere Patienten am Leben zu erhalten – und er tritt unseren Einsatz für ihn mit Füßen? Die Empörung lenkt mich kurz von meinem Vorhaben ab.

»Und was machen Sie hier?«, fragt der alte Herr ungerührt. Er hat sich gerade mit einem unterdrückten Stöhnen auf einem Mäuerchen niedergelassen.

Soll ich lügen?

»Ich wollte gerade springen«, gebe ich zurück. »Aber vorher muss ich Ihnen noch sagen, dass ich es ziemlich undankbar finde, wenn Sie regelmäßig rauchen, während wir alles dafür tun, Sie am Leben zu erhalten. Wir investieren viel Zeit, Geld und Wissen in Sie. Wir kümmern und sorgen uns um Sie.«

Reto Rösti zündet sich trotz meiner Standpauke umständlich einen Villiger-Stumpen an. Dass er überhaupt die steile Treppe bis zur Dachterrasse geschafft hat, wundert mich.

Er erwidert ungerührt: »Es gibt sicher auch Menschen, die es undankbar finden, wenn sich jemand umbringt, der jung und gesund ist. Auch mich verwirrt das gerade ein wenig – mit Verlaub.«

Gesund bin ich schon. Aber jung? Für einen Achtzigjährigen kann eine Frau mit fünfundvierzig durchaus noch jung erscheinen. Alles ist relativ. Doch leider hat auch das gefühlte Alter seine Bedeutung.

Ich antworte unfreundlich: »Was wissen Sie schon von mir!«

»Was wissen Sie denn von mir?«, kontert mein Patient unbeeindruckt. »Ich meine jetzt mal abgesehen von der Kenntnis meiner Blutwerte und Röntgenbilder?«

Eins zu null für ihn.

»Setzen Sie sich zu mir und rauchen Sie eine mit!«, schlägt er dann versöhnlich vor.

Ich wehre mich empört: »Ich habe noch nie geraucht! Ich weiß zu viel über die Schädlichkeit von Nikotin und allen anderen krebserregenden Substanzen in Raucherwaren. Diese Giftstoffe landen nicht nur in der Lunge, sondern im ganzen Körper und richten überall Schaden an. Nein, danke. Sie selber sind ja ein abschreckendes Beispiel, Herr Rösti, wenn ich das mal so offen sagen darf. Man könnte Sie geradezu in Schulklassen herumzeigen, um den Kindern vorzuführen, was das Rauchen alles anrichten kann.«

Ich bin gerade ein wenig außer mir, das entschuldigt vielleicht diesen Wortschwall. Und weil ich so in Fahrt bin, lege ich noch nach: »Doch nicht nur sich selber schaden die Raucher, nein, sogar die Umwelt versauen sie. Schauen Sie sich nur mal hier oben um: überall Zigarettenstummel! Weggeschnippte Zigarettenkippen sind das häufigste Abfallprodukt. Laut der WHO werden weltweit 5,6 Billionen Zigaretten pro Jahr gequalmt. Davon landen tonnenweise Kippen irgendwo auf dem Boden, in der Natur. Die aus den Filtern ausgewaschenen Gifte landen dann in Seen, in Flüssen, im Meer.«

Rauchen ist ein Thema, bei dem ich mich immer wunderbar ereifern kann – und zugegeben, diese Rede habe ich auf meiner Station schon oft gehalten. Ich habe einfach schon zu viele unbelehrbare Raucher mit Lungenkrebs behandelt. Und zu viele Hinterbliebene trösten müssen.

Rösti lacht mich aus und meint: »Ich glaube, vom Dach zu springen, macht auch eine rechte Sauerei, wenn ich das mal so unverblümt sagen darf.«

Mein Ärger, der mich eben noch fest im Griff hatte, verflüchtigt sich innert einer Sekunde. Ich setze mich neben meinen Patienten auf das Mäuerchen und bin nur noch ein Häufchen Elend. Soll doch jeder rauchen, so viel er will! Was geht mich das an, wenn andere ihre Gesundheit aufs Spiel setzen? Ich habe ganz andere Sorgen. Ich habe nicht nur meinen Ehemann verloren, sondern auch gleich noch meinen Liebhaber – der eigentlich nur ein One-Night-Stand war, wie ich erkennen musste –, und außerdem habe ich mich in meinem Job so lächerlich gemacht, dass ich mich auf der Station nicht mehr blicken lassen kann. Alles innert vierundzwanzig Stunden. Das muss mir erst mal einer nachmachen.

Der alte Mann neben mir hustet und sagt mit belegter Stimme: »Schauen Sie mich an, Oberschwester Karin, und erklären Sie mir, warum nicht eher ich mich umbringen sollte.«

Oberschwester Karin. Schon wieder. Wie oft habe ich ihm und anderen Patienten wohl schon erklärt, dass diese Bezeichnung nicht mehr zeitgemäß ist? Doch im Moment habe ich nicht die Kraft, ihn ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, sondern folge reflexartig seiner Aufforderung und lasse meinen Blick über ihn schweifen. Was ich sehe, ist ein kleines, abgemagertes Männchen, das Gesicht blass und eingefallen, auf dem Kopf ein paar wenige silbergraue Haarbüschel, die gerade widerspenstig in die Luft zeigen. Ein wandelndes Elend.

Reto Rösti ist austherapiert. Nach Chemo und Bestrahlung und Operationen ist der Krebs wieder zurückgekommen. Ein Rezidiv. Ableger überall. Seine Tage, im besten Fall werden es Wochen, sind gezählt. Mein Patient weiß das sehr wohl.

Doch kann man einen Kummer gegen einen anderen aufwiegen? Natürlich möchte ich nicht seinen Krebs haben. Aber mein Unglück fühlt sich auch an wie eine Krankheit. Ich bin zurzeit genauso in Lebensgefahr wie Reto Rösti.

»Also? Ich habe Zeit«, bringt er sich in Erinnerung. »Was ist es, was Sie so plagt? Lassen Sie mich raten: Liebeskummer?«

»Liebeskummer, das klingt so banal«, erkläre ich, fast schon entrüstet, und überlege kurz, wie ich meinen Schmerz, meinen allumfassenden, überwältigenden Seelenschmerz beschreiben könnte. Zaghaft versuche ich es: »Weltschmerz würde es wohl am ehesten treffen.«

»Das ist natürlich schlimm«, sagt Herr Rösti mitfühlend. »Das tut mir leid. Wenn man an der ganzen Welt leidet oder sich so fühlt, als würde man das Unglück und den Schmerz der ganzen Welt auf seinen Schultern tragen, dann ist das natürlich zu viel für einen einzelnen Menschen.«

Ich bin etwas verwundert über seine Worte, sein so genaues Hinhören. Trotzdem: Sein Mitgefühl fühlt sich falsch an. In seinen Augen bin ich jung und gesund und habe mein Leben noch vor mir – mit Millionen von Möglichkeiten –, während er nur noch Abschied nehmen kann.

Unbeholfen versuche ich mich zu rechtfertigen: »Mein Job laugt mich aus, macht mich immer müder. Wir sind ständig unterbesetzt, sodass ich meinen eigenen Ansprüchen an die Pflege nicht mehr genügen kann. Zu lange müssen Patienten warten, zu wenig Zeit haben wir für sie. Verzweifelte Angehörige, die oft auch Zuwendung bräuchten, müssen wir abwimmeln. Das ist einfach nicht mehr der Beruf, den ich einmal gelernt habe. Aber für einen Neuanfang woanders bin ich längst zu alt.«

Herr Rösti hört mir aufmerksam zu, während er die Luft verpestet und den grässlichen Rauch tief in seine todkranken Lungen zieht.

»Ich habe hier als junge Frau voller Idealismus und Enthusiasmus angefangen«, fahre ich weiter. »Ich wollte helfen und pflegen. Heute komme ich von der Arbeit nach Hause und habe meist das Gefühl, nirgendwo genug getan zu haben, meinen Patienten nicht gerecht geworden zu sein. Und das geht schon seit vielen Jahren so. Das ermüdet.«

»Und?«, fragt der alte Mann.

»Was und?«, frage ich zurück.

»Gibt es noch andere Baustellen?«, will er wissen.

»Meine Ehe. Sie ist keine mehr. Wir sind beide nicht mehr nett zueinander. Wir haben uns irgendwie verloren. Mein Mann verbringt mehr Zeit mit seinen Freunden vom Kegelklub und von der Radsportgruppe als mit mir. Wenn ich heimkomme, bin ich oft viel zu erledigt, um noch große Sprünge zu machen, sehne mich nur nach Ruhe.« Ich wundere mich, was in mich gefahren ist. Wieso erzähle ich diesem todkranken Greis das alles? Doch wie ferngesteuert rede ich weiter: »Wir sind bloß noch ein Ehepaar, weil keiner den Mut hat, das Ganze zu beenden, oder weil jeder von uns zu bequem ist, an der Situation etwas zu ändern. Oder weil wir Angst davor haben, uns das Scheitern unserer Beziehung einzugestehen. Wir machen einfach weiter – wie so viele andere Ehepaare. Jede dritte Ehe wird ja geschieden. Ich denke, dass sich sogar noch weit mehr Paare trennen müssten, wenn alle ehrlich zueinander wären.«

»Okay. Beruf. Ehe. Und sonst? Da muss es doch noch einen aktuellen, akuten Auslöser geben? Für einen Sprung vom Spitaldach reicht das noch nicht, wenn Sie mich fragen.« Reto Röstis kleine Äuglein schauen mich durchdringend an.

Ganz schön neugierig, der Alte. Noch einmal frage ich mich, warum ich ihm das alles erzähle. Ich muss mich vor ihm doch nicht rechtfertigen! Aber es spielt ohnehin keine Rolle mehr, wem ich was erzähle. Ich springe nachher sowieso.

»Ich wurde in letzter Zeit von Dr. Theo Eberle umworben«, fahre ich also weiter. »Er hatte ein leichtes Spiel, obwohl ich nicht zu den jungen Dingern auf der Station gehöre, die jeden männlichen Weißkittel – vor allem mit Doktortitel – anhimmeln. Er war einfach geschickt und raffiniert, als hätte er mir angesehen, wie sehr ich mich nach Respekt, nach Komplimenten, nach Liebe sehnte. Er flirtete mit mir, war aufmerksam, schenkte mir Blumen, führte mich aus. Ganz alte Schule. Er ist ja selber nicht mehr der Jüngste. Egal. Ich war irgendwann zu allem bereit, auch dazu, an eine neue Liebe in meinem Leben zu glauben. Aber nachdem wir die erste gemeinsame Nacht bei ihm zu Hause verbracht hatten, war alles vorbei.«

Reto Rösti grinst anzüglich und meint: »Waren Sie wirklich so schlecht?«

Fast hätte ich ihn vom Mäuerchen geschubst.

»Ich habe den Grund heute auf der Toilette erfahren.«

»Auf der Toilette?« Jetzt staunt der alte Herr doch sehr. Er hält sogar mit dem Rauchen inne.

»Ja. Ich habe ein Gespräch zweier Kolleginnen mitgehört. Eberle hatte offenbar eine Wette am Laufen. Er gilt hier im Haus als Womanizer, brüstete sich damit, jede Frau haben zu können. Alle fanden aber, ich sei doch eine der korrektesten, integersten Frauen, die sie kennen, und an mich komme er sicher nicht heran. So entstand anscheinend diese Wette. Erbärmlich.« Ich schluchze laut auf.

Herr Rösti schaut mich neugierig an.

»Wie soll ich mich hier wieder blicken lassen?«, fahre ich weiter. »Die ganze Station tuschelt und lacht über mich. Ich habe mein Gesicht, mehr noch meine ganze Autorität verloren. Ich habe sogar den Respekt vor mir selber verloren, weil das alles so banal, so albern, so beliebig ist. Wie eine Geschichte aus einem alten, billigen Film, über die man den Kopf schüttelt und wo man sich über die Dummheit der naiven Frau wundert, die sich einbildet, sie könnte den großen Fang machen. Und ich bin sie, die dumme, naive Frau.«

Die jungen Kolleginnen auf der Toilette lachten über mich. Sie hatten offenbar alle schon ihre Erfahrungen mit dem Eber gemacht, wie sie ihn in dem belauschten Gespräch nannten.

Der Eber.

Passt.

Ich erkläre mit zitternder Stimme: »Das Leben ist ein Geschenk, oder? Ich gebe das Geschenk zurück. Egal an wen. Ich will nicht mehr.«

Reto Rösti hält mir seinen Stumpen hin, und ich lehne erbost und etwas angeekelt ab.

»Nein danke! Ich habe es doch schon gesagt: Rauchen ist eine widerliche, überflüssige Angelegenheit!«

Herr Rösti geht darüber hinweg und sagt kopfschüttelnd: »Liebe Frau Kaufmann, es gibt doch noch andere Spitäler und auch andere Arbeitsplätze in der Gesundheitsbranche. Und vor allem: Es gibt andere Männer, ganz andere. So großartige Exemplare wie mich zum Beispiel.«

Meint er das ernst? Ich schaue ihn an und sehe rein gar nichts Großartiges. Reto Rösti macht so eine erbärmliche, jämmerliche Figur, wie er da auf dem Mäuerchen hockt, dass ich lächeln muss. Ein trauriges, winziges Lächeln.

Jetzt streckt er sich, so gut er kann, räuspert sich und meint dann: »Na gut, dann springen Sie halt. Das muss ich ja weder verstehen noch gutheißen. Es ist Ihr Leben. Sie sind erwachsen und wissen wohl selber, was gut für Sie ist. Vielleicht springe ich ja auch gerade hinterher. Für mich kommt eh nicht mehr viel Gutes. Ich habe sowieso nur noch das Sterben vor mir. Keiner wird es mir verübeln, wenn ich eine kleine Abkürzung nehme.«

Mit einem Satz bin ich auf den Beinen. Nein, so habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Das geht doch nicht, dass mir einer zuschaut, wenn ich mich in die Tiefe stürze! Nein. Und ich kann es schon gar nicht verantworten, dass mir ein Patient folgt. Wie würde das denn aussehen?! Da würde mein Tod am Ende völlig falsch interpretiert werden.

Aufgewühlt laufe ich auf dem Flachdach hin und her.

Und tue mir selber noch mehr leid.

Sogar mein Selbstmord wird mir noch versaut.

Mir gelingt wirklich rein gar nichts mehr.

 

2 EINFACH NUR WEG

Reto Rösti verliert langsam die Geduld: »Setzen Sie sich wieder hin, bitte! Sie machen mich ganz nervös. Und springen wollen Sie ja ohnehin nicht wirklich, sonst wären Sie längst nicht mehr hier.«

Wie schon vorhin gehorche ich automatisch, setze mich hin und starre ein Loch in die Luft. Einen klaren Gedanken kann ich sowieso nicht fassen. Eben, ich stehe – respektive sitze – irgendwie neben mir. Ich habe mich selber noch nie so erlebt. Vielleicht ist es genau das, was mich am meisten erschüttert: Ich war noch nie in diesem desolaten Zustand und weiß gerade nicht, wie ich mit mir selbst umgehen soll. Und dabei bin ich ja schon in einem Alter, in dem man von mir eine gewisse Standfestigkeit erwarten dürfte.

Doch was mir jetzt gerade passiert ist, ist irgendwie zu viel für mich. Thomas, meinem Mann, wurde gestern von einem Kegelfreund zugetragen, dass ich letzte Woche mitten in der Nacht aus dem Haus von Dr. Eberle gekommen sei. Thomas hatte meine konstant gute Laune in letzter Zeit bemerkt und eins und eins zusammengezählt. So hatten wir heute Morgen eine kurze, aber heftige Aussprache. Und ich war ehrlich. Thomas’ Blick werde ich niemals vergessen: verletzt und enttäuscht bis ins Innerste.

Ich habe alles versaut.

Ich habe alles verloren.

Doch nun sitze ich hier mit dem alten Mann und muss schauen, wie dieser Nachmittag weitergeht. Irgendwann sage ich zu ihm: »Erzählen Sie doch mal was von sich, Herr Rösti. Sie meinten doch, ich wisse nichts über Sie. Also los!«

»Ach, herrje … ich bin schon so alt. Die Geschichte würde sehr, sehr lange dauern. Dann sitzen wir morgen noch hier. Tatsache ist: Ich muss sterben. Bald. Das ist nicht weiter tragisch. Ich hatte ein gutes Leben. Ein erfülltes Leben. Und ja, auch ich habe einige Fehler und Dummheiten gemacht. Aber das ist Vergangenheit. Und meine Zukunft, die kennen Sie ja. Ich bin bereit, abzutreten. Aber …« Er hält inne.

»Was aber?«, frage ich.

»Nun … ich wäre einfach gern noch einmal nach St. Moritz gefahren.«

Ich frage überrascht: »Nach St. Moritz? Ausgerechnet? Warum denn das? So ein Schickimicki-Ort in den Bergen. Ich war noch nie dort.«

»Noch nie? Ich war da jedes Jahr. Früher noch mit meiner Frau, meinem Käthy. Irgendwann halt allein. Es ist eine Art zweite Heimat. – St. Moritz nochmals sehen und dann sterben. Das wäre schön. Na ja, wird wohl nichts mehr.« Reto Rösti schüttelt den Kopf und überlegt dann laut, ob ich wohl auch einen letzten Wunsch habe, da ich ja sterben wolle. Er schaut mich fragend an.

Ich überlege kurz und antworte dann: »Ich will einfach nur weg von hier. Davonlaufen. Am besten gleich vor mir selber. Einfach weit weg, auf einen anderen Planeten, in ein anderes Universum.«

Wir sitzen immer noch nebeneinander. Mittlerweile hat Herr Rösti seinen Stumpen geraucht. Er sieht aus, als könnte er nicht mehr lange hier sitzen bleiben und als würde er auch die Treppe nach unten nicht mehr allein schaffen. Eigentlich ist das ja nicht mein Problem. Und doch kann ich nicht anders, bin durch und durch eins mit meinem Beruf: Ich sorge mich um ihn.

»Ich mache Ihnen ein Angebot, Oberschwester Karin. Hören Sie gut zu!«

Ein weiteres Mal reagiere ich nicht auf Röstis ewiggestrige Art, mich anzusprechen, sondern bin einfach ganz Ohr.

»Ich lade Sie ein. – Nein, noch besser: Ich mache Ihnen ein Jobangebot. Sie kündigen noch heute – fristlos …«

»… das geht doch nicht!«, falle ich ihm unwillig ins Wort. »Ich habe eine Kündigungsfrist einzuhalten.«

»Wollten Sie sich nicht gerade umbringen? Also kommen Sie mir nicht mit Kündigungsfristen! – Ich möchte einfach, dass Sie Ihren Selbstmord noch ein wenig hinausschieben und mir ein paar Wochen Ihrer noch verbleibenden Zeit schenken. Für mich wäre diese sehr, sehr kostbar. Daher würde ich Sie auch gut bezahlen. Und wenn Sie zusagen, dann entlasse ich mich morgen auf eigene Verantwortung aus dem Spital, und wir fahren zusammen nach St. Moritz. Wir logieren in einem feudalen Hotel. Sie schauen zu mir, ich schaue zu Ihnen. Was sagen Sie dazu, wäre das eine Möglichkeit?«

Ich mustere den alten Herrn misstrauisch. Erlaubt er sich einen Spaß? Will er mich nur vom Dach wegbekommen?

»Ist das ein Witz?«, frage ich ihn.

»Sehen Sie mich lachen?«, kontert er.

»Andere Frage: Können Sie sich mich denn leisten? Privatpflege ist teuer.«

»Kein Problem. Für die kurze Zeit, die mir bleibt, reicht mein Erspartes locker.«

Ich denke nach. Eigentlich hat Rösti ja recht: Was kümmert mich ein Vertragsbruch? Dann sollen die mich doch verklagen. Bis zum Gerichtstermin lebe ich eh nicht mehr. Mein Mann Thomas wird auch froh sein, wenn ich mich verziehe. »Geh mir einfach aus den Augen!«, waren seine letzten unversöhnlichen Worte heute Morgen. Springen kann ich jederzeit an jedem Ort. Dächer und Brücken gibt es überall. Das ist ein beruhigender, befreiender Gedanke. Warum soll ich diesem netten alten Mann nicht seinen letzten Wunsch erfüllen? Und meinen gleich mit: Einfach weg. Nur halt noch nicht in die ewigen Jagdgründe, sondern nach St. Moritz. Vorerst einmal.

»Gut«, sage ich schließlich.

»Gut?«, fragt Herr Rösti.

»Jawohl.«

»St. Moritz?«

»Genau.«

»Schön, schön, schön …«

Dann lachen wir beide. Dabei ist mir schon klar, dass diese Reise und die Zeit in St. Moritz kein Spaziergang werden. Reto Rösti wird sterben. Und mein Leben wird danach immer noch genau gleich beschissen sein wie heute. Vielleicht sogar noch beschissener, weil mir der alte Mann bis dann ans Herz gewachsen ist. Aber ich bin eh nicht wirklich zurechnungsfähig in meinem momentanen Zustand. Und habe ich nicht lange genug funktioniert? Vernünftig und zuverlässig, wie eine Maschine? Es ist Zeit für ein wenig Unvernunft.

»Haben Sie dort einen Vertrauensarzt?«, frage ich.

»Natürlich. Flurin Caprez wird uns helfen. Ein Freund. Ein Internist. Mein Schachpartner.«

»Das ist gut.«

»Wir sind dort sowieso nicht allein. Der Gemeindepräsident Christian Jott Jenny ist mein Göttibueb, der Direktor des Hotels ein Freund, und – das Allerwichtigste – Leah, meine Enkelin, wartet da auf mich. Wie gesagt: St. Moritz ist mein zweites Zuhause. Und dank Ihnen könnte ich dann eine Löffelliste aufsetzen und abarbeiten.«

»Eine Löffelliste?«, frage ich konsterniert.

»Ja, genau. Eine Liste mit all den Dingen, die ich noch erleben möchte, bevor ich den Löffel abgebe.«

Der alte Herr lacht mich an, und ich kann gar nicht anders, als auch zu lächeln. Reto Rösti berührt mich. Darum mache ich jetzt Nägel mit Köpfen.

»Einverstanden, wir reisen morgen«, verkünde ich. »Heute werde ich kündigen, dann nach Hause gehen und packen. Haben Sie ein Auto?«

»Jawohl. Es steht in meiner Garage. Aber ich weiß nicht, ob Sie damit fahren können …«

»… Papperlapapp. Mein Vater hatte eine Autogarage. Ich bin schon mit so vielen Autos gefahren … also wirklich!«

»Na dann. – Ich gebe Ihnen meinen Hausschlüssel. Sie können, wenn Sie Ihre Sachen gepackt haben, bei mir übernachten, falls Sie das wollen.«

»Was brauchen denn Sie noch aus Ihrer Wohnung?«

Rösti lacht und hustet gleichzeitig. »Ich bin schon so lange im Spital, dass ich alles hier habe, was ich brauche. Und Sie werden es nicht glauben: Ich habe einen Koffer in St. Moritz. Einen sehr großen sogar.«

Ich glaube gerade alles.

Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen. In meine zumindest. Ich weiß ja nicht, wie viele verrückte Tage noch auf mich warten, aber kann man diesen noch steigern? Mein Ehemann hat mich verwünscht, mein Liebhaber entpuppt sich als selbstverliebter Lackaffe, mein Selbstmord wurde von einem todkranken alten Mann vereitelt, und jetzt werde ich meine Stelle kündigen und nach St. Moritz fahren.

Bin ich im falschen Film?

Bin ich überhaupt in irgendeinem Film?

Haben das schon andere Menschen vor mir erlebt, dass sich ihr Leben so schnell verändert, dass sie gar nicht mehr wirklich mitkommen? Alles wirkt völlig surreal.

Egal.

Reto Rösti hat es jetzt plötzlich eilig. Er rappelt sich hoch und hakt sich bei mir unter. Ich helfe ihm vorsichtig die Treppen hinunter. Zurück in seinem Zimmer, kramt er seinen Hausschlüssel und eine Visitenkarte aus einem abgenutzten Ledertäschchen und reicht mir beides. Zudem steckt er mir ein paar Banknoten zu.

»Vielleicht müssen Sie noch tanken, dies und das einkaufen? Nehmen Sie Wanderschuhe mit! Und das kleine Schwarze!«

Will er mit mir wandern gehen? Und ausgehen? In seinem Zustand?

»Mache ich, Herr Rösti. Und Sie schauen, dass Sie genug Medikamente bekommen. Erzählen Sie unbedingt, was Sie vorhaben. Nehmen Sie den Arztbericht mit, den Sie dann Ihrem Schachpartner-Freund geben können.«

Wir reichen uns die Hand.

»Sie kommen doch morgen, Schwester Karin?«, fragt mich Reto Rösti eindringlich. »Sicher? Ich verlasse mich auf Sie!«

Der alte Mann schaut mich mit so ernstem Blick an, dass ich es wieder nicht über mich bringe, mich dafür zu wehren, dass er mich korrekt anspricht. Ist ja auch egal.

Mit einem Seufzer nicke ich und verspreche: »Ich hole Sie um elf ab. Bis dahin haben Sie noch einiges zu tun. Wirbeln Sie ein wenig Staub auf, Herr Rösti!«

Er grinst. Ich sehe, das Wirbeln wird ihm Spaß machen. Er wird ohnehin nicht auf großen Widerstand stoßen. Wir von der Pflege haben eigentlich immer Verständnis, wenn ein austherapierter alter Mensch daheim sterben will. Da wird er nicht groß diskutieren müssen. Reto Rösti hatte bereits vor fünf Jahren eine schwere Operation, bei der man ihm ein Stück seiner Lunge entfernen musste. Jetzt, wo sein Krebs zurück ist und schon überall gestreut hat, muss auch ich es akzeptieren, wenn er sich nicht mehr behandeln lassen will. Er ist ja doch schon achtzig. Da braucht man einige gute Gründe, um weiter gegen diese bösartige Krankheit zu kämpfen. Immerhin ist das ein riesiger Kraftaufwand. In diesem Alter müssen es also bessere Gründe sein als ein paar zusätzlich gewonnene Lebensmonate, dass man bereit ist, weiterzumachen. Das ginge mir genauso. Einzig für seine Enkelin Leah, die er vorhin auch erwähnt hat, möchte er noch ein bisschen überleben, das hat er mir letzthin erzählt. Nein, er wird keine Probleme bekommen, seine Austrittspapiere zu erhalten.

Ich hingegen habe gerade einen schwierigeren Gang vor mir. Nach über zwanzig Jahren in diesem Spital mache ich mich jetzt auf den Weg ins Büro der Personalchefin. Nicola Jäger ist die jüngste Personalchefin, die wir je hatten. Sie ist erst zwei Jahre hier und in dieser Zeit schnell gealtert. Ich glaube, schon erste graue Haare in ihrer wilden Haarpracht zu sehen.

Frau Jäger blickt überrascht auf, als ich so unerwartet vor ihr stehe.

»Ich kündige«, sage ich direkt und ohne Einführung.

»Aber Frau Kaufmann! Was ist denn passiert?« Bestürzt sieht mich Nicola Jäger an. »Setzen Sie sich doch«, sagt sie und gießt Wasser in ein Glas, das sie mir dann in die Hand drückt.

Ich zittere tatsächlich, bin ein wenig aufgeregt. Aber das kalte Wasser ändert nichts.

»Ich kann einfach nicht mehr.« Es bricht aus mir heraus, als hätte ich diese Worte seit Jahren schon loswerden wollen. »Ich wurde hier ausgepresst wie eine Zitrone und habe einfach keinen Saft mehr. Keinen einzigen Tropfen. Ich werde morgen nicht mehr wiederkommen.«

»Aber nein, das können Sie nicht machen, Frau Kaufmann! Sie haben einen Vertrag! Und Sie kennen doch unseren Personalengpass! Vielleicht möchten Sie sich krankschreiben lassen. Gehen Sie zum Arzt, vielleicht haben Sie ein Burn-out – das ist ja heute die Lieblingskrankheit der Pflegenden …«

Damit hat sie mir gerade die letzten Skrupel genommen.

Lieblingskrankheit der Pflegenden?

Ich höre wohl nicht recht!

»Ich wünsche Ihnen alles Gute«, falle ich der lieben Frau Jäger ins Wort.

Ich stelle das Glas wieder hin, ohne einen weiteren Schluck getrunken zu haben, und stehe auf. Lieblingskrankheit der Pflegenden? Diese Frau müsste mal eine Weile in der Pflege arbeiten. Sie sitzt hinter dem Schreibtisch mit ihren roten Stöckelschuhen und hat keine Ahnung, was auf den Stationen los ist. Weil sie es gar nicht wissen kann. Und auch wenn sie es wüsste: Was könnte sie dagegen tun? Es geht um Geld, und es geht um Politik. Zu wenig Personal. Zu wenig Fachkräfte. Zu wenig Zeit. Zu viele Formulare. Tausende von Baustellen. Frau Jäger verwaltet diese nur.

Nur ganz, ganz kurz bin ich versucht, mich zu erklären. Doch sie würde es nicht verstehen. Und ich habe nicht mehr genug Energie für eine Diskussion. Also strecke ich ihr meine Hand entgegen. Sie drückt sie und schaut mich an, als hätte ich mich gerade in eine Außerirdische verwandelt. Schnell zieht sie ihre Hand wieder zurück. Hat sie Angst, sie könnte sich mit etwas anstecken? Es interessiert mich nicht mehr. Ich verlasse einfach das Büro.

Auf nach St. Moritz!

 

3 ENKELTRICKBETRÜGERIN UND JAGUAR

Da mein Mann Thomas zu dieser Uhrzeit arbeitet, gehe ich in der Gewissheit nach Hause, ihn nicht anzutreffen. Ich packe ziemlich wahllos ein paar Sachen in einen großen Koffer und beeile mich, vor allem, weil ich nicht sentimental werden will. Es ist mein Zuhause. Mein Daheim. Und ich verlasse es. Für immer. Da darf ich nicht groß zögern und nachdenken.

Ein kleines Schwarzes besitze ich nicht. Aber ich packe zwei Kleider ein, die mich seit Jahren bei besonderen Gelegenheiten begleiten. Sie sind bunt. Vielleicht etwas zu bunt. Ich trage allerdings ohnehin viel zu oft Weiß, da liebe ich es, mich in der Freizeit farbig zu kleiden. Sollte ich tatsächlich ein kleines Schwarzes brauchen, muss mir mein Arbeitgeber halt eines kaufen. Ich stelle mir vor, dass es da oben in St. Moritz in jedem Laden ein paar davon hängen hat, wenn sie auch vielleicht nicht zu einem für mich erschwinglichen Preis zu haben sind.

Nach nur gerade fünfzehn Minuten bin ich fertig und schleppe meinen knallroten Rollkoffer nach draußen. Vor dem Haus begegne ich Thomas, der anscheinend viel zu früh Feierabend gemacht hat. Diese Begegnung hätte ich uns beiden gern erspart. Mein Mann schaut fassungslos auf meinen Koffer.

»Du ziehst aus?«, fragt er leise und schickt anklagend hinterher: »Und du gehst einfach – ohne ein Wort?«

Dabei war er es doch, der mich bat, ihm aus den Augen zu gehen.

»Ich habe im Spital gekündigt«, erkläre ich. »Und nun begleite ich einen Krebspatienten nach St. Moritz.«

Thomas bleibt vor mir stehen und mustert mich erstaunt.

»Gut gemacht!«, sagt er dann. »Das hättest du schon lange tun sollen, kündigen. Dann hätten wir vielleicht noch eine Beziehung. Aber dein Beruf hat dich aufgefressen, und für mich blieb nur noch sehr wenig Karin übrig. Zu wenig.« Betreten schaut er auf seine Fußspitzen.

»Wahrscheinlich hast du recht«, antworte ich kleinlaut.

Noch einmal blickt Thomas mich erstaunt an.

»Alles Gute!«, wünsche ich ihm mit Tränen in den Augen.

»Auch für dich, Karin«, sagt er leise. »Melde dich, wenn du zurück bist.«

Schnell wendet er sich ab und geht ins Haus.

Wars das? Nach gefühlten tausend gemeinsamen Jahren!

Ich bin traurig. Und ich fühle mich leer. Es ist, als würde die Trauer mein Innerstes gar nicht mehr erreichen. Als hätte meine Gefühlswelt auf Stromsparmodus geschaltet. Oder auf Schongang. Irgendetwas in mir ist offenbar bereits gestorben, auf dieser Dachterrasse vielleicht oder – ziemlich sicher – auch schon davor.

Am Taxistand an der Ecke finde ich einen freien Wagen, der mich zu Reto Röstis Adresse fährt. Ich staune. Der alte Herr wohnt in einem Terrassenhaus etwas außerhalb der Stadt. Es sieht ziemlich teuer aus. Jeder Balkon ist mit hohen Pflanzen begrünt, die Front des Eingangs mit Sonnenblumen bemalt. Ein wirklich besonderes, einladendes Haus. »Käthy und Reto Rösti«, steht an einem der Briefkästen. Anscheinend wird er regelmäßig geleert. Im Treppenhaus riecht es nach Zitrone, was zum gelben Anstrich der Wände passt. Ich fahre mit dem Lift in den dritten Stock und bin ein wenig aufgeregt, während ich den Schlüssel in das mir fremde Schloss stecke, ganz so, als würde ich in eine verbotene Welt eindringen. In die Welt von Reto Rösti. Und diese Welt ist natürlich – wie könnte es anders sein – total verraucht. Eine Sekunde lang befürchte ich, es könnte brennen oder jemand habe etwas im Backofen vergessen. Aber noch bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, weiß ich schon, dass er falsch ist. Ich schaue mich nach Fenstern um und öffne sie schnell, um wieder durchatmen zu können.

Wow! Eine echte Raucherhöhle!

Die Wohnung ist – abgesehen vom abgestandenen Rauch – sehr sympathisch. Sie ist erstaunlich modern eingerichtet. Auf jeder Ablage stehen Erinnerungsfotos in klobigen Rahmen. Auch ein paar Zimmerpflanzen in knallroten Übertöpfen stehen herum. Allerdings sind sie halb verdurstet.

Ich wandere durch die Räume. Es gibt eine gemütliche Wohnküche, ein sehr geräumiges Badezimmer, ein Büro, das eindeutig Reto Rösti gehört. Darin steht sogar ein Humidor. Ja, ich weiß, was ein Humidor ist. Das war mal eine Wettbewerbsfrage in einem Quiz auf unserem Personalfest. Und mein Patient hat also auch einen! Darin liegen sicher ein paar sehr kostbare Zigarren. Für Villiger-Stumpen braucht man das Gerät jedenfalls nicht. Das Schlafzimmer ist riesig und im Gegensatz zu den restlichen Räumen sehr, sehr unordentlich. Verschiedene Kartonschachteln stehen herum, die halb ein- oder ausgeräumt wurden. Und zwei überquellende Altkleidersäcke. Wollte Reto Rösti etwa anfangen, sein Hab und Gut zu sortieren, auszumisten, seinen Nachlass zu regeln? Nun, wie es scheint, werden das dann die Angehörigen machen müssen, Reto Röstis Erben.

Ich suche nach einem Koffer und finde einen unter dem Bett. Mein Patient will zwar nichts aus seiner Wohnung mitnehmen, aber ich denke, ein paar Fotos und Erinnerungen könnten ihm auf seinem letzten Weg guttun. Auf jeden Fall können sie für Gesprächsstoff sorgen, vor allem in den letzten Tagen, wenn Herr Rösti nur noch liegen kann. So stelle ich mir das Ende seines Lebens jedenfalls vor. Ich gehe also durch die Wohnung und packe Dinge ein, von denen ich annehme, dass sie Reto Rösti etwas bedeuten. Doch natürlich kann ich das nicht wirklich beurteilen.

Irgendwann meldet sich mein Handy.

»Frau Kaufmann?« Reto Rösti hustet ins Telefon. »Ich mache mir ein wenig Sorgen wegen meines Autos. Bitte klingeln Sie bei meinem Nachbarn gegenüber. Bruno Blatter. Er kann Ihnen zeigen, wo es steht, und Ihnen erklären, wie es funktioniert. Ist sonst alles in Ordnung?«

Ich beruhige ihn einmal mehr. Ich kann Auto fahren. Gut sogar. Und ja, auch sonst ist alles klar. Ich verspreche ihm, mich bei seinem Nachbarn zu melden.

»Sie kommen sicher morgen?«, fragt er zum Schluss, anscheinend ein wenig besorgt.

»Wohin sollte ich denn sonst gehen?«, antworte ich. »Habe ich Alternativen?«

Das beruhigt ihn.

Bruno Blatter, der Nachbar, wurde wohl auch schon von meinem Patienten angerufen, denn noch während die Kaffeemaschine mit unverhältnismäßig viel Lärm einen Kaffee für mich ausspuckt, klingelt es an der Wohnungstür. Ein sehr sympathischer, rundlicher Mann steht da, der mich allerdings ziemlich misstrauisch mustert. Ich biete auch ihm eine Tasse Kaffee an, und er setzt sich zögernd zu mir an den Küchentisch.

»Leider gibts keine Milch und keinen Kaffeerahm«, entschuldige ich mich.

Eine Weile reibt sich Bruno Blatter seine Glatze, wohl als eine Art Verlegenheitsgeste, und dann platzt er heraus: »Wer sind Sie? Und was haben Sie mit Reto gemacht?« Die Fragen sind ihm schon peinlich, kaum hat er sie ausgesprochen. Er verhaspelt sich fast bei seinen Erklärungen: »Reto hatte noch nie Besuch, den ich nicht kannte. Und vor allem: Er hat noch nie jemanden mit seinem Auto fahren lassen – außer mich. Und Ihnen gibt er einfach die Schlüssel – für alles?! Entschuldigen Sie, dass ich mich da etwas wundere. Man hört schließlich allerhand, so von wegen Enkeltricks und so.«