Kopfzerbrechen - Carsten Schiefer - E-Book

Kopfzerbrechen E-Book

Carsten Schiefer

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Beschreibung

Leserin und Leser begeben sich auf eine Reise hoch zu Ross und Drahtross, sie suchen in Mexiko nach einem Schatz und begleiten ein Fernsehteam auf einem Bewährungseinsatz. Sie steigen in Kommunalpolitik ein und haben Anteil an einer Live-Radioreportage mit tragischem Ende. Sie beobachten einen Routineeinsatz der Verkehrspolizei ebenso wie einen Konflikt zwischen Wirt und zahlungsfähigem Gast um die Zahlung. Ihnen wird ein Einblick in Ferienprojekte von Eliteschülern in ferner dystopischer Zukunft gewährt, wie sie auch einem fehlschlagenden Versuch der Alkoholentwöhnung beiwohnen. Sie lauschen einer Konversation zwischen einer Geheimdienstlerin und einem ambitionierten Zoologen. An lokalem spielerischem Brauchtum haben sie gleichermaßen teil wie an dramatischem Liebeswahn. Eingebettet in Erzählungen um eigentümliche Menschen, gescheiterte Existenzen und abseitiges Verhalten stellt der Erzähler zum Ende jeder Episode eine Frage. Was stimmt nicht am Sachverhalt, was folgt aus der Schilderung, wo liegt ein Widerspruch? Wissen, Überlegung und Recherche führen zur Lösung.

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Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Autor

Carsten Schiefer ist auf dem Lande aufgewachsen, kann aber trotzdem nicht Trecker fahren. Nach der Schulzeit folgten Studienabschlüsse der Betriebswirtschaft in Hachenburg, Kunstgeschichte in Berlin und Kulturwissenschaft in London. Zwischenzeitlich hat er sein Brot als Banker, Unternehmensberater, Galerist und Weihnachtsmannimitat verdient, bis er in die Entwicklungszusammenarbeit geriet. Außerdem wohnte er in Scheeßel, Hamburg, São Paulo, New York und Mexiko-Stadt. Zurzeit ist er in Berlin Diplomat für eine internationale Institution. Er isst gerne Vollkornbrot, Schokolade sowie Rosenkohl mit Speck und glaubt weder an Reichsflugscheiben noch an herrschsüchtige Reptiloide noch an das fliegende Spaghettimonster.

Inhalt

Einführung

Zwei Ehrenmänner

Die Genossenschaft

Autoradio

Ein flexibler Wirt

Schulbank 4.0

Eine alte Schachpartie

Die Hinterlassenschaft des Unwürdigsten

Kommunalseparatismus

Biologische Kriegsführung neu gedacht

Helgas Feierabend

Mehr als der Glanz des Goldgrunds

Verkehrsunfall

Lösungen

Einführung

Diese Sammlung von Rätselstorys soll doppelt Vergnügen bereiten – sowohl beim Lesen als auch beim Lösen. Nicht alle Antworten liegen auf der Hand. Manche erfordern mehrere Schritte. Da und dort wird Recherche von Nutzen sein. Alle erforderlichen Informationen sind online frei verfügbar. Man muss sie aber nicht nur finden, sondern vorher überhaupt als relevant identifizieren. So eine Geschichte kann auch einladen, mal einen Handlungsort aufzusuchen. Dann wünsche ich gute Reise.

Die Lösungen stehen natürlich zur Verfügung. Aber es lohnt sich, noch etwas hartnäckiger nach einem eigenen Lösungsweg zu suchen. Ist jemand mit einer Lösung nicht einverstanden? Ich bin gespannt auf die Gründe und die alternative Antwort.

Viel Spaß!

Zwei Ehrenmänner

Władysław Waszczykowski, ein erfahrener Kapitän, war ein großer Freund von Segelschiffen, vorzugsweise mit hölzernem Rumpf, und edlen Rössern (wenn er schon gezwungen war, sich an Land aufzuhalten). Ganz anders der drahtige Dubhaltach Ó Dhulchaointigh, der seinen bescheidenen Wohlstand einem eigenen Landmaschinenhandel in seiner Heimat verdankte. Seine Favoriten waren der Schienenstrang, das Stahlross und das Automobil. Auf der Suche nach neuen Lieferanten bereiste er den Kontinent und war im Begriff, vom Nordwestbahnhof nach Berlin abzureisen. Kapitän Waszczykowski war widerwillig wegen wichtiger Erbschaftsangelegenheiten zu Lande auf Reisen. Da nicht einmal die Binnenschifffahrt eine angemessene Verbindung bereitstellte, nahm auch er notgedrungen die Bahn. So kam es, dass sich Władysław Waszczykowskis und Dubhaltach Ó Dhulchaointighs Wege im Restaurant des Nordwestbahnhofs kreuzten und sie über Grießnockerlsuppe, Wurzelfleisch mit Schlutzkrapfen und Kaiserschmarrn ins Gespräch kamen. Unausweichlich steuerte es nach einiger Zeit auf die Vorzüge wie Nachteile von Fahrrad und Reitpferd zu.

„Fahrräder haben keine Seele. Immer sind die Reifen platt. Irgendwelche Schrauben lösen sich, es klappert, es quietscht“, begründete Waszczykowski seine Ablehnung. „Ach was, bei guter Pflege hält das Rad ewig“, entgegnete Ó Dhulchaointigh. „Ganz anders die Klepper. Sie sind bockig, brauchen Pausen, verlangen Heu und Hafer. Sie kosten sogar dann Geld, wenn sie nur im Stall stehen. Die Lebenszeit ist arg begrenzt, und zwischendurch kassiert der Tierarzt.“ Von Waszczykowskis sich verdüsternder Miene unbeeindruckt, resümierte er: „Das Pferd ist für Leute von gestern. Fahrrad, Automobil und Eisenbahn sind die Zukunft!“ Endlich mal unverblümt aussprechen, was er sich bei den Verkaufsgesprächen auf seiner heimischen Grünen Insel immer verkneifen musste! Das konnte der Kapitän nicht auf sich sitzen lassen. Weil ihm nicht in den Sinn kam, wie er sinnvoll hölzerne Segelschiffe ins Spiel bringen könnte, verlegte er sich auf die Verteidigung des Pferdes, das „sich schon seit Jahrtausenden in Krieg und Frieden bewährt hat.“ Erwachsene Männer, die auf einem Fahrrad strampeln würden, setzten sich unweigerlich der Lächerlichkeit aus. Das wiederum konnte Ó Dhulchaointigh nicht auf sich sitzen lassen.

Beim Spaziergang in Bahnhofsnähe, im Augarten, erreichte der Starrsinn seinen Höhepunkt. Es mag sein, dass das eine oder andere Glas Enzian- und Marillenbrand nicht nur die Verdauung förderte, sondern auch den Eifer der beiden Gesprächspartner befeuerte. Jedenfalls kam eine wahrhafte Schnapsidee auf. Einen Wettstreit wollten sie durchführen. Im kommenden Frühling wollten sie mit Pferd und Fahrrad im Langstreckenrennen gegeneinander antreten. „An genau dieser Stelle soll es losgehen“, legten sie gemeinsam fest. Sodann schritten sie zurück in die Bahnhofshalle, verabschiedeten sich und begaben sich zu ihren Bahnsteigen.

Die Ehrhaftigkeit wahrhafter Ehrenmänner gestattete beiden nicht, nach ihrer Ernüchterung einen Rückzieher zu machen. Vielmehr vereinbarten sie mittels reger Korrespondenz in den folgenden Monaten die Wettbewerbsbedingungen. Am 15. Mai um 12:00 Uhr Ortszeit sollte der Wettstreit starten. Władysław Waszczykowski hoch zu Rosse und Dubhaltach Ó Dhulchaointigh auf dem Fahrrad würden zu einem Ziel in genau 300 Meilen Luftlinie Entfernung aufbrechen. Sieger wäre, wer zuerst ankommt. Ab Erreichen des Ziels würde der Sieger den Verlierer jeden Tag um 12:00 Uhr am Portal der dem Ziel nächstgelegenen Kirche erwarten. Würde einer der Kontrahenten nicht bis zum 31. Mai eintreffen, sähe man sich am 15. Juni um 12:00 Uhr Ortszeit im Bahnhofsrestaurant der ersten gemeinsamen Begegnung wieder. Außer für die Überquerung von Gewässern dürfte kein anderes Verkehrsmittel benutzt werden als das selbstgewählte Pferd oder Fahrrad; diese dürften auch nicht ausgetauscht werden. Beide würden ohne Begleitung reisen. Als besonderes Überraschungsmoment würde die Richtung des Ziels erst im Moment der Abfahrt festgelegt werden. Beide Kontrahenten brächten jeweils einen Vorschlag im verschlossenen Umschlag mit; der Zufall würde bestimmen, welcher der beiden Vorschläge zum Zuge käme. Als Ehrenmänner würden sie keine Dritten als Schiedsrichter oder Kontrolleure benötigen.

Zuversichtlich, dem jeweils anderen als Ehrenmann vertrauen zu können, reisten beide einige Tage vor dem Start des Rennens an, um sich zu organisieren und vor den kommenden Anstrengungen Kraft zu sammeln. Taschen, Gerten, Kompasse, Werkzeug wurden geprüft und angepasst, Vorräte erworben, Ersatzteile verstaut, Leder- und Kettenöl aufgefrischt, Sextanten poliert. Zur verabredeten Zeit grüßten sich die Kontrahenten mit festem Händedruck und schritten zügig zur Auslosung. Władysław Waszczykowski seufzte erleichtert, als die Münze den Kopf zeigte, sodass er bestimmen durfte: „Richtung 34,61°“ stand auf dem Blatt in seinem Umschlag. Dubhaltach Ó Dhulchaointigh bedauerte das; er hatte wärmere Gefilde als Ziel vorgesehen. Aber er war ein Ehrenmann und akzeptierte klaglos, dass er sich baldmöglichst 300 Meilen entfernt Richtung 34,61° einzufinden hatte. Zu beider Betrübnis waren die Korrespondenten der internationalen Presse ebenso wenig wie jene der Lokalzeitungen der Einladung zum Start des epochalen Wettrennens gefolgt. Niemand interessierte sich für Landmaschinenhändler Ó Dhulchaointighs und Kapitän Waszczykowskis aus der Zeit gefallenes Vorhaben.

Mit festem Ehrenmännerhändedruck verabschiedeten sie sich alsdann und schwangen sich in ihre recht unterschiedlichen Sättel – der eine festgezurrt auf dem Rücken eines stattlichen Apfelschimmels, der andere mit einem sportlichen Opel fest verschraubt.

Anstrengend war die Reise für beide, doch Kapitän Waszczykowski war klar im Vorteil. Er hatte sich voller Hoffnung auf Losglück auf die Tour vorbereitet und führte detailliertes Kartenmaterial mit sich.

Über die Strapazen des Weges, die Wetterunbilden und die mühselige Überwindung von Hindernissen der Natur und der Zivilisation wird hier nicht berichtet, denn im Vergleich zur Hitze des späteren Disputs blieben sie ganz unbedeutend. Jedenfalls saß Kapitän Waszczykowski am späten Vormittag des 22. Mai in einem Café am Warschauer Alten Markt und nippte entspannt an Tee und Wodka. Zur Mittagsstunde schaute er zur Kathedrale und sicherheitshalber auch mal zur nahen Martinskirche. Wer nicht kam, ganz der Erwartungshaltung des selbstzufriedenen Kapitäns entsprechend, war Landmaschinenhändler Ó Dhulchaointigh. Kapitän Waszczykowski sah damit die Überlegenheit des bewährten Pferdes gegenüber dem neumodischen Fahrrad als erwiesen an, zumal sein Konkurrent sich an keinem Tag bis zum 31. Mai blicken ließ. Selbstverständlich hatte der ehrenhafte Kapitän sich an die Vereinbarung gehalten und hoffte in Wirklichkeit sehr darauf, den nicht minder ehrenhaften Landmaschinenhändler zu einem Mittagessen einladen zu können, um seinen Triumph gehörig auszukosten.

Dem armen Dubhaltach Ó Dhulchaointigh ging es schlechter. Am Abend des 21. Mai fand er sich in einem Wäldchen bei Cielądz ein. Auf dem letzten Abschnitt musste er sein Rad schieben. Lauthals verfluchte er Kapitän Waszczykowskis ungünstige Zielauswahl, jeden einzelnen Baum, den Heiligen Geist und alle Heiligen, die diesen blöden Wettkampf zugelassen hatten. An jedem der folgenden zehn Tage fluchte er mehr. Aber immerhin: Selbstverständlich wartete er stets zur Mittagszeit vor der Dreifaltigkeitskirche auf Kapitän Waszczykowski. Dessen Abwesenheit und seine eigene Anwesenheit hatte die ohnehin außer Zweifel stehende Überlegenheit des zeitgemäßen Fahrrads über das antiquierte Pferd bewiesen. Bald wurde er zum Dorfgespräch. Selbst konnte er an diesem nicht teilhaben, sprach doch in dem Dörfchen niemand Gälisch, Englisch oder Französisch. Mithilfe eines unterwegs glücklich ergatterten Wörterbuchs in Cielądz ein Quartier zu bekommen, war schon schwierig genug gewesen. Und es war zum Verzweifeln: so offensichtlicher Bedarf nach modernen Landmaschinen, und er konnte keine Verkaufsgespräche führen! In der sonntäglichen Messe fühlte er sich nicht willkommen. An der heiligen Kommunion konnte er auch nicht teilhaben, denn ohne Sprachkenntnisse keine Beichte, ohne Beichte keine Absolution, ohne Absolution unter der Last seiner schweren Sünden keine Kommunion.

Seine Unterkunft war mehr als bescheiden, die Verpflegung einfach und eintönig. Ohne Literatur und Gesprächspartner plagte ihn die Langeweile arg. Whiskey gab es auch nicht. Etwa zweimal täglich überprüfte er mit Kompass, Karte, Lineal und Zirkel, ob er sich auch wirklich nicht im Ziel geirrt hatte. Hatte er nicht. Umso intensiver malte er sich aus, wie er seinen Triumph über Kapitän Waszczykowski auskosten würde. Dass dieser als Ehrenmann zur vereinbarten Stunde im Bahnhofsrestaurant erscheinen würde, um seine Niederlage einzugestehen und ihn zu beglückwünschen, bezweifelte Landmaschinenhändler Ó Dhulchaointigh jedenfalls kaum. Am 31. Mai um 12:01 Uhr radelte er von hinnen, ohne sich noch einmal nach der Dreifaltigkeitskirche von Cielądz umzublicken.

Am 15. Juni wollte der Zufall, dass Landmaschinenhändler Ó Dhulchaointigh und Kapitän Waszczykowski sogar am selben Tisch Platz nahmen wie bei ihrer ersten Begegnung. In beiden Gesichtern spiegelte sich ein ausgeprägtes selbstzufriedenes Überlegenheitsgefühl. Beide genossen die Vorfreude auf die Selbsterniedrigung