Kraftquelle Garten - Maren Partzsch - E-Book

Kraftquelle Garten E-Book

Maren Partzsch

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Beschreibung

Erde zwischen den Fingern, Wind in den Haaren und die Sonne, die auf den Rücken scheint - die Arbeit im Garten kann eine wahre Wohltat sein. Sie hält nicht nur den Geist beweglich, sondern lässt sich auch mit allen Sinnen wahrnehmen. In "Kraftquelle Garten" (BLV Buchverlag) zeigen die Autorinnen Maren Partzsch und Christine Paxmann, wie meditativ gärtnern wirken kann.



Der Garten dient dabei als Quelle der Kraft, Ruhe und Selbsterfahrung. Dabei ist es nicht notwendig, mit einem sagenhaften grünen Daumen gesegnet zu sein. Es genügt, sich einem Garten anzuvertrauen. Die kleinen und manchmal großen Grünflächen üben nicht nur einen optischen Reiz aus. Ihr Anblick verbessert auch nachweislich die Fähigkeit, mit Krisen umzugehen und das innere Gleichgewicht zu halten. Dabei kann auch der Minigarten auf der Fensterbank, der Botanische Garten oder die Parkanlage helfen. Geordnet nach den Sinnen kann der Garten entdeckt werden, dazu gibt es Anregungen zum Genießen und Innehalten, Gedichte und Aphorismen, Wahrnehmungsübungen, Praxistipps und kleine Rezepte.

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Impressum

© 2019 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeglicher Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Lektorat: Gerhard Seilmeier

Umschlagkonzeption und -gestaltung: BLV-Verlag

Herstellung: Ruth Bost

Layout: Kathrin Michel, München

ISBN 978-3-8354-6251-9

2. Auflage 2019

Bildnachweis

Umschlagmotiv: Hubert Prochaska

Illustrationen: Klaus-Peter Reif

Syndication: www.seasons.agency

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HinweisDas vorliegende ebook wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im ebook vorgestellten Informationen resultieren, eine Haftung übernehmen.

Für meine Isolde und Frieder (†)aus Triebes (Thüringen)mit Dankund allen guten Wünschen.

Vorwort

Nun sind seit dem Erscheinen meines letzten Buches (»Bunter Herbst und raue Nächte«, BLV 2012) wieder einige Jahre ins Land gegangen, die mir in verschiedener Weise übel mitgespielt haben. Deshalb gilt an erster Stelle mein Dank all jenen, deren Solidarität, Hilfe und Freundschaft ich immer sicher sein konnte. Und schließlich erreichten mich immer mal wieder gute Worte meiner Leserschaft – nicht nur von Jägern –, die mich auf den Hosenboden zwangen, um zu schreiben. Weiter danke ich dem Illustrator, Herrn Klaus-Peter Reif aus Suhl, Thüringen, für die wie immer einfühlsam erstellten Illustrationen. Nicht zuletzt möchte ich an dieser Stelle auch einmal meinem Verlag, dem BLV-Buchverlag München, danken für die – auch wie immer – freundliche Zusammenarbeit und für die attraktive Ausgestaltung des Buches.

Und so lade ich alle Interessierten auch dieses Mal wieder ein, mit mir und meinem Alter Ego Kurt in die Natur einzutauchen, um still zu vernehmen, scharf zu sehen und über die Geheimnisse des immer wieder großartigen Geschehens vom winzigen Insekt bis zum uralten Baum nachzudenken. Und dann begegnen auch dem modernen, rational denkenden Waidmann immer mal wieder Dinge in der freien Natur, für die es keine einfachen Erklärungen gibt. Werden solche dann doch von hochgelahrten Zeitgenossen mit einem mitleidigen Lächeln für den sensiblen, nachdenklichen Waidmann geliefert, so ist deren Gehalt dann oft genug so tiefgründig, wie das Vorwort eines Kochbuches spannend ist.

Und deshalb soll das dieses Mal eine Rolle spielen: Geheimnisvolles, Mythen, Unerklärliches (!). Wer darüber lachen will, mag das immerhin tun – die Interpretation, so es denn eine solche gibt, bleibt jedem selbst überlassen. Also lassen Sie uns gemeinsam hinausziehen und offen sein für alles. Sollten sie Freude daran haben, so wäre das auch dieses mal wieder mein schönster Lohn!

Altenhof – Schorfheide

Harald Stenzel

Die Blume der tiefen Wälder und Fronts Gold

Jede Landschaft, jede Region, verehrte Leser und Waidkameraden, hat einen Fundus an Sagen und Legenden, die von Generation zu Generation weiter erzählt oder aufgeschrieben werden. Sicher kennen Sie alle Geschichten, Mythen und Legenden aus ihrem Umfeld, deren Geschehen seit alten Zeiten weitergegeben wird. Ich hatte mich schon von Jugend an für solche Erzählungen interessiert und hörte immer gespannt zu, wenn die Rede irgendwo auf unerklärliche Ereignisse oder rätselhafte Geschichten in alter Zeit kam. Eine der unheimlichsten und merkwürdigsten Erzählungen hörte ich in Nordschweden. Besonders merkwürdig deshalb, weil dieses Geschehen nicht, wie alle anderen Legenden und Mythen beendet ist, sondern sich fortsetzt bis in unsere Tage.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war es in Schweden üblich, dass der König seinen langjährig gedienten Soldaten nach deren Ausscheiden aus dem Militär ein Stück Land zur Urbarmachung schenkte und auch ein paar Jahre keine Steuern erhob. So besiedelte er auf diese Weise bisherige Wildnis, etwa wie in Preußen der Alte Fritz das Oderbruch trockenlegte. So zogen also alljährlich in Schweden Männer in die Wildnis, um sich eine Existenz aufzubauen.

Ein solcher war Front. Den eigentümlichen Namen hatte er, weil es wohl üblich war im schwedischen Militär, lang gedienten Kämpfern einen Namen mit militärischem Bezug zu geben, vielleicht wie eine Art Kriegsnamen. Jener Mann wurde also »Front« genannt und bekam ein Stück Land auf der Halbinsel »Scrappa Vattnet«, zu deutsch ungefähr »Gekräuseltes Wasser«, im nordschwedischen Jämtland zugewiesen.

Etwa zweihundert Jahre später saß ich auf einem Hochsitz auf der genannten Halbinsel. Diesem Sitz hatten wir den Spitznamen »Eiffelturm« verpasst. Was es mit dem Sitz für eine Bewandtnis hat, habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben (vgl. »Septembergold und Winterzauber«, BLV 2010). Der Sitz stand am Wegesrand eines zentral auf der Halbinsel gelegenen Hochplateaus. Hier hatte eine der großen forstwirtschaftlichen Sünden stattgefunden, vor denen unsere hochverehrten schwedischen Kollegen in der Vergangenheit eben auch nicht gefeit waren – ein riesiger Kahlschlag. Man hatte die Fläche dann zu allem Übel auch noch mit jener nordamerikanischen Kiefernart wieder aufgeforstet, die ungeheuren Zuwachs und andere wirtschaftlich positive Effekte versprach, schlussendlich aber auch nicht hielt. Jene Kiefern (Pinus contorta) hatten, als ich damals dort saß, eine durchschnittliche Höhe von etwa 1,80 Meter erreicht, so dass man von besagtem Eiffelturm aus noch weit über die Fläche sehen konnte und etwa ein anwechselndes Stück Elchwild mindestens teilweise noch sehen konnte.

Über die also etwa mannshohen Kiefern ragte im hinteren Teil mitten im Gelände ein großer Block, schätzungsweise 25–30 Hektar, von uralten Fichten heraus. Eigenartig, sinnierte ich auf meinem wackligen Sitz in der warmen Herbstsonne vor mich hin: Da wird ein Riesenkahlschlag in die Landschaft gehauen und mittendrin bleibt ein gewaltiger Altholzblock stehen. Natürlich sind solche großen Kahlschläge von Übel, keine Frage, und deshalb freute ich mich umso mehr über den alten Wald. Nur der Sinn war mir – aus ökonomischer Sicht – eben unklar.

Weshalb auch immer – ich fand es prima, dass das alte Holz noch da war und frohlockte im Stillen, dass es sich hier um nordischen Urwald – »Urskogen«, wie der auf schwedisch heißt – handelte, eine Form des Waldes, die ich schon immer besonders mochte. Jedes Mal, wenn ich im nördlichen Schweden war, hatte ich die Möglichkeit gesucht, einen solchen Wald aufzusuchen. Welch eine Faszination, wenn man dann drin steht, von beinahe absoluter Stille umfangen und unter den oft mehrere hundert Jahre alten Fichten, deren Äste und Zweige über und über mit Bartflechten behangen sind, bekanntermaßen ein verlässlicher Indikator für besonders saubere Umweltbedingungen. Am Boden liegen hier und da Bäume, die der Sturm, der Schnee oder einfach das Alter gefällt haben. Manche liegen noch nicht lange dort, andere wiederum sind nur noch walzenförmige Erhebungen, welche dick mit Moos überwachsen sind und auf denen jede Menge Sämlinge und andere kleine Bäume stehen. Hier brauchte sich ein rechter Jäger auch nicht selbst zu leisem, pirschendem Gang ermahnen – der für die Eindrücke aus der Natur sensible Waidmann verhielt von selbst immer wieder und schritt ruhig und leise, als beträte er eine Kathedrale oder einen anderen sakralen Raum mit einer gewissen gesunden Ehrfurcht.

Wir waidwerkten wie alle Jahre in einer Gruppe von schwedischen und deutschen Freunden und Waidkameraden auf den Elch und den großen und kleinen Hahn.

Als ich im Folgejahr einige Wochen gegen Ende August allein in der einsamen Jagdhütte vor der eigentlichen Elchjagd einschliefen durfte und mich von diversem Unheil, dass mich mit voller Wucht ereilt hatte, erholte und meine Gedanken ordnete, kam ich bei einem Pirschgang an den Rand dieses Urwaldes. Es war schon hoher Vormittag und die Sonne schien ungewöhnlich warm vom nordskandinavischen Himmel. Ich hatte einen Urhahn, der zufällig auf einer vorwüchsigen Kiefer vor mir aufbaumte, mit einem glücklichen Schuss aus meinem alten Stutzen vom Baum holen können und hatte diesen nun als süße Last im Rucksack.

Da fiel mir bei einem Rundblick eher zufällig auf, dass neben den ersten Randbäumen dieses urwüchsigen Bestandes eine wiesenartige Fläche gelblich leuchtete. Ich ging hin und stellte schon bald voller Freude fest, dass hier jene seltene Pflanze in einem großen Horst wuchs, die gemeinhin als »Gelber Frauenschuh« bekannt ist. Neben vielen regionalen Namen heißt die schöne Orchidee mancherorts auch »Kriemhilds Helm«, auch passend, wie mir schien. Ich kannte die Pflanze von einigen botanischen Exkursionen, in einem solch großen, flächendeckenden Vorkommen hatte ich sie freilich noch nie erlebt. Außerdem repetierte ich meine schon etwas angestaubten botanischen Kenntnisse und meinte, noch zu wissen, dass die gelbe Schönheit eigentlich schon verblüht sein müsste – bis ich mich daran erinnert, wie weit im Norden ich mich befand und dass die Vegetation hier viel spätere Termine als in Mitteleuropa aufwies. Spontan holte ich den Hahn aus dem Rucksack, strich das Gefieder glatt und befestigte den schwarzen Ritter mittels einer Angelsehne in einer Kiefer. Auch den Rucksack ließ ich zurück und umrundete nun die große, nasse Wiese mit den prächtigen Pflanzen langsam und sog förmlich die immer neuen Ausblicke und Eindrücke auf.

Nach einer Weile setzte ich mich an einer Stelle mit dem Anblick des Frauenschuhs und des Urwaldes hin und hing meinen Gedanken nach. Aber – irgendetwas war anders als sonst in solchen Augenblicken. Einerseits konnte ich mich an der Orchideenwiese kaum satt sehen. Aber dieser Urwald …?

Gleichgültig, wo auf dieser weiten Welt ich mich befand, sobald ich einen größeren Waldkomplex sah, verspürte ich stets das Verlangen, hineinzugehen und zu suchen – ich weiß nicht was. Immer, ob in den bergigen Wäldern meiner thüringischen Heimat, unter den uralten Eichen und Buchen in Brandenburg oder dem Wald der Trolle am Rande des norwegischen Fjäll, immer also schwang etwas Geheimnisvolles, Unbekanntes mit, das mich anzog. Aber hier, das war neu und eigenartig, hier wirkte der alte Wald abweisend, ein wenig bedrohlich sogar. Wie eine große, dunkle Mauer stand er da – und bildete einen denkbar deutlichen Kontrast zu der heiteren, leuchtenden Wiese zu seinen Füßen.

Unsinn, dummes Zeug, schalt ich mich selber. Hatte ich nicht eben wegen der hier noch vorhandenen, kaum berührten Wälder von den zu entdeckenden Kostbarkeiten in Flora und Fauna geträumt, wie in den Jahren zuvor auch schon und hatten eben jene Wälder mir bei der Entdeckung solcher Kostbarkeiten nicht immer wieder Momente besonderer Glücksgefühle beschert? Nun befand ich mich wieder einmal vor einem solchen Bestand und empfand Abweisung, Bedrohung gar? Verrückt, in gewisser Weise irre, konstatierte ich, zweifelte ein bisschen an meinem Verstand, beendete meine Tour, griff den Hahn und strebte der Hütte zu, um mir ein gestandenes Mittagsmahl zu bereiten, um so jegliche Gedankengaukelei profan und sehr irdisch zu vertreiben. Dazu briet ich mir zwei etwa doppelt handgroße Saiblinge, die ich am Morgen gefangen hatte, in guter schwedischer Butter, Smör genannt und in einer uralten gusseisernen Pfanne, die zur Not auch eine brauchbare Nahkampfwaffe abgegeben hätte.

Aber dennoch, der Gedanke an den Urwald ließ mich nicht mehr los. Ich hatte mir im Vorfeld vorgenommen, nach jener seltenen Blume zu suchen, die dem Vernehmen nach hier vorkommen sollte. Sie hat im Deutschen mehrere Namen, obwohl sie in unserem Land nur auf einer handvoll alpiner Standorte zu finden ist. Blutstropfenkohlröschen, Männertreu oder lateinisch Nigritella nigra heißt die geheimnisvolle Pflanze, die auch als die Blume der tiefen Wälder beschrieben wird. Zahlreiche Mythen ranken sich um sie und ich wollte zu gern einmal ein Exemplar sehen. Ich wusste von der nordskandinavischen Unterart und dass sie – wenn überhaupt – nur auf völlig naturbelassenen Standorten wächst. Auch deshalb mein Interesse an natürlichen Waldgesellschaften, neben all den anderen spannenden Dingen, die man in solchen finden kann.

Am folgenden Wochenende rückten alle schwedischen und deutschen Nimrode ein, denn der folgende Montag war jener, der den Beginn der Elchjagd markiert. Das ist in Nordschweden immer der erste Montag im September und die Freunde wollten eine Woche bleiben um den großen nordischen Hirschen auf die Decke zu rücken. Ich selbst wollte hinterher noch eine weitere Woche »dranhängen«, um die Einsamkeit und den bunten Herbst zu genießen.

An einem der folgenden Tage erzählte ich, eher beiläufig, beim Abendessen von meinem Besuch an der Frauenschuhwiese und dem Urwaldkomplex dahinter und äußerte unbefangen meine Absicht, in jenen Wald zu gehen, wenn ich wieder allein wäre und womöglich einen der schwarzen Ritter zu schießen und nach dem Kohlröschen zu suchen. Unsere Freunde Magnus und Kent saßen mir am Tisch gegenüber und plötzlich fing ich bei meiner Rede einen langen, ernsten Blick zwischen den beiden auf. Das irritierte mich, zumal keiner von beiden irgendeinen Kommentar abgab und auch beide irgendwie einsilbig wurden. Ich überlegte angestrengt, ob ich vielleicht irgendeine unpassende Bemerkung gemacht oder sonstwie in das sprichwörtliche »Fettnäpfchen« getreten haben könnte, allein – mir fiel nichts ein. Also beließ ich es einstweilen dabei. Später sprachen wir stärkeren geistigen Getränken zu und nach einigen Gläsern derben Whisky brachte ich das Gespräch vorsichtig wieder auf den Urwald. Meine schwedischen Freunde »drucksten« herum und wollten nicht recht mit der Sprache heraus. Irgendwann war meine Geduld und vornehme mitteleuropäische Zurückhaltung am Ende und ich bat ziemlich direkt, zu erzählen, was es mit jenem Wald auf sich habe. Kent seufzte ein bisschen, holte tief Luft und dann erzählte er mir, von Magnus unterstützt, eine lange Geschichte. Gleich zu Anfang verblüffte er mich mit der sehr ernsthaft vorgetragenen Feststellung, mit diesem Wald stimme etwas nicht, es spuke dort – in Ermangelung der passenden deutschen Vokabeln bediente er sich der englischen Sprache: »There is a Ghost inside!«

Ein Geist? Da diese eingängliche Feststellung mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragen worden war und auch Magnus keine Miene verzog, bemühte ich mich ebenfalls um ein »Pokerface«, möglicherweise aber habe ich in jenem Moment auch einfach nur »dumm aus der Wäsche« geschaut. Wie auch immer, ich hörte die folgende spannende Geschichte:

Besagter altgedienter Soldat Front also bekam von seinem König im ausgehenden 18. Jahrhundert auf der Halbinsel Land geschenkt und brauchte auch ein paar Jahre keine Steuern zu zahlen. Dieses Gebiet war zu jener Zeit noch komplette Wildnis und das Leben, besser Überleben, war denkbar schwer. Außer den Sami, die selten auf der Suche nach ihren Rentierherden oder zwecks Jagd und Fischfang dorthin kamen, verirrte sich wohl niemand in diese abgelegene Gegend.

Front aber ging die Aufgabe an, hieb zunächst eine Blockhütte für sich und seine Frau zurecht und hielt sich mit Jagen und Fischen über Wasser. Nebenher begann er in mühsamster Handarbeit einige der sumpfigen Wiesen trockenzulegen, damit einige süße Gräser wachsen konnten, die eine Kuh ernährten und so viel Heu hergaben, damit er das milchgebende Tier über den langen Winter bringen konnte. Langsam, aber stetig wuchs seine kleine Landwirtschaft. Er baute ein größeres Holzhaus und richtete in der alten Blockhütte einen kleinen Kuhstall ein. Er erwarb ein Kälbchen, als dieses der Muttermilch entwöhnt war. Das Kalb gedieh prächtig und wuchs zur Kuh heran. Seine Frau war guter Hoffnung und gebar einen gesunden Jungen. Da Front jetzt mehr Platz hatte holte er seine Mutter zu der kleinen Familie dazu, so dass nunmehr vier Häupter um dem schweren Holztisch saßen. Front trieb sein Trockenlegungsprogramm immer weiter voran und dachte schon ernsthaft über die weitere Anschaffungen von mehr Nutztieren nach. Die Arbeit auf den nassen Wiesen war eine rechte Plackerei. Alle paar Meter grub der fleißige Mann einen Dränagegraben, so dass das viele Wasser immer abfließen konnte.

Eines Tages im Frühjahr – er war mitten bei einer solchen Arbeit weitab von seinem Gehöft – stand plötzlich ein Hund vor ihm, der freudig mit der Rute wedelte. Gleich darauf sah er auch schon eine bunte Mütze zwischen den vielen Grün- und Brauntönen des umgebenden Waldes auftauchen. Ein ihm gut bekannter Same namens Jompa wollte nach seinen Rentieren sehen und kam so ab und zu in Fronts Waldeinsamkeit vorbei. Natürlich war das auch immer mal wieder Gelegenheit, über aktuelle Dinge zu sprechen, die man gehört hatte und dabei einen Imbiss zu verzehren.

Und so begrüßte Front freudig seinen Gast, sammelte Birkenrinde und ein wenig trockenes Holz und entzündete ein kleines Feuer über das er den winzigen Teekessel hing, den damals jeder, der in der Wildnis unterwegs war, bei sich trug. Front hatte ein wenig Fladenbrot und Käse bei sich, von dem er Jompa anbot. Jener revanchierte sich später mit Tabak und als kleine Rauchwölkchen aus den langstieligen, gebogenen Pfeifen zum Himmel kräuselten, tauschte man sich aus. Der Same erzählte, dass ein großes Wolfsrudel gesichtet worden sei, dass schon mehrere Rentiere gerissen habe und man werde in der nächsten Zeit gemeinsam Jagd auf die Grauen machen. Er stehe mit seinem Gewehr zur Verfügung, um zu helfen, bot Front an, was gern angenommen wurde. Dann kam er auf ein Thema zu sprechen, das ihn schon lange bewegte. Er hatte während seiner Streifzüge Spuren menschlicher Besiedlung gefunden. Hier ein behauener Stein, dort die rostigen Überreste einer eisernen Kette, usw. Nun mutmaßte er, dass er doch nicht den ersten Siedlungsversuch in jener wilden Gegend unternommen habe und fragte Jompa, ob er darüber etwas wisse. Der Gesichtsausdruck des Samen wurde plötzlich sehr ernst und die ohnehin schon schmalen Augen verengten sich strichförmig. Versonnen blickte er zum Himmel und ließ sich Zeit mit der Antwort. Endlich sah er Front voll an. »Das war Bernd!«, sprach der Sohn des eingeborenen Volkes. Er selbst habe Bernd nicht mehr kennengelernt, alles, was er wisse, habe er in den ewig langen Winterabenden am Feuer aus den Erzählungen der Alten erfahren, fuhr Jompa fort und verließ seine bequeme, halb liegende Stellung, um sich kerzengerade aufzusetzen. »Front«, begann er zu erzählen, »mit der Halbinsel hier hat es etwas Besonderes auf sich. Wir reden nicht gern drüber, aber Du wohnst nun hier und bist uns über die Jahre ein treuer Freund und guter Nachbar geworden. Deshalb sollst Du erfahren, was sich hier zugetragen hat und weshalb mein Volk diesen Ort meidet, wann immer das möglich ist und wir nicht wie jetzt gerade, gezwungen sind, unsere Rentiere hier zu suchen. Von alters her wird von Generation zu Generation weitergegeben, dass es einen Fluch für dieses Gebiet gibt.

Bernd war der Erste, der versucht hat, hier zu bauen. Als er seine Blockhütte gerade fertig hatte, gab es ein furchtbares Gewitter. Das geschah im Herbst, wo die Zeit der Gewitter eigentlich schon vorbei ist. Der Blitz schlug ein, entzündete die Hütte und Bernd samt seiner Frau kamen zu Tode. Wie das im Einzelnen passiert ist, weiß natürlich niemand, da ja keiner dabei war. Jedenfalls möchte ich Dich warnen. Ich habe schon länger eine Gelegenheit gesucht, mit Dir darüber zu reden und ich bin froh, dass es nun heraus ist.«

Nachdenklich saß Front dem Samen gegenüber und sog an seiner Pfeife. Er, Front, hatte im Krieg so viele schlimme Dinge gesehen und überlebt, dass er sich von irgendwelchen Spukgeschichten bestimmt nicht bange machen ließ, stellte er für sich selbst fest. Aber Jompa hatte seine Rede mit so viel Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass er gar nicht auf die Idee kam, jenen zu verspotten oder gar auszulachen. Er wusste nicht recht, wie er reagieren sollte ohne dem Mann aus den Wäldern zu nahe zu treten. Dann fiel ihm etwas ein. »Jeder Fluch«, entgegnete er Jompa, »hat doch einen Grund! Hast Du eine Ahnung, worin der hier liegen könnte?« Der zögerte offensichtlich mit der Antwort. »Es gibt hier Gold. Die Alten erzählen, wer es findet kann es ruhig heben. Nur darf er niemals auch nur ein Sterbenswörtchen über seinen Fund verlieren. Tut er es doch, ereilt ihn unweigerlich der Tod. Nun, Freund, weißt Du alles. Sei also bitte vorsichtig.« Der Same stand auf, pfiff nach seinem Hund, hob noch einmal grüßend die Hand und dann hatte ihn der dichte Wald wieder verschluckt. Front sann noch eine kleine Weile über das eben Gehörte nach und verspürte plötzlich das dringende Verlangen, den Seinen nah zu sein. Also beendete er vorzeitig für diesen Tag seine Arbeit und strebte hastig seinem Heim zu.

Front dachte in den folgenden Tagen mehrmals an die Worte des Samen und verspürte eine gewisse Unruhe. Aber bald rückten die Alltagssorgen und -aufgaben wieder in den Vordergrund und schoben die Geschichte vom Fluch und die Warnung Jompas in den Hintergrund. Nach Wochen war Front kurz vor der Fertigstellung der Dränage für eine Wiese und grub mit seinem Spaten ein letztes Grabenstück von der Wiese zur Einmündung in einen breiten Bach, der wildschäumend über mehrere Stromschnellen auf den großen See zuschoss und das Wasser der nassen Wiese nun aufnehmen sollte. Als er schon mit einem Bein im Bach stand und das Endstück der Einmündung glättete, fiel sein Blick auf das erste Stück vergleichsweise ruhig fließenden Wassers, welches glasklar vor ihm lag und von wo ihm etwas unter der direkt dort einfallenden Sonne entgegen schimmerte. Also fasste er ins Wasser und ergriff etwas, das er zunächst für einen bunten Kiesel am Grunde des Baches gehalten hatte. Als er den vermeintlichen Kieselstein endlich aus dem Wasser herausgeholt hatte – traf ihn fast der Schlag.

Was er da in der Hand hielt war tatsächlich ein etwa haselnussgroßes, massives Stück Gold. Anderswo auf der Welt wird dies als Nugget bezeichnet. Front schlug das Herz bis zum Hals. Er musste sich erst einmal ans Ufer setzen, um seine Gedanken zu ordnen. Natürlich fiel ihm bald die Erzählung Jompas ein und obwohl er kaum an übernatürliche Dinge glaubte, beschloss er fest, sich an dessen Empfehlung zu halten und Stillschweigen zu bewahren. Noch einmal stieg er ins Wasser und fand ein paar weitere winzige Stücke des edlen Metalls. Schließlich ging ihm auf, dass er die richtige Ausbeute seines Fundes nur mit professionellem Werkzeug bewerkstelligen könnte.

Aus seiner Militärzeit kannte er einen Kameraden, der erzählt hatte, er werde nach seinem aktiven Dienst Gold suchen. Da er auch wusste, wo jener wohnte, beschloss er, die beschwerliche Reise über mehrere Tage auf sich zu nehmen und hinzufahren. Seiner Frau erzählte er nur, sie dürfe keine Fragen stellen und bat sie um Vertrauen. Diese gab sich damit vorerst zufrieden, wenn auch mit einem unguten Gefühl. Er lieh sich von einem entfernten Nachbarn ein Pferd und ritt zu seinem Kameraden aus Militärzeiten. Dem teilte er nur mit, er wolle es auch einmal mit der Goldsuche probieren, hütete sich aber, irgendetwas von seinem Fund auch nur anzudeuten. Jener Kamerad brachte ihm alles über die Suche per Hand und mit einfachstem Werkzeug bei und schenkte ihm noch ein paar Gerätschaften, die ungenutzt in seinem Schuppen lagen. Front verstaute diese sorgfältig, ritt nach Hause und brachte erst dann das Pferd dessen Besitzer zurück.

Bald wusch er im Bach das Gold heraus bis die Fundquelle versiegte und offensichtlich an jener Stelle alles ausgebeutet war. Dann ging er recht weit weg in die große Stadt und tauschte den reichen Goldfund in Geld um. Damit kaufte er ein Pferd und viele schöne und nützliche Dinge und brachte diese nach Hause. Seiner Frau verbot er weiterhin, Fragen zu stellen, wobei diese sicher geahnt hat, woher der plötzliche Wohlstand kam, denn Front hatte ihr seinerzeit natürlich von dem Gespräch mit Jompa erzählt. Dann begann eine Zeit, in der Front öfter von zu Hause fort ritt und im Wirtshaus auftauchte. Langsam begannen die Siedler, wenn sie sich trafen, darüber zu reden. Aber so sehr sie auch in Front drangen – immer wich er aus und erzählte nichts von seinem Goldfund, obwohl mehrere von der alten Sami-Legende wussten und bald Mutmaßungen in diese Richtung anstellten. – Dann kam das Mittsommerfest im Folgejahr, schwedisch »Mitsomardagen«, einer der wenigen Termine, wo die vereinzelt und versprengt lebenden Siedler zusammenkamen und in den Nächten, in denen es nicht mehr dunkel wurde, feierten und den riesigen Markt, der alljährlich zu diesem Ereignis stattfand, besuchten. Auch Front fuhr in seiner neuen Kutsche, die er sich angeschafft hatte, mit seiner Familie dorthin.