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Nur wenige Weidmänner widmen sich so intensiv der fast vergessenen Jagd auf Dachs, Fuchs oder Krähen, wie der Autor es in seinen "frühen" Jägerjahren getan hat. Peter Freytag legt daher auch in seinen Erzählungen besonderes Augenmerk auf bestimmte Facetten des Jagdhandwerks, die nicht zum "Standardrepertoire" jeden Jägers zählen: So sind das "Dachspassen", ein "Fuchsriegler", das "Hasenjagern", der "Schnepfenzauber" oder das "Krahjagern" für den begeisterten Jäger oft spannender als die Jagd auf Schalenwild. Der Bogen des jagdlichen Geschehens umfasste natürlich auch in diesem Buch die Rehwild- und Gamsjagd, seine große Leidenschaft galt jedoch dem Raubwild, den Hasen, den Schnepfen und den "lästigen Krähen". Seine Erzählungen sind Naturbetrachtungen, beschreiben jagdliche Erlebnisse, enthalten jagdpraktische Beiträge sowie jagdethische Einsichten und zeitgeschichtliche sowie gesellschaftliche Bezüge.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Peter Freytag
Der „Jaga“ erzählt
Leopold Stocker Verlag
Graz – Stuttgart
Umschlaggestaltung und Repro: DSR Werbeagentur Rypka GmbH, 8143 Dobl, www.rypka.at
Titelbild: Bodo Meier
Alle Fotos im Innenteil des Buches sowie auf der Umschlag-Rückseite wurden dem Verlag freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt.
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ISBN 978-3-7020-2044-6
eISBN 978-3-7020-2071-2
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© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2022
Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, Wien
Einbegleitung
Vorwort
Mein Leben
Der Hintergrund meines jagdlichen Werdens
In der jagdlichen Heimat
Vielfältige Jagderlebnisse
Die Jubiläumspirsch
Krahjagern
Mein Haselhahn
Eine bunte Herbststrecke
Ein Pärchen
Fast vergessene Jagdarten
Hasenjagern
Hasenpassen – die Anfänge
Bei Neuschnee und Mond
Vorpass – in der Abenddämmerung
Familien-Fuchsriegler
Die „Krügl-Leiten“
Am „Zuri-Kogel“
Der Dachs, das unbekannte Wesen
Am Birkleitenbau
Weitere Erlebnisse mit Meister Grimmbart
Fuchspassen
Eines späten Nachmittags
Ansitzplatz am Bauernhof
Noch ein Winterfuchs
Schnepfenzauber
Mein erster Schnepf
Ein andermal an derselben Stelle
Und immer wieder Rehe
Mein erster und sein letzter
Der Efeubock
Der Knöpfler im Zaun
Ein Rehbocksommer – rund um die Jagdhütte
Zwischen Jakobi und Laurenti
Die Weiße
Die Grandl-Geiß
Die Fleckige
Zwischen Weihnacht und Dreikönig
Unsere Waldgams
Der Gamsbock vom Thomaloch
Die Gams sind da
Die Einsergeiß
Am Tag danach
Dialektausdrücke – Erklärungen
Wieder ein Jagdbuch? Wieder eine Aneinanderreihung von Berichten über Jagden mit großen Strecken und starken Trophäen?
Nein, hier findet der geneigte Leser die Aufzeichnungen eines steirischen Jägers, der in bäuerlicher Landschaft weidwerkt, wenngleich er sein Berufsleben draußen im lauten Getriebe der Stadt zu bestehen hat. Als Kind der Landschaft fernab der Stadt taucht er aber immer wieder ein in die Stille der Almen und Bergwälder. Der Autor ist nicht nur als Jäger Teil dieser Landschaft, er nimmt Anteil am Bauerntum, kennt das Gemüt der Forstleute und jagert bescheiden in dieser Gemeinschaft mit stiller Freude und Innigkeit im Jahrlauf der Bauern und Kirchenheiligen.
Als Weidmann nimmt er die Vielfalt des Wildes in seinem ihm durch die Jahrzehnte vertrauten Revier wahr, jagert auf Krähe, Schnepf, Haselhahn, Reh und Gams, Fuchs, Dachs und Hase … Er eignet sich diese Beute nicht per Zufall an, er sucht sie mit Erfahrung, Ausdauer und Geschick. So wird ihm jede noch so bescheidene Beute zum nachhaltigen Glück. Die Jagd in diesem Landstrich ist ihm zur Heimat geworden.
Tauchen Sie in diesem Buch ein in einen Geist, der im Verschwinden ist, der uns aber jagdlich wie auch gesellschaftlich in eine gute Zukunft weisen kann.
Hannes Kollar
(ehemals Chefredakteur der Jagdzeitschrift „Der Anblick“)
… war und ist vom Anfang bis zum Ende bestimmt von und geprägt durch die Jagd. Alles in meinem Leben lässt sich vor diesem Hintergrund erschauen, ableiten und ausdeuten. In einer „anderen Welt“, vor mehr als einem halben Jahrhundert, also knapp nach dem Ende des großen Krieges, begann mein jagarisches Leben mit bescheidensten Anfängen und verlief über alle Höhen und Tiefen bis hin zu einer gewissen Abgeklärtheit heute. Viele Schicksalsschläge und Wundmale körperlicher und seelischer Natur, neben nicht unbedeutenden kleineren Schrammen und Kratzern, von frühester Jugend bis ins gereifte Mannesalter, haben es mitgeprägt.
Das erste und wohl größte körperliche Mal meines Lebens: die Folge eines durch kindlichen Leichtsinn verursachten Unfalls beim frühjährlichen Überprüfen der Vogelnester auf der Hauslinde. Gerade noch haarscharf mit dem Leben davongekommen, war die Verstümmelung der linken Hand eine bleibende Einschränkung, auch für das alsbald einsetzende jagdliche Tun.
Danach, das größte ökonomische Wundmal: der erpresserisch durch den ältesten Spross zerrissene Bund „bis dass der Tod euch scheidet“.
Das größte seelische Leid daraufhin: das Verlassenwerden, der Verlust der vermeintlich großen Liebe des Lebens mit der späten Erkenntnis, dass alles doch nur Spuk und Trug war. Kein Wunder, dass danach die Geißel des Jahrhunderts in voller Schärfe zuschlug. Doch war mein Lebenswille stärker und meine Zeit noch nicht abgelaufen – zu viel war noch zu tun auf dieser Welt und letztlich auch in den neuen Jagdgründen.
Es war dies auch die Zeit der intensivsten hauptberuflichen Tätigkeit, welche ich neben der Arbeit für die Hube und die Jagdhütte schaffen musste – die Zeit, in der ich bereits mehr als die halbe Lebensspanne überschritten hatte. Diese Schicksalsschläge auf allen Ebenen konnten mir aber nicht die Bescheidenheit, die Sparsamkeit und auch nicht den Fleiß nehmen. Das Überleben dieser Zeit war nur durch eine anspruchslose, sehr eingeschränkte und asketische Lebensweise – einige Jahre ausschließlich auf der Jagdhütte – möglich. So wird der Mensch nicht nur gefordert, sondern auch geformt. Als Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit musste und durfte ich lernen, mit wie wenig ein Mensch auskommen kann. Später galt es zu unterscheiden, was darüber hinaus nur Schein und künstlich geschaffene Bedürfnisse waren: Unding und Werbung, Mode und Magazine, Glanz und Glamour, Kram und Kitsch. Damit erfuhr ich eine starke Prägung zum Asketen, welche ich zeitlebens nicht mehr ablegen konnte, auch dann nicht, als alles in Fülle greifbar war.
Ich wusste damals noch nicht, dass jedes Schicksal gut ist, wenn es nur erkannt und angenommen wird. Nie habe ich gefragt: „Warum, warum gerade ich?“ Nur einer weiß es – das musste genügen. Was mich durch die große Einsamkeit, ja auch durch die Wut und den Zorn dieser Zeit trug, war allein die Jagd, das Einzige, was mir geblieben war und mir niemand nehmen konnte. Demnach wurde diese Zeit auch zu einer der jagdlich intensivsten. Ich wüsste nichts, was mir in meinem Leben mehr Freude bereitet hätte als die Jagd. Sie war und ist der einzige Lebensbereich, der mir – auch in schwierigen und kritischen Zeiten – immer wieder Freude und Glück, aber auch Trost und neuen Lebensmut brachte. Die Jagd ist der Menschheit als Urtrieb des Lebens (neben weiteren) vor Jahrmillionen in die Wiege gelegt worden und ist eine der bestimmenden Kräfte im Leben des Menschen. Ihre Erfüllung gibt Freude, und Freude gibt Lebenskraft – ist der Lebensmotor.
Wenngleich ich in meinen Brotberufen nicht gerade erfolglos war und sie mich auch, besonders in den späteren Phasen, mit Freude erfüllten, war meine wirkliche und wahre Berufung die Jagd, das Land und der Forst.
Schon im zarten Vorschulalter und später jeweils in den Sommerferien verbrachte ich viel Zeit am Pleschkogel bei meinem Onkel, den Großvaters Fleiß hier herauf auf einen Hof mit Gastwirtschaft (Pleschwirt) gesetzt hatte, und so wuchs ich von Kindesbeinen an am Land mit dem Wald und der Jagd auf. Erreichbar war der Pleschkogel, der zweite Hausberg der Grazer, für mich im Kindesalter nur unter dem Schutz des fuhrwerkenden Hofknechtes, der zweimal die Woche alles für Haus und Gasthof Notwendige heraufbrachte. Der Fuhrwagen, auf den ich meinen Rucksack legen durfte, wurde von zwei Haflingern über die steilen, steinigen Hohlwege gezogen. Später dann, im Jugendalter, erreichte ich den Pleschkogel vom Elternhaus aus, zu Fuß, unter Ausnützung aller Abkürzungen in guten zweieinhalb Stunden zu jeder Jahreszeit.
Als sich der Besitz des Onkels durch Tausch und Kauf zur Eigenjagdgröße rundete, durfte ich als Kind schon mit dabei sein: mitgehen, mitfühlen, miterleben, Wald und Wiese, Weg und Steg, sitzen und schwitzen, Gewitter und Gewalten, Stunde und Stimmung … So wuchs ich hinein in meine zweite und eigentliche Heimat rund um den Plesch, mit seinen damals noch vielen Huben und Halten, Bauern und Taglöhnern, Mägden und Knechten. Jause tragen, Post machen und sonstige kleine Tätigkeiten wurden mir schon übertragen. Mit der unvergesslich guten Hausbutter auf dem hausbackenen Brot aus der Hand der alten Köchin begann jeder Tag, jeder einzelne brachte immer wieder Neues und Interessantes: Onkels Nachschau bei den Mähern, Holzknechten, Vieh und Bienen. All das wurde mir vertraut und ist mir tief ins Herz gewachsen. Wenn er, ob der Weite des Weges, das Pferd nahm, musste ich zurückbleiben, aber auch diese Zeiten brachten viele Entdeckungen und Neues im Hof und der näheren Umgebung, in Ställen und Stadeln.
Es war Besatzungszeit, Zoneneinteilung, Identitätsausweispflicht mit sonstigen Einschränkungen wie abgelieferten, aber auch versteckten Gewehren und dergleichen. Die Gesellschaft war noch weitgehend autofrei, das Hinterland, die Gegend entsprechend straßenfrei.
In der allerersten Phase meines Jägerdaseins war ich „Schwarzausgeher“ unter Duldung meines Onkels, der neben politischen Günstlingen schon Mitpächter der angrenzenden Gemeindejagd – die meine spätere jagdliche Heimat werden sollte – war.
Die erste ordentliche Jagdvergabe der Gemeindejagd nach dem Kriege erfolgte dann Anfang der Fünfzigerjahre. Damit wurde neben meinem Onkel auch mein Vater einer der sechs Pächter. Ich erhielt meinen ersten offiziellen Begehungsschein für das 2.000 Hektar große Revier und war nur eingeschränkt durch die Grenzen des natürlichen Radius der möglichen fußläufigen Erreichbarkeit. Man musste gut bei Fuß sein – und das war ich immer. Die Hoffnung trug mich, und hernach trug ich den Rehbock oder das Winterreh hinauf in den Plescher Wildkeller.
Pleschwirt, der „personelle Mittelpunkt“
Stütz-, Ausgangs- und Mittelpunkt war der Pleschwirt, von dem alle jagdlichen Aktivitäten ausgingen und wo sie auch endeten. Er liegt jedoch außerhalb des Gemeindejagdreviers, diesem quasi vorgelagert. So war es unumgänglich, dass die Erreichung der meisten Pirschplätze nur mit Übernachtungen in Stadeln, Heuhütten, aber auch in uns offenstehenden Bauernhäusern möglich war, was natürlich als angenehmen Nebeneffekt einen intensiven Kontakt mit der bäuerlichen Bevölkerung ergab. Die langen Wege brachten aber auch viel Nützliches mit sich: Begegnungen, Informationen, Neuigkeiten, eigene Erfahrungen, Beobachtungen, Sichtungen. Nach solchen Samstag-Sonntag-Touren wusste man viel aus dem Revier. Die Bauern berichteten von allen Hühnern, die der Fuchs geholt hatte, von allen Bohnen, die die Rehe am Hausackerl abgefressen hatten, von allen Lärchen, die der Bock verschlagen hatte, und von allen Hunden, die wildernd in den letzten Wochen unterwegs gewesen waren.
In dieser unsteten Zeit wurde die Sehnsucht nach einer festen Bleibe immer größer. Mein Streben und Suchen war auf ein Zuhause im Revier gerichtet, welches nach dem ersten Jahrzehnt des Vagabundierens in Form einer völlig verwahrlosten und herabgekommenen Hube mit einer ebensolchen provisorischen Holzknechthütte seine Erfüllung fand und für mich alles Glück auf Erden bedeutete. Erworben nur mit dem Verdienst aus Ferialarbeit und noch lange vor der Flut von Wochenendhäusern am Waldesrand für jedermann. Es begann eine bescheidene Aufbautätigkeit. Ich war nicht mehr auf Fremdnächtigungen angewiesen und konnte die Familie nach- und mit einbeziehen. Die Lage war jagdlich großartig – im Flächenschwerpunkt des Reviers. Jeder Revierteil und Winkel war fußläufig erreichbar, was damals und für mich heute noch sehr wichtig ist, denn ich will gerecht jagen und nicht Autofahren.
Die Hube mit der Jagdhütte
Hier werkte und wirkte ich kleinweis und nebenbei ohne Mittel – von hier aus jagte ich nun – inzwischen verheiratet und mit einer Schar von Kindern gesegnet. Es begannen Rodungen, Planierungen, Kultivierungen im landwirtschaftlichen und Straßenbau im forstlichen Bereich sowie Sanierungen, Auf- und Ausbau der bescheidenen Gebäude, Pflege und Gestaltung zu einem kleinen Gütl. Im Nachhinein betrachtet war es das Lehrstück im Kleinen für die später folgenden neuen Jagdgründe.
In diese Zeit fiel auch die Übernahme der Arbeit als Jagdschutzorgan aus der Hand unseres allseits geschätzten und meines großen Lehrmeisters, unseres Jägers Johann Zettl, für zwei Jagdpachtperioden, bis ich dann selbst in den Pächterstand aufrückte, den ich nun schon in der sechsten Periode, mit mehr oder weniger Ämterkumulierung, innehabe und in der ich die inflationäre Entwicklung von sechs auf achtzehn Mitpächter miterleben musste.
St. Pankrazen, der „dörfliche Mittelpunkt“
Mein jagdlicher Werdegang gliedert sich in drei Abschnitte – vielleicht auch Lebensdrittel: Vom Ausgeh-, Hilfsjäger und Jagdschutzorgan in absolut dienender Funktion, zum Jagdpächter in allen denkbaren Funktionen, bis schließlich später zum „Jagdherren“ – mir fällt kein bescheideneres Wort ein – nachdem mir durch überraschende Fügung und eigener Kraft ein eigenes Revier zuteilwurde, wovon dann an anderer Stelle zu gegebener Zeit berichtet werden soll.
Aufsichtsjäger Johann Zettl
Ich habe alle Befindlichkeiten des jagdlichen Seins, wie es so schön heißt, „von der Pike auf“ durchgemacht, mit Höhen und Tiefen, Freuden und Enttäuschungen, Verlogen- und Gemeinheiten, Schönheiten und Scheußlichkeiten, Freundschaften und Anfeindungen, Neid und Hass, Spannung und Gelöstheit, Glück und Traurigkeit bis zu einer gewissen Geläutert- und Gelassenheit und bin damit etwas über die Dinge hinausgewachsen.
So möchte ich nun von Erlebnissen in meiner „jagdlichen Heimat“ erzählen, die sich vom Pleschwirt, dem personellen, bis St. Pankrazen, dem dörflichen Mittelpunkt der Gemeindejagd erstreckt. Der Bogen des jagdlichen Geschehens spannt sich von „Vielfältigen Jagderlebnissen“ über „Fast vergessene Jagdarten“ bis hin zu „Immer wieder Rehe“ und „Unsere Waldgams“.
Die Vielfalt in der Jagd ist heute leider großteils verloren gegangen. Aber die Jagd kann auch heute noch vielfältig sein – wenn man diese Vielfalt sucht. Allerdings erfordert das viel Zeit! Wer hat heute noch Zeit, besser gesagt, wer nimmt sich diese noch?
Dieser Verlust der Vielfalt ist leider auch in der Land- und Forstwirtschaft zu beobachten: Dauergrünland in den Berggebieten und Mais in den Feldrevieren sowie Fichtenmonokulturen im forstlichen Bereich. „Vielfalt, Diversität, Biodiversität“ sind heute nicht nur Schlagworte, sondern Forderungen des Klima- und Naturschutzes. Besonders in der Forstwirtschaft sind auch schon mit der Vielfalt der Baumarten als Grundlage für stabile Mischwälder hoffnungsvolle Ansätze für den „zukunftsfitten“ Wald zu erkennen.
Für mich zeigen besonders meine Krähenjagderlebnisse, wie vielfältig die Jagd sein kann, und dass die Jagd auch auf „nur Krähen“ ebenso spannend und abwechslungsreich wie auch stimmungsvoll und erholsam sein kann. Eine kleine, aber feine Jagd, frei von Abschussplan, Klassen und Meldekarten, aber nicht weniger anspruchsvoll und fordernd.
Alle heimischen Wildarten konnte und durfte ich in meiner jagdlichen Heimat erlegen, und von allen – außer dem Rotwild – auch jeweils mein erstes Stück, begonnen mit dem ersten Wildschwein bis zur ersten Schnepfe.
Wenn einem diese jagdliche Vielfalt mitunter als Beute eines Tages geschenkt wird (wie in „Bunte Herbststrecke“ beschrieben), ist das nur als Sternstunde im jagdlichen Leben und als besondere Gnade von oben zu sehen.
Zur Erinnerung und zum Angedenken an den Beginn meines Jägerdaseins mache ich jeweils am Jahrestag der Erlegung meines ersten Stückes eine Morgenpirsch – wie damals. Insbesondere in dem Jahr, als sich dieses Ereignis zum unglaublichen fünfzigsten Mal jährte, tat ich das mit Freude, aber auch mit leiser Beklemmung ob der Geschwindigkeit, mit der das Leben dahingeht – ein Hauch, ein Vorübergang.
Damals, lange vor meinem Mittelschulabschluss durfte ich die nahe liegenden Gebiete der Gemeindejagd, in der mein Onkel Pächter war, bejagen. Dies freilich nur mit Duldung meines Onkels und unter Umgehung des an der Schnittstelle des Weges in einer Keusche wohnenden damaligen Jagdleiters, der in meine Umtriebe nicht eingeweiht war. An Jagdausrüstung besaß ein Jungjäger damals nach dem Zweiten Weltkrieg – nicht viel: Meist alte, ausrangierte, umgemodelte Kleider, eine kurze Lederhose aus Knabenzeiten, Vaters ehemalige Kniebundschihose, in die Mutter ein Knickertascherl eingenäht hatte, Röckl und Hütl sowie alte, doppelt geschnürte Schischuhe komplettierten meinen Aufzug. Nicht zu übersehen ein abgetragenes Flanellhemd – das musste absolut nicht grün sein – mit dem dritten Kragen, der zweite war der obligatorische Reservekragen, der dritte und letzte wurde dann aus dem Stoff des „Hemadstockes“ (das ist der untere rückwärtige Teil des Hemdes, der in die Hose gesteckt wird) gefertigt, wo dann als Ersatz ein anderes Stück Stoff eingesetzt wurde. Bewaffnet war ich nach strenger und eindringlicher väterlicher Belehrung und Ermahnung mit dessen legendärer Wunderwaffe, dem kleinen originalen Mannlicher-Schönauer, der im Versteck über die erste Nachkriegszeit hinübergerettet worden war. Als Fernglas besaß ich ein „Beutestück“ von der damals aus dem Ennstal abziehenden amerikanischen Besatzungsmacht, wohin wir zu Kriegsende geflüchtet waren.
Einquartiert in Onkels Gastwirtschaft, machte ich jeweils eine Morgen- und Abendpirsch, über die ich immer genau berichten musste. Auf einen Rehbock sollte es damals gehen, nachdem ich schon im vorigen Herbst Hasenpassen durfte. Nun begannen im großen Pachtrevier die ersten ordentlichen Gehversuche und zogen immer größer werdende Kreise.
Die denkwürdige Morgenpirsch Mitte Juli führte mich auf einem alten Karrenweg vor Tau und Tag Richtung Grabenwarterkogel, einem Revierteil, der mein weiteres Jägerleben bestimmte, im Laufe der Zeit immer wieder für neue Überraschungen sorgte und unzählige Jagderlebnisse brachte. Vorbei an vorliegenden Weiden, Wiesen, Ackerln, vorbei am sonnseitig hingebreiteten Gehöft, die Umrisse der mächtigen Dächer und der säumenden Baumkronen wurden im langsam grauenden Morgen erkennbar, Hofgeräusche und Hofgerüche hör- und riechbar. Ich kam zum sogenannten „Schluchtackerl“ (tatsächlich eine sanfte Mulde) mit seinen unregelmäßig geschwungenen Begrenzungslinien, danach verlaufend, wie die Pflugscharen gerade fruchtbaren Boden zwischen den steinigeren Stellen fanden, auf welchen dann auch die ausgebauten Feldsteine zu sogenannten Steingröbeln zusammengetragen worden waren. Am Rande dieses „Schluchtackerls“, auf dem der Hafer gerade milchig wurde, kam von oben entlang des abgestuften Randes, gerade in Umrissen schon sichtbar, ein großes, schwarzes Etwas gegen den am unteren Rand vorbeiführenden Weg zügig herunter, sodass ich Angst haben musste, einen Zusammenstoß zu riskieren. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und konnte nur annehmen, dass es sich um ein Wildschwein handelte.
Unter Ausnützung der etwas deckenden Wegkante wich ich sofort zurück und versuchte, am gegenüberliegenden Feldrand im tautriefenden, hochsommerlangen Futter hinaufzukommen, um einen Überblick zu bekommen. Tatsächlich gelang es mir sogar, ein hohes, überwachsenes Steingröbl zu erreichen und darauf kniend meine Utensilien auszubreiten, gleichzeitig die Büchse am Stock anzustreichen, zu entsichern und zu stechen. Inzwischen war es schon Schusslicht geworden. Das wilde Schwein setzte seinen eingeschlagenen Weg fort, auf jedem Absatz ein Haberl machend, was ich leider zitternd, bebend, schlotternd aus Angst vor dem Schuss nicht nützen konnte, bis es weiter herunten in die Halmfrucht eintauchte und fürs Erste meinen Blicken entschwunden wäre, wären da nicht von Regen und Wind niedergeworfene Stellen gewesen, auf die ich von meinem erhöhten Platz gut einsehen konnte. Als das dramatische Geschehen immer rascher seinem Höhepunkt zustrebte und die Sau plötzlich auf so einem Flecken wieder sichtbar war, wurde ich den Schuss irgendwie los. Die Sau fuhr hoch, um im dichten Hafer zu verschwinden. Da hockte ich nun und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Es rührte sich nichts – was war überhaupt geschehen? War ich aus einem Traum erwacht, war es doch Wirklichkeit? Mein siebzehnjähriges Denkvermögen war einfach überfordert, so wartete ich benommen und mit gebanntem Blick auf den Haferacker und seine Umgebung. Die Welt um mich schien wie aufgelöst, war wie versunken, ich nahm sie nicht wahr, sie war nicht da. Das Geschehen hatte mich entrückt, bis mich das scharf zischende Geräusch des Sensenwetzens vom Hof her in die Wirklichkeit zurückholte. Der Altbauer begann – nicht wissend was geschehen war – Sauklee zu mähen, und ich wagte mich nun auch aus meinem niedergeknotzten Nest zu erheben.
Der „Grabenwarter“, im Hintergrund die „Krügl-Leiten“ mit dem „Krügl-Loch“
