Krebskompass - Jürgen Brust - E-Book

Krebskompass E-Book

Jürgen Brust

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Beschreibung

Erhält ein Mensch die Diagnose Krebs, ist er zutiefst verunsichert und erschüttert. In diesen sehr belastenden Situationen stehen – oft unter Zeitdruck – viele wichtige und überfordernde Entscheidungen an. Wie soll er in solch einem schwierigen Moment konzentriert Aufklärungsgesprächen folgen und seitenlange Formulare studieren? Dr. Jürgen Brust, Spezialist für Krebserkrankungen sowie Palliativmedizin, gibt in diesem Buch viele Tipps und Informationen, die für Krebserkrankte hilfreich sein können, um Ruhe zu bewahren und dem einschüchternden Medizinbetrieb standzuhalten. In erzählendem Stil und angereichert mit Beispielen aus seiner langjährigen Berufspraxis informiert er umfassend darüber, was Betroffene und ihre Angehörigen zu Diagnose, Therapie, Ernährung, Leben mit der Erkrankung und sozialrechtlichen Fragestellungen wissen sollten. Auch Möglichkeiten der Palliativmedizin und das Thema Tod werden dabei nicht ausgespart. So gewinnen Betroffene Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung und werden handlungsfähig.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Krebskompass

Mabuse-Verlag

Erste Hilfen, Band 22

Dr. phil. nat. Jürgen Brust, geb. 1953, ist Biochemiker und Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Hämatologie, Onkologie, Infektiologie und Palliativmedizin. Nach über 30 Jahren der Betreuung von Krebs- und HIV-Patient:innen in einer von ihm mitgegründeten onkologischen und infektiologischen Gemeinschaftspraxis arbeitet er seit 2024 in der Palliativmedizin.

Jürgen Brust

Krebskompass

Alles, was Sie nach der Diagnose wissen wollen

Mabuse-Verlag

Frankfurt am Main

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autor:innen und zum Verlag finden Sie unter: www.mabuse-verlag.de. Dort können Sie auch unseren Newsletter zu aktuellen Neuerscheinungen abonnieren.

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Projektkoordination und Lektorat: Simone Holz, Pisa, www.lektorat-redazione-holz.eu/

Satz und Gestaltung: Björn Bordon/MetaLexis, Niedernhausen

Umschlaggestaltung: Marion Ullrich, Frankfurt am Main

Umschlagabbildung: © istockphoto.com/-slav-

ISBN:978-3-86321-756-3

eISBN: 978-3-86321-773-0

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Vorwort

Wie entsteht Krebs – und warum ich?

Genetische Ursachen

Radioaktive Strahlung und Chemikalien

Tabakrauch

Viren

Ernährung und Lebensstil

Krebs und Psyche: Gibt es eine Krebspersönlichkeit?

Depressionen und Stress

Da war doch noch mehr, oder?

Krebsvorsorge und Früherkennung

Was bringt die Krebsvorsorge?

Frühzeichen und Warnsignale ernst nehmen

Die Diagnose

Der Arztbrief: Hieroglyphen, Abkürzungen und Fremdwörter

Das Arztgespräch: Die Chemotherapieaufklärung

Wollen Sie immer die volle Wahrheit wissen?

Die Therapie

Ambulant oder stationär (onkologische Praxis oder Krankenhaus)?

Vor der Chemotherapie: Die Anlage eines Portsystems

Die drei Zielsetzungen der Chemotherapie

Soll ich mir das wirklich antun?

Palliative Chemotherapie

Nebenwirkungen der Chemotherapie

Chemotherapie alleine reicht meist nicht

Antikörpertherapie

Immuntherapie

Zielgerichtete Therapie

Hyperthermie

Ernährung

Ernährung zur Vorbeugung von Krebs

„Krebsdiäten“

Ernährung und Chemotherapie

Und was ist mit Fasten?

Unterstützende Therapien

Komplementär- und Integrative Medizin

Spezielle Maßnahmen der Integrativen Medizin

Anthroposophische Medizin

Homöopathie

Was Sie selbst noch tun können

Kunsttherapie

Psychoonkologie

Leben mit Krebs

Nach der Behandlung

Leben mit begrenzter Zeit

Was tun mit „geschenkter“ Zeit?

Sexualität

Kämpfen bis zum Schluss?

Spontanremissionen

Wundermittel

Palliativmedizin

Woran genau werde ich sterben?

Sterbefasten

Grundwissen Sozialrecht

Nachwort

Nützliche Adressen und Hilfen

Nebenwirkungsbogen für die Chemotherapie

Vorwort

Zu Beginn meiner Weiterbildung als Hämatoonkologe (Spezialist für Blut- und Krebskrankheiten) gab es gerade einmal zehn verschiedene Chemotherapiemittel, die in der Krebsbehandlung eingesetzt wurden. Der Erfolg war bescheiden. Wenn überhaupt gab es kurzfristige Rückbildungen der Tumore. Und ob die Behandlungen die Lebenszeit nennenswert verlängern konnten, war umstritten.

In den folgenden Jahrzehnten durfte ich an einer atemberaubenden Weiterentwicklung teilhaben. Und das betrifft alle Bereiche der Krebsbehandlungen. Die Operationstechniken wurden immer ausgefeilter, die Schlüsselloch-Operationen wurden eingeführt, in den letzten Jahren kamen die roboterunterstützten Operationen dazu. Die Bestrahlungen wurden immer zielgenauer und verträglicher durch die computertomografische Steuerung, die Fraktionierung (Aufteilung der Dosis in kleine „Häppchen“) und das Bestrahlen aus verschiedenen Winkeln, um das gesunde Gewebe zu schonen. Ständig kamen neue chemotherapeutische Medikamente dazu, die zum Teil erstaunlich nebenwirkungsarm waren und in bestimmten Fällen auch als Tablette verabreicht werden konnten. Die Begleittherapien wurden immer effektiver, neue Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen konnten diese gefürchtete Nebenwirkung immer besser kontrollieren. Die Gründung vom Tumorzentren und Onkologischen Schwerpunkten mit interdisziplinären Tumorkonferenzen stärkten die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachdisziplinen. Die Einführung von Leitlinien stellte sicher, dass den Patientinnen und Patienten die aktuell beste Therapie angeboten wird.

Und dann kamen die aufregenden Entwicklungen der letzten Jahre. Zu den drei Säulen der Tumortherapie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie kam die Immuntherapie dazu wie auch die sogenannte zielgerichtete Therapie.

Diese ganzen Entwicklungen haben zweifelsohne zu einer deutlichen Verbesserung für die Krebspatientinnen und -patienten geführt. Im Allgemeinen lebt man heute länger und besser mit einer Tumorbehandlung und bei einigen Tumorarten gibt es selbst in weit fortgeschrittenen Stadien gute Chancen auf Heilung oder eine Langzeitremission (eine dauerhafte Rückbildung über Jahre).

Aber ich habe auch die Kehrseite dieser Entwicklung erlebt: die zunehmende Ökonomisierung der Medizin, der unselige Zwang, profitabel zu arbeiten, die überbordende Bürokratie, die aufwendigen Dokumentationspflichten, der Personalmangel in der Pflege. Auf der Strecke blieben die Zeit für die Pati

entinnen und Patienten, ihre Fragen und Bedürfnisse, ihre Ängste, das Eingehen auf ihre individuelle Persönlichkeit, das Berücksichtigen ihrer familiären und sozialen Situation. Zuwendung und Menschlichkeit wurden Mangelware. Mancher kranke Mensch fühlte sich ausgeliefert, hilflos und ohnmächtig gegenüber einer Medizinmaschinerie, die über ihn hinwegrollte und die ihm seine Würde und seine Selbstbestimmung raubte.

In dieser Situation ist es ein Segen, wenn es eine Vertrauensperson gibt, die sich auskennt, die Sie alles fragen können, die Ihnen die medizinischen Hintergründe erklärt und die Sie ermutigt und stärkt. Die wenigsten haben so einen Menschen an ihrer Seite und dieses Buch kann eine solche Person des Vertrauens natürlich nicht ersetzen. Aber es kann vielleicht dazu beitragen, Ihnen die wichtigsten Ratschläge und Informationen zu vermitteln, die es braucht, um dem medizinischen Betrieb einigermaßen selbstbewusst standzuhalten. Ich wünsche mir, dass es Ihnen ermöglicht, eigene Entscheidungen zu treffen und aktiv an Ihrer Therapie mitzuwirken. Denn es geht um Sie. Es ist Ihr Leben und Ihre Krankheit.

Dieses Buch ist daher, soweit mir das möglich war, in verständlicher Sprache geschrieben. Die Fremdwörter werden im Text erklärt, die Kapitel sind kurz und haben am Ende eine Zusammenfassung oder Tipps, die noch einmal die wesentliche Botschaft enthalten. Sie können das Buch vom Anfang bis zum Ende lesen oder aber je nach Interesse einzelne Kapitel. Jedes Kapitel kann für sich alleine gelesen werden. Geschichten und Erlebnisse mit Patientinnen und Patienten aus meiner beruflichen Praxis lockern das Buch auf und machen verständlich, worum es geht. Um bei Personenbezeichnungen ständige Wiederholungen zu vermeiden, greife ich oft auf geschlechtsneutrale Begriffe zurück oder verwende die weibliche und männliche Form im Wechsel. Grundsätzlich sind stets alle Geschlechter gemeint.

Wie entsteht Krebs – und warum ich?

Vor mir sitzt ein Patient Mitte 50, schlank, sportlich, gepflegt. Der Duft seines Parfums verbreitet sich in meinem Arztzimmer. Sein Schock über die Diagnose ist spürbar, aber noch mehr sein Ärger auf Gott und die Welt. „Ich kann das nicht begreifen. Ich habe immer gesund gelebt, ich rauche nicht, ich trinke wenig Alkohol, ernähre mich gesund und treibe Sport. Wieso bekomme ich jetzt einen Lymphdrüsenkrebs? Können Sie mir das erklären?“ Am meisten ärgert ihn, dass sein älterer Bruder, zu dem er nicht das beste Verhältnis hat, gesund ist, obwohl er raucht und keinen Sport macht.

Was sagt man da als Arzt? Das ist Schicksal? Das würde diesen Patienten nicht befriedigen. Obwohl es eine schicksalshafte Komponente gibt. Helmut Schmidt hat bis ins hohe Alter geraucht wie ein Schlot und der Nachbar, Nichtraucher, hat jetzt Lungenkrebs. Also stimmen doch alle Aussagen über krebserregende Substanzen nur bedingt, oder?

Richtig und vielfach belegt ist, dass ein gesunder Lebensstil das Risiko für eine Krebserkrankung deutlich verringert. Aber umgekehrt gilt leider nicht, dass ein gesunder Lebensstil eine Garantie dafür darstellt, keine Krebserkrankung zu bekommen.

Es geht letztlich um die Frage, wie Krebs überhaupt entsteht – und das ist nicht so einfach zu beantworten. Wir gehen heute davon aus, dass eigentlich permanent, wenn Zellen sich teilen, Fehler beim Kopieren des Erbguts entstehen. Das passiert nicht häufig, aber selbst unsere hochspezialisierten Biokatalysatoren arbeiten nicht 100 %ig perfekt. Die Fehler werden aber in der Regel erkannt und durch spezielle Reparaturmechanismen korrigiert. Wenn das nicht möglich ist und die Fehler schwerwiegend sind, greift der nächste Schutzmechanismus: Die Zellen aktivieren ein Programm für den Zelltod (das nennt man Apoptose). Klappt auch dies nicht, kann das Immunsystem entartete Zellen erkennen und ausschalten.

Dann müsste ja niemand Krebs bekommen, wenn das so toll geregelt ist. Tatsächlich funktioniert das auch sehr gut, vor allem in jungen Jahren. Aber im Alter lassen die Schutzmechanismen nach, deshalb steigt das Risiko von Krebserkrankungen im Alter an.

Das Ganze ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren. Die wichtigsten sind Genetik, Viren, Schädigung durch radioaktive Strahlung oder Chemikalien, Lebensweise und Ernährung.

Genetische Ursachen

Es gibt Menschen, bei denen die Reparaturmechanismen defekt sind oder die aufgrund anderer genetischer Veränderungen ein erhöhtes Risiko haben, schon in jungen Jahren eine Krebserkrankung zu bekommen. Am bekanntesten ist hier das Brustkrebsgen BRCA, das bei Trägerinnen dieses Gens eine bis zu 80 %ige Wahrscheinlichkeit hervorruft, im Laufe des Lebens an Brustkrebs oder Eierstockkrebs zu erkranken. Das ist der Grund dafür, warum unter anderen Angelina Jolie sich vorbeugend beide Brüste hat abnehmen lassen (die Alternative wäre eine sehr engmaschige Krebsvorsorge gewesen). Ein anderes Beispiel ist die familiäre Polyposis. Darunter versteht man die Neigung, im Darm eine Vielzahl von Polypen zu entwickeln, die im Laufe der Zeit entarten können. Auch hier besteht die Therapie in ständiger Überwachung und letztendlich in der Entfernung des gesamten Dickdarms.

Abgesehen von solchen gravierenden Veränderungen gibt es aber auch familiäre Häufungen von Tumorerkrankungen, die nicht so extrem und bei denen die verursachenden Gene nicht bekannt sind. Tritt zum Beispiel in einer Familie gehäuft ein Bauchspeicheldrüsenkrebs auf, ist das Risiko für die anderen Familienmitglieder nur leicht erhöht im Vergleich zur Normalbevölkerung. Bei vielen Tumoren gibt es aber auch gar keine familiären Häufungen.

Radioaktive Strahlung und Chemikalien

Radioaktive Strahlung und Chemikalien können je nach Dosis und Dauer der Einwirkung die Schutzmechanismen des Organismus überfordern: Nach dem Reaktorunfall bei Tschernobyl haben die Menschen in der Umgebung so viel radioaktives Jod aufgenommen, dass viele von ihnen an Schilddrüsenkrebs erkrankten. Andere radioaktive Substanzen haben dazu geführt, dass zum Beispiel auch heute noch die Leukämierate der Bevölkerung deutlich erhöht ist. Vor allem bei Langstreckenflügen in großer Höhe ist das Flugpersonal berufsbedingt ständig einer überdurchschnittlichen kosmischen Strahlung ausgesetzt. Es hat dadurch ein höheres Krebsrisiko. Obwohl es weniger raucht und weniger übergewichtig ist als der Durchschnitt, erkranken zum Beispiel 3,4 % der Flugbegleiterinnen an Brustkrebs, gegenüber 2,3 % der Allgemeinbevölkerung. (Hier werden aber auch noch andere das Immunsystem schwächende Faktoren wie Schichtarbeit und gestörter Schlaf als zusätzliche Faktoren diskutiert.) Mitarbeitende in der Chemieindustrie, die jahrelang erhöhten Benzolkonzentrationen ausgesetzt waren, erkranken häufiger an Lymphdrüsentumoren und Leukämien. Menschen, die bei der Arbeit lange erhöhten Asbestkonzentrationen ausgesetzt waren, erkranken häufiger an einem Tumor des Rippenfells.

Tabakrauch

Tabakrauch enthält über 5.000 chemische Substanzen. Viele davon sind giftig und krebserregend. Rauchen gilt als der bedeutendste Risikofaktor für Krebserkrankungen. Der Zusammenhang ist nachgewiesen. Nicht nur für Lungenkrebs, auch für viele weitere wie Magen- und Speiseröhrenkrebs (da vor allem in Kombination mit Alkohol), Brustkrebs, Blasenkrebs, selbst Leberkrebs und eine bestimmte Form der akuten Leukämie. Aber so klar das auch ist, Rauchen ist ein begünstigender, sogenannter Kofaktor, der das Risiko steigert, und keine zwingende Ursache. Weitere Umstände senken oder erhöhen das Risiko: Leben Sie an einer Hauptverkehrsstraße mit hoher Feinstaubbelastung, Autoabgasen und Lärmbelästigung, die Sie nachts nicht schlafen lässt, ist das Risiko deutlich höher, als wenn Sie rauchen, aber auf dem Land in guter Luft leben und ruhig schlafen können. Dennoch, die beste Idee, Ihr Krebsrisiko zu verringern, ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Eine neue Studie aus den USA schätzt den Anteil der Krebserkrankungen, die durch Rauchen verursacht wurden, auf 19 %. Die Zahlen für Europa und Deutschland dürften in einer ähnlichen Größenordnung liegen.

Viren

Nonnen erkranken praktisch nie an Gebärmutterhalskrebs, aber etwas häufiger an Brustkrebs. Tatsächlich wissen wir heute, dass eine Infektion mit HPV (Humane Papillomaviren) eine der Hauptursachen für Gebärmutterhalskrebs ist. Die Viren werden durch Geschlechtsverkehr übertragen. Es gibt viele Untergruppen des Virus, sie verursachen oft gutartige Veränderungen wie Warzen, bestimmte Virustypen aber auch Krebs. Im Normalfall überwindet der Organismus die Infektion, aber wenn es zu einer chronischen Infektion kommt, entstehen Veränderungen im Gewebe, die über mehrere Vorstufen innerhalb von Jahren zu Krebs führen können. Der Nachweis dieses Zusammenhangs ist noch gar nicht so lange her. Er ist verbunden mit dem Namen des früheren Leiters des DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum) in Heidelberg, Prof. zur Hausen, der dafür 2008 den Nobelpreis für Medizin erhalten hat.

Auch eine chronische Infektion der Leber durch Hepatitis-Viren kann nach vielen Jahren zu Leberkrebs führen und eine EBV (Epstein-Barr-Virus-Infektion) erhöht unter Umständen das Risiko für Lymphdrüsenkrebs.

Das leicht erhöhte Brustkrebsrisiko bei Nonnen hat nichts mit Viren zu tun. Es hängt damit zusammen, dass Stillen das Brustkrebsrisiko senkt.

Ernährung und Lebensstil

Wie sehr der Lebensstil und die Ernährung das Krebsrisiko beeinflussen sieht man an sogenannten Migrationsstudien. Japanische Frauen haben ein relativ niedriges Brustkrebsrisiko. Wenn sie in die USA auswandern und die dortigen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten übernehmen, haben bereits ihre Töchter das gleiche, höhere Brustkrebsrisiko wie das von Durchschnittsamerikanerinnen. Das gilt auch für weitere Krebsarten und konnte auch bei afrikanischen Menschen, die in die USA auswandern, gezeigt werden. Besonders von der Ernährung und von der Lebensweise abhängig sind neben Brustkrebs auch Tumoren der Prostata und des Dickdarms. Es ist natürlich schwer nachzuweisen, welche einzelnen Veränderungen in welchem Ausmaß zu dem erhöhten Krebsrisiko beitragen. Aber es gilt als relativ sicher, dass es eine Kombination von folgenden Faktoren ist: Verzehr von industriell hergestellten Fertigprodukten, zu viel Wurst und Fleisch, gleichzeitig zu wenig Obst und Gemüse, wenig Ballaststoffe, Übergewicht und zu wenig Bewegung.

Insgesamt wird der Einfluss der Ernährung auf die Krebsentstehung auf mindestens 20 % geschätzt. Vor 30 Jahren ging man sogar von 30 % und mehr aus. Die Unsicherheiten kommen daher, dass es im Bereich Ernährung und Lebensstil vor allem Beobachtungsstudien gibt – und die sind fehleranfällig.

Wenn zum Beispiel gezeigt wird, dass Menschen mit einem hohen Fleischkonsum ein höheres Krebsrisiko haben als sich vegetarisch ernährende Personen, kann nicht gut ausgeschlossen werden, dass Fleisch konsumierende Menschenvielleicht insgesamt auch ungesünder leben, mehr rauchen, mehr Alkohol trinken, sich weniger bewegen. Das versucht man zwar bei den Studien auch zu erfassen, aber wie sicher sind Aussagen, die man abfragt? Mehr oder weniger bewusst versucht man bei solchen Fragen ja gerne, in einem etwas besseren Licht dazustehen, und mogelt ein bisschen. Das ist menschlich und nicht einmal böse Absicht. Und wie ist es bei Menschen, die nur Geflügel und Fisch essen und viel Gemüse und Obst, haben die überhaupt ein höheres Risiko? Das sind Fragen, die kaum sicher zu beantworten sind.

Krebs und Psyche: Gibt es eine Krebspersönlichkeit?

Wie sieht es mit psychischen Faktoren bei der Krebserkrankung aus? Erhöht chronischer Stress das Krebsrisiko? Haben Menschen mit Depressionen und negativen Gedanken häufiger Krebserkrankungen als gut gelaunte Frohnaturen? Gibt es sowas wie eine Krebspersönlichkeit? Auch diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Vor einigen Jahrzehnten wurde das Konzept einer Krebspersönlichkeit beschrieben. Menschen mit diesem Persönlichkeitstyp hätten ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen (so wie der ständig gestresste, sich alles zu Herzen nehmende Typ ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt habe). Die sogenannte Krebspersönlichkeit wurde meist so beschrieben: Es handelt sich um Menschen, die eine Hemmung haben, auch einmal wütend und aggressiv zu sein, dabei immer ausgesprochen freundlich sind und eine fröhliche Fassade nach außen zeigen, die immer ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen und nicht für sich, sondern immer für andere leben und sorgen. Auch wenn sich einige Krebspatientinnen und -patienten bei dieser Beschreibung wiedererkennen, das Konzept einer Krebspersönlichkeit gilt heute als widerlegt. Zu viele Menschen werden krank, auch ohne diese Eigenschaften zu haben, und viele Menschen mit diesem Persönlichkeitstyp bekommen keinen Krebs. Außerdem wäre es nicht fair, den Menschen damit die Schuld dafür zuzuschieben, dass sie an Krebs erkrankt sind, nach dem Motto: Hättest du positiver gedacht, hättest du dir auch mal etwas gegönnt, hättest du dich auch mal gewehrt, dann wärst du gesund geblieben. Das stimmt so sicher nicht, dafür ist die Entstehung von Krebs viel zu komplex. Und die meisten Studien, die scheinbar übereinstimmend diese Persönlichkeitsmerkmale fanden, waren retrospektiv (rückblickend), das heißt, man hat diese Eigenschaften bei Menschen gefunden, die bereits an Krebs erkrankt waren, und daraus auf ihre Persönlichkeit vor der Erkrankung geschlossen. Aber das ist methodisch nicht korrekt: Denn es kann ja auch sein, dass manche Eigenschaften erst als Folge der Tumorerkrankung aufgetreten sind. Die Studien hätten also immer nur die Reaktion von Menschen auf eine Krebserkrankung gemessen.

Ein Teil der Therapeutinnen und Therapeuten, die mit krebskranken Menschen arbeiten, macht jedoch immer wieder übereinstimmende Erfahrungen, die die These einer Krebspersönlichkeit stützen. Und während die Wissenschaft die Frage letztendlich nicht sicher beantworten kann, ob es Zusammenhänge zwischen Krebs und Psyche gibt, haben viele Betroffene damit interessanterweise kein Problem. Bei einer Befragung von über 1.000 tumorerkrankten Menschen waren 35 % davon überzeugt, dass Krebs seelische Ursachen hat, und 40 % gaben an, dass körperliche und seelische Ursachen zusammen eine Rolle spielen. Es ist erstaunlich, dass solche Umfrageergebnisse so wenig in die therapeutischen Konzepte einfließen. Dabei ist es ganz klar, dass das, was Betroffene selbst über ihre Krankheit denken, einen unglaublichen Effekt auf ihre Einstellung zur Therapie und auf den Krankheitsverlauf hat. Es gibt natürlich keine Psychotherapie gegen Krebs, nach dem Motto: Verdrängter Konflikt gelöst, unterdrückte Aggression angenommen und rausgelassen, Krebs besiegt. Aber dieses Umfrageergebnis ruft geradezu nach einer Ergänzung der konventionellen Krebstherapie durch weitere Angebote, die die seelische Befindlichkeit berücksichtigen. Es gibt zwar ein breites Spektrum an geeigneten therapeutischen Verfahren. Die sind jedoch leider nicht überall verfügbar. Aber es bewegt sich etwas: Stützende psychoonkologische Gespräche mit speziell ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten und Bewegungstherapien (Sportprogramme für krebskranke Menschen) können immer öfter vermittelt werden und werden auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Andere Therapieformen – wie Kunsttherapie, Musiktherapie, Yoga, Chi Gong, Heileurhythmie, Tanztherapie, Meditation, achtsamkeitsbasierte Therapien (Mind-Body-Medizin) – muss man sich selbst suchen und bezahlen. Im Kapitel „Unterstützende Therapien“ werden diese Therapieformen näher beschrieben.

➢ TIPPS:

Lassen Sie sich nicht einreden, Sie hätten zu wenig positiv gedacht oder immer Ihren Ärger und Ihre Wut unterdrückt und das sei der tiefere Grund dafür, dass Sie jetzt erkrankt sind. Sie sind nicht schuld an Ihrer Krebserkrankung. Um Schuld geht es nicht.

Aber wenn Sie selbst denken, dass Ihre Erkrankung auch eine seelische Komponente hat, fragen Sie aktiv nach entsprechenden Angeboten. Wenn Sie denken, die Erkrankung kam nicht zufällig, sondern war ein Weckruf, überlegen Sie, was Sie in Ihrem Leben ändern wollen.

Manchmal übernehmen die Krankenkassen einen Teil der Kosten für unterstützende Therapien. Einfach anfragen.

Depressionen und Stress

Auch bei der Depression gibt es bisher keinen Beweis, dass ein Zusammenhang zu Krebserkrankungen besteht. Depressionen werden nicht als eigenständiger Risikofaktor angesehen. Indirekt kann aber eine Depression schon das Krebsrisiko (und das Risiko für andere Erkrankungen) erhöhen, etwa dadurch, dass man nicht zum Arzt geht trotz auffälliger Beschwerden, dass man sich schlecht ernährt, wenig bewegt, viel raucht, sich sozial zurückzieht.

Was ist dann aber mit der Beobachtung, dass Menschen, die ihre geliebte Lebenspartnerin oder ihren geliebten Lebenspartner nach langen Jahren glücklichen Zusammenlebens verlieren, oft nach relativ kurzer Zeit ebenfalls erkranken und versterben, weil sie ihr oder ihm folgen wollen und keinerlei Lebenswillen mehr haben? Gibt es also doch psychische Faktoren, zumindest bei schwerwiegenden Lebensereignissen? Solche Fragen werden im Rahmen der sogenannten Life-Event-Forschung untersucht. Ebenso wie bei chronischem Stress kann man sich schon vorstellen, dass dadurch das Krebsrisiko erhöht wird, denn Trauer führt zu einer Unterdrückung bestimmter Immunfunktionen und chronischer Stress unter anderem zu einem dauerhaft erhöhten Cortisonspiegel. Cortison ist aber ein Unterdrücker des Immunsystems. Sicher wissenschaftlich bewiesen ist der Einfluss von chronischem Stress oder schwerwiegenden belastenden Ereignissen auf die Krebsentstehung noch nicht. Man müsste eine große Zahl von Menschen über viele Jahre untersuchen und dabei auch regelmäßig Laborkontrollen zu Stresshormonen und Immunfunktionen durchführen. Dies ist extrem aufwendig und bisher noch nicht geschehen. Aber das heißt nicht, dass es nicht so sein könnte.

Da war doch noch mehr, oder?

Gab es da nicht vor Kurzem eine Meldung, dass erhöhter Milchkonsum das Risiko für Prostatakrebs erhöht? Und was ist mit Handystrahlung, Mobilfunkmasten, Elektrosmog? Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosphat? Aluminium in Körpersprays? Man könnte leicht den Eindruck gewinnen: Eigentlich ist alles krebserregend. Was soll's also, kann ich eh nicht alles vermeiden. Aber hier kommt es auf die Gewichtung an. Wenn man ein Mittel an Ratten verfüttert, in der 100-fachen Dosis, der Sie im Alltag ausgesetzt sind, und diese entwickeln häufiger Krebs als die jene der Kontrollgruppe, die das Mittel nicht erhält: Ist das Mittel dann krebserregend für Menschen?