11,99 €
Seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 erhalten wir täglich Nachrichten zu dem in Gaza geführten Rachefeldzug, den Benjamin Netanjahu und seine Regierung angeordnet haben, vordergründig mit dem Ziel, die Hamas zu zerstören. Die Militäroperation Israels hat bislang unter den dort lebenden Palästinensern schätzungsweise mehr als 42.000 Todesopfer und über 100.000 Verletzte gefordert (Stand: 14. Oktober 2024). Die allermeisten von ihnen waren keine Hamas-Kämpfer, sondern Zivilisten. Das Ausmaß des dort herrschenden Elends ist nahezu unvorstellbar. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jeden Tag verlieren zehn Kinder ein Bein oder beide Beine. Das hat das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten auf der Sitzung des UN-Sicherheitsrats am 10. Oktober 2024 bekannt gegeben. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung sind innerhalb des abgeriegelten Gazastreifens immer wieder auf der Flucht. Wo sie einst gewohnt haben, gibt es vielerorts nur noch Trümmer. Die Menschen leiden unter Hunger, auch die medizinische Versorgung ist längst nicht mehr gesichert. Inzwischen eskaliert die Lage im Nahen Osten dramatisch. Während die Angriffe auf Gaza unvermindert anhalten, sind nun auch der Iran, Libanon, Jemen, Syrien und der Irak in das Kriegsgeschehen involviert. Doch wer kämpft hier gegen wen? Und warum? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zurückblicken in die Geschichte einer Region, die schon seit vielen Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommt. Nur dann wird verständlich, dass es längst nicht nur um einen Konflikt zwischen Israel und der Hamas geht. Karin Leukefeld, renommierte Expertin für den Nahen und Mittleren Osten, legt in ihrem Buch dar, wie das Gebiet zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Persischen Golf, das einst den Namen »Fruchtbarer Halbmond« trug und als »Wiege der Zivilisation« gilt, nach Ende des Ersten Weltkriegs unter den Einfluss geopolitischer Interessen geriet. Damals bestimmten europäische Kolonialmächte fortan das Geschehen, vor allem mit der territorialen Aufteilung Palästinas, in deren Folge Hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, übernahmen die USA und ihre europäischen Verbündeten die Kontrolle über die Region, die aufgrund ihrer geostrategischen Lage von großem Interesse war und es nach wie vor ist. Das erklärt auch, warum Israel trotz seines grausamen, mörderischen Agierens immer noch von westlichen Ländern in Schutz genommen und weiterhin mit Militärausrüstung beliefert wird. Einen Frieden wird es so nicht geben. Das stellt Karin Leukefeld unmissverständlich klar. Wer tatsächlich nach Lösungen der zahlreichen Konflikte sucht, der muss zuerst all das in der Vergangenheit geschehene Unrecht in den Blick nehmen. Dazu leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag. Es liefert »kompaktes Wissen«, mit dem man die gegenwärtige Situation verstehen und beurteilen kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2025
Geopolitik, Verwüstung, Widerstand und Aufbruch einer Region
Karin Leukefeld
HINTERGRUND
DAS NACHRICHTENMAGAZIN
WISSEN KOMPAKT
In dieser Reihe bereits erschienen:
Matthias Rude: Die Grünen
Von der Protestpartei zum Kriegsakteur
Berlin, 2023, ISBN 978-3-910568-04-4 (Ebook)
Georg Auernheimer: Der Ukrainekonflikt
Wie Russlands Nachbarland zum Kriegsschauplatz wurdeBerlin, 2023, ISBN 978-3-910568-03-7 (Ebook)
Wolf Wetzel: Der Anti-Antifaschismus.
Antifa, angebliche Nazis, rechtsoffener Staat und geheimdienstliche Neonazi-Verbrechen
Berlin, 2023, ISBN 978-3-910568-06-8 (Ebook)
Michael Meyen: Cancel Culture
Wie Propaganda und Zensur Demokratie und Gesellschaft zerstören
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-08-2 (Ebook)
Stefan Kreutzberger: Nachhaltigkeitsschwindel
Wie sich mit »Klimaschutz« viel Geld verdienen lässt
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-10-5 (Ebook)
Patrik Baab: Propaganda-Presse
Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-12-9 (Ebook)
Michael Meyen: Der Dressierte Nachwuchs:Was ist mit der Jugend los?
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-14-3 (Ebook)
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, einschließlich der Vervielfältigung, der Übersetzung, der Mikroverfilmung oder der Speicherung und Verarbeitung unter Verwendung elektronischer oder mechanischer Verfahren, ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Herausgebers vervielfältigt, verbreitet oder übertragen werden, mit Ausnahme von kurzen Zitaten in Rezensionen und bestimmten, nichtkommerziellen Verwendungen, die nach dem Urheberrecht zulässig sind.
ISBN 978-3-910568-16-7
© Hintergrund GmbH, Berlin, 2025
1. Auflage, 2025
www.hintergrund.de
Lektorat: Susanne George
Konzept und Satz: Buchgut, Berlin
Vorwort
Über Palästina sprechen
1. Der »Fruchtbare Halbmond«
2. »Wer über das Meer herrscht«
3. Geheimabkommen und imperiale Interessen.Das zionistische Projekt, Teil 1
4. Die Zerteilung Palästinas
5. Die Vereinten Nationen
6. Interventionen, Krisen, Kriege
7. Die Geopolitik
8. Das zionistische Projekt, Teil 2
9. Fazit und Ausblick
Literatur
Über Palästina sprechen
Dieses Buch ist eine Widerrede. Es geht um die Vorgeschichte und die Entwicklung der seit mehr als 100 Jahre andauernden Krisen und Kriege im sogenannten Nahen Osten, die in Deutschland der Öffentlichkeit in einer Art »betreuter Unterrichtung« dargestellt werden. In in Zeitungen, Funk und Fernsehen, Schulen, an Universitäten und im Kulturbereich – erinnert sei nur an die »Berlinale« 2024 und die »Documenta« 2022 – gibt die »deutsche Staatsräson« vor, wie das, was zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern geschieht, zu verstehen ist.
Dieses Buch ist daher vor allem eine Einladung, etwas über die geschichtlichen Hintergründe und über die arabische Sicht der Dinge zu erfahren. Denn Geschichte hat niemals nur eine Perspektive. Und kein Krieg, kein Konflikt beginnt über Nacht, jedes Mal gibt es eine Vorgeschichte.
Araber sind wie Juden auch Semiten und daher per se nicht »anti-semitisch«. Allerdings haben alle arabischen Nachbarländer seit Generationen schlechte Erfahrungen mit dem Staat Israel gemacht. Araber lebten in dem Gebiet, das in Deutschland als »Naher Osten« bezeichnet wird, seit Jahrtausenden, und zwar Seite an Seite mit Juden und Christen und Muslimen und Angehörigen anderer religiöser Strömungen, die aus den großen Religionen hervorgegangen waren. Die Araber nennen ihr Land auch nicht »Nahost«, was ebenso wie »Mittlerer Osten« oder gar »Großraum Mittlerer Osten« eine westliche geopolitische Perspektive auf eine Region markiert, die geografisch und auch in der Sprache der UNO als »Westasien« bekannt ist. Die Araber nennen die Region »Bilad as-Sham«, zu der Syrien, Palästina, der Libanon und Jordanien gehören, das Land im Norden und zur Linken im Gegensatz zu dem Land im Süden und zur Rechten, Arabien und Jemen.1
Im 13. Jahrhundert berichteten arabische Chronisten aus Syrien und Palästina von den »Kriegen der Barbaren«, den »Invasionen der Franken«, wie sie die Kreuzritter nannten, die aus dem Westen kamen. Sie wollten sich das Land aneignen, um seine Reichtümer auszubeuten und die strategische Lage der Häfen zu kontrollieren.2 Sie wollten Jerusalem, die Heilige Stadt für Juden, Christen und Muslime, besitzen. Es waren die Franzosen, die Franken, die damals Syrien und Palästina für rund 200 Jahre besetzten und der Region den Namen »Levante« gaben, das Land im Osten, das Land wo die Sonne aufgeht. In gewisser Weise war das der Beginn des Kolonialismus, der die Herrscher, Kaufleute und Militärs aus dem europäischen Westen in alle Welt trieb, um sich mithilfe von Siedlern Land anzueignen und auszubeuten. Ende des 15. Jahrhunderts nahmen spanische Siedler das Land der südamerikanischen Indigenen ein, der ursprünglichen Völker, die schon lange dort lebten und die wegen ihres Widerstandes unterworfen oder vernichtet wurden. Eduardo Galeano, Chronist der Geschichte seines Heimatkontinents, beschrieb es in dem Buch Die offenen Adern Lateinamerikas mit den Worten: »Wir Lateinamerikaner sind arm, weil der Boden, auf dem wir gehen, reich ist.«3
Die europäischen Siedler drangen nach Afrika, Asien und Australien vor. 1652 gründete die niederländische Ostindien-Kompanie eine Niederlassung an der Tafelbucht, aus der später Kapstadt wurde. Etwa zeitgleich soll ein Holländer, ebenfalls im Sold der niederländischen Ostindien-Kompanie, »Neuseeland entdeckt« haben. Das war allerdings schon seit Jahrhunderten von den Maoris bewohnt und kultiviert worden. Ende des 18. Jahrhunderts hisste der Seefahrer James Cook die britische Fahne auf Neuseeland, ihm folgten die Händler und Missionare und ehemalige britische Strafgefangene, die das Land besiedelten. Europäische Siedler rückten seit dem 16. Jahrhundert in die Stammesgebiete der Indianer in Nordamerika vor, auf der Suche nach Gold und um deren Land in Besitz zu nehmen. Auch nach der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika, den USA im Jahr 1776 wurden die Kriege gegen die indianischen Stämme fortgesetzt. Ihr Land wurde besetzt, ihre Zelte verbrannt, ihr Vieh gestohlen und getötet. Wehrten sie sich, wurden sie gejagt und getötet. Der Bau der transkontinentalen Eisenbahn durch Nordamerika Mitte des 19. Jahrhunderts kostete viele Indianer, aber auch Arbeiter, darunter Kinder, die aus China eingeschmuggelt worden waren, das Leben. Für die Siedler galt: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Bei der letzten großen Schlacht 1890 bei Wounded Knee wurden 300 Menschen in einem Massaker getötet. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder.4
Das britische Empire war zu dieser Zeit die Weltmacht Nummer eins, in deren Kolonien »die Sonne nie unterging«. Mit dem Ersten Weltkrieg wollte das Empire sich die arabischen Provinzen des zerfallenden Osmanischen Reiches sichern. Das Kernland war Palästina wegen seiner geostrategischen Lage. Pipelines zu den Häfen Palästinas waren bereits in Planung, um das Öl, das »schwarze Gold«, von der Grenze des Persischen Reiches und vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer zu transportieren.5
Zu dieser Zeit begann die Geschichte der Vertreibung der Palästinenser. 1897 wurde auf dem Ersten Zionistenkongress in Basel die Gründung eines »Judenstaates in Palästina« beschlossen. 1917 erklärte der britische Außenminister Lord Balfour »im Namen der Krone« Unterstützung für das Projekt. Nach dem Krieg machte der Völkerbund die Errichtung des »Judenstaates« zu einer zentralen Aufgabe der britischen Mandatsmacht in Palästina. Die zionistische Bewegung entpuppte sich schnell als eine koloniale Siedlerbewegung, die – von Großbritannien, Frankreich und den USA unterstützt – mit der Vertreibung der Palästinenser begann. Bei der ersten »Nakba« (Katastrophe) 1947/1948, wurden mehr als 750.000 Palästinenser von zionistischen Milizverbänden vertrieben, die ihre Dörfer zerstörten und sich ihr Land aneigneten. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 bildeten diese Milizen den Kern der neuen Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF).
Nach vielen Kriegen und illegaler Landbesetzung seit 1948 ist aus Palästina eine Ansammlung kleiner Gebiete geworden, die wie Inseln durch Mauern, Zäune und ein militärisches Apartheid- und Besatzungsregime voneinander getrennt sind. Seit dem 7. Oktober 2023 findet eine weitere »Nakba« statt. Rund zwei Millionen Menschen im Gazastreifen werden von der israelischen Armee gejagt und ermordet. Ihre Häuser, Felder, Werkstätten, Schulen, Kliniken, Universitäten, Moscheen und Kirchen werden zerstört. Israel spricht von einem »Verteidigungskrieg«, man verteidige sich, nachdem es am Vormittag des 7. Oktober 2023 von palästinensischen Milizen angegriffen worden sei. 1.139 Menschen kamen dabei offiziell ums Leben. Eine offizielle israelische Untersuchung dessen, was an diesem Vormittag geschah, steht aus.
In einem Buchladen in Beirut fand ich vor einiger Zeit ein Buch mit dem Titel Determined to Stay (Entschlossen zu bleiben).6 Das Buch ist den Kindern und Jugendlichen von Silwan gewidmet. Silwan ist ein palästinensisches Dorf südöstlich von Jerusalem, unweit der Altstadt. 1967 wurde Silwan im Sechstagekrieg von Israel völkerrechtswidrig besetzt und 1981 völkerrechtswidrig annektiert.
Das Vorwort des Buches trägt die Überschrift »Wir müssen über Palästina und Turtle Island in einem Atemzug sprechen«. Mit »Turtle Island« ist Nordamerika oder auch die Erde gemeint, ein Begriff, der von den indigenen Stämmen der Indianer benutzt wird. Autor des Vorworts ist Nick Estes, Universitätsprofessor und Angehöriger des Lower-Brule-Sioux-Stammes sowie Mitbegründer der »Red Nation«, einer Widerstandsorganisation der ursprünglichen Bewohner Nordamerikas. Als Student an der Universität von Süd-Dakota hatte er das »American Indian Movement« (AIM) kennengelernt und verstanden, dass ihr Kampf gegen die Kolonisierung ihres Landes und ihrer Gesellschaft eng mit den Kämpfen in Nordirland, Südafrika und Palästina verbunden war.
2019 reiste Estes mit einer Delegation nach Palästina und sah die Parallelen zwischen Israel und den USA sofort: »Ich war schockiert über die Intensität, Geschwindigkeit und Aggressivität, mit der israelische Siedler sich das Land der Palästinenser aneigneten. Und ähnlich wie in der US-Geschichte wurde dieser Diebstahl als legal dargestellt – gerechtfertigt von israelischen Gesetzen und genehmigt von israelischen Gerichten.« Die jeweilige Landpolitik von Israel und den USA basiere auf ähnlichen Mythen, stellte Estes fest: »Eine israelische Spendenkampagne in den USA lautet ›Israel lässt die Wüste erblühen‹. Aber die Palästinenser haben seit Tausenden von Jahren nachhaltig gepflanzt und geerntet; es ist die israelische Landpolitik, die die Grundwasserspeicher zerstört, die 1000 Jahre alte Olivenbäume entwurzelt und das fragile Ökosystem der Region zerstört.« Das Gleiche sei in den USA mit dem Land seiner Vorfahren geschehen, so Estes weiter: »80 Prozent der indigenen Kulturen der westlichen Hemisphäre waren Bauern und Landwirte, die Mais, Kürbis, Bohnen und Kartoffeln anbauten.«
Es ist kein Wunder, dass die internationale Opposition gegen den aktuellen Krieg Israels gegen die Palästinenser und gegen die Libanesen aus den Ländern kommt, die in ihrer Geschichte Kolonisierung, Besatzung, Apartheid und Unterdrückung, Vertreibung und Verwüstung erfahren haben. Südafrika führt beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag die Anklage gegen Israel wegen des Verdachts auf Völkermord an den Palästinensern, und viele Staaten aus dem »globalen Süden« haben sich angeschlossen. Bei den Protesten in den USA sind Vertreter der Red Indians und ihrer Organisationen präsent und fordern »Freiheit für Palästina«.
Im September 2024 stimmten in der UN-Vollversammlung 124 UN-Mitgliedsstaaten (von 193) dafür, dass Israel »ohne zu zögern seine unrechtmäßige Anwesenheit« in den besetzten palästinensischen Gebieten »beenden« müsse. Israel müsse Land und Eigentum zurückgeben, das es sich 1967 unrechtmäßig angeeignet habe. Die USA und Israel und zehn weitere Länder waren gegen diese Resolution, Deutschland und die meisten EU-Länder enthielten sich. Warum, wo die Resolution in der UN-Vollversammlung doch einer entsprechenden Empfehlung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag folgte?7
Kapitel VII der UN-Charta sieht zahlreiche Strafmaßnahmen vor, die gegen einen Mitgliedsstaat, der wie Israel Kriegsverbrechen begeht, angewandt werden können, sofern der UN-Sicherheitsrat es beschließt. Dazu gehören die Unterbrechung von Wirtschaftsbeziehungen, des Eisenbahn-, See- und Luftverkehrs, der Kommunikationsverbindungen und der Abbruch von diplomatischen Beziehungen (Artikel 41).8
Warum wird in Deutschland darüber nicht berichtet? Warum wird nicht über Palästina gesprochen? Warum berichten die Medien über den israelischen »Verteidigungskrieg« und nicht über den ersten Völkermord, der im 21. Jahrhundert in aller Welt über »soziale« und internationale Medien verfolgt werden kann? In Deutschland über Palästina zu sprechen ist dringend erforderlich. Es bedeutet auch, über die deutschen und europäischen, die US- und die israelischen Kolonial- und Kriegsverbrechen zu sprechen. Damit diese sich nie wiederholen. Nirgends.
Karin Leukefeld, im November 2024
1 Heinz Halm, Die Araber. Von der vorislamischen Zeit bis zur Gegenwart, C. H. Beck, München 2017
2 Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber, dtv, München 2003
3 Eduardo Galeano, Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents, 8. Aufl., Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2009
4 Dee Brown, Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses. Das Original erschien 1970 unter dem Titel Bury my Heart at Wounded Knee.
5Bernard Regan, The Balfour Declaration, Empire, the Mandate and Resistance in Palestine, Verso, London/New York 2018
6 Jody Sokolower, Determined to Stay. Palestinian Youth Fight for Their Village, Olive Branch Press, New York 2021
7 UN-Vollversammlung vom 18. September 2024, https://news.un.org/en/story/2024/09/1154496
8https://united-nations.org/de/charta/kapitel-7-massnahmen-bei-bedrohung-oder-bruch-des-friedens-und-bei-angriffshandlungenkapitel-6-friedliche-beilegung-von-streitigkeiten/#:~:text=Kapitel%20VII
Das Gebiet zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Persischen Golf weist seit dem 12. Jahrhundert vorchristlicher Zeitrechnung menschliche Zivilisation auf. Religiöse Kultstätten sind in der gesamten Region zu finden. Deren Zeugnisse wie Kultgegenstände, Werkzeuge und Goldschmuck kann man in den Museen von Bagdad, Aleppo und Damaskus sehen. Viele Artefakte wurden im 19. und 20. Jahrhundert aber auch in die Museen europäischer Großstädte verbracht.
Der Reichtum der Region war von jeher das Wasser, die Grundlage jeder Zivilisation. Der Golf reichte weit bis ins Landesinnere, das von Sümpfen durchzogen war. Ackerland und Wasserkanäle bedeuteten Reichtum und Macht. Ab etwa 3000 vorchristlicher Zeitrechnung entwickelten sich städtische Kulturen. Eine der ältesten Städte in Mesopotamien, dem Land zwischen den Strömen Euphrat und Tigris, ist Ur.
Die fruchtbaren Gebiete erstreckten sich vom Persischen Golf entlang von Euphrat, Tigris und vielen Nebenflüssen Richtung Norden und durch das Euphrat-Tigris-Becken gen Westen bis zum Mittelmeer. Entlang der Mittelmeerküste Richtung Süden entspringen zahlreiche Flüsse im Anti-Libanon-Gebirge und am Bergmassiv Hermon (arabisch Jbeil Scheich), die die Golanhöhen und das Hauran-Gebiet bewässern. Am Hermon entspringt auch der Hasbani, einer der drei Quellflüsse des Jordan, der durch den See von Tiberias (See Genezareth) Richtung Süden im Toten Meer mündet.
Umgeben von wichtigen Meeren und durchzogen von Transportwegen, war die Region wie eine Brücke zwischen Ost und West und zwischen Nord und Süd. Der »Fruchtbare Halbmond« – der Name beruht darauf, dass das Gebiet die Form einer Mondsichel hat – zog Eroberer und Händler gleichermaßen an. Im 2. Jahrhundert vorchristlicher Zeitrechnung führte durch das Gebiet die alte Seidenstraße, über die zur Zeit der Han-Dynastie Pelze, Keramiken, Gewürze, Jade, Seide und Bronze aus China über Bagdad und Palmyra in den Hafen von Tyros und von dort weiter nach Alexandria transportiert wurden.9 Eine andere Route verlief von Bagdad und Palmyra über Aleppo und Antiochia (am Fluss Orontes) bis nach Athen. Eine seeseitige Seidenstraße führte damals schon durch das Rote Meer bis zur Sinai-Halbinsel, wo man auf dem Landweg weiter nach Kairo und Alexandria gelangte. Von dort wurden die Waren über das Mittelmeer nach Rom und Venedig verschifft. Umgekehrt wurden Gold, Edelsteine, Glas, Parfüm und Textilien Richtung China transportiert.
Im 6. Jahrhundert vorchristlicher Zeitrechnung führte aus dem Jemen die Weihrauchstraße auf mehreren Wegen Richtung Norden und Westen. Eine Route verlief durch den heutigen Iran (vormals Persien) und dann vermutlich entlang der alten Seitenstraße Richtung Rom. Nach Rom gelangte man auch von den Häfen Gaza und Alexandria aus auf dem Seeweg. Zu den Handelsgütern zählten Weihrauch, Myrrhe, Balsam und Gold. Auch Zimt, Pfeffer, Muskatnuss und andere Gewürze, die aus Indien stammten, wurden nach Rom transportiert.10
Im Mittelalter (800–1500 nachchristlicher Zeitrechnung) florierte der Handel mit Gewürzen aus China, Indien, Jemen und Persien, die Richtung Mittelmeer transportiert wurden. Die Routen führten per Schiff und auf dem Landweg über Hormuz, Bagdad, Damaskus und Aleppo nach Konstantinopel. Eine andere Strecke führte über die Häfen Aden, Gaza und Alexandria nach Genua und Venedig. Und immer verliefen die Handelsrouten durch das Gebiet des »Fruchtbaren Halbmonds«.
Mesopotamien, wo die Entwicklung des »Fruchtbaren Halbmonds« aufgrund des Wasserreichtums ihren Anfang nahm, gilt auch als »Wiege der Zivilisation«. Es war die Zeit des antiken Polytheismus, die Menschen waren in Stämmen organisiert und gehörten unterschiedlichsten Religions- und Kulturformen an. Von den Sumerern über den Aufstieg Babyloniens, von Assyrern und Chaldäern, Hellenen und Römern bis hin zu den Persern kämpften zahlreiche Herrscher um Einfluss und Kontrolle, stiegen Königreiche auf und gingen wieder unter. Die sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen brachten Landwirtschaft und Städtebau hervor. Mesopotamien wurde zu einem wichtigen Zentrum durch Wissenschaft und Technik, insbesondere entwickelten sich Mathematik, Astronomie und Medizin, aber auch Schrift, Architektur, Malerei und Reliefkunst. Handwerke entstanden, Familien wurden gegründet, die Stellung der Frau veränderte sich, Gesetze wurden erlassen. Der bekannteste Herrscher Babyloniens, das am Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris lag, ist Hammurabi I. Er ist bis heute bekannt wegen eines Rechts-Kodex, dessen Entstehung auf etwa 1754 v. Chr. datiert wird. Dieser Hammurabi-Kodex umfasste 282 Gesetze, die in Keilschrift in eine 2,23 Meter hohe Stele aus schwarzem Diorit eingemeißelt wurden. Es handelt sich um die älteste Rechtssammlung, die vollständig erhalten ist.
Im Gegensatz zu den heutigen Weltreligionen, die ihre Schriften, Religionsstifter, Regeln, festen Glaubensinhalte und Institutionen haben, unterwarfen die Menschen sich damals den Göttern nicht wegen einer »Lehre«, sondern aus Ehrfurcht vor den Gewalten der Natur und der Welt. Die Menschen fühlten sich machtlos, die Götter waren die Lenker der Welt. In der antiken Stadt Hatra, seit dem 1. Jahrhundert nachchristlicher Zeitrechnung ein Handelsplatz am Rande einer Region im nördlichen Mesopotamien, die noch heute wegen ihrer Lage zwischen Euphrat und Tigris als »Insel« (arabisch Jazeera) bekannt ist, finden sich beispielsweise auf Torbögen Reliefs, die zahlreiche Tiere und verschiedene Gottheiten darstellen. Was Forscher zunächst für eine Palastanlage hielten, erwies sich als religiöse Kultstätte. Teile der Ruinenstätte Hatra, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, wurden 2015 von Kämpfern des »Islamischen Staat im Irak und in der Levante« zerstört.
Im 7. Jahrhundert nachchristlicher Zeitrechnung breitete der Islam sich bis weit nach Asien sowie durch Nordafrika bis nach Spanien aus. Araber waren namentlich bereits seit dem 9. Jahrhundert vorchristlicher Zeitrechnung bekannt, als der Assyrerkönig Salmanassar III. im Norden Syriens herrschte. »Araber sind die Menschen, die Arabisch sprechen«, so der Islamwissenschaftler Heinz Halm in seinem Buch Die Araber.11 Inzwischen sind es wohl mehr als 300 Millionen Menschen, die vor allem in Nordafrika und Vorderasien leben. Diese Verbreitung der Araber hängt eng mit der Ausbreitung des Islam seit dem 7. Jahrhundert zusammen. Dessen zentrales Schriftwerk, der Koran, ist in arabischer Sprache verfasst.
