Krieg in Nordafrika 1940–1943 - Peter Lieb - E-Book

Krieg in Nordafrika 1940–1943 E-Book

Peter Lieb

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Beschreibung

Der Zweite Weltkrieg hatte viele Schauplätze. Nicht zuletzt wurde in den Kolonien der europäischen Großmächte gekämpft. So nahm Italien 1940 seine Besitzungen im heutigen Libyen zum Ausgangspunkt, um die britischen Stützpunkte in Ägypten anzugreifen. Deutschland kam Mussolini zu Hilfe, doch auch Commonwealth-Truppen aus Neuseeland, Südafrika, Indien und Australien beteiligten sich. Es entspann sich ein mehr als dreijähriger Wüstenkrieg, der nationale Mythen insbesondere um die beiden Feldherrn Bernard Montgomery und Erwin Rommel geprägt und das eine oder andere Trugbild erzeugt hat. Die Reihe "Kriege der Moderne", herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, stellt die wichtigsten militärischen Konflikte des 19. und 20. Jahrhunderts nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen vor und erläutert ihre geschichtlichen Ursachen und politischen Folgen. E-Book mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe: Buch und e-Book können parallel benutzt werden.

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Peter Lieb

Krieg in Nordafrika 1940–1943

Reclam

Kriege der Moderne

 

Herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

 

Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Fachbereich Publikationen (0817–01)

 

 

2018 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Umschlagabbildung: Rue des Archives / Tallandier / SZ Photo

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2018

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961345-1

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011161-1

www.reclam.de

Inhalt

1 Eine Gefangennahme: El Alamein, 4. November 19422 Warum Nordafrika? Die politischen und strategischen Grundlagen3 Reibungen in der Koalitionskriegführung: »Achse« und Alliierte im Vergleich4 Die beteiligten ArmeenItalienerDeutscheCommonwealthUS-Amerikaner5 KampfraumWüstenkriegLogistik6 KriegsverlaufDer italienisch-britische Krieg: Herbst 1940 bis Januar 1941Das deutsche Eingreifen und die Folgen: Frühjahr bis Ende 1941Rommels »Siegeslauf«: Januar bis Juni 1942Wendepunkte: Die drei Schlachten von El Alamein, Sommer/Herbst 1942»Tunisgrad« 1942/437 Wüstenkrieg in Afrika – Mythos und Realität8 Fazit: Nordafrika – Ein Nebenkriegsschauplatz?AnhangDanksagungZeittafelGenerallegende für taktische ZeichenLiteraturhinweiseAbbildungsnachweisPersonenregister

[7]1 Eine Gefangennahme: El Alamein, 4. November 1942

4. November 1942, später Nachmittag: Der gefangene General Wilhelm Ritter von ThomaThoma, Wilhelm Ritter von (r.) trifft Lieutenant General Bernard MontgomeryMontgomery, Bernard (l.) auf dessen Gefechtsstand.

»Kruzifix! Da hilft alles nix mehr!«, fluchte General Wilhelm Ritter von ThomaThoma, Wilhelm Ritter von im derbsten Bairisch. Er stand im Turm seines Panzers und sah den Feind in einer riesigen Wüstenstaubwolke immer näher heranrücken. Die Schlacht war verloren, die ganze Front in Auflösung begriffen. Deutsche wie italienische Soldaten eilten zurück nach Westen, und ThomaThoma, Wilhelm Ritter von sollte mit den Resten seines Deutschen Afrikakorps ihren Rückzug gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Briten decken. Lange Zeit hatten seine Panzer das Gefecht geschickt verzögert, doch nun schien es vorbei zu sein, die gegnerische Übermacht war zu groß.

Der General kletterte vom Turm in den Innenraum des Panzers, als plötzlich ein ohrenbetäubender, dumpfer Knall hereinplatzte. Ein gegnerisches Geschoss war in den Turm eingedrungen, der Panzer fing an, stark zu rauchen. Wie durch ein Wunder überlebten sowohl ThomaThoma, Wilhelm Ritter von als auch die Besatzung. Sie sprangen sofort aus dem Gefährt und versuchten zu Fuß zu fliehen, bis irgendein deutsches Fahrzeug sie aufsammeln [8]konnte. Doch der General spürte einen gewaltigen ziehenden Schmerz in seinem rechten Oberschenkel; er hatte sich eine Prellung zugezogen und konnte nicht mehr richtig laufen. Noch ganz benommen, rief er der restlichen Besatzung zu: »Gehts weiter hinter und sagts, dass i hier vorn bin!« Noch einmal kam sein Fahrer zu ihm zurück. »I komm glei!«, beruhigte ThomaThoma, Wilhelm Ritter von ihn. Es waren ja nur 500 Meter bis zu den eigenen Panzerspitzen.

Plötzlich pfiff ihm rote Leuchtspurmunition um die Ohren. Einige Schüsse durchbohrten sogar seine Feldmütze, ThomaThoma, Wilhelm Ritter von blieb aber unverletzt. Da sah er auch schon zwei britische Transportpanzer, sogenannte Bren Gun Carriers, auf sich zurollen, die zu den 10. Royal Hussars gehörten. Ein Captain gab den Befehl, das Feuer einzustellen, und sprang vom Fahrzeug herunter. Er erkannte sofort, dass er einen großen Coup gelandet und einen deutschen General gefangen genommen hatte. Der Captain konnte zunächst freilich nicht wissen, dass es sich zudem um einen besonderen General handelte. Erst seit zwei Monaten war ThomaThoma, Wilhelm Ritter von Kommandierender General des Deutschen Afrikakorps und galt in der Wehrmacht als ausgewiesener Panzerexperte. In beiden Weltkriegen hatte er sich den Ruf eines passionierten, mutigen Soldaten erworben. Seit er 1916 den höchsten bayerischen Orden, den Militär-Max-Joseph-Orden, erhalten hatte, durfte er als Wilhelm Ritter von ThomaThoma, Wilhelm Ritter von offiziell den Adelstitel tragen. Ungeachtet dessen blieb der hochgewachsene Mann mit dem kantigen Gesicht und den abstehenden Ohren ein echter Troupier. Eine gepflegte Ausdrucksweise war nicht unbedingt ThomasThoma, Wilhelm Ritter von Stärke – trotz seines scharfsinnigen analytischen Geistes. Er liebte vielmehr direkte Ansagen und begab sich häufig im Schlachtengetümmel in die vordersten Reihen. Dies wurde ihm am 4. November 1942 bei El Alamein zum Verhängnis.

»General, für Sie ist der Krieg gelaufen!«, grinste ihn der britische Offizier an und stellte sich als Captain Grant SingerSinger, Grant vor. Er nahm ThomaThoma, Wilhelm Ritter von das Fernglas ab, erbat sich aber dessen Adresse, um es später wieder zurückgeben zu können. Anschließend bestiegen die beiden den Bren Gun Carrier. Durch Staub und Minengassen brachte der Captain seinen Gefangenen zunächst zu General Herbert LumsdenLumsden, Herbert, dem Kommandierenden General des britischen X. Korps. LumsdenLumsden, Herbert aß gerade eine Apfelsine und teilte sie spontan mit ThomaThoma, Wilhelm Ritter von. »Überall einwandfreie Behandlung«, sollte der deutsche General später in seinem Tagebuch festhalten.

[9]Kurz darauf brachte Captain SingerSinger, GrantThomaThoma, Wilhelm Ritter von auf den Gefechtsstand von General Bernard »Monty« MontgomeryMontgomery, Bernard, dem Oberbefehlshaber der 8. Armee. Ein britisches Kamerateam stand schon bereit, um diesen Moment für die Nachrichten in der Heimat festzuhalten. Ein großer militärischer Sieg und ein gefangener deutscher General in der nordafrikanischen Wüste: Das war sicher eine triumphale Meldung! Verstaubt und verdreckt schritt ThomaThoma, Wilhelm Ritter von auf MontgomeryMontgomery, Bernard zu und legte zum militärischen Gruß die rechte Hand an die Schläfe. MontgomeryMontgomery, Bernard reichte ThomaThoma, Wilhelm Ritter von die Hand und bat seinen Gefangenen, mit ihm zu dinieren. Vorher erhielt der Deutsche noch die Gelegenheit, sich zu rasieren und zu waschen. Nachdem ThomaThoma, Wilhelm Ritter von sich in MontgomerysMontgomery, Bernard Gästebuch eingetragen hatte, nahmen sie gemeinsam den Aperitif und verzehrten anschließend zum Abendessen Suppe, Fleisch, Käse und Obst. ThomaThoma, Wilhelm Ritter von, MontgomeryMontgomery, Bernard und dessen Stab tauschten offen ihre Gedanken über die letzten Schlachten aus, meist unterstützt durch einen Dolmetscher. »Furchtbar interessant« fand MontgomeryMontgomery, Bernard das angeregte Gespräch und urteilte über ThomaThoma, Wilhelm Ritter von, dieser sei ein »guter Soldat und sehr anständiger Kerl«.

El Alamein: Von den 104 000 deutschen und italienischen Soldaten der Schlacht gerieten etwa 35 000 in britische Gefangenschaft, etwa drei Viertel davon waren Italiener (Bild).

[10]Als am nächsten Morgen die deutsche Luftwaffe einen – laut ThomaThoma, Wilhelm Ritter von – »lächerlichen schwachen Bombenangriff« gegen MontgomerysMontgomery, Bernard Gefechtsstand flog, bemerkte Letzterer mit typisch britischer Ironie, ThomaThoma, Wilhelm Ritter von sei hoffentlich nicht zu sehr durch den Bombenlärm gestört worden. Anschließend verabschiedete sich MontgomeryMontgomery, Bernard allerdings, schließlich müsse er zur Arbeit und den geschlagenen Feind verfolgen. ThomaThoma, Wilhelm Ritter von hingegen wurde als Kriegsgefangener zunächst nach Kairo und anschließend in das Offiziersgefangenenlager Trent Park in England gebracht, in dem er bis zum Kriegsende bleiben sollte.

ThomaThoma, Wilhelm Ritter von war sich sehr wohl bewusst, dass er nicht in einer gewöhnlichen Schlacht gefangen genommen worden war. »Das war die größte Panzerschlacht, die ich erlebt habe«, betonte er in Gefangenschaft. In der Tat war El Alamein eine Materialschlacht par excellence. Gewiss, die Wehrmacht hatte sich sehr früh in diesem Krieg daran gewöhnt, häufig in Unterzahl zu kämpfen – gerade in Nordafrika. Doch noch nie hatte sie einem materiell so hochgerüsteten Gegner in einer Schlacht gegenübergestanden, einem Gegner, der noch dazu die Initiative nun fest in der Hand hielt. All das machte auf ThomaThoma, Wilhelm Ritter von einen starken Eindruck, und er fühlte sich in seinem Urteil über die deutsche Regierung sowie die bisherige Kriegführung bestätigt. Der General hatte bereits in den Jahren zuvor den Nationalsozialismus kritisch gesehen, doch in Kriegsgefangenschaft wurde er zu einem der schärfsten Kritiker Adolf HitlersHitler, Adolf und dessen Regimes. In einem von den Briten abgehörten Gespräch meinte er zu Offizierskameraden im Januar 1943:

Die Staatsphilosophie der Achsenmächte basiert auf einer prinzipiellen Verachtung des einzelnen Menschen, der Freiheit und aufrechter Gesinnungsbekundung. Wenn wir je uns diese Philosophie zu Eigen machten, würde unser Sieg zu einer Niederlage für die ganze Menschheit werden. […] Ich kann nicht prophezeien, wann der Krieg beendet sein wird, aber eines kann ich sagen: Das Jahr 1943 wird uns ein tüchtiges Stück weiterbringen auf dem Weg nach Berlin, Rom und Tokio.

Ein derartig hohes Niveau an kritischer Selbstreflexion war in der Wehrmachtgeneralität selbst in der Gefangenschaft nicht häufig anzutreffen. ThomaThoma, Wilhelm Ritter von hingegen merkte, dass er bei einer entscheidenden [11]Schlacht auf dem Weg in den Niedergang in Gefangenschaft geraten war.

Die Umstände von ThomasThoma, Wilhelm Ritter von Gefangennahme und sein Empfang bei MontgomeryMontgomery, Bernard verdeutlichen noch eine andere Facette dieser Schlacht, ja sogar des gesamten Kriegs in Nordafrika: Der alte militärische [12]Ehrenkodex, der den Umgang zwischen den Kriegsgegnern prägte, schien in der nordafrikanischen Wüste noch intakt zu sein. Die dortige Auseinandersetzung war kein rassenideologischer, fanatisierter und hasserfüllter Krieg wie an der Ostfront. »Ein großzügiger Sieger«, urteilte daher das britische Fernsehen über MontgomerysMontgomery, Bernard Treffen mit dem deutschen General. Dieses Bild des »ritterlichen« Wüstenkriegs wirkt bis heute nach.

Doch war dem wirklich so? Diese Frage stellt sich auch für die zahlreichen anderen Mythen dieses Kriegsschauplatzes: den »Wüstenfuchs« Generalfeldmarschall Erwin RommelRommel, Erwin, die britischen »Desert Rats«, den »genialen« Feldherrn MontgomeryMontgomery, Bernard, die »unfähigen« Italiener und die »schneidigen« Panzerschlachten, um nur einige Stichworte zu nennen. Diese Bilder und Erzählungen haben sich bis heute ins nationale Bewusstsein der damaligen Kriegsparteien eingegraben, nämlich der Deutschen und Italiener auf der einen Seite, der Briten, Australier, Neuseeländer, Franzosen, Südafrikaner, Griechen, Polen sowie später auch der US-Amerikaner auf der anderen. Was hat es mit diesen Mythen auf sich? Wie sah die Realität des Krieges in Nordafrika aus? Es ist Zeit, all diese Stereotype und Bilder des Wüstenkriegs einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Dabei ist aber auch eine Analyse der militärischen wie politischen Gründe für den Sieg der Alliierten und die Niederlage der sogenannten Achsenmächte vonnöten. Moderne und klassische Militärgeschichte sollen also in diesem Buch eine fruchtbare Symbiose eingehen.

Abgeschossen – El Alamein, Aquarell von Adelhelm DietzelDietzel (1943), einem Teilnehmer der Schlacht. Wie bei vielen Zeitzeugen hinterließ die Niederlage einen nachhaltigen Eindruck.

Sicher ist schon vorab: Wie jeder Krieg bedeutete auch der Krieg in Nordafrika Tod, Leid und Zerstörung. Symptomatisch hierfür mag das Schicksal von Captain SingerSinger, Grant sein, jenes Offiziers also, der am 4. November 1942 General ThomaThoma, Wilhelm Ritter von gefangen genommen und zu MontgomeryMontgomery, Bernard gebracht hatte. Er fiel nur einen Tag später in ebenjener Schlacht von El Alamein.

[13]2 Warum Nordafrika? Die politischen und strategischen Grundlagen

Rom, 10. Juni 1940: Benito MussoliniMussolini, Benito verkündet vom Balkon des Palazzo Venezia den Kriegszustand mit Frankreich und Großbritannien.

Am Anfang war MussoliniMussolini, Benito. Denn ohne den ambitionierten italienischen Diktator wäre Nordafrika möglicherweise gar kein Kriegsschauplatz geworden. So begann am 9. September 1940 die italienische 10. Armee von der Kolonie Libyen (Libia Italiana) aus eine Großoffensive gegen die britischen Truppen, die im eigentlich souveränen Königreich Ägypten stationiert waren. Auf den gewünschten militärischen Erfolg wartete der »Duce« Benito MussoliniMussolini, Benito aber vergebens. Stattdessen erlebte sein Heer bald eine verheerende Niederlage, sodass sich sein Verbündeter HitlerHitler, Adolf gezwungen sah, den Italienern beizuspringen und [14]deutsche Truppen unter dem Befehl von Generalleutnant Erwin RommelRommel, Erwin nach Tripolis zu schicken. Es folgten fast zwei Jahre, in denen die Kontrahenten in Nordafrika mit wechselndem Schlachtenglück gegeneinander kämpften. Erst im November 1942 gelang es der britischen 8. Armee unter Lieutenant General Bernard MontgomeryMontgomery, Bernard, bei El Alamein die entscheidende Wende herbeizuführen. Es folgte ein langer Rückzug der deutsch-italienischen Truppen, die schließlich am 13. Mai 1943 in Tunis kapitulierten. Der Krieg in Nordafrika war damit beendet, wohingegen der Zweite Weltkrieg noch zwei Jahre andauern würde. So weit die Kurzfassung des Wüstenkriegs.

Doch wie kam es überhaupt zu diesem Krieg in Nordafrika? Welche Strategien verfolgten die kriegführenden Mächte auf diesem Schauplatz? Zentral für das Verständnis sind zunächst die Politik und die Ideologie des faschistischen Italiens. Bereits vor dem italienischen Kriegseintritt im Juni 1940 war es MussolinisMussolini, Benito erklärtes Ziel gewesen, Italien als Großmacht fest im internationalen Machtgefüge zu etablieren. Die bisherigen italienischen Besitzungen in Libyen, Albanien und dem griechischen Dodekanes sollten beträchtlich erweitert werden. Außerdem sollte der afrikanische Kolonialbesitz um Tunesien vergrößert werden. Zudem strebte der »Duce« eine Verbindung der Libia Italiana durch eine Landbrücke über den Tschad und den Sudan mit den ostafrikanischen Besitzungen in Abessinien (Äthiopien), Eritrea und Teilen des heutigen Somalias (Africa Orientale Italiana) an. So wollte MussoliniMussolini, Benito die unangefochtene Vorherrschaft auf dem südlichen Balkan, im Mittelmeer und in Nordostafrika gewinnen. Derartig weitreichende Ambitionen mussten zwangsläufig zu Konflikten mit den einstigen italienischen Verbündeten aus dem Ersten Weltkrieg führen: Frankreich und Großbritannien. Frankreich verstand sich selbst als Mittelmeermacht, und Großbritannien wollte seine Seewege nach Indien über Gibraltar, Malta und den Suezkanal schützen. Eine starke fremde Kolonialmacht konnte es in Nordostafrika daher nicht dulden.

Frankreich und Großbritannien waren auch die Feinde des Deutschen Reichs. Folglich näherten sich der »Führer« und der »Duce« einander an, nicht nur aus ideologischen, sondern auch aus machtpolitischen Erwägungen heraus. Schon in Mein Kampf (1925/1926) hatte HitlerHitler, Adolf Italien als natürlichen Verbündeten des Deutschen Reichs ins Auge gefasst. Die Ansprüche beider Staaten auf territoriale Einflusszonen [15]schienen sich nahezu perfekt zu ergänzen, denn das Deutsche Reich plante, nach der Schwächung von Großbritannien und Frankreich eine Kontinentalmacht in Mittel- und Osteuropa zu werden. Italien dagegen wünschte sich eine Art Wiedergeburt des Römischen Reichs mit dem Mittelmeer als Mare Nostrum und darüber hinaus ein Kolonialreich in Nordostafrika.

Italienische Kolonialarchitektur trifft auf islamische Bauten. Das Municipio (Rathaus) und die Moschee von Bengasi, aufgenommen von einem deutschen Soldaten des Afrikakorps.

Ein erster Schritt war die brutale Eroberung Abessiniens durch italienische Truppen 1935/36; im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) unterstützten Italien und das Deutsche Reich gemeinsam den nationalistischen General Francisco FrancoFranco, Francisco. Einzig auf dem Balkan schienen deutsche und italienische Interessen unvereinbar miteinander. Hinzu kam die »Südtirol-Frage«, doch HitlerHitler, Adolf war das Schicksal der etwa 200 000 deutschsprachigen Südtiroler gleichgültig. Viel mehr lag ihm an einer festen Allianz mit Italien, auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem und militärischem Gebiet. Am 25. Oktober 1936 schlossen HitlerHitler, Adolf[16]und MussoliniMussolini, Benito daher einen Freundschaftsvertrag. Um die neu entstandene »Achse Berlin–Rom« sollte sich ihrer Meinung nach zukünftig die europäische Politik drehen. Kurz vor Kriegsbeginn, am 22. Mai 1939, schmiedeten die »Achsenmächte« gar einen »Stahlpakt«, in dem sie einander uneingeschränkte militärische Hilfe zusagten, selbst im Falle eines Angriffskriegs. »Reinstes Dynamit« nannte der italienische Außenminister Galeazzo CianoCiano, Galeazzo diesen Vertrag, der am 27. September 1940 sogar zum »Dreimächtepakt« mit dem Kaiserreich Japan erweitert wurde.

MussolinisMussolini, Benito Strategie ist häufig als sprunghaft und realitätsfern beschrieben worden. In der Tat waren Wege und Mittel seinen Zielen unangemessen, zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafften oft Welten. Allerdings trifft dieses Urteil nicht auf den Kriegsbeginn 1939 zu, denn damals zögerte der »Duce«. Am Abend des 26. August 1939, also sechs Tage vor HitlersHitler, Adolf Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, teilte er dem Verbündeten mit, sein Land könne nicht am kommenden Krieg teilnehmen. Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel und zwei Tage später Großbritannien sowie Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, verkündete MussoliniMussolini, Benito offiziell die non belligeranza. Italien blieb damit – wie schon im Ersten Weltkrieg – erst einmal neutral. Der »Duce« hatte sehr richtig erkannt, dass seine Streitkräfte für einen Krieg noch nicht bereit waren und Großbritannien mit seiner Flotte jederzeit die lebenswichtige Kohleversorgung des Landes abwürgen konnte.

Es waren die überraschenden deutschen »Blitzsiege« in Polen, Skandinavien und vor allem im Westen Europas, die den »Duce« dann doch alarmierten. Denn Anfang Juni 1940 schien es so, als würde HitlerHitler, Adolf den Krieg gewinnen und das neutrale Italien am Ende ohne jede Beute dastehen. MussoliniMussolini, Benito verfiel nun in einen rast- und orientierungslosen Aktionismus. Unabhängig vom Deutschen Reich wollte er »Parallelkriege« führen, ganz im Stile der »Blitzkriege« seines Vorbilds HitlerHitler, Adolf. Gegen die Argumente seiner Militärs erklärte MussoliniMussolini, Benito am 10. Juni 1940 Frankreich und Großbritannien den Krieg. Wie HitlerHitler, Adolf inszenierte er sich fortan als Feldherr, nachdem ihn König Victor Emmanuel III.Victor Emmanuel III., König zum Oberbefehlshaber aller italienischen Truppen an der Front ernannt hatte. Der 68-jährige Marschall Pietro BadoglioBadoglio, Pietro und sein Generalstab durften fortan ohne MussolinisMussolini, Benito Beteiligung keine militärischen Operationen mehr planen. Erst unter dem Eindruck der fatalen Niederlagen 1940/41[17]sollte der Generalstab unter BadogliosBadoglio, Pietro Nachfolger, Ugo CavalleroCavallero, Ugo, wieder seine Autonomie zurückgewinnen.

Am Tag ihres Kriegseintritts griff die italienische Armee die befestigten französischen Stellungen in den Alpen an, in der Hoffnung, den durch die Wehrmacht bereits geschlagenen Gegner schnell besiegen zu können. Doch der Feldzug verlief überhaupt nicht nach Plan, die italienischen Angriffe kamen in dem schwierigen Gelände praktisch sofort zum Erliegen. Sehr zu seinem Ärger konnte MussoliniMussolini, Benito aus der französischen Niederlage gegen das Deutsche Reich keinen militärischen Nutzen ziehen. Entsprechend enttäuschend fielen auch die politischen Früchte des Waffenstillstands zwischen Frankreich und Italien vom [18]24. Juni 1940 aus: Anstatt ganz Savoyen und Nizza wurde Italien lediglich ein Gebiet von 832 km² mit 28 500 Einwohnern, inklusive der Stadt Menton, zugeschlagen.

Trotzdem musste MussoliniMussolini, Benito irgendwie die vermeintliche Großmachtstellung seines Imperiums beweisen. Also eröffnete er hektisch seine nächsten »Blitzfeldzüge«, diesmal gegen Großbritannien. Das Timing schien perfekt, denn das Land kämpfte damals in der »Luftschlacht um England« ums nackte Überleben. Ausgangspunkt der neuen italienischen Offensive war das eigene Kolonialreich in Ostafrika. Nach kleineren Streifzügen im Sudan und in Kenia überschritten am 3. August 1940 italienische Einheiten die Grenze zu Britisch-Somaliland und eroberten bis zum 19. August die kleine britische Kolonie. Es sollte der einzige erfolgreiche und allein durchgeführte Feldzug der Italiener während des gesamten Krieges bleiben.

Beschwingt durch den Erfolg in Ostafrika, griff MussoliniMussolini, Benito am 9. September die Briten in Ägypten an und attackierte am 28. Oktober 1940 von Albanien aus das neutrale Griechenland. Damit führte das Königreich Italien gleichzeitig zwei Feldzüge. Doch seine militärischen Unzulänglichkeiten zeigten sich schnell und schonungslos; beide Operationen mündeten in eine totale Katastrophe. Auf dem Balkan mussten die beiden italienischen Korps bereits nach wenigen Tagen ihre Offensive einstellen, nachdem sie maximal 50 Kilometer auf griechisches Territorium vorgedrungen waren. Gewiss mussten die Italiener anspruchsvolles Gebirgsgelände überwinden, ihren Nachschub über die Adria heranführen und mit dem schlechten Herbstwetter kämpfen. Doch beeindruckend war dieser Feldzug auf griechisches Gebiet trotzdem nicht. Schlimmer noch: Am 14