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Wenn politische Rhetorik zunehmend von Konfrontation bestimmt ist, braucht es Stimmen, die für Verständigung eintreten. Klaus von Dohnanyi und Erich Vad analysieren die gegenwärtige Lage mit klarem Blick und strategischer Tiefe. Sie fordern, was oft vergessen wird: Diplomatie als Pflicht und Ausdruck von Stärke. Und sie denken lösungsorientiert: Frieden entstehe nicht durch Eskalation, sondern durch Dialog, Verhandlungen und den Mut zur politischen Klugheit. Ihr Gespräch lädt ein zur Rückbesinnung auf das, was Krisen lösen kann, nämlich Gesprächsbereitschaft, Augenmaß, Verantwortung. Denn die Gefahr einer weiteren Eskalation ist real - und wächst. Unabhängig, sachlich und entschlossen in der Haltung appellieren Klaus von Dohnanyi und Erich Vad: Es braucht mehr Diplomatie!
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ebook Edition
Klaus von Dohnanyi Erich Vad
Krieg oder Frieden
Deutschland vor der Entscheidung
Impressum
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www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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ISBN: 978-3-98791-130-9
1. Auflage 2025
© Westend Verlag GmbH, Waldstr. 12 a, 63263 Neu-Isenburg
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt
Titelbild
Vorwort
»Es ist ein Unterschied, ob man über Krieg redet oder ihn erlebt hat.«
»Man kann Krieg nicht losgelöst von Politik denken.«
»Ein Krieg mit Russland ist für Deutschland und Europa keine rationale Option.«
»Eskalation vermeiden. Verstehen heißt nicht zu akzeptieren und gutzuheißen.«
»Merkel hat 2008 berechtigterweise die Aufnahme der Ukraine und Georgiens in die NATO abgelehnt.«
»Strategische Sichtweisen verstehen und den Kontrahenten zubilligen.«
»Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.« (Otto von Bismarck)
»Deutschland müsste in der Sicherheitspolitik eine viel größere Rolle spielen.«
»Die Mehrheit der Deutschen will Frieden. Das sollte sich im Regierungshandeln widerspiegeln.«
»Abschreckung ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, dass ein potenzieller Feind ein Interesse am Frieden hat.«
»Den Führungsschichten in Europa fehlt das strategische Verständnis angesichts der Kriegsgefahr.«
»Bereits Helmut Schmidt wusste: Die USA werden uns bei der Verteidigung Europas nicht fragen, wie die laufen soll.«
»Man muss stärker in neue, digitale Technologien investieren, statt Krieg von gestern vorzubereiten.«
»Eine Politik machen, bei der wir das Interesse am Frieden stärken und uns nicht nur auf Krieg einrichten.«
»Die Amerikaner sind bereit, Krieg auf dem Boden Europas zu führen, nur nicht bei sich zuhause.«
»Nicht nur Putin, sondern ganz Russland fühlt sich durch die faktische Osterweiterung der NATO bedroht.«
»Wäre die Politik von Abschreckung und Dialog im Kalten Krieg schiefgelaufen, wäre von Deutschland nichts mehr übrig.«
»Es ist sicher, dass die Ukraine nicht in die NATO kommt.«
»Der Westen wird nicht darum herumkommen, sich nochmals mit dem letzten Angebot Russlands vom Dezember 2021 zu beschäftigen.«
»Wir haben seit 1945 versucht, die EU auch als Transmissionsriemen deutscher Interessen zu betreiben.«
»Bereits im Ersten Weltkrieg ging es um die Frage, wer das Sagen in Europa hat.«
»Merz denkt gänzlich unhistorisch.«
»Der Föderalismus war und ist unsere Stärke. Wer das nicht weiß, kann keine gute Politik für Deutschland machen.«
»Frieden fällt nicht vom Himmel, er ist Ergebnis von sorgfältiger politischer Arbeit.«
Titelbild
Inhaltsverzeichnis
Klaus von Dohnanyi und Erich Vad sprechen über »Krieg oder Frieden. Deutschland vor der Entscheidung«. Beide haben sich im Zuge der öffentlichen Debatte um den Krieg in der Ukraine kennen und zu schätzen gelernt.
Sie verbindet die Sorge, dass Deutschland und Europa 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit Gefahr laufen, dass dieser Krieg zu einem europäischen Krieg mit Russland führt. Es gibt ein letztes Zeitfenster für uns, um neue politische Handlungsoptionen zu finden. Diese werden in unserem Gespräch ausgelotet, um Wege aus der Gefahr aufzuzeigen.
Es begann ein reger Gedankenaustausch zwischen beiden Autoren mit ihren ganz unterschiedlichen persönlichen, biographischen und beruflichen Hintergründen.
Der Verleger des Westend Verlags, Markus Karsten, lud Klaus von Dohnanyi und Erich Vad zu einem gemeinsamen Gespräch über Krieg und Frieden sowie zu den aktuellen Themen der internationalen Geo- und Sicherheitspolitik ein.
Das Gespräch wurde am 9. Juli 2025 in Hamburg geführt.
Maike Gosch und Heide Sommer haben an der Vorbereitung und Begleitung des Gesprächs mitgewirkt.
Der Westend Verlag legt hiermit die verschriftlichte Fassung des Gesprächs vor. Beide Autoren danken dem Verlag für die Initiative, die professionelle Begleitung der Publikation sowie für die verlegerische und redaktionelle Betreuung.
Klaus von Dohnanyi
Erich Vad
Hamburg und Grünwald, im August 2025
Moderatorin Westend: Schönen guten Tag, Herr von Dohnanyi, Herr Vad, ich freue mich, dass wir Sie beide hier zusammen haben. Nicht nur in Deutschland wächst die Kriegsangst, sogar der SPIEGEL machte Anfang Juli mit dem Titel auf: »Die neue Kriegsangst. Wie sich Deutsche auf den Ernstfall vorbereiten«.
Sie beide haben geopolitische Bücher über Krieg und Frieden geschrieben. Sie, Herr von Dohnanyi, das Buch Nationale Interessen und Sie, Herr Vad, die Bücher Abschreckend oder erschreckend und Ernstfall für Deutschland – Ein Handbuch gegen den Krieg und Sie haben mit diesen Büchern und ihren Positionen in der Medienöffentlichkeit, insbesondere zum Ukrainekrieg, aber auch zur Frage der Souveränität und Unabhängigkeit Deutschlands viele Positionen und Entscheidungen des sogenannten Mainstreams in Politik und Medien in Frage gestellt. Was hat sie zu diesen Positionen und zu dieser Stellungnahme veranlasst? Also, was war ihre Motivation, sich in diese Debatte einzumischen? Das vielleicht zuerst, und dann im zweiten Schritt: Wie belastend waren die zum Teil auch negativen Reaktionen für Sie, die Sie ja beide lange Zeit sehr tief in der Politik tätig waren? Wie fühlt es sich an, jetzt umstritten zu sein?
Klaus von Dohnanyi: Ich denke, man kann mich besser verstehen, wenn man meinen persönlichen und auch meinen politischen Lebensweg erinnert: Heute vor etwas mehr als 80 Jahren wurde ich aus der Wehrmacht entlassen. Das heißt, ich war im letzten großen Krieg noch fast ein halbes Jahr in einem Kampfbataillon des sogenannten Reichsarbeitsdienstes. Ich hatte rund 100 junge Männer zu führen, die genauso alt waren wie ich, nämlich 16. Und das war eine große Verantwortung, unter anderem weil einer von denen, das werde ich nie vergessen, seine Panzerfaust nicht tragen konnte, weil er zu klein war. Aber jeder musste eine Panzerfaust haben. Also habe ich seine auch noch getragen. In anderen Worten, wenn ich jetzt zurückdenke, dann denke ich mit der Erfahrung eines Mannes, der am Krieg teilgenommen und Krieg erlebt hat. Es ist ein großer Unterschied, ob man über den Krieg redet oder ob man ihn mal um die Ohren gehabt hat. Die russischen Truppen waren ungefähr 30 km entfernt. Wir sind getürmt und Gott sei Dank sind wir dann sehr schnell in die Gefangenschaft der Kanadier gekommen, so jung wie wir waren, mit 16. Aber wir hörten den Kanonendonner laut, vor unserer Nase sozusagen. Und wir hatten einen Chef, beim Reichsarbeitsdienst nannte man das Feldmeister, einen Feldmeister mit Namen Hermann, der im letzten Augenblick sagte: »Jungs, wir kehren um!« Dann sind wir nach Norden wegmarschiert, nach Nordwesten. Dieser Marsch war schrecklich. Wir sind da an einem Tag rund 70 km marschiert mit Gepäck. Das war fast nicht möglich. Und das war deswegen eine so schwierige Situation, weil wir an einer ganzen Reihe von katastrophalen Bildern vorbeikamen. Da hingen junge Fahnenflüchtige an den Bäumen, die von der SS aufgehängt worden sind. Und dann kreuzten wir einen Zug von blauweiß gekleideten KZ-Häftlingen, die nach Norden geführt wurden. Also in anderen Worten, wenn ich heute zurückdenke, dann denke ich eben an meine militärischen Erlebnisse oder meine Erfahrungen im Krieg. Und das ist etwas, was – glaube ich – mich auch ganz stark geprägt hat im Zusammenhang mit der Debatte über Krieg und Frieden. Und deswegen war ich auch so begeistert von dem Buch »Ernstfall für Deutschland« von Erich Vad, der dieses Buch geschrieben hat, um einen Weg gegen den Krieg vorzuzeichnen und aufzuzeigen. Aber ich habe eben eine Erfahrung mit Krieg gemacht, die heute in Deutschland selten ist.
Erich Vad: Das Thema Krieg. Ich habe Krieg natürlich selber nicht erlebt, weil ich Jahrgang ’57 bin. Aber ich hatte Eltern, die mir schon vermittelt haben, was Krieg bedeutet, die den Krieg – ja auch den Zweiten Weltkrieg – erlebt haben. Dann habe ich 1975 das Abitur gemacht an einem altsprachlich-humanistischen Gymnasium in Düsseldorf, dem Görres-Gymnasium. Es war 500 Jahre die Kaderschmiede des Düsseldorfer Bürgertums. Und ich hatte Lehrer – die Hälfte der Lehrer – die noch aus der Kriegsgeneration waren und die den Krieg erlebt haben. Ich hatte einen Lateinlehrer, der armamputiert war, einen Geschichtslehrer, der sein Bein verloren hat als junger Mann, beide junge Offiziere im Russland-Feldzug. Sie haben über den Krieg nicht gesprochen, aber in der Art, wie sie das Wissen vermittelten an uns Schüler, schwebte quasi diese Erfahrung mit. Ich weiß nicht, wie ich das bezeichnen soll, aber es war präsent, einfach in dem, was sie sagten und wie sie es sagten. Man spürte es: Das war getragen von dieser schrecklichen Kriegserfahrung. Und natürlich dann mein Beruf als Soldat, der mich sicherlich auch geprägt hat. Ich habe diesen Beruf auch deshalb ergriffen, weil nach dem viel zu frühen Tode meines Vaters ein väterlicher Freund der Familie, Günther Pape, bei uns in der Nachbarschaft lebte und ich als Junge mit ihm gefühlt tausend Stunden Gespräche über Krieg geführt habe, wie er ihn eben unmittelbar erlebt hat. Günther Pape war mit 37 einer der jüngsten Generäle der Wehrmacht. Er war sehr tapfer, mehrfach verwundet und Ritterkreuzträger. Nach dem Krieg hat er eben auch die deutsche Panzertruppe der Bundeswehr aufgebaut, war Divisionskommandeur, zum Schluss seiner Laufbahn Befehlshaber des Wehrbereichs 3 in Düsseldorf. Dieser Mann hat mir gegenüber natürlich sehr viel transportiert von seinen Kriegserlebnissen. Und alles das hat mich auch motiviert, Offizier zu werden, weil ich eigentlich, wenn ich ehrlich bin, als junger Mann mir gesagt habe, ich will einfach so sein wie er oder so werden wie er. Er war und ist mein Vorbild. Sein Bild in Wehrmachtsuniform stand auch bei mir auf dem Schreibtisch in meiner Zeit im Kanzleramt. Ich habe nie verstanden, warum in der Zeit von Verteidigungsministerin von der Leyen alle Bezüge zur Wehrmacht verboten wurden. Wegen dieses mich imponierenden Vorbilds bin ich letztlich Soldat geworden und dieser Beruf hatte natürlich, wenn man das Waffenhandwerk lernt, mit Krieg und Vorbereitung auf Krieg zu tun. Ich war lange in der Panzerlehrerbrigade 9, rund acht Jahre lang als Zugführer und Kompaniechef. Ich war vor der Generalstabsausbildung im amerikanischen Kampftruppenzentrum stationiert in den USA, wo man mit Krieg natürlich per se jeden Tag zu tun hatte. In den USA, später auch bei der Fallschirmspringerausbildung in Israel, hatte ich als deutscher Offizier zum ersten Mal mit amerikanischen Kameraden zu tun, die schon Kriegseinsätze erlebt hatten. Ein Oberstleutnant z. B. vom US-Marine Corps war als junger Offizier während des Vietnamkrieges im Kampfeinsatz und der mich sehr beeindruckende Kommandeur des Kampftruppenzentrums hatte gleich zwei »tours of duty« in Vietnam, ein sehr tapferer, imposanter Vorgesetzter. Morgens, wenn wir nach dem Frühsport und dem Flaggenappell in unsere Hörsäle gingen, mussten wir immer durch eine »Hall of Fame«. Ich erinnere mich nicht mehr an die Details. Da waren sehr viele Bilder von Generälen aus den Kriegen und den Operationen der Vereinigten Staaten und den Kriegen, die sie geführt haben. Aber nicht vergessen kann ich eine ganz kleine Stelle in dieser »Hall of Fame«: Das war ein Proviantpaket eines jungen Marines, der in Keh Sanh in Vietnam eingesetzt war und der kurze Zeit später in den schweren Kämpfen dort gefallen ist. Kurz vorher hatte er auf sein Proviantpaket geschrieben: »Life has a special flavor, the protected never know.« Das heißt, dieser junge Mann hatte eine Vorahnung, was Leben und Tod bedeutet im Angesicht des Todes. Dieses Bild hat sich bei mir ein Stück weit eingebrannt. Und als junger Offizier in der Freiherr-von-Boeselager-Kaserne in Münster (Georg Freiherr von Boeselager war Teil des militärischen Widerstands gegen Hitler), wo ich lange Jahre stationiert war, sah ich es jeden Morgen, jenes Schild über dem Eingang zum Kompanieblock und darauf stand: »Kämpfen können ist besser als kämpfen zu müssen.« Hier war dieses Abschreckungsprinzip der NATO auf den Punkt gebracht, was ich immer noch für sehr, sehr wichtig halte, auch für die künftige Aufstellung der Bundeswehr. Krieg war und ist also Teil meines Berufes. Und dann habe ich natürlich als junger Offizier – das war schon eine ganz existentielle, gleichwohl mehr geistige Erfahrung – neben dem Dienst meine Doktorarbeit geschrieben über Carl von Clausewitz, die damals der israelische Militärhistoriker Jehuda L. Wallach angeregt und betreut hat. Jehuda Wallach kannte den Krieg nicht nur theoretisch. Er kämpfte in der Haganah, war ein tapferer Kommandeur im Unabhängigkeitskrieg und Brigadekommandeur im Sinaikrieg 1965. Na ja, und Clausewitz kannte den Krieg natürlich auch aus eigener Erfahrung und hat auch viel über Krieg und Politik nachgedacht. Und seit dieser Zeit und insbesondere nach den langen Jahren, die ich als Militär in der Politik, zuletzt im Bundeskanzleramt, verbrachte, kann ich selbst auch nicht mehr Krieg ohne Politik denken.
Klaus von Dohnanyi: Darf ich mal unterbrechen? War Ihnen bei der Beschäftigung mit Clausewitz klar, dass er in der russischen Armee gedient hatte?
Hat Sie das eventuell bewogen darüber nachzudenken, dass uns damals maßgeblich das Zarenreich von Napoleon befreit hat, ähnlich wie im Zweiten Weltkrieg die frühere Sowjetunion bei der Befreiung Europas und auch Deutschlands von Hitler kriegsentscheidend war?
Erich Vad: Sehr richtig.
Klaus von Dohnanyi: Und sind Sie dann auch so tief in die Lebensgeschichte von Clausewitz eingedrungen, dass Ihnen klar geworden ist, welche Bedeutung Russland damals für Preußen und die Befreiung Europas von Napoleon hatte?
Erich Vad: Sehr richtig, Herr von Dohnanyi. Clausewitzhatte damals zusammen mit anderen Offizieren die preußischen Dienste verlassen wegen dieses Bündnisses Preußens mit Napoleon und ist in die russische Armee eingetreten, um an der Seite des Zaren gegen Napoleon zu kämpfen …
Klaus von Dohnanyi:
