Kriminal-, Abenteuer- und Spukgeschichten - Volker Liebig - E-Book

Kriminal-, Abenteuer- und Spukgeschichten E-Book

Volker Liebig

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Beschreibung

Das Buch 'Kriminal-. Abenteuer- und Spukgeschichten' beinhaltet vier Kriminalgeschichten, ein Quiz, drei Spukgeschichten und sieben Abenteuergeschichten.

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Inhaltsangabe

Fünf E-Mails

Der Schatz von Rügen

Hampton, eine mysteriöse Begebenheit

Die Kammer des Ritters

Das seltsame Haus

Die Papyrusrollen der Katharer

Der Getränkeautomat

Ein Fall in England

Der Zentralnervensystemmanipulator

Geschichten am Grillabend

Mors certa, hora incerta oder eine abenteuerliche Krankengeschichte

Die Scheune

In den Everglades

Fünf E-Mails

Mit einer Geste unterbrach Polizeiobermeister Gründel den Redefluss der ihm gegenübersitzenden jungen Frau.

„Gut...äh...Fräulein..., Frau Schrader. Ich möchte, dass Sie hier sitzen bleiben und einen Moment warten. Ich glaube nämlich, dass Sie Ihre Geschichte dem Kommissar erzählen sollten. Ich werde mich beeilen.“

Obermeister Gründel erhob sich, ging auf die Tür zu, öffnete sie und wandte sich dann zurück: „Es dauert bestimmt nicht lange.“

Die Tür schloss sich hinter ihm, und Frau Schrader versuchte, sich zu beruhigen. Erst jetzt nahm sie die Enge des Büros, in das sie eine Polizistin geführt hatte, wahr. Zur Einrichtung gehörten nur der Tisch an dem sie saß, ein Tonbandgerät, das schräg vor ihr auf dem Tisch stand, vier Stühle und in der Ecke neben der Tür ein alter Aktenschrank. An der Stirnseite befand sich ein Fenster ohne Gardinen. Unter dem Fenster erblickte sie einen alten, staubigen Lamellenradiator. Ihr gegenüber, neben der Tür, hing noch ein Spiegel an der Wand. Sie sah hinein und versuchte hastig ihre Frisur, die sich beim Laufen zur Polizeistation aufgelöst hatte, zu ordnen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Wachtmeister Gründel und ein weiterer Mann betraten den Raum. Frau Schrader legte, so schnell wie sie nur konnte, ihre Hände in den Schoß.

Die Männer nahmen ihr gegenüber Platz, und

Wachtmeister Gründel ergriff das Wort, während er ein mitgebrachtes Aufzeichnungsgerät auf dem Tisch ablegte.

„So, Frau Schrader, das ist Kommissar Lisowski. Ich möchte, dass Sie ihm genau erzählen, was sich zugetragen hat. Genauso, wie Sie es mir erzählt haben, ja?“

Frau Schrader nickte.

„Sie sind doch damit einverstanden, dass wir Ihre Aussage aufnehmen, oder?“

„Ja... ja, natürlich.“

„Fein. Dann können gleich Sie anfangen, sobald ich das Gerät eingeschaltet habe. So…, jetzt!“

Fräulein Schrader schaute auf das Gerät, legte die Hände auf den Tisch und begann ihre Geschichte zögerlich zu erzählen: „Ich bin hier, weil ein Freund von mir in großer Gefahr ist. Vielleicht lebt er schon gar nicht mehr. Seine letzte Nachricht war so….“

„Nein, nein, nein, Fräulein Schrader“, unterbrach sie Kommissar Lisowski, „erzählen Sie bitte alles der Reihe nach. Beginnen Sie einfach damit, wer Sie sind, welchen Beruf Sie ausüben, wer dieser Freund ist, wo Sie ihn kennengelernt haben, was er macht und warum Sie glauben, dass er sich in großer Gefahr befindet. Das würde es uns erleichtern, uns in die Angelegenheit hineinzudenken. Wollen Sie es noch einmal versuchen?“

Kommissar Lisowski hatte ganz ruhig gesprochen, schaute Fräulein Schrader erwartungsvoll an und wies dann mit der Hand in Richtung Aufnahmegerät: „So, bitte.“

Fräulein Schrander legte die Hände auf den Tisch, faltete die Finger ineinander und sprach in Richtung des

Aufnahmegerätes: „Mein Name ist Cornelia Schrader. Ich bin 24 Jahre alt und studiere Betriebswirtschaft. Unter der Woche lebe ich in Düsseldorf. Nur an den Wochenenden bin ich meistens hier bei meinen Eltern in der Heinrich Heine Straße 35. Meine beiden Freundinnen studieren ebenfalls BWL, und wir leben unter der Woche in einer WG zusammen. Sie verdienen sich nebenher etwas Geld im Club „Am Markt“ dazu. Der liegt etwas abseits der Innnenstadt. Manchmal gehe ich deshalb auch dahin.

Ja, und vor nicht ganz drei Wochen traf ich dort Arne, also eigentlich Arnold Wiesner. Er hat vor einem Jahr sein Studium beendet und arbeitet seitdem als Innenarchitekt bei irgendeiner Firma in der Innenstadt. Ich konnte mich gut mit ihm unterhalten. Er erzählte mir zum Beispiel, dass er aus einem Dorf aus Niedersachsen stammt und sich während seiner Studienzeit erstmal an das Leben in einer größeren Stadt und mit so vielen Menschen gewöhnen musste. Jedenfalls trafen wir uns in der Woche darauf wieder im Club, doch ich betrachtete ihn, wie soll ich sagen, weiter nur als eine angenehme Zufallsbekanntschaft. Er sah gut aus, war höflich und nett, sicher, aber irgendwie doch etwas langweilig in seiner ländlichen Art. Das habe ich ihm natürlich nicht so gesagt. Bei unserem ersten Treffen hatten wir unsere Telefonnummern und E-Mail Adressen ausgetauscht. Er wusste noch nicht, ob er in der kommenden Woche wieder den Club besuchen könne und wollte sich im Laufe der Woche melden. Drei Tage später schickte er mir dann eine SMS.“

Fräulein Schrader unterbrach ihre Erzählung, nestelte in ihrer Jackentasche herum und legte schließlich ein Smartphone auf den Tisch. Mit flinken Fingern bediente sie das Gerät.

„Hier ist sie. Soll ich vorlesen?“

„Ja sicher, lesen Sie ruhig die Nachricht vor“, erwiderte Kommissar Lisowski.

„Ist gut. Sie lautet: Liebe Cornelia, wir können uns leider nicht am Donnerstag treffen. Ich bin heute in eine dumme Sache verwickelt worden und muss erst mal sehen, wie ich da wieder rauskomme. Ich werde Dir eine E-Mail schicken, die alles erklärt. Gruß Arnold.“

Frau Schrader schaltete das Smartphone aus und begann zu weinen. Schluchzend schaute sie auf und wandte sich Lisowski zu.

„Arnold, also Herr Wiesner, hat mir noch in der Nacht die E-Mail geschickt. Das war die Erste von einigen Nachrichten, die er mir bis heute geschrieben hat. Die letzte E-Mail kam am Freitag an, und jetzt ist er vielleicht schon tot.“

Sie begann wieder zu weinen. Wachtmeister Gründel reichte ihr ein Taschentuch.

„So beruhigen Sie sich doch bitte, Frau Schrader. Durch Ihre Heulerei verlieren wir nur kostbare Zeit und können nichts unternehmen, um Ihrem Bekannten zu helfen. Das sehen Sie doch ein, nicht wahr? Übrigens, wann genau erhielten Sie die SMS?“

Unter Tränen, aber sichtlich bemüht, den Worten Gründels Folge zu leisten, nahm Frau Schrader ihre Tasche, die sie auf dem freien Stuhl neben sich abgelegt hatte, zu sich.

„Die SMS schickte mir Herr Wiesner am frühen

Sonntagabend gegen 22 Uhr. Das war der 24. Juni.“

Frau Schrader hatte ihrer Tasche inzwischen ein Notebook entnommen. Sie legte es vor sich auf auf den Tisch, geklappt es auf und startete das Betriebssystem. „Ich habe die E-Mails von Herrn Wiesner auf meinem Notebook und kann sie Ihnen, wenn Sie wollen, gleich vorlesen“, erklärte sie.

“Frau Schrader, wissen Sie eigentlich, wo Ihr Bekannter wohnt?“, fragte Lisowski.

„Nicht genau. Er hat mir nur erzählt, dass er in einer kleinen Wohnung und nur knapp fünf Kilometer von seinem Arbeitsplatz, aber immer noch in der Innenstadt, entfernt lebt. Außerdem sei er froh darüber, dass er sein Moped in einem Schuppen hinter dem Wohnhaus unterbringen konnte. Und sein Fahrrad kann er in einem kleinen Kellerraum anstellen. Er hat mir auch erzählt, dass er die fünf Kilometer bis zu seinem Arbeitsplatz häufig mit der Straßenbahn zurücklegt.“

Lisowski schrieb etwas auf einen Zettel und reichte ihn Wachtmeister Gründel, der die Notiz las, nickte und danach den Raum verließ.

„Ich will nicht indiskret sein, Frau Schrader, aber jede Information kann wichtig sein. Was hat er Ihnen sonst noch erzählt? Welche Hobbys hat er? Wo verbringt er für gewöhnlich seine freie Zeit?“

„Darüber hat er eigentlich nicht direkt gesprochen. Seine Eltern betreiben eine Landwirtschaft, die sein Bruder wohl weiterführen wird. Die Arbeit im Stall und auf dem Feld hat ihm zwar gefallen, er liebt Tiere und Traktoren, aber er wollte schon immer Innenarchitekt werden. Er liest sehr viel, mag Country-Musik und Sqare-Dance, doch würde er dafür gegenwärtig keine Zeit haben, weil er sich in seiner Firma erst einmal einen guten Namen machen will. Seine Wochenenden verbringt er gern auf dem Hof seiner Familie. Ja, das war es wohl, alles zusammen genommen. Wir waren ja nur zwei Abende und vielleicht acht Stunden insgesamt zusammen. Ich habe natürlich auch von mir und meinen Eltern erzählt, und getanzt haben wir auch. Mehr weiß ich nicht.“

„Na, das ist ja schon eine ganze Menge. Hört sich an, als sei Herr Wiesner ein normaler, bodenständiger junger Mann. Wir wer….“

In diesem Moment betrat Obermeister Gründel wieder das Zimmer.

„...den vielleicht noch etwas mehr Einblick erhalten, wenn Sie so weit sind, uns die E-Mails vorzulesen.“

„Ich bin soweit. Da fällt mir noch ein, dass er in Westfalen Lippe studiert hat. Mehr weiß ich wirklich nicht. So, das ist die erste E-Mail. Sie ist auch vom 24. Juni und wurde um 23 Uhr 16 abgeschickt. Ich lese vor: Hallo Cornelia, es tut mir Leid, dass ich Dich am Donnerstag nicht werde treffen können. Wie ich Dir schon mitgeteilt habe, bin ich in eine dumme Sache verwickelt worden. Ich wünschte, es wäre nicht so. Das Schlimmste ist, dass ich selbst nicht ganz unschuldig bin. Aber ich will Dir die Geschichte von Anfang an erzählen. Ich hatte das Wochenende bei meinen Eltern verbracht und befand mich gegen 19 Uhr auf dem Nachhauseweg. Am Bahnhof nahm ich die Straßenbahn und schlenderte anschließend meiner Wohnung entgegen. Wenn ich nur geahnt hätte, was mich erwartet, wäre ich sofort wieder auf‘s Land gefahren. So aber öffnete ich die Haustür und stapfte die Treppe hinauf. Vielleicht sollte ich Dir zum besseren Verständnis beschreiben, wie unser Haus aufgebaut ist und wo und wie ich wohne. Das Haus hat neben dem Kellergeschoss noch 5 Etagen. In jeder Etage befinden sich drei Wohnungen. Zwei davon sind richtig groß und haben Fenster nach vorn und hinten hinaus. Dazwischen liegt eine kleine Wohnungen, von denen ich eine in der dritten Etage bewohne. Meine Wohnung hat inklusive des Korridors eine Fläche von nur 52 Quadratmetern. Links vom Flur liegen das Bad und die Küche, rechts das Schlaf- und Wohnzimmer. Nur die Küche, der Korridor und das Wohnzimmer haben Fenster nach hinten hinaus.

Ich hatte die zweite Etage noch nicht erreicht, als aus der Wohnung links vor mir der Mieter heraustaumelte. Er sah mich und versuchte mir entgegenzukommen. Uns trennten vielleicht nur acht, neun Stufen, doch er verlor den Halt verlor und stürzte in meine Arme, denn ich hatte, gleich zwei Stufen auf einmal genommen, weil sein unsichere Gang mir Angst einjagte. Nur unter größter Anstrengung konnte ich vermeiden, dass wir beide die Treppe hinunterstürzten. Als ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, schleppte ich ihn bis fast zum Treppenabsatz und versuchte ihn hinzusetzen. Irgendwie schien er jede Kraft verloren zu haben, und erst jetzt sah ich, dass er schwer verletzt und sein Hemd voller Blut war. Er atmete schwer und versuchte mir etwas zu sagen. Ich beugte mich zu ihm runter und hielt mein Ohr an seinen Mund. Zwischen seinen rasselnden Atemzügen glaubte ich das Wort „Liebe“ zu hören. Dann sackte er völlig in sich zusammen, und plötzlich setzte mein Verstand wieder ein, der mir sagte, dass ich den Notarzt und die Polizei anrufen musste. Mit der rechten Hand versuchte ich mein Handy aus der Brusttasche meines Hemdes zu nehmen, mit der anderen hielt ich den Oberkörper des Mannes aufrecht. Meine rechte Hand war so blutverschmiert, dass ich das Handy nicht richtig zu fassen bekam. Nachdem ich das Blut einfach an meinem Hemd abgewischt hatte, konnte ich es herausnehmen und wählte zuerst die Nummer der Polizei. Das war ein Fehler, denn der Kerl am anderen Ende wollte immer noch mehr wissen. Deshalb drückte ich irgendwann einfach die rote Taste und informierte dann den Notarzt. Außerdem musste ich die Telefonate so kurz wie nur möglich halten, denn der Mann drohte mir zu entgleiten. Dann steckte ich das Handy weg, griff unter seine Achseln und zog ihn so weit hinauf, dass ich ihn auf dem Treppenabsatz hinlegen konnte. Jetzt begann das Warten. Die Minuten vergingen. Ich wollte schon kurz meine Wohnung aufsuchen, doch dann hielt mich die Sorge um den Verletzten zurück. Das war sicherlich etwas dumm von mir gedacht, denn helfen konnte ich ihm ja doch nicht. Zuerst trafen die Leute vom Rettungsdienst ein und begannen ihn zu stabilisieren. Zumindest entnahm ich das ihren Worten. Dem Notarzt erzähle ich mit wenigen Worten, was sich zugetragen hatte. Ich werde die Gespräche der Einfachheit halber so wiedergeben, wie ich sie in Erinnerung habe. Etwa fünf Minuten später tauchten zwei Polizisten auf. Sie unterhielten sich kurz mit dem Notarzt. Der eine von ihnen ging wieder die Treppe hinunter, der andere kam auf mich zu und stellte sich kurz vor.

„Polizeimeister Kleinert. Haben Sie uns benachrichtigt und den Notarzt gerufen?“

„Ja, aber das müssten Sie doch eigentlich wissen.“

„Ganz ruhig, junger Mann. Wie heißen Sie, und was führte Sie in dieses Haus?“

„Ich wohne hier in der Dritten und heiße Arnold Wiesner. Meinen Namen habe ich der Polizei bereits genannt, als ich sie informierte. Kann ich jetzt kurz in meine Wohnung gehen und mich waschen und umziehen?“

„Nein, das können Sie nicht. Zuerst möchte ich Ihren Personalausweis sehen, und dann warten wir beide auf die Kollegen von der Kriminalpolizei.“

Natürlich versuchte ich den Burschen umzustimmen, aber

was ich auch sagte, er war dagegen. Nach gefühlt weiteren zehn Minuten trafen tatsächlich vier weitere Männer in Zivil ein. Einer von ihnen bat den Notarzt und seine Helfer zur Seite zu treten und unterhielt sich so leise mit ihnen, dass ich nur wenige Wörter verstehen konnte. Um den Verletzten schien es nicht gut zu stehen. Ein anderer schoss zuerst mehrere Fotos von meinem Mitmieter und ging dann mit dem einen Bullen, der sich augenscheinlich mit der Spurensicherung befasst hatte, in die Wohnung, deren Tür immer noch offen stand. Ich habe keine Ahnung von diesen Dingen, aber es lenkte mich ab, sie bei ihrer Arbeit zu beobachten. Kaum waren die beiden Männer in der Wohnung verschwunden, begannen der Notarzt und sein Kollegen mit dem Abtransport des Verletzten, und der Mann in Zivil unterhielt sich mit meinem Polizisten, der ihm wohl Meldung erstatte, denn er wies zwischendurch mit der Hand in meine Richtung. Wieder konnte ich nicht viel verstehen, denn die Jungs vom Rettungsdienst und der Notarzt machten zu viel Lärm. Der vierte Mitarbeiter in Zivil war inzwischen an mir vorbei die Treppen hinaufgestiegen, und ich hörte, wie er an der Wohnung links von meiner klingelte. Ich hatte mich, kurz nach dem Gespräch mit dem Polizisten, auf eine Stufe gesetzt, aber als jener mit der Hand in meine Richtung wies, stand ich wieder auf. Der Polizist selbst folgte nach der kurzen Unterhaltung den Leuten vom Rettungsdienst, während der Zivilist an mich herantrat.

„Polizeihauptkommissar Mattern“, stellte er sich vor und musterte mich anschließend von oben bis unten.

„Sie sind also der Mann, der uns benachrichtigt hat. Was sich zugetragen hat, können Sie mir nachher im Präsidium erzählen. Für den Augenblick möchte ich nur wissen, ob Sie, als Sie das Haus betraten, irgendetwas Außergewöhnliches gesehen oder gehört haben.“

„Bis auf Herrn Sorowski, der aus seiner Wohnung heraustaumelte, nein. Herr Kommissar, aber kann ich nicht erst einmal in meine Wohnung gehen, mich waschen und das Hemd wechseln.“

„Einen Moment noch, bitte.“

Du wirst es nicht glauben, aber er rief den Fotografen und wies ihn an, einige Fotos von mir zu schießen. Danach begleitete er mich in meine Wohnung. Im Badezimmer nahm ich meinen Rucksack ab, zog mir das Hemd aus und wusch mich so gründlich ich nur konnte. Anschließend ging ich ins Schlafzimmer, nahm ein graues Nicki aus der Kommode und zog es an. In der Küche öffnete ich eine Pepsi und trank einen großen Schluck. Erst danach bot ich dem Kommissar, der mich die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte, auch etwas zu trinken an, aber er lehnte ab. Ansonsten hatten wir seit dem Betreten meiner Wohnung kein Wort gewechselt. Ich trank noch etwas und sagte dann: „Entschuldigen Sie, aber wenn ich jetzt, nach dieser ganzen Aufregung, meine Ruhe gehabt hätte, würde ich ein Bier getrunken haben. Na ja, die Cola tut’s auch.“

„Na, fein. Dann können wir ja jetzt zum Präsidium fahren.“ Wir brachen auf. Beim Hinuntergehen konnte ich sehen, dass die Tür zur Wohnung meines Mitmieters geschlossen, aber nicht versiegelt war. Anscheinend wurde sie noch gründlich untersucht.

Vor der Haustür hatten die beiden Polizisten Posten bezogen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Neuigkeiten verbreiten und Gaffer auf den Plan rufen. Vor meinem Haus standen bestimmt 20 bis 25 Leute herum. Es war widerlich. Stell Dir nur mal vor, ich wäre mit dem blutverschmierten Hemd und dem Blut an den Händen aus dem Haus gekommen. Dann hätte der Plebs mich doch sofort für schuldig gehalten. Aus der Menge löste sich ein Mann, den ich vorher noch nicht gesehen hatte und schritt bis zum Dienstwagen vor uns her, wo er sogar die Fondtür für mich öffnete und neben mir Platz nahm. Der Kommissar stieg vorn auf der Beifahrerseite ein, drehte sich zu uns um, legte den linken Arm auf die Lehne des Fahrersitzes und fragte seinen Kollegen: „Na, Manfred, wie üblich?“ „Wie üblich. Alles nur Schaulustige, die außer dem Notarzt, dem Streifenwagen und unseren Fahrzeugen nichts gehört oder gesehen haben. Reine Neugierde und Langeweile. Sechs der Leute wohnen im Haus gegenüber und sind nur durch das Signal des Rettungswagens aufmerksam geworden. Ich habe auch die restlichen Bewohner dort, soweit zuhause, befragt, aber keinen Erfolg gehabt. Tut mir Leid, Sebastian.“

„Danke Manfred, aber man kann nicht immer Glück haben. Na ja.“ Er drehte sich wieder um. Ein beklemmendes Schweigen setzte ein. Nach vielleicht zehn Minuten wurde plötzlich die Fahrertür geöffnet, und der Mann, der die Treppen hinaufgestiegen war, schlüpfte herein.

„Wollen wir, Basti?“

„Wir haben nur auf Dich gewartet.“

Während der Fahrt herrschte wieder eisiges Schweigen, aber in dem Präsidium ging es, was mich anbelangte, hoch her. Zuerst wurden erneut meine Personalien aufgenommen. Dann wollte man wissen, als was ich arbeite und wo. Na jedenfalls habe ich alle Fragen beantwortet, und dann sollten sogar meine Fingerabdrücke angenommen werden. Als ich das mitbekam, platze mir der Kragen und ich fuhr den Polizisten, der das übernehmen sollte, ziemlich laut an: „He, hören Sie Mal. Ich lasse mich von Ihnen doch nicht wie ein Verbrecher behandeln. Also lassen wir das, und bringen Sie mich zu Ihrem Herrn, Herrn…, na, dem Kommissar. Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Ich kannte den Mann kaum, und er ist mir heute buchstäblich in die Arme gefallen. Dafür kann ich doch nichts. Hätte ich einfach zusehen sollen, wie er die Treppe herunterfallt?“ Ich war zwar etwas laut geworden, aber der Mann namens Manfred, der plötzlich wieder aufgetaucht und an den Polizisten und mich herangetreten war, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Sie brauchen sich gar nicht so aufregen, Herr Wiesner.

Es dürfte ganz in Ihrem Interesse sein, uns Ihre Fingerabdrücke zu geben. Das würde uns bei der Rekonstruktion des Vorfalls helfen und Ihnen eine schnellere Rückkehr in Ihr gewohntes Leben ermöglichen. Wenn Sie sich weigern, verlieren wir nur wertvolle Zeit. Aber bitte, es liegt für den Moment ganz bei Ihnen. Wenn Sie nicht wollen, lassen wir das.“

Verflucht noch Mal, damit hatte er mich ganz schön unter Druck gesetzt. Was blieb mir übrig. Natürlich wollte ich schnellstmöglich den Mist hinter mich bringen und nach Hause zurückkehren. Also stimmte ich zu und ließ die Prozedur über mich ergehen. Nachdem ich meine Hände gereinigt hatte, das schwarze Zeug ging schlechter ab, als erwartet, führte man mich in einen kleinen Raum und bat mich zu warten.

Nach einigen Minuten erschien erst dieser Manfred und kurz darauf der Kommissar, der ohne große Umschweife sofort zum Thema kam.

„So, Herr Wiesner, dann erzählen Sie uns Mal, wie und wo

Sie den Tag verbracht haben und was sich zugetragen hat“.

„Herr..., Herr Kommissar....“

„...Mattern.“

„Ja, richtig. Ich verbrachte das Wochenende zuhause bei meinen Eltern und fuhr gegen 16 Uhr mit dem Zug zurück. Hier nahm ich die Straßenbahn zu meiner Wohnung und betrat gegen 19 Uhr das Haus. Ich ging die Treppe hoch und kurz vor dem Erreichen des Treppenabsatzes in der zweiten Etage stürzte mir Herr Sorowski direkt in die Arme. Zuerst habe ich ihn nur soweit die Treppe hochgezogen, dass ich besser telefonieren und ihn halten konnte. Dann habe ich erst die Polizei und danach den ärztlichen Notdienst angerufen. Anschließend zog ich den Mann ganz bis zum Treppenabsatz hoch und legte ihn dort ab. Da er blutete, traute ich mich nicht, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen. Und dann wartete ich. Das ist alles, Herr Mattern.“

„Kommissar. Na gut. Ist Ihnen, bevor Sie das Haus betraten, auf der Straße etwas aufgefallen? Ich denke da zum Beispiel an sich schnell bewegende, also...äh...flüchtende Personen.“

„Nein, es war überhaupt niemand zu sehen. Haben Sie mich das nicht schon vorhin gefragt? Ich habe nichts gehört und außer Herrn Sorowski niemanden gesehen. Es hätte mich auch überrascht, wenn es anders gewesen wäre.“

„Überrascht? Wieso?“

„Na, ich ich wohne jetzt seit knapp einem Jahr dort und verbringe meine Wochenenden, sofern es meine Arbeit erlaubt, bei meinen Eltern und meinem Bruder. Einen Freund oder eine Freundin habe ich hier noch nicht. Ich komme immer um diese Zeit zurück. Es ist ganz selten, dass ich jemanden auf der Straße gesehen habe. In den Häusern leben zumeist ältere Menschen, deren Kinder aus dem Haus sind. Wahrscheinlich gucken sie um diese Zeit Nachrichten. Im Eckhaus am anderen Ende der Straße ist eine kleine Kneipe. Da sehe ich hin und wieder Mal ein oder zwei Leute davorstehen. Aber heute nicht.“

„Gut. Übrigens hatte ich Sie vorhin nur gefragt, wie es war, als Sie das Haus betraten und die Treppe nach oben gingen und ob Ihnen da etwas aufgefallen ist. Aber Sie haben niemanden, das Opfer ausgenommen, gesehen und nichts gehört. Das ist doch richtig, nicht wahr?“

„Ja, nichts.“

„Nicht vielleicht einen dumpfen Schlag oder Knall, ein Flüstern, Schritte oder das Klappern von Türen?“

„Nein, nichts dergleichen. Es war ganz still im Treppenaufgang.“

Mattern machte sich einige Notizen und fragte dann: „Kannten Sie das Opfer?“

„Wie gesagt, ich wohne erst seit einem Jahr in diesem Haus. Meistens verlasse ich meine Wohnung gegen sieben Uhr. Vor 19 Uhr bin ich selten zu Hause. In dem ganzen Jahr bin ich nur drei Mal mit dem Mann ins Gespräch gekommen. Zweimal am Briefkasten und einmal auf dem Hof. Er hat dort eine Garage und muss gut verdienen. Jedenfalls haben wir uns immer nur kurz unterhalten. Als ich ihn zum ersten Mal traf, wohnte ich ungefähr zwei Wochen in diesem Haus. Ich war gerade dabei, ein Schild mit der Aufschrift ‚Bitte keine Werbung‘ auf meinem Briefkasten zu kleben, als er herantrat, um den seinen zu leeren.

„Oh, ein neues Gesicht in diesem ehrwürdigen Haus“, stellte er lächelnd fest, „Herzlich willkommen junger Mann. Ich bin Alexander Sorowski und wohne in der zweiten Etage, links, und Sie?“

Sein Lächeln war gewinnend, und er war sehr gut angezogen, also gekleidet.

„Oh, meine Name ist Wiesner, Arnold Wiesner. Ich wohne seit zwei Wochen in der Etage über Ihrer. Die Mittelwohnung“, erwiderte ich etwas überrascht. Wir gaben uns noch die Hände, doch dann nahm er seine Post, sah sie durch, und ich klebte das Schild auf.

Das war vorigen Sommer. Das zweite Mal war auch im vorigen Sommer. Ich hatte das Moped aus dem Schuppen geholt und wusch gerade den Dreck ab, als er sein Auto aus der Garage holte. Ich kann mich nur daran erinnern, dass er einen großen Audi fuhr und sich darüber aufregte, an einem solch schönen Sonntagnachmittag mit dem Auto fahren zu müssen. Darüber, ob es dienstlich oder privat war, hat er nichts gesagt. Ich hab’ auch nicht danach gefragt. Und dann traf ich ihn vor zwei Tagen morgens beim Briefkasten. Er sagte mir, dass es sich ganz gut so gefügt habe, denn er hatte am Tag vorher ein kleines Päckchen für mich entgegengenommen. Er sei aber erst sehr spät wieder nach Hause gekommen. Zu spät jedenfalls, um mir das Päckchen zu geben. Ich hatte mir drei Nickis im Internet bestellt. Da ich aber schon spät dran und mein Rucksack ohnehin mit schmutziger Wäsche vollgestopft war, fragte ich ihn, ob ich das Päckchen erst am Montag abholen könne. Schließlich wollte ich gleich nach dem Feierabend zu meinen Eltern fahren. Er willigte ein, und dann trennten wir uns.“

„Sie haben ein gutes Gedächtnis, wie mir scheint. Sie sagten, dass er gut verdient haben muss. Wie kommen Sie darauf?“

„Na hören Sie Mal. Er war immer sehr gut gekleidet, und die großen Wohnungen sind bestimmt nicht billig, wenn ich nur an die Miete für meine Bude denke. Und dann noch die Garage. Ich habe nur den kleinen Mopedschuppen auf dem Hof. Dafür zahle ich jeden Monat nochmal 15 Euro drauf! Außerdem ist der Audi, den Sorowski fährt, bestimmt kein billiger Gebrauchtwagen gewesen.“

„Lebt Sorowski allein in der Wohnung?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hat er mit Ihnen über seine Arbeit gesprochen?“

„Wie gesagt, über persönliche Dinge haben wir uns nicht ausgetauscht. Ich hätte ihm sowieso nicht viel erzählt, denn ich kannte ihn ja kaum.“

„Ist denn durch den Lärm, den Sie verursacht haben, als Sie Sorowski halfen, niemand in Ihrem Haus aufmerksam geworden und hat wenigsten mal die Tür geöffnet, um zu sehen, was los ist?“

„Welchen Lärm meinen Sie? Sorowski hat keinen Lärm gemacht, und ich auch nicht. Außerdem haben die Häuser in meiner Straße noch richtig dicke Wände. Das ist noch gute Vorkriegsarchitektur. Übrigens wird die Mittelwohnung in der Zweiten seit einer Woche nicht bewohnt, und unser Vermieter ist in Bezug auf seine Mieter sehr…sehr wählerisch, um es einmal so auszudrücken. Bei den großen Wohnungen, also die mit einem Balkon, liegt das Wohnzimmer eigentlich am Ende eines langen Korridors. Das weiß ich, weil ich damals, als ich mein Gespräch mit dem Vermieter hatte, den Grundriss gesehen habe. Sie müssen schon die Mieter selbst befragen, denn ich habe, wie ich Ihnen bereits sagte, nichts gehört. Und als mir Sorowski entgegenstürzte, habe ich auch nicht darauf geachtet.“

„Sind Sie jemals in Sorowskis Wohnung gewesen?“

„Nein, aber als wir uns das erste Mal begegneten, gingen wir fast gemeinsam die Treppe rauf, und ich konnte ganz kurz einen Teil des Korridors sehen, als wir uns voneinander verabschiedeten.“

„Dann haben Sie ihn da erst abends am Briefkasten getroffen?“

„Ja, das stimmt.“

„Na gut, wenn das alles ist, was Sie mir über den Herrn Sorowski erzählen können, fasse ich mal kurz ihre Aussage zusammen. Von dem Moment an, als Sie in Ihre Straße einbogen und bis zum Eintreffen des Notarztes haben Sie weder jemanden gesehen noch etwas Verdächtiges gehört. Wie erklären Sie sich dann aber, dass

Sorowski zwei Kugeln im Leib hatte, als er Ihnen entgegentaumelte. Wir wissen aus den Blutspuren, dass im Korridor auf ihn geschossen wurde. Es gibt aber keine große Blutlache im Flur. Er muss unmittelbar nach den Schüssen die Wohnung verlassen haben. Unsere Spurensicherung ist allerdings noch nicht abgeschlossen, doch die einzige Person weit und breit scheinen Sie gewesen zu sein.“

„Ich…, ich.., Moment Mal. Wollen Sie damit etwa sagen, dass ich in Sorowskis Wohnung erst auf ihn geschossen, ihn dann zum Treppenabsatz geschleppt und danach seelenruhig die Polizei und den Rettungswagen angerufen habe! Sie spinnen doch wohl!“

„Nicht in diesem Ton, Herr Wiesner!“, entgegnete der Kommissar scharf, „Ich habe lediglich die bisher bekannten Fakten aufgezählt.“

„Aber ich habe doch keine Ahnung, wer, wo und warum auf Sorowski geschossen hat. Ich weiß nur, dass ich es nicht war.“

„Oh, davon bin ich noch nicht überzeugt. Sie können sehr wohl in seiner Wohnung gewesen sein und auf ihn geschossen haben. Irgendwie hat er es dennoch bis zur

Treppe geschafft, wo Sie ihn einholten und zum Treppenabsatz zurückdrängten. Dabei ist Blut auf ihr Hemd und ihre Hände übertragen worden. In Ihre Wohnung konnten Sie nicht gehen, weil es ja hätte sein können, dass Sie einem Mieter, der vielleicht etwas gehört hatte und nun die Treppe hinunter ging, um nachzusehen, in die Arme laufen würden. Also beschlossen Sie kaltblütig, die Polizei anzurufen.“

„Aber das ist ja alles gar nicht wahr! Ich habe Ihnen erzählt, was sich zugetragen hat! Und außerdem besitze ich keine Pistole. Vielleicht haben die Ganoven Schalldämpfer benutzt und viel früher auf ihn geschossen. Die waren vielleicht schon über alle Berge, als ich das Haus betrat. So wird es bestimmt gewesen sein.“

Mehr konnte ich in diesem Moment nicht hervorbringen, denn mir stockte plötzlich der Atem. Ja, ich fühlte schon, wie sich die Schlinge um meinen Hals legte. In meinem Kopf jagten sich alle möglichen Gedanken. Mein Blutdruck hat bestimmt einen Satz nach oben gemacht, denn meine Hände begannen zu schwitzen.

„Nun, Herr Wiesner, das sind alles nur Theorien. Vorerst müssen wir die Ergebnisse der Untersuchungen abwarten. Ein Polizist wird Sie jetzt nach Hause bringen. Ich möchte, dass Sie ihm Ihren Rucksack und die Kleidung, die Sie getragen haben und zum Teil ja immer noch tragen, aushändigen. Vorher aber werden Ihre Hände noch auf mögliche Schmauchspuren untersuchen. Außerdem möchte ich, dass Sie sich zur Verfügung halten.“

„Ja, aber ich muss doch morgen wieder arbeiten und außerdem haben Sie doch selbst gesehen, wie ich meine Hände gewaschen habe.“

„Das macht nichts. Natürlich können Sie zur Arbeit gehen. Sollten wir noch Fragen haben, kontaktieren wir Sie. Einverstanden?“

Mir blieb keine Wahl, aber Du wirst Dir vorstellen können, dass ich heilfroh war, endlich nach Hause zu können. Also stimmte ich zu. Zuhause wusch ich mir zuerst nochmal die Hände und danach das Gesicht. Ich war irgendwie aufgedreht, aber vor allem wütend auf mich selbst. Weshalb musste ich Pechvogel auch immer mit dem gleichen Zug nach Hause fahren? Warum musste ich gerade in diesem Moment die Treppe hochgehen? Ich nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank und überlegte. Gern hätte ich mich jetzt mit jemanden über die Angelegenheit unterhalten, aber bei meinen Eltern wollte ich nicht anrufen. Sie würden es fertig bringen, sich in ihr Auto zu setzen, um umgehend zu mir zu fahren.

Irgendwann fiel mir unsere Verabredung wieder ein. Um Dich anzurufen ist es schon zu spät gewesen, und deshalb schrieb ich Dir erst die SMS und dann diese Mail. Ich melde mich wieder, sobald etwas Neues ergibt. Gruß Arnold“

Frau Schrader hob den Kopf. Sie wandte sich dem Kommissar zu und fragte: „Soll ich die nächste Mail vorlesen?“

„Ja bitte, Frau Schrader.“

„Ist gut.“

Sie blätterte in ihrem Postfach und klickte die Nachricht an.

„Auch diese Mail hat er wieder am späten Abend abgeschickt. Sie lautet: Hallo Cornelia, das war heute vielleicht ein verrückter Tag. Wie Du Dir vorstellen kannst, habe ich nur sehr wenig und schlecht geschlafen. Als heute früh der Wecker schrillte, hätte ich ihn am liebsten in den Mülleimer geworfen. Das ging natürlich nicht und so fuhr ich denn zur Arbeit. Gegen 11 Uhr erschien dieser Kommissar bei uns in der Firma. Bevor er mit mir sprach, unterhielt er sich eine ganze Weile mit unserer Sekretärin. Die ist ohnehin als Tratschtante bekannt. Unsere Büros oder besser Arbeitsbereiche sind nur durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt, und so konnte ich sehen, wie sie zweimal mit der Hand in meine Richtung wies. Wie dem auch sei, er trat nach vielleicht sechs oder sieben Minuten an mich heran.

„Guten Morgen, Herr Wiesner“, begann er das Gespräch, „ist Ihnen noch etwas eingefallen, was Sie uns gestern nicht erzählt haben?“

„Nein, obwohl ich nur sehr wenig geschlafen habe. Aber, nein.“

„Na ja, das kommt vielleicht noch. Aber etwas anderes. Herr Wiesner. Sie haben uns doch erzählt, dass der Herr Sorowski ein Paket oder Päckchen für Sie entgegengenommen hat, nicht wahr? Meine Kollegen haben, das werden Sie sich sicherlich vorstellen können, die gesamte Wohnung gründlich durchsucht, doch das Päckchen, wenn es es denn jemals gegeben hat, haben sie nicht finden können. Können Sie mir das erklären?“

„Was soll das heißen? Aus welchem Grund hätte ich mir das denn ausdenken sollen? Ich weiß auch nicht, wo das Päckchen abgeblieben ist. War das alles?“, fragte ich ihn in einem scharfen Ton, denn ich begann mich über den Kerl zu ärgern.

„Nicht ganz, Herr Wiesner. Wir haben anhand der Spuren festgestellt, dass sich neben Sorowski zwei Personen im Flur, wo auf ihn geschossen wurde, aufgehalten haben.

Doch Sie haben angeblich niemanden gesehen. Finden Sie das nicht auch etwas sonderbar?“

„Was soll daran sonderbar sein? Ich habe mich um Herrn Sorowski gekümmert. Woher soll ich wissen, dass zwei Personen in seiner Wohnung waren und dort, was weiß ich, angestellt haben? Ich habe Ihnen alles erzählt, was ich weiß. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Na gut, Herr Wiesner, belassen wir es für das Erste dabei, aber ich komme bestimmt wieder. Übrigens ist der Herr Sorowski nicht mehr am Leben. Er verstarb vier Stunden nach seiner Einlieferung, ohne noch einmal zu Bewusstsein gekommen zu sein. Guten Tag.“

Ich hätte dem Mann am liebsten eine verpasst. Anstatt sich darum zu kümmern, wer Sorowski umgebracht hat, belästigte er mich. Er hat mich eindeutig auf dem Kieker, das steht fest. Nur mit Mühe gelang es mir, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren.

Gegen 18 Uhr fuhr ich meine Wohnung, öffnete die Wohnungstür und blieb wie angewurzelt in der Tür stehen. Alle meine Sachen von der Garderobe lagen auf dem Fußboden. Die Schubladen der kleinen Kommode hatte jemand herausgezogen und durchsucht. Ich lauschte, doch in der Wohnung war es ganz still. Dann trat ich ein, schloss die Tür hinter mir und ging ganz leise auf die angelehnte Schlafzimmertür zu. Mit Schwung stieß ich sie auf. Das Zimmer sah wie ein Schlachtfeld aus. Sämtlich Wäsche hatte man aus dem Kleiderschrank gerissen und einfach auf den Fußboden geworfen. Wie Du Dir vorstellen kannst, haben der oder die Leute auch die anderen Zimmer gründlich durchsucht. Nur warum bloß? Was glaubten die, bei mir zu finden? Da ich keine meiner Fragen beantworten konnte, holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Wenigstens hatten sie den nicht geplündert, aber er stand nicht mehr so wie vorher an der Wand. Mit der Flasche Bier in der Hand ging ich nochmal in jedes Zimmer. Die sind tatsächlich gründlich gewesen. Sie hatten alle Möbel von den Wänden abgerückt. Zuerst wollte ich natürlich die Polizei anrufen, aber dann sagte ich mir, dass das keine besonders gute Idee war. Der Kommissar Mattern hatte mich ohnehin ins Visier genommen. Bestimmt würde mich die Auswertung der Spuren aus der Wohnung, die ich wirklich nie betreten habe, irgendwie entlasten, aber so richtig glaubte ich nicht daran. Was würden die Bullen wohl denken, wenn ich jetzt noch erzählte, dass jemand meine Wohnung durchsucht hat. Was würde ich an ihrer Stelle denken? Wie dem auch sei, ich wollte mich nicht noch weiter in die Sache hineinziehen lassen und begann zuerst den Flur wieder aufzuräumen. Da lag nicht so viel herum. Dann kam das Wohnzimmer dran. Als ich gerade die Couch wieder an die Wand rückte, klingelte es an der Wohnungstür. „So ein Mist“, dachte ich, aber wenigstens sah der Flur wieder vernünftig aus. Vor der Wohnungstür stand die alte Frau aus der Wohnung rechts vor mir.

„Das ist ja schön, dass sie jetzt zuhause sind. Ich hatte es vor einer Stunde schon einmal versucht, aber da waren sie wohl noch unterwegs. Na, das geht mich ja nichts an, aber Sie haben doch sicher mitbekommen, was sich hier in unserem Haus abgespielt hat. Dass wir das auf unsere alten Tage noch erleben mussten, ist einfach furchtbar. Und der Sorowski ist doch so ein lieber Mensch. Der hat mir immer geholfen und meine Einkaufstasche hinaufgetragen, wenn wir uns getroffen haben. Na, hoffentlich geht es ihm bald wieder besser.“

Hatte sie wirklich nicht mitbekommen, dass ich es war, der ihn auf der Treppe aufgefangen und die Polizei benachrichtigt hatte?

„Er ist tot, Frau Lammert. Er ist gestern seinen Verletzungen erlegen.“

„Ach du lieber Gott, dieser arme Mensch. Hoffentlich fangen sie bald den Verbrecher, der das getan hat. Mein Mann sagt auch immer, dass alles schlechter geworden ist. Man traut sich ja kaum noch, das Haus zu verlassen. Die Zeitungen sind voll von Messerstechereien, Diebstählen und Überfällen. Das hat es früher so nicht gegeben. Wir wohnen schon seit vierzig Jahren in diesem Haus, aber so etwas haben wir noch nicht erlebt. So ein netter Mensch. Dabei war er noch am Sonntagnachmittag in unserer Wohnung. Er hat uns gebeten, Ihnen ein Päckchen zu geben, das er für Sie entgegengenommen hat. Er sagte auch, dass Sie Bescheid wüssten und es eigentlich am Montag bei ihm abholen wollten. Doch da er kurzfristig verreisen müsse, bat er uns darum, Ihr Päckchen in Verwahrung zu nehmen. So ein rücksichtsvoller Mensch. Kommen Sie, dann kann ich es Ihnen gleich geben.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trippelte sie in ihre Wohnung, und ich folgte ihr. Auf einer wirklich alten und sehr hübschen Kommode lag es. Sie reichte es mir.

„Ach, Frau Lammert, haben Sie eigentlich der Polizei erzählt, dass Herr Sorowski Ihnen das Päckchen am Sonntag gegeben hat?“

„Diesem schrecklich unhöflichen Menschen haben wir gar nichts erzählt. Was sollten wir ihm auch erzählen? Wir haben ja nichts mitbekommen. Und er hat auch nicht gefragt, ob wir Herrn Sorowski am Sonntag gesehen haben. Und wenn er gefragt hätte, dann würde ich ihm nichts erzählt haben. Wir wollen mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben.“

Wir wechselten noch einige Worte, doch dann kehrte ich in meine Wohnung zurück und räumte weiter auf. Nach zwei Stunden hatte ich es geschafft. Etwas erschöpft war ich schon, doch ich holte mir noch ein Bier und machte es mir vor dem Fernseher bequem. Auf einmal fiel mir das Päckchen wieder ein. Ich holte es und wollte den perforierten Pappstreifen auf der Lasche herausreißen, da fiel mir auf, dass die Lasche nur an einem Punkt in der Mitte aufgeklebt war. Du kennst bestimmt diese Papptüten, die wie Briefumschläge aussehen, nur das die Lasche viel länger ist. Ich holte mir ein Messer aus der Küche, fuhr mit der Klinke unter die Lasche und löste sie. Tatsächlich, jemand hatte die Lasche auf die selbe Art schon einmal abgetrennt und sie anschließend wieder mit einem Klecks Leim angeklebt. Ich traute mich nicht, meine Hand in das Päckchen zu stecken und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Meine drei Nickis fielen hinaus. Und zwischen ihnen lag ein noch kleineres Päckchen. Was immer es auch enthalten mochte, jemand hatte etwas auf das Packpapier geschrieben. Da stand in gut leserlicher Schrift: z. Hd. Herrn Alexander Burschilow, Schubertstraße 12. Was sollte das alles nur bedeuten? In was war ich da bloß hineingeschlittert? Irgendwer hatte auf einen Mann, den ich eigentlich gar nicht kannte, zweimal geschossen. Zufällig fiel der Verwundete ausgerechnet mir auf der Treppe in die Arme. Die Polizei verdächtigte mich des Mordes, und jemand hatte meine Wohnung auf den Kopf gestellt. Und jetzt noch das

Päckchen. Wer weiß, was es enthält? Ich drückte es mehrmals. Es fühlte sich wie eine Tüte Mehl an. Ein furchtbarer Gedanke durchfuhr mich. Wenn meine Vermutung stimmte, dann wäre ich ja verrückt, das Päckchen in der Schubertstraße abzugeben. Ich dachte sofort an die Russenmafia und den Drogenhandel. Wer weiß, was die mit dem Boten anstellen würden? Andererseits machte Sorowski nicht den Eindruck, in krumme Geschäfte verwickelt zu sein. Er lebte zwar in einer großen Wohnung und fuhr ein teures Auto, aber was bedeutet das schon. Zur Polizei kann ich das Päckchen jedenfalls auch nicht bringen. Das geht erst, wenn ich weiß, was es damit auf sich hat. Doch selbst dann könnten sie immer noch behaupten, dass ich Sorowski erschossen habe, um nicht mit ihm teilen zu müssen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Das Beste wird wohl sein, die Sache zu überschlafen. Das hat mir meistens geholfen. Bis dann, Arne.“

Frau Schrader lehnte sich zurück und fragte: „Kann ich etwas zu trinken haben?“

„Ja, natürlich. Was möchten Sie? Wir haben einen Getränkeautomaten. Sie können wählen“, erklärte Gründel.

„Dann nehme ich eine Sprite, bitte.“

„Ich weiß nicht, ob der Automat auch Sprite hat, aber ich bin gleich zurück. Im Notfall tut es doch auch eine Cola, oder?“

„Ja, das geht auch.“

Gründel stand, sichtlich erfreut darüber, sich bewegen zu können, auf und verließ den Raum. Die Tür lies er offen stehen. Lisowski lehnte sich ebenfalls zurück und verschränke die Arme vor seiner Brust. Nach einigen Minuten wandte er sich der jungen Frau zu.

„Frau Schrader, finden sie es eigentlich ganz normal, dass ein junger Mann, den sie eigentlich nur oberflächlich kennen, Ihnen sein Herz ausschüttet? Ich meine, ich bin jetzt, warten sie, fast 20 Jahre lang verheiratet, aber so richtig alles habe ich meiner Frau nie erzählt. Es würde sie nur unnötig beunruhigen, verstehen Sie?“

„Herr Kommissar, es stimmt natürlich, dass ich Arnold noch keine zwanzig Jahre lang kenne, aber er ist kein Polizist wie sie, sondern Innenarchitekt. Ich glaube nicht, dass sein Berufsleben so gefährlich ist wie Ihres. Außerdem sagte ich Ihnen ja schon, dass wir uns sehr gut unterhalten haben. Und er hat ja auch geschrieben, dass er seine Familie nicht beunruhigen wollte. An wen hätten Sie sich denn gewandt, wenn Ihnen so etwas passiert wäre.“

„Sie sind ganz hübsch schnippisch, Frau Schrader. Ich hätte mich an die Polizei gewandt. Wir sind vielleicht nicht besonders schlau, aber wir haben eine ungeheure Erfahrung in solchen Dingen. Ihr Freund ist, so stellt er es wenigsten dar, ganz sich selbst überlassen, aber wir verfügen über einen großen und eingespielten Apparat.“

„Oh, entschuldigen Sie, aber das lernt man in einer WG und erst recht an der Uni, aber so wie Sie das erklären, habe ich die Angelegenheit noch nicht betrachtet.“

Polizeiobermeister Gründel hatte inzwischen das Zimmer wieder betreten, eine Sprite neben dem Laptop auf den Tisch gestellt und seinen Platz wieder eingenommen. Frau Schrader griff sofort nach der Dose, öffnete sie und nahm einen großen Schluck zu sich.

„Danke Herr Gründel, das hatte ich jetzt gebraucht. Was kostet das?“

„Das geht auf’s Haus.“

„Danke schön. Soll ich jetzt weiter vorlesen, Herr Kommissar?“

Aus seinen Gedanken gerissen, antwortete Lisowski: „Ja natürlich, Frau Schrader, lesen sie uns die nächste Nachricht vor! Deshalb sind wir doch hier.“

„Gut, nur einen Moment bitte. So, da hab ich sie. Er schreibt, nein das ist falsch, er schrieb die Nachricht kurz vor 23 Uhr. Und er schrieb sie nicht von zuhause aus.“

„Sie meinen, er war nicht in seiner Wohnung, als er die Nachricht an sie verfasste und abschickte?“, wollte der Kommissar wissen.

„Nein, er verfasste die Nachricht woanders. Geschickt hat er sie von zuhause aus. Doch hören sie selbst: Hi, Cornelia, das war heute ein Tag, wie ich ihn mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht vorgestellt hätte. Es begann schon damit, dass ich nur sehr wenig und sehr schlecht geschlafen habe. Ich horchte auf jedes Geräusch, denn ich konnte mir ja nicht sicher sein, dass der oder die Burschen, die meine Wohnung verwüstet hatten, nicht zurückkehren würden, um sich mit mir zu beschäftigen. Sie hatten ja schließlich das Päckchen, das sie bestimmt gesucht haben, nicht gefunden. Eigentlich war ich gerade erst eingeschlafen, als der Wecker losrasselte. Du musst wissen, dass nur dieses alte Ding in der Lage ist, mich zu wecken. Das ist schon seit meiner Schulzeit so. Meine Eltern, die meinten, dass der Wecker das ganze Haus aufwecken würde, waren froh, dass sie ihn mit meinem Auszug los wurden. Jedenfalls ging ich gegen sieben aus dem Haus und in Richtung der Straßenbahnhaltestelle. Schon seit dem Verlassen des Hauses hatte ich das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Ich drehte mich mehrmals um und glaubte einen Mann ausmachen zu können, der mir folgte. Doch als ich in die Straße mit der Haltestelle einbog, war er weg. Das beruhigte mich etwas. Wie ich es schon häufig in Filmen gesehen hatte, stieg ich erst kurz vor der Abfahrt der Bahn ein, doch um diese Uhrzeit fahren so viele Leute in die Stadt, dass es mir nicht möglich war, zu erkennen, wer mit oder nach mir noch eingestiegen ist. Als ich die Bahn wieder verließ und in Richtung der Firma ging, sah ich ihn wieder. Er ging vielleicht dreißig Meter hinter mir auf der anderen Straßenseite. Mit der Bahn war er bestimmt nicht gefahren. Er musste entweder ein Auto haben oder ein anderer Ganove half ihm. Ich ging am Haus meiner Firma vorbei und kramte mein Handy aus dem Rucksack, den ich wie gewöhnlich auf dem Rücken trug. Den Rucksack hatte ich mir während des Studiums, als ich noch täglich mit dem Fahrrad unterwegs war, zugelegt und mich an ihn gewöhnt. Heutzutage sehen einen die Leute auch nicht mehr komisch an, wenn man mit einem Rucksack herumläuft. Ich ging in das kleine Cafe um die Ecke, das schon ab sieben Uhr geöffnet hat. Dort bestellte ich mir einen Espresso und rief zuerst in meiner Firma an. Ich bat um zwei Tage Urlaub, denn ich hielt es für besser, erst einmal unterzutauchen. In der Firma hatte ich mich mit einem älteren Kollegen, der einen kleinen Schrebergarten besitzt, angefreundet. Ich kannte den Garten und die kleine Laube, denn er hatte mich zweimal zum Kaffee in seinen Garten eingeladen. Er gehört zu den Statikern und Architekten in unserer Firma. Wir verstehen uns wie gesagt sehr gut, und deshalb galt mein zweiter Anruf ihm. Ich erklärte ihm die Angelegenheit in aller Kürze und bat ihn, mich für zwei, drei Tage in seinem Garten unterzubringen.

Natürlich erzählte ihm von dem Mord, dass ich mich im Augenblick in meiner Wohnung und in diesem Haus nicht mehr wohl fühlen würde und etwas Abstand von der Sache gewinnen wolle. Von dem mysteriösen Päckchen sagte ich ihm natürlich nichts.

Er willigte ein und versprach mir, die Schlüssel um acht Uhr ins Cafe zu bringen. Das fällt auch keinem auf, da wir zum Frühstück häufig das Cafe aufsuchen. Kurz nach acht Uhr kam er dann und gab mir die Schlüssel. Als wir das Cafe verließen, konnte ich mir den Burschen, der mich verfolgte, zwar nur ganz kurz, aber doch immerhin genauer ansehen. Das war kein Russe! Er sah mehr nach einem jungen Orientalen aus, hatte schwarze Haare und trug einen Bart. Jetzt wollte ich den Spieß umdrehen. Ich ging in das Haus unserer Firma und verließ es durch den Hintereingang. Dann lief ich die Straße hinunter und bog gleich wieder in die nächste Querstraße ein, die ich bis zur Ecke hinauf ging. Jetzt war ich hinter dem Burschen. Fast eine Stunde lang beobachtete er das Haus und ich ihn. Dann gesellte sich ein zweiter Mann zu ihm. Sie unterhielten sich kurz und trennten sich wieder. Mein Mann wartete noch 15 Minuten und setzte sich dann in Bewegung. Er schlug den Weg zur Straßenbahnhaltestelle ein, und ich folgte ihm, immer darauf bedacht, nicht von ihm entdeckt zu werden. Er stieg zweimal um, und ich vermutete, dass er in das Libyer- oder Araberviertel wollte. Doch er stieg dort nicht aus, sondern fuhr bis zur Endstation am Stadtrand. Es waren nicht mehr sehr viele Leute in der Straßenbahn, und ich stieg erst aus, als er um eine Hausecke bog. Dann folgte ich ihm. Die Gegend war mir absolut fremd, aber hübsche Villen standen zu beiden Seiten der Straßen. Am Ende einer Straße, kurz vor einer großen Wendeschleife, ging er auf ein etwas zurückgesetztes Haus zu, klingelte und wurde von einem jungen Mann eingelassen. Zwei Stunden lang beobachtete ich die Villa. Allein während dieser kurzen Zeit fuhren drei Autos vor und verließen nach circa 20 Minuten wieder das Grundstück. Aber es kamen auch sieben, zumeist junge Männer zu Fuß an, die sich ebenfalls nur für kurze Zeit in dem Haus aufhielten. Es war ein Kommen und Gehen wie auf einem Bahnhof. Ich wollte gerade meinen Posten verlassen, als erneut ein Auto das Grundstück befuhr. Der Bursche der ausstieg und danach im Haus verschwand, war der Kerl, den ich mit dem anderen Burschen vor meiner Firma gesehen hatte. Und tatsächlich verließen die beiden kurz darauf das Haus und fuhren weg. Ich wurde aus allem nicht so richtig schlau und verließ meinen Posten. Erst jetzt traute ich mich, am Grundstück vorbeizugehen und einen Blick auf das Namensschild neben der Einfahrt zu werfen. Da stand ein libysch klingender Name auf dem Messingschild, der mir allerdings nichts sagte. Aber wenigstens wusste ich jetzt, dass es sich um eine Bande oder einen Clan handelte, deren Mitglieder offensichtlich hinter mir und dem Päckchen her waren. Und jetzt wusste ich auch, das Sorowski nicht Liebe, sondern Libyer geflüstert hat.

Ich fuhr zurück in mein Viertel und betrat mein Mietshaus sicherheitshalber durch den Hintereingang. Auf dem Weg in meine Wohnung riskierte ich einen Blick durch ein Flurfenster. Von den Libyern war keiner zu sehen. Erleichtert, doch mit aller Vorsicht, ging ich die Treppe hoch. Das Polizeisiegel an der Tür zu Sorowskis Wohnung hatte jemand beschädigt. „Sah sich die Polizei nochmal den Tatort an?“, dachte ich und setzte meinen Weg fort. Ich wollte gerade meine Wohnungstür aufschließen, als ich von drinnen ein Geräusch vernahm. Ohne lange zu überlegen, machte ich auf dem Absatz kehrt und schlich die Treppe bis in das Kellergeschoss hinunter. Mit leicht zitternden Händen schloss ich Tür zu meinen Verschlag auf. Dort standen nur mein Fahrrad und ein kleiner Spind drin. Und in genau diesem Spind hatte ich am Morgen das kleine Päckchen versteckt. Es war noch da und landete in meinen Rucksack. Ich verließ den Keller und überlegte, ob ich es wagen konnte, quer über den Hof zu meinem Mopedschuppen zu gehen. Immerhin hätte man mich von meiner Wohnung aus leicht sehen können. Dass ich vor dem Haus keinen der beiden Libyer gesehen hatte, bedeutete gar nichts, denn ich konnte ja nur die gegenüberliegen Seite der Straße einsehen. Doch ich entschied mich für den Hintereingang. Ich lief zum Schuppen, holte das Moped heraus, fuhr los und war noch nicht am Giebel, als einer der beiden Libyer, ich kennen nur die zwei, aus dem Hinterausgang stürmte. Er hatte keine Chance, mich aufzuhalten. Ich schlug den Weg zum Garten meines Kollegen ein. Hinter der Rheinpromenade kaufte ich mir zuerst ein Nicki, zwei Paar Socken und zwei Slips. Ein paar Straßen weiter deckte ich mich noch mit Lebensmitteln, vier Flaschen Bier und einer Tube RAI ein. Viel mehr hätte ich in meinem Rucksack auch nicht unterbringen können. Gegen 16 Uhr erreichte ich den Garten meines Kollegen. Er hatte mir schon bei meinem ersten Besuch erzählt, dass es nicht ganz so einfach war, die sehr strengen Regeln in der Anlage einzuhalten. Die Laube durfte eine gewisse