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Am Beispiel der Kunst, die der bürgerlichen Gesellschaft als ihr ganz eigenes Anderes stets den Spiegel vorgehalten hat, beschreibt Karen van den Berg das Potential der Selbstkorrektur einer Gesellschaft. Van den Berg macht hier eine deutliche Kontinuität aus, die sich heute freilich neue Arrangements für die künstlerische Bearbeitung von Asymmetrien zwischen Kunst und Establishment sucht.
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Seitenzahl: 20
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Karen van den Berg
Kritik, Protest, Poiesis
Künstler mischen sich ein – von 1970 bis heute
I. Kritik
Als der Konzeptkünstler Hans Haacke 1971 eine von ihm erstellte Foto- und Textdokumentation über die finanziellen Transaktionen eines Immobilienkonsortiums im New Yorker Guggenheim Museum ausstellen wollte, kam es zum Skandal. Die Ausstellung wurde nur 30 Tage vor der Eröffnung abgesagt, und der damalige Direktor des Guggenheim Museums, Thomas Messer, entließ den verantwortlichen Kurator Edward F. Fry, nachdem dieser öffentlich für Haacke Partei ergriffen hatte.
Haackes Arbeit Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, a Real-Time Social System, as of May 1, 1971, die später vielfach international gezeigt wurde, dokumentierte, wie ein Immobilienkonsortium Kapital aus der Verslumung Manhattans schlug. Das Werk besteht aus 146 Fotografien von New Yorker Gebäuden, wobei jeder Fotografie ein maschinengeschriebener Text zugeordnet ist, der die geografische Lage des Gebäudes aufzeigt und die zugehörigen finanziellen Transaktionen verzeichnet. Ergänzt wird diese Serie durch eine Reihe von Übersichtstafeln und Stadtpläne von Harlem und der Lower East Side.
Der Museumsdirektor hatte in einem Schreiben an Haacke erklärt, dass Kunst soziale und politische Konsequenzen nur »auf Umwegen und durch die verallgemeinerte exemplarische Kraft« haben könne.1 Der konkreten Dokumentation realer Immobilienbesitzverhältnisse, die der Künstler aus öffentlich zugänglichen Datenbanken zusammengetragen hatte, und der impliziten Kritik, die sich daraus ergab, wollte er in seinem Museum keinen Raum geben. Auch Haackes Angebot, die Daten zu anonymisieren, und seine rechtlich geprüfte Versicherung, dass im Falle der Ausstellung des Materials nicht mit einer Klage zu rechnen sei, änderte nichts an der Überzeugung des Direktors, dass hier die Grenzen der Kunst überschritten seien. Die Satzung des Museums, so ließ er den Künstler in einem Schreiben wissen, schließe »soziale und politische Ziele« aus.2
Haacke dokumentierte diese Korrespondenz im Anschluss in einer eigenen Buchpublikation.3 Der Skandal provozierte zudem eine Protestaktion von solidarischen Künstlern, die sich gegen diese Form der Zensur richteten und die Ausstellungsräume des Guggenheim Museum eine Zeitlang besetzten. So wurde die Arbeit Shapolsky et al.
