Kuerzlich in Asien - Stephan Rankl - E-Book

Kuerzlich in Asien E-Book

Stephan Rankl

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Beschreibung

Job kündigen, Wohnung auflösen und dann ein Flug nach Pakistan. Verkehrsmittel vor Ort, das Fahrrad. Das klingt doch interessant, also auf geht's ... Wir, Stephan und Bettina, haben das gemacht. Schwitzen in Pakistan wollten wir aber nicht allzu lange, weswegen wir uns bald in höhere Gefilde verabschiedeten. Von Kashgar in China radelten wir quer durch Tibet nach Lhasa. Da stehen ein paar schöne Berge entlang des Weges, zum Beispiel der Kailash, und auch sonst ist für viel Abwechslung und Abenteuer gesorgt. Auch wenn Radfahren in dieser Ecke der Welt nicht immer einfach ist. Später in Südostasien wärmten wir uns wieder auf und staunten über all die Hinterlassenschaften längst vergangener Kulturen. Dazu ein wenig eisgekühlter Zuckerrohrsaft, ein gutes Buch und ein schattiges Plätzchen unter eine Palme, herrlich! Eine schöne Reise mit dem Fahrrad quer durch Asien.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für Bettina, Jana und Fabian

Stephan Rankl

Kürzlich in Asien

Erlebnisse, Entdeckungen und Begegnungen einer Radreise

von Pakistan quer durch Tibet bis nach Bangkok

Kürzlich in Asien

Stephan Rankl

Copyright © 2014 Stephan Rankl

Weitere Informationen zum Autor und über dieses Buch im Internet: www.sirdar.de

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-0619-9

Übersichtskarte: University of Texas at Austin

Inhalt

Vorwort 2014.6

Vorspiel 8

Kapitel 1 - Pakistan.9

Der fliegende Musharaf.10

Ein Onkel in Deutschland.16

Karakorum-Highway.30

Kapitel 2 - China - Xinjiang.43

Orientalisches Märchen.44

Durch die Wüste.57

Verbotenes Land.64

Kapitel 3 - Tibet – Zum Kailash.80

Duschen in Ali 81

Canyoning.95

Heiliges Land.108

Kapitel 4 - Tibet – Nach Lhasa.112

Kora mit Hund.113

Sandkasten.123

Starnberg.135

Kapitel 5 - Tibet – Rund um Lhasa.139

Zieleinlauf.140

Schneegestöber.155

Nimmt uns jemand mit?.159

Kapitel 6 - China – Yunnan.166

Shangri-La Airport.167

Kormoran-Fischer.179

Ab ins Grüne.186

Kapitel 7 - Nord-Laos – Thailand.190

Chinesische Baumaßnahmen.191

Die Bestie.198

Bankok-Selfstorage.212

Kapitel 8 - Thailand – Kambodscha – Südlaos.215

Alte Steine.216

Dschungelrallye.226

Kaffeebohnen.239

Nachspiel 248

Prequel 253

Kapitel 9 – Tibet – Lhasa - Kathmandu.254

1-Mann-Gruppe.255

Zum Everst-Basislager.265

Der längste Downhill 283

Vorwort 2014

Als wir 2005 / 2006 zur großen Radreise starteten, war die Durchquerung Westtibets der Kern unserer Ambitionen. Alles andere ergab sich mehr oder weniger aus diesem Wunsch. Tibet-Reisen waren noch nie einfach und auch wir wussten anfangs nicht, ob uns die chinesischen Behörden bis Lhasa vordringen lassen würden.

Nachdem ich nun diese Geschichte als E-Book nochmal neu veröffentliche, versuchte ich mal die aktuelle Situation bezüglich individueller Reisen in Tibet zu klären. Eine Recherche im Internet war sehr ernüchternd.

Seit den Unruhen in Tibet 2008 geht da kaum noch was. Foreneinträge Kashgar – Lhasa, nichts. Die Region ist wieder mal abgeschottet. Reisen sind zwar generell möglich, aber nur in der Gruppe und mit vielen (teuren) Genehmigungen. Behördliche Willkür mit kompletter Abriegelung Tibets nicht ausgeschlossen. Ich konnte genau einen Bericht von Leuten finden, die nach 2008 den Xinjiang-Tibet-Highway per Fahrrad gemeistert haben.

Selbst zum Straßenzustand findet man viel Widersprüchliches. Die Strecke durch Westtibet scheint wohl mittlerweile zum Großteil asphaltiert zu sein, Vollendung in Sicht. Der Friendship-Highway von Lhasa nach Kathmandu ist es auf der Hauptstrecke schon. Sogar die Zeltplätze sollen mittlerweile vorgeschrieben sein. Das Abenteuer rückt also wieder ein Stückchen weiter weg.

Nachdem wir 2006 von unserer Reise zurückkehrten und während ich dieses Buch schrieb, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sich die Situation speziell in Tibet wieder so verschlechtert. Wir hatten einfach Glück, in einer relativ entspannten Zeit unterwegs zu sein. Bleibt also abzuwarten, bis sich die Tore wieder öffnen. Einstweilen muss man sich mit Geschichten zufrieden zu geben, wie es einmal war, damals …

Zur Neuauflage habe ich mich auch entschlossen, ein neues Kapitel mit meiner ersten Reise nach Tibet im Jahr 2003 anzufügen. Ich war dabei mit dem Fahrrad auf der Strecke Lhasa – Kathmandu unterwegs, dem sogenannten Friendship-Highway. Ich denke für einige Leute wird der Vergleich mit der Gegenwart sehr interessant sein.

Kapitel 1 - Pakistan

Schiebekommando im Hunza-Gebiet / Nordpakistan

Der fliegende Musharaf

„Wie, Pakistan? Was wollt ihr denn da? Und auch noch mit dem Fahrrad? Geht das denn überhaupt, soll deine Freundin voll vermummt durch die Gegend radeln? Hinter jeder Ecke fanatische Moslems, die nur darauf warten, ein paar Ungläubige zu entführen. Und überhaupt, Bomben, Terror, Geiseldramas ... und der (damals noch lebende) Bin Laden sitzt dort auch irgendwo in der Ecke!“. Ja, und den wollen wir besuchen ... schockierende News für Eltern und Verwandte. Nicht nur den Job einfach so zu kündigen, dann auch noch diese eher ungewöhnlichen Reiseziele.

Man hat es schon schwer in diesen Zeiten, eher exotische Reiseziele anzusteuern. Die Tagesschau leistet da hervorragende Arbeit, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, ein Vorurteil hinter jeder Ecke. Bei Pakistan denkt man automatisch an grimmige, bärtige Höhlenbewohner, die zudem schwer bewaffnet durch die Gegend ziehen und ihre Frauen einkerkern.

Dementsprechend grummelte uns schon der Bauch, als der Flieger in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, zur Landung ansetzte. „Auweia, auf was haben wir uns da dieses Mal wieder eingelassen?“. Lampenfieber nennt man das wohl.

Unser Reisemotto könnte auch „Plagen und wagen“ gewesen sein, aber wir ließen es unter dem Titel „Jetzt oder nie!“ firmieren. Der Plan, zunächst den Karakorum-Highway hochradeln, hinüber nach China wechseln und von Kashgar aus durch eine wirklich einsame Gegend, nämlich quer durch Westtibet, am heiligen Berg Kailash vorbei nach Lhasa. Vieles konnte man da erwarten, nur eines nicht, geteerte Straßen! Nur jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, kann ich sagen, ja es war fantastisch!

Der Plan, welche Strecke wir angehen wollten stand schnell. Viel schwieriger, sich der ganzen kleinen Dingen des Alltags zu entledigen, die einen fesseln und den Tagesablauf bestimmen. Als da wäre zum Beispiel der Freizeitvernichter Nummer Eins, die geregelte Arbeit. Gar nicht so einfach seine Chefs von der Einmaligkeit so eines Unternehmens zu überzeugen, um nicht zu sagen unmöglich. Es blieb nur die Kündigung. Sich soweit zu reduzieren für ein Leben als Nomade, wenn auch nur vorübergehend, gestaltete sich schwieriger und zeitaufwendiger als wir anfangs dachten. Irgendwann hatten wir es geschafft, der Termin stand schon lange und sanft setzte uns der Flieger am Flughafen von Islamabad auf. Wir waren weit weg von daheim. Das Abenteuer konnte beginnen ...

Ich gehe noch mal den Lonely Planet durch, wo ist das Hotel, wie kommen wir dahin. Alles zuvor schon oft gelesen, aber jetzt wo es ernst wird, soll alles passen. Dabei findet sich auch ein Kapitel über die Geschichte von Islamabad.

Nachdem Karachi im Süden am Arabischen Meer zu weit weg von allem war, beschloss der junge islamische Staat namens Pakistan bald, eine neue Hauptstadt musste her. So entstand auf dem Reißbrett Islamabad, etwas nördlich von Rawalpindi. Der Spatenstich erfolgte 1961. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, werden die beiden Städte zusammenwachsen, aber der Unterschied könnte nicht größer sein. Dort das saubere Islamabad, mit Parks und rechtwinklig angelegten Straßen. Hier das Chaos Rawalpindi, mit Menschenmassen, Lärm und viel zu viel Verkehr. All das, was man vom indischen Subkontinent erwartet.

In Karachi hätte ich jetzt auch nicht unbedingt landen wollen, erst kurz zuvor war dort einer dieser sprengwütigen Höhlenbewohner dingfest gemacht worden. Stattdessen bin ich doch recht froh über die geordneten Verhältnisse am Flughafen von Islamabad und danke im Geiste irgendeinem weitsichtigen General, der nicht in Karachi schwitzen wollte. Alles sehr übersichtlich, viele Flieger hat das Personal den Tag über wohl nicht zu betreuen. Die Ausstattung eher spartanisch. Ein hölzernes Pult für den Grenzbeamten, mehr nicht. Viele seiner Landsmänner hat es wohl nach England verschlagen. So gut wie alle mit uns Eingereisten machen den Eindruck, als ob sie gerade von London aus einen Heimatabstecher unternehmen. Selbstverständlich mit Großfamilie im Gepäck. Dazu muss man wissen, Pakistan ist der muslimische Teil des einstigen Kolonialreiches der Briten auf dem indischen Subkontinent.

Weiterhin fällt auf, alle laufen hier im „Pyjama“ herum. Man sieht, wie es in islamischen Ländern üblich ist, fast nur Männer. Alle in weiten, vorzugsweise hellblauen, bis zu den Knien reichenden, dünnen Leinen-Hemden gekleidet. Darunter eine gleichfarbige Hose vom selben Material. Nennt sich „Shalwar Kameez“ und ist so etwas, wie die pakistanische Nationalkleidung. Frauen, wenn man sie denn sieht, tragen prinzipiell dasselbe, nur dürfen es geschlechtsspezifisch mehr Farben und Muster sein. Zusätzlich kommt noch das Kopftuch hinzu.

Jeder, der schon mal sein Fahrrad einer Airline anvertraute, kennt das mulmige Gefühl an der Gepäckausgabe zu stehen, und sich zu sorgen, wo ist mein Fahrrad und vor allem, in welchem Zustand hat es den Flug überlebt? So frage ich einen dickeren Herrn hinter dem obligatorischen Holzpult, wo wir denn unsere Drahtesel abholen könnten. Achselzuckend verweist er darauf, sein Job hier wäre es nur, das Telefon neben sich auf dem Pult zu bewachen. Es ist das öffentliche Fernsprechgerät im Flughafen. Altertümlich mit Wählscheibe.

Wir erspähen schließlich unsere Foltergeräte auf der anderen Seite der Halle. Alles noch dran, keine größeren Verluste, ein guter Start! Natürlich mussten wir beim Einchecken in Frankfurt Übergepäck bezahlen und das obwohl uns die Airline vorab zugesichert hatte, Fahrräder kommen als Sportgepäck umsonst mit. Am Flughafen hieß es lediglich, nur zehn Kilogramm pro Rad. Unsere Stahlrösser sind aber nun mal keine Leichtgewichte. Stabil und zuverlässig sollten sie sein. Also berappen und zwar nicht zu knapp.

In Zusammenarbeit mit dem Taxler finden wir unser Hotel der Wahl in Islamabad, das Ambassador. Hört sich prunkvoll an und man fühlt sich gleich bei Betreten der Eingangshalle ins britische Kolonialreich zurückversetzt. Dazu passt auch der Wächter an der Tür, der wohl noch persönlich für Ihre Majestät das britische Reich gegen aufständische Paschtunen verteidigt hatte. Gewehr, Marke Bärentöter, in der Hand, Patronengurt um die Schulter. Kaliber und so weiter sind nicht mein Metier, aber die Patronen sehen vom Format aus wie eine Filmdose. Diese Nacht werden wir wohl sicher schlafen.

Vorher wagen wir uns noch in das dunkle Islamabad. Nur schnell die Straße runter, auf der Suche nach einem Internet-Cafe. Viele Banken reihen sich aneinander, kleine Restaurants und sogar eine echte Bäckerei! Damit scheint die Versorgung schon mal gesichert. Wenige Meter weiter, das gesuchte Internet-Cafe. Der Besitzer lädt uns zu einem Tee ein und führt uns bald auf das flache Dach des Hauses. Ein schöner Nachthimmel breitet sich über Islamabad aus.

Er stellt sich uns als Ali vor. „German, good people. American, British – no good!“. So einfach ist das für ihn. Weiter erzählt er uns von seinem Vater, dem hier in der Umgebung so gut wie alles gehört. Ein Familienbusiness also. Was Ali weiter noch so erzählt, hört sich für uns allerdings eher nach mafiösen Strukturen an, aber so läuft es hier wohl. Er betreibt das Internet-Cafe und hat eine Horde Angestellter, die Dokumente in alle möglichen Sprachen dieser Welt übersetzen können. Während er so im eher schlechten Englisch daherplaudert, dreht er sich einen Joint nach dem anderen und weiß natürlich, wo in der Stadt Wein, Whiskey und Bier aufzutreiben sind. Man könnte also nicht behaupten, dass er dem Laster abgeneigt wäre. Nur Heiraten geht nicht, weil viel zu teuer in Pakistan. Das Mitgift-System ist hier auch als mafiös zu bezeichnen und Wert sowie Qualität der Hochzeit bemessen sich an der Größe der Feier. Deswegen sollen wir in Deutschland nach einer Frau für ihn Ausschau halten. Er spekuliert wohl auf einen Preisnachlass. Hmm, ich frage mich, was er für ein Bild vom Westen hat?

Bettina und ich, wir sind natürlich verheiratet. Spontan bei Ankunft in diesem Land hatten wir entschlossen, uns seit sechs Monaten im sicheren Hafen der Ehe zu befinden. Damit wollen wir einige unangenehme Fragen und Situationen umschiffen und womöglich in irgendeinem Hotel nicht auch noch in getrennten Zimmern übernachten müssen. Gegenfrage kommt natürlich prompt, wo sind denn dann die Kinder? Ähmm ... nach nur sechs Monaten, so schnell ist Mutter Natur nicht.

Ali lädt uns für den nächsten Tag zu einer Tour in die Margalla Hills gleich hinter der Stadt ein. Die Chance lassen wir uns nicht entgehen und finden uns am nächsten Tag im Taxi mit Ali wieder. Sein Prachtauto, von dem er uns gestern noch so stolz erzählte, zog es bei der Heimfahrt in der Nacht unwiderstehlich gegen eine Wand und ist deswegen heute nicht einsatzbereit. So zumindest sein Ausrede.

Die Margalla Hills gleich nördlich am Stadtrand von Islamabad sind schon der erste Ausläufer des westlichen Himalajas und Teile davon wurden als Nationalpark ausgewiesen. An die 2000 Meter hoch bieten die dicht bewaldeten Hügel vor allem eines, Kühle! So strömen die Leute an freien Tagen in Scharen hoch, um der Hitze von Islamabad zu entkommen. Gerüchteweise soll hier sogar schon mal Schnee gelegen haben.

Was Ali nun so alles für den Tag geplant hat, wollte er uns nicht verraten. Ganz geheuer ist uns die Sache nicht, aber wir sind nun mal hier, um Abenteuer zu erleben. Jedenfalls zeigt er sich spendabel und besteht darauf, wir sind eingeladen. Er sucht wohl nur Gesellschaft. Sonntags sind die Geschäfte geschlossen und das kann für einen Single schon mal langweilig werden. Da ist es allemal besser, sich mit ein paar Westlern im Hinterland rumzutreiben. Zunächst einmal steht die Besichtigung seines Baugrundes für das zukünftige Haus an. Nette Hanglage, aber da bleibt noch viel zu tun. Die Leute sprechen in hier mit „Schah“ an, einem Ehrentitel für einflussreiche Personen. Irgendwie ergibt sich der Rest dann eher zufällig, aus dem kurzen Spaziergang in den Wald wird letztendlich eine ausgewachsene sechsstündige Wanderung zurück nach Islamabad. Wie aus dem Nichts findet sich noch ein Begleiter, „Musharaf“, dank seines Namens auch „Präsident“ genannt. Der derzeitige Militärmachthaber Pakistans heißt so. Er selber findet den Vergleich wohl am besten, immer wieder gibt er ein lautes „I am Musharaf – President of Pakistan“ von sich, um dann gleich in schallendes Gelächter ob dieses Kalauers auszubrechen. Die zwei sind Haschbrüder vor dem Herrn. Jeder der beiden dürfte den Tag über so an die 15 Joints geraucht haben. Auch hier ist das illegal, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, Bettina und ich sind in der Hinsicht absolute Abstinenzler. Aber wie soll man das jemandem klar machen, der mit jedem Zug mehr in eine Parallelwelt abgleitet.

Dank der zwei wird uns quasi uneingeschränkter Zugang zu all den Dörfern entlang des Weges gewährt. Wir dürfen überall rein, oder müssen viel mehr. Je nachdem wie man es nimmt. Im ersten Dorf gibt es ein „Lassi“. Kuhmilch, frisch gepresst, mit Butter. Nächste Station Tee und Kekse. So treiben wir die Akklimatisierung unserer Mägen an asiatische Verhältnisse im Eilschritt voran. Der Gusseisenmagen, den man sich mit jedem Schluck einredet, wird es schon aushalten.

Frauen halten sich meist versteckt, oder müssen den Raum verlassen, sobald wir antraben. Bettina bekommt trotzdem Zugang und sitzt anschließend zusammen mit mir in der Männerrunde. Keine Ahnung, was die islamischen Regeln für diesen Fall vorschreiben. Die Leute, welche wir auf diese Weise besuchen können, leben einfach. Lehmhütten dienen als Behausung. Jeder hat ein paar Kühe und Hühner. Viel anbauen lässt sich am Hang nicht und so versuchen sie, eher mit Weben und ähnlichen Handarbeiten über die Runden zu kommen. Andere wie Musharaf ergattern unten in Islamabad hin und wieder einen kleinen Job. Die Wanderung führt uns weiter durch dichte grüne Wälder. Mit jedem Schritt hinunter wird es heißer und alle sind wir schweißgebadet. Nur der inzwischen arg zugedröhnte Musharaf nicht, der breitet die Arme aus und fliegt ...

Für Abkühlung sorgen klare Bäche und schließlich in der Nähe einer Moschee im Grünen der obligatorische Coca-Cola-Stand. Bald erreichen wir wieder die Außenbereiche von Islamabad. Von der Hitze doch ziemlich erledigt, wollen wir eigentlich nur noch zurück ins Hotel. Aber wie den Fängen von Ali entgehen? Der besteht darauf, wir müssen unbedingt noch seine Stadtwohnung ansehen und mit ihm Abendessen. Ehe wir uns versehen, dürfen wir also seine Junggesellen-Residenz auch noch in Augenschein nehmen. Sagen wir mal so, der Fernseher nimmt eine sehr zentrale Rolle im Mobiliar ein und das ganze Haus scheint nur aus Schlafzimmern zu bestehen. Bald springt Ali im Unterhemd durch das Haus, was nun auch bei uns daheim vor Leuten, die man gerade erst kennengelernt hat, nicht gerade angebracht ist. Nach meinem Verständnis müsste so was in einem islamischen Land also völlig daneben sein.

„Look here, good muscle!“ so deutet er auf seinen Bizeps. „You will find good woman in Germany for me!“. Jaja Ali, lass gut sein. Schließlich begeben wir uns doch noch auf den Heimweg, aber für Bettina muss unbedingt noch ein Shalwar Kameez her. So in Hemd und Hosen kann sie nicht durch die Straßen dieses Landes laufen. Deswegen landen wir beim Stoffverkäufer, Männer-Business im Übrigen. Der Sohnemann darf ran, und die besten Stoffe Asiens gekonnt anpreisen. Die Leute sind hier eindeutig zum Verkaufen geboren! Ohne Handeln geht natürlich nichts, aber Schah Ali bekommt selbstverständlich einen Sonderpreis. Es ist inzwischen spätabends, doch der Schneider nimmt noch die Maße auf, und voila, bis morgen früh ist der Pyjama in Landestracht maßgeschneidert fertig. Jetzt aber, Bett, bitte! Doch Ali will uns immer noch nicht entlassen. Zum Glück erkennen wir die Gegend wieder und können uns daher Alis Ablenkungstaktiken zum Trotz in Richtung Hotel absetzen. Jedoch nicht ohne seinen Begleitschutz versteht sich. Die letzten Meter um die Ecke bis zum Hoteleingang will er aber partout nicht mitgehen. Standhaft weigert er sich, auch nur in Sichtweite des Hoteleingangs zu geraten. Ende der Einflusszone? Gefährliche Hood? Nein, schlimmer! Angeblich gehört das Ambassador einer Engländerin! Ist natürlich klar, da kann man schon mal seinen guten Ruf verlieren, wenn man vor so einem Establishment gesichtet wird.

Wir versinken schließlich doch noch im Bett, aus dem Fernseher dröhnt amerikanische Teufelsmusik mit halbnackten Weibern am Mikro. Irgendwie hatte ich mir Pakistan doch anders vorgestellt. Weit und breit keine Gotteskrieger und auf MTV schwingen knapp bekleidete Mädels ihre Hüften.

Ein Onkel in Deutschland

Islamabad ist heiß. Schon frühmorgens knallt die Sonne vom Firmament. Man sitzt einfach nur regungslos im Schatten und schwitzt. Da ist es schon sehenswert, wie ein Gehilfe für ein wenig extra Bakschisch unsere Räder auf dem Kopf balancierend auf das Busdach hievt. Wir wollen weiter in den Norden des Landes, nach Gilgit. Mit den Leuten ins Gespräch zu kommen gestaltet sich sehr einfach. Die meisten können Englisch und Ausländer sind eine willkommene Abwechslung zum Alltagstrott. Natürlich kennt jeder im Lande einen Verwandten, der im hintersten Winkel ein Hostel betreibt, wo wir unbedingt vorbeischauen müssen. So haben wir bald eine stattliche Sammlung von Visitenkarten beieinander, weil ohne die geht nichts. Sind alles „Businessmen“ hier!

Bettina ist die einzige Frau im ganzen Bus und ich der einzige, der keinen Pyjama an hat und mit Vollbart kann ich auch (noch) nicht dienen. Frauen müssen ganz vorne sitzen und nur andere Frauen oder enge männliche Verwandte dürfen daneben Platz nehmen. Aber wir sind zum Glück „verheiratet“! Zwei Fahrer teilen sich die Arbeit. Während der eine lenkt, schläft der andere daneben auf einer eigens angebrachten Pritsche. Die Landschaft fliegt vorbei. Bald zweigt der Karakorum Highway von der Grand Trunk Road ab. Der Karakorum Highway! Was für eine Straße!

Seit jeher eine uralte Handelsroute, ein Ausläufer der Seidenstraße. Der Buddhismus breitete sich von hier nach China und Tibet aus. An der Kollisionszone zwischen indischer und asiatischer Platte treffen Pamir, Kunlun, Hindukush, Karakorum und Himalaja aufeinander. Die längsten Gletscher außerhalb der Polregionen liegen in den Tälern, schroffe Gipfel darüber, die tiefsten Schluchten zerfurchen die Gegend und all dies gleich neben der Straße. China und Pakistan beschlossen im Jahre 1966 die Route für motorisierte Vehikel befahrbar zu machen. Ein Bauwerk der Superlative. 1200 Kilometer von Kashgar in China bis Havelian in Pakistan. Fast alle Brücken wurden von den Chinesen errichtet, auch auf pakistanischer Seite, da den heimischen Ingenieuren das hierfür notwendige Know-how fehlte. Pro 1,5 Kilometer Straße kam statistisch ein Bauarbeiter ums Leben. Die offizielle Eröffnung erfolgte 1982. Die Straße führt nun mitten durch die höchsten Gebirge der Erde. An Fahrräder denkt man da zunächst nicht zwingend und doch genau, auf der Strecke wollen wir radeln!

Nur ist Pakistan ein sehr fragiles Staatengebilde. Außerhalb der Städte regieren Familienclans. Speziell im Norden des Landes gibt es einige sehr auf ihre Unabhängigkeit bedachte Stämme. Das bekamen damals schon die Briten zu spüren, die North-West-Frontier verursachte ihnen zu jener Zeit einiges an Bauchschmerzen und ist im Grunde genommen immer noch unregierbar.

Nun führt der Karakorum Highway mitten durch Indus Kohistan, welches aufgrund seiner Geographie nahezu unzugänglich ist. Nur der Indus schneidet eine tiefe Schneise durch die gebirgige Gegend. Der Einfluss des Staates hört hier am Straßengraben auf. Dahinter regieren obskure Stammesfürsten, die von der Außenwelt nur ihre Macht beschnitten sehen. Eine nicht ganz sichere Gegend also und auch der Grund, weswegen wir die Busreise der Fahrt mit dem Fahrrad doch zunächst vorziehen. Mitten in der Nacht wird der Bus dann auch von der Polizei angehalten. Weiterfahren aus Sicherheitsgründen nur im Konvoi möglich! So müssen wir drei Stunden warten, bis genügend Fahrzeuge zusammen sind. Irgendwann ist man so müde, der Schlaf überwältigt einen problemlos sitzend auf einer Steintreppe! Trotz Hitze und lästigen Blutsaugern.

Wir folgen dem Indus flussaufwärts. Hoch in den Schluchtwänden ist die Straße angelegt. Der Blick aus dem Fenster nach unten, durchaus beängstigend. Die Augenringe unserer Busfahrer beruhigen da auch nicht. Irgendwie scheinen sie einen Bund mit Allah geschlossen zu haben oder denken dies zumindest. Überholt wird grundsätzlich überall. Ich möchte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, wie viel Busse da unten irgendwo im Indus liegen. Frühstück gibt es an einer Karawansarai der Neuzeit. Generell sind die sehr leckeren Chapatis, eine Art Teigfladen, das Alltagsgericht der Pakistanis. Morgens werde diese mit Eiern aufgewertet und schmecken dann wirklich hervorragend. Dazu wird Tee gereicht.

Viele Checkpoints des Militärs verzögern die Weiterfahrt. Wir müssen aussteigen, die Fahrzeuge werden durchsucht, unsere Pässe registriert. Ein Anwalt aus Skardu spricht mich an. Auffällig ist, sobald er etwas über „meine Frau“ wissen will, redet er nicht direkt mit Bettina, die gleich neben mir steht, sondern mit mir. Auch Antworten werden auf diese Weise übermittelt. Nur ja nicht die Ehre seines männlichen Gegenübers reizen. Wir lernen jedoch die wichtigste Redewendung für einen Moslem überhaupt kennen, „Inshallah“! Wenn Allah will, kommt der Bus demnächst in Gilgit an. Wenn nicht, dann nicht.

Und siehe da, endlich nach gut zwanzig Stunden Fahrt erreichen wir Gilgit. Die Stadt liegt in den Northern Areas, ein unnatürliches politisches Konstrukt, früher Teil von Jammu-Kaschmir. Nach der Unabhängigkeit entschied sich der damalige Maharaja für das hinduistische Indien, in völliger Missachtung der muslimischen Mehrheit in Teilen seines Reiches. Es kam zur Revolte und schließlich zum Krieg zwischen Indien und Pakistan. Nach einem von der UN überwachten Waffenstillstand wurden Teile Kaschmirs Pakistan zugeschlagen. Wie allgemein bekannt, streitet man sich noch immer, wem nun was gehört. Damit nicht genug, treffen in Gilgit verschiedene islamische Glaubensrichtungen aufeinander, Schiiten, Sunni und Ismaili. Da hier so gut wie jeder bewaffnet ist, werden Meinungsverschiedenheiten schon mal mit dem Gewehr ausdiskutiert. Tja, wenn die Kugeln fliegen sollte man schauen, möglichst nicht in Gilgit zu sein.

Mit dem Wissen werden wir am Busbahnhof der Stadt entlassen. Man hat einen abgeschossenen Hubschrauber der Inder auf ein Denkmal gestellt. Über dem hölzernen Ticketschalter steht groß geschrieben „Down with USA“. Nun gut, herzlich willkommen, wir sind Deutsche. Ein Freund hatte uns das Madina Guesthouse empfohlen, welches wir nun auch ohne Umwege ansteuern. Das Tor zum Guesthouse öffnet sich und wir betreten eine andere Welt. Draußen laute Bazare und Moscheen. Drinnen eine Oase der Ruhe. Wir werden von freundlichen Angestellten begrüßt. Ein Willkommens-Tee wird gereicht. Seltsam allerdings, irgendwie reden alle Gäste eine sehr vertraute Sprache. Reinstes Bayrisch! Kurzurlauber, also Bürohengste mit den jährlichen vier Wochen, sind keine dabei. Alle mehrere Monate oder gleich auf ewig unterwegs. Zwei Jungs, die den ganzen Weg von daheim bis hierher geradelt sind, ein Bergsteiger, zwei die mit ihrem eigenen Bus von Indien rüber gefahren sind, wo sie im Winter in Goa mit Tätowieren ihre Brötchen verdienen. Das ist sie also, die schöne Aussteigerwelt und wir mitten drin. Alle stammen ursprünglich aus Stoiber-County. Oh, Verzeihung! Mittlerweile gehört es ja einem anderen. Wirft ja nun nicht unbedingt ein gutes Licht auf die Heimat, wenn alle gleich längerfristig die Flucht ergreifen. Zusammen jedenfalls kennt dieses illustre Grüppchen die ganze Welt! Kein Land, in dem nicht einer schon mal vorbeigeschaut hätte. So werden abends Geschichten unters Volk gebracht. Hoast me! Und a jeda kapierts! Mitten in Pakistan, aber Bayern ist überall! Schon irgendwie surreal ...

Eigentlich wollen wir ja schön langsam mal mit dem Fahrrad loslegen, aber bei den feinen Bergen hier in der Ecke? Was willst da machen, die Bergsteigerseele fordert ihren Tribut und so müssen wir an einem dieser eisigen Giganten wenn schon nicht hoch, dann zumindest so weit ran, wie nur irgend möglich. Dazu gucken wir uns den Nanga Parbat aus, westlicher Eckpfeiler des Himalaja und 8125 Meter hoch. Schicksalsberg der Deutschen wird er genannt, weil zu Vorkriegszeiten deutsche Expeditionen hier ihr Glück versuchten und dabei heroisch und national erhebend reihenweise verreckten. Ein Österreicher hat schließlich den großen Wurf getan. Hermann Buhl machte 1953 seinen berühmten Alleingang und stand als erster auf dem Gipfel des „nackten Berges“, so die Übersetzung von Nanga Parbat.

Wir bescheiden uns mit der Märchenwiese und dem Basislager. Den Begriff Märchenwiese prägten auch die Deutschen, überwältigt von der Blumenpracht auf den Almwiesen dort oben. Vor dem allen steht eine sehr abenteuerliche Fahrt mit dem Jeep. Die Bewohner des Raikot-Tales zu Füssen des Nanga Parbats haben ihre Heimat durch eine abenteuerliche, von ihnen selbst angelegte Straße zugänglich gemacht. Gerade so breit, dass ein Jeep darauf fahren kann, scheint der Weg an die glatten Felswände geklebt zu sein. Lose aufgeschichtete Steine bilden das Fundament, daneben geht es in die Tiefe. So eine Straße baut man nun allerdings nicht aus Allgemeingefälligkeit. Nein, der Rubel muss schon rollen. Also wurde ein Jeep-Kartell gegründet, die Straße darf nur von den Raikot-Bewohnern befahren werden und auch nur die dürfen Touristen befördern. So sitzen sie also am Karakorum-Highway und warten auf Kundschaft. Handeln gilt ausnahmsweise mal nicht, es gibt eine fixe Fahrkostenpauschale. So viel Gleichheit muss sein. Erspart uns einige Mühen und wir nehmen getrost den erstbesten Fahrer. Schnell wird klar, auf der Straße sollte man auch nicht jeden hochfahren lassen. Die Strecke muss man kennen, die Kurven sind so scharf, wenn der Fahrer nicht rechtzeitig einlenken würde, gäbe es einen Freiflugschein. Wie immer in Ländern der dritten Welt würde unser deutscher TÜV hier wohl die Krise kriegen. Plötzlich schwingt die Beifahrertür auf und ich gucke in den Abgrund. Urgss ... lächelnd zeigt mir der Fahrer wie ich die Tür mit einer Schnur wieder ordnungsgemäß verschließe.

„Where do you come from?“

“Germany.”

“Ah, I have uncle in Germany!”

“Where?”

“I don’t know, he has good work.”

Nebenbei drückt er uns eine Visitenkarte von einem guten Campingplatz auf der Märchenwiese in die Hand. Gehört seinem Bruder.

Irgendwann ist der haarsträubende, aber sehr fotogene Fahrhorror vorbei und wir dürfen unsere Rucksäcke schultern und zu Fuß gehen. Dauert nicht lang, da beschenkt uns ein Eseltreiber mit einer weiteren Visitenkarte. Sehr guter Campingplatz, gehört ihm selber. Aha. Wegen eines Stellplatzes für unser Zelt müssen wir uns also keine Gedanken machen. Ist heiß hier und der Rucksack drückt schon nach wenigen Metern mächtig. Aber bei einem „Hotel“, nichts anderes als ein Bretterverschlag, hat man sich auf Erfrischungsgetränke für müde Wanderer spezialisiert. Nach dieser unweigerlich notwendigen Erfrischung bekommen wir aber bald einen neuen Begleiter.

„Where do you go?“

Na ja, zur Märchenwiese halt, Raikot Sarai, dem Campingplatz, wo so gut wie jeder Tourist sein Zelt aufstellt. In diesen Zeiten sind Touristen allerdings ein rares Gut und so will er die potentielle Einnahmequelle nicht so ohne weiteres ziehen lassen, weil sein Vater ist stolzer Besitzer eines viel besseren Platzes.

„Nein wollen wir nicht.“

Er bleibt hartnäckig und so klebt uns den ganzen Weg hoch ein beständig palavernder Campingplatzvertreter auf den Fersen. Die Landschaft entschädigt dafür. Bald rückt der Nanga Parbat ins Blickfeld. Von der nach Norden ausgerichteten Raikot-Seite schiebt sich der gleichnamige Gletscher wie eine riesige Straße ins Tal. Oben blendend weiß, unten vom mitgeführten Schutt grau und schmutzig.

Kurz vor dem Etappenziel setzt unser pakistanischer Freund alles auf eine Karte, mit dem verzweifelten Versuch, uns doch vom rechten Weg abzulocken.

„Here you go, this is right way!“

„Junge das sind nur zwei Fußabdrücke im Dreck“, und ich deute stattdessen auf den so an die zwei Meter breiten ausgelatschten Weg vor uns, den man nun wirklich nicht als den falschen ansehen kann, vor allem im Vergleich zur Alternative. Erschwerend kommt hinzu, gerade voraus tauchen die ersten Häuser auf. Ich deute dahin, woraufhin unser Freund einen Panikanfall vortäuscht.

„Ah no, local village, dangerous for you! No!“

Alles klar, die Fakten sprechen gegen ihn und so gehen wir den „gefährlichen“, aber gemütlichen Weg weiter, die No-Rufe des Kollegen nicht beachtend. Beim „Local village“ angekommen, werden wir statt mit Prügel mit dem breitest vorstellbaren Lächeln empfangen. Es stellt sich heraus, das ist Raikot Sarai, dort wo jeder absteigt. Wir verstehen nun die Taktik unseres Begleiters. Schon fiese Tricks, die die Leute hier so anwenden ...

Es gibt natürlich einen Grund für die Beliebtheit des Raikot Sarai. Auf einer Moräne liegend kann man sein Zelt aufstellen, und zwar so als ob zwischen Gletscher und dem dahinter liegenden Nanga Parbat scheinbar nur noch der Gartenzaun stehen würde. Fertig ist das Postkartenmotiv. Findet man so in jedem Reiseführer für Pakistan. Für uns weht extra noch die pakistanische Fahne dazu. Zudem ist es schlicht und ergreifend der erste Zeltplatz am Wegesrand. Klar, dass der die meisten Leute abbekommt.

Außerdem nicht zu unterschätzen, das Essen ist gut und die Besitzer freundlich. Der „Welcome-Tea“ geht auch wieder an den Start. So-gleich wird uns neuerlich die Geschichte von einem Verwandten in Deutschland erzählt. Scheint ein beliebtes Auswanderungsziel für die Bewohner des Tals zu sein. Duschen gibt es im Übrigen auch am Zeltplatz, sogar mit Boiler. Allerdings in der Low-Tech-Version, was bedeutet, ein Ölfass mit Feuerstelle darunter. Strom kennt man hier nur vom Hörensagen.

Zelt steht, wir sind gewaschen, jetzt fehlt nur noch das abendliche Unterhaltungsprogramm. Dieses gibt sich unfreiwillig in Form einer organisierten österreichisch / deutschen Trekkinggruppe ein Stelldichein. Zelte finden sie aufgebaut vor, umso mehr erstaunt uns mit welch riesigem Gepäck die Leute dennoch unterwegs sind. Selber tragen ist nicht, zwölfjährige Kinder müssen die überdimensionierten und dazu unhandlichen Sporttaschen an den Henkeln vom Tal herauf hochwuchten. Aber so ein Akkurasierer und anderer kleiner Luxus gehört schon dazu. Ist irgendwie doch verführerisch, wenn man sein Zeug nicht selber tragen muss, da wandert doch immer viel zu viel unnötiger Krimskrams in die Taschen. Kennt man selber nicht anders. Ich male mir aus, wie in der Dusche eifrigst nach einer Steckdose für den Fön gesucht wird. Sollte man vielleicht mal machen, so mitten in der Pampa eine Steckdosen-Attrappe anbringen. Und eine Kamera aufstellen.

Im Gemeinschaftsraum des Campingplatzes hängen überall Schwarz-Weiß-Fotos von den ersten Expeditionen zum Nanga Parbat. Insbesondere Herman Buhl grinst öfters von der Wand, er scheint hier sehr verehrt zu werden. Auf seinen Spuren wollen auch wir wandern, allerdings nur bis zum Basislager. Zwecks Akklimatisierung legen wir doch einen eher gemütlichen Tag ein und wandern nur bis zum nächsten Weiler, namens Beyal. Der Weg dorthin führt immer auf der Moräne des Raikot-Gletschers entlang durch dichte Pinien-Wälder. Ständig kommen uns bärtige Männer mit umgehängten Flinten entgegen. Da könnte einem schon mulmig werden, aber sie grüßen freundlich.

Beyal liegt auf knapp 3600 Meter. In den Alpen findet man auf dieser Höhe nur noch Gletschereis. Hier ist gerade mal der Waldrand erreicht. Je höher man kommt, umso ärmlicher werden allerdings die Behausungen. Armselige Bretterverschläge dienen als Unterkunft. Es ist kalt und so quillt Rauch aus den mit Steinen beschwerten Dächern. Die eigens für die Touristen abgesteckten Camping-Areale wirken da schon wieder surrealistisch. Zumal auch einige richtig schöne Blockhüttchen aufgestellt wurden, die sich im Vergleich zu den Hütten der Dorfgemeinschaft wie Neuschwanstein ausnehmen. Ziegen und Kühe sind wohl neben den Touristen das Hauptgeschäft für die Leute hier oben. Im Grunde auch egal, was für eine Herde man den Berg hochtreibt ...

Unser Abendspaziergang führt uns wenige Meter die Moräne hoch. Ein prachtvoller Blick auf den Nanga Parbat eröffnet sich uns. Wild zerklüftet ziehen die Eisströme nach unten, um sich schließlich in einem einzigen, großen zu vereinigen, dem Raikot-Gletscher, über dem wir nun stehen. Gegenüber erheben sich ebenso eindrucksvolle Gletscherberge, gerade mal über 5000 Meter hoch wirken sie im Vergleich zum Parbat wie Zwerge. Die mehr als 4000 Meter Eiswand bis zum Gipfel dieses Achttausenders lassen sich von unserem Standort nur schwer erfassen. Man muss den Kopf schon weit ins Genick legen, um nach oben blicken zu können.

Abends fällt eine weitere Gruppe eines sehr bekannten Trekkingveranstalters ein. Als die Vorboten ankommen, denken wir zuerst an eine Expedition und warten gespannt auf die Neuankömmlinge! An die zwanzig vollbepackte Mulis mit Expeditionstonnen. Dazu bauen vierzig Helfer und Träger ein eigenes Kochzelt auf, in dem bald die Großküche angeschmissen wird. Doch all der Aufwand für ganze siebzehn Trekker, die nun nicht unbedingt aussehen, als ob sie den Nanga Parbat erstürmen wollen, geschweige den überhaupt wieder lebend ins Tal zurückkommen, so ermattet wie sich einige auf die Wiese fallen lassen. Der ganze Aufmarsch schafft zumindest Arbeitsplätze und davon gibt es in diesem Land definitiv zu wenig.

Große Attraktion abends ist ein Lagerfeuer! Wir gesellen uns zu den Pakistanis, die sich sehr freundlich und gesprächig zeigen. Wir wunderten uns ja schon die ganze Zeit in diesem Tal, warum hier jeder einen Onkel, Cousin oder Bruder in Deutschland hat. Jetzt ging uns ein Licht auf! All die Bewohner in diesem Tal gehören zu einem einzigen großen Familienclan. So an die 500 Familienmitglieder sind es wohl. Anhand der vielen Schnipsel, die wir von diesem ominösen Verwandten in Deutschland gehört haben, können wir nun einen wunderbaren Steckbrief erstellen. Also, er lebt in Hamburg, ist Ingenieur bei Airbus und hat zwei Töchter.

Nanga Parbat (8125m)

Karimabad, dahinter Ultar-Peak (7388m)

Bewässerungskanäle über Karimabad

Rollendes Kunstwerk / Karakorum Highway

Bettina unterwegs in Landestracht

Bergkathedralen in der Nähe von Passu

So wird uns auch erzählt, wie Pakistan hier oben funktioniert, nämlich gar nicht. Die Macht hat der Familienclan und insbesondere das Oberhaupt, der Khan. Mit dem könnte man übrigens Jeep fahren. Er gehört zu dem illustren Grüppchen, welches Touris hochkarren darf.

Das alte Kashmir ist nun mal eine sehr besondere Zone, politisch gesehen. Die offizielle Meinung Pakistans ist, bei einer Wahl sollten sich die Bewohner dieses Landstriches für Pakistan oder Indien entscheiden. Bis dahin gehört Kashmir nirgends dazu. Die effektiv unter pakistanischer Verwaltung stehenden Zonen hängen also somit in der Luft. Gleichzeitig weigert sich Pakistan offizielle Provinzen auszurufen, weil dies die Teilung Kashmirs besiegeln würde. Dies führt nun zu dem Kuriosum, dass die pakistanischen Kashmiris im indischen Parlament einen Sitz frei hätten, im pakistanischen aber nicht. Da soll einer durchblicken ...

Die Bewohner des Tals deuten dies so, der Staat sitzt weit weg in Islamabad und hat nichts zu melden. Was sich zum Beispiel in dem Bau der abenteuerlichen Privatstraße als Zugang zum Tal äußerte. Die Macht des Clans geht soweit, dass selbst General Musharraf zu Fuß hoch laufen musste, weil sein Militär quasi keine Fahrerlaubnis für die Straße bekommen hatte. Ansonsten sind sie aber recht begeistert von ihrem Präsidenten. Der wurde eigentlich in Indien geboren und bekam dort neulich bei einem Staatsbesuch seine Geburtsurkunde ausgehändigt.

Erstaunt bin ich über das sehr große Umweltbewusstsein. Die Leute wissen genau, was sie an diesem Tal haben. Holz ist ein rares Gut in Pakistan und im Raikot-Tal gäbe es jede Menge davon. Damit könnte man schnelles Geld verdienen. Der natürliche Reichtum wäre damit unwiderruflich dahin, weswegen die Talbewohner alles tun, um sich vor Fremdeinfluss zu schützen. Sie setzen voll auf Öko-Tourismus, was aber in Zeiten von Terror und Gewalt eher schwierig ist. Man kann den Leuten nur viel Erfolg wünschen, in ihrem Bestreben, die Schönheit des Tales zu bewahren.

Zurück zum Lagerfeuer. Irgendwann zaubert jemand ein Keyboard hervor. Leider ist keiner der Anwesenden in der Runde befähigt, dieses Instrument gefällig zu spielen. Aber für diesen schlimmsten aller Fälle gibt es vorprogrammierte Songs. „Happy Birthday“ zum Beispiel. Das findet Anklang und so dudelt für den Rest des Abends „Happy Birthday“ in Endlosschleife aus der Kiste.

Am nächsten Tag fühlen wir uns soweit an die Höhe angepasst, um den Marsch ins Basislager zu wagen. Das liegt immerhin auf knapp 4000 Meter und es gilt einen kleinen Gletscherarm zu queren. Wir staunen nicht schlecht, mitten auf dem Eis eine Kuhherde samt Hirten anzutreffen. Er will seine Tiere auf die jenseitigen Weiden treiben, aber das eisige Etwas unter den Füssen behagt den Rindviechern nicht so sehr und sie geben sich störrisch. So werde ich kurzerhand als Aushilfskuhtreiber angeheuert, aber selbst dafür braucht man ein gewisses Basiswissen. Es hilft kein Bitten und Flehen, die Kuh will sich von mir nicht motivieren lassen, auch nur einen Zentimeter vorzurücken. Der Meister zeigt mir wie es geht, schnell hagelt es ein paar Steine und die Kuh marschiert. Rabiate Methoden sind das! Ob die auch bei störrischen Touristenherden zur Anwendung kommen? Nur die gehen eh freiwillig hoch und zahlen auch noch dafür. Seltsames Volk ...

Das Basislager ist der letzte grüne Fleck, bevor endgültig das ewige Eis die Bergflanken bedeckt. Eine tschechische Expedition ist anwesend, die Bergsteiger befinden sich aber gerade in einem der Hochlager und hoffen wohl, das schöne Wetter möge noch ein paar Tage andauern. Grüner Fleck ist eigentlich eine Beleidigung für die Wiese hier oben. Das Märchenschloss für jeden an Alpenflora Interessierten würde schon eher passen. Ein farbenprächtiges Blumenmeer, es ist unglaublich! Edelweiß ist bei uns leider mittlerweile eine ziemlich seltene Pflanze, hier wächst es myriadenfach und nimmt sich gegenüber den anderen mir unbekannten Gewächsen eher als Unkraut aus. Der Kontrast zwischen diesem Blütenmeer und der gleich dahinter liegenden Eisflanke des Nanga Parbat könnte nicht größer sein. Mitten drin eine Steinhütte mit dem Schild „Ideal Vice Hotel“. Die Rechtschreibreform greift hier voll, man schreibt, wie man es spricht. Egal, es gibt was zum Essen und man kann es sich auf einem Teppich mitten in der Wiese gemütlich machen, herrlich!

Für die folgenden Tage stecken wir uns noch höhere Ziel und wollen den Wander-Fünftausender der Gegend hier erklimmen, Jilipur Peak genannt. Ist schon unglaublich, in den Alpen wäre das der höchste, hier ist es gerade mal eine seichte Erhebung eines Gratausläufers des Nanga Parbats. Aus der Erklimmung dieses Gratzackens wird jedoch nichts, ein Tief macht sich breit und im strömenden Regen müssen wir von einem Hochlager den Rückzug antreten.

Wir packen also das watschelnasse Zelt ein und bewegen uns wieder gen Tal. Unseren Chauffeur hatten wir zwar erst für den nächsten Tag bestellt, aber ein vorausgehender einheimischer Guide regelt dies. Man muss mit demselben Fahrer wie hoch auch wieder runterfahren, sonst gibt es Ärger. Von der Raikot-Brücke können wir nach Gilgit zurück trampen. Für lau und mit köstlichen Weintrauben werden wir vom Fahrer auch noch versorgt. Wirklich nette Leute hier!

Karakorum-Highway

Oh Madina-Guesthouse, welch Oase! Wir lassen es uns abermals gut gehen, die Sonne scheint, die patschnassen Sachen trocknen auf der Leine. Es ist nun endgültig an der Zeit, die ersten Rad-Etappen vorzubereiten. Verpflegung muss her. Dazu ist Gilgit prinzipiell schon der richtige Ort, nur Einkaufen läuft hier anders als bei uns daheim. Supermarkt ist eher eine unbekannte Einrichtung. Die Jobmaschine in Asien heißt „eigener Laden“. Wenn man sonst nichts kann, verkauft man eben was und darin sind sie gut. So reiht sich im Bazar Laden an Laden, in denen man alles bekommt, was man für den täglichen Bedarf so benötigt, aber eben nur stückweise und so ist man doch ganz schön unterwegs, bis alles beisammen ist. Wir finden schließlich doch noch so was Ähnliches wie einen Supermarkt, der örtliche Großverkäufer quasi und in vertrauter Umgebung kauft es sich einfach schneller ein. Weil wir Europäer mögen zwar Uhren haben, aber die Zeit gehört anderen.

Wir schreiben den 9. August 2005. Ein historisches Datum, für uns zumindest. Unsere erste Radetappe steht an. Es kribbelt im Bauch, endlich können wir loslegen! Die lange Vorbereitung hat nun ein Ende, jetzt wird es ernst, vor uns Karakorum, China, Tibet. Wir kommen!

Zunächst aber bereitet es uns schon einige Probleme, auch nur aus Gilgit wieder rauszukommen. Die Hängebrücke über den Hunza-River hat es in sich, eine äußerst wackelige Holzkonstruktion. Heimtückisches Hindernis jenseits, ein Tunnel. Die Brücke bietet nur gerade so Platz für ein Fahrzeug. Zum Glück sieht man, ob jemand in den Tunnel einbiegt. Da die örtlichen Verkehrsregeln sich auf den Grundsatz reduzieren lassen, der mit der größeren Masse ist immer der Gewinner, Vorfahrt hin oder her, müssen wir einen Moment abpassen, in dem Brücke und Tunnel gleichzeitig frei sind, dann so schnell wie möglich hinüber zum Tunnel und durch diesen im Eiltempo hochtreten. Im Loch geht es zu allem Überfluss auch noch bergauf. Wir haben jedoch Glück, kein anderer beansprucht in diesem Moment die Flussüberquerung und so stehen wir schließlich keuchend jenseitig am anderen Ufer. Puh, über die Brücke das war wackelig. Ganz schön schwankende Angelegenheit, als ob man sich besoffen auf das Fahrrad schwingt.

Diese haben zwar noch nicht ihr volles Kampfgewicht erreicht, sind aber trotzdem schon ganz schön beladen. Als da wären, zwei vordere Gepäcktaschen mit Verpflegung, Töpfen und Benzinkocher. Hinten zwei Gepäcktaschen mit Kleidung, Zelt, Schlafsack, jeder Menge Werkzeug und Ersatzmaterial. Darüber spannen wir unseren Trekkingrucksack. Alles in allem mit Fahrrad so etwa vierzig Kilo. Für die härteren noch kommenden Etappen in Tibet verfügen wir über Bergschuhe zwecks besserer Isolation. Für den Moment genügen aber noch Turnschuhe.

Wenn ich daheim an unseren vier mal vier Meter breiten und drei Meter hohen Haufen an Habseligkeiten in der Scheune denke, ist es doch unglaublich, wie viel Zeug man so mit durchs Leben schleppt. Dabei würde doch eigentlich ein dicker Geldbeutel und etwas Wechselwäsche langen. Nun ja, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Zurück nach Pakistan, es ist trotz zunehmender Höhe brütend heiß. Der Karakorum-Highway schlängelt sich immer entlang des Hunza-Rivers gen Norden Richtung China. Man radelt durch ein karges braunes Tal, eingerahmt von kahlen Hügeln. Dazwischen hin und wieder grüne Oasen um die hier noch zahlreichen Dörfer.

Keine zwanzig Kilometer geradelt, schon verliert der hintere Reifen Luft. Ein Plattfuss! Und das jetzt schon! Taktisch günstig mitten in einem Dorf und so mangelt es nicht an Zuschauern. Für die Kids muss das wie Fernsehen sein. So versammelt sich sehr schnell eine Meute um uns, einer schleppt sogar eine altertümliche Pumpe herbei, aber mit meiner bin ich besser bedient. Der Lochverursacher, ein paar Dornen, die den Schlauch regelrecht perforiert hatten. Als Taktik für solche Fälle hatten wir uns überlegt, sofort einen Ersatzschlauch aufzuziehen und die Löcher abends in Ruhe zu flicken. Während ich da also bastele, gesellt sich ein weiterer Radler hinzu. Paul aus Polen, seines Zeichens Lehrer und auch auf großer Radreise. Wir radeln ein Stück gemeinsam, ein Weggefährte für ein paar Kilometer.

Die Landschaft wird wilder, die Schlucht, in der wir uns befinden, tiefer. Später tauchen die ersten Schneeberge auf. Das blendende Weiß verspricht Kühlung, aber hier unten ist es immer noch brüllend heiß, von unseren Shirts kann man bald garantiert echtes Hunza-Salz abbauen. Die vielen kleinen Läden mit Pepsi sind da ein Segen. Wir nehmen quasi jeden Cola-Stand mit, um den Wasserhaushalt so gerade im orangen Bereich zu halten.

Kindermangel herrscht in diesen Regionen definitiv nicht. Zum Teil sind sie sehr aufdringlich. Vielfach schallt uns ein „One pen, one pen“ entgegen. Den Spruch hat bestimmt jeder Globetrotter schon mal gehört. Irgendeiner unserer Vorfahren muss mal massenhaft Kugelschreiber an die Kinder verteilt haben, aber was wollen die alle damit? Sollte das jeder gute Tourist tausendfach griffbereit in der Satteltasche haben? Man weiß es nicht, aber wozu hat man auch sonst soviel Taschen am Rad hängen.

Der erste Tag auf dem Fahrrad zieht sich somit sehr in die Länge. Durchweg bergauf und die Hitze tut das übrige, so dass wir nach siebzig Kilometer schon sehr froh sind, als wir endlich eine Unterkunft in Ghulmet finden. „Rakaposhi Paradise Hotel“ und genau so kommt es uns auch vor! Ob sich das Personal darüber freut, unsere voll beladenen Räder in den zweiten Stock zu wuchten, sei dahin gestellt. Wir nehmen es dankend an. Ghulmet hat eine kleine Besonderheit zu bieten, man steht hier quasi direkt am Wandfuß des Rakaposhi, seines Zeichens 7788 Meter hoch. Der kleine Ort liegt gerade mal auf 2300 Meter, was die tiefste Schlucht der Welt ergibt. Die Auffassungen hierzu sind sicherlich unterschiedlich, aber diese Dimensionen sind schon sehr beeindruckend. Dabei ist es nicht so wie in anderen Gebirgen, dass auch die großen Flüsse hier entspringen. Die meisten, wie Indus, haben ihre Quelle irgendwo in Tibet und existierten schon bevor der indische Subkontinent Himalaja und Karakorum anhob, als er sich unter die asiatische Platte schob. Im Laufe der Zeit gruben sich die Flüsse also ihren Weg durch das neue Hindernis und somit entstanden diese gewaltigen Schluchten.

Paul begegnen wir hier auch wieder. Den nächsten Morgen verratschen wir uns ziemlich und so wird es Mittag, bis wir die Drahtesel bepacken. Nicht gerade die beste Zeit, weil nun die Sonne nahezu senkrecht über dem Tal zu stehen scheint. Schatten, wo bist du? Steiles auf und ab in praller Mittagshitze. Da kann man nur Wasser nachschütten soviel wie reinpasst. Für Essen ist dann allerdings kein Platz mehr, ein Minusgeschäft!

Inzwischen erreichen wir nun endgültig das Reich der Hunza. Diese Volksgruppe ist erstens für ihre Träger-Hilfsdienste bei Karakorum-Expeditionen bei uns bekannt und zweitens geht das Gerücht um, sie würden sehr besonders alt. Weswegen auch den hier vielfach angebauten Aprikosen magische Kräfte zugesprochen werden. Die Realität fällt leider sehr ernüchternd aus, aber auch der Glaube versetzt Berge. Ich bin der Meinung, die Leute hier sehen mit ihrem tiefen Furchen im Gesicht nur uralt aus und das genaue Geburtsdatum scheint eh nicht so wichtig zu sein. Das raue Klima, geballte UV-Strahlung in der dünnen Luft, das hält die beste Haut nicht aus und so braucht es nicht viel, um die Männer mit langen Bärten und faltigen Gesichtern wie Methusalems aussehen zu lassen. Erfreulicherweise spielen bei den Hunzas auch Frauen wieder eine etwas gleichberechtigtere Rolle in der Gesellschaft. Man sieht wieder die eine oder andere ohne männliche Begleitung auf der Straße gehen. Die meisten Hunza gehören der etwas liberaleren Ismaili-Glaubensrichtung an. Diese spaltete sich im 8. Jahrhundert von der schiitischen ab. Es gibt keine Moscheen, sondern Versammlungshäuser.

Das Tal, durch welches der Karakorum-Highway heute führt, ist seit jeher eine wichtige Handelsroute, ein Seitenarm der legendären Seidenstraße. Durch die Abgelegenheit des Tales blieb das Königreich der Hunza lange unbehelligt von der Außenwelt. Ihre Heimat ist eine Hochgebirgswüste, der wenige Platz zwischen den steilen Bergflanken kostbar. Mühsam wurden den Hängen Terrassen für Ackerbau abgerungen. Das Wasser wird durch komplizierte Bewässerungskanäle von den Gletschern nach unten geleitet. Angebaut werden unter anderem Aprikosen und Walnüsse.

Da im August gerade Aprikosen-Ernte ist, fallen uns sofort die auf den Flachdächern zum Trocknen ausgelegten Früchte auf. In der eher eintönig braunen Umgebung wirken die orangen Farbtupfer umso intensiver. Wir können nicht lange widerstehen und decken uns mit einem Kilo der Leckerbissen ein.

Unser Tagesziel für heute heißt Karimabad, seines Zeichen Hauptstadt der Hunza. Der „Mir“, ihr König, hatte hier seinen Sitz in einem alten Fort, welches noch immer über der Stadt thront. Welch ein Bild, dieser orientalische Bau direkt zu Füssen eines Siebentausenders, des Ultar-Peaks. Der Einstieg zu diesem Berg befindet sich quasi direkt hinter dem Fort. Der heutige Mir, eigentlich entmachtet, haust immer noch in Karimabad. Sein Palast hört aber heute auf den Namen „Darbar Hunza Hotel“ und ja, man kann dort für vergleichsweise teures Geld fürstlich schlafen.

Die letzten Meter vom Karakorum-Highway nach Karimabad hoch sind fürchterlich steil. Gleich neben dem Weg schlachtet jemand Hühner im Serienbetrieb. Mit einem Messer den Kopf abschneiden, den flatternden Rest in einen Korb werfen und das nächste. Heute Abend gibt es wohl Hühnchen. Zum Glück sind die billigsten Hostels gleich am unteren Ende der Stadt. Im ersten halten wir es nicht lange aus, dank fehlender Vorhänge vor den Fenstern und dem Durchgang für alle direkt davor, vermissen wir doch etwas Privatsphäre. Da in Karimabad so gut wie jeder Durchreisende absteigt, lernt man einige Gleichgesinnte kennen und trifft schon vertraute Gesichter wieder. Auch die Gruppe eines sehr bekannten deutschen Trekkingveranstalters sehen wir wieder. Ihr pakistanischer Guide jammert uns gleich etwas von „jedes Jahr im Sommer, das gleiche Programm“ vor. Tja, falschen Beruf gewählt.