Kurz gesponnen - Arno E. Müller - E-Book

Kurz gesponnen E-Book

Arno E. Müller

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Beschreibung

Nicht alles ist so ernst im Leben. Es passiert jeden Tag so viel, dass wir zwar wahrnehmen, aber nicht lange im Gedächtnis behalten. Jetzt wurden diese Sinnigen und Unsinnigen Ereigne zu einem Büchlein zusammengefasst. Die Schilderungen sind mit viel Humor gewürzt.

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Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Warum die Geschichten so kurz sind?

Heute ist wieder ein schöner Tag

Ich will das "a" retten

1098 böse Wörter

Ärgernis oder Helfer?

50 plus

Alle Jahre wieder

Alles Gute kommt von oben?

Alles uniform?

Als Lokal-Reporter unterwegs

Altstoffsammlung

An der Kasse im Supermarkt

Antrag auf Anpassung

ANZEIGE

Aufgeblasen und ausgehöhlt?

Werde ich ausgebürgert?

Autsch!

Bruno und sein Hausstand

Briefgeheimnis

Das Marshmallow-Complott

Dein Horoskop für die Woche

Mein DSL-Paket kommt!

Der Zitterer

Deutsch für Anfänger

Die Doppelspende

Die Lädie mit Büldung

Die Geschickte

Die Heilkraft des Wassers

Arzttermin

Die lieben Nachbarn

Die schnelle Spende

Die Witwerbank

Der Dienstraum

Du bist doch kein Waschlappen!

Du kommst wohl aus dem Mus-Topf

Ein Gedächtnisprotokoll in 5 Kapiteln

Ein Kreditrahmen fällt aus dem Rahmen.

Ein Loch

Eine aussterbende Spezies.

Eine liebevolle Mama

Es muss nicht immer ein Auto sein

Freundschaft zwangsweise?

Gehen wir wählen!

Gestern befand ich mich in höchster Gefahr

Guten Morgen Frau Müller

Haare am Mann sind out

Hab' ich die Haare schön?

Haben Rentner zu viel Zeit?

Hatt' du Möhrchen?

Ich befinde mich in der Jugend des Alters

He, ich bin erst 70!

Mein hundertster Geburtstag

Heute bin ich derangiert

Heute gibt es Wetter

Heute habe ich mich geärgert!

Heute habe ich Schnupfen

Hier liegt das Geld auf der Straße

Hilfe, die Friedel

Ich trage jetzt Hosenträger zum Gürtel

Ich bin ein Niemand

Wie werde ich vernetzt aufgeklärt?

Ich hatte eine schöne Kindheit

Bereits erschienen

Der Autor

Warum die Geschichten so kurz sind?

Es heißt immer: Das Leben schreibt die Geschichten.

Der Autor hat sie einmal nachgefühlt.

Ich lauschte dem Leben Geschichten ab, verspann sie und heraus gekommen sind leicht versponnene Texte, die in heiterer Form den Alltag beschreiben, wie er täglich passiert, aber schnell verdrängt wird.

Kleine Erinnerungen - Kurz gesponnen!

Heute ist wieder ein schöner Tag

Ich beginne mich zu räkeln. Langsam werden meine Gliedmaßen wieder belebt.

Ein Auge öffnen und auf die Armbanduhr blinzeln, wie jeden Morgen. Ach, ja. Die Nacht ist herum. Ich beginne mich zu orientieren. Vom Fenster scheint es halbdunkel. Zwar ist die Jalousie noch dicht, aber wenn die Sonne scheinen würde wäre es wesentlich heller im Raum.

November. Da ist nicht unbedingt mit Sonne zu rechnen. Manchmal verkriecht sie sich fast einen November lang sagt mir meine Erfahrung. In diesem Jahr ist das anders. Wenn auch nicht täglich, so ist die Sonne in diesem Jahr öfter zu sehen.

Noch einmal räkeln. Richtig lang machen im Bett. Das zweite Auge geht jetzt auch auf. Es ist gar nicht so dunkel, wie es anfänglich aussah. Die Leute haben Recht - mit dem zweiten Auge sieht man besser. Nein - mit beiden Augen sieht man besser. Das andere ist Werbung.

Heute? Was wird denn heute? Aus dem Gedächtnis krame ich Stück für Stück meine Vorhaben heraus, die ich am Vortag dort eingelagert hatte. Sind nicht viele. Wenn ich diese erledige bleibt sogar noch Zeit frei. Freizeit.

Freizeit ist auch nur sinnvoll, wenn man in dieser Zeit etwas tut. Ist es dann trotzdem Freizeit?

Erst einmal die Beine aus dem Bett. Alles gemächlich. Ich muss mich schließlich nicht mehr nach dem Wecker richten. Die Erledigungen im Bad sind Routine. Der Tag wird schön. Ich recke mich noch einmal kräftig.

Jetzt kommen die Annehmlichkeiten des Tages.

Ich beginne mit dem Frühstück. Mein Lieblingssender spielt meine Lieblingsmusik. Ich kann sogar jedes Wort des Textes verstehen. Das machen die dort im Sender, damit es mein Lieblingssender wird. Geschickt!

Zeitung zum Frühstück? Bei mir nicht! Ich will nicht süßes Honigbrötchen mit blutigen Berichten von der Front, von der Autobahn und aus dem Milieu. Alles zusammen schmeckt mir einfach nicht. Da hänge ich lieber meinen Gedanken nach. Es wird wieder ein schöner Tag heute - stelle ich fest.

Beim zweiten Mocca sehe ich wie eine dicke, schwarze Wolke über das Haus hinweg zieht. Warum jetzt ausgerechnet die Krähe auf dem kahlen Ast des Baumes, mir gegenüber, landet ist mir ein Rätsel. Von oben kann ich nämlich sehen, wie manche Leute ihren Regenschirm aufspannen. Was nutzt ihr ein nasses Federkleid? Sie kann nicht, so wie ich, mal schnell den Mantel ausschütteln und ihn an die Heizung hängen. Mit lautem Krächzen fliegt sie davon. Auch die Wolke ist weg. Der Wind hat sie vertrieben.

Vor mir liegen noch meine Tabletten. Mein Doktor meint es gut mit mir. Hätte ich diese Menge an Tabletten bei meiner Mutter gesehen, wäre ich ernsthaft besorgt über ihre zu erwartende Lebenszeit gewesen.

"Wie ging es ihnen seit dem letzten Mal?" Ein Griff zum Rezeptstapel und ich brauche nicht zu antworten. Er ist ein ganz Netter. Da kann ich nicht meckern. Nur einmal guckte er irritiert als ich fragte: "Ist das Medizin oder Nahrungsergänzung?" Er konnte aber seinen Unmut unterdrücken.

Ich benötige nämlich schon eine ganze Tasse Flüssigkeit um meine Tabletten hinunter zu würgen. Und damit meine ich nur die Ration für morgens.

Flutsch! Weg war sie! Eine von den kleinen Dingern liegt auf dem Boden. Das Bücken bringt mir doch noch einige Unannehmlichkeiten. Das ziept und zerrt im Kniegelenk. Rheuma. Eine von den kleinen Biestern vor mir soll das Rheuma in Schach halten. Immer klappt das nicht. Sie reißen aus. Dann bekomme ich aber mein Reißen nicht in den Griff.

Hoppla. Hat sich das Wetter geirrt? Es ist heute wie im April. Regen und Nebel war angesagt und plötzlich bis zum Horizont alles blau am Himmel. Die Vögel zwitschern und trällern. Heute wird ein schöner Tag.

Den Parka übergeworfen und hinaus zum Einkauf. Den Einkauf erledige ich gern täglich. Selbst sonntags würde ich einkaufen gehen. Aber wenn Kirche und Gewerkschaft nicht wollen kann ich eben nicht einkaufen gehen. Jeden Tag einige Kleinigkeiten kaufen. Ein Schwätzchen mit dem Schätzchen oder einen Scherz an der Kasse. Alle haben plötzlich hellere Gesichter. Sogar die Rabattmarken übertreffen den Wert meines Einkaufs um ein Mehrfaches.

Dieser Tag entpuppt sich langsam zu einem guten Tag.

Ich schrecke hoch. Ach, die Frau Nachbarin. Ich war gemeint. "Guten Tag" hat sie mir gewünscht. Das kann ich bestätigen. Wir stellten es dann auch gemeinsam fest. Egal ob Herr B. erst nach dem Frühstück von einer wichtigen Reparatur bei Frau Z, die er gestern Abend begann, wieder in seine Wohnung ging oder der Pudel wieder in die Schuhe von Frau W. gepinkelt hat - es lohnt sich einen "Guten Tag" zu wünschen. In Süddeutschland sagt man so etwas nicht?

Ich grüße niemand, den ich nicht sehe. Aber wir benötigen doch jeden Tag einen guten Tag?

Mittagessen!

Die Mitte des Tages und der eigentliche Höhepunkt des Tages. Mittagessen könnte den ganzen Tag dauern. Jede Gabel, jeder Löffel fischt täglich etwas Besonderes vom Teller. Besonders in Gesellschaft schmeckt so ein Essen. Man spricht nicht mit vollem Mund? Aber doch - in der Familie geht das schon. Dann dauert das Essen etwas länger, aber man kennt alles Neue aus der Familie und der Nachbarschaft.

Ich sitze beim Essen wieder am Fenster. Die wechselnde Bewölkung ist faszinierend. Auch die Vögel haben wohl ihre Mittagspause. Mir gefällt dieser Tag.

Da war ich wohl etwas eingenickt. Selbst der stramme Mocca nutzte da nichts. Passiert mir jetzt ab und zu. Nur sitze ich dabei nicht im Lehnstuhl oder Schaukelstuhl. Diesen Anblick kenne ich nur aus Märchenbüchern oder alten Filmen. So ein Schaukelstuhl ist praktisch, denke ich mir. Jetzt gibt es so etwas auch wieder zu kaufen. Für meine kurzen Nickerchen kann ich in meiner kleinen Wohnung keinen zusätzlichen Platz frei machen.

Etwas die Augen reiben und zum täglichen Spaziergang an die Luft. Manchmal ist dabei auch noch etwas zu erledigen. Das Gehen tut gut. Ich sehe auch mehr, als wenn ich immer die Verkehrsmittel benutze. Schlechtes Wetter? Das haben die Eiligen. Es nieselt jetzt. Schöne bunte Schirme beleben den Weg. Ich zücke die Kamera. Es müssen nicht immer Blüten sein. Regentropfen geben auch ein schönes Bild.

Die Schirme als Blüten des Novembers?

Ich habe auch einen Schirm. Nur so für alle Fälle. Er zeigt als Muster ein Gewitter. Mit Blitz und dicker Wolke. Ich sollte mir einmal einen bunten Schirm zulegen.

Bei Regen eine kleine Runde. Bei trockenem Wetter eine große Runde oder sogar mit dem Fahrrad. So wird es ein schöner Tag.

Etwas Besonderes ist immer ein Spaziergang in einen der vielen Parks um mich herum. Manchen Weg, oder sogar manchen Abschnitt des Parks, habe ich für mich allein. Es raschelt im nassen Laub. Auch die Vögel sind hier nicht so scheu. Sie kennen das Menschengewimmel.

Auf einer Bank sitzt ein Herr mit Hut. Ich kenne ihn schon lange. Kennen? Wir haben uns bisher nur einen "Guten Tag" gewünscht. Dieser Herr füttert immer das Kleingetier. Es ist ihm egal welche Tierart ihn aus der Hand frisst. Vogel oder Eichhörnchen. Auch Mäuse bekommen ihren Teil. Vor seinen Füssen liegt auch immer etwas Futter. Dort picken die Spatzen und Tauben.

Die Parkwächter ignorieren ihn. Niemand von ihnen spricht ihn an.

Heute breche ich den Bann. Ich setze mich zu ihm. "Guten Tag". Noch einmal. Er blickt kurz zur Seite.

"Na, heute alleine?" fragt er verwundert. Ja, allein. Sonst sind wir um diese Zeit immer im Doppelpack unterwegs. Aber meine Begleitung kann heute nicht so gut laufen. Ich erzähle ihm das. Er sitzt unentwegt mit ausgestreckter Hand, auf der das Futter liegt.

"Ich wünsche ihr gute Besserung. Meine Luise konnte auch so schlecht laufen. Voriges Jahr ließ sie mich für immer allein. Schade, dass sie das hier nicht mehr sehen kann. Sie war immer gern hier."

Wir schwiegen lange.

"Es ist ein schöner Tag heute" meine ich zu ihm, dann ging ich langsam weiter.

"Ja", hörte ich nach einer Weile hinter mir. "Ein schöner Tag".

Dann abends. Abendbrot ist vorbei. Alles an diesem Tag wurde erledigt. Ich will das Neueste vom Tage hören und mache den Fernseher an.

In den Berichten verlief dieser Tag so völlig anders. Vierzig Tote bei einem Sprengstoffanschlag. Ein Minister legt sein Amt nieder. Sein Amt war wohl nicht tragbar. Das Amt oder der Minister? Er wurde bestochen. Wieder einige Firmen pleite. Eine Bank braucht neues Geld. Warum eigentlich? Sie haben doch meines und das Millionen Anderer. Die zwölf Autos auf der Autobahn sind zerfetzt - wie die Menschen die darin saßen. Ein Selbstmörder nutzte die Autobahn in der falschen Richtung. Warum sollten die Anderen mit ihm sterben? Es gab noch ein eingestürztes Haus und eine schwere Überschwemmung.

Die Berichterstatterin lächelte am Ende der Sendung. Sie wünschte mir einen schönen Abend.

Ich klapperte schon mit den Augenlidern. Der Film schaffte es nicht mich wach zu halten.

Regeln müssen sein. Erst als die Uhr die übliche Zeit zeigte rückte ich ab zur Abendtoilette.

Dann in mein Bett kuscheln und Licht aus.

Hatte ich einen schönen Tag heute?

Ich beschließe sinnierend: Es war ein schöner Tag.

Ich will das "a" retten

Vor vielen, vielen Jahren war es, dass ich das "a" zum ersten Mal erblickte. Es prangte auf einer Zeitung als Teil einer Überschrift. Noch des Schreibens und des Lesens unkundig tippte ich auf das schöne große "a" und lallte "Da".

Sofort begannen die Augen meiner Mutter zu glänzen. Sie strich mir über den Kopf und erklärte mir freundlich: "Das ist ein "a". Sag mal "a"!"

"Da" lachte ich und sabbernd umfuhr ich mit meinen Knubbelfinger den schönen Buchstaben.

Das soll noch öfter passiert sein, wurde mir berichtet. Auch mit anderen Buchstaben. Und immer das gleiche Ritual.

Hatten wir Besuch versäumte es Mutter nie auf mich zu zeigen und zu betonen, dass ich ein ganz kluger kleiner Racker wäre. Die Besucher guckten etwas zweifelnd, aber Mutter beharrte auf ihre Erkenntnis.

Ich denke heute, dass meine Mutter wie alle Mütter war.

Aber der Erfolg gab ihr Recht. Ich lernte lesen. Das kleine und große ABC. Darum ab in die Schule.

In der ersten Klasse war nicht viel los. Lesefibeln gab es nicht. Verboten! Sie sagten nicht warum sie verboten sind. Da war es im Rechnen besser. Zusammenzählen (Addieren lernten wir später) von Kanonen und Soldaten. Soldaten durften wir auch abziehen (Subtrahieren lernten wir später). Alles wie im richtigen Leben.

Das erste richtige Buch, das ich zum Lesen bekam war ein kleines Handlexikon.

Natürlich begannen dort alle Wörter auf den ersten Buchseiten mit "a". Und so blieb mir immer das "a" in Erinnerung. "A" wie Anfang. Wer "A" sagt muss auch "B" sagen. Ich lernte also brav das ganze Alphabet.

Viele Jahre der Bildung folgten noch. So lange, bis es auch für Einbildung reichte. Das "a" verlor ich etwas aus den Augen. Jetzt bin ich wieder soweit auf das "a" zu achten. Manchmal vermisse ich es sogar.

Schleichend, von innen aushöhlend und verdrängend gewinnt ein anderes Zeichen immer mehr die Oberhand.

Es kam mit der elektronischen Post über uns. Wer am PC sitzt kommt selten drum herum dieses Zeichen zu nutzen. Es erfüllt einen guten Zweck. Es ist praktisch, aber es ist auch Besitz ergreifend.

Inzwischen finde ich dieses Zeichen immer öfter als Ersatz für mein geliebtes "a".

Ja, das @ hat uns überrannt. In Massen überflutet es alles Geschriebene und setzt sich an die Stelle des "a".

Als Sonderzeichen erfunden tritt es jetzt seinen Siegeszug in unser Schriftgut an.

Besonders in der Werbung tritt es mir am oft entgegen. Findige Menschen setzen es an die Stelle des "a" in ihren Namen ein. Ich habe das einmal mit einem berühmten Namen ausprobiert: H@ns F@ll@d@.

Dazu fehlt mir einfach ein Kommentar.

Jetzt mache ich mir einige Gedanken, wie der Schriftverkehr in einem Jahrzehnt aussehen könnte.

Auch dazu werden Menschen eine Lösung finden. Denn das "@" spricht sich schlecht in einem Fließtext. Man wird also das "@" einfach nicht mitsprechen.

So nähern wir unsere Sprache der Sprache der afrikanischen Buschmänner an. Denn sie wissen schon lange, wie man sich auf Wesentliches beschränkt. Sie sprechen Vokale einfach nicht mit.

Ich werde dieses "@" niemals so lieben, wie mein erstes "a".

Darum setze ich nur ganz bewusst ein "@" ein. Aber niemals als Ersatz für ein "a".

Ich will nicht @rno heißen. Niemals!

Ich werde mein "a" retten.

1098 böse Wörter

Ach ja, damals war es"

Diesen Satz sagt heute fast kein Mensch mehr. Wenn er doch noch einmal gebraucht wird, dann als Zitat. Wir sind doch heute alle noch so jung, dass wir gar keine Vergangenheit haben. Worüber sollten wir denn berichten?

Wie ich darauf komme?

Neunzigjährige beim Marathonlauf. Hundertjährige beim Eisbaden. Es gibt so viele Beispiele. Vorbei ist die Zeit, dass eine Oma sich liebevoll um die Enkel kümmert. Sie hat einfach keine Zeit dazu. Gerade ist sie wieder im brasilianischen Urwald unterwegs um seltene Schmetterlinge zu jagen oder vielleicht einen knackigen Gaucho? Aber Letzterer reitet wohl nicht im Urwald? Warum soll sie auch nicht? Hatte sie doch das Geld gut zusammen gehalten, das ihr treu sorgender Gatte in 45 Arbeitsjahren erschuftet hat. Sie wollten es schließlich mal besser haben, wenn sie auf dem Altenteil sitzen. Pech für ihn. Er hat schließlich nicht auf sie gehört, als sie ständig mahnte, er solle doch einmal zum Arzt gehen.

Treusorgender Ehegatte, ehrsamer Rentner.

Ein guter Rentner stirbt rechtzeitig, damit er nicht der Gesellschaft zur Last fällt.

Anders sagte es ein Sprichwort aus den 1970er Jahren: "Fährst du einen Rentner tot, bekommst du eine Prämie!"

Feiglinge waren das damals. Jetzt haben wir eine Rentnerschwemme. Wenn wir die frische Jugend sehen wollen, so sehen wir sie nicht im Spiegel, sondern importieren sie aus aller Welt. Damit wir uns nicht zu sehr vom Import unterscheiden liegen wir den ganzen Tag am Strand und lassen uns bräunen. Taten wir das früher nur Sommers, so scheuen wir uns nicht auch heute im Winter in der Sonne zu liegen.

Das haben wir uns doch schließlich verdient? Sonnenstudios sind für Nichtstuer. Wer hat schon Zeit 15 Minuten auf dem UV-Grill zu liegen?

Ein uraltes Wanderepos besang damals das Gefühl der Erholung mit folgender Liedzeile: "Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck, das haben wir so gerne, das nimmt uns keiner weg." Ehrlich! Wer hatte schon Butter und Speck auf dem Brot? So lügen sie, die Überlieferungen.

Heute ist der Speck auf den Hüften. Trägt sich besser und man bekommt keine Fettfinger. Das neue Motto: "Trumpf dehnt die Figur!"

Wie immer, wenn Deutsche nachdenken, wie ich gerade, landen die Gedanken immer beim Essen. Ich schreibe jetzt gerade zwischen zwei Mahlzeiten. Das genieße ich. Ganz natürlich. Was bleibt dem Rentner, wenn er nicht am Strand liegt oder den jungen Badegästen das Badetuch von der nicht belegten Sonnenliege wirft? Er wartet auf die nächste Mahlzeit.

"Essen hält Leib und Seele zusammen!" Das wird immer schwerer Das schaffen nicht mal mehr die Ganzkörperkondome der Rentnerinnen, die als Badeanzüge verkauft werden. Gut für die Seele ist Essen allemal. Wer will schon zeigen, dass er sich nichts leisten kann, wenn er älter wird?

Was hörte ich, als ich auch mal faul am Strand lag? (Ich schreibe schließlich nicht unentwegt).

Da nörgelte eine Sonnenanbeterin im Fortschrittsalter unentwegt. Ihr Mann war schon ungehalten. Immer wieder musste er seine Aufmerksamkeit seiner Holden zuwenden, statt in Erinnerungen zu schwelgen: Seine Holde im Bikini! Vorbilder liefen genügend an ihm vorbei.

Sie trieb es aber auch zu bunt. Eben behauptete sie von einem jungen, drahtigen Mann, der auf der Düne stand und die Arme weit ausbreitete, dass der ihr in der Sonne stand. Mal abgesehen davon, dass dieses Gerippe niemals einen Schatten werfen konnte, war diese Kritik unangemessen. Kein Wunder, wenn ihr Göttergatte auch nur ein kurzes Zitat für die Nörgeleien seiner Liebsten übrig hatte: "Das ist ein Veganer, der stellt sich nur in den Wind um gut zu riechen".

Das ist kein Humor. Ich grinste trotzdem heimlich.

Damals war's. Da saßen wir ewig jungen und guckten jedem nach, der an uns vorbei ging. Das sah ungefähr so aus, als wenn wir einem Tennismatch zusahen. Nur langsamer. Kopf nach links, Kopf nach rechts. Wenn es knackte sahen wir uns an um zu sehen, wem jetzt der Kopf herunterfiel. Aber nichts war geschehen. Der Knacks war nur der Beweis, dass überhaupt noch Leben im Körper war.

Einer von und verstieg sich sogar zu der Behauptung: "Wenn wir hier noch einige Jahre rumsitzen können wir zusehen, wie unsere Kinder altern".

Mit Rudolf, auch einer von unserer Bank, hatten wir einige Querelen. Er richtete sich nach den vielen Rudolfs vergangener Jahrhunderte, die ich wirklich nicht herauf beschwören möchte. Wenn er in unsere Nähe kam guckten wir uns an, streckten etwas die Ellenbogen heraus und es gab wirklich keine Lücke mehr auf unserer Bank. Aber was tat Rudolf? Rudolf drehte uns einfach den Rücken zu und plumpste zwischen zwei von uns. Das schmerzte schon fast in der Nase. Rudolf hatte sein Leben lang, aber besonders jetzt, nach dem Motto gespart: Der Geist muss rein sein, nicht der Körper!" Er machte sich ständig lustig über unsere Miet-Nebenkosten. Über Rudolf gibt es Bücher zu schreiben, aber das hier ist nur ein kurzer Bericht. Später vielleicht mal.

Uns packte schon mal die Wut, aber wir wussten, dass Wut nur eine Angst ist, die sich nach innen kehrt. Wir echten Kerle und Angst? Das konnte nicht sein.

Damals war's. Da sprachen wir auch öfter vom Essen. Was gibt es morgen? Was wird uns unsere Küchenperle wohl heute vorsetzen. Das waren Dinge die uns bewegten. Nur Rudolf natürlich nicht. Tut mir leid, dass ich ihn schon wieder zitieren muss. Er hatte eine andere Art über Kochen und Essen zu denken. Hatte sich wieder einmal einer von uns zu der Frage an Rudolf verstiegen: "Was kocht denn deine Lisbeth heute für dich?" Und Rudolf? Er hatte sein Motto zu diesem Thema: "Wie ihr wisst, sind Lisbeth und ich intelligent. Naja, einer mehr die andere weniger. Und Intelligenz steht nicht in der Küche!" Sprach's und guckte triumphierend in die Runde.

Das saß! Welcher Studierte kommt auf die Idee, dass es noch mehr Intelligenz gibt, als er selbst erbeuten konnte?

Unser Intelligenztest für Neue auf unserer Rentnerbank prüfte schon von vornherein ob der Neue in unsere Runde passte. Wir sahen dass aber nicht so eng, wie sie das machen, wenn sie den ICQ prüfen. Wir hatten nur eine Prüfungsfrage: "Was ist passiert, wenn eine Kuh morgens links am See steht und abends auf der rechten Seeseite. Was machte sie mittags?"

Da guckten die Delinquenten saudumm. Die zogen meist mit einem Kopfschütteln wieder ab. Nur selten fragte einer nach der Lösung. "Dann ist sie ertrunken!" lautete die Lösung. Das hat nun wirklich nichts mit Intelligenz zu tun. Das ist das pralle Leben. Kurz, krumm und besch… wie eine Hühnerleiter.

Ich höre mal auf von damals zu erzählen. Bringt doch nichts. Man kann die Kinder noch so gut erziehen - am Ende machen sie einem doch alles nach.

Ärgernis oder Helfer?

In den Bussen und Bahnen stehen sie nahe dem Eingang.

Als ABO-Fahrer habe ich immer ausgiebig Gelegenheit zu sehen, wie dieser Automat seinen Dienst tut.

Dienst tun sollte?

Heute, die Bahn ist voller Fahrgäste. Es ist schließlich die Zeit der Berufstätigen. Es war mir nicht möglich diese Zeit zu vermeiden.

Mit jeder Haltestelle und jedem Tür öffnen wird es voller.

Alles ABO-Fahrer. Nichts los am Fahrkarten-Automat.

Doch, jetzt! Ein junger Mann steigt zu. Mit seinem Rucksack auf dem Rücken drängt er sich durch die Menge. Ein Fahrgast sagt "Au" und wirft ihm böse Blicke hinterher. Endlich steht der junge Mann vor dem Automaten.

Schnell zwei Taschen nach Kleingeld durchsucht - Nichts!

Der Rucksack muss runter. Schnell die Gurte von der Schulter und… der junge Mann hat Glück. In dieser Enge fällt sein Rucksack nicht zur Erde.

Nur noch etwas bücken und das Portemonnaie ist gefunden. Stöhnend erhebt er sich.

Einige Male auf der Tastatur tippen und das Hartgeld einwerfen. Scheine werden hier nicht akzeptiert.

Es klappert und klirrt. Der Automat schluckt. Hoppla. Jetzt speit er ein Geldstück aus.

Dieses Geldstück noch einmal einwerfen.

Wieder klappert es in der Auffangschale.

Dritter Versuch. Gewogen und zu leicht befunden. Es gibt keinen Fahrschein.

Der Fahrgast gibt auf.

Wieder bücken und das Portemonnaie ist weg. Schweigend haben alle zugesehen.

Einige Haltestellen weiter steigt eine Dame zu. Wie alt sie war? Eine Dame kann nicht altern. Sie bleibt immer eine Dame, selbst wenn ihr Gesicht wie ein tertiäres Faltengebirge aussieht.

Die Dame drängt sich zum Automaten, wählt ihren Fahrschein; das Kleingeld klappert im Automaten und kurz danach fällt dieser in die Auffangschale.

Befriedigt steckt sie ihn weg und guckt nach etwas Platz in diesem Gewühl.

Ältere Mitfahrer gucken interessiert aus dem Fenster, jüngere lesen oder gucken geistesabwesend ins Leere während es metallisch aus ihren Kopfhörern scheppert.

Können sie mir dieses Geldstück eintauschen? Der Hilflose spricht mich an.

"Leider nicht. Ich habe eine Monatskarte und daher nie Kleingeld bei mir."

Einige Stunden später fahre ich zurück. Die Bahn ist fast leer. Sechs Kontrolleure steigen zu. In diesem Waggon haben sie keinen Erfolg.

Alles nur ABO-Fahrer.

50 plus

Das mit dem Älter werden ist schwierig. Bisher kümmerte es mich nicht so sehr. Weil ich aber schon etwas älter geworden bin, fange ich an darüber nachzudenken.

Die letzten Jahre im Berufsleben war ich 50plus. Sogar ein Radiosender kümmerte sich um mich. Er begleitet mich bis heute. Damals noch "Dampfradio" kann ich ihn heute über W-Lan oder DAB+ hören..

Das Leben kennt keinen Stillstand. Ich wurde älter. Jetzt wurde ich "Grauer Panther". Nicht politisch - das sind die Anderen. Das merkte auch die Industrie und nannte mich Silversurfer.

Jetzt hat es mich auch noch bei den Verkehrsbetrieben erwischt. Dort heiße ich 65+. Dafür kann ich in meinem Bundesland mit fast allen Verkehrsmitteln preiswert verkehren. Hatte ich vorher nichts mit dem öffentlichen Verkehr am Hut, weil ich Autobesitzer war, so finde ich den Akt heute als solchen, gut.

Ich werde in Zukunft weiter beobachtet und entsprechend meinem Lebensalter mit immer neuen Bezeichnungen tituliert, damit ich in eine Kategorie der Verkaufsstrategen passe.

Begriffe wie "Alter Knacker" sind nicht auf mich gemünzt. Das war früher einmal. Da knackte es in den Knochen der Älteren. Bei mir knackt es höchstens, wenn ich mich auf das Eis begebe. Früher ein Spargel-Tarzan bin ich heute ein Senior mit Gewicht. Aha, auch noch eine Bezeichnung für mich. Früher war ein Senior der Papa vom Junior.

Wie A. Müller sen. Ich habe aber nur weibliche Kinder gezeugt. Wie kann ich nun Senior werden? Berechtigt schon das Alter zu diesem würdevollen Titel?

Ich selbst bezeichne mich als Rentner. Klingt nach Sozialfürsorge, sichert aber meinen Lebensunterhalt.

In einem Nachbarland haben sie Rentiers (Plural). Geschrieben: Rentier. Man sieht das blöd aus wie das hier so steht. Wenn ich es beim Sprechen etwas falsch betone, gucken mir doch alle auf den Kopf. •

Alle Jahre wieder

Ich bin Unternehmer, ich bin sparsam, ich verdiene mehr Geld, als ich verdiene. Da bleibt mir doch nichts anderes als mein Geld zu sparen.

Sparen?

Das ist Kleinkram, kleinkariert - einfach Peanuts. Ich spare schon lange nicht mehr. Sollen doch die sparen, die wenig Geld haben. Ich verlagere mein Geld. Ich investiere und kassiere. Dann verlagere ich wieder. Bitte verwechselt "verlagern" nicht mit "verschieben". Verschieber, kurz Schieber, sind Kriminelle. In dieser Branche gibt es Unterschiede. Großschieber kommen entweder nie vor Gericht oder wenn, dann bekommen sie "Bewährung". Wie bewährt sich ein Großschieber? Soll er sich qualifizieren? Sein Wissen vermitteln? Andere qualifizieren?

Ein kleiner Schieber wird auch verurteilt, falls er vor Gericht kommt. Sein Urteil ist selten eine Bewährungsstrafe. Er fährt ein, wie man im Jargon sagt.

Jetzt habe ich wieder etwas Geld verlagert. Diese und jene Million oder einige Millionen mehr? Spielt das noch eine Rolle, wenn ich von mir behaupte, dass ich Geld habe?

Und nun ist wieder Weihnachtszeit.

Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Tausende Spendenorganisationen betteln jetzt um Geld. Sie brauchen es für die Bedürftigen. Die mit dem Porsche und die in der Hütte. Falls sie keine Hütte haben, gehen sie leer aus. Meistens.