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Sammlung von Kurzgeschichten, die ab 1956 in zahlreichen, auch internationalen, Zeitungen und Zeitschriften publiziert wurden
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Kleiner Irrtum in Texas
Nur ein kleiner Abstecher
Ole wartet
Rentenzahlung in Texas
Ruhiges Plätzchen im Urlaub
Schuhe aus dem Süden
Weiter Weg nach Swallow
Zuzutrauen wäre es ihm
Zwei aus Jamaica
Alles Einbildung
Der Fremde aus dem Norden
Mittag in Mexiko
Die Spur einer Schnecke
Diese eine Stunde nur
Ein Brief für Frau Bachmann
Haben Sie schon einen Weihnachtsbaum?
Menschen an meiner Tür
Nur ein kleines Geschenk
Nur eine alte Uhr
Sein einziger Wunsch
Waren Sie schon im Weihnachtsmärchen?
Wie jedes Jahr
Wir bringen Ihnen etwas
Wölfchen bedankt sich
Zwei Menschen am Weihnachtsabend
Zwischen ihnen lag der Wald
Da war sonst niemand
Das Familienfoto
Das hat er mir erzählt
Der zerbrochene Weihnachtsengel
Die Überraschung
Eine Krawatte zu Weihnachten
Es war ein schöner Abend
Es wird eine kalte Nacht
Freuen auf Weihnachten
Heinrich kommt
Keine Zeit für Weihnachtsstollen
Kleiner Schlitten aus Zuckerwatte
Nicht ohne Anna
Nie wieder Skisocken
Sie fuhren erster Klasse
Angenehme Feiertage noch
Empfänger unbekannt
Sie kam in die Stadt
Und sie kamen alle
Von Mensch zu Mensch
Er blieb einfach da
Er sah ihn zuerst
Er wartete am großen Tor
Es war Absicht
Fünfundzwanzig und die Lilie
Begegnung in der Polarnacht
Das Vogelhäuschen
Der Alte vom anderen Ufer
Peter und die Weihnachtstombola
Sie war voller Erwartung
Die Nacht der Wölfe
Die Nacht, die niemals endete
Ein Zug fährt durch Wiluna
Erste Liebe im Schnee
Fast ein Wintermärchen
Nebel über dunklen Tannen
Petermann liebt den Schnee
Ritt durch die Winternacht
Schritte im Dunklen
Um diesen Preis
Wassil und der Bär
Der alte Mac nannte nicht nur die ausgedehntesten Weidegründe und die größten Viehherden, sondern auch den schnellsten Revolver und den gewaltigsten Dickschädel in der näheren und weiteren Umgebung von Bigtown sein eigen. Als der Sheriff und ein fremder Mann durch die Gartenpforte traten, lag Mac im Schaukelstuhl hinterm Haus und blinzelte in die Sonne.
"Hallo, Mac", sagte der Sheriff, "das hier ist der Präsident der Staatlichen Eisenbahngesellschaft. Er hat ein tolles Angebot für dich.“
Mac nickte. "Du kennst mich, Slim. Für tolle Angebote bin ich immer zu haben. Worum handelt es sich?"
"Um die neue Eisenbahnlinie, die durch Bigtown führen soll."
"Wir sind hier alle auf dem Pferderücken zu Hause. Wozu also eine neue Eisenbahnlinie?"
"Denk an die Viehherden, Mac. Wir könnten sie hier verladen und brauchten sie nicht wochenlang bei Hitze und Kälte über die Berge an die Küste zu treiben. Denk an unser Erdöl, wir brauchten es nicht mehr mühsam in Fässer zu pumpen und auf Pferdewagen in die Raffinerie zu befördern. Und die letzte Maisernte, Mac, du weißt, sie ist restlos eingegangen, nur weil unsere Wagenplanen dem tagelangen Regen auf dem Weg nach Austin nicht standgehalten haben..."
"Stimmt."
"Und deshalb wollen wir die Eisenbahnlinie durch Bigtown."
"Okay." Der alte Mann sah die beiden lauernd von der Seite an. "Und was hab' ich damit zu tun?"
Der Präsident der Staatlichen Eisenbahngesellschaft räusperte sich. "Die Sache hat einen Haken, Mister... die neue Linie führt geradewegs durch Ihr Haus..." Er machte eine Handbewegung von Wand zu Wand.
Der Schaukelstuhl stand still, und die Finger des alten Mannes krümmten sich wie um den Abzug eines Revolvers.
"Das Gesetz will es so, Mac", beschwichtigte ihn der Sheriff.
"Die Staatliche Eisenbahngesellschaft zahlt eine Entschädigung", sagte der Präsident, "eine großzügige…" "... mit der du deine Weidegründe mehr als verdoppeln kannst, in einer viel schöneren Gegend als hier…" fuhr der Sheriff fort. "Die besten Rinder kannst du dir kaufen... und das Gesetz, Mac, das steht doch nun einmal über uns allen und über alles."
Der alte Mann schwieg mit unbewegtem Gesicht, eine ganze Weile.
"Okay", sagte er dann. "Über die Entschädigung reden wir noch. Und das Gesetz achte ich genau so wie du. Aber ich bleibe. Doch wenn die sich einbilden..." und damit machte er eine Kopfbewegung zum Präsidenten, "...wenn die sich einbilden, dass ich jedesmal die Tür aufmache, wenn der Zug hindurchfährt, dann haben die sich aber gewaltig geirrt."
Und damit begann er wieder seinen Schaukelstuhl zu bewegen und blinzelte in die Sonne.
Helmut Pätz
Als ich die drei Birken an der Kreuzung sah, wusste ich, dass es der richtige Weg war. Unverändert standen sie da, vielleicht ein wenig mehr geneigt, alle drei, unter dem ständigen Wind, der über das Land strich.
Ich lenkte den Wagen von der Straße auf den Weg, der holprig war und wenig befahren. Und ich dachte an Tante Lotta. Mehr und mehr freute ich mich auf das Wiedersehen, aber dennoch hatte ich Angst. Meinem Freund, den ich unterwegs treffen wollte, um gemeinsam mit ihm in den Süden zu fahren, hatte ich geschrieben, dass ich einen Tag später kommen würde. Ich sei geschäftlich verhindert. Den Besuch bei einer alten Tante, hätte er gewiss nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln vermerkt.
Ja, und der Tante hatte ich mitgeteilt, dass ich mal vorbeikommen würde, nur so, auf einen kleinen Abstecher, für eine Nacht vielleicht. Eigentlich kam ich jedes Jahr hier vorbei an dieser Wegkreuzung mit den drei Birken in Richtung Süden, ohne anzuhalten, und jedesmal tippte mir das schlechte Gewissen ganz leicht auf die Schulter.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie jetzt wohl aussehen mochten, die gute alte Tante Lotta, das Haus und der Hof mit den Viehställen und den umliegenden Äckern und Weiden. Wie mochte sich das alles verändert haben, seitdem der Onkel verstorben war?! Mein Gott, wie weit lag das alles zurück, als er mich noch mit dem Einspänner von der Bahnstation abholte in den großen Schulferien - und die Tante schon wartend und lachend vor dem Hoftor stand.
"Junge", rief sie dann und schlang die Arme um mich, "Junge, dass du da bist..." Eigene Kinder hatten sie nicht, die beiden.
Die Sonne neigte sich, und der Wald, der sich langgestreckt am Weg hinzog, warf breite Schatten in den grauen Sand.
Als ich das Haus erreichte, war es schon dunkel. Ich sah nur ein einsames Licht. Alles erschien mir viel kleiner und unscheinbarer als früher. Oder duckte sich alles nur unter der Last der hereinbrechenden Nacht? Irgendwo bellte ein Hund. Ich ließ den Wagen ausrollen, und dann sah ich einen kleinen, gebeugten Schatten zögernd auf mich zukommen.
"Junge", rief sie aus, "Junge! ...dass du gekommen bist..." Und dann legte sie die Arme auf meine Schulter.
Wie klein und schmal sie geworden war! Aber ihr Haar roch immer noch nach Heu und Kleinvieh.
Bis spät in die Nacht hinein saßen wir noch auf, am runden Tisch in der guten, alten Stube. Die Tante sah mich immer wieder an, lächelte mir zu, und auf ihren Wangen lag ein schwacher, rosiger Schimmer. Unterm Tisch lag, zufrieden schnaufend, der Hasso. Ein ganz kleines, quicklebendiges Bündel war er damals gewesen, jetzt hatte er ein langes Hundeleben hinter sich, dennoch hatte ich das Gefühl, dass er mich wiedererkannte.
"Ach, Herrjeh, wie lange schon hatte ich keinen Besuch mehr", sagte die Tante mit einem kleinen Seufzer, und schenkte mir noch ein Glas von ihrem berühmten Johannisbeerwein ein.
Lange noch lag ich dann wach in dem kleinen Stübchen unterm Dach, in dem Bett von damals, das inzwischen viel für mich viel zu kurz war. Ich hörte den Wind, der um das Haus strich und die Fensterläden gegen die Hausmauer schlagen ließ. Ich lauschte in die Dunkelheit hinein und wartete auf den Zug, dessen Gleise ganz nahe hinterm Haus am Wald vorbeiführten und dessen Rattern mich damals vor dem Einschlafen in ferne Länder und geheimnisvolle Welten entführte. Ich wartete vergebens, und erst am nächsten Morgen sollte ich erfahren, dass die Bahnlinie schon seit Jahren wegen Unrentabilität stillgelegt worden war.
Als ich dann endlich in den Schlaf glitt, erschien mir noch einmal das Gesicht der Tante, das glückliche Strahlen ihrer Augen und ich spürte, in welch trostloser Einsamkeit sie gelebt haben mochte.
Am nächsten Morgen in aller Frühe - die Tante schlief noch - schlich ich aus dem Haus. Hasso gesellte sich zu mir, als seien wir uralte Freunde. Ich kraulte sein Fell, und er strich mir um die Hosenbeine. Wir streiften durch den Wald, gingen ein Stück über die Felder und dann zum Fluss hinab, über dem sich nur zögernd der Nebel hob. In den nahen Bäumen hing das erste Zwitschern der Vögel.
Als wir zurückkamen, drang Kaffeeduft aus dem Küchenfenster. Aufgeregt kam mir die Tante entgegengelaufen. "... ich hatte schon Angst, dass du nicht mehr da bist..." sagte sie, "aber dann sah ich dein Auto vor dem Haus stehen.“ Sie nahm mich am Arm. "Aber du bleibst doch noch, nicht wahr, wenigstens bis zum Mittag..."
Sie zog mich ins Haus. Im Vorübergehen sah ich das Dach, auf dem hier und da ein Ziegel fehlte, ich sah die Hauswand, von der der Putz abgeblättert war und das graue Holz der Fensterläden, auf denen keine Spur Farbe mehr zu erkennen war.
"Tante..." sagte ich dann plötzlich, "ich möchte hierbleiben ... den ganzen Urlaub über... meinem Freund werde ich telegrafieren, dass... na, ganz einfach, dass ich hier gebraucht werde - ...wenn es dir Recht ist natürlich nur."
"Aber ja doch", rief sie, und ich sah die Freude in ihrem Gesicht, "solange du willst, Junge!"
Ich blieb drei Wochen. Ich ging ins Dorf, holte Farbe, holte Schrauben und Nägel. Ich richtete die Fensterläden, strich Türen und Rahmen. Ich ersetzte die fehlenden Dachziegel und verschmierte sie fachgerecht. Stundenlang hackte ich Holz, schichtete es sauber zu stattlichen Haufen und fühlte mich dabei rundherum so wohl wie seit langem nicht mehr. Mit dem Hund machte ich Streifzüge durch Feld und Wald und saß abends mit der Tante auf der kleinen Bank vorm Haus. Sie war glücklich, und ihre Augen leuchteten, wenn sie mich ansah.
"Junge", sagte sie immer wieder, "Junge, dass du gekommen bist... dass du da bist..."
Als ich abfuhr, stand die Tante am Hoftor und winkte mir nach. Es war wie damals. Hasso lief noch eine ganze Weile bellend neben dem Wagen her, dann blieb er stehen, sah noch eine Zeitlang hinter mir her und trottete dann zum Haus zurück.
"Ich komme wieder..." rief ich.
Ja, ich wollte wiederkommen. Im nächsten Jahr, im übernächsten...
Und schon fühlte ich die Vorfreude, aber auch im geheimsten Winkel des Herzens so etwas wie Angst, dass die Tante dann vielleicht nicht mehr dastehen würde, voll froher Erwartung, um mir zuzuwinken und mich in die Arme zu schließen...
Helmut Pätz
Er wartete seit Monaten, genauer, seitdem die "Bornholm" das letzte Mal da war.
Jeden Abend, wenn die Dunkelheit über die kleine, graue Insel herabsank und sich spiegelte, fast schwarz, in den unergründlichen Tiefen der See, wenn der Wirt die Öllampe ansteckte, dann stieß er die Tür auf und füllte die ganze Öffnung aus mit seinem wuchtigen Schatten. Vornübergebeugt stapfte er, sich auf den schweren Knüppel stützend, durch den niedrigen, verräucherten Raum. Er ging von Tisch zu Tisch. Ganz nahe trat er an jeden Gast heran und starrte ihm ins Gesicht, eine ganze Zeit lang. Und seine blauen Augen blitzten.
"... du... bist du von der 'Bornholm'?... Nein, du nicht... und du da auch nicht... ich kenn sie alle... jeden von denen kenn' ich."
Fremde sahen ihn erstaunt, ja, verwirrt an. Wer ihn aber kannte, lächelte über Ole, den alten Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und dem schlohweißen Haar. Er gehörte hierher auf diese Insel, wie ein schwerer Stein, den man nicht verschieben konnte. Tag für Tag durchstreifte er den schmalen Landrücken, war mit den Möwen vertraut und kannte wie kein anderer die verborgenen Brutplätze der Eiderenten. Indem er die Nase witternd gegen den Wind hob, verstand er es besser als der amtliche Wetterbericht, den auslaufenden Fischern vorherzusagen, ob ein Sturm sie von Nordwest her packen würde oder sie mit einem reichen Fang rechnen könnten. Ole war es, der im Voraus wusste, wann die ersten Wildgänse silberglänzend über einen tagblauen Himmel ziehen oder nachts, dann erkennbar am Rauschen der Flügel und dem klagenden Geschrei.
Jeder mochte Ole, die Leute hier und auch die Matrosen, wenn ihre Schiffe einmal diesen versteckten, einsamen Hafen anliefen. Mit offenem Mund, die Augen geweitet vor kindlichem Erstauen, lauschte er ihren Erzählungen von der großen weiten Welt, die er selbst nie kennengelernt hatte. Sie lachten dann und spendierten ihm ein Glas Bier oder manchmal sogar einen Grog.
Dennoch blieb er der einsame, alte Narr, der die Tiere liebte, zu dem die Menschen freundlich waren und der zu ihnen Vertrauen hatte, bis jener Morgen kam...
Schon ganz früh hatte er sich auf den Weg gemacht durch die Dünen, über das harte spärliche Gras und am hellen Strand entlang. Er hatte nicht mehr schlafen können. Immer wieder musste er daran denken, dass heute in der Frühe viele ausgebrütete Eiderenten schlüpfen würden, und er schritt kraftvoll aus in dem noch feuchten Sand, der unter seinen Schritten nachgab und der den Weg beschwerlich machte. Er lauschte auf die Brandung, die gleichmäßig gegen den Strand schlug, und auf vereinzelte Schreie der Möwen. Es beunruhigte ihn, dass es nur wenige waren, die er hörte, und die Unruhe wurde zur Angst.
Schneller schritt er aus, und sein Atem ging keuchend. Einmal musste er gar stehenbleiben und die Hand unter das Herz pressen.
Er hatte den letzten Sandhügel hinter sich gelassen und stand nun vor der kleinen, versteckten Bucht, in der die kargen Gräser von Land her bis ins Wasser hineinwuchsen. Hier nisteten die Eiderenten, und die Möwen stiegen in Schwärmen gegen den Seewind auf. So war es jedenfalls immer gewesen..
Dann stand er da, fassungslos, starrte auf den Horizont und dann wieder zurück auf die riesige, in allen Farben schillernde Lache vor ihm. Wie flüssiges, zerlaufenes Blei schien sie jede verzweifelte Bewegung des wehrlosen Wassers unter sich zu ersticken. Und dann sah er die Vögel. Seine Lippen bebten, während er zu zählen versuchte.
"... eins, zwei... drei..."
Bald gab er es auf. Zwanzig waren es, dreißig, nein, hundert und dann nochmal hundert. Möwen, so weit das Auge reichte, verendete Möwen, starr und regungslos, einige mit nach oben gerichteten Beinen, serviert auf diesem schaurigen Tablett des Todes.
Und ganz nahe bei ihm, seinen Füßen, Enten, viele, viele Enten, und ihm war, als bewegte sich ganz schwach noch hier und da eine von ihnen in einem letzten verzweifelten Zucken.
Ole sah das alles wie durch einen Schleier, und während er auf das Wasser zuschritt, umfing ihn ein Geruch wie der von der Öllampe, wenn der Wirt spät abends die Flamme ausgeblasen hatte und ein zartbläulicher Rauchfaden schnell verwehte.
Die Wellen, schwach und unlustig glucksend unter dem Öl, schwappten nach seinen Füßen. Ole bückte sich und ergriff eine Ente, die fast unbeweglich und mit verschmiertem Gefieder vor ihm lag. Er sah sie lange an und auch die vielen anderen.
Dann ließ er sie wieder fallen, und sein lauter Klageschrei verklang zusammen mit dem einer einzelnen Möwe, die über ihn hinwegstrich,...
"... die Öllache war von der 'Bornholm'", erklärte der Wirt eines Abends, von einem Gast wegen des sonderbaren Verhaltens des Alten befragt, "daran gab es keinen Zweifel... sie haben auch ganz schön berappen müssen, der Käpt'n und die Reederei... Damit war die ganze Angelegenheit erledigt, für die jedenfalls... aber nicht für Ole..." Er lachte, aber es war ein bedrücktes Lachen - und keiner lachte mit.
"Morgen läuft die 'Bornholm' ein. Nach langer Zeit mal wieder... Und die Leute, die Ole sucht, morgen wird er sie finden... hier, bei mir…“
Helmut Pätz
In Bigtown und Umgebung erzählt man heute noch die wahre, wenn auch etwas makabre Geschichte vom alten Jim Crockitt, dessen Name in aller Munde war, den aber kaum jemand von Angesicht kannte, bis er eines Tages im Büro des Sheriffs erschien, seinen zerbeulten Cowboyhut auf den Tisch knallte, das silberweiße Haar aus der Stirn strich und seine Rente verlangte.
"Jim Crockitt?" Der Sheriff blickte auf. "Etwa jener Jim Crockitt, der vor dreißig Jahren mit seinen bloßen Fäusten einen Leitbullen in die Knie zwang und dadurch die Flucht einer ganzen Rinderherde durch den weißen Fluss verhinderte?"
"Eben der. Und jetzt bin ich hier, um Rente und Nachzahlung in Empfang zu nehmen."
Der Sheriff nickte, stand auf und ging zu dem altmodischen Geldschrank. Plötzlich drehte er sich um. "Wie soll ich wissen, ob Sie wirklich Jim Crockitt sind? Sie müssen sich ausweisen."
"Ausweisen?" Jim sah ihn verständnislos an.
"Well. Ich muß Ihre Papiere sehen."
Jim Crockitt kratzte sich hinter dem Ohr. "Papiere? Nie gehabt. Kein Stück Papier. Solange ich lebe, nicht, und das ist schon 'ne ganze Weile."
"Tut mir leid." Der Sheriff zuckte die Achseln. "Sie müssen sich nun mal ausweisen, und zwar hier in meinem Büro. Das hier ist die einzige amtliche Behörde in Bigtown. Polizei, Bürgermeisterei und Standesamt zugleich. Hier auf den Tisch müssen sie liegen, die Papiere, wenn alles seine Richtigkeit haben soll."
Sie schwiegen beide eine Weile. Dann schlug Jim Crockitt mit der Faust auf den Tisch, dass das Tintenfass bedrohlich wackelte. Aber er sagte noch immer nichts.
Der Sheriff überlegte. "Vielleicht ist da noch einer von den Leuten im Ort, der Sie wiedererkennt und der bezeugen kann, dass Sie es wirklich sind. Los, kommen Sie!"
Sie gingen also auf den Marktplatz, riefen Männer und Frauen des Ortes zusammen und fragten, ob einer von ihnen bezeugen könnte, dass dieser Mann jener legendäre Jim Crockitt aus Bigtown in Texas sei.
Ein ungefähr ebenso alter Mann wie Jim trat vor. Er könnte es schon sein, meinte er kopf nickend, nur habe der Jim Crockitt von damals lockiges, schwarzes Haar gehabt... "aber, warten Sie, der echte Jim Crockitt wurde beim Kampf mit dem Bullen an der linken Schulter verletzt. Die Narbe müsste heut' noch zu sehen sein..."
Jim zog sein Hemd aus, und alles starrte ehrfürchtig auf die gewaltige Narbe auf seiner Schulter. Der Sheriff nickte zufrieden, gab ihm einen Wink und ging mit ihm ins Büro zurück. Hier trat er erneut an den Geldschrank. Plötzlich drehte er sich um.
"Jim Crockitt sind Sie. Das ist durch Zeugen bestätigt worden. Aber ich muss wissen, wie alt Sie sind. Sie müssen nämlich mindestens einundsechzig Jahre alt sein, damit ich Ihnen die Rente auszahlen kann."
Jim Crockitt knöpfte das Hemd wieder zu. "Bin ich, Sheriff, bin ich. Sogar noch einige Jahre drüber, das können Sie mir schon glauben." Er zwinkerte mit dem Auge. „Hab` extra so lange gewartet, damit sich die Nachzahlung lohnt."
Der Sheriff schüttelte den Kopf. "Sie müssen nachweisen, dass Sie mindestens einundsechzig Jahre auf dieser Welt sind, mit einer amtlichen Urkunde müssen Sie das nachweisen. Vorher kann ich Ihnen das Geld nicht auszahlen."
"Papiere hab' ich nicht, Sheriff", Jim Crockitt schloss den letzten Knopf, "aber wenn ich das Geld jetzt nicht bald kriege, schlag‘ ich hier alles kurz und klein."
Der Sheriff zog den Colt, ließ ihn eine "Acht" in der Luft wirbeln und meinte, dass das nicht viel Sinn hätte und eine Neueinrichtung des Büros zumindest die ganze Nachzahlung fressen würde.
Jim Crockitt ging, - erst wutschnaubend, dann nachdenklich, mit einer steilen Falte über der Nase...
Am nächsten Morgen kam er wieder. Auf der Schulter trug er einen riesigen Feldstein, in den steile Schriftzeichen eingraviert waren. Er legte ihn auf den Tisch des Sheriffs, dass die vier Tischbeine zur Seite wichen und Mühe hatten, sich wieder aufzurichten.
Der Sheriff starrte verständnislos erst auf den Stein, dann auf Jim.
"Was soll das?"
Jim Crockitt strich zärtlich über den rauhen Stein, und man glaubte ihm ohne weiteres, dass er vor rund dreißig Jahren einen Bullen in die Knie gezwungen hatte. "... Meine Papiere, Sheriff, meine Geburtsurkunde." Er wischte sich eine einzige Schweißperle von der Stirn.
Der Sheriff ging einmal um Jim und den Stein herum, beide misstrauisch von allen Seiten betrachtend. "Papiere? Geburtsurkunde?"
"Der Grabstein meiner Mutter", flüsterte Jim ehrerbietig, "ich hab' ihn mir ausgeliehen vom alten Friedhof zwischen Bigtown und Canary... hier sehen Sie: ihr Sterbedatum. Bigtown 1890. Ich denke, das beweist, dass ich mindestens einundsechzig Jahre auf dieser Welt bin... Okay?"
Der Sheriff starrte ihn wieder eine ganze Weile an, schüttelte den Kopf, las noch einmal die Inschrift, trat dann an den altmodischen Geldschrank und schloss ihn auf...
Helmut Pätz
Eines Tages traf ich meinen Freund Bertram. Er lachte, und strahlte mich an aus sonnengebräuntem Gesicht. Auf einmal wurde sein Blick ernst, und er sah mich prüfend an.
"Du siehst nicht gut aus, alter Junge, du solltest endlich mal Urlaub machen."
„Urlaub?" Ich schüttelte den Kopf. "Menschenskinder, ich komme doch gerade aus dem Urlaub..."
Bertram war verwundert. "Und ich hätte ein doppeltes Gehalt darauf gewettet, dass du hochgradig urlaubsreif bist. Aber sicher warst du auf einer dieser einsamen Inseln im Norden. Keinen Tag Sonnenschein und der Rest Regen. Man sieht es dir an. Armer Kerl, ja, man kann Pech haben, nicht wahr? Warst du wenigstens versichert gegen Regen.?"
Insel im Norden? Gegen Regen versichert? Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. "Irrtum, altes Haus. Im Süden waren wir. Mit dem Auto. Schweiz, Italien, Frankreich. Jeden Tag woanders. Das strengt ganz schön an und nimmt einem jede Sonnenbräune. Aber was soll's, man sieht was von der Welt... verstehst du?"
Bertram sah mich an, nickte zögernd. "Verstehe... ja."
"Aber du..." sagte ich, "du siehst geradezu blendend aus. Bestimmt warst du auf einer jener sonnenüberfluteten Inseln des Südens. Lass mich mal raten: Korsika, Sizilien... oder Madeira? Man sieht es dir an."
Er schien eine Weile nachzudenken, dann ging ein Leuchten über sein gebräuntes Gesicht. "Süden? Madeira? Nicht die Bohne, mein Freund. Im Stadtpark war ich. Tag für Tag, von morgens bis abends. Den ganzen Urlaub über. Man sieht da kaum einen Menschen. Alle sind sie im Süden. Man sitzt ganz einfach da und lässt sich von der Sonne bescheinen. Am dritten Tag schon hatte ich einen Sonnenbrand. Und diese himmlische Ruhe! Man hört sogar wieder die Vögel singen... Ja, mein Lieber, es gibt kein ruhigeres Plätzchen im Urlaub als einen Stadtpark in der allgemeinen Ferien- und Reisezeit..."
Helmut Pätz
Man müsse unbedingt da oben gewesen sein, sagte man uns. Einmal müsse man vom Gipfel des Vialotto hinabgeschaut haben in das weite Land auf der einen und auf die blaue, so unwahrscheinlich blaue Bucht auf der anderen Seite. Man müsse aber gutes, festes Schuhzeug mitbringen oder so lederne Haut an den nackten Füßen tragen wie die Alteingesessenen hier, denn es führe nur ein schmaler, steiniger Pfad nach oben. Man könne zwar einen Esel mieten, gewiss, aber diese apulischen Langohren seien oftmals recht störrisch, und man könne nie voraussagen, ob sie einen auch wirklich nach oben brächten oder gar rückwärts strebten. Dennoch - oben gewesen müsse man sein...
Ich sah auf meine Schuhe. Ich hatte sie erst kurz vor der Reise gekauft, aber man sah ihnen die vergangenen drei Wochen auf dem steinigen, sonnendurchglühten Straßenpflaster deutlich an. Nein, mit ihnen würde ich den Gipfel des Vialotto bestimmt nicht erklimmen können. Aber, wie gesagt, oben gewesen sein müsse man ja...
Ich sah meinen Mann an, und er erwiderte meinen fragenden Blick. Dann seufzte er ergeben und zog die Brieftasche. "Aber wähle ein paar kräftige, zweckmäßige..." Ach, er kannte meine Vorliebe für ausgefallenes Schuhzeug nur zu gut. Dann ließ er sich wieder in den Sessel fallen und blinzelte träge in die Sonne.
"Natürlich", versicherte ich eifrig, "du wirst schon sehen, ich werde solche kaufen, mit denen ich sogar den Himalaya ersteigen könnte..." Ich neige zwar leicht zu solchen Übertreibungen, aber in diesem Augenblick meinte ich es ehrlich.
Wiederholt hatte uns der Weg beim Spazierbummel an dem Schuhgeschäft von Signor Scarpa vorbeigeführt. Es war das erste und einzige Geschäft dieser Art im Orte und lag in einer schmalen, halbschattigen Gasse. Blendendweiß war seine Fassade und Signor Scarpa stand immer, wenn er nicht gerade Kundschaft bediente - und das kam so viel wie gar nicht vor - in der offenen Tür, aus der es so verlockend nach frischverarbeitetem Leder roch, eigenartig untermischt mit all den undefinierbaren Düften des Südens. In dem einzigen kleinen Schaufenster lagen, in rotem Samt gebettet, Modelle, wie man sie sich schöner und eleganter in den ersten Geschäften von Rom oder Florenz nicht vorstellen konnte.
Wie von einem unwiderstehlichen Zauber angezogen, betrat ich den Laden. Signor Scarpas wissendes Lächeln zog mich geradezu hinein in diese geheimnisvolle Dunkelheit, und alle Herrlichkeit dieser Erde schien sich mir aufzutun.
