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Die Kurzgeschichte erlebt zurzeit im deutschsprachigen Raum eine Renaissance, vor allem in unzähligen Schreibseminaren und Literaturwerkstätten. Im Internet und durch Book on Demand ergeben sich neue Möglichkeiten der Publikation, gerade für die kurze Form. Der Autor hat sowohl eigene Erzählungen geschrieben und veröffentlicht wie auch in seinen Seminaren und Lehrgängen Hunderten von Teilnehmern die "Kunst der Kurzgeschichte" vermittelt. Im vorliegenden Buch werden Schritt für Schritt modellartig die wesentlichen Elemente entwickelt und geübt, die eine gute Story ausmachen. Interessante Seitenblicke auf das selbsttherapeutische Potential und die Kulturgeschichte des Erzählens ergänzen die praktischen Übungen und Tipps, in Fortführung und Ergänzung des Bandes "Kreatives Schreiben" vom selben Autor.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Über dieses Buch
Die Kurzgeschichte erlebt zurzeit im deutschsprachigen Raum eine Renaissance, vor allem in unzähligen Schreibseminaren und Literaturwerkstätten. Im Internet und durch Book on Demand ergeben sich neue Möglichkeiten der Publikation, gerade für die kurze Form.
Der Autor hat sowohl eigene Erzählungen geschrieben und veröffentlicht wie auch in seinen Seminaren und Lehrgängen Hunderten von Teilnehmern die »Kunst der Kurzgeschichte« vermittelt.
Im vorliegenden Buch werden Schritt für Schritt modellartig die wesentlichen Elemente entwickelt und geübt, die eine gute Story ausmachen. Interessante Seitenblicke auf das selbsttherapeutische Potential und die Kulturgeschichte des Erzählens ergänzen die praktischen Übungen und Tips, in Fortführung und Ergänzung des Bandes »Kreatives Schreiben« vom selben Autor.
Der Autor
Jürgen vom Scheidt, 1940 in Leipzig geboren, hat Psychologie, Soziologie, Anthropologie und Psychopathologie studiert und promovierte mit einer Studie über seine therapeutische Arbeit mit Drogenabhängigen. Schon während des Studiums arbeitete er bei einer medizinischen Fachzeitschrift, danach zunächst als wissenschaftlicher Lektor und Publizist für Psychologie und Naturwissenschaften. 1971 eröffnete er eine eigene Praxis als Psychologe, aus der die »Münchner Schreib-Werkstatt« entstand. (Weitere Informationen im Internet unter www.iak-talente.de/institut/JürgenvomScheidt.)
Zurzeit lieferbare Titel des Autors: »Handbuch der Rauschdrogen« (mit W. Schmidbauer), München 1971 / 9. überarb. Ausg. März 2003, »Geheimnis der Träume«, 3. überarb. Ausgabe Landsberg a.Lech 1999, »Kreatives Schreiben«, Frankfurt am Main 1989 / 8. Aufl. Januar 2003
Jürgen vom Scheidt
Dieses Buch erschien erstmals 1989 im Fischer Taschenbuch Verlag.
Der Allitera Verlag ist ein BoD™-Verlag der Buch & medi@ GmbH, München. Dieser Verlag publiziert ausschließlich Books on Demand in Zusammenarbeit mit der Books on Demand GmbH, Norderstedt, und dem Hamburger Buchgrossisten Libri. Die Bücher werden elektronisch gespeichert und auf Bestellung gedruckt, deshalb sind sie nie vergriffen. Books on Demand sind über den klassischen Buchhandel und Internet-Buchhandlungen zu beziehen.
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de
Der Autor führt seit 1978 Seminare in Creative Writing und spezielle Kurzgeschichten-Seminare durch. Details im Internet unter www.iaktalente.de oder durch einen Prospekt, den Sie anfordern können über:
IAK
Jürgen vom Scheidt
Postfach 440238
D-80751 München
Juli 2002
Allitera Verlag
Ein BoD™-Verlag der Buch & medi@ GmbH, München
© 2002 Jürgen vom Scheidt
Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst unter Verwendung
einer Federzeichung von Siegmar Münk
Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt
Printed in Germany · ISBN 3-935877-57-9
Zum Geleit
Worum es mir geht
Soziales Schmiermittel
1.Renaissance der Kurzgeschichte?
Läßt sich das Unlehrbare lehren?
Zunächst schreibt man für die Schublade
Publikation von kurzen Geschichten
Erzählen als wesentlicher Teil des Lebens
In Schehrezâdes Reich
2.Raum, Zeit und Person
Die wesentlichen Elemente einer Geschichte
Wie beim Billiardspiel
Das Konzept der »Inneren Bühne«
Vier existentielle Bereiche
Jede Story schafft eine eigene Welt
Du sollst nicht langweilen!
2.1 Der Plot
2.2 Was macht eine Geschichte spannend?
Goldene Regeln für den Erfolgsautor
Perspektiven-Wechsel steigert die Spannung
Nahaufnahme
Der eigene Arbeitsplatz als Schauplatz
Kontrapunkt
Der Dialog
2.3 Im Mittelpunkt: der Mensch
Personen-Beschreibung: eine Checklist
Anekdoten als spezielle Variante der Kurzgeschichte
Kleiner Exkurs über die Namen von Figuren
Das Pseudonym ist nicht nur ein Versteck
2.4 Der Schauplatz
3.Anfang, Ende und was dazwischen liegt
Der Anfang
Der Schluß der Geschichte
Pointen – scharf oder mild?
3.1 Die Kunst der Verdichtung
Sprache als Meta-Element
Metaphern und Symbole
Mehr Tiefe
3.2 Atmosphäre einer Story
Und was schafft Atmosphäre?
3.3 Synopse, Kernsatz, Titel, Exposé
4.Alles ist Stoff
Was tun, wenn man zu viel Stoff hat?
4.1 Erlebtes – Erlesenes – Phantasiertes
Originelle Stoffe sind sehr selten
Erlebtes außen – Erlebtes innen
4.2 Das Große Palaver
Grundthemen des Lebens
4.3 Von Tabu und Tod
Es geht immer um Leben und Tod
Wo werden Tabu-Stoffe behandelt?
4.4 Auch Träume erzählen Geschichten
5.Überarbeiten und druckreif machen
16 Tips für mehr Spaß beim Redigieren
Ein guter Einfall ist noch nicht genug
Von der Betrachtung zur Erzählung
Von der Statik zur Dynamik
Redigieren als (selbst-)therapeutischer Prozeß
Was tun mit unfertigen Geschichten?
Was macht Geschichten lebendiger?
Erzählen und Körper-Resonanz
»Faid saoil chugat, a Fhiannai!«
Anhang
»Kannitverstan«
Wettbewerbe
Bibliographie
Erzählende Werke, Romane sowie Anthologien (mehrerer Autoren) und Collectionen (eines Autors)
Sekundärliteratur
»Faid saoil chugat, a Fhiannai!«1
Geht ein Journalist an einer Kneipe vorbei …
Das ist die kürzeste Geschichte, die ich kenne. Sie enthält alle wesentlichen Elemente, die eine Erzählung ausmachen. Fraglos steht nicht alles in diesem einen Satz drin, was der Leser wissen müßte, um die Bedeutung des Witzes (und ein Witz ist es – aber auch das ist eine Form des Geschichtenerzählens) sofort zu begreifen. So wird eine wesentliche Information zurückgehalten, die man jedoch beim Insider2 voraussetzen kann: daß Journalisten gerne einen zwitschern und daß dies nicht ohne Probleme ist. (Mehr zu diesem Witz und zu seinen Elementen in Kap. 2.3)
Wenn ich Geschichten mancher neuen Autoren lese, habe ich nicht selten den Eindruck, daß sie gar nicht den Unterschied zwischen einer richtigen Erzählung (sei sie lang, kurz oder ultrakurz wie obiger Witz oder eine Anekdote) und Kurzprosa kennen. Bei letzterer wird gerne auf Handlung, Plot und Konflikt (um nur drei typische Bestandteile einer Story zu nennen) verzichtet, und im Vordergrund stehen eher autobiographisches Berichten oder intellektuelle Spielereien und stilistische Experimente, die das mögliche Bedürfnis der Leser nach Unterhaltung und Spannung kaum oder gar nicht berücksichtigen. Manfred Durzak merkt 1980 an: »Solche Kürzestgeschichten, wie sie eine Zeitlang durch Veröffentlichungen in den Akzenten gefördert wurden … verengen das Gestaltungsspektrum so sehr, daß Gattungscharakteristika der Kurzgeschichte ausgelöscht werden und in der Tat nur Schrumpfgeschichten zurückbleiben, die zum Aphorismus, zur Parabel, zum Tagebuchnotat tendieren: Zwischenformen, erzählerische Zwitter, die man mit dem Wort Kürzestgeschichte zu Unrecht auf das Gattungsspektrum der Kurzgeschichte bezieht. Die Möglichkeit zur Wirklichkeitserfassung wird eingeebnet auf einen einzigen Reflex des Autors, auf eine bestimmte Stilfigur, auf einen Satz, eine Geste, ein Zeichen.« (S. 309)
Ich möchte gleich an dieser Stelle feststellen, daß ich Unterhaltung und Spannung nicht nur für legitime Bestandteile von Literatur halte, sondern gerade in ihnen die Urelemente des Erzählens und der menschlichen Kommunikation überhaupt sehe. Hier werden tiefe menschliche Bedürfnisse befriedigt. Dies meint nicht nur der Psychologe in mir – sondern auch das Kind, das gerne Märchen und Indianergeschichten las, und der Jugendliche, der mit den Abenteuern Tarzans den afrikanischen Urwald und mit seinem Lieblingshelden Sun Koh (Myler 1933) die ganze Welt kennengelernt hat – allen Warnungen der Eltern und Lehrer vor diesem Schund zum Trotz. Ich lese auch heute noch lieber einen packenden Science-Fiction-Roman oder einen gut geschriebenen Thriller (beeindruckend in jeder Hinsicht: Andreas Eschbachs Romane »Das Jesus-Video« und »Eine Billion Dollar«) als einen langweiligen »guten Roman«.
Ansonsten habe ich sie gerne genossen und viel gelernt von ihnen: Erzählungen von Albert Camus, James Joyce (großartig seine Kurzgeschichten in »Dubliners«!) Lawrence Durrell, Alberto Moravia, V.S. Naipaul – um nur einige der angesehenen Autoren aus einem halben Jahrhundert Lektüre zu nennen. Dazu geselle ich gerne Hunderte von weit weniger angesehene Autoren der Science Fiction, unter anderem Brian Aldiss, J. G. Ballard, Alfred Bester und von den deutschsprachigen Carl Amery, Herbert W. Franke und Wolfgang Jeschke.
Über den Zustand unserer Welt und wohin es mit der Menschheit gehen könnte, habe ich von den SF-Autoren sicher mehr erfahren – von den anderen dafür mehr über individuelles Menschsein und zwischenmenschliche Konflikte. Beide Lager ergänzen sich wunderbar. Für mich jedenfalls.
Als Fünfzehnjähriger schrieb ich (heimlich unter der Schulbank in der letzten Reihe der Oberrealschule in Selb) meine erste eigene Geschichte. Es ging um ein Experiment mit Antigravitation auf einem Planetoiden fern von der Erde. Literarisch nichts Weltbewegendes – aber ein wichtiger Anfang für mich. Veröffentlicht wurde dieser erste Probelauf verständlicherweise nicht – das gelang mir erst mit meinem zweiten Versuch, den das Club-Magazin Andromeda des Science Fiction Club Deutschland abdruckte. Honorar erhielt ich erst für meinen dritten Anlauf: zehn Deutsche Mark für den dreiseitigen Winzling »Nur ein kleiner Fehler«, der 1957 im »Utopia-Magazin« Nr. 6 erschien.
Um dieses Thema abzurunden: Ich habe seitdem Hunderte von Stories geschrieben, veröffentlicht allerdings (aus Mangel an Zeit fürs Überarbeiten) nur wenige. 2001 habe ich ein wenig mit dem Thema »Erster Kontakt mit Außerirdischen« und E-Mails als neuer literarischer Form experimentiert in der SF-Novelle »Leise Stimme der Vernunft«.
Für diese 50 Stunden Arbeit (40 Seiten) gab es – bisher – ein Honorar von 300 Mark resp. 150 Euro plus sieben Prozent Mehrwertsteuer und drei Freiexemplare der Anthologie, in der sie veröffentlicht wurde; dieses Honorar finde ich, dem publizistischen Umfeld entsprechend, durchaus angemessen.
Meine 1962 geschriebene SF-Story »Blindheit« (etwa drei Stunden Arbeit und zehn Manuskript-Seiten) wurde mehrfach nachgedruckt und brachte mir bis heute insgesamt rund 3.000 (dreitausend) Deutsche Mark resp. 1.500 Euro.
Sie können daraus Ihre eigenen Schlüsse ziehen. Der Schluß, den ich ziehe: Kurzgeschichten verfassen sollte man nur aus Freude am Schreiben. Doch genug von mir.
Dieses Buch hat nicht den Anspruch, auflagenstarke Schriftsteller zu produzieren, sondern will etwas mindestens ebenso Wichtiges fördern: das Erzählen und Schreiben von Kurzgeschichten als Form der Selbsterkenntnis, bis hin zur Selbsttherapie.
Dazu muß man vor allem lernen, einen meditativen Zustand zu erlangen, in dem es sich fast »wie von selbst« schreibt. Ich bin mir des Problems bewußt, daß man dies mit einem Buch nur andeuten und zu den Möglichkeiten lediglich hinführen kann. Die Praxis setzt Training voraus, und davon nicht wenig, so wie es auch beim Klavierspielen der Fall ist, beim Arabisch sprechen, beim Tanzen, beim Spekulieren mit Aktien.
Wer sein Handwerk und die dazugehörigen Instrumente beherrscht, kann loslassen und – im Sinne des Zen – absichtslos werden. Ist dieser Zustand erreicht, schreiben sich Geschichten in der Tat »wie von selbst«.
Dieses Buch ist das Ergebnis der Arbeit mit den Teilnehmern von mehr als 500 Seminaren3. Spezielle Voraussetzungen dafür gibt es in der Regel nicht; alles, was ich erwarte, ist lediglich, daß man
• in der Schule gelernt hat, wie man die Buchstaben aufs Papier setzt,
• über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt (sonst hat man keine Erlebnisse zu gestalten)
• und Freude am Fabulieren hat.
Viele Leute, gelegentlich auch Berufsautoren und Journalisten, berichten mir, daß sie Schreibblockaden haben und sich deshalb regelrecht schämen; oder daß sie »nichts zu erzählen« hätten. Hierzu sei an dieser Stelle nur so viel angemerkt: Es gibt nicht die Schreibblockade, sondern mehr als ein Dutzend verschiedener. Die meisten Störungen dieser Art lassen sich schon durch die Seminarsituation mit ihren vielfältigen Anregungen und durch ein behutsames Vorgehen im kreativen Geschehen des Gruppenprozesses lösen. Allerdings gibt es auch sehr tief im Unbewußten verankerte Blockaden, die in der frühen Kindheit verwurzelt sind und intensiverer Bearbeitung bedürfen (am besten durch eine gezielte Therapie dieser Störung).
(Mehr zu Blockaden erfahren Sie auf der Website – s. Fußnote 3 auf der vorhergehenden Seite.)
Wenn wir uns nicht unaufhörlich Geschichten erzählten, käme jedes soziale Leben rasch zum Stillstand. Geschichten sind gewissermaßen das Schmiermittel sowohl im Privatleben wie in der Arbeitswelt. Man diffamiert das gerne als Klatsch und Gerüchteküche. Aber die Sozialforscher haben herausgefunden, daß ohne dieses Mitteilen von Erlebnissen keine Kommunikation funktioniert – es sei denn in der rudimentären, auf nüchterne Informationen reduzierten Weise, wie Roboter in utopischen Geschichten sie untereinander austauschen.
Menschen brauchen mehr. Menschen brauchen den Austausch nicht nur von sachlichen Nachrichten; diese müssen vielmehr in Gefühle verpackt sein. Und was ist eine Geschichte anderes als »in Gefühle verpackte Informationen«?
Stellen wir uns nur eine Psychotherapie vor, in welcher der Patient emotionslos die Fakten seines Alltags abspult! Heilung wäre da unmöglich. Gerade, weil in der Therapie »Geschichten mit Gefühl« erzählt werden, kann Therapie überhaupt wirken. Es ist nicht lediglich die Deutung des Psychoanalytikers, die den Kranken heilt; die Deutung kann nur Getrenntes zusammenfügen und bei der Integration unverarbeiteter Erfahrungen helfen. Die wesentliche Arbeit leistet der Patient selbst. Indem er sich erinnert an das, was früher (oder auch am selben Tag) geschehen ist. Oder indem er phantasiert. Um nach und nach zu lernen, wie man beides, Erlebtes wie Phantasiertes, zusammenfügt und vernetzt – und es auch wieder voneinander klar zu unterscheiden lernt.
All dies geschieht, indem Geschichten erzählt werden. Der Schritt von der gesprochenen zur geschriebenen Geschichte (um die es uns in diesem Buch geht) ist kein prinzipieller, wie wir noch sehen werden. Es ist allerdings auch kein geringer Schritt. Davon wissen all jene zu berichten, die ihn riskiert haben oder gar zu gelebten Geschichten weitergingen. Ihnen sei dieses Buch gewidmet. Andere sind nur zum Aufschreiben (und Veröffentlichen) ihrer Geschichten gekommen, ohne Heilung zu finden. Ihnen gebührt Verständnis und Mitgefühl.
Aber in diesem Buch soll es nur am Rande um die therapeutischen und Selbsterfahrungs-Aspekte des Geschichtenerzählens und -schreibens gehen. Erzählen ist schließlich auch, wenn die Einfälle leicht fließen, eine wunderbare künstlerische Erfahrung.
München, den 22. Mai 2002
Jürgen vom Scheidt
1 »Langes Leben dir, Geschichtenerzähler!« (Zuruf aus dem Gälischen).
2 Es handelt sich um einen typischen Insider-Witz – den ich übrigens nicht nur von Journalisten kenne, sondern auch von Schauspielern.
3 Informationen hierzu finden Sie im Internet unter www.iak-talente.de oder gedruckt über die Kontaktadresse: IAK · Postfach 440238 · D-80751 München
Wer literarisches Talent hatte, zwei Termine einhielt und noch dazu eine Portion Glück sein/ihr eigen nannte, konnte Anfang der 90-er Jahre mit zwei Erzählungen auf maximal 17 Schreibmaschinenseiten 45.000 Mark ge winnen. Jedenfalls war das 1990 und 1991 der Fall. Die Füllhalter-Firma Montblanc hatte da be reits zum zweiten Mal einen »Literatur preis für kurze Geschichten« ausge schrieben; dem Sieger winkten zwanzig Tausen der, wenn das Thema »Profit« (1990) beziehungsweise »Die Umarmung« (1991) li terarisch ansprechend bewältigt wurde. Eine Handvoll weiterer preiswürdiger Stories wurde in einem Taschenbuch zusammen mit der Sieger-Geschichte veröffentlicht und ebenfalls recht anständig honoriert.
Der von der Frauenzeitschrift Brigitte spendierte andere Preis, benannt nach der romantischen Dichterin Bettine von Arnim, war noch freigiebiger: Die erste Dotierung betrug stolze 25.000 Mark, 15.000 und 10.000 gab es für den zweiten und dritten Platz. Einsendeschluß war jeweils der 31. Dezember 4.
Daß solche Wettbewerbe die Talente an ziehen, konnte man bereits bei Mont blanc sehen, wo dem Aufruf zum Thema »Profit« fast 2.000 Autoren folgten, bei der zweiten Ausschreibung »Die Umarmung« waren es bereits 3.000! Die horrende Anzahl von Manuskripten und die mäßige Qualität der allermeisten dieser Einsendungen bewog dann Montblanc, die Bedingungen für die Teilnahme ab dem Termin 1993 (»Der Gipfel«) drastisch zu ändern: Der Herausgeber Joseph von Westfalen lud nun persönlich eine beschränkte Anzahl bereits etablierter Autoren zum Wettbewerb ein; diese durften ihrerseits noch je einen weiteren unbekannten Teilnehmer einladen. Und inzwischen (2002) gibt es diesen Wettbwerb gar nicht mehr.
Es ließ sich jedenfalls im vergangenen Jahrzehnt eine enorme Renaissance für das Schreiben von Kurzgeschichten beobachten. Damit meine ich nicht zuletzt jene Stories, die in den inzwischen buchstäblich unzähligen Literatur-Seminaren und Schreib-Werkstätten der Creative Writing-Bewegung entstehen. Hier bildet sich eine literarische Szene heraus, die außerhalb des offiziellen Literaturbetriebs wächst und gedeiht.
Diese neue Szene könnte dem traditionellen Literaturbetrieb in Zukunft in einer ganz bestimmten Hinsicht sogar ernsthafte Konkurrenz machen: nicht so sehr in punkto literarischer Qualität, sondern in Hinsicht auf die emotionale Befriedigung, die es macht, eine Geschichte in vertrautem Kreis zu schaffen, sie dort vorzulesen, sofort ein Feedback zu bekommen, angeregt zu werden für Verbesserungen und zu neuen Geschichten. Das hat die traditionelle literarische Szene in keiner Weise zu bieten!
Dieses Buch will Anleitung sein, wie man selbst Kurzgeschichten schreiben kann. Aber läßt sich denn das eigentlich lernen – schon gar aus einem Buch? Meine Antwort ist natürlich ein klares »Ja«. Sonst hätte ich diese Zeilen gar nicht erst geschrieben. Meine Überzeugung stammt aus der praktischen Erfahrung mit vielen Schreib-Seminaren, speziell auch zur Form der Kurzgeschichte.
