kurzgeschichtet - Anita Koschorrek-Müller - E-Book

kurzgeschichtet E-Book

Anita Koschorrek-Müller

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Beschreibung

"kurzgeschichtet" ist eine bunte Sammlung von Geschichten. Mögliches und Unmögliches wurde hier in Worte gefasst. Es sind Geschichten über die Tücken des Alltäglichen und Geschehnisse, die eigentlich undenkbar sind. Die Autorin beobachtet Dinge, die andere vielleicht übersehen. Sie hört genau hin und wagt auch schon mal den Blick in fremder Leute Kleiderschrank. Manches könnte so passiert sein, möglicherweise entspringt es aber auch einer blühenden Fantasie.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Anita Koschorrek-Müller

kurzgeschichtet

www.kurzgeschichtet.de

© 2021 Anita Koschorrek-Müller

Autor

Anita Koschorrek-Müller, www.kurzgeschichtet.de

Umschlaggestaltung

Daniel Schmitt Design, www.goldenerschmitt.de

Verlag und Druck

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über: http://dnb.d-nb.de abrufbar.

„kurzgeschichtet“

ISBN:

978-3-347-26797-8 (Paperback)

 

978-3-347-26798-5 (Hardcover)

 

978-3-347-26799-2 (e-Book)

kurzgeschichtet

Vorwort

Die verlorene Mutter

Rollator auf Abwegen

Ein toller Hecht

Die Rallye

Die Flaschenpost

Der Weberknecht

Der Lattenschuss

Auf Zuckmayers Spuren

Mr. Humphrey

Das Seufzen aus dem Kleiderschrank

Der Bestatter kommt um elf

Mein Navy und ich

Der fünfzehnte Brief

Leben auf dem Land oder Einer mäht immer

Die grünen Schuhe

Der kirschförmige Beruhigungssauger

Das Ehrenmitglied

Die Visitenkarte

Von Warteschleifen und anderen Ärgernissen

Stromausfall

Alles englisch

Zartbitter

Falsche Fährte

Schicht im Schacht

Von Wollmäusen und Flötentönen

Telefonieren, aber wie

Vollpension, 3 Sterne, kinderfreundlich

Eine Problembär-Geschichte

Isolde Hahn

Die Fressbremse

Weine nicht, weil es vorbei ist.

Peinlich

Die verbügelte Zeit

Weihnachten unter Palmen

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser, es freut mich, dass Sie in diese Anthologie reinschauen. Hier finden Sie Geschichten, die sich so oder ähnlich zugetragen haben könnten, die aber, bis auf wenige Ausnahmen, meiner Fantasie entsprungen sind. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher gegeben oder rein zufällig. Ich wünsche Ihnen ein unterhaltsames Lesevergnügen!

Die verlorene Mutter

Endlich Feierabend! Ich sitze im Regionalzug auf dem Weg nach Hause. Den heutigen Tag sollte ich am besten ersatzlos aus meinem Gedächtnis streichen.

„Ihre Aufgabe war es, eine Reportage zu schreiben, also Tatsachen, Fakten objektiv darstellen und keine Emotionen“, hatte der Chefredakteur wieder kritisiert. „In Ihren Texten ist zu viel Gefühl. Sie sollten sich überlegen, ob Journalismus das Richtige für Sie ist!“

Was bildet der sich überhaupt ein, dieser Mann mit der Ausstrahlung eines Kühlschranks.

Der Zug fährt in den nächsten Bahnhof ein, und ich öffne das Abteilfenster. Es ist schwül und heiß. Ein Gewitter liegt in der Luft. Ich atme tief durch. Die Kommentare dieses arroganten Heinis haben mir zugesetzt.

Auf dem Bahnsteig herrscht geschäftiges Treiben. Einige schwarz gekleidete Menschen umarmen sich. Vermutlich kommen sie von einer Beerdigung. Noch einmal Hände schütteln, Tränen, Abschied. Ich werde ungeduldig, will nach Hause, über die gefühlsarme Welt der Presse und der Männer nachdenken. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Die Schwarzgekleideten auf dem Bahnsteig winken mit Taschentüchern. Ich schließe das Fenster und setze mich. Na, endlich geht’s weiter.

Rums, mit Schwung wird die Abteiltür aufgerissen und ein kleiner rothaariger Junge stürmt herein.

„Papa, komm! Hier ist noch Platz!“

Der Kleine trampelt auf meine Füße und schmeißt sich auf den Fensterplatz mir gegenüber. Ich blicke in ein sommersprossiges Jungengesicht mit leuchtend blauen Augen. Der Vater, schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, betritt das Abteil, nickt mir zu und ermahnt seinen Sohn: „Oskar, nicht so wild!“

Dann nimmt auch er Platz, zieht sich die Krawatte vom Hals, steckt sie in seine Jackentasche und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

„Papa, wie soll es denn weitergehen, jetzt, wo ich die Mutter verloren habe? Wie soll das denn gehen ohne Mutter?“

Das Kind reißt die Augen auf und die Unterlippe zittert verdächtig.

„Ach, das weiß ich im Moment auch nicht. Lass mich jetzt erst mal telefonieren, damit ich unser Auto flottkriege.“

Der Junge blickt aus dem Fenster und ich beobachte, wie sich seine blauen Augen mit Tränen füllen. Schniefend zieht er die Nase hoch. Der Vater schnauzt ihn an.

„Hast du kein Taschentuch?“

„Nee!“

Der Vater durchwühlt seine Jackentaschen, wird fündig und wirft Oskar ein Papiertaschentuch zu.

„Jetzt putz dir die Nase und hör mit der Heulerei auf. Wir kriegen das schon irgendwie hin.“

Oskars Vater zückt sein iPhone und wischt über den Bildschirm. Was ist das denn für ein Vater? Der Sohn hat gerade die Mutter verloren, und er telefoniert wegen seines Autos in der Gegend herum, statt sein Kind zu trösten. Männer! Da ist mein Kühlschrank von einem Chefredakteur ein warmer Bollerofen gegen diesen Tiefkühlvater. Der Junge kann einem wirklich leidtun.

„Aha, die Elektrik, ich dachte es mir“, quatscht der Vater in sein iPhone. Der Junge schnäuzt sich, blickt zu mir herüber. Seine Tränen sind ihm offensichtlich peinlich. Dann huscht ein spitzbübisches Grinsen über sein Gesicht und er will mir etwas erzählen.

„Das war heute Morgen megalustig. Papa wollte das Auto aufschließen und alle Fenster sind rauf und runter gesaust.“

„Oskar, sei still! Ich versteh nichts!“, maßregelt der Vater den Sohn und quakt wieder in sein iPhone: „Ja! Jetzt kann ich Sie besser verstehen. Ich sitze im Zug und die Verbindung ist sehr schlecht.“

Hast du Töne! Da zeigt das Kind ein bisschen Freude und lacht, schon wird es von diesem Despoten niedergemacht.

Ach, ich kann mich noch gut daran erinnern, als meine Mutter starb. Wie lange ist das her? Zehn Jahre, nein, sogar schon elf. Ich fühlte mich wie entwurzelt. Ich war fünfundzwanzig und habe lange gebraucht, um über diesen Verlust hinwegzukommen. Und dieser Knabe, der mir hier gegenübersitzt, ist höchstens zehn.

Ich schiele vorsichtig zu diesem Vatermonster hinüber. Was ist das nur für ein Mensch? Managertyp, eindeutig, das sieht man an den Schuhen und an den Socken. Alles akkurat aufeinander abgestimmt und teuer. Das ist nicht der Turnschuh-Papa, der am Sonntag mit seinem Sohn zum Fußballspiel fährt oder das ganze Wochenende mit dem Sohnemann ein Baumhaus baut. Wahrscheinlich wirft er spätabends, wenn er nach Hause kommt, noch einen Blick auf sein schlafendes Kind und erkundigt sich bei Mama nach den Schulnoten.

Ja, und diese Mama gibt es jetzt nicht mehr. Das arme Kind sitzt da und stiert todtraurig aus dem Fenster. Mütterliche Instinkte regen sich in mir. Finster blicke ich diesen sogenannten Vater an, der inzwischen das ach so wichtige Telefonat beendet hat und frage: „Darf ich Ihrem Sohn ein paar Gummibärchen geben?“

„Von mir aus!“

Der gleichgültige Unterton in der Stimme schockiert mich. Aber Oskar lächelt. Ich wühle in meinem Rucksack, finde zwei Päckchen Gummibärchen und überreiche sie dem strahlenden Kind.

„Wie sagt man?“

„Danke“, sagt Oskar.

Aha, Vati erzieht. Dieser Vater ist echt ein Arsch. Irgendwann, wenn er sein Kind ins Leben entlässt, ist alles Herzliche und Mitfühlende erloschen und dieses Kind wird sich so verhalten wie dieser Kühlschrank von Chefredakteur.

„Papa, ich muss mal!“ Oskar springt auf.

„Moment“, der Vater erhebt sich, „ich komme mit.“ „Nein, das kann ich allein!“

„Okay, links den Gang runter.“

„Mensch, Papa, das weiß ich!“

Kaum hat Oskar das Abteil verlassen, klingelt Papas iPhone.

„Hallo, Schatz, schön, dass du anrufst“, säuselt er und wendet sich ab. „Du bist süß! … Nein, wir sitzen im Zug … Oskar ist gerade aufs Klo.“

Aha, das Kind ist nicht da und Papa kann ungestört Süßholz raspeln.

„Wann es passiert ist? Am Samstagnachmittag … Mmh … Ja, er war fix und fertig und hat den ganzen Abend geheult. Ich habe ihm gesagt, das gehört zum Leben dazu, damit muss man fertig werden … Die Beerdigung? Ja, war okay für ihn. Ja, ja, ich glaube, er hat das gut verkraftet … Ja, ich dich auch! Tschüss, mein Schatz!“

Papa lächelt versonnen. Das glaub ich jetzt nicht. Kaum hat er die Mutter des Jungen unter die Erde gebracht, hat er ein neues Eisen im Feuer, nicht zu fassen. Das Kind hat seine Mutter verloren und er redet darüber, als wäre es eine sechs in Mathe. Unglaublich! Ich wende mich angewidert ab. So ein Kotzbrocken!

Vielleicht war er jedoch von der Mutter des Jungen geschieden und die Frau am iPhone war seine „Neue“. Wahrscheinlich nimmt er den Jungen jetzt ganz zu sich, nicht bloß alle vierzehn Tage am Wochenende. Na, der wird sich wundern. Nicht nur Urlaubsstimmung, Zoobesuche, Kino und Eis essen. Nee, nee, harter Alltag kommt nun auf diesen Wochenendvater zu. Wieder klingelt das iPhone.

„Hallo, meine Süße!“

Wieder dieses versonnene Lächeln.

„Nein, Oskar ist gerade nicht da!“

Aha, die Luft ist rein, jetzt geht das Gesülze wieder los. Das grenzt schon an Vielweiberei!

„Also tschüss! Bussi!“

Was finden die Frauen nur an diesem Vatermonster. Okay, er ist groß, schlank, hat eine sportliche Figur und der Dreitagebart steht ihm verdammt gut. Aber gefühlsmäßig ist dieser Kerl der absolute Supergau. Das Kind ist definitiv länger als zehn Minuten weg und er telefoniert.

„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich einmische, aber Ihr Sohn ist schon ziemlich lange weg.“

„Da machen Sie sich mal keine Gedanken, der kennt sich in Zügen aus. Der fährt jeden Tag mit dem Zug zur Schule.“

Verantwortungslos ist dieser Mensch auch noch, dachte ich‘s mir doch.

„Na ja, wenn Sie meinen.“

Jetzt zieht er sein Jackett aus und krempelt die Ärmel hoch. Er ist wirklich verdammt gut gebaut, hat kräftige, gepflegte Hände und ist an den Unterarmen tätowiert. Aber es ist ja allgemein bekannt, schöne Männer sind eitel und egoistisch.

„Ganz schön heiß heute. Und dann diese schwarzen Klamotten.“

Großer Gott, jetzt wird er auch noch gesprächig, allerdings passe ich bestimmt nicht in sein Beuteschema. Der steht mit Sicherheit auf solche Model-Typen, Claudia-Schiffer-Verschnitt auf High-Heels.

„Sie waren heute auf einer Beerdigung?“

„Ja.“

Rums, die Abteiltür wird aufgestoßen und Oskar stürmt herein.

„Papa, das glaubst du jetzt nicht! Ich habe gerade mit dem Schaffner geredet und der konnte sich an mich erinnern, der war am Samstagnachmittag dabei. Er hat gesagt, es wäre ganz furchtbar gewesen und ich hätte ziemlich Pech gehabt! Es tat ihm richtig leid!“

Es muss ein Unfall gewesen sein, das wird mir schlagartig klar. Ich lasse alle schweren Unfälle, die sich in der letzten Woche in der Region ereignet haben, Revue passieren. An einen Unfall mit Todesfolgen, bei dem eine Frau ums Leben kam, kann ich mich nicht erinnern. Möglicherweise war der Unfall nicht in der näheren Umgebung und meine Zeitung hat nicht darüber berichtet. Aber dass der Schaffner dem Jungen im Zug sein Beileid ausspricht, ist so was von pietätlos. Dazu ist nur ein Mann fähig!

„Papa, was gibt’s heute Abend zu essen?“

„Oh, das habe ich ganz vergessen! Wir können nicht zum Supermarkt fahren, weil das Auto in der Werkstatt ist und der Kühlschrank ist leer! Tiefkühlpizza ist da.“

Oskar verzieht das Gesicht.

„Nicht schon wieder Pizza, die gab es erst gestern.“

Mein Gott, dieser herzlose Mensch ist nicht mal in der Lage, seinen Sohn vernünftig zu ernähren.

„Spielst du heute Abend was mit mir? Ist doch langweilig so allein.“

„Das geht heute wirklich nicht. Da ist noch jede Menge Hausarbeit zu erledigen.“

„Och, Papa!“

Tja, es ist schon ein Unterschied, wenn plötzlich ein Kind mit im Haushalt lebt. Aber wenigstens kümmert er sich um die Hausarbeit, oder ist seine Putzfrau im Urlaub?

„Ich kann dich verstehen“, wende ich mich an den Jungen, „ich hatte auch keine Geschwister und das war manchmal ziemlich öde.“

Dieses Kind braucht doch Verständnis für seine neue Lebenssituation.

„Wieso meinen Sie denn, ich hätte keine Geschwister?“, fragt Oskar erstaunt.

„Na ja, ich dachte mir, weil du erzählt hast, du wärst allein und du warst vorhin so traurig und dann noch die Beerdigung.“

„Papa, die Frau meint tatsächlich, ich wäre ein Einzelkind!“

Oskar findet das sehr lustig und will sich ausschütten vor Lachen. Auch der Vater lacht, ein wunderschönes Lachen, und zeigt dabei eine Reihe strahlend weißer Zähne, wahrscheinlich alles Jacketkronen oder Implantate.

Das iPhone klingelt wieder. Oskars Vater brummelt: „Entschuldigung“, wendet sich ab und führt ein eindringliches Gespräch, wie ich höre, mit der Autowerkstatt und nicht wieder mit einer Frau. Er hebt die Hand und gebietet seinem Sohn zu schweigen. Oskar zappelt herum und will mir unbedingt seine Familienverhältnisse erläutern, muss aber die Klappe halten. Endlich ist das Gespräch beendet.

„Oskar, gute Nachrichten! Wir können das Auto morgen Mittag abholen und du sollst mitkommen. Der Mechaniker aus der Werkstatt ist ein alter Freund von mir, und du sollst die Lenkstange mitbringen. Der will mal nachschauen, wieso sich da die Mutter gelöst hat und eine Ersatzmutter kannst du bestimmt auch gleich bekommen.“

„Mensch Papa, du bist klasse!“

Ich kann dem Gespräch irgendwie nicht folgen. Wieso kriegt der Junge morgen eine Ersatzmutter? Doch Oskar will mir unbedingt seine Familienverhältnisse erklären.

„Also, ich bin der Mittlere von fünf! Meine große Schwester ist ein halbes Jahr in Amerika, mein großer Bruder ist auf Klassenfahrt und meine Mama ist mit den beiden Kleinen auf Borkum zur Kur. Und deshalb bin ich allein, und traurig war ich, weil ich beim Seifenkistenrennen ausgeschieden bin. Ich hatte die Mutter verloren und deshalb hat die Lenkung geeiert und ich bin von der Strecke abgekommen und der Patrick, der Arsch …“

„Oskar!“

„Ja, ist ja gut, also, der Patrick, die Pfeife, hat gewonnen, obwohl ich das ganze Rennen geführt habe.“

Ich glaube, mein Gesichtsausdruck ist momentan nicht sehr geistreich. Oskar will mir noch mehr erzählen.

„Und wenn du wissen willst, wie meine Geschwister heißen, dann kannst du das bei meinem Papa nachlesen.“ Er zerrt die Hemdsärmel seines Vaters weiter nach oben und dort steht in schönen, verschnörkelten Buchstaben auf dem rechten Unterarm geschrieben: Judith, Jasmin und Janina und auf dem linken Unterarm: Oliver und Oskar.

„Und mein Papa heißt Otto, deshalb fangen die Jungennamen alle mit O an und meine Mama heißt Jenny und deshalb fangen die Mädchennamen alle mit J an. Und vielleicht kriegen wir noch ein Kind, aber Mama sagt, das muss dann ein Junge werden, sonst ist der Mädchenarm überfüllt.“

Der Vater lächelt etwas verlegen.

„Jetzt hör aber auf! Ich glaube nicht, dass das die Dame interessiert. Ach, übrigens Mama und Jasmin haben angerufen und wollten dich sprechen. Sie rufen heute Abend noch mal an, wenn wir zu Hause sind.“

“Und die Beerdigung?“, stammele ich fassungslos.

„Oh, das war die Beerdigung meiner Uroma“, erläutert Oskar, „die war achtundneunzig, und der Papa hat gesagt, es war gut, dass die Uroma endlich sterben konnte, weil sie schon zwei Jahre schlimm krank war.“

Am liebsten würde ich vor Scham im Boden versinken. Was habe ich diesem Mann alles unterstellt. Der Zug verlangsamt sein Tempo und fährt in den nächsten Bahnhof ein. Der Vater steht auf.

„Komm, Oskar, wir müssen aussteigen. Auf Wiedersehen, ich hoffe, dass mein Sohn Ihnen nicht zu sehr auf die Nerven gegangen ist.“

Da steht er vor mir, Otto, ein Bild von einem Mann, gutes Benehmen, angenehme Stimme. Den Tiefkühlvater nehme ich in Gedanken zurück. Dieser Familienvater ist eher das Modell Kachelofen, beständig, zuverlässig, solide gemauert, an dem sich eine Frau und fünf Kinder wärmen können.

„Auf Wiedersehen!“, antwortete ich beschämt. Wie gut, dass man Gedanken nicht lesen kann.

Oskar ruft: „Tschüss!“, und Vater und Sohn verlassen das Abteil. Wenig später entdecke ich sie auf dem Bahnsteig. Der Vater trägt seinen Sohn auf dem Rücken und galoppiert mit ihm zum Ausgang.

Rollator auf Abwegen

Mit leisem Zischen öffnet sich die automatische Schiebetür des Seniorenstifts „Abendrot“. Ein gepflegter älterer Herr mit silbergrauem Haarkranz, die Halbglatze übersät mit kleinen und großen Altersflecken, verlässt mit seinem Rollstuhl das Haus. Die Hände ruhen auf den Armlehnen, die rechte Fußstütze ist hochgeklappt, so dass der Fuß den Boden berührt. Mit kleinen schwungvollen Bewegungen des Fußes, wie bei einem Tretroller, setzt der Alte sein Gefährt in Bewegung. Dichtauf folgt eine zierliche, gebrechlich wirkende, ältere Dame, die mit ihrem Rollator den Rollstuhl zusätzlich anschiebt. Schritt für Schritt, Meter um Meter, kommen die beiden voran, nähern sich den Ruhebänken, die vorm Gebäude zum Verweilen einladen.

„Komm“, meint sie leise, mit brüchiger Stimme, „lass uns zu der ersten Bank gehen, die steht in der Sonne. Die Wärme wird deinem Rheuma guttun. Im Schatten ist es noch zu kühl.“

„Du hast Recht, mein Schatz“, antwortet er mit tiefer fester Stimme, die ich diesem greisen Herrn nicht zugetraut hätte. Er lacht auf.

„Frühlingssonne! Die tut den alten Knochen gut und weckt Frühlingsgefühle. Nicht wahr, meine Schöne.“

Mit diesem Lachen hat der Alte wohl vor vielen Jahren manch Mädchenherz erobert. Sie kichert verschämt und die beiden parken ein. Er rangiert den Rollstuhl neben die sonnenbeschienene Bank, auf der sie sich mit leisem Stöhnen niederlässt und die Bremsen des Rollators feststellt. So sitzen sie eine Weile mit geschlossenen Augen und genießen die wärmenden Sonnenstrahlen.

Die betagte Dame streichelt die Hand des alten Herrn. Daraufhin nimmt er ihre kleine abgemagerte Hand mit den zartrosa lackierten Fingernägeln in seine Hände und haucht einen Kuss auf den braun gesprenkelten Handrücken. Sie strahlt und er, der alte Charmeur, lächelt.

„Du hättest deinen Hut mitnehmen sollen. Die Sonne hat doch schon Kraft“, meint sie nach einer Weile und blickt besorgt auf die hohe Stirn ihres Begleiters.

„Mmh, morgen werde ich dran denken“, antwortet er. „Meinst du nicht, wir müssten aufbrechen, damit wir pünktlich zum Essen da sind?“

„Ja, Schatz, wir machen uns auf den Weg. Wenn der Aufzug wieder so lange blockiert ist, kommen wir zu spät und du weißt, das wird nicht gern gesehen“, entgegnet sie, erhebt sich mühsam, löst die Bremsen ihres Rollators und wartet, bis der Rollstuhl sich in Bewegung gesetzt hat. Sie reiht sich dahinter ein, schiebt den Rollstuhl vor sich her und der alte Mann versucht, indem er den rechten Fuß vom Boden abstößt, um das Tempo der Schubeinheit zu steigern.

Sie rollen an uns vorbei. Der alten Dame scheinen unsere Blicke peinlich zu sein, denn sie wendet sich ab und errötet. Kaum haben die beiden die Lichtschranke im Eingangsbereich passiert, öffnen sich die Schiebetüren.

Ich blicke ihnen nach, diesem Paar, das sich noch immer zugetan ist, nach wer weiß wie vielen Jahren. Kurz bevor sich die Türen wieder schließen, beobachte ich, wie sie ihn auf den Hinterkopf küsst und seine Wange tätschelt, jetzt, da sie sich unbeobachtet fühlt.

Ich seufze und sage zu Tante Else, die neben mir auf der Bank sitzt:

„Ach, wie schön! So ein altes Ehepaar und noch immer verliebt.“

„Von wegen“, antwortet Tante Else schroff und blickt mich mit versteinerter Miene an.

„Wieso, von wegen?“, hake ich nach.

Tante Else lebt schon zwei Jahre in der Seniorenresidenz „Abendrot“, kennt alle Mitbewohner, hat die Augen und Ohren überall und ist aufs Beste informiert.

„Ja, der Kerl ist verheiratet, aber nicht mit ihr. Zweimal in der Woche kommt seine Ehefrau zu Besuch, dann zieht sich die Freundin diskret zurück, und wenn die Alte wieder weg ist, wird geturtelt, was das Zeug hält.“

„Oh! Wer hätte das gedacht?“

Ich bin überrascht, denn mit dieser Enthüllung hatte ich nicht gerechnet. Meine Tante verschränkt die Arme vor der Brust.

„So sind sie, die Männer! Das wirst du auch noch erfahren, mein Liebes.“

„Aber doch nicht alle“, widerspreche ich. „Schau, du und Onkel Georg, ihr wart doch das Vorzeigeehepaar in der ganzen Verwandtschaft und es fehlte nicht viel, ihr hättet auch noch die goldene Hochzeit geschafft.“

Tante Else atmet tief durch.

„Ja, ja, beinahe hätten wir‘s geschafft, 50 Jahre Ehe, und Schorsch fast immer zweigleisig!“, klärt sie mich auf. „Aber jetzt muss ich zum Essen.“

Sie reicht mir die Hand.

„Tschüss, war schön, dass du mich besucht hast. Komm bald wieder.“

„Tschüss, Tante Else, ja, mach‘s gut und bis bald.“

Tante Else und ihr Rollator verschwinden hinter der Glastür und ich bleibe zurück.

Ein toller Hecht

Eine Woche Urlaub an der Nordsee im November. Warum nicht? Meine Unterkunft, die Pension „Kleine Möwe“, ist einfach, aber gemütlich, sauber und preiswert. Im Ort ist nicht viel los. Einige Geschäfte sind geschlossen, denn wer fährt schon im November an die Nordsee?

Die wenigen Menschen am Strand, die sich gegen die steife Brise stemmen, sind eingepackt in dicke Mäntel, Mützen und Schals. Gestern lachte die Sonne vom strahlend blauen Himmel und ich sah, wie sich zwei ganz hartgesottene Burschen, nur mit Badehose bekleidet, in die Fluten stürzten. Heute peitscht der Wind dunkle Wolken landeinwärts und die Sonne hält sich versteckt.

Fünf Minuten mit dem Fahrrad von der „Kleinen Möwe“ entfernt liegt das Hallenbad, das ich in dieser Jahreszeit dem offenen Meer vorziehe. Jeden Morgen, nach dem ausgiebigen Frühstück in meiner netten Pension, fahre ich mit dem Hollandrad zum Schwimmbad. Ich bin, wie in den vergangenen Tagen, einer der ersten Badegäste, und so mache ich es mir erst mal auf einer der Liegen bequem. Mit vollem Magen soll man nicht ins Wasser gehen. Ich warte ab, verdaue und beobachte die anderen Badegäste, die nach und nach die Schwimmhalle betreten. Vermutlich alles einheimische Dauerkarten-Inhaber und auch ein paar Urlauber sind dabei, so wie ich. Zwei ältere Damen ziehen bereits hoch erhobenen Hauptes ihre Bahnen, sonnenbankgebräunt, abgehärtet und quatschen 25 Meter hin und 25 Meter zurück, ohne Atemnot. Ein älterer Herr pflügt elegant durchs Wasser.

Am Rand des Beckens steht ein Mann mittleren Alters, unterhält sich mit dem Bademeister und vollführt Dehn- und Streckübungen. Jetzt wippt er auf den Zehen. Auf und nieder, immer wieder. Ist wohl ein ganz sportlicher, ein toller Hecht. Er schreitet zur kalten Dusche und lässt sich das Wasser auf die beginnende Glatze, den Rücken und auf den Bauchansatz prasseln. Mit einem nicht sehr eleganten Kopfsprung vom Startblock taucht er dann ins kühle Nass.

Ich verlasse meine Liege und gehe erst mal zum Warmduschen, kaltes Wasser ist mir ein Gräuel. Danach steige ich über die Leiter ins Schwimmbecken und freue mich auf den Luxus eines beheizten 25-Meter-Beckens, das ich mir nur mit vier anderen Schwimmern teilen muss. Erst fröstele ich noch ein wenig. Ich muss mich als passionierte Warmduscherin immer erst warmschwimmen. Bald habe ich meinen Rhythmus gefunden und ziehe mit kräftigen Schwimmstößen meine Bahnen. Nach der ersten Wende bemerke ich, dass der Fußwipper vor mir schwimmt. Sein Schwimmstil ist etwas unruhig und seine Bugwelle würde jedem Lastkahn auf dem Rhein Konkurrenz machen. Nach einigen Metern bin ich auf gleicher Höhe, ziehe an ihm vorbei und gelange so in ruhigeres Fahrwasser. Vor ihm zu schwimmen ist wesentlich angenehmer, als in seinem Kielwasser zu kraulen. Ich konnte nie besonders gut schwimmen, nur so für den Hausgebrauch, aber diesem tollen Hecht bin ich überlegen.

Ob er das verkraftet? Nein, er tut es nicht! Nach der ersten Wende bemerke ich, dass sein Schwimmstil hektischer wird, und er versucht mir nachzusetzen. Eigentlich mag ich es nicht, dieses Wettkampfverhalten, wer ist schneller, stärker, ausdauernder? Doch der Fußwipper belehrt mich eines Besseren. Plötzlich ist es mir wichtig, dass er mich nicht einholt, geschweige denn überholt. Ich lege noch ein bisschen zu! Nach zwanzig Bahnen komme ich mir irgendwie dämlich vor. Wem will ich denn etwas beweisen? Habe ich das nötig? Ich lege mich auf den Rücken und gleite zum Beckenrand. Mein Verfolger naht, wendet und gibt nochmal richtig Gas. Jetzt will er wohl demonstrieren, dass er noch was draufhat. Ich schwimme gemütlich ein paar Bahnen und mache am Beckenrand ein paar Lockerungsübungen. Er kommt angeschnauft, hängt sich auch an den Beckenrand, zieht seine Schwimmbrille aus und beobachtet mich aus den Augenwinkeln. Er hat gewonnen! Ich gönne ihm den Triumph.

Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Dieses Gesicht habe ich schon mal gesehen, doch hier im Wasser, mit nassen Haaren und den roten Kringeln vom Gummirand der Schwimmbrille um die Augen, kann ich ihn nicht zuordnen. Er hat bemerkt, dass auch ich ihn beobachte.

Schwungvoll stemmt er sich hoch, knallt, ohne eine Miene zu verziehen, sein Schienbein gegen den Beckenrand und verlässt das kühle Nass. Federnden Schrittes begibt er sich zur kalten Dusche. Er ist nicht sehr groß. Wären seine Beine parallel zueinander angelegt und würden im Bereich der Knie nicht auseinanderdriften, wäre er einige Zentimeter größer. Unter der Dusche vollführt er eine Art Veitstanz. Er hält den Kopf leicht geneigt, hüpft auf einem Bein, steckt den Finger ins Ohr und schüttelt sich. Auch ich habe manchmal nach dem Schwimmen Wasser im Ohr, bekomme aber mit weniger aufwändigen Übungen meine Gehörgänge wieder frei.

Ich verlasse ebenfalls, natürlich über die Leiter, das Schwimmbecken, mache einen großen Bogen um die kalte Dusche und freue mich schon aufs Warmduschen.

Eine halbe Stunde später gehe ich mit dem guten Gefühl, etwas für mich getan zu haben, zum Fahrradschuppen neben dem Hauptgebäude. Der Wind ist stärker geworden. Hoffentlich komme ich noch trocken in meine Pension. Zu spät! Erste dicke Tropfen fallen vom Himmel und dann schiebt sich eine Regenwand von der See her über den Deich. Auf dem Parkplatz geht ein Mann in sportlichem Outfit nervös hin und her und trotzt dem Regen. Es ist der wippende Kaltduscher, der tolle Hecht. Dann wird es ihm wohl doch zu nass, und er spurtet mit großen Schritten über den Platz zum Fahrradschuppen, um sich unterzustellen. Der Regen prasselt vom Himmel auf das Kunststoffdach über unseren Köpfen, und wir müssen, um keine nassen Füße zu bekommen, zusammenrücken. Er ist größer, als ich dachte. Wir sind fast auf Augenhöhe. Er hat braune Augen.

Sein Handy klingelt, und er tritt einen halben Schritt zur Seite. Mehr geht nicht, denn um uns herum haben sich große Pfützen gebildet.

Ich werfe einen Blick auf seine Schuhe, Sportschuhe mit Plateausohlen. Was es nicht alles gibt? Das ist auch die Erklärung für sein plötzliches Wachstum.

Mit dem Handy am Ohr wird er ziemlich laut.

„Es ist mir unbegreiflich, weshalb du das immer noch nicht hinkriegst. Wir haben das doch schon tausend Mal geübt! Wärst du rechtzeitig losgefahren, ehe es anfing zu regnen, hätte ich das Dach zumachen können. Aber nein, alles wieder auf den letzten Drücker! Jetzt stehe ich hier seit einer Viertelstunde, wie bestellt und nicht abgeholt, und du kommst mal wieder zu spät.“

Er schweigt, lauscht und runzelt seine hohe Stirn.

„Nein Gisela, ich gehe nicht zu Fuß bei diesem Wetter! Was denkst du dir überhaupt. Jetzt geh rüber zu Lüdenscheidts und bitte Herrn Lüdenscheidt, dass er dir behilflich ist und dann holst du mich sofort ab.“ …

„Ja, ich weiß, dass der ein Idiot ist. Wenn du dich nicht so dumm anstellen würdest, bräuchtest du auch nicht die Hilfe eines Idioten. Gisela, jetzt tu, was ich dir sage!“

Das Telefongespräch ist beendet. Arme Gisela, die hat es jetzt aber auf die Ohren gekriegt. Der tolle Hecht ist auf 180!

„Es ist nicht zu fassen! Frauen und die Technik!“, ereifert er sich weiter.

„Moment mal“, melde ich mich zu Wort. „Keine Verallgemeinerungen bitte!“

„Jetzt haben wir seit vier Wochen einen neuen SLK, und meine Frau ist immer noch nicht in der Lage, das Dach zu schließen!“, erklärt er mir aufgebracht.

Worüber spricht dieser Mann? Was ist ein SLK mit Dach? Dazu fällt mir nur SKL ein und das heißt Süddeutsche Klassenlotterie, aber davon redet er bestimmt nicht. Ich vermute, dass es sich bei SLK um ein Auto handelt, vielleicht ein Cabrio?

Ich wechsele das Thema.

„Warum fahren Sie denn nicht mit dem Fahrrad? Hier an der Küste ist das Radwegenetz doch so gut ausgebaut, und für die Fitness ist es in jedem Fall von Vorteil. Oder besitzen Sie kein Rad?“

„Selbstverständlich besitze ich ein Rad, sogar zwei. Wir sind vorgestern erst angekommen und da habe ich mein Tourenrad erst mal zur Inspektion gegeben.“

„Ach, Sie machen hier Urlaub?“, frage ich nach. „Da bringt man doch eigentlich sein Fahrrad vor der Reise in Ordnung?“

„Wir kommen seit Jahren hier an die Küste, besitzen hier ein Ferienhaus. Nichts Großes, gerade mal 120 Quadratmeter Wohnfläche, und wir waren leider den ganzen Sommer in den USA. Das Tourenrad stand hier in der Garage und musste nun dringend überholt werden. Mein anderes Rad ist ein Triathlon-Rad“, erklärt er mir, während er milde lächelnd mein Hollandrad mustert, „also für Spazierfahrten vollkommen ungeeignet.“

„Ach, Sie machen Triathlon? Das hätte ich nicht gedacht! Na, hoffentlich können Sie besser Radfahren als Schwimmen!“

Das hat gesessen! Ich muss doch diesen Angeber auf Plateausohlen von seinem hohen Ross runterholen.

Ich lächle ihn an, den tollen Hecht. Seine braunen Augen werden dunkler, aber das kommt vielleicht vom Schatten der letzten Regenwolke, die der Wind zur Seite schiebt.

Er sucht nach Worten, doch in diesem Moment kommt ein silbergraues Cabrio angebraust.

„Ich werde abgeholt“, verabschiedet er sich knapp. „Auf Wiedersehen!“

„Ich muss auch los. Es hat aufgehört zu regnen. Schönen Tag noch“, antworte ich und schiebe mein Hollandrad aus dem Fahrradständer.

Der tolle Hecht geht zu seinem SLK und öffnet die Fahrertür.

„Steig aus! Ich fahre!“, kommandiert er seine Gisela. Gisela, klein und moppelig, steigt aus, wirkt etwas abgehetzt und antwortet: „Ja, Arno!“

Ich bleibe stehen, beobachte den Fahrerwechsel und habe ihn erkannt. Arno Schmidt, Schmidt mit d t, aus meinem Heimatort, dessen Mutter den Schreibwarenladen an der Ecke hatte. Toto, Lotto, Zeitschriften und Rauchwaren. Arno, der mit den braunen Augen und den O-Beinen, in den ich mal verknallt war, vor mehr als vierzig Jahren. Wir wurden nie ein Paar, weil Arno sechs Zentimeter kleiner war als ich. Damals dachte ich, ich würde daran zu Grunde gehen.

Mit einem Kavaliersstart braust der SLK vom Parkplatz. Ich blicke ihm lächelnd hinterher. Ich bin mir sicher, durch diese sechs Zentimeter ist mir einiges erspart geblieben, wohl auch ein Ferienhaus an der Nordseeküste. Ungeachtet dessen bin ich dem Schicksal dankbar.

Das Leben hält doch immer wieder Überraschungen bereit. Manchmal heißt die Überraschung Arno Schmidt, der gerne an die Nordsee fährt, im November.

Die Rallye

Es gibt Tage im Leben, die sollte man einfach wieder vergessen! Es war an einem Freitag, 16.00 Uhr, Feierabend. Der Feierabend an einem Freitag fühlt sich anders an, als an einem Mittwoch oder gar an einem Montag, einfach besser! Das Besondere an meinem Freitagfeierabend war für mich das anschließende Training im Sportverein. Immer wieder ein Highlight! So konnte die Woche ausklingen. Während des Trainings rückten Frust und Ärger der letzten Woche auf Abstand. Sportliche Aktivitäten setzen eben Glückshormone, die Endorphine, frei und beim anschließenden Glas Bier im Clubraum, mit ein paar netten Leuten, kam ich mal wieder zu der Erkenntnis: Das Leben ist schön! Da wusste ich allerdings noch nicht, was mir an diesem Abend und in der folgenden Nacht bevorstand: Die Rallye! In der Zeitung hatte ich davon gelesen, aber was ging mich das an? Damit hatte ich nichts am Hut. Autos waren für mich Transportmittel, um von A nach B zu kommen, und keine Sportgeräte. Aber bald schon musste ich feststellen, dass es Menschen gab, meist Männer, die das vollkommen anders sahen.

Gegen 20.00 Uhr machte ich mich mit meinem roten Auto von der Sporthalle auf den Heimweg. Seit einigen Jahren nannte ich ein kleines Bauernhaus am Ortsrand eines beschaulichen Dorfes mein Eigen. Dort, wo Fuchs und Hase sich „Gute Nacht sagen“, zwischen Wiesen und Feldern, war mein Zuhause. Von der Bundesstraße bog ich rechts ab, auf die Kreisstraße und hätte nach etwa drei Kilometern mein Dorf erreicht, wäre da nicht diese Straßensperre gewesen.

„Oh je“, dachte ich, „bestimmt ein schlimmer Unfall.“

Ich hielt an, stieg aus und ging auf die zwei Gestalten in den leuchtend orangefarbenen Warnwesten zu, die müde an der Absperrung lehnten und eine Zigarette rauchten.

„Was ist denn passiert?“, lautete meine Frage. „Wann kann ich denn hier weiterfahren?“

Einer der beiden Männer, ein Dicker mit saarländischem Dialekt, antwortete: „Ei, geh fott, heut net, da geht de Rallye!“

„Wie bitte? Ich muss doch irgendwie nach Hause kommen, ich wohne im nächsten Dorf!“

Da meldete sich der andere zu Wort, ein Blondschopf, dessen Haare mit Hilfe von mindestens einem Viertelpfund Haargel senkrecht in die Luft standen. Ich glaube, er hielt sich für unwiderstehlich.

„Aber hallo, junge Frau, die Rallye geht die ganze Nacht. Sie könnten aber gerne heute Nacht bei uns bleiben, wir würden uns dann ein bisschen nett unterhalten.“

„Vielen Dank, kein Bedarf! Jetzt sagen Sie mir doch bitte, welche Zufahrt zu meinem Dorf möglich ist. Man wird ja sicher nicht das ganze Dorf von der Außenwelt abgeriegelt haben.“

„Hm“, meinte der Dicke, „vielleischd iwwer de K zwoeverzisch, awwer do misse Se uff da Bundesstrooß surück in de Stadt fahre.“

Meine gute Feierabendlaune war dahin. Ich wendete mein Auto und fuhr zurück. Halt! Stopp! Da gab es doch noch den Schleichweg vom Nachbardorf aus, der führte direkt vor meine Haustür. Ich bog links ab, Richtung Nachbardorf und dann wieder links auf den Wirtschaftsweg und dann rechts auf den Waldweg, der nach etwa einem Kilometer bei meinem Haus endete.

Nach 300 m, mitten im Wald, ich traute meinen Augen kaum, eine Straßensperre! Ein kleiner Mann mit Glatze, in orangefarbener Warnweste, kam sofort angerannt und baute sich mit wedelnden Ärmchen vor meinem Auto auf. Da ich bereits mein Tempo verringert hatte, gelang es mir, unmittelbar vor diesem Bild von einem Mann, mein Auto zum Stehen zu bringen. Ich öffnete das Fenster.

„Ei Fräuleinche, so geht des aber nit. Hier is die Rallye! Hier geht’s net weider!“

Aha, ein Hesse, vermutlich ein Frankfurter. Ich stieg aus.

„Jetzt hören Sie mir mal zu, junger Mann! Wenn ich jetzt hier etwa einen Kilometer weiterfahre, dann bin ich direkt vor meiner Haustür. Also drücken Sie mal ein Auge zu und lassen mich jetzt hier durch!“

„Nee, nee, Fräuleinche, des geht net! Es sinn schon ein paar Waren uff de Rennstreck unnerwechs. Des is jetzt lewensgefährlisch! Sie dürfen hier net dursch!“, antwortete der hessische Streckenposten, richtete sich kerzengerade auf und wurde dadurch mindestens zweieinhalb Zentimeter größer.

In diesem Moment glitten zwei Lichtstrahle durch den Tannenwald. Für einen kurzen Augenblick wurden der kleine Hesse und ich vom Scheinwerferlicht eines heranbrausenden Autos erfasst. Dann schwenkten die Scheinwerferlichter nach rechts ab. Mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen verschwand das Auto in der Dunkelheit. Ich hatte ein Einsehen. Solange diese Irren unterwegs waren, fuhr ich besser keinen Meter weiter.

Nachdem meine Trommelfelle wieder einigermaßen funktionierten, wandte ich mich an den kleinen Hessen: „Können Sie mir denn wenigstens sagen, über welche Straße ich mein Dorf erreichen kann?“

„Da müsst isch mal jemand von der Rennleidung fraren. Wie heißt dann Ihr Dorf? Isch bin nämlisch net von hier!“

„Ich dachte es mir, man hört‘s.“

Der Streckenposten verschwand in der Dunkelheit und rief nach einem gewissen „Schorsch“. Kurz darauf erschien der „Schorsch“ mit einer Straßenkarte in der Hand.

„Joa mei, Madel, des is fei ganz schlecht!“, erklärte mir Schorsch, ein Bayer, und breitete seine Straßenkarte auf der Motorhaube meines Autos aus. Schorsch trug zwar keine Lederhosen, aber einen Vollbart. Ich zeigte Schorsch, wohin ich wollte und Schorsch zeigte mir, wo überall gesperrt war. Von den vier Möglichkeiten in mein Dorf zu gelangen waren drei hundertpro dicht. Ob die vierte Möglichkeit Erfolg versprach, würde vom Rennverlauf abhängen.

„Sixt Madel, un nu musst halt z’ruck!“