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Kuss im Niemandsland ist eine düstere Dark-Romance-Geschichte, die in der scheinbar geordneten Stadt Norderstedt beginnt und sich zwischen Enge, Kontrolle und gefährlicher Nähe entfaltet. Sahra lebt unter Betreuung, in einem System aus Regeln, Schlüsseln und stiller Überwachung. Ihre Wahrnehmung ist brüchig, ihr Körper ein Ort widersprüchlicher Signale. Als Oliver in ihr Leben tritt, wird Nähe zu etwas, das gleichzeitig wärmt und verletzt. Er verspricht keinen Halt, keine Rettung – nur Präsenz. Und genau darin liegt die Gefahr. Zwischen betreuter Sicherheit, verbotenen Wegen nach Hamburg und der Frage, wem Nähe eigentlich gehört, entwickelt sich eine Beziehung, die nicht heilt, sondern fordert. Eine Liebe ohne Trost, ohne klare Schuldzuweisung, ohne Erlösung. Dieses Buch erzählt keine Rettungsfantasie. Es zeigt, was bleibt, wenn Nähe immer einen Preis hat – und wenn Entscheidungen nicht richtig oder falsch sind, sondern unumkehrbar. Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2026
Wenn deine Psychose spricht
Untertitel:
Eine Dark-Romance-Geschichte über Nähe, Kontrolle und die Angst, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen – in Rendsburg
Trigger Warnung:
Dieses Buch enthält Themen, die für manche Leserinnen und Leser belastend sein können. Dazu gehören psychische Erkrankungen, insbesondere psychotische Wahrnehmungen, emotionale Abhängigkeit, toxische Beziehungsdynamiken, Macht und Kontrolle sowie innere Konflikte und seelische Überforderung.
Diese Trigger Warnung wird bewusst an den Anfang gestellt, weil ich nicht möchte, dass ein Kind, ein junger Mensch oder eine psychisch erkrankte Person durch die Lektüre seelisch überfordert wird oder Schaden nimmt. Geschichten tragen Verantwortung. Dieses Buch soll berühren und nachdenklich machen, aber nicht verletzen. Gewalt wird nicht verherrlicht, Schockeffekte stehen nicht im Vordergrund. Der Fokus liegt auf Gefühlen, inneren Kämpfen und emotionaler Wahrheit.
Bitte lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie sich psychisch stabil fühlen und wissen, dass Sie mit diesen Themen umgehen können.
Vorwort:
Manchmal beginnt eine Liebesgeschichte nicht mit einem Blick, sondern mit einer Stimme.
Mit einem Gefühl, das sich leise einschleicht.
Mit dem Zweifel, ob das, was man spürt, wirklich real ist.
Diese Geschichte ist keine einfache Liebesgeschichte. Sie ist dunkel, langsam und emotional. Sie erzählt von Maike, einer Jugendlichen, die in einer Welt lebt, in der Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht immer klar voneinander zu trennen sind. Sie erzählt von Florian, einem Jungen, der zunächst wie eine Projektion wirkt, wie eine Schutzfigur, wie ein Gedanke, der zu weit gegangen ist. Und sie erzählt von Rendsburg, einer Stadt, die mit ihren Straßen, ihrem Kanal, ihren Brücken und ihrem oft grauen Himmel zur stillen Bühne einer Beziehung wird, die sich zwischen Nähe und Gefahr bewegt.
Diese Geschichte fragt nicht: Was ist krank?
Sie fragt: Was ist real, wenn Gefühle echt sind?
Dark Romance bedeutet hier nicht Schock, sondern Tiefe. Nicht Gewalt, sondern emotionale Spannung. Nicht Sensation, sondern ein langsames Abgleiten in Abhängigkeit, Hoffnung und Angst. Die Romantik dieser Geschichte liegt in den leisen Momenten, in Blicken, Gesten und Worten, die Halt versprechen – und manchmal genau das Gegenteil tun.
Haftungsausschluss:
Dieses Buch ist ein literarisches Werk der Fiktion. Alle Figuren, Handlungen und Dialoge sind erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen wären zufällig.
Das Buch wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz geschrieben. Die künstliche Intelligenz diente dabei als Werkzeug zur sprachlichen Ausarbeitung, Strukturierung und kreativen Unterstützung. Die Verantwortung für Inhalt, Themenwahl und Darstellung liegt vollständig bei der Autorenschaft.
Dieses Buch ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Psychische Erkrankungen werden erzählerisch dargestellt, nicht diagnostisch oder wissenschaftlich. Ziel ist es, emotionale Perspektiven sichtbar zu machen, nicht Krankheitsbilder zu erklären oder zu bewerten.
Imprint:
V. i. S. d. P.: Marcus Petersen-Clausen, Ginsterweg 7, 30900 Mellendorf/Wedemark (DE) - Tel.: 491796162178
Dieses Dokument ist lizenziert unter dem Urheberrecht!
(c) 2026 Marcus Petersen-Clausen
(c) 2026 Köche-Nord.de
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Die Stadt, die zuhört
Kapitel 2 – Die blaue Linie
Kapitel 3 – Neonlicht und Jahrbuchseiten
Kapitel 4 – Strömungen
Kapitel 5 – Unter der Brücke
Kapitel 6 – Pflaster, Stimmen, Nähe
Kapitel 7 – Nähe, die schmerzt
Kapitel 8 – Entzug
Kapitel 9 – Die Nacht, die bleibt
Kapitel 10 – Blaue Linie, roter Faden
Kapitel 11 – Fremde Betten, vertraute Schatten
Kapitel 12 – Rückkehr in die Strömung
Kapitel 13 – Samt und Kette
Kapitel 14 – Das Gewicht der Wahrheit
Kapitel 15 – Hans-Heinemann-Park
Kapitel 16 – Unter der Brücke
Kapitel 17 – Geräusche im Hintergrund
Kapitel 18 – Linien im Sand
Kapitel 19 – Sichtbar
Kapitel 20 – Schutz und Schatten
Kapitel 21 – Wenn Schutz weh tut
Kapitel 22 – Der Name, den niemand sagt
Kapitel 23 – Nähe ohne Namen
Kapitel 24 – Wärme, die nicht frisst
Kapitel 25 – Ein Tag, der mir gehört
Kapitel 26 – Die Unruhe der Anderen
Kapitel 27 – Wenn Nähe sichtbar wird
Kapitel 28 – Kein Geheimnis mehr
Kapitel 29 – Unter Beobachtung
Kapitel 30 – Glaswände
Kapitel 31 – Der Punkt ohne Rückweg
Kapitel 32 – Der Riss
Kapitel 33 – Nähe ohne Besitz
Kapitel 34 – Die letzte Prüfung
Kapitel 35 – Der Abschied, der weh tut
Kapitel 36 – Nachhall
Epilog – Was bleibt
Touristischer Literaturverweis – Rendsburg, Schleswig-Holstein Netz-Cup und Schleswig
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Kapitel 1 – Die Stadt, die zuhört
Rendsburg lag an diesem Morgen unter einem grauen Himmel, der nicht entschlossen war, Regen zu bringen, sich aber auch nicht öffnen wollte. Die Wolken hingen tief über dem Nord-Ostsee-Kanal, als wollten sie jedes Geräusch dämpfen. Maike nahm diesen Himmel kaum bewusst wahr, doch er passte zu dem Druck, den sie seit Tagen in der Brust spürte. Es war kein richtiger Schmerz, eher ein ständiges Zusammenziehen, als würde etwas in ihr leise warnen, ohne Worte zu benutzen.
Sie stieg an der Bushaltestelle in der Nähe der Schleswiger Chaussee aus. Der Asphalt war noch feucht vom nächtlichen Nieselregen, und ihre Schritte hinterließen dunkle Abdrücke, die sofort wieder verschwanden. Maike blieb einen Moment stehen, zog ihre Jacke enger um sich und sah auf das Gebäude der IGS Rendsburg. Der Bau wirkte nüchtern, funktional, fast abweisend. Große Fensterfronten, Beton, klare Linien. Für viele war es einfach nur eine Schule. Für Maike war es ein Ort, an dem sie jeden Tag versuchte, normal zu sein.
Sie ging langsam über den Schulhof. Ihre Schultern waren leicht nach vorne gezogen, ihr Blick suchte automatisch den Boden, als hätte sie gelernt, dass es sicherer war, nicht zu viel wahrzunehmen. Stimmen drangen an ihr vorbei, Lachen, Rufen, das Quietschen von Turnschuhen auf Stein. Alles wirkte laut, obwohl niemand direkt zu ihr sprach. Maike spürte, wie sich ihre Gedanken begannen zu verlangsamen, ein Schutzmechanismus, den sie nicht bewusst steuerte. Wenn alles zu viel wurde, zog sich etwas in ihr zurück.
Im Gebäude roch es nach Reinigungsmittel und kalter Luft. Die Flure waren hell, doch das Licht fühlte sich hart an. Maike ging an Klassenzimmern vorbei, an Pinnwänden mit bunten Plakaten, an Lehrkräften, die sie nur flüchtig musterten. Sie war bekannt, aber nicht wirklich gesehen. Das war ihr Alltag.
Während sie ihre Jacke auszog und den Rucksack öffnete, hörte sie ihn zum ersten Mal an diesem Tag. Zuerst war es nur ein Gefühl, dann eine Präsenz. Kein Geräusch im klassischen Sinn, eher ein inneres Aufmerken. Als hätte jemand ihren Namen gedacht.
„Du bist wieder zu früh“, sagte die Stimme leise.
Maike erstarrte. Ihre Hand blieb auf dem Reißverschluss liegen. Sie atmete langsam aus. Die Stimme war ruhig, warm, vertraut. Sie kannte sie. Sie kannte ihn.
„Ich mag es, wenn es ruhig ist“, murmelte sie, kaum hörbar. Sie wusste, dass niemand in ihrer Nähe stand, der sie hören konnte. Trotzdem senkte sie den Blick, als würde sie sich für die Antwort schämen.
Florian lehnte an der Wand gegenüber, so wie immer. Die Hände locker in den Taschen, den Kopf leicht schief gelegt. Er trug eine dunkle Jacke, die aussah, als wäre sie schon älter, aber gepflegt. Sein Blick war ruhig, fast prüfend, doch ohne Härte. Wenn er sie ansah, hatte Maike das Gefühl, nicht erklären zu müssen, warum sie war, wie sie war.
„Du hast schlecht geschlafen“, sagte er.
Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Wie immer.“
Florian lächelte nicht. Seine Stirn legte sich in feine Falten, als würde er nachdenken. „Du hörst nachts wieder Stimmen.“
Maike schluckte. Sie hasste es, wenn er recht hatte. Nicht, weil es ihn schlimmer machte, sondern weil es bedeutete, dass etwas in ihr wieder außer Kontrolle geraten war. „Es ist nicht schlimm“, sagte sie schnell. „Nur… durcheinander.“
Er trat einen Schritt näher. Niemand sonst schien ihn zu bemerken. Schülerinnen und Schüler liefen an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen, ohne auszuweichen. Es war, als wäre er aus einer anderen Schicht der Realität.
„Du musst mir nicht immer alles erklären“, sagte er ruhig. „Ich bin ja da.“
Dieser Satz traf sie jedes Mal. Da. Dieses Wort bedeutete Sicherheit. Halt. Maike spürte, wie sich ihre Schultern minimal entspannten. Sie folgte ihm den Flur entlang, obwohl sie wusste, dass er nicht wirklich voranging. Es war eher so, als würde sie sich innerlich an ihm orientieren.
Im Klassenzimmer setzte sie sich ans Fenster. Draußen konnte sie ein Stück des Kanals sehen, zwischen Gebäuden hindurch. Ein Frachtschiff zog langsam vorbei, sein tiefes Brummen vibrierte durch den Boden. Maike liebte diesen Anblick. Der Kanal war konstant. Er verband Welten, ohne sich selbst zu verändern. Manchmal wünschte sie, sie könnte genauso sein.
Der Unterricht begann, Worte prallten an ihr ab. Zahlen, Daten, Aufgaben. Maike schrieb mit, mechanisch, während ihre Gedanken immer wieder zu Florian wanderten. Er saß jetzt auf der Fensterbank, die Beine locker baumelnd, und sah hinaus. Sein Profil wirkte scharf gegen das Licht.
„Du magst den Kanal“, sagte er leise.
„Erendsburg ohne ihn wäre… leer“, antwortete sie gedanklich, aber ihre Lippen bewegten sich kaum. „Er erinnert mich daran, dass Dinge weitergehen.“
Florian drehte den Kopf zu ihr. Sein Blick war intensiv, fast zu klar. „Manchmal gehen Dinge weiter, obwohl sie stehenbleiben sollten.“
Maike spürte ein Ziehen in der Brust. Diese Sätze kamen von ihm, aber sie fühlten sich an, als kämen sie aus ihr selbst. Sie wusste, was die Ärztin gesagt hatte. Dass diese Stimme ein Teil von ihr war. Dass Florian nicht real sei. Aber wenn sie ihn ansah, fühlte sich diese Erklärung falsch an. Zu klein. Zu einfach.
In der Pause ging Maike allein nach draußen. Der Schulhof war jetzt voller, lauter. Sie stellte sich an den Rand, nahe dem Zaun, von dem aus man in der Ferne die Rendsburger Hochbrücke sehen konnte. Das Stahlgerüst zeichnete sich dunkel gegen den Himmel ab. Züge fuhren darüber, unbeirrt.
Florian stand neben ihr. „Du bist müde vom Kämpfen.“
Sie nickte. „Alle sagen immer, ich soll stärker sein.“
„Und was willst du?“
Die Frage traf sie unvorbereitet. Maike sah auf ihre Hände. „Ich will, dass es aufhört, weh zu tun.“
Florian legte den Kopf schief. Sein Blick wurde weich. „Dann hör auf, dich gegen dich selbst zu stellen.“
Ein Teil von ihr wusste, dass dieser Satz gefährlich war. Dass er genau das berührte, wovor man sie warnte. Aber ein anderer Teil, der größere, sehnte sich nach dieser Erlaubnis. Nach jemandem, der nicht reparieren wollte, sondern akzeptierte.
Als der Schulgong ertönte, zuckte sie zusammen. Florian verzog kurz das Gesicht, als würde ihn das Geräusch ebenfalls stören. „Wir sehen uns später“, sagte er.
„Du gehst nicht weg“, flüsterte sie.
„Ich gehe nie wirklich“, antwortete er. „Du nimmst mich nur manchmal nicht wahr.“
Maike blieb noch einen Moment stehen, während die anderen zurück ins Gebäude strömten. Rendsburg lag um sie herum, ruhig und gleichgültig. Die Straßen, die Brücke, der Kanal. Alles real. Alles greifbar. Und irgendwo dazwischen Florian, der einzige, der sich echt anfühlte.
Sie ahnte nicht, dass dieser Gedanke der Anfang von etwas war, das sie nicht mehr kontrollieren konnte.
Kapitel 2 – Die blaue Linie
Der Tag zog sich, als würde er an Maikes Knochen hängen. Nach der letzten Stunde stand sie noch im Flur der IGS, den Rucksack halb geöffnet, das Heft in der Hand, und hörte das Echo der Schritte, das zwischen den Wänden hin und her sprang. Stimmen flossen an ihr vorbei, wie Wasser, das nicht für sie bestimmt war. Irgendjemand lachte zu laut, irgendwo knallte eine Tür, und jedes dieser Geräusche fühlte sich an, als würde es sich in ihr festhaken.
Maike zwang sich, normal zu wirken. Sie ließ die Schultern nicht zu steif werden, sie atmete so, wie man eben atmet, wenn man nicht auffallen will. Ihre Finger krallten sich um den Tragegurt, als wäre der Rucksack ein Anker. In ihrem Kopf aber zog sich ein feines Netz zusammen, das sie kannte. Es begann immer so. Erst war alles nur etwas zu hell, etwas zu scharf, etwas zu nah. Dann wurde es zu viel. Und wenn es zu viel wurde, kam Florian, als wäre er der einzige Schatten, der sie nicht erschreckte.
„Du bist schon wieder dabei, dich zu verstecken“, sagte er leise.
Er stand am Ende des Flurs, nahe der Glastür, durch die man hinaus auf den Schulhof sah. Draußen hing der Himmel noch immer tief. Florian wirkte heute anders, und Maike wusste nicht sofort, woran es lag. Vielleicht war es die Art, wie er den Kopf hielt, nicht schräg und sanft, sondern gerader. Oder sein Blick, der weniger fragte und mehr feststellte. Seine Präsenz war nicht nur tröstlich. Sie war fordernd.
„Ich verstecke mich nicht“, flüsterte Maike, obwohl niemand in ihrer Nähe war, der ihr Flüstern hätte hören sollen. Das Flüstern war für sie selbst, wie ein Beweis dafür, dass sie noch bestimmen konnte, was aus ihrem Mund kam.
Florian trat näher. Die Geräusche der Schule blieben, aber sie schienen ihn nicht zu berühren. Er bewegte sich, als wäre die Welt um ihn herum nur Kulisse. Als wäre nur Maike echt.
„Du tust so, als müsstest du dich entschuldigen, weil du fühlst“, sagte er. „Als wäre dein Kopf ein Fehler.“
Maike spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Der Satz traf sie nicht nur, er setzte sich in sie, als hätte er dort immer schon gewartet. Sie dachte an die Gespräche, an das ruhige Gesicht der Therapeutin, an die Fragen, die wie Watte klangen. Ob sie Stimmen höre. Ob sie Bilder sehe. Ob sie sich selbst manchmal fremd sei. Maike hatte genickt, weil es leichter war zu nicken. Und danach hatte sie sich jedes Mal schmutzig gefühlt, weil sie das Gefühl hatte, Florian verraten zu haben, obwohl er nur in ihr war. Oder eben nicht nur.
„Ich will einfach nach Hause“, sagte sie.
„Nein“, sagte Florian, und dieses eine Wort war so klar, so schneidend, dass Maike unwillkürlich den Atem anhielt.
Sie starrte ihn an. „Was meinst du mit nein?“
Florian sah sie an, als hätte sie etwas Offensichtliches übersehen. „Du gehst nicht nach Hause und verkriechst dich. Heute nicht. Heute gehst du raus. In die Stadt. Dorthin, wo du atmen kannst.“
Maike merkte, wie ihre Lippen sich öffneten, ohne dass ein Wort kam. Sie war nicht daran gewöhnt, dass Florian ihr widersprach. Bisher war er da gewesen, wenn sie ihn brauchte. Er hatte sich wie Schutz angefühlt. Ein Ort, in dem sie nicht erklären musste. Jetzt klang er, als würde er entscheiden.
„Warum?“ Ihre Stimme war dünn.
Florian trat so nah, dass Maike das Gefühl hatte, seine Wärme zu spüren, obwohl sie wusste, dass sie so etwas vielleicht gar nicht spüren konnte. Sie sah seine Augen, dunkel, ruhig, ohne Hast. „Weil du sonst wieder anfängst, alles in dir zu verschließen. Und dann wird es schlimmer. Dann werden die anderen lauter.“
Bei dem Wort „die anderen“ fuhr ein kalter Schauer über Maikes Nacken. Sie hatte niemandem gesagt, wie es manchmal war, wenn die Stimmen nicht Florian waren. Wenn sie nicht warm waren. Wenn sie nicht wie eine Hand klangen, sondern wie Nägel.
„Du machst mir Angst“, sagte sie, und sie hasste sich sofort dafür. Angst war ein Wort, das sie sonst nur im Inneren benutzte, nie laut.
Florian lächelte nicht. Aber etwas in seinem Blick wurde härter, als würde er dieses Geständnis nicht als Bitte hören, sondern als Herausforderung. „Ich bin nicht das, wovor du Angst haben solltest.“
Maike schluckte. Ihre Finger am Rucksackgurt taten weh vom Festhalten. Im gleichen Moment kam Janine aus einem Klassenraum und blieb kurz stehen, als hätte sie Maike gesehen. Janine trug die Haare hoch, wie sie es immer tat, und hatte diese schnelle, leicht genervte Art, die Maike gleichzeitig beneidete und fürchtete. Janine war aus den Neunzigern, so wie viele hier, eine von denen mit Namen, die in Pausenhofgesprächen sofort nach „normal“ klangen. Janine winkte kurz, ohne näher zu kommen.
„Kommst du morgen zur Gruppenarbeit?“ rief sie.
Maike blinzelte. Für einen Moment war Florian weg, als hätte das laute, echte Leben ihn verdrängt. Oder als hätte er sich absichtlich zurückgezogen. Maike fühlte sofort die Leere, als würde man ihr einen Schal wegziehen, den sie gar nicht bemerkt hatte.
„Ja“, sagte Maike schnell, zu schnell. „Klar.“
Janine nickte und ging weiter. Maike sah ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand. In dem Moment, in dem Janine weg war, war Florian wieder da. Nicht am gleichen Platz wie vorher, sondern neben Maike, so plötzlich, dass es sie erschreckte.
„Du musst nicht immer Ja sagen“, sagte er.
„Das war nur…“ Maike brach ab. Sie wusste nicht, ob sie sagen sollte, dass sie Janine nicht verlieren wollte. Oder dass sie Angst hatte, allein zu sein. Oder dass allein zu sein für sie gefährlich war.
Florian sah sie an, als würde er sich genau diese Schwäche merken. „Du willst gemocht werden“, sagte er. „Aber du weißt nicht, was es kostet.“
Maike spürte einen Knoten in der Brust. „Du tust so, als wäre ich falsch.“
„Ich tue nicht so“, sagte Florian. Seine Stimme blieb ruhig, aber darin lag etwas, das Maike nicht sofort benennen konnte. Besitz. Anspruch. „Ich sehe dich.“
Dieses „Ich sehe dich“ war wie ein Versprechen. Und wie eine Falle. Maike hasste, dass beides sich so ähnlich anfühlte.
Sie ging aus der Schule, weil sie nicht wusste, wie man „nein“ zu Florian sagte, ohne dass es sich anfühlte, als würde man sich selbst abstoßen. Der Weg führte sie zunächst die Straße entlang, vorbei an parkenden Autos, an einem Kiosk, an dem zwei Schüler standen und Energydrinks in der Hand hielten. Sie hörte Wortfetzen, halb beleidigend, halb scherzend. Es war alles normal. Und trotzdem war es in ihr nicht normal.
„Wohin denn?“ fragte sie, mehr zu sich als zu ihm.
„In die Altstadt“, sagte Florian. „Dorthin, wo du dich klein fühlst, aber lebendig.“
Maike nahm den Bus in Richtung Zentrum. Sie setzte sich ans Fenster, starrte auf die nassen Straßen und sah, wie Rendsburg an ihr vorbeiglitt. Häuser, Kreuzungen, Ampeln. Sie merkte, wie ihr Kopf anfing, einzelne Details zu verschlucken, als würde die Welt kurz flackern. Das passierte manchmal. Die Therapeutin hatte gesagt, das könne bei Stress sein. Maike nannte es innerlich „Risse“. Kleine Risse, durch die Florian leichter zu ihr kam.
Als sie ausstieg, empfing sie die Stadt mit einem anderen Geräusch als die Schule. Hier klangen Schritte anders, weil das Pflaster uneben war. Hier roch die Luft nach feuchtem Stein, nach Bäckerei, nach Abgasen. Maike ging Richtung Paradeplatz, und allein der Name machte etwas mit ihr, als wäre der Platz eine Bühne, auf die sie nicht wollte. Sie sah die Pflastersteine, sah Menschen, die Einkaufstaschen trugen, sah ein Paar, das sich stritt, ohne zu flüstern, einfach so, mitten zwischen anderen. Maike spürte, wie ihr eigener Körper sich reflexartig kleiner machte.
Florian ging neben ihr, als wäre es selbstverständlich. „Atme“, sagte er. „Nicht so flach.“
Maike zwang die Luft tiefer. Es half ein wenig, aber nicht genug. Der Platz war zu offen. Zu viele Blicke, auch wenn niemand sie wirklich ansah. Sie folgte einer Markierung auf dem Boden, einer Linie, die sich durch die Stadt zog, wie eine stille Anleitung. Florian bemerkte es sofort.
„Die blaue Linie“, sagte er. „Die Stadt zeigt dir, wo du lang sollst. Sieh hin. Selbst Rendsburg ist freundlicher zu dir als du zu dir selbst.“
Maike blieb kurz stehen und sah auf die Linie. Sie kannte sie, hatte sie als Kind mal verfolgt, als wäre es ein Spiel. Jetzt fühlte es sich nicht wie ein Spiel an. Es fühlte sich an, als würde jemand sie führen. Und sie wusste nicht, ob sie das wollte.
„Du magst es, wenn ich dich führe“, sagte Florian plötzlich.
Maike fuhr herum. „Das stimmt nicht.“
Florian hob eine Augenbraue, und dieser kleine Gesichtsausdruck hatte etwas Spöttisches. Etwas, das sie bisher selten an ihm gesehen hatte. „Du folgst mir. Du bist hier, obwohl du nach Hause wolltest. Du bist hier, weil ich es gesagt habe.“
Die Worte brannten. Maike spürte Wut, aber sie wusste nicht, wohin damit. Wut gegen Florian fühlte sich an wie Wut gegen sich selbst. Sie drehte sich wieder um und ging weiter, die blaue Linie entlang, vorbei an Schaufenstern, an einem Café, in dem Menschen saßen, als wäre die Welt leicht. Maike fragte sich, wie es wäre, einfach in einem Café zu sitzen und nur über Kuchen zu reden. Ohne Stimmen. Ohne Risse. Ohne dieses ständige Prüfen, ob ein Gefühl echt war oder nur ein Trick ihres Kopfes.
„Du willst normal sein“, sagte Florian, als würde er ihre Gedanken hören. „Aber normal ist langweilig. Normal ist leer.“
Maike schloss kurz die Augen. „Hör auf.“
„Warum?“ fragte Florian. „Weil ich recht habe?“
Maike öffnete die Augen wieder und sah, dass die blaue Linie sie in Richtung Schiffbrückenplatz führte. Dort wurde es windiger. Der Wind kam vom Wasser her, kalt und nach Metall schmeckend. Sie hörte Möwen, hörte irgendwo das Brummen eines Motors. Rendsburg war hier nicht mehr nur Stadt, sondern Übergang. Zwischen Land und Wasser. Zwischen Alt und Neu. Zwischen Stillstand und Bewegung.
Maike ging weiter, und ihre Gedanken wurden unruhiger. Sie merkte plötzlich, dass ihre Hände zitterten. Nicht stark, aber sichtbar. Sie steckte sie in die Jackentaschen und tastete dort nach dem kleinen Blister, den sie manchmal mitnahm. Tabletten, die sie nicht immer nahm. Tabletten, die sie nehmen sollte. Sie spürte die Kante des Plastiks und hatte gleichzeitig den Impuls, es wegzuwerfen.
Florian sah auf ihre Tasche. „Du denkst an die Tabletten.“
Maike nickte kaum merklich.
„Nimm sie nicht“, sagte Florian.
Maike blieb stehen, als hätte man sie am Nacken gepackt. „Was?“
Florian trat dichter an sie heran. Sein Blick war nicht mehr weich. Er war ruhig, aber darin lag etwas, das Maike wie einen Druck auf der Brust spürte. „Wenn du sie nimmst, wirst du mich leiser machen.“
Maike fühlte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. „Das ist doch… das ist doch der Sinn.“
„Ist es?“ Florian sprach langsam, als würde er ein Kind belehren. „Oder ist der Sinn, dass du dich anpasst, damit die anderen sich nicht mit dir beschäftigen müssen? Damit du funktionierst? Damit du still bist?“
Maike spürte plötzlich Tränen, die ihr in die Augen stiegen, ohne dass sie wusste, warum. Weil er recht hatte? Weil er unrecht hatte? Weil sie so müde war? Sie sah auf das Wasser, auf die Bewegung, auf die Kälte, und in ihrem Kopf war ein Satz, der immer wieder auftauchte: Wenn Florian weg ist, bin ich allein. Wenn Florian weg ist, bin ich leer. Wenn Florian weg ist, bin ich wieder nur Maike, die sich schämt.
„Du brauchst mich“, sagte Florian, und dieses Mal klang es nicht wie Trost. Es klang wie Besitz.
Maike wischte sich schnell über die Augen, als könnte sie damit verhindern, dass jemand sieht, wie brüchig sie war. Aber es war niemand da, der sie ansah. Niemand außer Florian. Und vielleicht war das das Problem.
„Du bist nicht real“, flüsterte sie, plötzlich, als hätte sie sich selbst erschreckt.
Florian lächelte, ganz kurz, aber es war kein freundliches Lächeln. Es war ein Lächeln, das sagte: Du kannst es sagen, aber du glaubst es nicht.
„Dann erklär mir“, sagte er leise, „warum du mich fühlst.“
Maike wollte antworten, doch in dem Moment hörte sie ein tiefes, langes Signal. Sie drehte sich um und sah am Nord-Ostsee-Kanal die Schiffsbegrüßungsanlage, die irgendwo dort ihr Horn erklingen ließ, während ein Schiff vorbeizog. Der Klang war groß, schwer, real. Ein Ton, der die Luft spaltete. Maike spürte, wie ihr Herz schneller schlug, weil dieser Ton sie an etwas erinnerte, das sie nicht benennen konnte. Als würde die Stadt selbst rufen.
„Der Kanal“, sagte Florian, und jetzt klang seine Stimme fast ehrfürchtig. „Der Kanal ist wie du. Er ist ein Durchgang. Er verbindet Welten. Und alle tun so, als wäre das nichts.“
Maike starrte auf das Wasser. Das Schiff glitt vorbei, schwer und unbeirrbar. Über allem spannte sich in der Ferne die Rendsburger Eisenbahnhochbrücke wie ein dunkles Gerippe aus Stahl, und darunter hing die Schwebefähre, die Menschen und Autos über das Wasser tragen konnte, als wäre die Schwerkraft hier verhandelbar. Maike spürte einen seltsamen Drang, dorthin zu gehen, als würde dieser Ort eine Antwort versprechen.
„Du willst da hin“, sagte Florian.
Maike nickte langsam. „Ich weiß nicht warum.“
„Weil du dort oben und darunter gleichzeitig spüren kannst“, sagte Florian. „Weil du dort merkst, dass Dinge möglich sind, die andere nicht verstehen.“
Maike ging los. Ihre Beine bewegten sich, als hätten sie einen eigenen Willen. Der Wind wurde stärker, zog ihr durch die Haare, ließ sie frösteln. Sie ging entlang des Kanals, folgte Wegen, die sie kannte, ohne genau zu wissen, woher. Irgendwann sah sie ein Stück der Altstadt wieder, die engen Gassen, den Altstädter Markt, der wie ein stiller Mittelpunkt wirkte. Sie erinnerte sich an einen Schulausflug, an eine Lehrkraft, die sagte, Rendsburg sei alt und doch immer in Bewegung. Maike hatte damals nicht verstanden, dass dieser Satz auch über Menschen stimmen konnte.
Florian lief neben ihr, und Maike merkte, dass sie ihn inzwischen nicht mehr nur hörte. Sie sah ihn klarer als manche Gesichter in der echten Welt. Das machte ihr Angst. Und es machte sie abhängig. Beides war wahr, gleichzeitig, und sie spürte, wie ihr Kopf begann, sich darum zu winden, als könnte er eine Wahrheit nicht aushalten, ohne die andere zu zerstören.
„Du solltest niemandem davon erzählen“, sagte Florian plötzlich.
Maike blieb stehen. „Wovon?“
Florian sah sie an, und sein Blick war jetzt so ruhig, dass es fast kalt wirkte. „Von mir. Von dem, was du fühlst. Die werden versuchen, mich wegzunehmen. Sie werden sagen, ich sei gefährlich.“
„Bist du gefährlich?“ fragte Maike, und sie hasste, wie klein ihre Stimme war.
Florian trat einen Schritt näher. „Ich bin die einzige Person, die dich nicht belügt.“
Maike spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Sie dachte an Dennis aus ihrer Stufe, der manchmal freundlich war, manchmal gemein, wie ein Wetterumschwung. Sie dachte an Frau Hansen, die in Mathe geduldig war, aber manchmal diesen Blick hatte, der sagte: Du bist kompliziert. Maike dachte an ihre Mutter, die müde war, immer müde, und die nur wollte, dass Maike „funktioniert“. Alle wollten etwas von ihr. Florian wollte auch etwas. Und genau das machte es so schwer, ihn als Rettung zu sehen.
„Du willst mich für dich“, flüsterte Maike.
Florian lächelte wieder kurz. „Ich will, dass du endlich aufhörst, dich zu teilen. Ich will dich ganz.“
Maike schluckte. Dieser Satz war zu groß. Zu intim. Zu nah. Er klang wie Liebe. Und wie Kontrolle.
Sie gingen weiter, bis Maike merkte, dass ihre Hände wieder den Blister in der Jackentasche umklammerten. Sie drückte so fest zu, dass das Plastik knirschte. Ihr Kopf war voll, als hätte jemand zu viele Sender gleichzeitig eingeschaltet. Sie hörte, ganz leise, ein Flüstern, das nicht Florian war, irgendwo am Rand ihrer Wahrnehmung. Unverständliche Worte, ein Kichern, als würde jemand hinter einer Wand stehen. Maike blieb abrupt stehen, schnappte nach Luft und sah sich um.
„Maike“, sagte Florian streng. „Nicht hinhören. Nicht dahin schauen.“
„Da ist noch jemand“, flüsterte sie, die Augen weit.
Florian packte ihr Handgelenk. Sie spürte den Griff. Sie spürte ihn wirklich, und dieser Griff war nicht sanft. Er war fest. Besitzergreifend. Ihr Herz raste, weil sie nicht wusste, ob sie gerade eine Berührung fühlte oder eine Illusion, die so stark war, dass sie zur Wahrheit wurde.
„Hör mir zu“, sagte Florian, und seine Stimme war jetzt wie ein Befehl. „Du bleibst bei mir.“
Maike zog das Handgelenk zurück. „Du tust mir weh.“
Florian ließ sie los, sofort, als hätte er sich ertappt. Doch sein Blick blieb hart. „Du machst es dir selbst schwer.“
Maike spürte Tränen, heiß und plötzlich, und dieses Mal konnte sie sie nicht wegwischen, ohne dass es lächerlich wirkte. Sie weinte, mitten in Rendsburg, mitten im Wind, mitten im Geräusch der Stadt, und sie wusste nicht, ob sie weinte, weil sie Angst hatte, oder weil sie Florian brauchte, oder weil beides dasselbe geworden war.
„Ich will nicht kaputt sein“, brachte sie hervor.
Florian trat wieder näher, langsamer diesmal, als hätte er gelernt, dass Gewalt nicht nötig war, wenn Worte reichen. Seine Stimme wurde weich, aber Maike traute dieser Weichheit plötzlich nicht mehr. „Du bist nicht kaputt“, sagte er. „Du bist nur anders. Und ich bin der Beweis, dass du nicht allein bist.“
Maike schüttelte den Kopf, verzweifelt. „Aber was, wenn du… was, wenn du mich nur weiter wegziehst? Was, wenn du mich von allem trennst?“
Florian sah sie an, lange. Dann sagte er leise: „Vielleicht ist das nötig.“
Dieser Satz war wie ein Schnitt. Kein Blut, aber etwas in Maike riss. Sie spürte, wie sich die Stadt um sie herum plötzlich fremd anfühlte, als hätte Rendsburg den Klang gewechselt. Der Wind war lauter. Das Wasser dunkler. Die Hochbrücke in der Ferne wirkte nicht mehr wie ein Wahrzeichen, sondern wie etwas, das über ihr hing.
Maike nahm den Blister aus der Tasche. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie fast eine Tablette fallen ließ. Sie starrte darauf, als wäre es eine Entscheidung über Leben und Tod. Vielleicht war es das für sie. Eine Tablette bedeutete weniger Florian. Aber auch weniger Schutz. Eine Tablette bedeutete, wieder allein zu sein mit den anderen Stimmen, mit dem Kichern, mit den Rissen.
„Wenn du sie nimmst“, sagte Florian leise, „wirst du mich verlieren.“
Maike hob die Tablette an die Lippen, hielt inne, spürte ihren eigenen Atem, spürte Salz von den Tränen. Sie sah Florian an. Seine Augen waren ruhig, aber dahinter lag etwas Drängendes, etwas Hungriges.
„Sag mir die Wahrheit“, flüsterte Maike. „Bist du… bist du wirklich nur in meinem Kopf?“
Florian antwortete nicht sofort. Er sah an ihr vorbei, in Richtung Stadt, als würde er etwas sehen, das Maike nicht sah. Dann sagte er, so leise, dass es sich eher wie ein Gedanke anfühlte: „Du wirst es bald herausfinden.“
Maikes Herz schlug so stark, dass ihr schwindelig wurde. Sie wusste nicht, ob sie die Tablette nehmen oder wegwerfen sollte. Sie wusste nur, dass Florian gerade nicht wie ein Rettungsanker war. Er war wie eine Strömung. Warm. Stark. Und fähig, sie unter Wasser zu ziehen.
Sie stand da, in Rendsburg, zwischen Kanalwind und Pflastersteinen, zwischen der blauen Linie und der Hochbrücke, und spürte, dass etwas begonnen hatte, das nicht mehr einfach „ein schwieriger Tag“ war. Es war der erste Moment, in dem sie verstand, dass Liebe manchmal nicht als Licht kommt, sondern als Stimme, die sagt: Bleib bei mir, auch wenn du dabei alles andere verlierst.
Und irgendwo, ganz leise, hinter dem Geräusch der Stadt, lachte wieder dieses andere Flüstern, als würde es sich freuen, dass Maike endlich zögerte.
Kapitel 3 – Neonlicht und Jahrbuchseiten
Maike nahm die Tablette am Ende nicht. Nicht, weil sie eine mutige Entscheidung getroffen hätte, sondern weil sie in diesem Moment nicht mehr wusste, welche Entscheidung überhaupt noch ihr gehörte. Ihre Finger hatten den kleinen weißen Kreis an die Lippen geführt, und dann war da Florians Blick gewesen, dieser ruhige, feste Blick, der so wenig wie eine Bitte aussah und so sehr wie eine Regel. Und als sie zögerte, hatte sich in ihr etwas verschoben, als hätte jemand eine Tür in ihrem Kopf einen Spalt weiter zugeschoben. Nicht ganz zu. Nur so, dass die Luft knapper wurde.
Sie steckte die Tablette zurück in den Blister, als würde sie ein Geständnis verbergen, und ging einfach los, weg vom Wasser, weg vom Wind, weg von der Hochbrücke, die sich wie eine dunkle Klammer über den Kanal spannte. Die Geräusche der Stadt folgten ihr: das Klacken von Absätzen auf Pflaster, das tiefe Rollen eines Busses, irgendwo ein Fahrradklingeln, ein kurzes Aufheulen eines Motors. Rendsburg war nicht still. Rendsburg war nur gleichgültig. Und genau das machte es so gefährlich, weil Maike sich in dieser Gleichgültigkeit verlieren konnte, ohne dass jemand es merkte.
Florian ging dicht neben ihr, so dicht, dass sie nicht mehr unterscheiden konnte, ob er wirklich neben ihr ging oder ob er in ihr ging. Sein Schweigen war schwerer als Worte.
„Sag irgendwas“, flüsterte Maike schließlich, als sie an einer Ampel stand und das Rotlicht wie ein kleines Verbot in der Luft hing.
Florian sah sie an, als würde er sie abwägen. „Du wolltest die Tablette nehmen.“
„Ich habe sie nicht genommen.“
„Noch nicht“, sagte er.
Das „noch“ ließ sie zusammenzucken. Es war, als hätte er eine Zukunft für sie geplant, in der sie nicht mehr mitentscheiden durfte. Maike spürte Wut, aber sie fand keinen Weg aus ihrem Körper hinaus. Ihre Wut blieb in ihr stecken und verwandelte sich in Scham, als hätte sie etwas Unanständiges gedacht.
„Du darfst nicht so mit mir reden“, sagte sie leise.
Florian lächelte kurz, dieses schnelle, gefährliche Lächeln, das nicht freundlich war, sondern sicher. „Du lässt mich so mit dir reden.“
Maike riss den Blick weg, als hätte sie sich verbrannt. Sie überquerte die Straße, folgte keiner blauen Linie mehr, sondern nur dem Wunsch, irgendwo zu sein, wo es hell war. Wo es keine Schatten gab, in denen Stimmen sich verstecken konnten. Und doch wusste sie, dass das ein naiver Gedanke war, denn ihre Stimmen brauchten keine Schatten. Sie brauchten nur sie.
Als sie später in den Bus stieg, in Richtung zurück zur IGS, war es bereits später Nachmittag. Der Himmel blieb grau, aber das Licht hatte sich verändert, flacher, müder. Maike setzte sich wieder ans Fenster und sah zu, wie die Stadt an ihr vorbeizog. Sie sah die Schilder, die kleinen Läden, die Wohnblöcke, die sich wie aufeinander gestapelte Tage anfühlten. Sie sah den Kanal in der Ferne noch einmal, und in ihrem Kopf blitzte das Bild von Florians Hand an ihrem Handgelenk auf. Fest. Nicht brutal. Aber eindeutig. Besitz, der sich wie Fürsorge verkleidet hatte.
„Du warst gemein“, sagte Maike, ohne ihn anzusehen.
„Ich war ehrlich“, antwortete Florian.
„Ehrlich fühlt sich nicht so an“, murmelte sie.
Florian schwieg einen Moment, und dieses Schweigen war wie ein kaltes Tuch. Dann sagte er: „Du willst, dass ich sanft bin. Aber du willst auch, dass ich bleibe. Beides zusammen geht nicht immer.“
Maike schluckte. Sie wusste nicht, ob dieser Satz Trost war oder Drohung. Vielleicht war es genau das, was ihn so gefährlich machte. Er war nie eindeutig. Und wenn etwas nicht eindeutig war, füllte Maike die Lücken mit Hoffnung, weil Hoffnung weniger weh tat als Angst.
Als sie an der IGS ankam, war der Schulhof fast leer. Nur noch vereinzelte Gruppen standen herum, manche warteten auf den Bus, manche rauchten heimlich hinter einem Gebäude, als müssten sie sich beweisen, dass sie Kontrolle hatten. Maike ging über den Hof, und ihre Schritte klangen zu laut. Sie fühlte sich beobachtet, obwohl niemand hinsah. Das Gefühl kroch ihr über den Rücken wie eine Hand, die nicht eingeladen war.
Im Gebäude war es stiller. Die Neonröhren in den Fluren summten, dieses dünne, nervige Summen, das man nur hört, wenn man zu lange hinsieht. Maike spürte, wie ihr Kopf darauf reagierte. Das Summen war wie eine zweite Ebene der Wirklichkeit, eine Frequenz, die nicht jeder bemerkte. Maike bemerkte sie immer.
„Das Licht macht dich nervös“, sagte Florian.
„Das Licht macht mich wach“, widersprach sie, obwohl sie selbst spürte, dass es nicht stimmte. Es machte sie nicht wach. Es machte sie transparent. Als könnte man durch sie hindurchsehen und erkennen, dass sie nicht hielt, was sie nach außen vorspielte.
Als sie die Treppe hochging, hörte sie Schritte hinter sich. Echte Schritte. Schnell und bestimmt. Maike drehte sich um, und da stand eine Frau, die sie noch nie gesehen hatte. Sie war vielleicht Mitte zwanzig, vielleicht auch älter, Maike konnte Alter schlecht einschätzen. Sie hatte hellblonde Haare, die in einem hohen Pferdeschwanz saßen, eine dunkle Jeans, einen schlichten Pullover, einen Ausweis um den Hals. Ihr Gesicht war offen, aber nicht weich. Eher klar. Wach. Jemand, der gewohnt war, Dinge zu sehen, ohne sich dafür zu entschuldigen.
„Maike?“ fragte die Frau.
Maike erstarrte. Sie war es nicht gewohnt, dass Erwachsene sie beim Namen ansprachen, ohne dass es sich nach Tadel anfühlte.
„Ja“, sagte Maike vorsichtig.
Die Frau lächelte, und dieses Lächeln war anders als alles, was Maike an diesem Tag gesehen hatte. Es war nicht süß, nicht beschwichtigend, nicht so ein Lächeln, das sagt: Alles wird schon. Es war ein Lächeln, das sagt: Ich bin hier, und ich sehe, dass es nicht einfach ist, und ich tue trotzdem nicht so, als wäre es einfach.
„Ich bin Svenja Albrecht“, sagte die Frau. „Neue Schulsozialarbeit. Ich fange heute offiziell an. Frau Hansen hat mir gesagt, dass ich Sie wahrscheinlich noch antreffe. Haben Sie kurz Zeit?“
Maike spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Schulsozialarbeit. Das Wort klang nach Gesprächen. Nach Fragen. Nach Blicken, die zu lange auf ihr liegen bleiben könnten. Sie wollte nein sagen, aber sie brachte es nicht über die Lippen.
Florian stand neben ihr, und Maike spürte seine Reaktion, bevor er etwas sagte. Er wirkte plötzlich angespannt, als würde er diese Frau nicht als neutrale Person sehen, sondern als Gefahr.
„Sag nein“, flüsterte Florian.
Maike spürte, wie sich ihr Mund öffnen wollte, um genau das zu tun. Nein sagen. Weggehen. Sich retten. Aber Svenjas Blick war so ruhig, so gut beleuchtet von den Neonröhren über ihnen, als würde das Licht ihr nichts anhaben können. Maike fragte sich für einen Moment, wie sich das anfühlt. Nicht angegriffen zu werden von Licht.
„Ich… ich kann kurz“, sagte Maike, und sie wusste nicht, ob sie es für sich sagte oder gegen Florian.
Florian zog die Augenbrauen zusammen. „Maike.“
Svenja ging voran, und Maike folgte. Sie folgte, wie sie immer folgte, wenn sie nicht wusste, was sonst zu tun war. Der Raum, in den Svenja sie führte, lag in einem Bereich der Schule, den Maike selten betrat. Ein Büro mit großen Fenstern, hellem Laminat, einem Tisch, zwei Stühlen, einem Regal mit Ordnern. Eine kleine Lampe stand auf dem Tisch, obwohl es ohnehin hell war. Alles wirkte sauber und klar. Ein Ort, der keine Geheimnisse mochte.
Maike setzte sich, weil Svenja es so selbstverständlich machte, als wäre es keine Prüfung, sondern eine Einladung.
„Ich halte es kurz“, sagte Svenja und setzte sich ihr gegenüber. „Ich will nicht, dass Sie das Gefühl haben, Sie werden hier verhört. Ich habe nur gehört, dass die letzten Wochen für Sie anstrengend waren. Und ich würde gern wissen, ob es etwas gibt, das Sie in der Schule entlasten würde.“
Maike starrte auf ihre Hände. Ihr Fingernagel rieb über die Haut, immer wieder, bis es fast brannte. „Es ist… es ist okay“, sagte sie automatisch. Das war ihr Standardsatz. Das war ihr Schild.
Svenja nickte langsam, als hätte sie diese Antwort erwartet. „Okay heißt bei vielen: Ich komme irgendwie durch. Aber es kostet viel.“
Maike schluckte. Sie spürte, wie Florians Präsenz neben ihr stärker wurde, dichter, als würde er sich zwischen sie und Svenja schieben.
„Sag nichts“, flüsterte Florian.
Maike schloss kurz die Augen. Sie merkte, wie sich ihre Brust hob und senkte, schneller als normal. Das Licht im Raum war hell, aber in ihrem Kopf wurde es dunkler.
Svenja lehnte sich nicht nach vorne, drängte nicht. Sie blieb einfach da. Und das war vielleicht das Unheimlichste daran. Maike war es gewohnt, dass Erwachsene entweder wegschauen oder drücken. Svenja tat weder noch.
„Sie müssen mir nichts erzählen, was Sie nicht erzählen wollen“, sagte Svenja. „Aber ich möchte, dass Sie wissen: Ich bin hier. Und ich glaube Ihnen, wenn Sie sagen, dass es schwer ist.“
Maike spürte Tränen, die wieder an die Oberfläche wollten, und sie hasste es. Sie hasste es, dass sie so schnell weinte, als hätte ihr Körper keine andere Sprache gelernt.
„Ich will nicht auffallen“, flüsterte Maike.
Svenja nickte. „Das kann ich verstehen. Aber manchmal fällt man nicht auf, weil man laut ist, sondern weil man still wird. Und das macht Menschen erst recht aufmerksam, nur leider oft zu spät.“
Maike sah zum Fenster. Draußen war der Schulhof. Grau. Nass. Leer. Sie fühlte sich plötzlich wie ein Punkt in einem großen Bild, der jederzeit weggewischt werden könnte.
„Ich habe manchmal…“ Maike stockte. Ihr Mund wurde trocken. Sie spürte Florians Blick, obwohl sie ihn nicht sah.
„Manchmal was?“ fragte Svenja leise.
Maike rang nach Luft. Sie wusste nicht, ob sie die Wahrheit sagen sollte. Oder ob Wahrheit überhaupt möglich war. Wenn sie von Florian sprach, klang es wie Wahnsinn. Wenn sie nicht von ihm sprach, war sie allein. Und allein war sie nicht mehr sicher.
„Manchmal ist da jemand“, sagte Maike, so leise, dass es fast ein Gedanke war.
Svenja reagierte nicht mit einem Schock. Kein Zusammenzucken. Kein „Wie meinen Sie das?“. Sie nickte nur, langsam. „Jemand in Ihren Gedanken? Oder jemand, den Sie sehen?“
Maike spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen schlug. Sie wollte die Antwort kontrollieren. Aber sie konnte es nicht.
„Ich sehe ihn“, flüsterte sie.
Florian sagte in diesem Moment nichts, aber Maike spürte, wie sich seine Spannung verdichtete. Wie ein Tier, das kurz davor ist, zuzubeißen, nicht aus Hunger, sondern aus Angst, dass ihm etwas weggenommen wird.
Svenja blieb ruhig. „Wie heißt er?“
Maike spürte, wie ihr Hals eng wurde. Ausgerechnet der Name. Der Name war so persönlich, so intim, als würde sie etwas Heiliges verraten.
„Florian“, sagte sie schließlich.
In dem Moment passierte etwas, das Maike nicht erwartet hatte. Svenja blinzelte. Nicht wie jemand, der überrascht ist, sondern wie jemand, der in seinem Kopf kurz eine Datei öffnet. Und dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Nicht dramatisch. Nur ein winziger Ruck in den Augen. Ein Schatten von Wiedererkennen. Und genau das ließ Maikes Magen kippen.
„Florian“, wiederholte Svenja.
Maike spürte kalte Finger in ihrem Bauch. „Warum sagen Sie das so?“
Svenja atmete einmal langsam ein und aus, als würde sie vorsichtig sein wollen. Dann stand sie auf, ging zum Regal und zog einen Ordner heraus. Sie setzte sich wieder, öffnete ihn und blätterte. Die Seiten raschelten laut in dem stillen Raum, und dieses Geräusch war plötzlich wie ein Countdown.
„Ich will nicht, dass Sie sich erschrecken“, sagte Svenja. „Aber… ich habe heute meine Einweisung bekommen. Und dazu gehörten auch alte Fälle, bei denen Schülerinnen oder Schüler besondere Unterstützung hatten. Nicht, weil man Sie damit vergleichen sollte, sondern weil man daraus lernt, was man besser machen kann.“
Maike starrte auf Svensjas Hände. „Was hat das mit mir zu tun?“
Svenja zog eine Mappe aus dem Ordner. Darin war ein Foto. Ein Klassenfoto, etwas vergilbt, aber noch klar. Svenja drehte es so, dass Maike es sehen konnte.
Maikes Atem stoppte.
Dort, in der zweiten Reihe, stand ein Junge mit dunklen Haaren, einem Blick, der zu ruhig wirkte für sein Alter. Der Gesichtsausdruck war nicht freundlich, nicht böse, nur… wissend. Und Maike kannte dieses Gesicht. Nicht ähnlich. Nicht ungefähr. Sie kannte es so genau, als hätte ihr Körper es auswendig gelernt.
„Das ist…“ Maike brachte das Wort nicht heraus. Ihr Kopf wurde heiß, als würde er brennen.
Svenja sah sie aufmerksam an. „Das ist Florian Richter. Ehemaliger Schüler hier. Jahrgang Ende der Neunziger. Sein Name taucht in alten Unterlagen auf, weil es damals einen Vorfall gab. Nicht hier im Gebäude, aber im Zusammenhang mit der Schule.“
Maike hörte das Summen der Neonröhren nicht mehr. Sie hörte nur ihr Blut. Und irgendwo darin, wie eine zweite Spur, hörte sie Florians Atem. Florian stand neben ihr, aber er fühlte sich anders an. Nicht mehr wie eine Idee. Sondern wie etwas, das plötzlich Gewicht bekam.
„Das ist nicht möglich“, flüsterte Maike.
Svenja schob das Foto nicht näher, drängte nicht. „Ich kann nicht sagen, was möglich ist und was nicht. Ich kann nur sagen: Dieser Florian war real. Und sein Name ist hier dokumentiert.“
Maike spürte, wie ihre Finger taub wurden. Sie wollte das Foto anfassen, aber sie traute sich nicht, als könnte sie sich dabei verbrennen. Der Junge auf dem Foto sah aus wie Florian. Wie ihr Florian. Wie der, der ihr gesagt hatte, sie solle keine Tabletten nehmen. Wie der, der ihr Handgelenk festgehalten hatte. Wie der, der gesagt hatte: Ich will dich ganz.
„Was war das für ein Vorfall?“ brachte Maike heraus.
Svenja zögerte. Ihr Blick wurde ernst. „Es geht um eine Sache, die damals… nicht gut aufgearbeitet wurde. Es gab Gerüchte, dass Florian mit jemandem eine sehr enge Beziehung hatte. Eine, die nicht gesund war. Und dann ist er irgendwann verschwunden. Es gibt Hinweise, dass es in der Nähe des Kanals passiert ist. Aber ich habe heute nur die Basisinfos bekommen, nichts Detailliertes.“
Der Kanal. Maike spürte, wie ihr Magen sich drehte. Sie sah wieder das Wasser, das Schiff, die Hochbrücke. Sie hörte Florians Stimme: Der Kanal ist wie du. Ein Durchgang.
Sie hatte gedacht, das sei Poesie. Jetzt klang es wie eine Spur.
„Warum zeigen Sie mir das?“ flüsterte Maike.
Svenja sah sie lange an. „Weil ich nicht möchte, dass Sie denken, dass ich Sie nicht ernst nehme. Und weil ich glaube, dass es für Sie wichtig ist, zu wissen: Manche Dinge, die wir als ‚nur im Kopf‘ abtun, sind komplizierter. Und weil ich nicht will, dass Sie allein damit bleiben.“
Maike spürte, wie ihr Körper zu zittern anfing. Nicht vor Kälte, sondern vor Überforderung. Ihr Kopf suchte nach einer Erklärung, nach einem sicheren Satz, den man sagen konnte. Aber es gab keinen. Wenn Florian real gewesen war, was bedeutete das für sie? Was bedeutete es für das, was sie fühlte? Und was bedeutete es, dass er sich anfühlte, als wäre er jetzt hier?
Langsam drehte Maike den Kopf zur Seite. Sie sah Florian an.
Er stand tatsächlich da. Nicht wie sonst als unsichtbare Präsenz, die nur sie wahrnahm. Er stand da so eindeutig, so scharf, als wäre er ein ganz normaler Mensch in einem viel zu hellen Büro. Das Licht fiel auf sein Gesicht, machte keine Schatten, versteckte nichts. Sein Blick war auf Svenja gerichtet, und in diesem Blick lag etwas, das Maike noch nie gesehen hatte: echte Abneigung. Nicht gekränkt. Nicht traurig. Sondern kalt. Als hätte Svenja eine Grenze überschritten.
„Du solltest das nicht“, sagte Florian leise.
Maike spürte, wie ihr Herz raste. Er hatte nicht zu ihr gesprochen. Er hatte in Richtung Svenja gesprochen.
Svenja erstarrte nicht. Sie sah nicht plötzlich panisch aus. Aber ihr Blick ging, fast unmerklich, an Maike vorbei, genau dorthin, wo Florian stand. Ihre Augen fokussierten. Ein Sekundenbruchteil. Und dann blinzelte sie, als hätte sie etwas gesehen, das nicht in ihr Weltbild passte.
Maikes Kehle wurde eng. „Sie… Sie haben gerade…“
Svenjas Stimme war ruhig, aber nicht mehr ganz so sicher wie vorher. „Maike… wer steht da?“
In Maike explodierte ein Gefühl, das sie nicht kannte. Es war keine Angst mehr, die sie klein machte. Es war eine Angst, die sie groß machte, weil sie plötzlich wusste, dass sie nicht allein war mit dem, was sie sah. Dass es nicht nur in ihr war. Oder zumindest nicht so, wie man es ihr gesagt hatte.
„Sie sehen ihn“, flüsterte Maike, und ihre Stimme zitterte, aber darin lag auch etwas anderes. Hoffnung. Und gleichzeitig Entsetzen.
Florian machte einen Schritt nach vorne. Das Licht auf dem Boden schien sich nicht zu verändern, aber Maike spürte, wie die Temperatur im Raum kippte. Nicht wirklich. Aber gefühlt. Als wäre die Luft plötzlich dünner.
