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Buch 1 in der Serie - Toronto Tales Eigentlich ist Detective Kurt O'Donnell daran gewöhnt, die Geheimnisse anderer Menschen zu ergründen. Doch als er herausfindet, dass sein bei einem Einsatz verunglückter Partner mit einem Mann zusammenlebte, ist er erschüttert. Da er trotzdem das Richtige tun möchte, bietet er dem trauernden Davy seine Unterstützung an. Davy über seinen Verlust hinwegzuhelfen, macht es Kurt leichter, seine eigenen Schuldgefühle zu verarbeiten, denn er fühlt sich für das mangelnde Vertrauen seines Partners verantwortlich. Zu Kurts Überraschung entwickelt sich aus der anfänglichen Verpflichtung bald die engste Freundschaft seines Lebens. Seine wachsende Zuneigung zu Davy verunsichert Kurt und lässt ihn schließlich seine Sexualität in Frage stellen, als plötzlich ein leidenschaftlicher Moment, für den eigentlich keiner der beiden Männer bereit ist, ihre Welt noch heftiger ins Wanken bringt. Für eine Beziehung mit Davy müsste Kurt sich outen, fürchtet jedoch um seine Arbeitsstelle und seine katholische Familie. Kann er das alles wirklich riskieren, um sich auf eine unsichere Zukunft mit einem noch trauernden Mann einzulassen?
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2015
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DREAMSPINNERPRESS
5032 Capital Circle SW, Suite 2, PMB# 279, Tallahassee, FL 32305-7886 USA
http://www.dreamspinnerpress.com/
Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Figuren, Plätze, und Vorfälle entstammen entweder der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Firmen, Ereignissen oder Schauplätzen sind vollkommen zufällig.
Küss Mich, Bulle
Urheberrecht der deutschen Ausgabe © 2015 Dreamspinner Press.
Originaltitel: Cop Out
Urheberrecht © 2011 KC Burn.
Übersetzt von Teresa Simons.
Umschlagillustration
© 2011 Reese Dante.
http://www.reesedante.com
Die Illustrationen auf dem Einband bzw. Titelseite werden nur für darstellerische Zwecke genutzt. Jede abgebildete Person ist ein Model.
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch ist ausschließlich für den Käufer lizensiert. Eine Vervielfältigung oder Weitergabe in jeder Form ist illegal und stellt eine Verletzung des Internationalen Copyright-Rechtes dar. Somit werden diese Tatbestände strafrechtlich verfolgt und bei Verurteilung mit Geld- und oder Haftstrafen geahndet. Dieses eBook kann nicht legal verliehen oder an andere weitergegeben werden. Kein Teil dieses Werkes darf ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages weder Dritten zugänglich gemacht noch reproduziert werden. Bezüglich einer entsprechenden Genehmigung und aller anderen Fragen wenden Sie sich an den Verlag Dreamspinner Press, 5032 Capital Cir. SW, Ste 2 PMB# 279, Tallahassee, FL 32305-7886, USA oder unter http://www.dreamspinnerpress.com.
Deutsche eBook Ausgabe. 978-1-61372-960-1
Deutsche Erstausgabe. Juni 2015
Original Erstausgabe. November 2011
Gedruckt in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Für die Freunde und Familienmitglieder, die mich bei der Verwirklichung dieses Manuskripts unterstützt haben, vor allem Chudney, Jax, Dottie und Alex. Ohne euch wäre es mir nie gelungen.
KURTKAUERTE hinter dem Auto und wartete auf Bens Zeichen. Wie kugelsicher war so ein Auto eigentlich? Vor dreißig Jahren waren sie eher wie kleine Panzer gebaut worden. Sein Vater besaß noch so eins und bezeichnete es als seine alte Landjacht. Heutzutage … tja, aus Titan bestanden sie nicht gerade.
Die Sonne brannte auf ihn herab und erhitzte sein Gesicht so sehr, dass Schweiß von seinem kurzen Haar in seinen Kragen tropfte. Sein marineblaues Hemd war bereits völlig durchnässt – kugelsichere Westen, so warm und schwer sie sich auch anfühlten, waren leider ein notwendiges Übel. Doch an diesem letzten Dienstag im Mai kam die Temperatur der eines Julitages nahe und er hasste Einsätze an sommerlichen, sonnigen Tagen wie die Pest. Das Licht machte es ihnen schwer, ungesehen zu bleiben, und konnte im entscheidenden Moment blenden.
Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Als verdeckter Ermittler hätte er sich wenigstens ein Stirnband umbinden können, um den Schweiß aufzufangen. Stattdessen hockte er hier, während um ihn herum die beißenden Gerüche des Teers des erhitzten Asphalts und der Fischabfälle des nicht weit entfernten Marktes miteinander konkurrierten. Hätten sie doch nur auf Verstärkung gewartet. Da er allerdings erst seit drei Jahren Detective war und Ben das Ganze schon viel länger machte, beugte er sich der größeren Erfahrung seines Partners. So wortkarg und zurückhaltend dieser auch sein konnte, war er doch ein engagierter und erfolgreicher Polizist, dem Kurt bedingungslos vertraute.
So, wie es sein sollte.
Endlich hatte Ben seine Position neben der Eingangstür des Gebäudes erreicht und gab ihm das Zeichen. Mit einem letzten Zupfen am Kragen seiner Weste schlich Kurt am Haus entlang auf den Hintereingang zu, wobei er sich möglichst dicht an der Wand hielt, um nicht von einem der Fenster aus gesehen zu werden.
Gustav, einer von Bens Informanten, hatte Ben mit einem Hinweis zu einem Verdächtigen kontaktiert, dem Ben augenblicklich hatte nachgehen wollen. Kurt vertraute darauf, dass Ben das Richtige tat, obwohl der Hinweis eigentlich nichts mit ihren aktuellen Fällen zu tun hatte. Doch Bens Kontakte waren überall und es konnte nicht schaden, den Drogenfahndern ein bisschen unter die Arme zu greifen.
Das vertraute Gefühl der Waffe in seiner Hand beruhigte ihn, während er auf den Fluchtversuch durch die Hintertür wartete, der üblicherweise folgte, wenn sich am Vordereingang ein Polizist bemerkbar machte. Er richtete sich etwas auf, um einen Blick durch das schmutzige Fenster zu werfen. Niemand war zu sehen. Nichts bewegte sich. Es gab keinen Hinweis darauf, dass der Raum in letzter Zeit benutzt worden war. Tisch und Stühle waren von einer Staubschicht bedeckt.
Bens lautstarke Aufforderung, hereingelassen zu werden, lenkte Kurts Aufmerksamkeit wieder auf den Hintereingang. Er hörte noch, wie Ben mit lautem Krachen die Vordertür eintrat, bevor das Gebäude plötzlich explodierte und ihn durch die Luft schleuderte.
DASLICHT ließ seine Augen schmerzen, obwohl diese fest geschlossen waren. Am liebsten hätte er auch seine Ohren verschlossen, um diesem höllischen Gepiepe zu entkommen.
„Sind Sie wach?“, verlangte eine durchdringende Frauenstimme zu wissen.
Er zuckte zusammen.
„Kommen Sie, Zeit zum Aufwachen.“
Es war ein gleichmäßiges und rhythmisches Piepen … wie das eines Herzmonitors. Genau. Der Geruch von Desinfektionsmittel hätte ihn gleich darauf bringen sollen: Er befand sich in einem Krankenhaus. Der Monitor musste jemanden darauf aufmerksam gemacht haben, dass er bei Bewusstsein war.
„Was ist passiert?“ Gott. Das klang kein bisschen nach ihm. Es klang nach jemandem, der einen Haufen Kies gefrühstückt hatte. Und es tat verdammt weh.
„Können Sie die Augen aufmachen, Detective O’Donnell?“
Auf keinen Fall. „Zu hell“, brachte er hervor. In seinen Schläfen breitete sich ein pochender Schmerz im Rhythmus seines Herzschlags aus. Andere Körperteile schienen mit einstimmen zu wollen, worauf er sich nicht gerade freute. Wenigstens bedeutete es, dass er nicht tot war.
Das Licht nahm ab, woraufhin Kurt es wagte, seine Augen einen Spalt weit zu öffnen. Eine Schwester mit – seine Augen hatten Mühe, sich darauf einzustellen – Teddybären auf ihrem Kittel schaute auf ihn herunter, während sie mit dem lautesten Stift der Welt etwas auf ihrem Klemmbrett notierte.
„Durst.“
Trotz ihrer Stimme, die vermutlich Glas zum Zerspringen bringen konnte, lächelte sie ihm freundlich zu. „Ich weiß. Aber ich kann Ihnen nichts geben, bevor Sie von einem Arzt untersucht wurden.“
Nachdem sie ihm sanft die Schulter getätschelt hatte, verließ sie mit quietschenden Gummisohlen, die ihn erneut zusammenzucken ließen, den Raum.
Was zum Teufel war nur passiert?
Auf der Suche nach Verletzungen bewegte er nacheinander vorsichtig alle Körperteile. Nichts protestierte so schmerzhaft wie sein Kopf, auch wenn mit seinem linken Arm und Bein etwas nicht zu stimmen schien. Er schaute sich im Zimmer um, konnte aber nirgendwo etwas entdecken, das ihm Datum oder Uhrzeit verriet. Er erinnerte sich noch daran, wie er mit Ben ins Auto gestiegen war, nachdem dieser einen Hinweis von seinem Informanten erhalten hatte. Waren sie danach in einen Unfall verwickelt worden? Oder hatte man ihn angeschossen? Darüber nachzudenken löste in Kurts Kopf einen stechenden Schmerz aus. Seufzend gab er es auf und entspannte sich stattdessen so gut es ging auf der Granitplatte, die ihm das Krankenhaus als Bett zur Verfügung gestellt hatte.
Auch wenn er sich am liebsten den Tropf abgerissen hätte und aus dem Zimmer gestürzt wäre, um eine Erklärung zu verlangen, fürchtete er sich davor, seine Schmerzen noch zu vergrößern. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nie so schlecht gefühlt – er wollte nicht wissen, wie viel schlimmer es noch werden könnte.
Die unüberhörbar laut protestierenden Stimmen eines irischen Paares, die ihm plötzlich aus dem Flur entgegenschallten, beruhigten ihn. Sollte es seinen Eltern nicht gelingen, die Ärzte davon zu überzeugen, sich bald um ihn zu kümmern, musste er nur auf den Einmarsch seiner Brüder und Schwestern warten. Dann würde das Krankenhauspersonal einfach alles tun, um die lärmende Brut schnellstmöglich loszuwerden.
„Mein Junge ist da drin!“
Oh. Sie kamen näher. Kurt konnte nur hoffen, dass man seine Mutter entweder beruhigen oder zu ihm lassen würde. Sie schien nämlich gerade erst richtig in Fahrt zu kommen und ihre Stimme gab ihm das Gefühl, jemand würde auf seinem Gehirn Stepp tanzen.
„Mrs. O’Donnell, Mr. O’Donnell, die Frau Doktor ist bereits auf dem Weg, versprochen. Bitte kommen Sie doch mit in den Wartebereich, es wird nicht mehr lange dauern.“
Die eindringliche Stimme gehörte seinem Vorgesetzten. Was machte der hier? Bedeutete es, dass er wirklich während eines Einsatzes verletzt worden war? Warum konnte er sich nicht erinnern? Und wo zum Teufel war Ben?
Kurt hob seine rechte Hand an die Stirn und massierte sie vorsichtig. Gott, er brauchte ein Schmerzmittel. Eine Enthauptung würde vielleicht auch helfen.
„Detective O’Donnell.“ Eine zierliche Frau in einem weißen Kittel betrat das Zimmer. „Ich bin Doktor Sarwa. Wie geht es Ihrem Kopf?“
„Er tut weh.“ Seine Stimme war auch jetzt nur ein Krächzen. „Was ist passiert?“
„Einen Moment. Ist Ihnen übel?“
„Nein, eigentlich nicht.“ Das stimmte, auch wenn ihm nicht unbedingt nach Essen zumute war.
Dr. Sarwa nickte knapp und machte sich ein paar Notizen auf ihrem Klemmbrett, bevor sie es ablegte und auf Kurts linker Seite die Decke zurückschlug. Obwohl es seine schmerzenden Augen anstrengte, schaute Kurt hinunter. Beinahe der ganze Arm war mit einem dicken Verband umwickelt. Hatte er sich ihn gebrochen?
Als die Ärztin den Verband löste, kam eine schwarze Naht zum Vorschein, die von der Mitte seines Bizeps bis zu seinem Handgelenk eine lange, gezackte Schnittwunde verschlossen hielt.
„Sie hatten Glück, Detective O’Donnell“, murmelte Dr. Sarwa und betastete sanft den … Schnitt konnte man es eigentlich nicht nennen. Das klang viel zu sehr nach etwas Beabsichtigtem und kein anständiger Chirurg würde eine so ungenaue, zerklüftete Wunde verursachen. „Sie haben keine gebrochenen Knochen.“
Das nannte sie Glück? Jetzt, wo er seinen verletzten Arm gesehen hatte, begann dieser so heftig zu pochen wie sein Kopf.
Kurt holte tief Luft. Seine Kehle war so ausgetrocknet, dass er so wenig sprechen wollte wie möglich. „Bein?“
Sie schnaubte. „Nur ein verstauchtes Knie. Absolut nichts Ernstes.“
„Durst.“
„Ich sage es gleich der Schwester. Sie kann Ihnen etwas Saft bringen.“ Sie befestigte den Verband wieder an seinem Arm. „Sieht gut aus. Also, die Kurzfassung: Sie haben sich den Kopf gestoßen und ein Schrapnellsplitter hat Ihren Arm aufgerissen.“
Kurt musste lachen, unterdrückte es aber gleich wieder, da es die Stepptänzer in seinem Gehirn zu einer Steeldrum-Band mutieren ließ. „Expertenmeinung?“
Dr. Sarwa lächelte leicht. „Ich könnte jetzt mit Fachbegriffen um mich werfen, aber das heben wir uns vielleicht lieber auf, bis Sie sich nicht mehr so benommen fühlen. Die Schnittwunde war gefährlich und wir mussten sie sofort behandeln, sonst wären Sie verblutet, aber es hätte viel schlimmer sein können. Ich sehe später noch mal nach Ihnen.“
Vielleicht war er kurz eingenickt, denn schon bald tauchte eine Schwester mit einem Becher Saft neben seinem Bett auf, dicht gefolgt von seinen Eltern.
„Schatz, oh, Schatz!“ Seine Mutter stürzte auf die Bettseite gegenüber der Schwester zu. Kurt war allerdings gerade eher an dem sich nähernden Strohhalm interessiert, aus dem ein frischer, durchdringender Apfelduft drang. Er ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Seine Mutter griff nach seiner Hand und drückte sie kräftig. Tränen tropften auf seinen Handrücken. Er hatte sich nicht zum ersten Mal … verletzt. Mit sechs älteren Geschwistern hatten sich Prellungen und lädierte Knochen nicht vermeiden lassen. Aber jetzt hatte es ihn zum ersten Mal bei einem Einsatz erwischt. Er konnte sich zwar nicht daran erinnern, aber wo sonst sollte er sich eine solche Wunde zugezogen haben?
Nachdem er seinen Durst zumindest etwas abgeschwächt hatte, wandte er sich seiner Mutter zu. Die Schwester verließ das Zimmer, sodass sein Vater ihren Platz an der anderen Seite des Bettes einnehmen konnte.
„Kurt, Schatz …“
„Mom, es geht mir gut.“
„Das tut es nicht!“
Kurt verzog das Gesicht, woraufhin sein Vater leise sagte: „Deirdre, nicht so laut. Denk daran, was die Ärztin gesagt hat.“
„Aber es geht ihm nun mal nicht gut, Sean.“ Sie beugte sich vor und küsste ihm die Wange. „Tut mir leid, Schatz.“
„Wie fühlst du dich, Sohn?“ Die Hand seines Vaters schwebte kurz über seinem verbundenen Arm und legte sich schließlich auf seine Schulter.
„Ein bisschen mitgenommen.“ Aber jetzt, wo er etwas wacher war, hätte er nichts dagegen gehabt, sich auf den Heimweg zu machen. Seit er seine Ursache kannte, hatte der Schmerz langsam nachgelassen. „Dad, was ist passiert?“
Seine Eltern tauschten einen Blick aus und seine Mutter begann zu weinen.
„Was ist los?“ Den beiden fehlten eigentlich niemals die Worte.
„Schatz, du hättest sterben können.“ Seiner Mutter versagte die Stimme.
Der Geräuschpegel vor seinem Zimmer stieg plötzlich an, was bedeuten musste, dass der Rest seiner Familie eingetroffen war. Verdammt, das hier war nicht schlimmer als die Sache mit dem verrotteten Baum im Garten, auf den er wegen einer Wette mit Ian geklettert war. Damals hatte er sich einen Arm und ein Bein gebrochen. Diesmal waren es nur ein unschöner Schnitt, eine Beule und ein verstauchtes Knie. Kein Grund für so ein Theater. Und trotzdem behandelten sie ihn gerade wie einen kleinen Jungen, trotz seiner einunddreißig Jahre. Warum hatte er bloß das letzte Kind seiner Eltern sein müssen?
Die Tür öffnete sich, doch anstelle seiner Geschwister trat sein Chef ein.
„Sir?“ Plötzlich stieg Übelkeit in ihm auf und das Pochen in seinem Kopf wurde heftiger.
„O’Donnell, es ist schön, Sie wieder wach zu sehen. Leider habe ich schlechte Nachrichten.“ Als wäre das nicht schon an seinem düsteren Gesichtsausdruck abzulesen gewesen.
„Was, Sir?“ Seine Mutter hielt seine Hand noch fester, während sich sein Vater abwandte, um aus dem Fenster zu sehen.
„Erinnern Sie sich noch daran, wie es zu der Explosion kam?“
Explosion? Das erklärte den Schrapnellsplitter. Aber nichts anderes. „Ich erinnere mich an keine Explosion. Nur daran, dass Gustav Informationen für Ben hatte und wir in sein Auto gestiegen sind. Ist das Auto explodiert?“ Und warum war Ben nicht hier, um es ihm selbst zu erzählen? Die Übelkeit hatte sich in einen heftigen, brennenden Schmerz in seinem Magen verwandelt.
„Das Gebäude, zu dem Sie der Informant geschickt hat, war mit einer Sprengfalle versehen. Wir sind fast sicher, dass ein Mann dahintersteckt, den Ben in seiner Zeit als Drogenfahnder verhaftet hat – er nennt sich Novi, der russische Bär. Vor ein paar Monaten ist er auf Bewährung freigekommen.“
Novi. Kurt erinnerte sich an Geschichten über ihn – unter anderem war er Drogenschmuggler und Dealer. Doch Inspector Nadars Gesicht zeigte ihm, dass er noch mehr zu sagen hatte.
„Es tut mir leid, Kurt. Ben hat es nicht geschafft.“
Nicht geschafft? Kurt keuchte. Bruchstückhafte Erinnerungen voller Hitze und Lärm stürzten auf ihn ein.
„Liebling, es tut mir so leid“, flüsterte seine Mutter. Seine Eltern hatten Ben ein paar Mal getroffen. Obwohl er ein Einzelgänger gewesen war und Kurt selbst nach drei Jahren nicht viel über sein Privatleben gewusst hatte, war Ben sein Partner gewesen. Sie hatten gut zusammengearbeitet und Kurt hatte ihn als Freund betrachtet. Die fast fünfzehn Jahre Altersunterschied hatten dabei keine Rolle gespielt.
Als ihm Tränen in die Augen stiegen, löste er den Blick von Inspector Nadar und wandte sich seiner Mutter zu, die ein Taschentuch hervorholte und damit sein feuchtes Gesicht betupfte.
Schließlich holte er tief Luft und sah wieder seinen Vorgesetzten an. „Wie lange schon? Weiß seine Familie Bescheid?“ Soweit er wusste, war da nur Bens Mutter. Er wollte helfen. Es war seine Aufgabe.
„Die habe ich benachrichtigt, während Sie noch behandelt wurden. Es ist noch nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich findet die Beerdigung Samstag statt. Wenn Sie dabei sein wollen, sollten Sie sich aufs Gesundwerden konzentrieren.“
„Ja, Sir.“ Er würde auf jeden Fall hingehen, zur Not mit Tropf. Und danach würde er sich um den russischen Bären kümmern.
„Auf Wiedersehen, Mr. und Mrs. O’Donnell.“ Inspector Nadar nickte energisch, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte und das Zimmer verließ.
„Genau, Schatz: Werd erst einmal wieder gesund. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich dich verloren hätte.“
Bald strömten seine Brüder und Schwestern in den Raum, voller Mitgefühl, aber froh, dass ihm nichts Schlimmeres zugestoßen war. Alle umarmten ihn vorsichtig, da seine Familie nicht lange ohne Küsse und Umarmungen auskam. Irgendwer von ihnen musste das Krankenhauspersonal eingeschüchtert haben, denn Kurt bezweifelte, dass andere Patienten ebenfalls acht Besucher gleichzeitig empfangen durften. Er wusste seine Familie wirklich zu schätzen und hoffte, dass Bens Mutter ebenfalls jemanden hatte, der ihr beistand, wenn sie an einem ihrer guten Tage begriff, was passiert war.
„Mom, ich möchte nach Hause.“
„Ich weiß, Schatz. Die Ärzte wollen dich noch einen Tag hierbehalten und dann nehmen dein Vater und ich dich mit zu uns. Wir sind hergekommen, so schnell wir konnten, aber Erin hat schon das Gästezimmer für dich vorbereitet. Wir kümmern uns um dich.“
Er würde sich später bei seiner Schwester bedanken. Auch wenn es albern war, dass er sich in seinem Alter von seiner Mutter umsorgen lassen wollte, brachte ihn der Gedanke an seine eigene trostlose Wohnung beinahe wieder zum Weinen. Er hatte keine Freundin. Noch nicht einmal eine Frau, mit der er sich regelmäßig traf. Aber er hatte seine große, liebevolle Familie.
DIEKAPELLE war klein, doch nach dem Weg vom Taxi dorthin begann sein Bein bereits zu protestieren. Da es Ben nicht kümmern würde, wo er saß, ließ er sich in der hintersten Reihe nieder. Es wäre ihm ohnehin unangenehm gewesen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, da er überlebt hatte und Ben nicht.
Er hätte seine Eltern mitkommen lassen sollen. Aus irgendeinem Grund hatte er das hier allein tun wollen. Dämlich. Der Stock stützte ihn etwas zu wenig, weil er den falschen Arm benutzen musste. Er suchte unter den Anwesenden nach Mrs. Kaminski, denn er musste ihr wenigstens sein Beileid aussprechen. Die meisten Kirchenbänke waren mit Personen in Ausgehuniform gefüllt – wenige Zivilisten.
Der Pfarrer erschien und eröffnete mit angemessen ernster Miene die Trauerfeier. Es gab keinen Sarg, wie es bei Oma O’Donnells Beerdigung der Fall gewesen war – die einzige andere ihm nahestehende Person, die in seinem Leben gestorben war. Kurt hoffte, dass man sich nur aus persönlichem Geschmack gegen einen Sarg entschieden hatte und nicht aus Notwendigkeit. Seine Verletzungen hatten ihn so erschöpft, dass er nicht auf den Gedanken gekommen war, sich nach Einzelheiten zu erkundigen. Der Gottesdienst begann, doch Kurt konnte sich nur schwer darauf konzentrieren – die Worte eines Pfarrers konnten ihn nicht trösten. Nicht jetzt.
Stattdessen zogen vor seinem inneren Auge die gemeinsam im Polizeiwagen verbrachten Stunden vorbei. Trotz der Verschwiegenheit in Bezug auf sein Privatleben hatte Ben ihm sein über Jahre gesammeltes berufliches Wissen vermittelt, und Kurt, neu in der Rolle des Detectives, hatte es geradezu aufgesogen und sich mit Bens Hilfe Tag für Tag verbessert.
In der ersten Reihe, sehr weit am rechten Rand, saßen zwei nicht uniformierte Personen. Der Rest der Bank war frei, reserviert für die Familie, die entweder nicht existierte oder einfach nicht erschienen war. Von seinem Platz aus konnte Kurt nur das Profil der Frau sehen, die in Bens Alter zu sein schien. Also nicht Mrs. Kaminski. Wer war sie dann? Die fremde Frau hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Ben, weshalb er sich nicht vorstellen konnte, dass es sich um eine Verwandte handelte – trotz ihres Platzes auf der Familienbank.
Während er sie so ansah, betupfte sie ihre Augen mit einem Taschentuch und bot dem Mann neben sich ebenfalls eins an. Er nahm es, hielt es allerdings nur in der Faust, ohne es zu benutzen. Als sich die Frau etwas bewegte, konnte Kurt sein Gesicht sehen, das ihm jedoch so unbekannt war wie ihres.
Schließlich erhoben sich die Anwesenden für ein Kirchenlied und versperrten ihm die Sicht. Er wollte sein Bein durch das ständige Aufstehen und Hinsetzen nicht noch stärker belasten und hatte dabei sogar den Segen seiner Mutter. Sie hatte ihm eingeschärft, seine Verletzungen nicht wieder zu verschlimmern.
Als der Inspector aufstand, um die Trauerrede zu halten, verspürte Kurt einen reuevollen Stich. Wenn die Rede nicht von einem von Bens Freunden gehalten wurde, der nichts mit der Polizei zu tun hatte, hätte Kurt es tun sollen. Doch Scham hatte ihn dazu gebracht, das Angebot seines Vorgesetzten anzunehmen, und Scham brachte ihn jetzt dazu, unruhig auf der Bank herumzurutschen und seine Tränen zu unterdrücken, um nicht seine Uniform zu entehren, während er der Rede lauschte. Nadar hatte bei Weitem nicht so viel Zeit mit Ben verbracht wie Kurt, was man seinen Worten deutlich anmerkte. Kurt betrachtete die beiden Fremden in der ersten Reihe und wartete darauf, dass einer von ihnen aufstehen würde, um ebenfalls ein paar Worte zu sagen. Doch sie rührten sich nicht, wenn man davon absah, dass die Frau sich erneut die Tränen wegwischte.
Verdammt. Konnte er wirklich so lange mit Ben zusammengearbeitet haben, ohne zu wissen, dass dieser eine Freundin hatte? Theoretisch hätte sie eine Verwandte sein können, aber Ben hatte niemals ein Familienmitglied außer seiner Mutter erwähnt. Die Frau hob die Hand, um sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht zu wischen und Kurt sah etwas, das er schon viel eher hätte bemerken sollen: einen Ehering.
Wie zum Teufel konnte das sein?
Warum hatte Ben ihm nichts gesagt? Zugegeben, Kurt hatte vielleicht mehr über sich selbst erzählt, als Ben lieb gewesen war, hatte dabei jedoch auch immer Interesse an Ben gezeigt. Doch dieser war fast jeder Frage über sein Privatleben ausgewichen. Kurt hatte ihn als Freund betrachtet, ohne zu wissen, dass Ben offenbar verheiratet gewesen war, und ohne die Frau zu erkennen, die er in ihren drei Jahren als Partner doch wenigstens hätte kennenlernen sollen. Verdammt, die meisten Polizisten in seinem Umfeld trafen sich auch in ihrer Freizeit mit ihren Kollegen, oft sogar gemeinsam mit ihren Frauen. Ben und er hatten vielleicht nicht viel mehr zusammen unternommen, als in der Mittagspause zusammen zu essen, aber Ben hatte sowohl seine Eltern als auch alle seine Geschwister mindestens einmal getroffen, wenn diese beim Revier vorbeigeschaut hatten.
Ein stechender Schmerz breitete sich in seinem Arm aus. Ein Blick nach unten verriet Kurt, dass er den Stock, der quer über seinem Schoß lag, krampfhaft mit beiden Händen umklammerte. Seiner rechten machte das nichts aus, aber für die frischen Nähte in seinem linken Arm war das eindeutig zu viel. Mit einem tiefen Atemzug ließ er los. Nach der Trauerfeier würde er mit den beiden Fremden reden, denn es war seine Pflicht als Bens Partner und er musste einfach Gewissheit haben. Hoffentlich konnte er dabei seine Verbitterung verbergen. Wieso hatte Ben sich nicht versetzen lassen, wenn er Kurt so wenig gemocht hatte? Einen anderen Grund, ihm seine Frau zu verschweigen, konnte Kurt sich nicht vorstellen – selbst wenn er nicht mehr mit ihr zusammengelebt haben sollte.
Ob Bens vorheriger Partner Ed es gewusst hatte, würde Kurt nie herausfinden, denn dieser war an einem Herzinfarkt gestorben, woraufhin man Ben Kurt zugeteilt hatte. Der Schmerz angesichts der Tatsache, dass sein Partner ihm kein bisschen vertraut hatte, war fast so schlimm wie das Gefühl der Leere, die der Tod seines Freundes in seinem Herzen hinterlassen hatte. Selbst wenn die Freundschaft nur von Kurts Seite ausgegangen sein sollte, vermisste er ihn. Gott. Warum hatte er es nicht gewusst? War er zu egozentrisch gewesen oder hatte Ben es ihm absichtlich verheimlicht? Schuldgefühle fraßen sich wie Säure durch ihn hindurch, das Brennen in seinem Magen kehrte zurück. Es musste an ihm gelegen haben.
Die Trauerfeier endete abrupt – oder zumindest kam es Kurt so vor, da er ihr keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hatte. Kaum war der Pfarrer verstummt, verließen die beiden Fremden die Kapelle durch einen Seiteneingang. Ohne nachzudenken war Kurt bereits aufgesprungen und humpelte hinter ihnen her, aus der Kapelle hinaus und auf den Parkplatz zu.
„Moment! Warten Sie!“
Zwei dunkelhaarige Köpfe drehten sich zu ihm um und der Mann murmelte der Frau etwas zu, das sie mit einem Nicken beantwortete.
„Danke“, keuchte er. Gott, hoffentlich würde er bald zu alter Stärke zurückfinden. Er blieb vor ihnen stehen und nahm den Stock in die linke Hand, damit die andere für einen Händedruck frei war. Die zwei waren eindeutig Geschwister, doch die Frau musste mehrere Jahre älter sein und hatte das leicht rundliche Kinn, das er von seinen eigenen Schwestern aus den ersten Schwangerschaftswochen kannte. Ob Ben wirklich Vater geworden wäre? Die bitteren Schuldgefühle verschlugen ihm beinahe die Sprache.
„Ich bin Kurt O’Donnell“, brachte er schließlich hervor. „Bens Partner.“ Der Mann keuchte leise und wandte sich ab, woraufhin ihn seine Schwester mit dem Ellbogen anstieß.
„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Kurt. Ich bin Sandra und das ist mein Bruder Davy.“ Sie hätte vor Gericht eine gute Zeugin abgegeben: Ihre Worte verrieten ihm kaum mehr, als er vorher gewusst hatte.
„Mein herzlichstes Beileid.“ Kurt schüttelte ihr sanft die Hand. Ihre Augen waren gerötet und die leicht gelbliche Blässe ihres Gesichts erinnerte Kurt eher an Krankheit als an Trauer.
„Das wünsche ich Ihnen auch“, antwortete sie.
Er streckte seine Hand zu Davy aus, froh darüber, dass Sandra einen Bruder hatte, der ihr durch diese schwere Zeit helfen konnte. Doch die Körpersprache der beiden stimmte nicht mit seinen Erwartungen überein. Sandra schlang ihrem Bruder einen Arm um die Taille und wandte sich ihm fast schützend zu. Eigentlich hätte es andersherum sein sollen.
Davy sah ihn an und seine Augen waren gerötet wie die seiner Schwester. Damit hörten die Gemeinsamkeiten allerdings auf.
Sandra war traurig, doch Davy war am Boden zerstört. In seinen dunkelbraunen Augen schien sich der Schmerz der ganzen Welt widerzuspiegeln. Der weiße Teil seiner Augen war so blutunterlaufen, als hätte er tagelang geweint. Seine Nase war ebenso gerötet und geschwollen wie seine Augenlider. Der Rest seines Gesichts war in die Leichenblässe getaucht, die Kurt nach diesem Schock bei Sandra erwartet hatte, und er wirkte benommen.
„Es tut mir so leid“, flüsterte Kurt und hielt Davys Hand fest, vergaß völlig, sie zu schütteln. Er verspürte den plötzlichen Drang, Davy zu umarmen, war jedoch zu sehr damit beschäftigt zu verbergen, wie schockiert er war und wie betrogen er sich fühlte. Alles drehte sich um ihn herum, als sich seine Erwartungen und Schlussfolgerungen in Luft auflösten und durch neue Informationen ersetzt wurden.
Davys Lippen bewegten sich, doch er brachte kein Wort heraus. Dann senkte er den Blick, löste seine Hand jedoch nicht aus Kurts. Es war Sandra, die sie schließlich trennte.
„Wir müssen jetzt los, Kurt. Danke, dass Sie sich vorgestellt haben.“ Sie versuchte zu lächeln.
Die beiden stiegen ins Auto, Sandra auf der Fahrerseite.
„Moment!“
Sandra drehte sich zu ihm um.
„Was ist mit Bens Mutter?“
„Oh, der ging es leider nicht gut. Das Personal im Sunshine Manors hat uns davon abgeraten, sie herzubringen.“
Kurt trat zur Seite und ließ sie – besser konnte man es nicht beschreiben – flüchten. Während er den Rücklichtern nachsah, stützte er sich wieder auf seinen Stock. Nach allem, was er von Ben gehört hatte, wäre es durchaus möglich gewesen, dass seine Mutter zu krank oder zu desorientiert für eine Beerdigung war. Aber Sandra hatte gelogen. Er war schon zu lange Polizist. Er spürte so etwas.
ANDIESEM Abend bemühte sich seine Familie darum, ihn aufzumuntern. Seine älteste Schwester Erin brachte ihre Töchter, bevor seine Mutter sich auf den Weg ins Restaurant machte. Seit ihre Kinder erwachsen waren, verbrachten seine Eltern den Großteil ihrer Zeit im Finn’s Frolic, das eine Mischung aus Familienrestaurant und Pub war und den O’Donnells gehörte. Seit seinem Unfall war seine Mutter fast ständig zu Hause, während andere Familienmitglieder ihre Schichten übernahmen oder Kurt besuchten und ihn zu Arztterminen fuhren.
Kurt saß gerade am Küchentisch und sehnte sich nach der Einsamkeit seiner sterilen, trostlosen Wohnung, als Erin eintrat, seine Wange küsste und ein paar Einkaufstüten auf der Arbeitsplatte abstellte.
„Kurt, Süßer, die Mädchen wollten ihren Lieblingsonkel besuchen. Wie wäre es mit einem Brettspiel?“
„Klar, kein Problem.“ Solange es nichts Kompliziertes war, konnte er spielen und dabei trotzdem über die neuen Informationen nachgrübeln. Er zupfte an einem losen Faden in der strahlend gelben Tischdecke. „Bist du heute mein Kindermädchen?“
„Kurt!“ Erins Tonfall war dem seiner Mutter zum Verwechseln ähnlich. Er errötete – sie wollten nur helfen.
„Tut mir leid. Es war kein leichter Tag.“
Erin quietschte leise und kam an den Tisch, um ihn zu umarmen, wobei ihr langes Haar seine Arme streifte. Würde er seines wachsen lassen, sähe es genauso aus. Von allen Geschwistern war Erin ihm am ähnlichsten: rotbraunes Haar, goldener Teint, tiefblaue Augen. Wenn sie neben ihm stand, konnte vermutlich jeder erkennen, dass sie Bruder und Schwester waren – wie es heute bei Sandra und Davy der Fall gewesen war.
„Sag mal, wenn du schwanger bist, wann kriegst du dann deine dicken Backen?“
Erin drehte sich um und bewarf ihn mit dem Geschirrtuch. „Hast du immer noch nicht gelernt, eine schwangere Frau nicht als dick zu bezeichnen? Selbst nach fünf Nichten und Neffen?“
Kurt warf das Tuch zu ihr zurück. „Ich nenne dich ja gar nicht dick. Bei der Beerdigung habe ich heute eine Frau gesehen, deren Gesicht auch so aussah.“ Er deutete auf sein Kinn. „Ein bisschen schwammig. Ich bin sicher, dass sie schwanger war, aber ich weiß nicht, in welchem Monat.“
Sie runzelte die Stirn. Es war zweifellos eine seltsame Frage, aber seit seinem Unfall ließ man ihm so einiges durchgehen. Das war ihm recht, denn er wollte die Sache mit Davy und Sandra vorerst für sich behalten – zumindest bis er entschieden hatte, was er davon hielt. Nicht zu wissen, dass Ben mit einer Kurt unbekannten Frau ein Kind erwartet hatte, war eine Sache. Aber über eine Verbindung zu Davy zu spekulieren, wenn da vielleicht gar keine war, würde bei seinen Kollegen nicht gut ankommen. Wahrscheinlich hatte er sich ohnehin geirrt, was den Grund für Davys Trauer anging. Vielleicht war Kurt einfach der schlechteste Ermittler aller Zeiten.
„Tja, bei mir sieht es zwischen dem vierten und fünften Monat so aus. Aber bei Colleen und Caitlyn hat es im fünften angefangen und dann bis zur Geburt angehalten.“ Die Zwillinge mussten natürlich immer alles gleich machen.
„Und was ist mit Heather?“ Das zweitälteste Kind der O’Donnells war Mike und seine Frau hatte sich nach drei Jahren immer noch nicht ganz an die große Sippe gewöhnt. Im Gegensatz zu Kurts Schwestern vertraute sie ihnen nicht gleich alles an und ihre Schwangerschaft war schon weit fortgeschritten gewesen, bevor sie sie offiziell bestätigt hatte. Aber es war eben genau dieses runde Gesicht gewesen, das seine Schwestern zum Spekulieren gebracht hatte. Nur deshalb war es ihm auch bei Sandra aufgefallen.
„Bei Heather war es schwer zu sagen. Aber ich glaube, wir haben es auch ungefähr im vierten Monat vermutet.“
„Also nicht, bevor man selbst von seiner Schwangerschaft weiß, oder?“
„Nein. Ganz bestimmt nicht. Redest du auch wirklich von einer Frau bei der Beerdigung? Du hast doch nicht etwa irgendeine arme junge Frau in Schwierigkeiten gebracht?“
Ganz so viel ließ sie ihm wohl doch nicht durchgehen. „Nein, Erin, das habe ich nicht.“ Dazu hätte er sich erst einmal mit einer treffen müssen und er hatte sich schon seit Wochen, Monaten nicht mehr zu einem Date durchringen können. Sein Bruder Ian war praktisch süchtig danach, was Kurt nicht verstehen konnte. Sex zu haben, fehlte ihm, aber so viel besser als sich einen runterzuholen war es nun auch wieder nicht. Dafür aber nervenaufreibender, weil er die ganze Zeit darüber nachdenken musste, ob er alles richtig machte und … fuck. Er wollte nicht weiter an Sex denken, während er mit seiner Schwester in der Küche seiner Mutter saß.
„Es ist nur meine natürliche Neugier als Polizist, versprochen. Ist ja auch egal. Sollte ich nicht eigentlich mit meinen Nichten spielen?“
Erin rief die Mädchen in die Küche, wo sie dann spielten, während Erin kochte. Trotzdem wurde Kurt den Gedanken nicht los, dass Ben von dem Kind gewusst haben musste. Doch Kurt konnte sich nicht erinnern, ihn jemals auffällig glücklich – oder auch deprimiert – erlebt zu haben. Wie lange war er wohl schon verheiratet gewesen? Er konnte nur mit Mühe das Bedürfnis unterdrücken, das Nummernschild, das er sich am Morgen gemerkt hatte, genauer zu überprüfen. Wenn sein Chef herausbekäme, dass er aus privaten Gründen Polizeiressourcen nutzte, befände er sich in ernsten Schwierigkeiten.
ÜBERDIE nächsten eineinhalb Wochen hinweg tat Kurt alles, was von ihm erwartet wurde. Er hielt seine Termine bei der Physiotherapie ein, ging zum Polizeipsychiater, füllte Formulare wegen seiner vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit aus, sprach mit seinem Arzt, wann er den Dienst wieder aufnehmen würde, und verbrachte Zeit mit seiner Familie und den Kollegen vom Revier, die ihn besuchten. Trotzdem konnte er einfach nicht den Schmerz in Davys braunen Augen vergessen.
Als er am Dienstagmorgen aufstand, genau drei Wochen nach Bens Tod, fand er im Wohnzimmer seinen Bruder Mike beim Zeitunglesen vor.
„Was ist mit deiner Arbeit?“ Er musste unbedingt in seine eigene Wohnung zurück. Sein Arm war noch nicht wieder in Ordnung und sein Knie wackelig, aber er war doch nun wirklich kein Baby mehr. Seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte er nicht eine einzige Minute für sich allein gehabt.
„Habe mir den Morgen freigenommen. Ich habe noch viele Urlaubstage übrig.“ Sein Bruder war Investmentbanker, und zwar ein verdammt guter. Genau wie der Rest der Familie arbeitete er hart und machte wenig Urlaub. So genervt er auch war, wurde Kurt doch warm ums Herz, wenn er bedachte, wie sehr sich seine Familie um ihn sorgte. „Ich fahre dich zum Arzt.“
Obwohl er sein linkes Knie nicht zum Fahren brauchte, wollte ihn niemand das Risiko eingehen lassen, die Naht an seinem Arm zu beschädigen, falls er einmal schnell reagieren musste. Da er jetzt ständig herumchauffiert wurde, kam er sich erst recht wie ein hilfloses Kind vor. Bei diesem Arztbesuch sollten die Fäden gezogen werden, aber dass er direkt wieder eine Fahrerlaubnis bekommen würde, bezweifelte er.
„Können wir erst beim Revier vorbeifahren?“
„Warum denn das?“ Mike legte die Zeitung zur Seite und kniff die Augen zusammen. Abgesehen von ihrer Mutter bestand er am eisernsten darauf, dass Kurt sich lange genug auskurierte, bevor er wieder arbeitete. Allerdings hätte er sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen müssen: Kurt hatte es nicht eilig, da ihm anfangs ohnehin nur die Arbeit am Schreibtisch erlaubt war und er vermutlich Tag für Tag Bens leeren Platz anstarren würde, bevor er zum normalen Dienst zurückkehren durfte. Oder, noch viel schlimmer, vielleicht würde ihm sofort ein neuer Partner zugeteilt werden.
„Ich muss mit meinem Chef reden. Wegen der Formulare und so. Und darüber, ob Bens Schreibtisch noch freigeräumt werden muss.“
„Darum hat sich bestimmt schon jemand gekümmert, Knirps“, sagte Mike sanft. „Aber wir können ja vorsichtshalber nach dem Arztbesuch vorbeifahren, dann musst du dich nicht stressen.“
Sein Bruder stand auf, legte ihm einen Arm um die Schultern und drückte ihn flüchtig an sich.
„Danke, Mike.“
DASKASTENFÖRMIGE Gebäude ragte vor ihm auf. War er jemals hier gewesen, ohne im Dienst zu sein? Wahrscheinlich nicht, seit er damals seine letzten Bewerbungsunterlagen abgegeben hatte. „Kannst du mich nachher abholen?“
Mike tätschelte ihm die Schulter. „Kein Problem, um die Ecke gibt es ein Café. Ruf mich einfach an, wenn du fertig bist. Du hast doch dein Handy?“
Kurt rollte die Augen. Er war Polizist, Herrgott noch mal, sogar Detective. Sein Handy war beinahe so wichtig wie seine Waffe. Und da er diese seit dem Unfall nicht bei sich hatte, passte er auf das Handy dafür schon fast übertrieben gut auf.
„Ja, Mikey. Ich melde mich dann.“
Mit Hilfe des Stocks gelang ihm der Ausstieg aus dem niedrigen Auto ohne größere Probleme. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, ging er langsam auf das Gebäude zu.
SEINEMITARBEITER und Freunde begrüßten ihn mit einer etwas unangenehmen Mischung aus Freude, ihn zu sehen, und Trauer, ihn allein zu sehen. Er marschierte geradewegs auf Nadars Büro zu, ohne in die Ecke zu schauen, in der sich Bens und sein Schreibtisch befanden.
„O’Donnell, was führt Sie her? Wollen Sie schon zurück an den Schreibtisch? Ich finde, Sie sollten sich noch etwas Zeit nehmen.“ Das Rascheln seiner Papiere verriet Nadars Nervosität, mit der er wiederum Kurt nervös machte.
Nachdem er die Tür geschlossen hatte, ließ er sich seinem Chef gegenüber nieder. „Sir, ich brauche Bens Privatadresse.“
Nadars Augenbrauen hoben sich fast bis zu seinem Haaransatz. „Und wollen Sie mir vielleicht auch verraten, warum?“
„Sie sagten, Sie hätten seine Familie informiert. Ich glaube, damit meinten Sie nicht nur Bens Mutter.“
„Tja, Sie sind eben immer noch einer meiner besten Detectives. Aber wollen Sie das wirklich? Wenn Sie so fragen, hat Ben Ihnen diese Information offensichtlich nicht anvertraut.“
Und schon wieder traten ihm Tränen in die Augen. „Und das macht mich fertig, Sir. Er hätte es tun sollen. Ich bin … war … sein Partner. Es ist mir wichtig, Sir. Bitte.“
„Solange Sie keine Dummheiten machen.“
„Nein, Sir.“
Kurzes Bleistiftgekritzel und schon hielt Kurt einen Notizzettel mit einer Adresse in der Hand.
„Danke, Sir. Was ist mit Bens persönlichen Gegenständen?“
„Ich habe schon nachgesehen. Eigentlich hatte ich vor, sie einzupacken, aber abgesehen von den Unterlagen zu seinen Fällen habe ich in seinem Schreibtisch nur Knabberzeug gefunden. In seinem Schrank waren ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln, die ich schon zurückgebracht habe.“
Das waren im Grunde keine neuen Informationen, doch im Nachhinein betrachtet wirkten sie beinahe wie ein Vorzeichen. Kurt steckte den Zettel in die Tasche und ging zu Bens Schreibtisch, wo er sich auf den Stuhl setzte. Bequem waren die Stühle sowieso nicht, aber den Raum von Bens Platz aus in einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen, war besonders seltsam. Die anderen Polizisten taten rücksichtsvollerweise so, als wäre er nicht dort, und wandten ihre Blicke ab, während er Schubladen öffnete und schloss, in der Hoffnung, dass Nadar vielleicht doch etwas Persönliches übersehen hatte. Selbst bei der Kaffeetasse handelte es sich nur um die Standardausführung. Der Inspector hatte ihn zwar gerade als einen seiner besten Detectives bezeichnet, aber Kurt sah das anders. Wie hätte er sonst übersehen können, dass sich keinerlei persönliche Gegenstände an Bens Arbeitsplatz befunden hatten? Keine Bilder, nichts von subjektivem Wert, kein Hinweis darauf, wofür er eintrat oder was er mochte. Kurt hätte nicht lockerlassen und mehr Fragen stellen sollen – Ben irgendwie zeigen sollen, dass er seines Vertrauens würdig war.
Er konnte hier nicht länger sitzen. Mit dem Zettel sicher in der Tasche rief er seinen Bruder an.
AMSAMSTAGNACHMITTAG
