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Vor lauter Freude wedelt nicht nur die Rute, sondern der ganze Hund. Hier kann es sich nur um einen Labrador Retriever handeln. Ob als Familien-, Jagd- oder Behindertenbegleithund – überall besticht er mit seinem freundlichen Wesen, seiner Intelligenz und Arbeitsfreude. Die Labradorkennerin Brigitte Rauth-Widmann beschreibt ausführlich seinen Charakter, welche Ansprüche er an seinen Halter stellt und wie man ihn zu einem angenehmen Begleiter erzieht.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Geschichte und Wesen
Die Vorfahren der Labrador Retriever
So sind Labrador Retriever
Ein Hund für alle Lebenslagen
EXTRA Wesen und Ansprüche
Unser Labrador zieht ein
In der Beliebtheitsskala ganz oben
Eine Entscheidung fürs Leben
Die Wahl des passenden Züchters
Grundausstattung
Auf ins neue Zuhause
Die ersten Tage
Stubenreinheit
EXTRA Vom Welpen zum Hund
Gesunde Ernährung
Was Hunde fressen
Fertigfutter
Hausmachermenüs
Fütterungspraxis
EXTRA Gesundes für den Labrador
Übergewicht
Tischmanieren
Gepflegt von Kopf bis Pfote
Fellpflege
Krallenpflege
Augenpflege
Ohrenpflege
Gebisspflege
Rundum gesund
Infektionskrankheiten
Ektoparasiten
Magen-Darm-Erkrankungen
Endoparasiten
Erste-Hilfe-Maßnahmen
Läufigkeit der Hündin
Erblich bedingte Krankheiten
Epilepsie
Haut- und Fellveränderungen
Alternative Heilverfahren
Erziehung leicht gemacht
Konsequenz von Anfang an
Umwelterfahrung
Positive Bestärkung
Alleinbleiben
Rangordnung
Vertrauensvoller Umgang
Das kleine Einmaleins der Hundeerziehung
EXTRA Signale auf einen Blick
Übungen gestalten
Freizeitpartner Labrador Retriever
Energiebündel auf vier Pfoten
Autofahren
Spaziergänge gestalten
Schwimmen
Apportieren für Anfänger
Grundausbildung und Sport
Dummytraining
EXTRA Richtig einweisen
Hundeausstellungen
Mit dem Labi auf Reisen
Rassestandard Labrador Retriever
Service
Nützliche Adressen
Wie bei den meisten Hunderassen wurden auch über den Ursprung der Retriever zahlreiche Theorien aufgestellt, deren Wahrheitsgehalt bisweilen schwer zu beurteilen ist. Als gesichert gilt jedoch, dass die Wiege eines ihrer Vorfahren in Neufundland stand.
Als vor ungefähr 500 Jahren Fischer aus dem südenglischen Devon nach Neufundland segelten, um vor der Halbinsel Avalon bei St. John’s auf Fischfang zu gehen, hatten sie auch einige schwimmbegeisterte Hunde mit an Bord, deren Aufgabe es war, Schiffstaue und aus den Netzen springende Fische aus dem eisig kalten Wasser zu apportieren. Vermutlich dienten sie ihnen außerdem in Notsituationen als Nahrungsproviant.
Diese Hunde, die mit ziemlicher Sicherheit aus Europa stammten, sollen unter anderem verwandtschaftliche Beziehungen zu den in Frankreich heimischen Sankt-Hubertus-Hunden aufweisen. Darüber hinaus werden auch starke Einflüsse des französischen Barbets sowie des portugiesischstämmigen Cao de Castro Laboreiro angenommen.
Robust und leistungsstark, äußerst verträglich mit Artgenossen: So präsentieren sich Labrador Retriever aus vorbildlicher Zucht.
Ein Hund für die Jagd
Anfang des 16. Jahrhunderts begannen die Fischer aus Devon erste Siedlungen entlang der Küste Neufundlands anzulegen und neben dem Fischfang nun auch Federwildjagd zu betreiben. Aus diesem Grund benötigten sie jetzt einen Hund, der außer vorzüglichen Apportiereigenschaften auch ausgeprägte jagdliche Anlagen wie beispielsweise Beute-, Stöber- und Spürtrieb besitzen musste. Da sie auf dem Festland ganz offensichtlich keinerlei einheimische Hunde vorfanden und mit den apportierbegeisterten Tieren aus England ohnehin schon herausragende vierbeinige Helfer besaßen, setzten die „Männer aus Devon“ gerade diese Hunde zur Zucht ein. Das war die Geburtsstunde des Saint-John’s-Hundes, des gemeinsamen Urahns aller Retriever.
Arbeiten im kühlen Nass – für einen Labrador auch im eisigen Winter ein Vergnügen, nicht zuletzt seines dichten, wasserabweisenden Felles wegen.
Der Saint-John’s-Hund
Diesen Hund zeichneten einige bedeutende Merkmale aus, die auch bei den heutigen Retrievern noch zu finden sind. So hatte der Saint-John’s-Hund ein ausgeglichenes und freundliches Wesen, und er war ein außerordentlich guter Fährtensucher mit einer ganz beachtlichen Nasenleistung. Zudem war dieser neufundländische Hund ein ausgezeichneter und überaus ausdauernder Schwimmer mit dichtem, kurzem und Wasser abstoßendem Fell. Darüber hinaus war er nur mittelgroß, sodass ihn die Fischer bequem in ihre kleinen Boote nehmen konnten.
Obwohl bereits damals ein reger Warenhandel zwischen Neufundland und Großbritannien bestand, kamen die Saint-John’s-Hunde erst ungefähr 250 Jahre später mit Handelsschiffen auch nach England (Poole) und Schottland (Greenock). Einige von ihnen gelangten in den Besitz von Angehörigen des Landadels, die sie insbesondere wegen ihrer ausgeprägten Apportiereigenschaften und ihres hervorragenden Spürsinns gern als Jagdhunde einsetzten. Andere wurden z.B. von Wildhütern übernommen, die diese Hunde nicht zuletzt wegen ihres ausgeglichenen Wesens sehr schätzten.
Eine seiner ursprünglichsten jagdlichen Aufgaben war das Apportieren von geschossenem Federwild. Seiner empfindlichen Nase, mit der bemerkenswert hohen Dichte an Riechsinneszellen (280 Millionen), bleibt dabei keine Beute verborgen.
Vom Saint-John’s-Hund zum Labrador
Die Saint-John’s-Hunde, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Britische Insel gelangten, waren die Zuchtbasis für alle dort entwickelten Retriever-Rassen. Aufgrund von einigen Handelsbeschränkungen sowie eines Gesetzes, das Hunde ohne Lizenz und Quarantäne nach Großbritannien einzuführen verbot, kamen später kaum mehr Saint-John’s-Hunde auf die Insel.
Anders als die Fischer und Jäger von St. John’s züchteten die reichen englischen Großgrundbesitzer, in deren Besitz zahlreiche dieser Hunde aus Neufundland gelangten, nicht zum Gelderwerb oder für das eigene Überleben, sondern wohl eher zum Zeitvertreib. Auf ihren riesigen Landsitzen hatten sie nicht nur Muße genug, sich der Jagd hinzugeben, sondern sie besaßen vor allem auch ausreichende finanzielle Mittel, sich der Reinzucht der verschiedensten Hunderassen zu widmen.
Anerkennung der Rasse
Heute geht man davon aus, dass gerade die in den Zwingern der Aristokraten (insbesondere der englischen beziehungsweise schottischen Adelsfamilien Malmesbury, Buccleuch und Home) gehaltenen Saint-John’s-Hunde ohne vorherige Einkreuzung anderer Hunderassen rein gezüchtet wurden und so die Labradorzucht begründeten.
Zunächst trugen die Hunde Namen wie „Englischer Retriever“, „Kleiner Saint-John’s-Hund“ oder auch „Kleiner Neufundländer“ (im Gegensatz zu den großwüchsigen Vorfahren des heute bekannten Neufundländers). Erst mit der Definition eines Rassestandards für diese Hunderasse setzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts allgemein die Bezeichnung „Labrador Retriever“ durch. Die offizielle Anerkennung dieses Rassestandards für den Labrador Retriever durch den englischen Kennel Club erfolgte im Jahr 1903.
Der Labrador Retriever ist ein kräftig gebauter Hund. Sein Schädel ist breit, seine Brust tief und gewölbt, sein Rippenkorb fassförmig. Er hat eine kurze Lendenpartie sowie eine breite und starke Lende und Hinterhand. Die Schulterhöhe reicht bei der Hündin von 54 bis 56cm, beim Rüden von 56 bis 57cm. Ein für den Labrador kennzeichnendes Merkmal ist seine kräftige, rundum mit dichtem Fell bedeckte Rute. Auch sein Haarkleid ist sehr charakteristisch: Es ist glatt, kurz und sehr dicht, außerdem ist es mit dicker, wetterbeständiger Unterwolle ausgestattet. Das ausgesprochen pflegeleichte Fell ist einfarbig schwarz, gelb oder schokoladenbraun.
Der Labrador Retriever ist für seine ursprüngliche jagdliche Aufgabe, das Apportieren, anatomisch bestens gewappnet. Dies zeigen sein mittellanger Fang mit den kräftigen Kiefern, sein stark bemuskelter Hals und seine muskulösen Schultern, die es ihm leicht möglich machen, auch schwere Beute sicher und mühelos zu tragen. Seine kräftige Vorhand und die sehr muskulöse Hinterhand ermöglichen es ihm, schwungvoll zu agieren. Seine kompakte Statur mit den kräftigen mittellangen Läufen helfen ihm dabei, selbst in unwegsamem Gelände zügig voranzukommen. Sein dichter „Pelz“ schließlich schützt ihn während seiner Arbeit z.B. in dornigem Unterholz vor Verletzungen. Zudem ist es stark wasserabweisend.
Info Retriever-Rassen
Die Retriever werden aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte, ihres äußeren Erscheinungsbildes und ihrer Charaktermerkmale in sechs verschiedene Rassen untergliedert. Es sind dies die in Kanada beheimateten Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever (Toller), die in Nordamerika rein gezüchteten Chesapeake-Bay-Retriever (Chessie) und die vier ursprünglich aus Großbritannien stammenden Vertreter Curly-Coated, Flat-Coated sowie Golden und Labrador Retriever.
Schwarz, Gelb und Braun
Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert war die Hauptlinie der Labrador-Zucht schwarz. Danach wurde die gelbe und schließlich dann die schokoladenbraune Fellfärbung immer populärer (Synonym zu Schokoladenbraun: Chocolate, Braun, Leberfarben).
Die Erbanlage für das rezessiv (= untergeordnet) vererbte Gelb bzw. Schokoladenbraun soll ebenso wie auch die schwarze Farbe der Labrador Retriever auf die Importhunde aus Neufundland zurückgehen. Dafür spricht unter anderem, dass diese drei Farbvarianten in gleicher Weise bei den beiden engsten Verwandten des Labradors, den Curly- und den Flat-Coated Retrievern, auftreten, die ja ebenfalls auf den Saint-John’s-Hund zurückgehen. Dennoch ist freilich nicht auszuschließen, dass trotz forcierter Reinzucht der Rasse bereits damals gelegentlich einzelne Labrador Retriever mit anderen Hunderassen gekreuzt und diese Mischlinge anschließend entweder untereinander oder mit Tieren aus rein gezüchteten Labrador-Linien verpaart wurden. Denn das Ziel der verschiedenen englischen Züchter war es stets, die Leistungen und jagdlichen Fähigkeiten ihrer Hunde zu steigern, zu spezifizieren und den eigenen Bedürfnissen optimal anzupassen.
In späteren Jahren wurden dann nachweislich Kreuzungen zwischen verschiedenen Retriever-Rassen vorgenommen (hauptsächlich zwischen Labrador und Flat-Coats), für die es auch zahlreiche schriftliche Belege gibt. Der Kennel Club erlaubte solche Kreuzungen noch bis ins Jahr 1916 und registrierte die Mischlingshunde jeweils unter derjenigen Rasse, der sie am ähnlichsten sahen. Heute kreuzt man reinrassige Labis gelegentlich mit Golden bzw. Pudeln, etwa zum Einsatz als Blindenführhunde.
Ob in gelb, schwarz oder braun: Typische sogenannte „dual purpose“-Labrador Retriever sind sehr ausgeglichene, arbeitsfreudige Hunde mit freundlichem Naturell, angenehmem Temperament und viel Durchhaltevermögen. Sie eignen sich für den jagdlichen Einsatz und für Leistungsprüfungen ebenso wie für die Präsentation im Ausstellungsring. Aufgrund ihrer großen Verträglichkeit kann man sie sehr gut zu mehreren halten.
Info Labis in Silberblau
Labrador Retriever gibt es nicht nur in Schwarz, Gelb und Braun, sondern auch in Silberblau. In Amerika seit über fünf Generationen aus immer den hellsten Chocolates eines Wurfes herausgezüchtet, erfreuen sich dort silberblaue Labis steigender Beliebtheit. Während man für das satte Braun der „Schoko-Labis“ stets die dunkelsten Vertreter mit möglichst dunkel gefärbten Augen heranzieht, wählt man für die Züchtung dieser Fellfärbung nur diejenigen Tiere aus, die möglichst hellgelbe Augen, graue Nasenschwämme und allgemein Weimaranerfarbe zeigen.
Ob es sich bei diesen Hunden wirklich um reinrassige Labrador Retriever handelt, bei denen das sogenannte farbverdünnende Gen „d“ nicht etwa durch Einkreuzung einer oder mehrerer anderer Rassen in die Linien geraten ist, steht zurzeit noch nicht zweifelsfrei fest.
Was die Farbe verrät
Anhand der Fellfarbe der Elterntiere lässt sich einiges über die Färbung der zu erwartenden Welpen vorhersagen: So werden Nachkommen von zwei gelben Eltern stets gelb sein, nie schwarz oder chocolatefarben. Labrador-Welpen, deren Eltern beide chocolatefarben sind, werden gelb oder chocolatefarben, aber nie schwarz sein. Haben beide Elterntiere eine schwarze Fellfärbung, können sowohl schwarze als auch chocolatefarbene und gelbe Welpen geboren werden. Worüber die Fellfärbung allerdings überhaupt nichts auszusagen vermag, sind beispielsweise die Lern- und Arbeitsfähigkeit der Hunde, sowie spezifische Krankheitsbilder oder etwa auch Erkrankungshäufigkeiten bei den entsprechenden Hunden.
Eine scheinbare Verbindung von Fellfarbe und bestimmten Eigenschaften hat rein historische Gründe, denn entsprechend der Popularitätsentwicklung der Fellfarben gibt es selbst heutzutage wesentlich mehr schwarze Labrador Retriever aus jagdlich gezüchteten Linien als z.B. gelbe oder schokoladenbraune. Da aber gerade Hunde aus jagdlichen Linien eine besondere Eignung für die jagdliche Arbeit mitbringen, ist es nicht verwunderlich, dass eben diese – derzeit noch vermehrt schwarz gefärbten – Hunde auch erfolgreich jagdlich geführt werden oder in Jägerhand sind. Labrador Retriever mit gelber Fellfarbe sind – ähnlich ihren Verwandten, den Golden Retrievern – besonders als reine Familienhunde begehrt und benötigen deswegen eigentlich keinen ausgeprägten „jagdlichen Stammbaum“. Wie die wenigen gelben und schokoladenbraunen Labrador Retriever aus jagdlichen Linien eindrucksvoll unter Beweis stellen, sind aber auch diese „Farben“ durchaus in der Lage, exzellente Arbeitserfolge zu erzielen.
Wie die erhöhte Erkrankungsfrequenz bei extremer Inzucht zeigt, wird die Gesundheit einer Zuchtlinie immer durch die Größe ihres Genpools mitbestimmt. Da die Individuendichte und damit der Genpool gerade bei den schokoladenbraunen Labrador-Linien im Vergleich zu den beiden anderen Farbrichtungen (noch) relativ klein ist, können bei diesen Hunden Krankheitsvorkommen statistisch gesehen eher ins Gewicht fallen. Die Aussage, dass die schokoladenbraunen Labis generell krankheitsanfälliger sind als die gelben oder schwarzen Hunde, kann damit aber nicht belegt werden.
Von großer Bedeutung hingegen – sowohl für das äußere Erscheinungsbild als auch für das Temperament und die Arbeitsfähigkeit eines Labrador Retrievers – ist seine Abstammung. Auf diese gilt es bei der Auswahl demzufolge besonderen Wert zu legen.
Info Farbvererbung
Die Fellfarbe beim Labrador Retriever wird von verschiedenen Genen bestimmt:
B ist für Schwarz verantwortlich und setzt sich gegenüber b für Chocolate durch.
E ist dafür verantwortlich, dass der ganze Hund schwarz bzw. chocolate gefärbt ist.
e bewirkt eine Pigmentierung nur der Lefzen, Pfoten, Augenränder und des Nasenschwammes.
Welche Genkombinationen schwarze, gelbe und chocolatefarbene Fellfärbung bewirken können, zeigt diese Tabelle.
SchwarzGelbChocolateBBEEBBeebbEEBbEEBbeebbEeBBEebbee–BbEe––Bei der Fortpflanzung geben die Mutter und der Vater jeweils ein B/b-Gen und ein E/e-Gen weiter. Die Kombination dieser Gene bestimmt wiederum die Fellfarbe der Welpen.
Egal welche Färbung man vor Augen hat, stets muss das genetische Potenzial der Zuchttiere den Anforderungen für die Entwicklung eines charakteristischen Labrador Retrievers, mit all seinen rassetypischen Merkmalen, entsprechen. Ansonsten gehen sein liebenswertes Wesen, seine Freude am Arbeiten und seine leichte Lenkbarkeit über kurz oder lang verloren.
Insbesondere wegen ihrer außergewöhnlichen Erfolge als Arbeitshunde wurden Labrador Retriever bei Jägern und Wildhütern immer beliebter. Ihre Popularität wuchs so stark an, dass Labis schon bald in ganz Großbritannien zu finden waren und allmählich andere Rassen – wie z.B. die bis dahin äußerst begehrten und zum Apportieren eingesetzten Curly- und Flat-Coated Retriever – verdrängten. Heute sind Labrador Retriever über die ganze Welt verbreitet und gehören außer in Großbritannien vor allem in den USA und in Kanada, aber auch in den skandinavischen Ländern sowie in Australien zu den beliebtesten „Freunden und Helfern des Menschen“.
Zuverlässige Jagdbegleiter
Labrador Retriever wurden ursprünglich ausschließlich für den jagdlichen Einsatz gezüchtet. Wegen ihres ausgeprägten Bringtriebes und ihrer großen Wasserfreude setzte man sie zunächst bei der Jagd auf Wasservögel ein. Ihre „Weichmäuligkeit“, also die Fähigkeit, Wild so sanft aufzunehmen, dass es unversehrt bleibt, war neben ihrem hervorragenden Spürsinn, ihrer großen Ausdauer und ihrer fast schon sprichwörtlichen Begeisterung, für ihren zweibeinigen Begleiter zu arbeiten („will to please“), ein weiterer Grund für die stetig steigende Verbreitung von Labrador Retrievern als Apportierhunde. Und dies nicht nur bei der Jagd auf Entenvögel, sondern in zunehmendem Maße auch auf verschiedenstes anderes jagdbares Niederwild in ganz unterschiedlichem Gelände.
Entscheidend für den Jagdeinsatz der Hunde waren außerdem ihre Robustheit, ihr ausgeglichenes Wesen und ihr guter Gehorsam. Absolute „steadiness“ (Standruhe) sowie korrektes „marking“ (Beobachten der Flugbahn eines getroffenen Tieres) waren dabei besonders wichtig für den gemeinsamen Jagderfolg.
Durch konsequentes Üben lernt dieser Wirbelwind geduldig abzuwarten, bis sein Einsatz gefragt ist; dann aber überschlägt er sich vor Arbeitseifer: Mit kraftvollen Bewegungen rudert er geradewegs zur Beute, nimmt das Stück auf, wendet gekonnt, um danach zügig an Land zurückzuschwimmen.
Tipp Jagdliche Arbeit
Wenn Sie sich für die jagdliche Ausbildung Ihres Labradors interessieren, nehmen Sie Kontakt zu den verschiedenen Jagdgebrauchshundevereinen auf, oder wenden Sie sich an die zuständigen Arbeitsgruppen der verschiedenen Retrieververeine.
Sportliche Wettkämpfe
Nicht nur im Jagdalltag waren Labrador Retriever unentbehrliche Helfer, auch in jagdlichen Wettbewerben wie den sogenannten „field trials“ oder den „gundog working tests“ brillierten Labradors mit außergewöhnlichen Arbeitserfolgen. In „field trials“, in denen der Ablauf von Treibjagden nachempfunden wurde, wetteiferten die Hunde unter authentischen Jagdverhältnissen an frisch geschossenem („warmem“) Wild miteinander. In den „gundog working tests“ arbeiteten sie dagegen unter simulierten Jagdverhältnissen und hatten dementsprechend „kaltes“ Wild oder Dummies zu apportieren. Bei solchen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals durchgeführten, sportlichen Veranstaltungen hatte nur derjenige Labrador eine Gewinnchance, der mit Schnelligkeit und Gewandtheit arbeitete, außerdem exakte Nasenarbeit, Standruhe und einen sofortigen Gehorsam auf Signale zeigte.
Um die Hunde immer schneller und leistungsfähiger zu machen, wurden schließlich reine Arbeitslinien (Field-Trial-Linien) gezüchtet, die sich stark von den reinen Show-(Ausstellungs-)Linien unterschieden, die man in Großbritannien jetzt ebenfalls hervorbrachte. Solche „Working-Labis“ sind Leichtgewichte im Vergleich zu „Show-Labis“, und auch deutlich hochbeiniger. Regelrecht erpicht sind sie aufs Arbeiten, jedoch nicht übereifrig oder gar nervös.
Jagdeinsatz heutzutage
Selbst heute noch sind Labrador Retriever insbesondere in Großbritannien und in den USA bevorzugte Jagdhunde, und auch hierzulande erfreuen sie sich als Jagdbegleiter zunehmender Beliebtheit. Ganz besonders geschätzt ist ihre hervorragende und zuverlässige Arbeit „nach dem Schuss“, so z.B. auf der Spur angeschossenen Niederwildes oder auf der Schwimmspur von Entenvögeln. Sogar Schweißhundqualitäten haben diese Hunde, weshalb sie auch bei der Nachsuche, etwa auf Schalenwild, gern eingesetzt werden. Nur spurlaut sind sie in der Regel nicht. „Verweisen“ allerdings lernen sie rasch.
Wildschärfe dagegen besitzen Labradore kaum bzw. gar nicht. Einem krankgeschossenen Stück nachhetzen, es stellen und mit festem Kiefergriff niederzwingen, das liegt ihnen überhaupt nicht.
Auch „vor dem Schuss“ zeigen Labrador Retriever beachtliche Leistungen, so beispielsweise beim Buschieren, der Wildsuche in meist unübersichtlichem Gelände vor der Flinte des Jägers, oder auch beim Stöbern.
Bringen aus Leidenschaft
Apportieren, also Gegenstände aufnehmen und tragen, ist allen Hunden angeboren. Man spricht deshalb auch von einer „angewölften“ Verhaltensweise. Dass das Apportierverhalten für Hunde sogar lebenserhaltende Bedeutung erlangen kann, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, auf welche Weise erwachsene Tiere eines Rudels Jagdbeute herbeischaffen, um damit ihre schon etwas älteren Welpen in der Wurfhöhle satt zu bekommen. Was lag für den Menschen demnach näher, als diese natürliche Veranlagung von Hunden durch gezielte Verpaarung gerade derjenigen Individuen, bei denen dieses spezifische Merkmal besonders stark ausgeprägt war, sich selbst und für das eigene Überleben zunutze zu machen?
Mit Dummyarbeit kann man nicht-jagdlich geführte Labradors rassegerecht beschäftigen, und selbst bei jagdlich geführten Hunden wird mit diesen Apportiersäckchen trainiert, etwa um während der jagdfreien Zeit den Leistungsstand aufrecht zu erhalten (hier ein mit Fuchsfell ummanteltes Dummy mit ca. 500g Gewicht).
Sichtjäger
Mit den wohl ursprünglichsten Hunderassen, den Windhunden, brachte er dabei schnelle Sichtjäger hervor, die insbesondere in offenem Gelände das Wild sehr ausdauernd verfolgen und auch zu Tode hetzen konnten. Obwohl ihr Beutetrieb sehr gut ausgeprägt war, waren diese äußerst eigenständigen Hunde aber meistens nicht ohne Weiteres dazu bereit, das Jagdwild freiwillig an den Menschen abzugeben. Der Jäger musste deswegen immer darauf bedacht sein, seinem jagenden Hund möglichst dicht auf den Fersen zu bleiben, um ihm das geschlagene Beutetier abzunehmen, noch bevor dieser sich damit aus dem Staub machen konnte.
Spurjäger
Anders war dies meist bei den sich vornehmlich mit dem Geruchssinn orientierenden und deshalb gern für die Jagd in unübersichtlichem Gelände eingesetzten Hunderassen wie z.B. den Spaniels und Pointern. Diese Hunde töteten das Jagdwild in der Regel nicht selbst, sondern unterstützten den Jäger, indem sie das Wild aufspürten, aufbrachten oder durch charakteristische Posen anzeigten. Erst nachdem der Jäger selbst das Stück erlegt hatte, bekam der Hund das Signal zum Apport.
Dank ihres ausgeprägten Spürtriebes und ihrer ausgezeichneten Nasenleistung waren diese Jagdhunderassen in der Lage, das geschossene oder verwundete Wild schnell aufzufinden und sicher aufzunehmen. Vor allem aber waren sie willens, ihre Beute dem Jäger auch zuzutragen und abzugeben. Einige von ihnen packten beim Transport recht fest zu, weswegen man in der Folge darum bemüht war, neben diesen Jagdhunden auch Rassen zu züchten, die das Jagdwild mit „weichem Maul“, also äußerst behutsam, apportierten.
Dieses Apportierverhalten immer weiter zu perfektionieren, war Hauptanliegen der Züchter der verschiedenen englischen Jagdhunderassen. „Geboren“ wurden schließlich die Retriever, die ihren viel gerühmten und unübertroffenen Apportierleistungen sogar ihren Namen verdanken: Denn die englische Vokabel „to retrieve“ bedeutet „auffinden und herbeibringen“.
Die Linie macht den Unterschied
Hierzulande ist man (vor allem in den Retrieververeinen) nach wie vor darum bemüht, schöne und gleichzeitig arbeitsfähige Labrador Retriever zu züchten, den sogenannten „dual-purpose-Typ“. Gerade ein durchschnittlicher Hobbyhundehalter wird viel Freude an solchen Labis haben, denn er kann mit ihnen auf Ausstellungen durchaus vordere Plätze belegen und Pokale gewinnen, und dennoch leicht und erfolgreich mit ihnen arbeiten – beispielsweise beim Dummytraining, in einer Rettungshundestaffel oder zum Beispiel im Besuchsdienst. Einen mehrfach hoch dekorierten internationalen Schönheitschampion wird er sich mit einem solchen Hund aber eher selten heranziehen können, ebenso wenig einen Field-Trial-Champion, mit dem er auf internationalen jagd-sportlichen Wettbewerben brillieren und jedes ausländische Gespann in den Schatten stellen kann. Dazu braucht es schon eines Vertreters aus einer reinen Show- respektive Field-Trial-Linie.
Begeisterungsfähigkeit ist nur einer seiner beeindruckenden Wesenszüge. Für die Zuchttauglichkeit eines Labradors sind demzufolge neben seinem Erscheinungsbild und seiner gesundheitlichen Konstitution auch das Wesen und die Arbeitsfähigkeit entscheidend.
Show- und Arbeitslinien
Insbesondere bei den Labradors aus reinen Showlinien stellt sich allerdings die Frage, wo Schönheit eigentlich beginnt beziehungsweise aufhört, und, ob und in welchem Ausmaß zum Erreichen größtmöglicher körperlicher Attraktivität (wie immer man diese auslegen mag) viele andere Eigenschaften und Fähigkeiten dieser ursprünglich für das Arbeiten gezüchteten Rasse sträflich vernachlässigt werden dürfen.
