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Absurde Trainingstheorien, gemeine Intrigen, triefender Tunnelblick und der allgegenwärtige Hungerast. Die Welt der Hobbyradsportler ist mindestens ebenso abgründig und reich an Geschichten wie die der Profis bei der Tour de France. Eine Radtouristik unter Freunden und der lang ersehnte Sieg über den Trainingskollegen an einer unbedeutenden Kuppe im Niemandsland können genauso viel Drama und Emotion bieten wie der Kampf ums Regenbogentrikot. Dieses Buch setzt all den wahren Helden des Radsports, die sich unbezahlt auf Landstraßen und Trails, bei verregneten Radmarathons oder hochsommerlichen Transalp-Abenteuern schinden, ihr überfälliges literarisches Denkmal. IM TAL DER ORTSSCHILDSPRINTER, das ist ein Feuerwerk aus 53 aberwitzigen Geschichten von den Abenteuern einiger definitiv laktatsüchtiger Radfahrer irgendwo in Deutschland. Ein rotzfreches Manifest des Radsports, wie er wirklich ist. Mit unvergleichlichem, höchst treffsicherem Humor feiert und seziert Matt Gelpe diesen ganz normalen Wahnsinn auf zwei Rädern (und viel zu schmalen Sätteln), der sich allabendlich und bevorzugt am Wochenende mitten unter uns abspielt. Und liefert damit das ideale Geschenk für alle frischgebackenen und altgedienten Ritzelfüchse, die sich mit unkontrollierten Lachattacken auf ihre nächste Tour einstimmen möchten.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2012
MATT GELPE
LAKTATEXPRESS
IM TAL DER ORTSSCHILDSPRINTER
Matt Gelpe:
Laktatexpress
Im Tal der Ortsschildsprinter
© Matt Gelpe – Covadonga Verlag, 2010
Coverillustration: Hanswerner Budt
Fotos auf dem Umschlag: Tom Ayton Design (Autorenportrait),
Carsten Hasemeyer, Daniela Bargholt, Marbod Jäger (v.l.n.r.)
Covadonga Verlag, Bielefeld – 2010
ISBN 978-3-936973-57-0
ISBN-ePub 978-3-936973-63-1
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,
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readbox publishing, Dortmund
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INHALT
Statt eines Vorworts
Don’t try this at home
Prolog
1. Wenn ich König vom Wuppertal wär’…
2. In Order of Appearance
3. I want to ride my Bike
4. Der Sozialverträglichkeitsreport
5. Der ultimative RTF-Knigge
6. Eating Iron
7. Der Hund, des Bikers bester Freund
8. Wohin mit den Pillen?
9. Das Balzverhalten geschlechtsreifer Marathonisti
10. Einmal Junkie – immer Junkie
11. Cantilever Disease – Eine Selbstbefragung
12. Prima Klima: Der Kohlen-Fuß-Druck
13. Engel links, Teufel rechts
14. Radfahrersprache – schwere Sprache!
15. Alles Bekloppte…
16. Yin und Yang am Rad
17. Sponsored by Oma
18. Kurzgeschichten
19. Halali – Der Besuch beim Klassenfeind
20. Impression Session
21. Love me or lead me! – The Search
22. Ein Quantum Klinsmann
23. Yes we Cannondale!
24. Zehn Glaubensgrundsätze
25. Wer hat Angst vorm schwarzen Loch?
26. Der Testosteron/Epitestosteron-Bericht
27. I am Legend
28. Hätten Sie’s gewusst?
29. Die Insel. Eine Reality Soap
30. Jagdzeilen. Ein Messereport
31. Die geht nie kaputt!
32. Freund Bimbach reimt sich einen
33. Marathongeheimnisse
34. Teil 1: Hirnwäsche, Psychologie
35. Teil 2: Material, kauf es dir!
36. Teil 3: Training – unbezahlbar
37. Teil 4: Tictac, Taktik, Strategie!
38. Matts Sommernachtstraum
39. Radfahren bedeutet E-Motion…
40. Wanderlust. Neulich im Burgholz
41. Bleib frei, sei in der Partei
42. Auf dem Cyclocross-Trip
43. Der ultimative »Bin ich ein Crosser?«-Test
44. An der Tasche eines Mannes…
45. Bin Baden und die Tour de France
46. Ein Jahres-End-Projekt
47. Hinter jedem Polar steckt ein kluger Kopf!
48. On Turkey
49. Cane diem – Neues vom Hund
50. Deutschland sucht den Radsport-Star!
51. Jährlich kommt der Nikolaus
52. Pimp my Bike – Ein Weihnachtsdrama
53. Ein Manifest des Radsports
Das Laktatexpress-Glossar
Gewidmet…
…all den Gelbjacken, die überall auf dieser Welt Straße und Trail bevölkern – und natürlich meinen Wuppertaler Trainingskollegen, meinem Transalppartner aus dem Harz und allen Wettkampfgegnern.
»Die Jungs und Mädels vom Laktatexpress sind schon eine korrekte Combo. Kein Verein, aber einheitliche Trikots und Auftreten wie eine Radsportgruppe. Bei jedem Rennen, ob schmale oder breite Noppenreifen, am Start, und im Trainingslager, ich kann euch sagen, da werden Beine und Bauchmuskeln gleichermaßen anaerob trainiert.«
Stefan »Dano« Danowski, Buchautor und Gewinner der Salzkammergut Trophy Extremstrecke
»Laktatexpress.de war die erste Internetseite, die von den alltäglichen Leiden der Hobbybiker auf der Langstrecke berichtete. Sozusagen das Gegenstück zu meiner damaligen Seite Kettenblatt.de. Auch wenn die Entstehungsgeschichte jetzt schon verdammt lange her sein mag, eins ist sicher: Die Laktatexpressler leben definitiv den Radsport!«
Ralph Berner, Olympiateilnehmer 1996 in Atlanta (Platz 10 im Cross Country)
»In einem Rennen mit Laktatexpress-Beteiligung gibt es mindestens drei Handlungsstränge. Erstens: Wer gewinnt aus der Spitzengruppe? Zweitens: Wer wird hinten vom Besenwagen geschluckt? Und drittens: Wer kommt vor dem leuchtend gelbweißen Trikot ins Ziel? Manchmal frag’ ich mich, welcher Kampf mit härteren Bandagen und mehr Eifer ausgefochten wird…«
Stefan »ZimBo« Zimmermann, unverbesserlicher Ausdauer-Abenteurer und stolzer Ironman
»Who the f… is Matt Gelpe?!«Lance A.
Die Ratschläge in diesem Buch wurden in unermüdlichem Selbstversuch getestet. Sie sind vom Autor und Verlag sorgsam geprüft und nicht frei eines gewissen Maßes an Ironie formuliert. Deswegen bieten sie keinen Ersatz für medizinische Beratung oder kompetente trainingstechnische Betreuung. Jede Leserin und jeder Leser sind für ihr eigenes Handeln voll verantwortlich. Alle Angaben und Tipps in diesem Buch erfolgen ohne Gewährleistung und Garantie seitens Verlag und Autor. Eine Haftung für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist ausdrücklich ausgeschlossen.
Und wenn du beizeiten mal nicht weiter weißt oder dich bei der Lektüre dieses Buches gelegentlich seltsam begriffsstutzig fühlen solltest: Einfach mal ins Glossar am Ende schauen. Da wird dir gewiss geholfen.
Das Bergische Land. Unendliche Weiten und unerforschte Anstiege. Wir schreiben das Jahr 2011. Dies sind die Abenteuer des Teams Laktatexpress. Die Eskapaden einer Gruppe berufstätiger Menschen, die mit wachsender Begeisterung auf Rennrad, Zeitfahrrad, Mountainbike oder Cyclocrosser unterwegs sind, um die seltsame, nicht selten skurrile Welt des Hobbyradsports zu erforschen, fremde Wesen in neongelben Jacken aufzustöbern und ungeahnte Laktatwerte zu erreichen…
Vor mehr als zehn Jahren gab es in Wuppertal eine kleine, lose Gemeinschaft von Radsportlern, die sich an den Wochenenden, wenn keine MTB-Marathons stattfanden, zu gemeinsamen Ausfahrten bei Radtouristiken trafen. Man startete spät, um ausschlafen und möglichst viele Leute überholen zu können. Und wenn sich ein paar Überholte hartnäckig im Windschatten festbissen, wurde auch schon mal an der Verpflegungsstelle attackiert. Kurzum, das Tempo war immer gnadenlos hoch, Trainingspläne nur Schall und Rauch, alle gingen durch die Führung, und wenn der Schnitt am Ende unter 32 km/h lag, war das fast schon eine herbe Enttäuschung. Dass in unserer Gruppe auch starke Frauen mitfuhren, machte das Überholen von älteren Herren auf teuren Rennvelos besonders pikant. Das muss man halt schon verkraften können, von einem »Doppelzopf« eingesackt zu werden.
In dieser Zeit, es muss bei einer wunderschönen RTF in Richtung Iserlohn gewesen sein, entstand auch der Name Laktatexpress. Wir knallten ein flaches Tal hoch, und einer der Überholten, der uns schon vom Vorwochenende kannte, meinte nur resignierend: »Aah, da kommt ja schon wieder der Laktatexpress…« Damit hatten wir unseren Namen weg. Und wir waren stolz darauf!
Im November 2001 hatte ich dann die fixe Idee, all die vielen bemerkenswerten Begebenheiten, die uns so im Laufe des Jahres passierten, in Wort und Bild festzuhalten. Und was wäre dafür besser geeignet als eine eigene Internetseite? Zumal wir doch alle begeisterte Leser der Web-Auftritte diverser Profis waren (von denen an dieser Stelle besonders die Seite von Ralph Berner hervorgehoben sei).
Aber immer nur Spitzengruppe, Siege, Siege…? Wer kann das auf Dauer hören? Viel interessanter ist doch, was hinten im Peloton passiert: die Ausreden nach verpatzten Rennen, die gemeinen Attacken im Kampf um Platz 859 oder einfach die packenden Erzählungen von epischen Hungermacken… Das ist es, was Radfahrer, wenn sie montags mit laktatgeschwängerten Oberschenkeln am Arbeitsplatz vor ihrem Internetbrowser sitzen, lesen wollen. Dachte ich mir zumindest, und die Zugriffszahlen auf unsere Website gaben uns recht.
Schnell entwickelte sich Laktatexpress.de zu einer der meistbesuchten Internetseiten rund um den Hobbyradsport in deutschen Landen – insbesondere, wenn wir mal wieder Rennen gefahren waren und darüber berichteten. Daneben gab es auch noch ein Forum, das bald Kultstatus genoss, weil in ihm fragwürdige Ausreden, ungehaltene Kommentare zu unseren Berichten und allerlei anderer Schabernack wild durcheinander kommuniziert wurden. Leider hat uns ein Spam-Roboter dieses Kleinods der Meinungsfreiheit beraubt.
Im Jahr darauf beschwerte sich dann ein Rennfahrer: »Wenn ich gewusst hätte, dass du vom Laktatexpress bist, hätte ich dich vorm Ziel noch überholt.« Das war lustig, und wir ließen uns so was natürlich nicht zwei Mal sagen. Trikots und Hosen waren schnell entworfen, auf das uns weithin jeder erkennen möge. Die Farben des Trikots lagen auf der Hand: dottergelb wie das Ortsschild, schneeweiß, wie es nur Weltmeister tragen dürfen, rote Streifen wie die Blutkruste, die nach einem Sturz an deinem Bein klebt, und ein bisschen schwarz, so wie die Nacht, die dich bei einer Hungermacke umgibt. Derart optisch professionalisiert gingen wir fortan an den Start. Auch unser Fokus hatte sich inzwischen verlagert: weg von RTFs, hin zu Rennen.
Das Jedermann-Debüt bei Rund um Köln, die großen Etappenfahrten über die Alpen, die bekannten und neuen MTB-Marathons… nichts war mehr vor uns sicher. Und wenn im Rennen irgendwo jemand eine blöde Aktion geliefert hatte, dann konnte er sicher davon ausgehen, dass diese Episode am nächsten Montag genüsslich im Internet ausgebreitet und seziert wurde. Selbstredend unter Nennung des vollständigen Namens. So lernten wir quer durch Europa eine Menge netter Leute kennen. Kontakte, die bis heute Bestand haben. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die bis heute wünschen, sie hätten uns nie kennengelernt…
Neben den aktuellen Wochenendberichten etablierte sich auf Laktatexpress.de eine weitere Rubrik: die Monatsberichte. Eine etwas freiere Textform, die sich ein wenig vom aktuellen Tagesgeschehen löst. Geschrieben just for fun zur Unterhaltung der Leser. Hier durfte die Fantasie seit jeher auch mal einen Zwischensprint einlegen. Schon seit Beginn der Aufzeichnung hüpfen wir in dieser Reihe also regelmäßig auch mal in die Zukunft des Radsports (oder in das nächstbeste Kettenfettnäpfchen, das uns die Radsportmagazine bereitstellen). Und doch sei bei der Sattelstütze meines Opas versprochen, dass all diese Berichte immer auch einen gewissen Funken Wahrheit enthalten.
Vielleicht mag es erschreckend sein, dass viele dieser haarsträubenden Stories, die nun erstmals in gedruckter Form vorliegen, auf einer wahren Begebenheit beruhen, aber so ist der Hobbyradsport nun mal. Und so dürften die Geschehnisse und Marotten, von denen in den folgenden Geschichten die Rede sein wird, den allermeisten begeisterten Hobbyradsportlern seltsam bekannt und verdächtig nah vorkommen – auch wenn die werte Leserschaft uns und das Bergische Land in den meisten Fällen vermutlich nicht persönlich kennen wird.
Hier ist es also: das Tagebuch einer Gruppe laktatsüchtiger Radfahrer. Das ganz große Blatt. Ausgewählte Geschichten aus dem Logbuch des Laktatexpress. Nur echt mit 53 Zähnen.
1
»Ich fühl’ mich gut! Die Form stimmt, der Trainer ist zufrieden. Die Waage zeigt kaum noch Ausschlag. Heute ist mein Tag. Heut mach’ ich sie alle fertig.
Geh’ ich direkt am ersten Berg weg oder lass’ ich sie zappeln und degradier’ sie in der zweiten Hälfte zu Statisten? Ich frag’ mich, was ein schönerer Sieg ist? Aber Vorsicht, der eine war im Höhentrainingslager, und wer weiß, wer gerade noch ’ne heimliche Intensitätswoche absolviert hat. Ich muss aufpassen, nicht zu übermütig gleich am Anfang die Körner zu verpulvern… Ach was, erst drei Wochen Alpen, dann die Superkompensation und gestern die Vorbelastung. Heute passt’s, heute lass’ ich die Glocken klingeln!
Hast du die Flaschen an der Streckenteilung abgestellt? Gut, okay. Ich fahre mit zwei großen Flaschen, innen mit Farbe die Flüssigkeit angemalt. Die anderen sollen denken, dass ich mit anderthalb Kilo in den Haltern am Start stehe. Aber am ersten Berg werd’ ich sie eines Besseren belehren. Sie sollen sich quälen – ich will das Entsetzen in ihren Augen sehen. Wenn ich mich leichtfüßig absetze, unwiderstehlich wie ein Adler schwerelos aufsteige. Die Satteltasche ist auch mit Luftpolsterfolie ausgestopft. ’Ne Panne wäre fatal, aber ich fahre heute auf Sieg! Sekt oder Selters – heute muss es klappen.
Das Ortsschild wird meines sein. Ach was, der Zwischensprint, die Bergwertung, der Gesamtsieg! Dazu das Trikot des aggressivsten Fahrers – und das des besten Jungseniors. Alle übereinander, das wird mollig warm. Ach ja, schön so im Rampenlicht! Erst das Sieger-Interview, dann gleich die obligatorische Dopingkontrolle – Zielpissen im Stehend-Anschlag kann ich ja. Schließlich raus aufs Podium. Handshake mit dem Bürgermeister, Gruß ans Publikum und dann die Küsschen…
Zwei oder drei? Wie macht der Petacchi das noch? Ich glaube, international sind drei. Mit der linken Seite anfangen. Und die werden scharf auf mich sein, die Mädels. Ich bin der Sieger! Der Beste, der absolute Gewinner. Schampuskaiser! Während ich so da oben stehe, werden die anderen langsam ins Ziel trudeln. Tja, bei so ’ner Bergetappe muss der eine oder andere schon mit dem Zeitlimit kämpfen. Aber Jungs, kommt schon, Kopf hoch, ist doch nur Radsport.
Obwohl, so sicher sollte ich mir nicht sein. Vielleicht klemm’ ich mich anfangs einfach nur hinten ran. Lass’ die anderen arbeiten. Mach’ ein schmerzverzerrtes Gesicht und erzähl’ was von Übertraining. Da werden sie attackieren und ihre Chancen in der Flucht suchen, sich vorne im Wind bei der Tempoarbeit aufreiben, um mich zu zermürben. Aber ich werde wie Phönix aus der Asche steigen und sie alle Lügen strafen!
Heute ist der Tag gekommen, um für Jahre der Demütigung belohnt zu werden. Jahre, in denen ich hinten im Peloton um Anschluss gekämpft habe. Heute wird zurückgezahlt – für all die Tage, an denen ich alleine nach Hause fahren musste, weil die Form nicht für die vorletzte Kuppe reichte. Für die Zeiten, wo mein Name Seiten weiter hinten in den Ergebnislisten auftauchte. Aber ab heute wird alles anders! Sie werden vor mir zittern. Ab jetzt bin ich der Chef des Pelotons, der König der Landstraße, der Patron der Patrone – ähh: der Kapitän der Kapitäne!
Noch ein letzter Check: neue Kette, Laufräder und Hinterbau geputzt. Das neue Trikot zum Zeichen meiner Überlegenheit strahlt in reinstem weiß. Das Sitzpolster ist frisch gecremt. Vier Gels müssten für die Distanz reichen. Auch die Details zählen. Ich bin hochkonzentriert. Dasselbe Ritual wie vor jedem Rennen. Jetzt in den Flow kommen und dann durchziehen. Ein Blick in die Augen der Kontrahenten. Sie sollen spüren, dass der Sieg ab heute nur noch an mich gehen kann. Der Helm, die neue verspiegelte Sonnenbrille, der Pulsgurt… Was ist mit dem Pulsgurt? Oje, der Pulsgurt. Ohne Pulsgurt würd’ ich am ersten Berg überziehen. Garantiert, roter Bereich – und zack! – Krämpfe, vorzeitiges Ende, Abbruch, dasselbe wie immer. »Ich muss noch mal hoch, meinen Pulsgurt holen… Wartet ihr auf mich? Fahrt nicht ohne mich los…!«
»Mein Gott, Gelpe, Mann, jetzt hol endlich deinen Pulsgurt und beeil dich! Is’ ja schon gut, wir warten. Können wir nicht ein Mal pünktlich wie jede andere Radsportgruppe auch zur Dienstagsabend-Trainingsrunde starten?«
2
Am besten lernst du sie gleich mal richtig kennen, die Jungs und Mädels, die das Laktatexpress-Universum bevölkern und dir in den folgenden Geschichten gelegentlich um die Ohren fahren werden. Das also sind sie: die Protagonisten im »Tal der Ortsschildsprinter«. (Ansonsten müssen wir noch betonen: Alle in diesem Buch erwähnten Personen sind natürlich fiktiv, Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig und niemals beabsichtigt! Nie…)
Wuppertal, ja, ja, da wo der Papst mit Loriot ’ne Herrenboutique eröffnet… genau da liegt das Epizentrum unserer Radsportleidenschaft. In den umliegenden Wupperbergen finden sich Myriaden von MTB-Trails und Asphaltrampen, auf denen man die anderen vortrefflich leiden lassen kann. Das Bergische Land vor der Haustür und die Grenzen des Sauerlands sind auch lediglich eine knappe Fahrstunde vom Ortseingangsschild entfernt. Das Tal der Wupper selbst lässt nur eine Möglichkeit zu, »locker und flach« Rennrad zu fahren: durch die »Uelfe« Richtung Remlingrade-Radevormwald. Kein Wunder also, dass man sich hier zwangsläufig irgendwann auf der Abendrunde über den Weg fährt.
Erfahrener Ex-Rennfahrer, hat sich schon mit Bart Brentjens in Baal bei Sommerrennen gekloppt. Seine Fahrweise ist immer dynamisch, Beschleunigung nach der roten Ampel Ehrensache. Dass er alles mit Akribie vorbereitet, ist sein Markenzeichen, cellophanierte, sorgfältig gefaltete Trikotsätze für die einzelnen Etappen der Transalp sind ein Gerücht. Die Sprintattacken kommen dagegen vollkommen ohne Vorwarnung. Seine Wohnung liegt zufällig am Ende der Dienstagabendrunde, und er hat immer guten Espresso und kalte Getränke im Ausschank.
Gefürchtet wegen seiner gnadenlosen Trittfrequenz. Ehrenmitglied der »Sektion Burgholz«. (Das ist die Truppe, die jeden Sonntag durch das größte Waldgebiet zwischen Solingen und Wuppertal streift.) Der unverbesserliche Mountainbiker kennt restlos alle Verbindungsstrecken durch unser allerliebstes Naherholungsgebiet. Immer nach dem Motto: Je steiler, desto geiler. Der Unterschied zwischen einer 28-prozentigen Waldschneise und einem flachen Forstweg will ihm partout nicht einleuchten. Nebenbei ist Rainer noch für seine Grundlagenausdauer bei Salsa-Tanzevents bekannt, was manchmal zu lustigen Leistungseinbrüchen am späten Sonntagnachmittag führt.
Wo sie ist, ist vorne. Bei Trainingsrunden immer auffällig unauffällig. Mindestens zwei, drei Mal im Jahr haut sie einen raus, da fragt sogar der Trainer, wo das herkommt. Kann sechs Stunden lang drei Schläge unter Maximalpuls halten. Trägt seit mehreren Jahren das modische Trikot der NRW-Landesmeisterin über die Marathondistanz – und lässt sich auch von schiefen Bandscheiben oder querenden Motorrädern nur kurzfristig aufhalten. Bevorzugt im Gelände 14 Gänge und trinkt leidenschaftlich Isoplörre aus Tutzing. Ende der Werbepause.
Startet prinzipiell bedächtig von hinten aus dem letzten Startblock, um mehr Leute überholen zu können. Haut nach hinten immer einen raus wie Don Camillo und Peppone. Autorisierter Kurzstreckenreporter der Laktatexpress-Website: Wenn seine Bewertung eines Marathons negativ ausfällt, sinken im nächsten Jahr die Anmeldezahlen. Ist bei Veranstaltern deshalb gefürchteter als ein Restaurantkritiker beim Sternekoch. Aufgepasst, er verirrt sich in letzter Zeit öfter auf die längeren Strecken. Wenn er auf dem Rennrad zu sehen ist, hat es vorher zwei Wochen nicht geregnet.
Transalp-Challenge-Finisher aus Köln. Hat schon mehr Radfahrer gestoppt als die Polizei! Er arbeitet nämlich bei einer bekannten Zeitmessungsfirma. Kann da aber nichts für Jedermänner regeln, also bitte keine Zuschriften ;-).
Tempohart wie ein Stück Asphalt aus der Kürtener Sülz. Man sagt, er ist zur Verbesserung seiner anaeroben Fähigkeiten ins Oberbergische gezogen. Live high, work low, bike sometimes. Wir sind gespannt.
Online auch unter dem anglizierten Namen Rohan unterwegs, aktuell wohnhaft in Bochum. Unser Online-Auktionshaus-Experte, weiß immer, wo es was zu schnappen gibt. Weigert sich als einziger Fahrer, weißen Helm und weiße Schuhe zu tragen, hat außerdem einen Hang zu Mottotrikots und andersfarbigen Regenjacken. Und das, obwohl der stilsichere »Sprengmeister« sein langjähriger, kongenialer Teampartner ist.
Die Wälder östlich von Köln sind sein Jagdrevier. Regelmäßige Platzierungen bei MTB-Marathon- und in letzter Zeit häufiger auch NRW- oder RheinlandCup-Crosscountry-Rennen. Wenn auf den kurzen Strecken nicht immer der Puls so hoch wäre…
Last but not least: der Webmaster des Laktatexpress. Hatte im November 2001 die fixe Idee, eine Internetseite mit der Endung ».de« ins Leben zu rufen. Schreibt seitdem jeden Monat mindestens einen ellenlangen Bericht. Ist in seinem wahren Leben Semi-Radprofi und betreibt zum Ausgleich an Ruhetagen eine Wuppertaler Design-Agentur. Man sagt, er habe sich mit dem Förster im Gelpetal so zerstritten, dass er neuerdings als Radsportler öffentlich nur noch unter Pseudonym auftritt.
Dass Radsport keine reine Männerdomäne ist, beweist der Laktatexpress. Wir haben eine stattliche Anzahl gleichberechtigt bikender Paare in unseren Reihen (also nicht solche, wo »sie« sich von »ihm« das Fitnessrad zur Montagsrunde aufpumpen lässt):
Unsere Laktat-Keimzelle im wunderschönen Heidelberg. Leben auf, wenn es lang und bergig wird. Marbod hat einen Hang zu exzessiven Streckenlängen ô la Wuppertal–Berlin, Wuppertal–Stuttgart, Wuppertal–Paris. Seine Geschichten allein würden ein weiteres Buch füllen. Er ist außerdem bekannt für seine unerbittlichen Selbstportraits, durch ihn bekommt das Wort »Pass-Bild« eine vollkommen neue Bedeutung. Marbod brachte den Laktatexpress bundesweit ins Bewusstsein, indem er jahrelang RTFBerichte für die Tour schrieb. Einige wurden tatsächlich auch abgedruckt. Der Liebe wegen ging’s nach Heidelberg, da kann er jetzt mit Nina auch viel längere Touren fahren.
Unsere Multisportlerin aus Witten kann sich auf dem Rennrad so klein machen, dass dahinter nur Windschatten bis zur Kniescheibe entsteht. Sandra bestand Teil 1 des Laktatexpress-Aufnahmetests, weil sie ahnungslos bei einer fünfstündigen Grundlagenrunde durch das Bergische die komplette erste Stunde von vorne fuhr – und trotzdem am Ende mit der Gruppe ankam. Liiert mit…
Wohnt in einem Dorf der Ahnungslosen, wo Internet und Handy erst noch erfunden werden müssen. Ist aber egal, der Feldberg mit seinen Sahne-Trails ist nicht weit entfernt. Da kann man herrlich entspannt trainieren und grillen, was Teil 2 der Aufnahmeprüfung war.
Multiple Transalp-Challenge-Finisher. Eigentlich unzertrennlich, nur während der Etappenrennen hat der Teampartner Vorrang im Hotelbett. Lars unter anderem in Kombination mit Bernd aus dem Süden unserer Republik. Silke dauernd auf der Suche nach der richtigen Partnerin. Warum die beiden so viele Transalp Challenges mitfahren? Sie haben einfach übermäßig Erfolg bei Preisausschreiben und Sponsorings. Und wer sagt bei zwei Etappenrennen hintereinander schon nein, wenn der Chef den Urlaub freigibt?
Wuppertals prominentestes Radsport-Traumpaar. Fahren alle Sorten von Rad – Hauptsache, es gibt viel Windschatten. Waren akut in die Führungsarbeit eingebunden, als der Name Laktatexpress geprägt wurde. Die beiden, kurz »E+V« genannt, sind in ihrem zweiten Leben geistige Anführer eines Dortmunder Radsportvereins mit Spitzengruppe-Ambition. Deswegen war in der Anfangszeit auch eine gewisse Rivalität zu spüren…
Die Bergfestung im Sauerland, einst eine mächtige Radsport-Bastion gegen all die Windschattenlutscher aus dem Flachland. Hier hat der Laktatexpress seine Qualitäten am Berg erlangt und erste Einblicke in die Welt des gehobenen Amateurradsports erhalten.
Didi war schon NRW-Cup-Führender, als wir noch dachten, Biopace wäre die Zukunft. Sille, Danis Schwester, kann locker bei jeder RTF vorne mitfahren – wenn sie sich mehr zutrauen würde. Sie nennt den ersten wirklich schönen Krautscheid-Renner im neuen Design ihr Eigen. Wenn es keine schönen Stahlrahmen mehr gibt? Muss man halt alles selber machen.
Der braungebrannteste Fahrer der Lüdenscheid Connection hat Erfahrung im »Frauenweitwurf«. Podium Mixed bei der Rennrad-Transalp mit Deutschlands schnellster Postfrau Nicole H. aus Darmstadt. Bariadi findet kleinere Übersetzungen als 42 x 21 im Sauerland einfach lächerlich. Gehörte zur Bergstadt-Profitruppe um Côte-d’Azur-Rundfahrt-Sieger Stefan R., Bergwertungsgewinner Andre R. und Sprinttrikotträger Jörg B. (der neuerdings wieder beim RegioLoop auftauchte – und gewann).
Jetzt wohnhaft in Frankfurt. Wurde bei den Transalp Challenges 2002 und 2003 von seinen Teampartnern auf hohem Niveau so platt gefahren, dass er fortan nur noch auf Laufveranstaltungen gesichtet wurde.
Versenkt, vergrätzt, verzogen und verschollen. Bei einer freiwilligen Gemeinschaft von charakterstarken Individuen bleibt es nicht aus, dass eine gewisse Fluktuation im Gruppengefüge herrscht. Man kann es auch natürliche Selektion nennen. Aber egal, jeder dieser Herren hat einen berechtigten Platz in der Geschichte des Laktatexpress.
Wenn es das Wort »Freerider« schon vor zehn Jahren gegeben hätte, Robby wäre einer gewesen. Zu seinem Leid geriet er in den Uphill-lastigen Einflussbereich der Sektion Burgholz. Ist nach München verzogen und fährt seitdem kaum mehr – muss ja ein tolles Bike-Gebiet sein da an der Isar…
Berühmt aus der frühen Laktatexpress-Kolumne »Carsten erklärt die Welt«. War seiner Zeit weit voraus und hat Bowdenzüge fachgerecht mit Lüsterklemmen verlängert – die gute alte bergische Elektroingenieurs-Ausbildung… (Heute steht so was ja als Notfalltipp in jeder Bike-Zeitschrift). Träumt zeit seines Lebens davon, a) einmal schneller als Danielle zu sein, b) ein teureres Rad zu besitzen als Matt O. und c) bei der Rückfahrt aus dem Burgholz nicht auf Rainers Guide-Qualitäten angewiesen zu sein.
Kam, sah – und ging wieder. Glaubt jetzt an eine andere Konfession und trägt auch deren Trikot, ab und zu.
Der On/Off-Trikotträger aus Dortmund. Seine Ausreden vor Rennen sind legendär, sein Auftritt beim ersten Bike-Marathon in Wetter war suboptimal. Aber der Kerl ist gefährlich! Hatte mal Trikotgröße L – und fragt jetzt nach S! Jahrelanges Training oder neumodische Schmeichelgrößen?
Ein Antritt am Berg wie ein Hungerhaken. Im Nachnamen das englische Wort für Bremse. Auf dem Rad aber alles andere als das. Auch wenn er inzwischen vorzugsweise vorher schwimmen und anschließend noch joggen geht.
Und dann gab es noch ein paar Radfahrer in unserem Umfeld, die allesamt auf ihre jeweils unnachahmliche Weise den Namen Laktatexpress mitgeprägt haben.
Guter italienischer Radsportadel mit akuter Titanrahmen-Sammelleidenschaft, jetzt wohnhaft im schönen Allgäu. Unvergessen sein erster Auftritt beim Neuenrader Bergzeitfahren anno tuck. Einzelstart, die Profis alle längst oben, nur noch drei Hobbyfahrer auf der Strecke… also wird schon mal die Siegerehrung gemacht. Während der vermeintlich Erste aufs Podium klettert, kommt ein flatterndes weißes T-Shirt mit Hakenpedalen den Berg hochgeknallt. Bestzeit aller Klassen! Alle Lizenzler einen aufrücken, bitte…
Großgrundbesitzer und Fahrradnarr. Bester Kunde von Krautscheid Bicycles. War an der Entstehung des Begriffs Laktatexpress unmittelbar beteiligt. Irgendwann war ihm die Vorherrschaft auf allen RTFs der Region zu wenig und er gründete eine Nachwuchs-Rennsport-Gemeinschaft, die unter dem dubiosen Namen »Team Sieben Steine« den deutschen Zwergenradsport nachhaltig aufwirbelt.
Gefeierter mehrfacher Vereinsmeister aus Dortmund, tauchte am Tag nach einer Tequila-Party beim legendären 12.00-Uhr-Stadthallentreff auf. Es gab eine MTB-Ausfahrt in die Wupperberge, bei der unerbittlich alle vorhandenen Kräfte gemessen wurden. Der Tag endete mit der besinnlichen Suche nach »Gott« in den weiten Hanglagen unter der imposanten Eisenbahnbrücke von Remscheid nach Solingen.
Berühmt geworden durch seine brillanten Zwischenfragen zu bewegenden Radsportthemen: »Was sagst du zum sozialen Hochschulprojekt für Wuppertal?« »Hääh? Was hat dieses Projekt mit Radfahren zu tun?« Rein gar nichts, deswegen streut er derlei bildungsbürgerliche Blendgranaten gerne in die Spitzengruppe – immer dann, wenn am Tremalzo das Tempo mal wieder etwas zu hoch für ihn ist.
Er war der Erste und Einzige, der 1990 am Gardasee mit 2,4er Breitreifen rumfuhr – auch wenn die kaum durch den Hinterbau passten, egal. Manche sagen, er war Hellseher, andere monieren: »Damit kam er den Berg überhaupt nicht mehr hoch!« Unvergessen die erste Abfahrt vom Monte Brione an seinem Hinterrad, damals noch direkt an der Abrisskante lang – ohne Absicherungsseil! Wenn Engel fliegen könnten… Und dann war da noch die Aktion mit dem legendären, illegalen MTB-Marathon auf der »Rund um Wuppertal«-Wanderstrecke. Aber da können wir uns nicht mehr dran erinnern, Herr Oberförster. Man sagt, Hanswerner hat umgeschult und illustriert neuerdings Cover von Radsportbüchern.
Unser Mann für die Deutsche Meisterschaft! Ein knallharter Tempobolzer, der uns den Windschatten würdigen lehrte. Brachte sich 2001 bei der allerersten MTB-Hobby-DM in Willingen um den Sieg, weil er die Nacht zuvor unbedingt im Sauerlandstern übernachten wollte, ohne ein Zimmer gebucht zu haben. Am Start hatte er exklusiv drei Friseusen, die ihn frenetisch anfeuerten – aber irgendwie keinen Saft mehr in der Hose.
Mitbesitzer des wahrscheinlich besten und sicher einzigen Outdoor-Outlets in der bergischen Metropole. Mag seit Ende seiner Karriere als Lizenzfahrer nicht mehr schnell fahren. An seiner schnuckeligen Radsport-Finca in Cronenberg startete einst der »Rund um Wuppertal«-MTB-Marathon… »Welches Rennen, Herr Oberförster? Ich hab’ nur zufällig eine dreistellige Nummer am Lenker.«
Inhaber der berühmt-berüchtigten »Cycle Station«. Einziger Radsportladen für sportlichere Betätigung in Wuppertal. In den Vitrinen waren die ersten vollkommen überteuerten Syncros-Teile zu bewundern. Ist vor Jahrzehnten über den ortsansässigen Fluss gegangen.
3
Wenn du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren aufgewachsen bist, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Pulle mit dem Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm! Wir tranken aus Wasserhähnen oder Bächen und nicht aus antiseptischen CamelBaks oder silberionisierten Bidons.
Wir bauten unseren Puky-Rädern alles Unnötige dran und wieder ab und entdeckten während der ersten rasenden Abfahrt, dass Weinmann-Bremsen doch was Tolles sind. Wir kamen nach einigen Unfällen auch ohne klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und kehrten erst nach Hause zurück, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy oder GPS dabei!
Ja, das waren lustige Zeiten, als wir in bunten Klamotten den Monte Brione runterheizten oder als Espoirs mit kratzigen Baumwolltrikots im Unterlenker unserer Sieben-Gang-Raleighs hingen. Wir haben uns geschnitten, brachen uns Knochen, Schulterblätter und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt! Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach Aufsichtspflicht. Kannst du dich noch an »Unfälle« erinnern? Der Surfschüler, der sich erstmalig ein Carpentari-Rad auslieh und sich prompt das halbe Ohr abriss? Wir haben ihm den Lappen unter ein verschwitztes Stirnband gesteckt und sind ins Krankenhaus gefahren. Damit mussten wir alle leben, denn es interessierte niemanden – und keine Fachzeitschrift schrieb uns vor, wie breit der Lenker sein musste! Wir aßen Kekse auf unseren Touren und Brote mit dick Butter. Wir grillten ständig und wurden trotzdem nicht zu fett. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten keine Playstation, kein Nintendo 64, dafür Indexschaltung, BioPace, Deore XT und mehr Spiel im Steuersatz als heutzutage Federweg. Wir hatten im Studium Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht zu klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Terminkalender, Outlook oder SMS. Keiner fuhr mit dem Auto zum Treffpunkt, keiner brachte uns und keiner holte uns, wir nahmen einfach das Rad. Nicht den Crosser, das MTB, das Zeitfahrrad oder den Renner – einfach das Rad. Wie war das nur möglich?
Wir dachten uns Spiele mit dem Rad aus, mit Holzstöcken und Tennisbällen, mit Baumstämmen und Treppen, und wir versuchten, in Kratern und Skateparks Rad zu fahren. Außerdem tranken wir TRi TOP pur, ohne dass die Prophezeiungen eintrafen, die Plörre würde in unseren Mägen für ewig zu Zuckerklumpen erstarren. Und trotzdem hatten wir mit notorisch leeren Trikottaschen nicht selten einen Hungerast. Meine Freundin fuhr zum Bike-Festival an den Gardasee – und kam mit einem Riesen-Blechpokal zurück! Wir lernten, was ein Leistungstest ist – und wie schlecht wir doch waren. Wir nahmen das Training ernster, disziplinierten uns, wurden besser und besser. Beim Straßentraining durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Basta!
Aber wir wurden auch älter. Die Regenerationszeiten wurden länger, und wer das nicht akzeptierte, landete im Fegefeuer des Übertrainings. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Eine rote Ampel konnte eine Gruppe trennen, ein missachteter Radweg eine endlose Diskussion mit der Polizei herbeiführen. Von hupenden Autos, abgerissenen Rückspiegeln und in Cabrios versenkten, klebrigen Iso-Flüssigkeiten ganz zu schweigen. Wir waren keine Engel auf Rädern. Wir hatten traumhaft schöne Momente auf zwei Rädern. Wir haben aber auch gelernt, dass traumatisch schreckliche Unfälle zum Radsport dazugehören. Nur gut, dass wir fast alle ein Mal mehr aufgestanden, als unter der Leitplanke durchgerutscht sind.
Unsere Generation der Senioren 1/2/3/4 hat eine Fülle von innovativen Entdeckern mit Risikobereitschaft und charismatischen Führungspersönlichkeiten hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung in Beruf und Karriere – und wir hatten den Radsport als Schule, Ausgleich, Ansporn und Lebensinhalt. Mit alldem wussten wir umzugehen. Bis heute… und hoffentlich auch noch in ferner Zukunft.
Du willst wie Freddy Mercury auch nur täglich dein Rad fahren? Du stehst auf das wöchentliche Ausscheidungsrennen mit deinen besten Freunden? Du sehnst dich nach epischen Ritten durch faszinierende Landschaften? Und du genießt montagmorgens am Arbeitsplatz das herrlich brennende Gefühl in deinen Oberschenkeln, und deine Arbeitskollegen können die Milchsäure, die dir in den Pupillen steht, förmlich sehen?
Willkommen in der wunderbaren Welt des Laktatexpress!
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