Landschaft ohne Zeugen - Ines Geipel - E-Book

Landschaft ohne Zeugen E-Book

Ines Geipel

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Beschreibung

Vom Staatsmythos Buchenwald zum Angriff auf die Demokratie  Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf das, was im Land Gedächtniskultur heißt, kommen nicht mehr nur von rechts. Warum? Was ist da los? Ines Geipel taucht in ihrem neuen Buch »Landschaft ohne Zeugen« noch einmal in die Vergangenheit ein, sucht nach den Quellen der Lagerwelt und befragt die Legenden nach 1945: von der vorbildlichen Aufarbeitung im Westen bis zum antifaschistischen Staatsmythos der DDR. Ein bestürzendes, hochaktuelles Buch über die alte und neue Unfähigkeit zu trauern und die Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen. 

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ines Geipel

Landschaft ohne Zeugen

Buchenwald und der Riss der Erinnerung

 

 

Über dieses Buch

 

 

Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf unsere Erinnerungskultur kommen nicht mehr nur von rechts. Warum? Mittels neuer Dokumente legt Ines Geipel Schicht für Schicht frei und erzählt noch einmal von vorn. Sie sucht nach den Quellen der Lagerwelt und befragt die Legenden vor und nach 1989: vom antifaschistischen Staatsmythos der DDR bis zu den Täter- und Opfererzählungen in Ost und West. Ein bestürzendes, hochaktuelles Buch über die Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen und die Falschbilder der Aufarbeitung im Land.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. 1989 floh sie nach ihrem Germanistik-Studium von Jena aus nach Darmstadt und studierte dort Philosophie und Soziologie. Das zentrale Thema ihrer Arbeit als Autorin und Herausgeberin ist die deutsche Gewaltgeschichte sowohl des Nationalsozialismus als auch der DDR-Diktatur. 2011 erhielt Ines Geipel das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2020 den Lessingpreis für Kritik, 2021 den Marieluise-Fleißer-Preis und 2023 den Erich-Loest-Preis. Bei S. FISCHER erschien zuletzt ihr Buch »Fabelland«, das für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominiert war.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH,Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg

Coverabbildung: Gedenkstätte Buchenwald/akg-images/Stefan Ziese

ISBN 978-3-10-492307-9

 

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Inhalt

Gravitation in Kreisen

Quellen

Die Ausgangsstory

Quellen

Wundbrand

Quellen

Erinnerungstausch

Quellen

Cold Case

Quellen

Häftling 2417

Quellen

Innere Unruhe

Quellen

Gedächtnisbeton

Quellen

Die Weggekommenen

Quellen

Verlorene Form

Quellen

Schwimmende Bestände

Quellen

Notsprache

Quellen

Klar, Nachtfröste

Quellen

Es hört nicht auf

Quellen

Gedächtnissiegel

Quellen

Literaturverzeichnis

Dank

Gravitation in Kreisen

Unflüssiges. Buchenwald. Die Landschaft, die Blätter auf dem Caracho-Weg, der zerrende Wind über dem Hügel, die endlosen Geschichten, die Zeit. Wie ein kreiselnder Anfang. Das Bedürfnis, sich dem Ort langsam zu nähern. Ist nicht längst alles gesagt, geschrieben, ausgetauscht, das Feld ausgeschritten? Prozesse, Zeugen, Quellen, Bücher, Filme, Debatten. Achtzig Jahre lang. Und warum hält es nicht, wo wir doch so viel wissen? Ist etwas übersehen worden? Fehlt etwas? Was? 

Das Jahr 1974. Eine Vierzehnjährige in Buchenwald, oben auf dem ehemaligen Exerzierplatz vor den SS-Kasernen. Antreten. Dalli-dalli. Ich weiß nicht mehr, wer ich mit 14 war. Natürlich weiß ich es. Blass, stotternd. Aber vielleicht ist das schon zu viel, vielleicht sollte ich es ruhiger angehen. Mit dem Himmel, dem Gekreisch der Vögel, der Schattenwelt der Buchen, den flirrenden Wolken über uns. Es muss Frühling gewesen sein. Die Staatsweihen für die Jugend fanden meist im Frühling statt. Der Schotter, der mürrische Wind. Ich denke an Klaus, Steffen, Franzi, Pia, Martin, an unsere Klasse, an mich. Wie wir in unseren blauen FDJ-Hemden da oben auf dem Platz standen. Klaus versuchte es mit einem Witz. Er war zuständig dafür: uns rauszuholen, wenn wir nicht über den Tag kamen. 

Die Sache mit dem Stottern, dem Unflüssigen, Verhakten. Später habe ich öfter darüber nachgedacht. Über die Wörter. Was mit ihnen war. Was da eigentlich passierte. Klaus und das braunrote Tier, das gerade von links über den SS-Exerzierplatz tippelte und unsere Aufmerksamkeit gleich hatte. Ka-Ka-Katze, zischte er. Die anderen kicherten. Ich wollte auch mitkichern. Aber etwas in mir schien sich zu verheddern, legte sich quer, hatte vor, jäh zu platzen. Ka-Kaka-Kakaka-Katze, schoss es aus mir raus. Hinter mir stöhnte es. 

Der Mann vorn auf dem Platz ließ seinen Blick über unsere Köpfe gleiten und blieb an mir hängen. Das ist nicht lustig, schnauzte er, nicht harmlos. Dem konnte ich nur zustimmen. Was sollte harmlos daran sein? In meiner Vorstellung drehten und wendeten sich die Wörter, wie ich wollte. Ich konnte mit ihnen jonglieren, sie hüpfen und tanzen lassen. Wo auch immer ich war, redete ich. Ich redete einfach durch. Direkt, impulsiv, auf der nicht abreißenden Wörterstraße entlang. So meine Vorstellung. In der Realität sah es anders aus. Da steckten die Wörter in mir fest. Sie wandten sich, kollerten, verklebten zu miesen Klumpen. Wenn sie irgendwann doch aus mir rauskamen, zerplatzten sie wie Knallbonbons. Es waren Luftstummel. Trümmerteile von dem, was mal meine Gedanken gewesen waren. 

Der Mann vorn starrte noch zwei, drei Sekunden über uns hinweg, kam dann aber auf sein Programm zurück. Das kannten wir schon. Unsere eigentliche Weihe hatten wir bereits zu Hause durchlaufen. Am 11. Mai 1974, im Dresdner Filmtheater »Prager Straße«. Es hatte Beethoven gegeben und Faust und etliche dicke Reden. In ihnen war es um Opferbereitschaft gegangen, um Heldentum, um wahre Standhaftigkeit im Kampf gegen den Feind. Das waren die Herkunftswörter unserer Zeit. Wir hatten uns bewusst zu sein, wir hatten wachsam zu sein und allerhand zu geloben. Auch in Buchenwald hatte es diese bedeutungsvolle, rote Mappe gegeben. Der Mann vorn richtete das Mikrofon aus und den Blick auf uns. Er schlug die Kladde auf und setzte an: »Seid ihr bereit, als junge Bürger – getreu der Verfassung – für die große und edle Sache – –.« An die zweihundert Stimmen dröhnten: »Ja, das geloben wir!« – »Seid ihr bereit, als treue Söhne und Töchter unseres Arbeiter- und Bauern-Staates – –.« – »Ja, das geloben wir!«[1] 

Es dürfte Juni gewesen sein. Das Schuljahr war fast zu Ende. Ich sehe mich oben auf dem SS-Platz stehen wie auf einem Zeitplateau. Wie eine Figur aus meiner eigenen Erinnerung. Ein fremdes, vertrautes Mädchen, picklig, mit sich beschäftigt. Ein Mädchen, das aber in dem Moment vorhatte, ins Licht zu treten. Als würde es sagen: Ich behaupte, dass ich das war, damals, vor fünfzig Jahren. Ich behaupte, dass da was angefangen hat. Der Juni 1974 auf dem Appellplatz in Buchenwald, unsere blauen Hemden, die Schwüre: »Seid ihr bereit, als würdige Mitglieder der kommunistischen Gemeinschaft – –.« – »Ja, das geloben wir!« – »Seid ihr bereit, als wahre Patrioten die feste Freundschaft mit der Sowjetunion – –.« – »Ja, das geloben wir!«[2] 

Eine Kamera, die das verpickelte Mädchen langsam heranzoomt. Wie es da steht und nicht weiterweiß. Und das mit dem Anfang? Was hatte es auf sich damit? Eine Szene, die nun von Blau in Rot wechselt und damit einen anderen Augenblick hervorhebt, für das Auge bewohnbar macht, ihn beleuchtet. Was das soll? Vielleicht, dass sich die Dinge so voneinander lösen können, sich auseinanderhalten, wo sie ansonsten gern rasch verschwimmen? Aber wer waren wir auf dem Platz der Schwüre? Klaus, Steffen, Franzi, Pia, Martin, ich? Ein halbes Jahrhundert Buchenwald. In ihm das Buchenwald des Nationalsozialismus, das Buchenwald der DDR, das Buchenwald nach 1989. 

 

Epizentrum. Das mit dem Zeitplateau. Ihm würden wir nicht mehr entkommen. Aber das wussten wir nicht. Woher hätten wir das wissen sollen. Vielleicht ist es von heute aus das klarste Gefühl für diesen Ort: dass wir nichts wussten, nichts wissen sollten, nicht konnten. Das Bild, wie unsere Klasse mit dem Bus nach Buchenwald fuhr. Vieles von dem Weihe-Frühling ist in mir weggetaucht, aber die Anfahrt ist mir geblieben. Die Blutstraße, das explodierende Grün der Buchen, das Bewachsene, Zugewachsene, kilometerlang.

Wie verloren wir in dem Unverstandenen waren, denke ich. Der Appellplatz, unsere Stimmen, die Stimmen der anderen. Wir bezogen die Zimmer in den SS-Kasernen. Es gibt ein Foto von dem Tag: Steffen und Pia sitzen oben auf einer kleinen Mauer und rauchen. Wir stehen davor und blicken ins Leere. Es existiert keine Verbindung zwischen uns. Die Schlaghosen, die großen Cordbeutel, die weißen Socken in den Sandalen. Als ob wir auf Wanderung gehen wollten. Franzi hat Blumen in der Hand und betrachtet eingehend den Himmel. Klaus kramt den Zettel aus der Hosentasche, auf dem das Programm für die drei Tage steht. Erster Punkt: Einführungsfilm. Oder wie wir vom üppigen Buchen-Grün ins Dunkle einzogen. Die Augen, die Gesichter, die Körper der Ausgemergelten. Die Überdimension, das Ikonographische, die Chiffren. Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass das geht. Achtzig Jahre lang Skripte, Forschung, Ästhetiken, Versuche, über das Unaussprechliche nachzudenken, am Bruch zu arbeiten, nicht bereit zu sein, ihn zu übergehen. Und nun? 

Wir hockten in dem kleinen Kino. 26 Minuten das Klackern der Bildrollen. 26 Minuten, in denen sich unsere Rücken in die Sitze drückten, wir spürbar flacher atmeten und Buchenwald durch uns durchlief: Schutt, Tote, Haufen, übergroße, offene Feuer, zahllose, in Decken gewickelte Hungerkörper, Schuhe, Knochen, Augen. Wie ausrollende Bildwellen. Ein Film von 1961, für den das Ostberliner Dichterpaar Inge und Heiner Müller drei Jahre zuvor den Auftrag übernommen hatte. 

Vierzig Jahre später würde ich im Archiv mehr darüber lesen. Notizen, Skizzen, Szenenfolgen. Das Buchenwald-Material als Gründungsort eines jungen Schreibduos. Als ob es auf ein Epizentrum zutreiben würde: »Versuche, sich zu nähern, aber Gravitation in Kreisen nimmt zu.« – »In Landschaften gehen/sie durchkreuzen/durch sie hindurchgehen.« – »Die Fingernagelspuren an der Innenwand der Gaskammern (in Buchenwald?). Mann über Frau über Kind.«[3] 

Ein Auftrag von 1958. Dreizehn Jahre nach Kriegsende. Warum ich seit geraumer Zeit den Eindruck habe, dass es im Moment noch einmal um die fünfziger Jahre geht. Dass da was war und vor allem geblieben ist, was im Jetzt der Gesellschaft dabei ist, sich nach oben zu schieben. Dass es um eine Geschichte des Sortierens, Wegsortierens, aber auch des Einfrierens, Zufrierens, Erstarrens geht. Eine Art Sanktuarium, das den Bruch verwischen, verzögern, verhindern sollte, vielleicht musste und nun mit einem neuen Verwischen, Verschwimmen, Verschwinden zu tun bekommen hat. Stimmt das so? Eine Gravitation in Kreisen?

Wir verließen das Kino. Steffen meinte, wir sollten zum Glockenturm gehen. Dort könne man wenigstens in Ruhe rauchen. Wir liefen in Richtung Mahnmal, kurvten an der großen Bronzeplastik vorbei, hockten uns vorn an die äußerste Kante, an den Rand des Steinfeldes. Vor uns ausgelegt das Thüringer Becken. Die Felder, das Hügelige, das seidige Grün, die Weite, der Wind. Als ob man von hier aus in die Antike schauen könne, sagte Martin. Das hört gar nicht mehr auf. – Vielleicht haben die im Lager das auch so gesehen?, fragte Franzi. Keine Antwort.

Hier ist alles drüber, über der Dimension, über dem Vielen, der Gravitation, dem Absoluten. Dachte ich das? Die Filmbilder, die unüberblickbaren Plätze, die Stimmen der anderen, ihre Wörter, das Haufengefühl. Es war nur das geblieben, woran wir nicht denken wollten. Wir saßen noch, schauten. Still, rauchend.

 

Zeichenzombies. Ich würde die Schule verlassen und ab der neunten Klasse auf ein Internat im Thüringer Wald wechseln, weit weg von Dresden. So stand es in einem Brief der neuen Schule, der vor zwei Wochen zu Hause im Briefkasten gelegen hatte. Die Reise nach Buchenwald war also gar kein Anfang, sondern ein Abschied. Ich wollte nicht weg von den anderen. Ich wollte weiter Klaus-Witze und Martin-Kommentare hören, mit Pia tuscheln, mit den anderen rumstehen. Was sollte werden? Der zweite Tag Buchenwald: am Vormittag Führung und Dauerausstellung, am Nachmittag unsere Weihe. Wir stolperten über das unübersehbare Gelände des Lagers wie über eine Steppe. Das plane Schotterfeld, die Junisonne, die bereits eingegelbten Wiesenkarrees, die Schornsteine, Kochgeschirre, die Kränze, die Sätze, die vielen Ausrufezeichen. »Ewiger Ruhm!« – »Ehret unsere Helden!« – »Ihre Leiber sind nicht mehr, ihre Taten bleiben!« – »Sie starben, damit wir leben!«[4]

Wörter wie unbewohnbare Räume. Als wäre nie jemand durch sie hindurchgegangen, als hätte sich nie jemand ans Fenster gestellt und mal eine Weile nach draußen geschaut. Wörter wie Abwesende, Blöcke, Monumente. Jemand existierte nicht mehr, damit wir da sein konnten. Leiber. Ich wusste in etwa, was das war. Aber Leiber mit dicken Ausrufezeichen, an deren Stelle es nun uns geben sollte? Was verband sie und die Filmbilder, die wir gestern gesehen hatten?

Monumentenwörter. Bislang nahm ich an, ich sei sie mit der Zeit losgeworden. Sie waren ohne Realität, also erloschen sie. Es war schwieriger, vertrackter. Sie waren hartnäckig. Textschleusen mit einem eigenartigen Signalsystem. Aber wie ging das eigentlich? Verließen die Wörter mich, wenn sie nicht mehr zum Leben gehörten oder verließ ich die Wörter? In jedem Fall waren es Untote, Zeichenzombies. Als hätten sie unbeirrt weitergemacht. Als wären sie zu schwer, um einfach so zu verschwinden. Hatten sie kein Realitätsproblem? Dabei gab es so schöne, alte Wörter: dingeln, picheln, hausen, wienern. Antlitz, Quacksalber, Hupfdohle. Auch wenn diese Wörter kaum noch zum Einsatz kamen, war klar, dass Ton und Bild bei ihnen passten, dass sich Innen und Außen im Einklang befanden. Wörter, die Luft hatten, bei denen nichts klumpte. Von der Zeit Freigelassene.

Über das, was ich die Monumentenwörter nenne, konnte man das nicht behaupten. »In diesem Bau verbrachten die für den Tod bestimmten Antifaschisten ihre letzten Stunden.«[5] Wir lasen die Tafeln. Wir bezweifelten nicht, was da stand. Aber ich erinnere mich, dass Franzi unsere Klassenlehrerin, Fräulein Donnermeyer, nach dem Pfarrer Paul Schneider fragte. Wieso man seinen Namen auf dem Gelände nirgendwo lesen könne. Die Großmutter hätte ihr immer wieder von ihm erzählt. Er sei der Prediger von Buchenwald gewesen. Fräulein Donnermeyer strich sich über den Rock, kratzte sich an der rechten, prallen Wade. Sie war eine freundliche Frau. Wir mochten sie. Irgendwo dazwischen hatte sie sich entschieden. Sie überging Franzi einfach. Statt zu antworten, bat sie Klaus, seinen Zettel aus der Hosentasche zu ziehen und den nächsten Programmpunkt vorzulesen. Wie zum Abschluss sagte sie: Es gibt nichts zu trödeln, wir haben noch viel vor.

Eine Vierzehnjährige ist ein verschlossener Raum. Ich erinnere mich an die blauen Schuhe mit den bunten Punkten, die ich anhatte, bis sie zerfielen, an die ersten Jeans und daran, dass ich meine Muskeln an den Oberarmen gern anfasste. Ich sehe mich in unserem Klassenzimmer sitzen und am Küchentisch zu Hause. Von heute aus würde ich sagen, dass ich auf dem Zeitplateau von Buchenwald wusste, was man wissen musste, ohne etwas zu wissen. Und gehe davon aus, dass das bei den anderen auch so war. Denn wir bemerkten ja, dass sich Fräulein Donnermeyer die Wade kratzte, um Franzis Frage an ihr abgleiten zu lassen. Wir lasen die Blockwörter, wir liefen über das riesige Lagerfeld. Es gab das Unübersetzbare, Stumme, und es gab etwas, das uns verwirrte.

Dennoch ist mehr gewesen. Das ist, was mich beschäftigt. Vor mir das Foto von uns vom Frühling 1974. Wie wir versuchten, uns in der Abwesenheit des Ortes anwesend zu machen, und dabei einknickten, dichtmachten. Wie merkwürdig verformt wir auf dem Bild aussehen. Als hätte sich die Abwesenheit des Ortes auf uns übertragen. Über diese Verformung denke ich nach. Über ihre Dimension. Über das Lager und das, was man das Reale nennt. Über das Dickicht der Erzählungen im Danach. Ab wann die Geburt einer Realität das Sterben oder auch die Vernichtung einer anderen Realität bedeutet. Ab wann die Geburt einer Illusion das Sterben oder auch die Vernichtung einer Realität bedeutet.

Ich denke darüber nach, wie ich mir als Vierzehnjährige diesen Ort vorgestellt habe, was ich damals wusste, wissen konnte und wie es heute damit aussieht.

Quellen

»F., Rudolf, geb. 1916 in Dorna, wohnhaft in Gera, wurde 1936 auf Anordnung des damaligen Gesundheitsarztes Dr. Jung zur Beobachtung seines Geisteszustandes nach der Heilanstalt Stadt-Roda gebracht. Dort verblieb er bis zum Jahr 1939 und wurde von da aus nach dem KZ-Buchenwald überführt. Im Jahr 1945 im April wurden Tausende Häftlinge des KZ Buchenwald nach den rückwärtigen Lagern gebracht. Das letzte Lager, das F. anlaufen sollte, war Flossenburg. Doch vor Erreichung dieses Zieles wurden sie von den Amerikanern befreit. F., Rudolf gibt bei seiner Vernehmung vom 2.7.1948 an, dass er wegen einer Operation ›Sterilisierung‹ keine schwere Arbeit verrichten könne. Aus diesem Grund habe er seinen Arbeitsplatz bei der Wismut verlassen. F., Rudolf war im Juni 1948 illegal nach Westdeutschland gegangen. Da er drüben keine Arbeit bekam, kehrte er bereits kurz darauf (Tage) zurück und wurde am 1.7.1948 in Weida beim Betteln festgenommen.« Aussagen über Verbrechenskomplexe KL Buchenwald, Rechtshilfeersuchen West, 3.7.1964, BArch, MfS, HAIX 11, RHE West 67, Bd. 3, S. 159.

»Alle Sonderbehandlungsfälle sind ebenso gründlich wie beschleunigt zu bearbeiten. Der Tatbestand ist in klarer, knapper Form darzustellen. Gründe, die einer Exekution entgegenstehen, sind anzugeben. Bei Fremdvölkischen sind die Sondererlasse zu beachten, nach denen zum Teil besondere Unterlagen beizufügen sind (Beurteilung über Eindeutschungsfähigkeit usw.) Der jeweils verantwortliche SS-Führer hat dafür zu sorgen, dass bei aller notwendigen Härte keinerlei Brutalitäten vorkommen.« Heinrich Himmler, der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Neugefasste Durchführungsbestimmungen für Exekutionen im Konzen­trationslager, Berlin, 6.1.1943, BArch, MfS, HAIX/11, BV Lpz., S. 373.

»In der Anlage wird eine Aufstellung über die laufenden Zu- und Abgänge in sämtlichen Konzentrationslagern zur Kenntnisnahme übersandt. Aus derselben geht hervor, dass von 136000 Zugängen rund 700000 durch Tod ausgefallen sind. Mit einer derart hohen Todesziffer kann niemals die Zahl der Häftlinge auf die Höhe gebracht werden, wie es der Reichsführer-SS befohlen hat. Die 1. Lagerärzte haben sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einzusetzen, dass die Sterblichkeitsziffern in den einzelnen Lagern wesentlich herab­gehen. Nicht derjenige ist der beste Arzt in einem Konzentra­tionslager, der glaubt, dass er durch unangebrachte Härte auffallen muss, sondern derjenige, der die Arbeitsfähigkeit durch Überwachung und Austausch an den einzelnen Arbeitsstellen möglichst hochhält.« SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt, Arbeitsgruppe D Konzentrationslager, Oranienburg, 28.12.1942, BArch, MfS, HAIX, Nr. 22813, S. 36.

»Es wurde bekannt, dass bei der Befreiung des KZ Buchenwald durch die Amerikaner eine Reihe der dort befindlichen Kommunisten noch in Haft behalten wurde auf Grund schwerer Anklagen, die von französischen, polnischen und tschechischen Häftlingen gegen sie erhoben worden sind.« »Über das Verhalten einer Reihe von deutschen Kommunisten im KZ Buchenwald, September 1945«, BArch, SAPMO, ZPA I 2/3/155, S. 75

»Die angeordnete Bezeichnung ›K.L. Ettersberg‹ kann nicht angewendet werden, da die N.S.-Kulturgemeinde in Weimar hier­gegen Einspruch erhebt, weil Ettersberg mit dem Leben des Dichters Goethe im Zusammenhang steht. Auch Gauleiter Sauckel hat mich gebeten, dem Lager eine andere Benennung zu geben. Das Lager nach dem Dorf Hottelstedt zu bezeichnen, ist nicht angängig, weil die SS-Angehörigen des 3. SS-TV ›Thüringen‹ finanziell Schaden erleiden würden, da die Bestimmung besteht, dass dann der Wohnungsgeldzuschuss nach dem Dorf Hottelstedt bemessen werden müsste. Die Lebenshaltung der SS-Angehörigen entspricht aber derjenigen der teuren Stadt Weimar.« Der Führer der SS-Totenkopfverbände und Konzentrationslager, Berlin, 24.7.1937, BArch, MfS, HAIX, Nr. 22813, S. 47.

»Es kann am 9. oder 10. April 1945 gewesen sein, als Mittag ein langer Zug von Häftlingen mit gestreiften Anzügen durch Wernburg kam. Sie waren alle sehr abgemagert und erschöpft. Manche konnten kaum noch laufen. Wo sie Leute sahen, haben sie um Brot und Wasser gebettelt. Unsere damalige Untermieterin aus Breslau ging mit einem Wasser vor das Tor und hat den Häftlingen Wasser gereicht. Die Wachtposten kamen aber gleich und verboten dies.« Zeitzeugenbericht, BArch, MfS, BV Gera, AS 31/74, S. 11.

Die Ausgangsstory

Erinnerungskälte. Der Versuch, hinzuschauen. Versuchen, Wörter zu finden für das, was man das Lagergedächtnis nennt. Etwas, von dem es heißt, dass es nicht beschreibbar ist, nicht beschrieben werden kann, nicht darf. Das Unfassbare. Wenn ein Lagergedächtnis nicht beschrieben werden kann, gibt es den Abgrund, dann hat es Risskanten und Unsagbares. Es muss Risskanten haben, muss den Abgrund haben, es muss mehr als ein Gedächtnis sein. Es darf nicht runtererzählt, wegerzählt, durcherzählt werden können, darf kein Kontinuum sein, keine logische Abfolge haben, muss etwas anderes werden.

Es ist Februar 2025. Ich fahre ins Archiv. Berlin, Stasiunterlagen-Archiv, Frankfurter Allee. Die Scheibenwischer schieben den Winterregen zur Seite. Ich denke an die Vierzehnjährige und mein Grundgefühl zu Buchenwald. Die Angst vor den Bildern, vor der Kälte. Seit dem Mädchen 1974 auf dem SS-Appellplatz in Buchenwald kann diese Kälte kommen. Einfach so. Es ist nicht die Kälte des Lagers, es ist das, was man vielleicht Erinnerungskälte nennt. Das also, was später kam. Zuallererst für diejenigen, die überlebt haben, aber irgendwann auch für die, die versuchen wollten, sich ein Bild zu machen. Zehn Jahre, dreißig, vierzig, achtzig Jahre danach.

Die Erinnerungskälte, die über den Körper kommt. Die darauf aus ist, der konkreten Erfahrung nachzugehen. Die Bedeutung der Körper, die Bedeutung der Erfahrung der Körper. Könnte das eine Möglichkeit sein, dem Gedächtnis des Lagers näherzukommen? Aber wie? Die Fakten zu registrieren reicht nicht, die Wissenschaft reicht nicht, die öffentlichen Diskurse reichen nicht, Imre Kertész, György Ligety, Claude Lanzmann reichen nicht. Wiederherstellen ist unmöglich, wiedergutmachen auch. Wie weit also muss ich zurück für die Frage, warum nicht hält, was wir doch wissen?

Es gäbe viel Material, sagt der Mann, der mir im Archiv die Akten aushändigt. Buchenwald sei ein großer Vorgang. Ich nicke. Und was dachten Sie, womit Sie anfangen? Der Aktenstoß, die erste Mappe. Die Passfotos. Die harten Gesichter. Es sind Tätergesichter. Sie als Anfang? Mein Griff nach der zweiten Mappe: »Am 19. April 1945, im Verlauf eines Berichts im Unterhaus, sagte Premierminister Churchill: ›Ich habe heute morgen eine inoffizielle Mitteilung von General Eisenhower erhalten, in der angegeben ist, dass die neuen Entwicklungen besonders in Weimar alles übertreffen, was bisher aufgedeckt worden ist. Er fordert mich auf, eine Delegation des Parlaments sofort nach seinem Hauptquartier zu entsenden, um selbst die Grausamkeiten in Augenschein zu nehmen und darüber Beweis aus erster Hand zu erstatten. Die Sache ist dringend. Der Gegenstand des Besuches ist, die Wahrheit herauszufinden.‹«[1]

 

Urbestand. 19. April 1945. Der Krieg, der noch reichlich zwei Wochen dauert. Die parlamentarische Delegation aus London, die mit zwei Vertretern des englischen Oberhauses und acht des Unterhauses noch am selben Tag zusammenkommt. Einen Tag später die Abreise: »Wir verließen London mittels Flugzeug am Nachmittag des Freitag, 20. April. Bei Ankunft in Frankreich, wo wir den Freitagabend zubrachten, wurden wir von General Eisenhower und seinem Stab begrüßt und gastlich aufgenommen. Wir reisten am folgenden Morgen weiter nach Weimar und kamen im Lager Buchenwald ungefähr um 11 Uhr am Sonnabend, den 21. April, an. Das Lager Buchenwald liegt in hügeligem, bewaldetem Gelände ca. 15 Minuten Fahrt von Weimar entfernt. Es ist schlecht angelegt, auf abfallendem, unebenem Grund. Die Mauern und Wege sind schlecht gehalten; zur Zeit unseres Besuches waren sie mit Staub bedeckt, der im Wind umherwirbelte.«[2] Zehn britische Parlamentarier, die sich an Hitlers 56. Geburtstag auf den Weg nach Deutschland machten. Dort blühten die Apfelbäume, dort fielen die Bomben, dort rollten vergatterte Güterzüge, vollgepfercht mit Menschen in KZ-Kleidung Richtung Westen. Dort flogen die Alliierten pausenlos Luftangriffe auf die Reichshauptstadt. Im Führerbunker herrschte heillose Aufregung. Am 21. April begann die Schlacht um Berlin.

Die zehn Parlamentarier aus London, die sich auf den Weg nach der Wahrheit machten, »während der Augenschein noch frisch« war, so der Bericht.[3] Die Wahrheit in Augenschein nehmen, die Augen zum Beweis machen, die unmittelbare Wahrnehmung als Tatsache, als Fakt. Der Augenscheinsbeweis, der nicht nur Sehen, sondern auch Riechen, Hören, Tasten ermächtigt. »Wir beschlossen daher, von unserem Bericht alle Behauptungen auszuschließen, über die kein Beweismaterial vorlag.«[4] Die zehn liefen durch das befreite Lager, in dem sich noch annähernd 21000 Häftlinge befanden. Der Wind wirbelte. Es war Samstag. Es war noch Krieg. Ob sie Angst hatten? Ob sie manchmal innehielten? Es war der Tag, an dem die Sowjets die ersten roten Fahnen an den Außenflanken von Berlin hissten. Was die britischen Parlamentarier nicht gewusst haben dürften. Ihr Bericht merkte an, dass sie »die ursprünglich vorgesehene Zeit des Aufenthalts um mehrere Stunden« überschritten, dass »in ihrer Gegenwart Photographien entstehen, die jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht« werden sollten, dass von 51572 im Lager gestorbenen oder getöteten Häftlingen ausgegangen werde, »hiervon mindestens 17000 seit dem 1. Januar 1945«, dass überall auf dem Gelände Feuer brannten, um die riesigen Haufen Lumpen loszuwerden, dass »die Baracken überbelegt und dabei noch immer voller Ungeziefer« waren.[5]

Ein Tatsachen-Bulletin, das sich »Zurückhaltung und Objektivität« verordnete. »Persönliche und gefühlsmäßige Äußerungen sollen vermieden werden«, heißt es.[6] Konstatieren, Nüchternheit, Sachlichkeit. Die ersten Bezeuger sein für eine erste Bestandsaufnahme. Schreiben, was ist, und nur das, was die Augen aufnehmen. Aber wie sollte das gehen? In welchem Zustand lief die Gruppe durch den 21. April von Buchenwald? Das Ergebnis, das zu keiner Rekonstruktion der Lagerwelt wurde, sondern eher eine Art Urbestand ist, eine vorsichtige Erstversion: die Barackenwelt, der Block 61, die Karren zum Krematorium, die Munitionsfabrik und die Steinbrüche außerhalb, die Leichenbaracke, der Galgen im Hof, der große, elektrische Lift zum Krematorium, die »Reihe großer Öfen mit verkalkten Röhren, Rosten und gewundenen Säulen«.[7] Der Mann an den Öfen war noch da. »Der mit dem Hineinschieben der Leichen hatte einen Vorzugsposten, der ihm die Bewohnung eines Privatzimmers mit Möbeln und Vorhängen gestattete, das neben dem Krematorium lag. Er sagte uns, er sei ein Kommunist aus Berlin, 30 Jahre alt, mit Namen Kurt F. Er sei seit zehn Jahren im Lager gewesen, hätte jedoch diesen Posten erst im Januar erhalten.«[8]

Der Januar 1945, der im Bericht an zwei Stellen auftaucht. Seit Anfang des Jahres hatte es 17000 Ermordete oder auch Gestorbene in Buchenwald gegeben, stand da. Ein Drittel der Toten in etwas mehr als drei Monaten? Und der deutsche Kommunist an den Öfen, ebenfalls ab Januar 1945? Wie viel konkretes Wissen ist nötig, um auf das zu stoßen, was man das Lagergedächtnis nennt? Punkt 12 des Londoner Dossiers listet in knappen zwanzig Zeilen die wissenschaftlichen Experimente im Lager auf. Die Sache mit den Körpern. Die Körper im Extrem. Was ist zumutbar, was nötig, was muss in Sätzen dastehen, um die Situation zu begreifen? Der Parlamentarier-Bericht hält fest: »Wir sahen ein Laboratorium und andere medizinische Räume und eine große Anzahl von Glasbehältern mit Präparaten menschlicher Organe. Die Wände waren mit Totenmasken der ›interessanteren‹ Gefangenen bedeckt – viele mit dem Ausdruck von bemerkenswerter Feinheit und Noblesse. Es wurde bezeugt, dass verschiedentlich Experimente in der Sterilisierung vorgenommen worden seien und zwar an Juden. Zwei von unserer Delegation wurden an das Bett eines polnischen Juden, Nummer 23397, 29 Jahre alt, im improvisierten amerikanischen Krankenhaus gebracht, an dem die Operation vorgenommen wurde. Sie sahen die Narben und bestätigten, dass die linke Hode entfernt worden war.«[9]

»Es ist unmöglich«, heißt es am Ende des Berichts, »die selbstlose Hingabe der 120th Evacuation Hospital Unit hoch genug zu preisen. Wir sahen, wie Blutübertragungen vorgenommen wurden, und hörten, dass Glukoseinjektionen verabreicht wurden und dass sorgfältig zubereitete Diätkost für die Häftlinge, die keine normale Nahrung zu sich nehmen konnten, geliefert wurde.«[10]

 

VordieLegenden. Die Erstbegehung des Tatorts, die Spurenlage, die Beweissicherung, die Beschreibung von außen nach innen. Aber was sieht ein erster Blick? Wovon wird er geleitet? Die Welt, aus der man kommt, das Vorausgesetzte, Voraussetzungslose, das man zu kennen glaubt? Was sehen die britischen Augen an diesem Samstag im April 1945? Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es im Moment der Befreiung des Lagers auch darum ging: vor das Beiseiteschaffen der Beweise zu kommen, vor die Legenden, die Erzählungen, vor die Verleugnung. Die Westalliierten mobilisierten in ihren Reihen, wen und was sie konnten. Es musste schnell gehen, jetzt. Zeugen befragen, feststellen, fixieren, fotografieren, filmen, Dokumente und Spuren sichern. Es war klar, dass das Lager morgen ein anderes Lager sein würde als heute, übermorgen ein anderes als morgen. Dass jeder Tag zählte.

Die Befreiung, der Akt, die Tatsache. Am 21. April 1945 war die Befreiung zehn Tage her, am 22. April elf, irgendwann ein Jahr. 1960, fünfzehn Jahre später, beschrieb der ehemalige Buchenwald-Häftling Imre Kertész den Moment der Befreiung »als wirklich große Wende« und notierte: »Der hatte ich bisher keinerlei dramatische Funktion zugedacht, obwohl die Geschehnisse genau von diesem Punkt als retrospektivem Motiv aufgeklärt werden sollten.«[11] Der Punkt, der zurückläuft zu dem, was der spätere Nobelpreisträger »sein vergangenes, beschmutztes, erniedrigtes Leben« nennen wird.[12] Der Punkt, der nach vorn fällt, um den Rückweg vom Tod ins Leben zu gehen, als käme man von der anderen Seite der Welt. »Die Befreiung ist keine eindeutige Freude und wirft im Wesentlichen die Frage auf, ob es gut ist, ins Leben zurückzukehren«, betonte Imre Kertész.[13]

Buchenwald nach dem 11. April 1945: Im Moment der Befreiung wurde das Lager vom Internationalen Lagerkomitee kontrolliert und verwaltet. Zwei Tage später übernahmen es die amerikanischen Behörden. Neben der medizinischen Versorgung der Überlebenden waren von Beginn an amerikanische Ermittlungsteams unterwegs, um Beweismittel zu sichern und die verbliebenen Häftlinge zu befragen. Die Interviews führten deutschsprachige Offiziere und Spezialisten der »Abteilung Psychologische Kriegsführung« vom Hauptquartier der 12. US-Heeresgruppe.[14]

Am 24. April, drei Tage also nachdem die britische Crew das Lager Buchenwald in Augenschein genommen hatte, lag ein zunächst als vertraulich deklarierter »vorläufiger Bericht« der »Abteilung Psychologische Kriegsführung« vor.[15] Nur schon die Einführung: »Die volle Wahrheit über Buchenwald wird niemals bekannt werden. Um sich ihr auch nur anzunähern, wäre ein großer Vernehmungsstab ebenso notwendig, wie Mittel und Wege, um die Zeugen zu schützen.«[16] Weiter heißt es: »Es ist die Geschichte von Rädern im Getriebe. Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten. Der Bericht ist offensichtlich kontrovers.«[17]

 

GlatteWand. Tödlicher Terror innerhalb des Terrors. Ein System im System. Der Vorwurf wog schwer und teilte das Lager bereits Tage nach der Befreiung in zwei Erzählungen: Die eine handelte von einer der »heroischsten Schlachten des Antifaschismus«, die andere suchte, so der Bericht, »nach den anständigen demokratischen Elementen, denen wir in Deutschland vertrauen können«.[18] Aufschlussreich bleibt, dass die US-Behörden sich in ihren Erstuntersuchungen besonders mit dem »komplizierten Widerstandsmuster im Lager« und weniger mit der Lager-SS befassten.[19] Was waren die Gründe? Als die Befreier das Lager erreichten, war ihnen eine Gruppe deutscher Kommunisten entgegengetreten, die »wie vermögende Geschäftsleute« gekleidet waren.[20] Doch nicht nur die Kleidung war auffällig. Die Amerikaner zeigten sich auch erstaunt über die Physis der exklusiven Häftlingsgruppe: »Die Deutschen hatten mehr zu rauchen und zu essen als irgend jemand sonst, vorausgesetzt, sie gehörten zur herrschenden Partei. Selbst jetzt noch können sie vom Rest der Insassen durch ihre rosigen Wangen und ihre robuste Gesundheit unterschieden werden.«[21]

In den Folgetagen wurde die Irritation durch die anlaufenden Vernehmungen insbesondere zahlreicher französischer, polnischer und tschechischer Häftlinge noch bekräftigt. Die US-Vernehmer hörten ständig neue Tatvorwürfe, wie das spezielle Lagernetzwerk und die Gefangenen-Macht der deutschen Kommunisten erlebt worden waren. Anschuldigungen, die vor allem die roten Kapos unter Akutverdacht stellten. Der US-Report stellte heraus, diese Lagerelite sei »direkt für einen großen Teil der Brutalitäten verantwortlich, die in Buchenwald begangen worden sind. Nicht alle Quälereien und Tötungen gingen auf das Konto der SS-Wachleute.«[22] Harte Anwürfe, die auf strafrechtlich relevanten Mord zielten. Aber gab es Beweise dafür?

Der April 1945, in dem sich das Lagergedächtnis von Buchenwald teilte. Ich denke an die Vierzehnjährige. Wie wir im Frühjahr 1974 oben auf dem Lagerplatz standen. Ich erinnere mich, was wir in den drei Tagen erfuhren, was unser Erstblick war. In ihm existierten keine britischen, amerikanischen, französischen Lager-Texte. Für uns gab es nur einen. Er handelte von deutschen Kommunisten, die von den Nazis verfolgt wurden, die nach Buchenwald ins KZ mussten, die litten, die sich heldenhaft organisiert, gekämpft, befreit und damit als Einzige Hitler besiegt hatten. Und die anderen? Wo waren sie?

Dem »vorläufigen Bericht« der Amerikaner vom 24. April 1945 war eine Vorbemerkung von Alfred Toombs, Geheimdienstchef im Hauptquartier der 12. US-Heeresgruppe, vorangestellt worden. In ihr betonte er die Unabhängigkeit der Untersuchungen und sprach von einer »Ausgangsstory«, die nun vom US-Militär akzeptiert werde.[23] Es war ein Report, der wie der britische vor allem durch Kühle, Sachlichkeit, Präzision bestehen wollte. Punkte, Unterpunkte, hyperknappe Ausführungen. Punkt D widmete sich der Geschichte der Kontrolle im Lager, das heißt der Macht. Im Kern geht sie so: Als das Lager seit der Besetzung Österreichs 1938 nicht mehr nur deutsche Häftlinge aufnahm, richtete die SS ein »System der Selbstverwaltung« ein.[24] Anfangs gelang es den sogenannten »Grünen«, den Kriminellen, zentrale Positionen zu übernehmen und den Machtpoker für sich zu gewinnen. Nicht lange. In sinistren Scharmützeln – mittels Schlägereien, Finten und Mord – ging die Herrschaft an die »Roten«, die Kommunisten, über. Das auch, weil diese in der Lage waren, eine »außergewöhnlich effektive Organisation« aufzubauen.[25]

Es war ein Kampf um die Kontrolle, letztlich ums Überleben, der sich im Verlauf des Jahres 1943 wiederholen sollte, als die ersten Todestrecks aus dem Osten, vor allem aus Auschwitz, eintrafen. »In Auschwitz hatten die Polen etwa die gleichen Machtpositionen inne wie die deutschen Kommunisten in Buchenwald. Sie versuchten, in ihrer neuen Heimat die gleiche Art der Kontrolle zu erobern. Nach Aussage eines Informanten wurden ihre Bestrebungen durch Tötung einer großen Anzahl (von ihnen) im Typhus-Versuchslabor zerschlagen.«[26]

»Mit rund 26000 registrierten französischen Häftlingen war Buchenwald einer der Hauptdeportationsorte für Franzosen innerhalb des KZ-Systems«, schreibt die Historikerin Maëlle Lepitre.[27] Nur 4000 von ihnen erlebten ihre Befreiung. Etliche von ihnen drängte es im Befreiungsmoment, gegenüber den Amerikanern auszusagen. »Auf Grund ihrer westlichen Einstellung stellten auch sie eine Bedrohung für die kommunistische Herrschaft dar«, heißt es im Dossier. »Fast alle aus den ersten Transporten wurden sofort in das gefürchtete Lager Dora geschickt, was fast den sicheren Tod bedeutete.«[28]

Die Vorwürfe schienen unabweisbar. Die Zeitschrift »American Mercury« veröffentlichte im Oktober 1946 nochmals eine Zusammenfassung der Untersuchung und hielt fest: »Wenn die Armeeuntersuchungsbeamten die Mitglieder der kommunistischen Organisation über ihre Grausamkeits-Methoden befragten, war es, als wenn sie gegen eine glatte Wand rannten. Kein Kommunist gab mehr zu, als dass die kriminellen Elemente in dem Kampf um die Macht rau behandelt wurden.«[29] Die US-Behörden verstärkten ihre Fahndung insofern nicht nur nach SS-Verantwortlichen, sondern auch nach deutschen Kommunisten. Es ging um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine Kerngruppe von ihnen wurde für Wochen im aufgelassenen Lager Buchenwald festgesetzt. Die Ermittlungen liefen. Es stand Aussage gegen Aussage.

Quellen

»Als ich den Bericht studiert hatte, verstand ich endlich eine Bemerkung, die mir einige Tage vorher ein Deutscher namens Müller gemacht hatte, der ein Überlebender von Buchenwald war. Er war 45 Jahre alt, doch sah er eher wie 70 aus. Sein Haar war weiß, sein Gesicht hager. Es schien ihm übermenschliche Anstrengung zu bereiten, nur seine Serge-Jacke und sein graues Flanellhemd auszuziehen. – ›Sehen Sie es?‹, fragte er in schwerem gurgelnden Englisch. Ich sah es. Sein rührend dünner, gebeugter Rücken war kreuz und quer mit roten Narben zahlloser Schläge überzogen. – ›Dieses‹, so sagte er, ›ist mein Diplom von dem Konzentrationslager Buchenwald.‹ Der Sozial­demokrat Müller war in den Jahren vor Hitler ein Beamter einer deutschen Gewerkschaft gewesen … ›Fügte Ihnen die Gestapo das zu?‹, fragte ich. – ›Etwas davon, aber nicht alles‹, antwortete er. ›Viele dieser Narben erhielt ich von Mitgefangenen, weil ich mit ihrer Politik nicht übereinstimmte.‹ Das war ­alles, was er sagen wollte. Was die Nazi-Barbaren ihren Gefangenen antaten, überstieg jede Einbildungskraft. Unglücklicherweise machten gewisse deutsche Kommunisten die Lebensbedingungen noch unerträglicher.« Donald B. Robinson: »Kommunistische Grausamkeiten in Buchenwald«, Sopade-Informationsdienst, Nr. 160/161, 29./30.4.1947, BArch, MfS, Nr. 1028/67, S. 2.

»Nachdem ich innerhalb des Lagers verschiedene Tätigkeiten verrichtet hatte, kam ich im Auftrag der illegalen Partei­leitung der KPD im Jahr 1939 ins Krankenrevier. Dieser Auftrag erfolgte, weil die Parteileitung daran interessiert war, politisch mitarbeitenden Häftlingen gewisse Erleichterungen zu verschaffen, Schutz zu gewähren und auch leichtere Arbeiten in Form von Schonplätzen zu vermitteln, was gegen den Willen der SS geschah. Das Krankenrevier entwickelte sich dann aber nach und nach zum Zentrum der Widerstandsbewegung. Ich habe als Pfleger in verschiedenen Abteilungen, und zwar in der Ambulanz, im aseptischen Operationsraum und im Heißluftraum gearbeitet.« Zeugenvernehmung Herbert Willy S., geb. 1915, Aussagen über Verbrechenskomplexe im KL Buchenwald, BArch, MfS, HAIX/11, RHE West 67 Bd. 2, S. 60.

»Wenn man diese Verträglichkeitsprüfungen auch nicht auf eine Stufe mit den Fleckfieberversuchen mit künstlicher Infektion oder mit den Giftgeschossversuchen stellen kann, so sind sie andererseits auch nicht vergleichbar mit den Schutzimpfungen gegen mögliche Lagerkrankheiten wie Ruhr oder Typhus. Mögen auch die Impfreaktionen (Gelbfieber) harmlos gewesen sein – nicht deswegen wurden sie im KZ angestellt, sondern weil sie hier bequem zu überwachen, unauffällig und ohne Risiken bei Komplikationen zu handhaben waren – schließlich hatte man bei vorherigen Experimenten Todesfälle ohne weiteres in Kauf genommen, ja einkalkuliert.« Bericht, Buchenwald-Hauptprozess, BArch, MfS, HAIX, Nr. 21983, S. 67.

»Auf das o.a. Schreiben teile ich mit, dass S., Kurt, geb. 1912, verdächtigt wird, in den Jahren 1938/39 als Sanitätsgrad im KL Buchenwald Häftlinge abgespritzt zu haben. Er soll ferner als brutaler Schläger immer dann in Erscheinung getreten sein, wenn es galt, die ›freiwillige‹ Zustimmung eines Häftlings zur Kastration zu erreichen. Nach Aussage eines Zeugen soll S. insbesondere an der Tötung eines R., Hein (Diätkoch KL Buchenwald) durch Injektion von Luft beteiligt gewesen sein. Weitere Erkenntnisse liegen hier leider nicht vor. Verstorben an der Ruhr in einem Lazarett in der UdSSR 1947.« DDR-Generalstaatsanwalt zu Aufenthaltsermittlungen in der DDR an den Leiter der Zentralstelle, Land NRW. Betrifft: Sammelermittlungsverfahren wegen im KL Buchenwald begangener Verbrechen gegen die Menschlichkeit, 9.4.1965, BArch, MfS, HAIX/11, V RHE West 67, Bd. 1.

»Firmen, die im Lager Dora Aufträge ausgeführt haben: Grün und Bilfinger, Innung der Installateure und Klempner, Nordhausen, Firma Holzmann, Nordhausen, Albert Becker, Appenroda Post Ilfeld, Wernauerstraße 11 (Zimmereigeschäft, kann Dachdecker im Ort benennen). Jeschek bei der Firma Hahn, Berlin, baut z. Zt. die Brauerei Nordhausen wieder auf, u.a. Dachdecker wissen eingehend Bescheid über sämtliche Arbeitsvorgänge und Produktion und über die eingesetzten Firmen, Bauführer Falk, Kamerad Himmler kann auf Grund von Nachforschungen im Krimderode und Niedersachs-Werfen eingehende Ermittlungen anstellen.« BArch, MfS, HAIX/11 ZM, Nr. 1625 A.265.