5,99 €
Alte chinesische Philosophie in ihrer überwältigenden Vielfalt Laozi lässt uns an seinen einundachtzig nicht ganz frei erfundenen Gesprächen mit mehr oder weniger bekannten Zeitgenossen teilhaben. Seine Gesprächspartner kommen zu ihm und legen ihm ihre Ansichten dar, und er ist froh, wenn sie ihn wieder verlassen. Wir aber erhalten auf diese Weise einen guten Überblick über die altchinesische Gedankenwelt und die Protagonisten der sog. hundert Philosophenschulen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2023
Als er Siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete die Schuh.
…
(Bertolt Brecht)
für Shuangyan
Thomas Emmrich
Laozi - Gespräche
Einführung in die altchinesische Gedankenwelt
© 2023 Thomas Emmrich
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-384-03992-7 (Paperback)
978-3-384-03993-4 (Hardcover)
978-3-384-03994-1 (E-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Cover
Widmung
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
I. Anfang - Gespräch mit der Familie
II. Macht - Gespräch mit Qin Shihuangdi
III. Verderben - Gespräch mit Lü Buwei
IV. Gesetze - Gespräch mit Han Feizi
V. Weiße Pferde - Gespräch mit Gongsun Longzi
VI. Böses - Gespräch mit Xunzi
VII. Fünf Elemente - Gespräch mit Zou Yan
VIII. Gelber Herrscher - Gespräch mit Tian Pian
IX. Unwissenheit - Gespräch mit Shenzi
X. Poesie - Gespräch mit Qu Yuan
XI. Toleranz - Gespräch mit Yin Wenzi
XII. Gutes - Gespräch mit Mengzi
XIII. Gleichheit - Gespräch mit Peng Meng
XIV. Paradoxe - Gespräch mit Huizi
XV. Freundschaft - Gespräch mit Zhuangzi
XVI. Egoismus - Gespräch mit Yang Zhu
XVII. Ein Brunnenfrosch - Gespräch mit Wei Mou
XVIII. Exegese - Gespräch mit Guliang Chi
XIX. Strategie - Gespräch mit Sunzi
XX. Finesse - Gespräch mit Shen Buhai
XXI. Auf und Zu - Gespräch mit Guiguzi
XXII. Verstehen - Gespräch mit Gongyang Gao
XXIII. Von allem etwas - Gespräch mit Shizi
XXIV. Achsenpolitik - Gespräch mit Su Qin
XXV. Kosmische Ordnung - Gespräch mit Heguanzi
XXVI. Sieg - Gespräch mit Wei Liao
XXVII. Harte Strafen - Gespräch mit Shang Yang
XXVIII. Menschenliebe - Gespräch mit Mozi
XXIX. Anekdoten - Gespräch mit Zuo Qiuming
XXX. Horizontal - Gespräch mit Zhang Yi
XXXI. Korruption - Gespräch mit Wu Qi
XXXII. Bogenschützen - Gespräch mit LI Kui
XXXIII. Ein Weidenbaum - Gespräch mit Gaozi
XXXIV. Treue - Gespräch mit Meng Sheng
XXXV. Schmach - Gespräch mit Songzi
XXXVI. Flüsse - Gespräch mit Ximen Bao
XXXVII. Hegemonie - Gespräch mit Wei Wen hou
XXXVIII. Ein Gärtner - Gespräch mit dem Gärtner
XXXIX. Ackerbau - Gespräch mit Xu Xing
XL. Handwerk - Gespräch mit Lu Ban
XLI. Zauberei - Gespräch mit Liezi
XLII. Teilung - Gespräch mit Zhang Mengtan
XLIII. Ein Waldmensch - Gespräch mit ihm
XLIV. Ein Schwimmer - Gespräch mit ihm
XLV. Askese - Gespräch mit Goujian wang
XLVI. Erbe - Gespräch mit Duanmu Shu
XLVII. Geschäft - Gespräch mit Fan LI
XLVIII. Maß und Mitte - Gespräch mit Zisi
XLIX. Großes Lernen - Gespräch mit Zengzi
L. Pietät - Gespräch mit Min Sun
LI. Tugend - Gespräch mit Yan Hui
LII. Der falsche Weg - Gespräch mit Kongzi
LIII. Sophismus - Gespräch mit Deng XI
LIV. Räuber - Gespräch mit Dao Zhi
LV. Ein kleiner Mann - Gespräch mit Yanzi
LVI. Ein kleiner Staat - Gespräch mit Zi Chan
LVII. Ein Fischer - Gespräch mit ihm
LVIII. Ein Tierpfleger - Gespräch mit ihm
LIX. Prüfung - Gespräch mit Prüfer Dai
LX. Bekappung - Gespräch mit Zhao Wenzi
LXI. Kraft - Gespräch mit Gong Yi
LXII. Falsche Einschätzung - Gespräch mit Qu You
LXIII. Knechtschaft - Gespräch mit einem Knecht
LXIV. Unbestechlichkeit - Gespräch mit Herrn Bo
LXV. Ehre - Gespräch mit Guanzi
LXVI. Wanderung - Gespräch mit Herrn Hu
LXVII. Bescheidenheit - Gespräch mit Bao Shuya
LXVIII. Schatten - Gespräch mit einem solchen
LXIX. Staatslehre - Gespräch mit Yu Xiong
LXX. Ein wahrer Mensch - Gespräch mit ihm
LXXI. Dammbau - Gespräch mit Sunshu Ao
LXXII. Riten - Gespräch mit dem Herrn der Riten
LXXIII. Musik - Gespräch mit einem Musiker
LXXIV. Mord - Gespräch mit Qi Huan gong
LXXV. Remonstration - Gespräch mit Fu Chen
LXXVI. Durst - Gespräch mit einem Säufer
LXXVII. Hunger - Gespräch mit einem Fresssack
LXXVIII. Gesang - Gespräch mit dem Bänkelsänger
LXXIX. Dokumente-Gespräch mit dem Dokumentar
LXXX. Orakel - Gespräch mit einem Orakelpriester
LXXXI. Ende - Gespräch mit einem Zöllner
Cover
Widmung
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
LXXXI. Ende - Gespräch mit einem Zöllner
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
Vorwort
Die von mir erfundenen Gespräche des Laozi speisen sich aus Belegstellen in allen derzeit vorfindlichen Texten der chinesischen Antike, d.h. des fünften bis dritten Jahrhunderts v. Chr. Ein Problem dabei ist unser Wissen über die alte chinesische Sprache. Ich gehe davon aus, dass die von mir kompilierten Belege zu ihrer Entstehungszeit einem halbwegs gebildeten Publikum auch hätten vorgelesen werden können. Aber ich habe keine Ahnung, wie diese Lesung hätte geklungen haben können. Wir wissen wenig über die altchinesischen Lautungen und begnügen uns zumeist mit einer Projektion in das leidlich bekannte Mittelchinesisch, oder lesen gleich in der heute gültigen standardsprachlichen Pinyin-Lautung, wohl wissend, dass das zumindest unzureichend ist. So bleiben uns beispielsweise rhetorische Finessen und das Spiel mit Reim und Rhythmus weitestgehend verborgen.
Ein weiteres Problem ist die Übersetzung selbst. Wer an so etwas Freude hat, möge zum Verständnis die vorliegenden Übersetzungen des Daodejing in westliche Fremdsprachen miteinander vergleichen und sich an der Vielfalt der Interpretationen erfreuen. Zwischen Wort und Zeichen besteht in der altchinesischen Sprache keine Kongruenz. So wird einerseits manches Wort mit einer Reihe verschiedener Schriftzeichen geschrieben, und ein Zeichen kann andererseits eine ganze Reihe verschiedener Wörter schreiben. Selbst die Möglichkeit, dass mit einem Zeichen ein zweisilbiges Wort geschrieben wird, lässt sich nicht ausschließen. So sind meine Übersetzungen letztlich nur meine ganz eigene Interpretation des von mir selbst zusammengestellten und gegebenenfalls emendierten Materials.
I. Anfang - Gespräch mit der Familie
Am Anfang bin ich. Vor dem Anfang war nichts. Am Ende bin ich immer noch. Nach dem Ende kommt nichts. Ich weile in den Tai-Bergen. Der erste Frühlingsmonat ist da, und es ist einfach nur schweinekalt. Ich ziehe mich warm an, aber ich kann anziehen, so viel ich will, ich friere. Ich bewege mich, aber ich kann mich bewegen, so viel ich will, ich friere. Ich mache Feuer, aber ich kann Feuer machen, so viel ich will, ich friere und friere und höre nicht auf zu frieren. Meine Nase fühlt sich an, als sei sie ein Eiszapfen, meine Finger knacken bedenklich bei jeder Bewegung, und mich über andere Körperteile zu verbreiten verbietet mir die gute Sitte.
Jeder Ort ist ein guter Ort, seine Gedanken schweifen zu lassen, also wohl auch dieser. Auch wenn es nicht viel hilft, die grässliche Kälte zu vertreiben, gehe ich am Ufer eines kleinen, gänzlich zugefrorenen Sees auf und ab und denke darüber nach, was zu tun und was zu unterlassen sei. Und da kommt mir wie so oft der Weg in den Sinn, der, den ich gehe, und dessen Beschreibung nicht nur mir solche Mühe bereitet. Und das Sinnieren über den Weg führt mich ganz natürlich zum Anfang aller Dinge und heute zur Abwechslung auch zu meinem eigenen Anfang.
Und da komme ich.
„Seid gegrüßt, werte Frau Mutter!“
„Der kann ja sprechen!“
„Seid gegrüßt, werte Frau Großmutter!“
„Das ist doch unmöglich!“
Nichts ist unmöglich!
„Seid gegrüßt, werte Frau Muhme!“
„Ein Wunder! Welch ein Wunder!“
Es gibt natürlich keine Wunder. Aber warum sind Mutter, Oma und Tante so überrascht? Nur, weil ich sie, wie es sich für einen erstgeborenen Sohn, Enkel und Neffen gehört, begrüße? Ich kann doch nichts dafür, dass man andere Neugeborene erst schlagen muss, damit sie wenigstens anfangen zu schreien. Ich bin nun einmal von Anfang an anders. Und daran ändert sich auch nichts, bis ich die Welt nach Westen verlasse. Ich kann übrigens auch lesen und schreiben und überhaupt alles, was Andere auch nach viel mühseliger Lernerei entweder schlecht oder gar nicht beherrschen. Das merkt aber erst einmal niemand, da weder Bambusstreifen noch Pinsel oder Tusche zur Hand sind.
Die aufgeregten Weiberleute rufen die Männer der Familie auf den Plan. Gerade spielen sie noch Karten und trinken ein Schäpschen, da stürzen sie herein und besehen sich die Bescherung.
„Seid gegrüßt, werter Herr Vater!“
„Das ist doch …“
„Seid gegrüßt, werter Herr Großvater!“
„Das kann doch nicht …“
„Seid gegrüßt, werter Herr Ohm!“
„Das gibt es doch nicht!“
Oh doch!
Den Herren bleibt im Nebel ihres leichten Rausches die Spucke weg. Sie machen einen etwas ratlosen und verstörten Eindruck. Als Erster fängt sich mein Vater.
„Wieso hat das Kind einen Bart?“
„Wieso hast du keinen Bart?“
„Wir müssen ihm einen Namen geben!“
„Wie soll er denn heißen?“
„Langnase.“
„Die ist aber ganz klein und knuddelig.“
„Kullerauge.“
„Die sind aber ganz schmal und verschmitzt.“
„Schlappohr.“
„So ein Unfug.“
„Schmollmund.“
„Quark.“
Namensgebung ist immer wieder Anlass zu Streitereien, warum soll das in meiner Familie anders sein als in deiner. So dauert es also ein Weilchen, aber schließlich nennen sie mich Er, das hört sich an wie Öhr und bedeutet Ohr, und so heiße ich Li Er, weil unser Familienname Li lautet, aber unter diesem Namen kennt mich kein Schwein. Mich fragt man nicht, wie ich gerne heißen möchte, aber das ist mir egal. Später nennt man mich Lao Dan und Laozi, aber diese Namen sind für ein Neugeborenes erst einmal ungeeignet. Namen und Begriffe werden mich allerdings zeit meines ganzen Lebens auf allen Wegen begleiten.
Nun, da ich einen Namen habe, kann ich auch eigene Entschlüsse fassen. Und während um mich herum noch ein großes Durcheinander herrscht, drehe ich mich um und verlasse den Ort und die Zeit des Geschehens. Sofort verblasst mein Name, es verblassen die Erinnerungen der Familienmitglieder an die Ereignisse, es verblasst meine ganze Existenz. Über die wird schon zu meinen Lebzeiten viel spekuliert. Dabei schaut der Betrachter in viele Richtungen und sieht überall nichts. Niemand weiß etwas Genaues, aber jeder hat Wesentliches dazu beizutragen. Ich selbst vertraue nur auf meine eigene Einschätzung und gehe meinen Weg.
„Ist aber der Weg, der mögliche Weg, der absolute Weg?“
„Das wird man sehen.“
„Und ist der Name, der mögliche Name, der ewige Name?“ „Doch wohl eher nicht.“
„Ist der Anfang von Himmel und Erde unnennbar?“
„Für die meisten menschliche Dummköpfe wohl schon.“
„Ist immerhin die Mutter aller Dinge nennbar?“
„Man kann es ja mal versuchen.“
„Begierdelos mag man den tiefen Sinn betrachten, voll von Begierde betrachtet man sicher nur die Oberfläche.“
„Beide haben wohl einen Ursprung aber verschiedene Namen. Man mag es dunkel nennen, und dann ist das Dunkelste vom Dunklen vielleicht das Tor zum tiefen Sinn.“
„Wer aber will durch dieses Tor eintreten?“
Genug der Spekulation. Es ist an der Zeit, mich zurückzuziehen in die Natur, in die Ruhe einsamer und zugleich aufregend schöner Gegenden. Von nun an begegne ich anderen Menschen nur noch gelegentlich und nur für kurze Zeit, und das ist auch gut so. Und irgendwann höre ich auch auf zu frieren.
II. Macht - Gespräch mit Qin Shihuangdi
Heute weile ich in den Tiandi-Bergen. Der mittlere Frühlingsmonat ist da. Abends ist es zwar meist noch ziemlich frisch, aber tagsüber verleitet einen eine angenehme Wärme schnell zu zu leichter Bekleidung. Die Sonne scheint und lässt die trübe Welt in hellem Glanz erstrahlen. Wohin man blickt, blüht Leben. Die Pflanzen knospen, und nicht nur die Tiere fallen zum Zwecke der Vermehrung übereinander her. Über der Wiese flattern die Schmetterlinge, und während ich sie betrachte, muss ich sogleich an meinen alten Freund Zhuang denken. Dabei fröstelt es mich ein wenig.
Ich bin wie immer am liebsten allein und meditiere und möchte dabei nicht gestört werden. Heute aber dringt völlig unverfroren ein junger Prinz mit seiner gesamten Entourage in meine Ruhe ein. Ich kenne ihn, das ist Ying Zheng aus dem Staate Qin, ein vorlauter und total verzogener Lümmel. Er hat eine große Schnauze und nichts dahinter, aber niemand wagt ihm zu widersprechen. Niemand?
„Komm raus und zeig Dich, du Miniphilosoph!“
„Troll dich, du Minikaiser!“
„Du wagst es?“
„Du sagst es!“
„Holt ihn mir!“
Eine ganze Horde ergebener Dienstlinge beginnt mich zu jagen. Sie hören meine Stimme, aber sie können mich nicht finden.
„Wo bist du?“
„Hier!“
Aber das hilft ihnen auch nicht. Der Prinzenlümmel wird grün vor Wut und stampft wie ein Rumpelstilzchen auf die Erde.
„Wenn du nicht herauskommst, lasse ich einen Dienstling erschlagen!“
Das meint der doch jetzt nicht im Ernst, oder?
„Ich sage das kein zweites Mal!“
Na gut, ich habe ihn genug geärgert. Während die Dienstlinge noch Jagd auf mich machen, stehe ich dem hochwohl geborenen Jüngling und seinem beflissen bückelnden Adjutanten bereits direkt gegenüber und rette damit zumindest einem der trotteligen Dienstlinge das Leben.
„Warum störst du meine Kreise?“
„Das ist alles mein Land!“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage!“
„Du hast mich gar nichts zu fragen, du Wurm!“
Ein Regenwurm war schlechter Dinge, vor Einsamkeit hat er geweint.
„Du könntest mich doch einfach in Ruhe lassen.“
„Ich lasse in Ruhe, wen ich Lust habe.“
„Ich habe gerade so schön meditiert.“
„Wozu soll das denn gut sein?“
„Es entspannt den Körper und macht den Geist frei.“
„Es ist also völlig nutzlos!“
„Und was machst du, wenn du nicht gerade mit anderen Leuten Streit suchst?“
„Ich stähle meinen Körper und meinen Geist.“
„Wie machst du das?“
„Ich trainiere meinen Körper und meine Kampfkraft mit den besten Trainern aus den Ländern der Mitte. Ich trainiere meinen Geist und meine Intelligenz und habe dazu die weisesten Gelehrten um mich versammelt und studiere ihre Lehren.“
„Soso.“
„In deinem Buch heißt es, wer sich selbst besiegt, ist unbesiegbar! Was bedeutet das?“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, so einen Quark verfasst zu haben. Und ein Buch habe ich schon gar nicht geschrieben.“
„Du lügst!“
„Warum sollte ich?“
„Und vom wem stammt der Satz, wenn alle das Schöne als schön erkennen, so ist dadurch schon das Hässliche gesetzt?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Und der Satz, wenn alle das Gute als gut erkennen, so ist dadurch schon das Schlechte gesetzt?“
„Von dir oder einem deiner Weisen?“
„Das wäre zwar schön, entspricht aber leider nicht den Tatsachen. Dann hast du also auch keinen der folgenden Sätze gesagt: Sein und Nichtsein erzeugen einander.“
„Nein.“
„Schwer und Leicht vollenden einander.“
„Nein.“
„Lang und Kurz gestalten einander.“
„Nein.“
„Hoch und Tief verkehren einander.“
„Nein.“
„Klang und Ton stimmen einander.“
„Nein.“
„Vorher und Nachher folgen einander.“
„Und nochmal nein.“
„Und auch keinen der folgenden Sätze: Der Weise wirkt ohne Handeln.“
„Nein.“
„Er belehrt ohne Worte.“
„Wie das denn?“
„Alle Wesen treten hervor, und er verweigert sich ihnen nicht.“
„Nein.“
„Er erzeugt und besitzt nicht.“
„Hmh.“
„Er wirkt und behält nicht.“
„Hmh.“
„Ist das Werk vollbracht, so nimmt er nichts dafür. Und weil er nichts nimmt, verliert er auch nichts.“
„Das immerhin hätte von mir sein können.“
„Du willst mir also keine klare Antwort geben?“
„Ich denke, meine Antworten waren klar und deutlich.“
Er schnaubt. Bei all seinem körperlichen Training und all seinen gelehrigen Studien ist die Besänftigung seines aufbrausenden Charakters wohl etwas zu kurz gekommen.
„Wer mich anlügt, muss bestraft werden!“
„Bei wem hast du das denn gelernt?“
„Ich habe mich intensiv mit der Lehre der Legisten vertraut gemacht!“
„Ich bin schwer beeindruckt!“
Ohne Warnung schlägt der Adjutant mir mitten ins Gesicht. Ich halte ihm die andere Wange hin, und er hält inne.
„Wehr dich, du Feigling!“
„Ich schlage mich nicht nur nicht mit den Adjutanten aufgeblasener Prinzlinge!“
Wieder schlägt der Adjutant ansatzlos zu. Ich werde immer ruhiger. Wenn man eine ungerechte Strafe erhält, darf man sich zwar wehren, aber ich finde Gewaltanwendung einfach ekelhaft.
„Verneige dich vor mir, Du Hund!“
„Wenn du noch einmal Hund zu mir sagst, fange ich an zu bellen.“
Humor ist auch nicht gerade seine Stärke. Dabei will ich ihn nur mit einem harmlosen Witz zum Lächeln veranlassen. Aber er lächelt nicht.
„Das sollst du büßen!“
Inzwischen brechen auch die letzten Dienstlinge ihre erfolglose Suche nach mir ab, stehen um uns herum und feuern den Adjutanten ihres verehrten Prinzen an.
„Gib's ihm!“
„Immer auf die Schnauze!“
„Mach ihn fertig!“
Ich bin zwar immer noch eher ruhig und auch nicht besonders ängstlich, aber all die aufgeregten Claqueure rund um ihren schäumenden Lümmel von Herrn nebst gewalttätigen Adjutanten lassen mich schon ein historisches Schaudern verspüren. Zum Nachdenken ist jetzt aber keine Zeit, hier regiert die reine Physis. Und so beziehe ich eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hat.
Gut jetzt! Das muss doch langweilig sein, wenn man sich nicht wehrt. Aber auch ein wehrloses Opfer will erst einmal ein wenig traktiert werden. Hätte ich im Angesicht der rohen Gewalt nicht doch besser meinen Schnabel halten sollen? Oh nein, so einfach wollen wir es den Gewalttätigen dieser Welt dann doch nicht machen.
Endlich ziehen sie ab. Ich habe zwei blaue Augen, meine Lippe ist aufgeplatzt und blutet, mein Nasenbein ist gebrochen, mein Kopf brummt und mein ganzer Körper ist voller blauer Flecken. Aber das alles tut nur eine Weile weh und vergeht.
Ach, was sind die Menschen schon in ihrer Jugend dämlich! Und dieser aufgeblasene Lümmel will Kaiser werden. Na, herzlichen Glückwunsch!
III. Verderben - Gespräch mit Lü Buwei
Heute weile ich in den Ganzao-Bergen. Der letzte Frühlingsmonat ist da, und es wird immer wärmer. Und obwohl es ein wenig regnet, genieße ich die mich umgebende Natur und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Bald wird der Frühling zu Ende gehen und die Hitze des Sommers Einzug halten.
Ich sitze bei leichtem Nieselregen unter dem Schutz einer Zeder und pflege der Muße. Ich bin zwar an Jahren immer noch ziemlich jung aber jetzt schon weiser als alle, die vor mir gelebt haben und nach mir leben werden. Dabei ist Weisheit nichts, wonach ich strebe. Ich strebe allein nach Ruhe und Einklang mit der Natur, falls man das bei mir überhaupt Streben nennen mag. Heute stört mich Herr Lü. Er ist berühmt für seinen Reichtum, seine Macht und seinen Einfluss. Was mag er wollen?
„Ich grüße dich, alter Meister!“
„Alt bin ich nicht, und ein Meister will ich nicht sein.“
„Tu doch nicht so bescheiden!“
„Ich bin wie ich bin. Du magst es gerne bescheiden nennen.“
„Nun gut.“
„Was willst du? Du störst.“
„Ich habe Angst.“
„Dann sind deine Erziehungsversuche also gescheitert.“
„Ich hätte es ahnen müssen. Wie will man auch jemand belehren, der schon als junger Mensch wehrlose Philosophen verprügeln lässt.“
„Und jetzt?“
„Ich bin auf der Flucht.“
„Und was willst du hier?“
„Zuspruch.“
„Da könntest du dich doch besser an deine eigenen Werke wenden.“
„Da steht zwar alles Wissenswerte drin, aber es hilft mir trotzdem nichts.“
„Das ist auch nicht verwunderlich.“
„Wieso?“
„Die Frage hast du dir eigentlich schon selbst beantwortet.“
„Was soll ich tun?“
„Schweigen und verschwinden.“
„Zwölf Zyklen, acht Betrachtungen und sechs Erörterungen, und alles vergeblich.“
„Du sollst nicht einmal laut denken.“
„Mir kommt immer wieder mein alter Freund, der Wagenlenker Qing, in den Sinn.“
„Wieso das denn?“
„Er hat mit seinem Herrn nur eine kleine Ausfahrt in den Park gemacht.“
„Ja und?“
„Sie kamen an eine Brücke und plötzlich scheuten die Pferde.“
„Weshalb?“
„Das sollte Qing herausfinden. Sein Herr schickte ihn zur Inspektion der Brücke.“
„Und dann?“
„Qing schaute unter der Brücke nach und entdeckte seinen alten Freund Yu, der so tat, als sei er tot, und der, wie es aussah, Übles im Schilde führte.“
„Er wollte wohl den Herrn ermorden?“
„So ist es. Daraus ergab sich aber ein Dilemma für Qing: Entweder er meldete seine Entdeckung und verleugnete seine Freundschaft, oder er verschwieg seine Entdeckung und verleugnete sein Dienstverhältnis.“
„Wie hat er sich entschieden?“
„Er beging Selbstmord.“
„Das war dann doch wohl etwas übertrieben.“
„Er wusste keine andere Lösung.“
„Und warum musst du dauernd an diese merkwürdige Geschichte denken?“
„Ich befinde mich wohl auch in einem Dilemma.“
„Du bist den Herrschenden einfach nur ein wenig zu mächtig geworden.“
„Was kann ich tun?“
„Warum fragst du mich das immer wieder?“
„Du bist der Weiseste weit und breit.“
„Das stimmt zwar, aber dir ist nicht zu helfen. Entweder du wirst ermordet, oder du bringst dich selbst um.“
„Zuspruch ist das ja nun nicht gerade.“
„Warum hast du ihn bei mir erwartet? Du hättest die Tüchtigen nicht bevorzugen sollen, und niemand hätte Streit mit dir.“
„Die Tüchtigen sind aber doch der Rückhalt des Staatswesens.“
„Wenn du meinst. Dann hättest du wenigstens die Kostbarkeiten nicht schätzen sollen, und niemand wollte dir etwas stehlen.“
„Die Kostbarkeiten sind aber doch, wonach wir alle streben.“
„Ich zumindest strebe nicht danach. Nichts Begehrenswertes hättest du zeigen dürfen, und niemandes Herz wäre wirr geworden.“
„Lechzt nicht auch dein Herz nach den Wonnen der Begierde?“
„Selbst wenn dem so wäre, würde ich es dir zuallerletzt zugeben. Denn der Weise regiert auf folgende Weise: Er leert die Herzen der Menschen und füllt ihre Bäuche. Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen und macht, dass alle ohne Wissen und ohne Wünsche bleiben, und sorgt dafür, dass jene Wissenden nicht zu handeln wagen. Ohne Tätigkeit kommt so alles in Ordnung.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das wundert mich nicht.“
„Das ganze Gespräch mit dir ist wenig erbaulich.“
„Berichte das bitte weiter. Je weniger man von mir erwartet desto besser.“
Und so zieht er endlich wieder ab, seinem traurigen Ende entgegen. Und mich umgibt, was ich am höchsten schätze, wohltuende Ruhe. Und so sitze ich wieder bei leichtem Nieselregen unter dem Schutz einer Zeder und pflege der Muße.
IV. Gesetze - Gespräch mit Han Feizi
Mein Weg hat mich in die Beixiao-Berge geführt. Der erste Sommermonat ist da, und schon haben wir den Salat. Es ist so warm, dass ich nackt durch das Gelände laufen möchte. Immerhin ist die Zeit des Frierens für die nächsten Monate vorbei. Allerdings macht diese elende Hitze auch kein rechtes Vergnügen. Aber mir kann es das Wetter eh nie ganz recht machen.
In diesen Bergen entspringt der Qin-Fluss, der hier oben noch ein Bach ist, in den ich gedankenversunken Kieselsteine werfe. Die machen ein so beruhigendes Plopp beim Eintauchen. Und wieder werde ich gestört, diesmal von Herrn Han, der die Frechheit hat, in seinem lausigen Werk so zu tun, als würde er meine Gedanken kommentieren.
„Seid gegrüßt, alter Meister!“
Welch eine dämliche Anrede!
„Warum lässt du mich nicht in Ruhe und widmest dich deinen Machwerken?“
„Dann hast du also schon davon gehört?“
„Ich weiß mehr, als du dir vorstellen kannst!“
Auch wenn es mir manchmal eher wie eine Last vorkommt.
„Ich möchte deine Meinung zu meinen Kommentaren hören.“ „Ach ja? Und wenn ich zu dem Unfug keine Meinung habe?“ „Sei doch nicht so grantig! Ich habe gehört, du seist ganz nett.“
„Hör auf, dich einzuschleimen! Das macht mich erst richtig grantig. Du bist doch auch nur ein Dieb fremder Gedanken.“
„Wieso das denn?“
„Dem Herrn Shang hast du den Einsatz von Gesetzen unter intensiver Anwendung von Bestrafung und Belohnung geklaut.“
„Das ist ein wichtiger Ansatz für eine gute Regierung.“
„Dem ersten Herrn Shen hast du die Methode politischen Handelns geklaut.“
„Den Gedanken habe ich mir geliehen.“
„Und dem zweiten Herrn Shen hast du die Ausübung von Macht geklaut.“
„Die Ausübung von Macht ist eine Erfahrungstatsache. Und sei doch nicht gleich eingeschnappt! Kennst du eigentlich folgendes Sprichwort aus alter Zeit? Regieren ist wie Haare waschen, man verliert zwar Haare dabei, aber man muss es tun.“
„In alter Zeit gab es keine leeren Sprüche. Ein Weiser aus alter Zeit sprach: Man stolpert nicht über einen Berg, aber über einen Ameisenhaufen.“
„Mir ist aber wichtig, die richtige Art zu Herrschen zu beschreiben.“
„Mir nicht. Herrschen ist schon an sich ein Fehler.“
„Aber ohne Herrschen geht es nicht!“
„Wer sagt das?“
„Ich! Und ich gebe dir gerne ein Beispiel für vorbildliches Herrschen.“
„Bitte nicht!“
„Doch, doch! Vorbildliches Herrschen bedarf eines klarsichtigen Herrschers.“
„So etwas Ähnliches hatte ich schon befürchtet.“
„Der Weg eines klarsichtigen Herrschers entspricht nun der Antwort, die Herr Yu Herrn Fu gab.“
„Was soll das denn bedeuten?“
„Hört sich ein klarsichtiger Herrscher Reden an, so lobt er die Beredsamkeit.“
„Vielleicht sollte er das Geschwätz besser unterbinden.“
„Beobachtet er Verhaltensweisen, so würdigt er deren Tragweite.“
„Das hört sich sehr beeindruckend an.“
„Deshalb gehen Minister, Beamte und das Volk in ihren grundsätzlichen Reden auf alle Umstände ein und gehen in die Tiefe. In ihrem persönlichen Verhalten entfernen sie sich von der gemeinen Welt.“
„Das sollten sie vielleicht besser nicht tun.“
„So antwortet Herr Tian dem König von Jing, so macht Herr Mo Weihen aus Holz und so baute der Sänger Gui den Wu-Palast. Medizin oder praktische Worte, klarsichtige Herrscher verstehen sich darauf.“
„Und? Was hat das mit der Antwort zu tun, die Herr Yu Herrn Fu gab?“
„Herr Fu verwaltete die Stadt Shanfu.“
„Welch unbedeutendes Kaff.“
„Mag sein. Aber das spielt hier auch keine Rolle. Herr Yu besuchte ihn und erkundigte sich: Was seid ihr so abgemagert? Herr Fu antwortete: Der Fürst hat meine Untätigkeit ignoriert und mir befohlen, diese Stadt zu verwalten. Die Amtsgeschäfte machen mir Stress und Sorgen, deshalb bin ich abgemagert.“
„Da hätte er wohl besser auf das Amt verzichtet.“
„Hat er aber nicht. Herr Yu antwortete ihm: Einst schlug der legendäre Herrscher Shun die fünfsaitige Zither, sang das Lied vom Südwind, und alle Welt war wohlgeordnet. Ihr macht euch Sorgen über die Verwaltung dieser unwichtigen Stadt. Was wäre nur, wenn ihr die ganze Welt regieren müsstet? Hat man eine Strategie zur Lenkung der Welt, dann sitzt man oben in der Halle, hat den Teint einer Jungfrau, und trotzdem ist es der Regierung nicht abträglich. Hat man keine Strategie zur Lenkung der Welt, dann kann man sich persönlich verausgaben und abmagern, und es bringt trotzdem keinen Nutzen.“
„Also alles nur eine Frage der richtigen Strategie.“
„So ist es.“
„Na prima. Dann kannst du jetzt ja wieder verschwinden.“
„Erst erzähle ich dir noch einen Witz.“
„Auch das noch. Bitte verschone mich.“
„Auf keinen Fall. Ein Mann aus Zheng wollte Schuhe kaufen. Er nahm zuhause an seinem Fuß Maß, vergaß das Maß aber, als er auf den Markt ging. Dort fand er Schuhe, die er kaufen wollte. Da er aber das Maß vergessen hatte, ging er erst wieder nach Hause zurück, um es zu holen. Als er wieder zum Markt kam, war dieser bereits aus, und er bekam keine Schuhe mehr. Jemand fragte: Warum hast du sie nicht anprobiert. Er antwortete: Ich glaube lieber dem Maß als mir selbst.“
„Du kennst wirklich keine Gnade.“
„Eine Anekdote hab' ich noch.“
„Warum hilft mir bloß keiner?“
„Ein Bauer aus Song hatte einen Edelstein gefunden und wollte ihn dem Herrn Han darbringen. Herr Han nahm ihn nicht an. Der Bauer sprach: Das ist ein Schatz, ein Gerät für einen edlen Herrn wie euch und nichts für einen kleinen Mann wie mich. Herr Han antwortete: Für dich ist der Edelstein ein Schatz, für mich ist das Nichtannehmen des Edelsteins ein Schatz. Das ist nun ein gutes Beispiel für die Forderung des alten Meisters: Das Nichtbegehren begehren und schwer zu erlangende Güter nicht überschätzen.“
„Der alte Meister fordert dich auf zu verschwinden.“
„Eine Anekdote hab' ich noch.“
„Nimmt denn das überhaupt kein Ende?“
„Ein Bauer aus Song bestellte seinen Acker, in dessen Mitte sich ein alter Baumstumpf befand. Eine Hase rannte mit hoher Geschwindigkeit über den Acker, knallte gegen den Baumstumpf und brach sich dabei das Genick. Daraufhin gab der Bauer die Bestellung seines Ackers auf und wartete lieber auf den nächsten blöden Hasen. Ein solcher kam aber nie und er wurde von den Leuten in Song verspottet. Wenn man aber die Leute der Gegenwart mit den Methoden der Vergangenheit regieren will, dann verhält man sich genau wie dieser Bauer.“
„Ich sagte bereits, dass ich mich nicht für deine Ansichten zur Regiereritis interessiere.“
„Schade.“
„Ist nicht der Weg ein unerschöpfliches Gefäß, abgründig wie der Urahn aller Dinge.“
„Was soll das denn jetzt?“
„Mildert er nicht ihre Schärfe? Löst er nicht ihre Wirrsale? Mäßigt er nicht ihren Glanz? Vereinigt er sich nicht mit ihrem Staub?“
„Du redest irre.“
„Ist er nicht tief und doch wie wirklich? Wessen Sohn er auch sei, er scheint früher zu sein als der himmlische Herrscher.“
„Nun reicht es aber wirklich.“
„Warum bist du nur so bockig und uneinsichtig?“
„Ich bin weder bockig noch uneinsichtig.“
„Da hast du den Beweis. Wenn du jetzt nicht verschwindest, werfe ich die Kieselsteine nicht mehr ins Wasser sondern an deine Birne.“
„Niemand hat gesagt, dass du so aggressiv werden kannst.“
„Nun zieh endlich Leine und verkünde der Welt, was für ein Arschloch ich bin.“
„Ich nehme mal an, du willst dich wirklich nicht zu meinen Kommentaren äußern.“
„Der erste wahre Satz.“
„Dann muss ich also unverrichteter Dinge meines Weges ziehen.“
„Ja doch.“
„Schade!“
Auch dieser arme Mann findet ein schlimmes Ende. Ein scheinbarer Freund verleumdet ihn, er wird ins Gefängnis geworfen und zum Selbstmord gezwungen. Da geht er hin, und ich kann und will ihn auch nicht retten. Ich sehe ihn in der Ferne verschwinden und habe endlich wieder meine Ruhe. Die nutze ich, um wieder gedankenversunken Kieselsteine in den Bach zu werfen. Die machen ein so beruhigendes Plopp beim Eintauchen.
V. Weiße Pferde - Gespräch mit Gongsun Longzi
Heute weile ich in den Niuyang-Bergen. Der mittlere Sommermonat ist da. Ein leichter Sommerregen mildert die Hitze nicht wirklich. Besteht die Feuchtigkeit auf meinem Körper überwiegend aus Regentropfen oder Schweißperlen? Wer könnte das wie feststellen? Lassen wir die Fragen offen und frönen weiterhin der Muße.
Da sitze ich nun am Flussufer und schaue Schildkröten zu in der Hoffnung, nie auf ihre angeblichen Heilkräfte angewiesen sein zu müssen. Alles könnte so herrlich friedlich sein, hätte sich nicht der Herr Gongsun aufgemacht, mich mit seinen Spiegelfechtereien auf die Palme zu bringen.
„Es ist mir ein große Ehre, alter Meister!“
Mir nicht. Warum mache ich mich nicht einfach auf und davon?
„Gongsun, du alte Nebelkrähe, warum verschonst du mich nicht vor deinem Gewäsch?“
„Was du so boshaft Gewäsch nennst, ist die Wissenschaft vom richtigen Gebrauch der Sprache.“
„Ach, du liebe Güte!“
Ich bin schon müde und gelangweilt, bevor er mit seinem Sermon anhebt.
„Einst fragte mich jemand, ob es stimmt, dass ein weißes Pferd kein Pferd ist, und ich antwortete ihm, dass das stimmt.“
„Und dessen bist du dir natürlich sicher?“
„Natürlich bin ich mir sicher. Der genannte Jemand wollte nun den Grund für meine Sicherheit erfahren, genau wie du.“
„Wieso wie ich? Ich will gar nichts wissen.“
„So antwortete ich ihm, dass Pferd eine Gestalt bezeichnet, weiß bezeichnet eine Farbe. Die Bezeichnung einer Farbe ist nicht die Bezeichnung einer Gestalt. Deshalb ist ein weißes Pferd kein Pferd.“
„Damit war er aber hoffentlich nicht zufrieden?“
„Nein. Er fragte weiter. Hat man seiner Ansicht nach ein Pferd, kann man nicht sagen, man hat kein Pferd. Kann man nicht sagen, man hat kein Pferd, ist das kein Pferd? Hat man ein weißes Pferd, hat man ein Pferd. Ist es auch weiß, warum soll es kein Pferd sein?“
„Nun, warum soll es also kein Pferd sein?“
„Das ist doch völlig klar. Braucht man ein Pferd, dann mag es ein braunes oder ein schwarzes Pferd sein. Braucht man ein weißes Pferd, dann darf es weder ein braunes noch ein schwarzes Pferd sein. Behandelt man ein weißes Pferd wie ein Pferd, so ist, was man braucht, eins. Ist, was man braucht, eins, dann ist ein weißes Pferd nicht verschieden von einem Pferd. Ist das, was man braucht, nicht verschieden, warum mag es dann einmal ein braunes oder ein schwarzes Pferd sein, ein anderes Mal nicht? Annehmbar und unannehmbar sind deutlich verschieden. So sind ein braunes und ein schwarzes Pferd eins, wenn man ein Pferd braucht, aber nicht, wenn man ein weißes Pferd braucht. Daraus folgt offensichtlich, dass ein weißes Pferd kein Pferd ist.“
„Ganz so offensichtlich ist das nicht.“
„Der Ansicht war auch der genannte Jemand. Er fragte weiter. Wenn ein farbiges Pferd kein Pferd ist, es aber keine farblosen Pferde in der Welt gibt, gibt es dann überhaupt Pferde?“
„Ich sehe eigentlich ganz häufig Pferde. Muss ich jetzt auch ihre Existenz bezweifeln?“
„Natürlich nicht. Ein Pferd hat notwendigerweise eine Farbe, also gibt es weiße Pferde. Ein Pferd ohne Farbe wäre nur ein Pferd, wie bekäme man dann ein weißes Pferd? Etwas Weißes ist also kein Pferd. Ein weißes Pferd ist Pferd und weiß, Pferd und weißes Pferd. Also ist ein weißes Pferd kein Pferd.“
„So wirklich bestechend ist deine Logik ja nun nicht.“
„Der Ansicht war wohl auch genannter Jemand und behauptete, Pferd ohne weiß sei Pferd. Weiß ohne Pferd sei weiß. Vereint man Pferd und weiß und nennt es weißes Pferd, dann kombiniert man miteinander mit gegeneinander, und das ist unzulässig. Deshalb ist auch der Satz, ein weißes Pferd ist kein Pferd, unzulässig.“
„Dem durftest du aber nicht zustimmen.“
„Habe ich auch nicht. Ich habe ihn vielmehr gefragt, ob es zulässig zu sagen sei, 'es gibt ein weißes Pferd heißt, es gibt ein Pferd', bedeutet so viel wie, 'es gibt ein weißes Pferd heißt, es gibt ein braunes Pferd'?“
„Dem durfte er nicht zustimmen.“
„Tat er auch nicht. Er gab zu, dass es nicht zulässig ist. Ist nun ein Pferd haben verschieden von ein braunes Pferd haben, dann ist ein braunes Pferd verschieden von Pferd. Ist ein braunes Pferd verschieden von Pferd, dann ist ein braunes Pferd kein Pferd. Ist ein braunes Pferd kein Pferd, hält man aber ein weißes Pferd für ein Pferd, dann ist das wie fliegen unter Wasser oder Innen- und Außensarg an verschiedenen Orten. Es ist widersprüchlich und durcheinander!“
„Ich bin geneigt, das auch von deiner Argumentation zu behaupten. War er denn nun überzeugt?“
„Keineswegs. Er meinte, wenn man ein weißes Pferd hat, kann man nicht sagen, man hat kein Pferd. Das bedeutet die Trennung von weiß. Trennt man es nicht, könnte man auch nicht sagen, ein weißes Pferd haben bedeutet ein Pferd haben. Verwechselt man aber Pferd mit Pferd haben, während man sagt, weißes Pferd ist weißes Pferd haben, dann ist am Ende ein Pferd kein Pferd.“
„Ein Pferd ist kein Pferd, nun ja. Einleuchtender wäre die Behauptung, dieses Pferd ist nicht jenes Pferd.“
„Das ist doch trivial. Etwas Weißes bestimmt nicht, was weiß ist, das kann man also vergessen. Bei einem weißen Pferd bestimmt weiß, was weiß ist. Was weiß bestimmt, ist nicht weiß. Pferd schließt Farbe weder ein noch aus. Deshalb entspricht sowohl ein braunes wie ein schwarzes Pferd. Weißes Pferd schließt Farbe ein oder aus. Ein braunes oder schwarzes Pferd ist durch die Farbe ausgeschlossen, nur ein weißes Pferd entspricht der Vorgabe. Eingeschlossen ist nicht ausgeschlossen, deshalb ist ein weißes Pferd kein Pferd.“
„Jetzt ist es aber gut mit Pferd. Du kannst ja mal überlegen, wie du beim Lushu argumentiert hättest. Das ist nämlich weiß und schwarz.“
„Was ist ein Lushu?“
„Da spekulierst du über Pferde und weißt nicht, was ein Lushu ist. Du bist ein Scheingelehrter.“
„Dafür weißt du nicht, dass ein Ei Federn hat.“
„Was sollte das auch für ein merkwürdiges Wissen sein?“
„Und du weißt nicht, dass ein Küken drei Beine hat.“
„Ganz sicher nicht.“
„Und du weißt auch nicht, dass die Hauptstadt von Chu die ganze Welt enthält.“
„Wie sollte sie?“
„Mit meinen Kollegen an der Akademie von Qi kann man sich viel besser unterhalten als mit dir.“
„Auf, auf mit dir, zurück nach Qi!“
„Wir diskutieren, ob man einen Hund für ein Schaf halten kann, ob Pferde Eier legen, ob Unken Schwänze haben, ob Feuer heiß ist, ob Berge durch den Mund kommen, ob Räder die Erde berühren, ob Augen sehen können, und ob Schildkröten länger als Schlangen sind.“
„Das sind neunundneunzig Gründe, nie nach Qi zu reisen.“
„Ob sich der Schatten eines fliegenden Vogels bewegt, ob ein Hund ein Kaninchen ist, ob ein braunes Pferd und eine schwarze Kuh drei ergibt, ob weiße Hunde schwarz sind, und ob ein Fohlen eine Mutter hat.“
„Dann diskutiert mal schön. Aber tut das bitte in Qi und erzählt mir nichts davon.“
„Du bist ein ahnungsloser Ignorant.“
„Stimmt. Und du bist hier mehr als überflüssig.“
„Gib mir wenigstens ein paar kluge Sätze mit für meine Rückreise.“
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil ich sonst hier bleibe.“
„Das ist wahrlich eine schreckliche Drohung.“
„Also?“
„Nun gut. Himmel und Erde sind nicht gütig. Alle Dinge sind ihnen wie Opferhunde aus Stroh.“
„Was bedeutet das?“
„Die Weisen sind nicht gütig. Die Menschen sind ihnen wie Opferhunde aus Stroh.“
„Was bedeutet das?“
„Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde ist wie ein Blasebalg, leer und fällt doch nicht zusammen, bewegt kommt immer mehr daraus hervor. Viele Worte erschöpfen sich. Besser ist es, das Innere zu wahren.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Du hast nun deine Sätze, also halte dich gefälligst an dein Versprechen.“
„Auf Wiedersehen, alter Meister!“
Das wird sich hoffentlich vermeiden lassen. Er zieht von dannen, und ich stelle mir mit Grausen das Palaver an der Akademie in Qi vor. Das ist das vollständige Gegenteil von Ruhe. Derweil sitze ich wieder am Ufer des Guai, schaue Schildkröten zu und hoffe, nie auf ihre angeblichen Heilkräfte angewiesen sein zu müssen.
VI. Böses - Gespräch mit Xunzi
Heute weile ich in den Juzuang-Bergen. Der erste Herbstmonat ist da. Ein milder Wind streichelt die Baumwipfel und mein Gemüt. Es ist nicht mehr so schrecklich heiß, und es ist noch nicht so schweinekalt. Von mir aus könnte immer Herbst sein. Die Blätter werden gelb, die Tiere fressen sich Speck an, und der Mensch wird seiner Vergänglichkeit gewahr.
Ich blicke in's Wasser, schaue einem Halbschnabelhecht zu und frage mich, ob er ein glücklicher Fisch ist. Zum Glück muss ich diese Frage mit niemandem diskutieren, insbesondere nicht mit Herrn Hui. Aber während ich mich darüber noch freue, steht schon wie aus der Erde gewachsen Herr Xun vor mir. Der interessiert sich zwar dankenswerterweise nicht für glückliche Fische, dafür hat er aber allerlei andere abstruse Interessen.
„Endlich habe ich dich gefunden, alter Meister.“
Was die bloß alle mit dem alten Meister haben?
„Bist du sicher, dass du dich nicht verlaufen hast?“
„Ich habe dich überall gesucht, um mit dir über das Böse zu diskutieren.“
„Schade, dass du mich gefunden hast. Ich habe gerade über das Glück der Fische sinniert.“
„Fische können nicht glücklich sein.“
„Woher willst gerade du das wissen?“
„Glück als Emotion kommt allein den Menschen zu.“
„Den bösen Menschen?“
„Den bösen Menschen!“
„Warum sind die Menschen denn deiner Ansicht nach alle von Natur aus böse?“
„Das Böse erwächst aus dem unkontrollierten Ausleben der in der Natur des Menschen angelegten Triebe, insbesondere dem Streben nach Vorteil. Das führt ohne Umwege zu Streit, Raub und allen Arten von Gewalttaten.“
„Das hört sich ja übel an. Aber, wenn man sich so umschaut…“
„Das Böse muss man mit guten Vorbildern und Bildung bekämpfen.“
„Und dann wird alles gut?“
„Leider nicht alles. Aber einige Menschen wird man retten können.“
„Hoffentlich bist du nicht gekommen, um mich zu retten.“
„Ich fürchte, du bist nicht zu retten.“
„Jedenfalls nicht mit deinen Methoden.“
„Mein Weg basiert auf den Forderungen des großen Meisters Kong.“
„Bitte sag nicht Weg, wenn du Abwegiges behauptest. Und bitte behaupte auch nicht, dass der völlig verwirrte Herr Kong ein großer Meister sei.“
„Es ist wichtig, die Bezeichnungen korrekt zu halten.“
„Soso.“
„Die späteren Könige vollendeten die Bezeichnungen, indem sie bei den Bezeichnungen für Strafen der alten Shang-Tradition folgten, indem sie bei den Bezeichnungen für Würden der Zhou-Tradition folgten, indem sie bei den Bezeichnungen der Kultur den Riten folgten, und indem sie bei den allgemeinen Bezeichnungen für alle Dinge den üblichen Gebräuchen und lokalen Konventionen im Lande folgten. Selbst die entlegenen Gebiete mit fremden Sitten stützen sich darauf, und so werden sie allgemeingültig.“
„Und schon ist alles korrekt bezeichnet?“
„Eigentlich schon. Allgemeine Bezeichnungen betreffen die Menschen. Natur bezeichnet man als das, wodurch das Lebendige so ist, wie es ist.“
„Wenn nicht du es gesagt hättest, hätte ich vielleicht zugestimmt.“
„Beim Harmonieren der Natur mit dem Erzeugten vereinigen sich die Samen, sie wirken und reagieren, das eine regt an, das andere reagiert. Natur bezeichnet man als das, was dann ohne Handeln und ohne weiteres Zutun so ist, wie es ist.“
„Sie ist, wie sie ist. Und am besten lässt man sie in Ruhe.“
„Emotionen bezeichnet man als das, was in der Natur des Menschen angelegt ist, also lieben und hassen, froh und zornig sein, traurig und vergnügt sein.“
„Aber in der Ruhe liegt die wahre Kraft.“
„Denken bezeichnet man als das, wodurch das Herz eine Entscheidung über die Emotionen trifft, die so sind, wie sie sind.“
„Meist ist das Denken völlig überflüssig und führt zu nichts.“
„Wirken bezeichnet man als das, was das Vermögen hat, das denkende Herz in Bewegung zu setzen.“
„Ein Königreich für ein ruhiges Herz.“
„Bewirktes bezeichnet man als das, was unter der Voraussetzung vollendet wird, dass das Denken sich darauf sammelt und das Vermögen sich darin übt.“
„Wofür definierst du denn so fleißig für dich hin?“
„Es geht darum, die Bezeichnungen korrekt zu halten. Handeln bezeichnet man alsdann als das, was man auf Vorteil gerichtet tut.“
„Pfui Vorteil.“
„Wandel, insbesondere moralischen Lebenswandel, bezeichnet man als das, was man auf Geziemendes gerichtet tut.“
„Noch schlimmer.“
„Erkenntnis bezeichnet man als das, wodurch der Mensch erkennt.“
„Welch eine Erkenntnis!“
„Wissen bezeichnet man als das, worin das Erkannte zusammen kommt.“
„Wissen ist nichts als Einbildung.“
„Fähigkeit bezeichnet man als das, wodurch das Wissen etwas vermag.“
„Dazu reicht ein Blick in die Wirklichkeit.“
„Vermögen bezeichnet man als das, worin das Vermochte zusammen kommt.“
„Wann hat die Definititis ein Ende?“
„Krankheit bezeichnet man als das, was die Natur verletzt.“
„Definititis ist eine Krankheit.“
„Schicksal bezeichnet man als das, was einem zu gegebener Zeit widerfährt.“
„Und nun ist gut!“
„Meinetwegen. Aber eigentlich geht es noch weiter.“
„Aber nicht hier und jetzt.“
„Kann es sein, dass du ein wenig ungeduldig bist?“
„Kann es sein, dass du mehr als ein wenig aufdringlich bist?“
„Du willst dich also nicht über weiße Pferde mit mir unterhalten?“
„Mit Sicherheit nicht.“
„Was hältst du von einem Rätsel?“
„Für mich gibt es keine Rätsel.“
„Nun denn. Es gibt ein großes Ding, nicht Atlas, nicht Seide, kunstvoll gemustert. Es ist nicht Sonne, nicht Mond, und doch aller Welt Licht. Was lebt, wird damit alt, was stirbt, wird damit begraben. Mauern und Wälle sind dadurch fest, die drei Armeen sind dadurch stark. Ist es rein, macht es Könige, ist es gemischt, macht es Hegemone. Hat man nichts davon, geht man zugrunde. Ich bin zu dumm es zu kennen, die Lösung magst du mir nennen.“
„Du willst als Lösung ‚Anstand‘ hören. Geht aber dem Wal das Wasser verloren, wenn er an den Strand gespült wird, dann kann er von Insekten gefressen werden, ohne sich wehren zu können.“
„Nun redest du in Rätseln.“
„Der Geist des Tals ist unsterblich und heißt dunkler Mutterschoß.“
„Was willst du mir damit sagen?“
„Das Tor des dunklen Mutterschoßes ist die Wurzel von Himmel und Erde.“
„Ist Definititis ansteckend?“
„Ununterbrochen beharrend wirkt sie ohne Mühe.“
„Beharren hilft nicht weiter. Um das Böse zu bekämpfen, muss man die Begierden zügeln. Das kann nur durch Wissenserwerb erreicht werden.“
„So ein Quark.“
„Dass wir zwei Beiden einer Meinung werden, steht wohl nicht zu erwarten?“
„Wohl nicht! Und um das herauszubekommen, musstest du mich unbedingt stören?“
„Ich hatte ehrlich gesagt ein anregenderes Gespräch erwartet.“
„Meine Domäne ist die Ruhe und nicht die Regung.“
„Dann muss ich mir wohl andere Gesprächspartner suchen.“
„Gehe hin und tu, was du nicht lassen kannst!“
„Welch eine Zeitverschwendung!“
„Welch eine Nerverei!“
