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Laozi versammelt in 81 Kapiteln die Geistesgrößen seiner Zeit um sich und diskutiert mit ihnen über ihre Ideen. Sein Vorgehen enthüllt die reiche Vielfalt der Denkansätze aus der Zeit der klassischen chinesischen Antike. Jedes Gespräch findet auf einem Berg oder in dessen Nähe statt. Laozi durchwandert die ganze chinesische Welt und erschließt sich so die Vielfalt der Landschaften und ihrer Fauna und Flora, die den atmosphärischen Rahmen der Gespräche bilden. Das Material zu diesem Buch stammt hauptsächlich aus den Originaltexten der chinesischen Antike. Dabei finden nicht nur die Klassiker Berücksichtigung, sondern insbesondere Nebenlinien und Fragmente.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2021
An dieser Stelle möge sich der geneigte Leser die ersten fünf Zeilen aus dem Gedicht ‚Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration‘ von Bertolt Brecht vorstellen. Es ist Bestandteil der Sammlung Svendborger Gedichte.
für Shuangyan
Laozi
Mein Weg
Eine Autobiographie
© 2021 Thomas Emmrich
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-22805-4 (Paperback)
978-3-347-22806-1 (Hardcover)
978-3-347-22807-8 (e-Book)
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Prolog
Als in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Mawangdui, einem Straßenzug im Osten der Stadt Changsha in der chinesischen Provinz Hunan, von Wissenschaftlern des archäologischen Forschungsinstituts der Chinesischen Akademie der Wissenschaften drei Gräber aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung freigelegt wurden, schenkte man zu meiner großen Verwunderung einem Teil des bemerkenswerten Fundes zunächst nur wenig Aufmerksamkeit. Vielmehr verschwand er mit anderen gering geachteten Ausgrabungsstücken in einem lausigen Kellerloch des örtlichen Provinzmuseums.
Dort hätte er wohl bis an das Ende aller Zeiten ungestört weiter vor sich hin gemodert, wäre nicht eines Tages zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts eine Inspektionskommission im Auftrag der Provinzregierung erschienen, um in enger Abstimmung mit der Museumsleitung eine umfassende und präzise Analyse der Raumnutzung und ihrer Optimierbarkeit durchzuführen. Beim dazu notwendigen Rundgang durch sämtliche Räumlichkeiten stieß man schließlich auch auf das vernachlässigte Kellerloch und befand, seinen gesamten Inhalt bis zur Veranlassung weiterer Maßnahmen in einen Vorraum des museumseigenen Labors zu verbringen, um nicht zuletzt auf eben diese Art und Weise einen geeigneten Lagerraum für die zur Verköstigung der Kommission erforderlichen Spirituosen zu gewinnen.
Zur gleichen Zeit hielt sich zu Zwecken der Forschung und der Kontemplation ein in Kreisen der Wissenschaften, insbesondere der chinesischen Altertumskunde, und der Rotlichtbezirke, insbesondere der im Süden der Stadt gelegenen, nicht unbekannter deutschsprachiger Sinologe an der Hunan Universität bzw. der Yuelu Akademie und manchmal eben auch am Provinzmuseum auf. Dieser Mann machte auf der einen Seite so manches Mal den Eindruck totaler vergeistigter Entrücktheit, auf der anderen Seite steckte er fortwährend seine Nase ungefragt in Dinge, die ihn nach Ansicht seiner vielen chinesischen Kollegen und seiner wenigen Freunde nun wirklich einen feuchten Kehricht anzugehen hatten.
Außerdem ließ er sich, wie man fand, vollkommen überflüssigerweise gar nicht selten und ganz spontan zu völlig überzogenen, er selbst hätte gesagt, präzise treffenden Bemerkungen über die chinesische Politik, die Rolle der kommunistischen Partei und sogar das Verhalten einzelner Parteifunktionäre hinreißen. Da aber bereits das Datum seiner Abreise feststand, und man von chinesischer Seite auch gerne auf Verwicklungen der Art verzichten konnte, die geeignet gewesen wären, die Finanzierung diverser Projekte durch diverse von Deutschland staatlich finanzierte Institutionen zu gefährden, ließ man ihn weitgehend unbehelligt und sorgte lediglich dafür, dass seine Kontakte auf das unbedingt Notwendige reduziert blieben.
Für Verstimmung hatte wiederholt auch seine unablässige Neugier gesorgt. Und kaum waren die vergessenen Exponate aus dem Kellerloch in den Vorraum des Labors verbracht worden, hatte seine wissenschaftliche Trüffelnase seinen Weg genau dorthin gelenkt. Besonders interessierte ihn ein unansehnliches Häuflein beschrifteter Bambusstreifen, das sein geschulter Blick sogleich als einen bislang unbekannten altchinesischen Text identifizierte. Umgehend machte er sich daran, die Streifen zu sortieren und zu photographieren, um das Material dann seiner eh schon umfangreichen geheimen Privatsammlung einzuverleiben. Desgleichen machte er mit einer Fülle weiterer Materialien, die hier von geringerem Interesse sind, und lieferte damit eine weitere Bestätigung für die Berechtigung der Verärgerung seiner chinesischen Kollegen ab.
Nachdem er von großem chinesischen Aufatmen begleitet in den heimischen universitären Elfenbeinturm zurückgekehrt war, begann er umgehend mit der Auswertung und Übersetzung seines Raubgutes. Dabei gelang es ihm, in akribischer Feinarbeit aus dem Haufen Bambusstreifen die bis dato unbekannte Autobiographie des legendären Philosophen Laozi herauszudestillieren. Aus verständlichen Gründen hat er mich gebeten, das Ergebnis seiner Arbeit ohne Nennung seines Namens zu publizieren. So liegt hier nun erstmalig, wenn auch leider nur in einer westlichen Fremdsprache, die sensationelle Autobiographie des bekanntesten chinesischen Philosophen vor, und jeder Leser mag sich sein eigenes Urteil bilden.
Ein letztes kritisches Wort sei mir noch zur Übersetzung unseres ungenannt bleibenden Wissenschaftlers gestattet. Sie ist, wie jeder Versuch, sich einer erstens fremden und zweitens letztlich toten Sprache zu nähern, bestenfalls eine halbwegs geglückte Paraphrase, schlechtestenfalls einfach nur blanker Unsinn.
Der aus guten Gründen ungenannt bleibende Herausgeber
Vorwort des Übersetzers
Mein erstes Problem war der Zustand des Befundes. Dieser bestand aus einem ungeordneten Haufen von Bambusstreifen, die mit teilweise nur noch schwer entzifferbaren Schriftzeichen versehen waren. So musste ich einmal die Zeichen entziffern und dann die Streifen bzw. Streifenreste ordnen. Dabei habe ich den Befund, in der Annahme, dass mir ein antiker Text vorliegt, mit tradierten Texten verglichen und mich darauf verlassen, dass der Gesamttext aus einundachtzig Kapiteln besteht. Beide Annahmen sind aber keineswegs gesichert. Erschwerend kommt hinzu, dass der nun vorliegende Text weder in einem bekannten Literaturkatalog noch sonst an irgendeiner Stelle erwähnt wird.
Mein zweites Problem war unser Wissen über die alte chinesische Sprache. Ich gehe davon aus, dass der von mir restaurierte Text zu seiner Entstehungszeit einem halbwegs gebildeten Publikum auch hätte vorgelesen werden können. Aber ich habe keine Ahnung, wie diese Lesung hätte geklungen haben können. Wir wissen wenig über die altchinesischen Lautungen und begnügen uns zumeist mit einer Projektion in das leidlich bekannte Mittelchinesisch, oder lesen gleich in der heute gültigen standardsprachlichen Pinyin-Lautung, wohl wissend, dass das zumindest unzureichend ist. So bleiben uns beispielsweise rhetorische Finessen und das Spiel mit Reim und Rhythmus weitestgehend verborgen.
Mein drittes Problem war die Übersetzung selbst. Wer an so etwas Freude hat, möge zum Verständnis die vorliegenden Übersetzungen des Daodejing in westliche Fremdsprachen miteinander vergleichen und sich an der Vielfalt der Interpretationen erfreuen. Zwischen Wort und Zeichen besteht in der altchinesischen Sprache keine Kongruenz. So wird einerseits manches Wort mit einer Reihe verschiedener Schriftzeichen geschrieben, und ein Zeichen kann andererseits eine ganze Reihe verschiedener Wörter schreiben. Selbst die Möglichkeit, dass mit einem Zeichen ein zweisilbiges Wort geschrieben wird, lässt sich nicht ausschließen. So ist die vorliegende Übersetzung letztlich nur meine ganz eigene Interpretation des von mir selbst zusammengestellten und gegebenenfalls emendierten Materials.
Namen von Personen bleiben unübersetzt und werden in der Form Herr 'Familienname in Pinyin-Lautung' wiedergegeben. Die meisten Personen dieses Textes begegnen uns auch in anderen Texten der Vor-Qin-Zeit. Ob sie allerdings mit diesen identisch sind, wird sich nie restlos klären lassen. Für einige Personen finden sich keine Entsprechungen, ihre Historizität bleibt zweifelhaft. Maßeinheiten habe ich versucht, in uns verständliche Einheiten zu übertragen. Einzige Ausnahme ist die altchinesische Meile, deren echte Länge vielleicht nur ein- bis mehrere hundert Meter betragen haben mag, und vielleicht sogar hier und da unterschiedlich lang war.
Zeitangaben habe ich nach Studium aller vorhandenen Kommentare und nach bestem Wissen umzusetzen versucht. Allein, über das Phänomen der Zeit könnte man selbst ein ganzes Buch schreiben. Wo ich es für nötig hielt, habe ich eine kurze Anmerkung beigefügt. Ortsbezeichnungen habe ich unübersetzt in Pinyin-Lautung wiedergegeben. Zur besseren Einordnung der Wanderungen unseres Autors habe ich sie um heutige Ortsbezeichnungen in Form von kleinen Anmerkungen ergänzt. Ich hoffe sehr, dass die wenigen Anmerkungen das Verständnis verbessern und nicht zu sehr zur Unterbrechung des Leseflusses beitragen.
In ihre Hand, liebe Leser, lege ich das Ergebnis meiner Forschung. Ich hoffe sehr, dass eine weite Verbreitung des Buches zu meinem persönlichen Schutz beiträgt. Wie sie wissen, bin ich auf kriminelle Art und Weise an das ursprüngliche Material gelangt. Der Diebstahl schien mir aber nicht nur angesichts des offensichtlichen Desinteresses meiner chinesischen Kollegen gerechtfertigt.
Der aus guten Gründen ungenannt bleibende Übersetzer
I. Am Anfang des Weges
Am Anfang bin ich. Vor dem Anfang war nichts. Am Ende bin ich immer noch. Nach dem Ende kommt nichts. Mein Weg hat mich heute in die Tai-Berge geführt. Der erste Frühlingsmonat ist da, und es ist einfach nur schweinekalt. Dazu bläst der Wind durch jede erdenkliche Ritze. Ich ziehe mich warm an, aber ich kann anziehen, so viel ich will, ich friere. Ich bewege mich, aber ich kann mich bewegen, so viel ich will, ich friere. Ich mache Feuer, aber ich kann Feuer machen, so viel ich will, ich friere und friere und höre nicht auf zu frieren. Dabei soll der Winter eigentlich längst vorbei sein, nur gelingt es dem Frühling einfach noch nicht, wohltuende Temperaturen zu generieren. Meine Nase fühlt sich an, als sei sie ein Eiszapfen, meine Finger knacken bedenklich bei jeder Bewegung, und mich über andere Körperteile zu verbreiten verbietet mir die gute Sitte.
Man sagt mir, dass im ersten Frühlingsmonat die Sonne im Zeichen Yingshi stehe, zur Zeit der Abenddämmerung das Sternbild Shen und zur Zeit der Morgendämmerung das Sternbild Wei kulminiere. Seine Tage seien Jia und Yi, sein göttlicher Herrscher sei Taihao, sein Schutzgeist Goumang, seine Tiere seien die Schuppentiere, seine Note sei Jue, seine Tonart Taizu, seine Zahl acht, sein Geschmack sauer und sein Geruch muffig. Man sagt mir auch, man opfere den Türgeistern und unter den Opfergaben stehe die Milz voran. Der Ostwind löse das Eis. Die Tiere beginnen aus ihrem Winterschlaf zu erwachen. Die Fische stoßen das Eis auf. Der Fischotter opfere Fische. Die Zuggans ziehe nach Norden. All dies sagt man mir vom ersten Frühlingsmonat.
Dreihundert Meilen südlich des Du-Gebirges und zweihundert Meilen östlich des Yan-Gebirges liegt das im ganzen Land berühmte Tai-Gebirgsmassiv (im heutigen Bezirk Tai'an in der Provinz Shandong). Auf dessen Höhen kann man Jade gewinnen, und an seinen Hängen findet man metallische Mineralien. Hier wächst der glänzende Liguster, ein immergrüner Baum, der bis zu zehn Meter hoch werden kann. Seine Blätter sind glänzend dunkelgrün, an der Unterseite heller, von ledriger Konsistenz, eiförmig zugespitzt von acht bis zwölf Zentimeter Länge. Wenn er blüht, wird das Laub fast völlig von cremeweißen Blüten verdeckt. In diesem Gebirge entspringen der Huan-Fluss, der von hier aus Richtung Nordwesten ins Meer fließt, und der Gou-Fluss, der nach Nordosten in den Lao-Fluss fließt. In seinem Wasser schwimmen Xiu-Fische.
Auf der Höhe und an den Hängen lebt ein Tier namens Tongtong, das aussieht wie ein Schwein und Magen-, Gallen- und Nierensteine hat, die in der Medizin so manches Wunder wirken. Seinen Namen hat das Tier von den Geräuschen, die es von sich gibt, wenn es seinesgleichen ruft. Am Fuße des Massivs lebt in kleinen Herden ein Wasserbüffel namens Fei. Er hat den Körper eines Rindes, einen weißen Kopf und einen Schlangenschwanz. Sein Fell ist spärlich und braun über grau bis schieferfarben-schwarz gefärbt, seine Beine sind häufig vom Sprunggelenk abwärts schmutzigweiß. Wo er vorbeikommt, trocknet das Wasser. Wo er entlanggeht, vertrocknet das Gras. Und wo er erscheint, bricht eine Epidemie aus. So sagen wenigstens die Bewohner dieser Gegend.
Jeder Ort ist ein guter Ort, seine Gedanken schweifen zu lassen, also wohl auch dieser. Auch wenn es nicht viel hilft, die grässliche Kälte zu vertreiben, gehe ich am Ufer eines kleinen, gänzlich zugefrorenen Sees auf und ab und denke darüber nach, was zu tun und was zu unterlassen sei. Und da kommt mir wie so oft der Weg in den Sinn, der, den ich gehe, und dessen Beschreibung nicht nur mir solche Mühe bereitet. Und das Sinnieren über den Weg führt mich ganz natürlich zum Anfang aller Dinge und heute zur Abwechslung auch zu meinem eigenen Anfang.
Mit einem eingeschränkten Maß an Sicherheit werde ich am sechsundvierzigsten Tag des Sechtzigerzyklusses, im dritten Jahr des regierenden Herzogs nach der gegenwärtigen Zeitrechnung, ganz sicher aber am Tag, im Monat und Jahr Null oder Eins, je nach Betrachtungsweise und Einstellung, meiner eigenen Zeitrechnung (das entspricht dem dreißigsten November zweihundertfünfzig vor unserer Zeitrechnung) im Dorfe Daodejing im Kreis Ku des Staates Chu (im heutigen Kreis Luyi in der Provinz Henan), südlich des Flusses, der unser Land und unsere Pläne durchkreuzt und unser Leben bestimmt, im Tierkreiszeichen Fisch, das von allen Tierkreiszeichen das wichtigste ist, weil es Glück und langes Leben verspricht, und über dessen, nämlich des Fisches, reales Empfinden viel später mein Freund Zhuang und Herr Hui debattieren werden, nun endlich geboren.
Nun wird ja ständig irgendwo irgendwer geboren, einer irgendwann angeblich nach einer merkwürdig unfleischlichen Kopulation eines, noch dazu heiligen Geistes mit einer Jungfrau, und dann logischerweise als Sohn eines Gottes, in Bethlehem oder Nazareth, ein anderer zu ebenso unbekannter Zeit, aber wohl immerhin nach einem natürlichen Geschlechtsakt natürlicher Wesen, als Haschemit in Mekka, und wieder ein anderer, auch wohl wieder auf natürliche Weise, als Shakyamuni in Lumbini. Während aber all jene und alle nicht genannten Anderen denn doch sehr gewöhnlich sind, bin ich alleine das, was mit außergewöhnlich nur ausgesprochen unzureichend bezeichnet werden kann.
Ich bin also trotz meiner Einzigartigkeit natürlich nicht das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis, ich bin nicht einmal in der Lage - geschweige denn willens - mir vorzustellen, wie so etwas überhaupt funktionieren kann. Ich bin vielmehr sicher, dass meine Eltern bei meiner Erzeugung viel Freude aneinander haben. Anders möchte ich es mir jedenfalls nicht ausmalen. Und meine Mutter liegt auf einer bequemen Unterlage in den Frauengemächern eines gepflegten Anwesens, nicht im piekenden Stroh eines Stalles.
Und dann komme ich.
„Seid gegrüßt, werte Frau Mutter!“
„Der kann ja sprechen!“
„Seid gegrüßt, werte Frau Großmutter!“
„Das ist doch unmöglich!“
Nichts ist unmöglich!
„Seid gegrüßt, werte Frau Muhme!“
„Ein Wunder! Welch ein Wunder!“
Es gibt natürlich keine Wunder. Aber warum sind Mutter, Oma und Tante so überrascht? Nur, weil ich sie, wie es sich für einen erstgeborenen Sohn, Enkel und Neffen gehört, begrüße? Ich kann doch nichts dafür, dass man andere Neugeborene erst schlagen muss, damit sie wenigstens anfangen zu schreien. Ich bin nun einmal von Anfang an anders. Und daran ändert sich auch nichts, bis ich die Welt nach Westen verlasse. Ich kann übrigens auch lesen und schreiben und überhaupt alles, was Andere auch nach viel mühseliger Lernerei entweder schlecht oder gar nicht beherrschen. Das merkt aber erst einmal niemand, da weder Bambusstreifen noch Pinsel oder Tusche zur Hand sind.
Die aufgeregten Weiberleute rufen die Männer der Familie auf den Plan. Gerade spielen sie noch Karten und trinken ein Schäpschen, da stürzen sie herein und besehen sich die Bescherung.
„Seid gegrüßt, werter Herr Vater!“
„Das ist doch …“
„Seid gegrüßt, werter Herr Großvater!“
„Das kann doch nicht …“
„Seid gegrüßt, werter Herr Ohm!“
„Das gibt es doch nicht!“
Oh doch!
Den Herren bleibt im Nebel ihres leichten Rausches die Spucke weg. Sie machen einen etwas ratlosen und verstörten Eindruck. Als Erster fängt sich mein Vater.
„Wieso hat das Kind einen Bart?“
„Wieso hast du keinen Bart?“
„Wir müssen ihm einen Namen geben!“
„Wie soll er denn heißen?“
„Langnase.“
„Die ist aber ganz klein und knuddelig.“
„Kullerauge.“
„Die sind aber ganz schmal und verschmitzt.“
„Schlappohr.“
„So ein Unfug.“
„Schmollmund.“
„Quark.“
Namensgebung ist immer wieder Anlass zu Streitereien, warum soll das in meiner Familie anders sein als in deiner. So dauert es also ein Weilchen, aber schließlich nennen sie mich Er, das hört sich an wie Öhr und bedeutet Ohr, und so heiße ich Li Er, weil unser Familienname Li lautet, aber unter diesem Namen kennt mich kein Schwein. Mich fragt man nicht, wie ich gerne heißen möchte, aber das ist mir egal. Später nennt man mich Lao Dan und Laozi, aber diese Namen sind für ein Neugeborenes erst einmal ungeeignet. Namen und Begriffe werden mich allerdings zeit meines ganzen Lebens auf allen Wegen begleiten.
Nun, da ich einen Namen habe, kann ich auch eigene Entschlüsse fassen. Und während um mich herum noch ein großes Durcheinander herrscht, drehe ich mich um und verlasse den Ort und die Zeit des Geschehens. Sofort verblasst mein Name, es verblassen die Erinnerungen der Familienmitglieder an die Ereignisse, es verblasst meine ganze Existenz. Über die wird schon zu meinen Lebzeiten viel spekuliert. Dabei schaut der Betrachter in viele Richtungen und sieht überall nichts. Niemand weiß etwas Genaues, aber jeder hat Wesentliches dazu beizutragen. Ich selbst vertraue nur auf meine eigene Einschätzung und gehe meinen Weg.
„Ist aber der Weg, den ich begehe, der absolute Weg?“
„Das wird man sehen.“
„Und ist der Name, den ich nenne, nicht der ewige Name?“
„Doch wohl eher nicht.“
„Ist der Anfang von Himmel und Erde unnennbar?“
„Für die meisten menschliche Dummköpfe wohl schon.“
„Ist immerhin die Mutter aller Dinge nennbar?“
„Man kann es ja mal versuchen.“
„Begierdelos mag man den tiefen Sinn betrachten, voll von Begierde betrachtet man sicher nur die Oberfläche.“
„Beide haben wohl einen Ursprung aber verschiedene Namen. Man mag es dunkel nennen, und dann ist das Dunkelste vom Dunklen vielleicht das Tor zum tiefen Sinn.“
„Wer aber will durch dieses Tor eintreten?“
Genug der Spekulation. Es ist an der Zeit, mich zurückzuziehen in die Natur, in die Ruhe einsamer und zugleich aufregend schöner Gegenden. Von nun an begegne ich anderen Menschen nur noch gelegentlich und nur für kurze Zeit, und das ist auch gut so. Und irgendwann höre ich auch auf zu frieren.
II. Der Weg an die Macht
Mein Weg hat mich in die Tiandi-Berge geführt. Der mittlere Frühlingsmonat ist da. Abends ist es zwar meist noch ziemlich frisch, aber tagsüber verleitet einen eine angenehme Wärme schnell zu zu leichter Bekleidung. Heute scheint die Sonne und lässt die trübe Welt in hellem Glanz erstrahlen. Wohin man blickt, blüht Leben. Die Pflanzen knospen, und nicht nur die Tiere fallen zum Zwecke der Vermehrung übereinander her. Über der Wiese flattern die Schmetterlinge, und während ich sie betrachte, muss ich sogleich an meinen alten Freund Zhuang denken. Dabei fröstelt es mich ein wenig.
Man meint mir gegenüber, dass im mittleren Frühlingsmonat der Sohn des Himmels in der Jingyang-Halle im mittleren Raum weilt. Er fährt im Fasanenwagen, an dem große blauschwarze Drachenpferde angespannt sind. Es werden grüne Flaggen aufgesteckt. Man kleidet sich in grüne Kleider und trägt grünen Nephrit. Man isst Weizen und Schaffleisch. Die Opfergefäße sind durchbrochen, um die Luft durchziehen zu lassen. Man meint mir gegenüber auch, dass man in diesem Monat die Keime und Sprossen schont. Man pflegt das Neugeborene und Junge und sorgt für alle Waisen. Der Sohn des Himmels wählt einen günstigen Tag und lässt auf den Erdaltären Gebete darbringen. All dies meint man mir gegenüber vom mittleren Frühlingsmonat.
Ich weile nach langer Wanderung heute auf einer Lichtung im fernen Westen und genieße die Ruhe. Das Tiandi-Gebirgsmassiv liegt dreihundertfünfzig Meilen westlich des Bozhong-Gebirges (im heutigen Bezirk Wushan in der Provinz Gansu). Auf seinen Höhen wachsen Palmen und an seinen Hängen gedeihen Känguruh- und Orchideengras. Hier gibt es schwarze Riesenhörnchen mit hundeähnlichen Körpern. Ihre Füße sind sehr kräftig und enden in scharfen Krallen. Sie sind ausgesprochen lebhaft und springen mit bis zu sechs Meter langen Sätzen durch das Geäst. Zum Ruhen kommen sie in Baumhöhlen unter, und nur zur Fortpflanzungszeit bauen sie Nester aus Pflanzenteilen in den Ästen. Diese Nester können gewaltige Ausmaße annehmen und einen Durchmesser von fast zwei Metern haben. Die Nahrung der Riesenhörnchen besteht aus Nüssen, Früchten und Rinde, gelegentlich auch aus Vogeleiern. Ihre Felle kann man bearbeiten und dann zum Schutz gegen Insekten tragen.
Außerdem gibt es hier Froschsperber. Ihre Körper ähneln denen von Hühnern. Sie haben rote Haare im Gesicht und der Rest ihrer Körper ist ganz schwarz. Der gebogene Schnabel ist von einer grauen Färbung und die Wachshaut am Schnabelansatz erscheint orangenfarben. Die Froschsperber ernähren sich überwiegend von Fröschen, wer hätte das gedacht, aber auch von großen Insekten wie Heuschrecken, sowie von Eidechsen und kleinen Vögeln. Mit ihnen heilt man Hämorrhoiden.
Hier wächst auch Haselwurz wie wilder Ingwer. Es hat die Gestalt einer Sonnenblume und riecht nach Miwu. Füttert man damit ein Pferd, galoppiert es deutlich schneller. Außerdem kann man damit Tumore am Nacken kurieren.
Ich bin wie immer am liebsten allein und meditiere und möchte dabei nicht gestört werden. Heute aber dringt völlig unverfroren ein junger Prinz mit seiner gesamten Entourage in meine Ruhe ein. Ich kenne ihn, das ist Ying Zheng aus dem Staate Qin, ein vorlauter und total verzogener Lümmel. Er hat eine große Schnauze und nichts dahinter, aber niemand wagt ihm zu widersprechen. Niemand?
„Komm raus und zeig Dich, du Miniphilosoph!“
„Troll dich, du Minikaiser!“
„Du wagst es?“
„Du sagst es!“
„Holt ihn mir!“
Eine ganze Horde ergebener Dienstlinge beginnt mich zu jagen. Sie hören meine Stimme, aber sie können mich nicht finden.
„Wo bist du?“
„Hier!“
Aber das hilft ihnen auch nicht. Der Prinzenlümmel wird grün vor Wut und stampft wie ein Rumpelstilzchen auf die Erde.
„Wenn du nicht herauskommst, lasse ich einen Dienstling erschlagen!“
Das meint der doch jetzt nicht im Ernst, oder?
„Ich sage das kein zweites Mal!“
Na gut, ich habe ihn genug geärgert. Während die Dienstlinge noch Jagd auf mich machen, stehe ich dem hochwohl geborenen Jüngling und seinem beflissen bückelnden Adjutanten bereits direkt gegenüber und rette damit zumindest einem der trotteligen Dienstlinge das Leben.
„Warum störst du meine Kreise?“
„Das ist alles mein Land!“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage!“
„Du hast mich gar nichts zu fragen, du Wurm!“
Ein Regenwurm war schlechter Dinge, vor Einsamkeit hat er geweint.
„Du könntest mich doch einfach in Ruhe lassen.“
„Ich lasse in Ruhe, wen ich Lust habe.“
„Ich habe gerade so schön meditiert.“
„Wozu soll das denn gut sein?“
„Es entspannt den Körper und macht den Geist frei.“
„Es ist also völlig nutzlos!“
„Und was machst du, wenn du nicht gerade mit anderen Leuten Streit suchst?“
„Ich stähle meinen Körper und meinen Geist.“
„Wie machst du das?“
„Ich trainiere meinen Körper und meine Kampfkraft mit den besten Trainern aus den Ländern der Mitte. Ich trainiere meinen Geist und meine Intelligenz und habe dazu die weisesten Gelehrten um mich versammelt und studiere ihre Lehren.“
„Soso.“
„In deinem Buch heißt es, wer sich selbst besiegt, ist unbesiegbar! Was bedeutet das?“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, so einen Quark verfasst zu haben. Und ein Buch habe ich schon gar nicht geschrieben.“
„Du lügst!“
„Warum sollte ich?“
„Und vom wem stammt der Satz, wenn alle das Schöne als schön erkennen, so ist dadurch schon das Hässliche gesetzt?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Und der Satz, wenn alle das Gute als gut erkennen, so ist dadurch schon das Schlechte gesetzt?“
„Von dir oder einem deiner Weisen?“
„Das wäre zwar schön, entspricht aber leider nicht den Tatsachen. Dann hast du also auch keinen der folgenden Sätze gesagt: Sein und Nichtsein erzeugen einander.“
„Nein.“
„Schwer und Leicht vollenden einander.“
„Nein.“
„Lang und Kurz gestalten einander.“
„Nein.“
„Hoch und Tief verkehren einander.“
„Nein.“
„Klang und Ton stimmen einander.“
„Nein.“
„Vorher und Nachher folgen einander.“
„Und nochmal nein.“
„Und auch keinen der folgenden Sätze: Der Weise wirkt ohne Handeln.“
„Nein.“
„Er belehrt ohne Worte.“
„Wie das denn?“
„Alle Wesen treten hervor, und er verweigert sich ihnen nicht.“
„Nein.“
„Er erzeugt und besitzt nicht.“
„Hmh.“
„Er wirkt und behält nicht.“
„Hmh.“
„Ist das Werk vollbracht, so nimmt er nichts dafür. Und weil er nichts nimmt, verliert er auch nichts.“
„Das immerhin hätte von mir sein können.“
„Du willst mir also keine klare Antwort geben?“
„Ich denke, meine Antworten waren klar und deutlich.“
Er schnaubt. Bei all seinem körperlichen Training und all seinen gelehrigen Studien ist die Besänftigung seines aufbrausenden Charakters wohl etwas zu kurz gekommen.
„Wer mich anlügt, muss bestraft werden!“
„Bei wem hast du das denn gelernt?“
„Ich habe mich intensiv mit der Lehre der Legisten vertraut gemacht!“
„Ich bin schwer beeindruckt!“
Ohne Warnung schlägt der Adjutant mir mitten ins Gesicht. Ich halte ihm die andere Wange hin, und er hält inne.
„Wehr dich, du Feigling!“
„Ich schlage mich nicht nur nicht mit den Adjutanten aufgeblasener Prinzlinge!“
Wieder schlägt der Adjutant ansatzlos zu. Ich werde immer ruhiger. Wenn man eine ungerechte Strafe erhält, darf man sich zwar wehren, aber ich finde Gewaltanwendung einfach ekelhaft.
„Verneige dich vor mir, Du Hund!“
„Wenn du noch einmal Hund zu mir sagst, fange ich an zu bellen.“
Humor ist auch nicht gerade seine Stärke. Dabei will ich ihn nur mit einem harmlosen Witz zum Lächeln veranlassen. Aber er lächelt nicht.
„Das sollst du büßen!“
Inzwischen brechen auch die letzten Dienstlinge ihre erfolglose Suche nach mir ab, stehen um uns herum und feuern den Adjutanten ihres verehrten Prinzen an.
„Gib's ihm!“
„Immer auf die Schnauze!“
„Mach ihn fertig!“
Ich bin zwar immer noch eher ruhig und auch nicht besonders ängstlich, aber all die aufgeregten Claqueure rund um ihren schäumenden Lümmel von Herrn nebst gewalttätigen Adjutanten lassen mich schon ein historisches Schaudern verspüren. Zum Nachdenken ist jetzt aber keine Zeit, hier regiert die reine Physis. Und so beziehe ich eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hat.
Gut jetzt! Das muss doch langweilig sein, wenn man sich nicht wehrt. Aber auch ein wehrloses Opfer will erst einmal ein wenig traktiert werden. Hätte ich im Angesicht der rohen Gewalt nicht doch besser meinen Schnabel halten sollen? Oh nein, so einfach wollen wir es den Gewalttätigen dieser Welt dann doch nicht machen.
Endlich ziehen sie ab. Ich habe zwei blaue Augen, meine Lippe ist aufgeplatzt und blutet, mein Nasenbein ist gebrochen, mein Kopf brummt und mein ganzer Körper ist voller blauer Flecken. Aber das alles tut nur eine Weile weh und vergeht.
Ach, was sind die Menschen schon in ihrer Jugend dämlich! Und dieser aufgeblasene Lümmel will Kaiser werden. Na, herzlichen Glückwunsch!
III. Der Weg ins Verderben
Mein Weg hat mich in die Ganzao-Berge geführt. Der letzte Frühlingsmonat ist da, und es wird immer wärmer. Und obwohl es ein wenig regnet, genieße ich die mich umgebende Natur und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Bald wird der Frühling zu Ende gehen und die Hitze des Sommers Einzug halten.
Manche behaupten mir gegenüber, dass im letzten Frühlingsmonat der Befehl an den Aufseher der Boote geht, die Boote umzukehren. Nachdem er sie fünfmal umgekehrt und fünfmal wieder aufgerichtet hat, berichtet er, dass die Boote für den Sohn des Himmels zum Gebrauch bereit stehen. Der Sohn des Himmels besteigt nun zuerst wieder ein Schiff und bringt einen Stör in den hinteren Gemächern des Ahnentempels zum Opfer dar und fleht um Fruchtbarkeit für die Weizenernte. In diesem Monat regt sich die Lebenskraft aufs stärkste, die Kraft des Lichten steigt empor und dehnt sich aus. Alles Wachsende kommt hervor. Die Keime kommen alle ans Licht. Es geziemt sich nicht, zu dieser Zeit Steuern einzutreiben. Manche behaupten mir gegenüber auch, dass der Sohn des Himmels den Einfluss seiner Tugend verbreitet und Gnade ausübt. Er befiehlt den Beamten, die Scheunen und Keller zu öffnen, um den Armen und Bedürftigen in ihrer Not und ihrem Mangel zu helfen. Es werden die Schatzkammern geöffnet und Seidenstoffe hervorgeholt, die an die Fürsten im ganzen Reich zur Aufmunterung gesandt werden. Er erkundigt sich nach berühmten Gelehrten und ehrt die Würdigen. All dies behaupten manche mir gegenüber vom letzten Frühlingsmonat.
Dort, wo der gelbe Fluss von Norden kommend abrupt seine Richtung nach Osten ändert, erheben sich fünfunddreißig Meilen westlich des Quzhu-Gebirges die Ganzao-Berge (im heutigen Bezirk Yongji in der Provinz Shanxi). An diesem Ort entspringt der Fluss Gong, der in westlicher Richtung zum Gelben Fluss fließt. In den Höhenlagen wächst die Duftzeder, eine Laubbaumart aus der Familie der Mahagonigewächse, die nicht nur so heißt, sondern auch tatsächlich gut riecht und außerdem Schädlinge fernhält. In tieferen Lagen wächst ein immergrüner mehrjähriger Strauch, der bis zu fünf Meter hoch wachsen kann. Er fühlt sich im gleichen Lebensraum wie Sanddorn heimisch und besitzt auch die Fähigkeit, arme Böden zu verbessern und loses abschüssiges Gelände zu stabilisieren. Seine Wurzeln ähneln denen der Kui-Sonnenblume, aber er hat mandelförmige Blätter, gelbe Blüten und Hülsenfrüchte. Diese Pflanze kann Augenleiden heilen.
In den Ganzao-Bergen leben Malaienbären, die aussehen wie ein großer Marder mit Streifen auf dem Kopf. Sie haben ein kurzhaariges, schwarzes Fell mit einem weißlichen oder gelblichen, halbmondförmigen Fleck auf der Brust. Ihre kurze Schnauze hat eine hellgelbliche Färbung, die sich oft bis über die Augen hinaus ausdehnt. Charakteristisch sind die kleinen und runden Ohren, ihre lange Zunge, die großen, gebogenen und spitzen Krallen sowie die nackten Sohlen der Tatzen. Sie sind nachtaktiv, tagsüber schlafen sie in den Bäumen, hoch über dem Erdboden. Sie brechen oder verbiegen Äste, um daraus ein Nest oder eine Aussichtsplattform zu errichten, manchmal kann man sie auch beim Sonnenbaden beobachten. Am Boden bewegen sie sich wie alle Bären als Sohlengänger fort. Im Gegensatz zu vielen anderen Bärenarten halten sie keine Winterruhe, da ihre Nahrungsquellen das ganze Jahr über verfügbar sind.
Malaienbären sind Allesfresser, wobei Insekten und andere Wirbellose den Hauptbestandteil der Nahrung ausmachen. Mit ihren Krallen reißen sie die Baumrinde ab, um an Bienen sowie deren Honig und an andere baumbewohnende Tiere zu gelangen. Auch Termiten verzehren sie gerne, zu diesem Zweck brechen sie deren Baue auf und halten die Vorderpfoten abwechselnd hinein. Sobald genug Beutetiere darauf geklettert sind, schlecken sie die Pranken ab. Darüber hinaus machen Früchte einen großen Teil ihrer Nahrung aus. Selten verzehren sie auch kleine Wirbeltiere wie Nagetiere, Vögel und Echsen und manchmal auch Aas. Richtig zubereitet kann man mit ihnen Nackentumore behandeln.
Ich sitze bei leichtem Nieselregen unter dem Schutz einer Zeder und pflege der Muße. Ich bin zwar an Jahren immer noch ziemlich jung aber jetzt schon weiser als alle, die vor mir gelebt haben und nach mir leben werden. Dabei ist Weisheit nichts, wonach ich strebe. Ich strebe allein nach Ruhe und Einklang mit der Natur, falls man das bei mir überhaupt Streben nennen mag.
Heute stört mich Herr Lü. Er ist berühmt für seinen Reichtum, seine Macht und seinen Einfluss. Was mag er wollen?
„Ich grüße dich, alter Meister!“
„Alt bin ich nicht, und ein Meister will ich nicht sein.“
„Tu doch nicht so bescheiden!“
„Ich bin wie ich bin. Du magst es gerne bescheiden nennen.“
„Nun gut.“
„Was willst du? Du störst.“
„Ich habe Angst.“
„Dann sind deine Erziehungsversuche also gescheitert.“
„Ich hätte es ahnen müssen. Wie will man auch jemand belehren, der schon als junger Mensch wehrlose Philosophen verprügeln lässt.“
„Und jetzt?“
„Ich bin auf der Flucht.“
„Und was willst du hier?“
„Zuspruch.“
„Da könntest du dich doch besser an deine eigenen Werke wenden.“
„Da steht zwar alles Wissenswerte drin, aber es hilft mir trotzdem nichts.“
„Das ist auch nicht verwunderlich.“
„Wieso?“
„Die Frage hast du dir eigentlich schon selbst beantwortet.“
„Was soll ich tun?“
„Schweigen und verschwinden.“
„Zwölf Zyklen, acht Betrachtungen und sechs Erörterungen, und alles vergeblich.“
„Du sollst nicht einmal laut denken.“
„Mir kommt immer wieder mein alter Freund, der Wagenlenker Qing, in den Sinn.“
„Wieso das denn?“
„Er hat mit seinem Herrn nur eine kleine Ausfahrt in den Park gemacht.“
„Ja und?“
„Sie kamen an eine Brücke und plötzlich scheuten die Pferde.“
„Weshalb?“
„Das sollte Qing herausfinden. Sein Herr schickte ihn zur Inspektion der Brücke.“
„Und dann?“
„Qing schaute unter der Brücke nach und entdeckte seinen alten Freund Yu, der so tat, als sei er tot, und der, wie es aussah, Übles im Schilde führte.“
„Er wollte wohl den Herrn ermorden?“
„So ist es. Daraus ergab sich aber ein Dilemma für Qing: Entweder er meldete seine Entdeckung und verleugnete seine Freundschaft, oder er verschwieg seine Entdeckung und verleugnete sein Dienstverhältnis.“
„Wie hat er sich entschieden?“
„Er beging Selbstmord.“
„Das war dann doch wohl etwas übertrieben.“
„Er wusste keine andere Lösung.“
„Und warum musst du dauernd an diese merkwürdige Geschichte denken?“
„Ich befinde mich wohl auch in einem Dilemma.“
„Du bist den Herrschenden einfach nur ein wenig zu mächtig geworden.“
„Was kann ich tun?“
„Warum fragst du mich das immer wieder?“
„Du bist der Weiseste weit und breit.“
„Das stimmt zwar, aber dir ist nicht zu helfen. Entweder du wirst ermordet, oder du bringst dich selbst um.“
„Zuspruch ist das ja nun nicht gerade.“
„Warum hast du ihn bei mir erwartet? Du hättest die Tüchtigen nicht bevorzugen sollen, und niemand hätte Streit mit dir.“
„Die Tüchtigen sind aber doch der Rückhalt des Staatswesens.“
„Wenn du meinst. Dann hättest du wenigstens die Kostbarkeiten nicht schätzen sollen, und niemand wollte dir etwas stehlen.“
„Die Kostbarkeiten sind aber doch, wonach wir alle streben.“
„Ich zumindest strebe nicht danach. Nichts Begehrenswertes hättest du zeigen dürfen, und niemandes Herz wäre wirr geworden.“
„Lechzt nicht auch dein Herz nach den Wonnen der Begierde?“
„Selbst wenn dem so wäre, würde ich es dir zuallerletzt zugeben. Denn der Weise regiert auf folgende Weise: Er leert die Herzen der Menschen und füllt ihre Bäuche. Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen und macht, dass alle ohne Wissen und ohne Wünsche bleiben, und sorgt dafür, dass jene Wissenden nicht zu handeln wagen. Ohne Tätigkeit kommt so alles in Ordnung.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das wundert mich nicht.“
„Das ganze Gespräch mit dir ist wenig erbaulich.“
„Berichte das bitte weiter. Je weniger man von mir erwartet desto besser.“
Und so zieht er endlich wieder ab, seinem traurigen Ende entgegen. Und mich umgibt, was ich am höchsten schätze, wohltuende Ruhe. Und so sitze ich wieder bei leichtem Nieselregen unter dem Schutz einer Zeder und pflege der Muße.
IV. Der Weg des Gesetzes
Mein Weg hat mich in die Beixiao-Berge geführt. Der erste Sommermonat ist da, und schon haben wir den Salat. Es ist so warm, dass ich nackt durch das Gelände laufen möchte. Immerhin ist die Zeit des Frierens für die nächsten Monate vorbei. Allerdings macht diese elende Hitze auch kein rechtes Vergnügen. Aber mir kann es das Wetter eh nie ganz recht machen.
Es wird mir gegenüber behauptet, dass die Förster im ersten Sommermonat den Befehl erhalten, die Gefilde und Ebenen zu durchreisen und die Bauern anzufeuern und das Volk zu ermahnen, die Zeit nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Es wird weiterhin behauptet, dass der Unterrichtsminister den Befehl erhält, in den Städten und Dörfern herumzureisen, um die Bauern zu fleißiger Arbeit anzuhalten und zu verhindern, dass sie sich in den Städten herumtreiben. In diesem Monat verjagt man die wilden Tiere, damit sie das Korn nicht schädigen, doch sollen keine großen Jagden stattfinden. All dies wird mir gegenüber vom ersten Sommermonat behauptet.
Dreihundert Meilen nördlich der Gouyu-Berge und dreihundertfünfzig Meilen südlich der Liangqu-Berge erhebt sich das Beixiao-Massiv (im heutigen Bezirk Lingqiu in der Provinz Shanxi). Hier gibt es verhältnismäßig wenig Felsen. An den Nordhängen wird Jaspis gewonnen, an den Südhängen Jade. Hier lebt ein ganz weißes Tier namens Dugu, das wie ein Tiger aussieht, aber einen Kopf wie ein Hund, einen Schweif wie ein Pferd und Haare wie ein Schwein hat. Sein dickes und langes Fell schützt es vor den niedrigen Temperaturen. Im Sommer ist das Fell allerdings wesentlich kürzer als im Winter. Darunter verbirgt sich am Bauch und an den Flanken eine bis zu fünf Zentimeter dicke Fettschicht, die ihm zusätzlich hilft, extreme Kälte zu überleben. Das Dugu lebt normalerweise als Einzelgänger, markiert sein Revier mit Urin und Kratzspuren und ist vorwiegend nachtaktiv. Seine Beutetiere sind Hirsche, Schweine und Rehe. Mit seinem kräftigen Körper kann es sehr schwere Beute über weite Strecken tragen, um sie an einem ruhigen Ort zu fressen oder aufzubewahren.
Das Dugu verbringt viel Zeit mit der Jagd, da nur ein kleiner Teil seiner Angriffe erfolgreich ist. Ein solcher Angriff beginnt mit dem Anschleichen an die Beute. Ist es nahe genug herangekommen, springt es mit einem gewaltigen Satz von hinten auf das Opfer, um seine Eckzähne in dessen Nacken zu schlagen. Mit seinen Hinterbeinen steht es fest auf dem Boden, um das Tier nach unten zu drücken. Größere Tiere werden danach mit einem Kehlenbiss getötet, kleinere Beutetiere sterben bereits an den Verletzungen im Nacken.
Außerdem lebt hier der Vogel Banmao, ein Wachtelkauz, der wie eine Krähe aussieht und ein menschlich anmutendes Gesicht hat. Er schläft am Tag und fliegt in der Nacht. Sein Gefieder ist braungelb gestreift, der Rücken etwas dunkler. Er wird vierzehn bis siebzehn Zentimeter groß und hat eine gelbe Iris. Zu seiner Nahrung zählen Mäuse und junge Vögel, die er gerne auch aus den Nestern holt. Mitunter sucht der Wachtelkauz auch die Rinde der Bäume nach Insekten ab. Sein Weibchen legt drei bis fünf Eier am Ende des Frühlings. Mit ihm behandelt man erfolgreich Fieber.
In diesen Bergen entspringt der Qin-Fluss, der in östlicher Richtung in den Mangze-See mündet. Hier oben ist er noch ein Bach, in den ich gedankenversunken Kieselsteine werfe. Die machen ein so beruhigendes Plopp beim Eintauchen. Und wieder werde ich gestört, diesmal von Herrn Han, der die Frechheit hat, in seinem lausigen Werk so zu tun, als würde er meine Gedanken kommentieren.
„Seid gegrüßt, alter Meister!“
Welch eine dämliche Anrede!
„Warum lässt du mich nicht in Ruhe und widmest dich deinen Machwerken?“
„Dann hast du also schon davon gehört?“
„Ich weiß mehr, als du dir vorstellen kannst!“
Auch wenn es mir manchmal eher wie eine Last vorkommt.
„Ich möchte deine Meinung zu meinen Kommentaren hören.“
„Ach ja? Und wenn ich zu dem Unfug keine Meinung habe?“
„Sei doch nicht so grantig! Ich habe gehört, du seist ganz nett.“
„Hör auf, dich einzuschleimen! Das macht mich erst richtig grantig. Du bist doch auch nur ein Dieb fremder Gedanken.“
„Wieso das denn?“
„Dem Herrn Shang hast du den Einsatz von Gesetzen unter intensiver Anwendung von Bestrafung und Belohnung geklaut.“
„Das ist ein wichtiger Ansatz für eine gute Regierung.“
„Dem ersten Herrn Shen hast du die Methode politischen Handelns geklaut.“
„Den Gedanken habe ich mir geliehen.“
„Und dem zweiten Herrn Shen hast du die Ausübung von Macht geklaut.“
„Die Ausübung von Macht ist eine Erfahrungstatsache. Und sei doch nicht gleich eingeschnappt! Kennst du eigentlich folgendes Sprichwort aus alter Zeit? Regieren ist wie Haare waschen, man verliert zwar Haare dabei, aber man muss es tun.“
„In alter Zeit gab es keine leeren Sprüche. Ein Weiser aus alter Zeit sprach: Man stolpert nicht über einen Berg, aber über einen Ameisenhaufen.“
„Mir ist aber wichtig, die richtige Art zu Herrschen zu beschreiben.“
„Mir nicht. Herrschen ist schon an sich ein Fehler.“
„Aber ohne Herrschen geht es nicht!“
„Wer sagt das?“
„Ich! Und ich gebe dir gerne ein Beispiel für vorbildliches Herrschen.“
„Bitte nicht!“
„Doch, doch! Vorbildliches Herrschen bedarf eines klarsichtigen Herrschers.“
„So etwas Ähnliches hatte ich schon befürchtet.“
„Der Weg eines klarsichtigen Herrschers entspricht nun der Antwort, die Herr Yu Herrn Fu gab.“
„Was soll das denn bedeuten?“
„Hört sich ein klarsichtiger Herrscher Reden an, so lobt er die Beredsamkeit.“
„Vielleicht sollte er das Geschwätz besser unterbinden.“
„Beobachtet er Verhaltensweisen, so würdigt er deren Tragweite.“
„Das hört sich sehr beeindruckend an.“
„Deshalb gehen Minister, Beamte und das Volk in ihren grundsätzlichen Reden auf alle Umstände ein und gehen in die Tiefe. In ihrem persönlichen Verhalten entfernen sie sich von der gemeinen Welt.“
„Das sollten sie vielleicht besser nicht tun.“
„So antwortet Herr Tian dem König von Jing, so macht Herr Mo Weihen aus Holz und so baute der Sänger Gui den Wu-Palast. Medizin oder praktische Worte, klarsichtige Herrscher verstehen sich darauf.“
„Und? Was hat das mit der Antwort zu tun, die Herr Yu Herrn Fu gab?“
„Herr Fu verwaltete die Stadt Shanfu.“
„Welch unbedeutendes Kaff.“
„Mag sein. Aber das spielt hier auch keine Rolle. Herr Yu besuchte ihn und erkundigte sich: Was seid ihr so abgemagert? Herr Fu antwortete: Der Fürst hat meine Untätigkeit ignoriert und mir befohlen, diese Stadt zu verwalten. Die Amtsgeschäfte machen mir Stress und Sorgen, deshalb bin ich abgemagert.“
„Da hätte er wohl besser auf das Amt verzichtet.“
„Hat er aber nicht. Herr Yu antwortete ihm: Einst schlug der legendäre Herrscher Shun die fünfsaitige Zither, sang das Lied vom Südwind, und alle Welt war wohlgeordnet. Ihr macht euch Sorgen über die Verwaltung dieser unwichtigen Stadt. Was wäre nur, wenn ihr die ganze Welt regieren müsstet? Hat man eine Strategie zur Lenkung der Welt, dann sitzt man oben in der Halle, hat den Teint einer Jungfrau, und trotzdem ist es der Regierung nicht abträglich. Hat man keine Strategie zur Lenkung der Welt, dann kann man sich persönlich verausgaben und abmagern, und es bringt trotzdem keinen Nutzen.“
„Also alles nur eine Frage der richtigen Strategie.“
„So ist es.“
„Na prima. Dann kannst du jetzt ja wieder verschwinden.“
„Erst erzähle ich dir noch einen Witz.“
„Auch das noch. Bitte verschone mich.“
„Auf keinen Fall. Ein Mann aus Zheng wollte Schuhe kaufen. Er nahm zuhause an seinem Fuß Maß, vergaß das Maß aber, als er auf den Markt ging. Dort fand er Schuhe, die er kaufen wollte. Da er aber das Maß vergessen hatte, ging er erst wieder nach Hause zurück, um es zu holen. Als er wieder zum Markt kam, war dieser bereits aus, und er bekam keine Schuhe mehr. Jemand fragte: Warum hast du sie nicht anprobiert. Er antwortete: Ich glaube lieber dem Maß als mir selbst.“
„Du kennst wirklich keine Gnade.“
„Eine Anekdote hab' ich noch.“
„Warum hilft mir bloß keiner?“
„Ein Bauer aus Song hatte einen Edelstein gefunden und wollte ihn dem Herrn Han darbringen. Herr Han nahm ihn nicht an. Der Bauer sprach: Das ist ein Schatz, ein Gerät für einen edlen Herrn wie euch und nichts für einen kleinen Mann wie mich. Herr Han antwortete: Für dich ist der Edelstein ein Schatz, für mich ist das Nichtannehmen des Edelsteins ein Schatz. Das ist nun ein gutes Beispiel für die Forderung des alten Meisters: Das Nichtbegehren begehren und schwer zu erlangende Güter nicht überschätzen.“
„Der alte Meister fordert dich auf zu verschwinden.“
„Eine Anekdote hab' ich noch.“
„Nimmt denn das überhaupt kein Ende?“
„Ein Bauer aus Song bestellte seinen Acker, in dessen Mitte sich ein alter Baumstumpf befand. Eine Hase rannte mit hoher Geschwindigkeit über den Acker, knallte gegen den Baumstumpf und brach sich dabei das Genick. Daraufhin gab der Bauer die Bestellung seines Ackers auf und wartete lieber auf den nächsten blöden Hasen. Ein solcher kam aber nie und er wurde von den Leuten in Song verspottet. Wenn man aber die Leute der Gegenwart mit den Methoden der Vergangenheit regieren will, dann verhält man sich genau wie dieser Bauer.“
„Ich sagte bereits, dass ich mich nicht für deine Ansichten zur Regiereritis interessiere.“
„Schade.“
„Ist nicht der Weg ein unerschöpfliches Gefäß, abgründig wie der Urahn aller Dinge.“
„Was soll das denn jetzt?“
„Mildert er nicht ihre Schärfe? Löst er nicht ihre Wirrsale? Mäßigt er nicht ihren Glanz? Vereinigt er sich nicht mit ihrem Staub?“
„Du redest irre.“
„Ist er nicht tief und doch wie wirklich? Wessen Sohn er auch sei, er scheint früher zu sein als der himmlische Herrscher.“
„Nun reicht es aber wirklich.“
„Warum bist du nur so bockig und uneinsichtig?“
„Ich bin weder bockig noch uneinsichtig.“
„Da hast du den Beweis. Wenn du jetzt nicht verschwindest, werfe ich die Kieselsteine nicht mehr ins Wasser sondern an deine Birne.“
„Niemand hat gesagt, dass du so aggressiv werden kannst.“
„Nun zieh endlich Leine und verkünde der Welt, was für ein Arschloch ich bin.“
„Ich nehme mal an, du willst dich wirklich nicht zu meinen Kommentaren äußern.“
„Der erste wahre Satz.“
„Dann muss ich also unverrichteter Dinge meines Weges ziehen.“
„Ja doch.“
„Schade!“
Auch dieser arme Mann findet ein schlimmes Ende. Ein scheinbarer Freund verleumdet ihn, er wird ins Gefängnis geworfen und zum Selbstmord gezwungen. Da geht er hin, und ich kann und will ihn auch nicht retten. Ich sehe ihn in der Ferne verschwinden und habe endlich wieder meine Ruhe. Die nutze ich, um wieder gedankenversunken Kieselsteine in den Bach zu werfen. Die machen ein so beruhigendes Plopp beim Eintauchen.
V. Der Weg des weißen Pferdes
Mein Weg hat mich in die Niuyang-Berge geführt. Der mittlere Sommermonat ist da. Ein leichter Sommerregen mildert die Hitze nicht wirklich. Besteht die Feuchtigkeit auf meinem Körper überwiegend aus Regentropfen oder Schweißperlen? Wer könnte das wie feststellen? Lassen wir die Fragen offen und frönen weiterhin der Muße.
Manche sagen mir, dass ein edler Mensch im mittleren Sommermonat des Fastens und der Reinigung pflegt. Er hält sich in verborgenen Gemächern auf. Er strebt nach Ruhe und vermeidet die Aufregung. Er hält sich zurück von Musik und Schönheit, dass sie ihm nicht zufällig nahen. Er begnügt sich mit einfacher Speise und sucht nicht nach Wohlschmeckendem. Er mäßigt seine Begierden und festigt die Kraft seines Herzens. Die verschiedenen Beamten lassen ihre Geschäfte ruhen und verhängen keine schweren Strafen, damit der Erfolg der trüben Kraft in Ruhe erreicht werden kann. Manche sagen mir auch, dass die Hirsche das Geweih abwerfen und die Zikaden zu zirpen beginnen. Das Mitsommerkraut wächst, der Eibisch blüht. In diesem Monat soll man im Süden kein Feuer anzünden. Man mag in hohen und hellen Gebäuden wohnen, man mag sich der fernen Aussicht freuen, man mag in die Berge und auf die Hügel gehen, man mag auf Terrassen und Hochgärten weilen. All dies sagen mir manche vom mittleren Sommermonat.
Dreihundertsiebzig Meilen östlich des Yuanyi-Gebirges befinden sich die Niuyang-Berge (im Norden des heutigen Bezirks Lian in der Provinz Guangdong). An ihren südlichen Hängen findet man Kupfer, an den nördlichen Hängen Silber. Hier lebt das Bergzebra Lushu. Es ähnelt einem Pferd mit der Musterung eines Tigers, einem weißen Kopf und einem roten Schwanz. Sein Wiehern klingt wie Gesang. Bergzebras leben in kleinen Verbänden, die keine Eigenbezirke unterhalten. Solche Verbände bestehen aus einem älteren Hengst, bis zu fünf Stuten und deren Jungen. Der Hengst kann gegenüber den Leithengsten anderer Verbände sehr aggressiv auftreten. Er führt seinen Verband fünf bis fünfzehn Jahre lang, bevor er von einem jüngeren Konkurrenten aus seiner Position vertrieben wird. Die Stuten können ein Leben lang in ihrem Verband bleiben, doch wenn die Herden zu groß werden, teilen sie sich manchmal auf. Ein heranwachsender Hengst übernimmt dann die Führung des abgespaltenen Verbandes. In der Medizin nutzt man das Lushu zur Heilung von Sterilität.
Hier entspringt der Guai-Fluss. Er fließt nach Osten in den Xianyi-Fluss, der wiederum in den Perlfluss mündet. In seinem Wasser lebt ein Reptil, das man schwarze Großkopfschildkröte nennt. Es sieht aus wie eine Schildkröte, ist schwarz, hat einen Kopf wie ein Vogel und einen Schwanz wie eine Schlange. Seine Laute hören sich an wie Schläge auf Holz. Seinen relativ großen Kopf und seinen langen Schwanz kann es nicht wie andere Schildkröten vollständig in den Panzer zurückziehen. Zu seinem Schutz hat es an diesen Stellen große Hornschuppen. Da es seinen Kopf nicht zurückziehen kann, verhält es sich gegenüber Feinden auch nicht passiv, sondern greift an und versucht, den Gegner durch Bisse zu vertreiben.
Es ernährt sich von Schnecken, Krebsen und Fischen, und kann mit seinen kräftigen Kiefern die harten Schalen der Beutetiere aufknacken. Da es kein guter Schwimmer ist, läuft es am Gewässerboden entlang oder klettert auf Bäume und Büsche. Das aus zwei Eiern bestehende Gelege wird in einer Erdmulde angelegt. Nach der Eiablage glättet das Weibchen die Erde über dem Nest. Die Jungtiere müssen sich nach dem Schlupf selbst ausgraben. Auch dieses Tier hat einen medizinischen Nutzen, man behandelt damit Taubheit und die Beriberi-Krankheit.
Da sitze ich nun am Flussufer und schaue den Schildkröten zu in der Hoffnung, nie auf ihre angeblichen Heilkräfte angewiesen sein zu müssen. Alles könnte so herrlich friedlich sein, hätte sich nicht der Herr Gongsun aufgemacht, mich mit seinen Spiegelfechtereien auf die Palme zu bringen.
„Es ist mir ein große Ehre, alter Meister!“
Mir nicht. Warum mache ich mich nicht einfach auf und davon?
„Gongsun, du alte Nebelkrähe, warum verschonst du mich nicht vor deinem Gewäsch?“
„Was du so boshaft Gewäsch nennst, ist die Wissenschaft vom richtigen Gebrauch der Sprache.“
„Ach, du liebe Güte!“
Ich bin schon müde und gelangweilt, bevor er mit seinem Sermon anhebt.
„Einst fragte mich jemand, ob es stimmt, dass ein weißes Pferd kein Pferd ist, und ich antwortete ihm, dass das stimmt.“
„Und dessen bist du dir natürlich sicher?“
„Natürlich bin ich mir sicher. Der genannte Jemand wollte nun den Grund für meine Sicherheit erfahren, genau wie du.“
„Wieso wie ich? Ich will gar nichts wissen.“
„So antwortete ich ihm, dass Pferd eine Gestalt bezeichnet, weiß bezeichnet eine Farbe. Die Bezeichnung einer Farbe ist nicht die Bezeichnung einer Gestalt. Deshalb ist ein weißes Pferd kein Pferd.“
„Damit war er aber hoffentlich nicht zufrieden?“
„Nein. Er fragte weiter. Hat man seiner Ansicht nach ein Pferd, kann man nicht sagen, man hat kein Pferd. Kann man nicht sagen, man hat kein Pferd, ist das kein Pferd? Hat man ein weißes Pferd, hat man ein Pferd. Ist es auch weiß, warum soll es kein Pferd sein?“
„Nun, warum soll es also kein Pferd sein?“
„Das ist doch völlig klar. Braucht man ein Pferd, dann mag es ein braunes oder ein schwarzes Pferd sein. Braucht man ein weißes Pferd, dann darf es weder ein braunes noch ein schwarzes Pferd sein. Behandelt man ein weißes Pferd wie ein Pferd, so ist, was man braucht, eins. Ist, was man braucht, eins, dann ist ein weißes Pferd nicht verschieden von einem Pferd. Ist das, was man braucht, nicht verschieden, warum mag es dann einmal ein braunes oder ein schwarzes Pferd sein, ein anderes Mal nicht? Annehmbar und unannehmbar sind deutlich verschieden. So sind ein braunes und ein schwarzes Pferd eins, wenn man ein Pferd braucht, aber nicht, wenn man ein weißes Pferd braucht. Daraus folgt offensichtlich, dass ein weißes Pferd kein Pferd ist.“
„Ganz so offensichtlich ist das nicht.“
„Der Ansicht war auch der genannte Jemand. Er fragte weiter. Wenn ein farbiges Pferd kein Pferd ist, es aber keine farblosen Pferde in der Welt gibt, gibt es dann überhaupt Pferde?“
„Ich sehe eigentlich ganz häufig Pferde. Muss ich jetzt auch ihre Existenz bezweifeln?“
„Natürlich nicht. Ein Pferd hat notwendigerweise eine Farbe, also gibt es weiße Pferde. Ein Pferd ohne Farbe wäre nur ein Pferd, wie bekäme man dann ein weißes Pferd? Etwas Weißes ist also kein Pferd. Ein weißes Pferd ist Pferd und weiß, Pferd und weißes Pferd. Also ist ein weißes Pferd kein Pferd.“
„So wirklich bestechend ist deine Logik ja nun nicht.“
„Der Ansicht war wohl auch genannter Jemand und behauptete, Pferd ohne weiß sei Pferd. Weiß ohne Pferd sei weiß. Vereint man Pferd und weiß und nennt es weißes Pferd, dann kombiniert man miteinander mit gegeneinander, und das ist unzulässig. Deshalb ist auch der Satz, ein weißes Pferd ist kein Pferd, unzulässig.“
„Dem durftest du aber nicht zustimmen.“
„Habe ich auch nicht. Ich habe ihn vielmehr gefragt, ob es zulässig zu sagen sei, 'es gibt ein weißes Pferd heißt, es gibt ein Pferd', bedeutet so viel wie, 'es gibt ein weißes Pferd heißt, es gibt ein braunes Pferd'?“
„Dem durfte er nicht zustimmen.“
„Tat er auch nicht. Er gab zu, dass es nicht zulässig ist. Ist nun ein Pferd haben verschieden von ein braunes Pferd haben, dann ist ein braunes Pferd verschieden von Pferd. Ist ein braunes Pferd verschieden von Pferd, dann ist ein braunes Pferd kein Pferd. Ist ein braunes Pferd kein Pferd, hält man aber ein weißes Pferd für ein Pferd, dann ist das wie fliegen unter Wasser oder Innen- und Außensarg an verschiedenen Orten. Es ist widersprüchlich und durcheinander!“
„Ich bin geneigt, das auch von deiner Argumentation zu behaupten. War er denn nun überzeugt?“
„Keineswegs. Er meinte, wenn man ein weißes Pferd hat, kann man nicht sagen, man hat kein Pferd. Das bedeutet die Trennung von weiß. Trennt man es nicht, könnte man auch nicht sagen, ein weißes Pferd haben bedeutet ein Pferd haben. Verwechselt man aber Pferd mit Pferd haben, während man sagt, weißes Pferd ist weißes Pferd haben, dann ist am Ende ein Pferd kein Pferd.“
„Ein Pferd ist kein Pferd, nun ja. Einleuchtender wäre die Behauptung, dieses Pferd ist nicht jenes Pferd.“
„Das ist doch trivial. Etwas Weißes bestimmt nicht, was weiß ist, das kann man also vergessen. Bei einem weißen Pferd bestimmt weiß, was weiß ist. Was weiß bestimmt, ist nicht weiß. Pferd schließt Farbe weder ein noch aus. Deshalb entspricht sowohl ein braunes wie ein schwarzes Pferd. Weißes Pferd schließt Farbe ein oder aus. Ein braunes oder schwarzes Pferd ist durch die Farbe ausgeschlossen, nur ein weißes Pferd entspricht der Vorgabe. Eingeschlossen ist nicht ausgeschlossen, deshalb ist ein weißes Pferd kein Pferd.“
„Jetzt ist es aber gut mit Pferd. Du kannst ja mal überlegen, wie du beim Lushu argumentiert hättest. Das ist nämlich weiß und schwarz.“
„Was ist ein Lushu?“
„Da spekulierst du über Pferde und weißt nicht, was ein Lushu ist. Du bist ein Scheingelehrter.“
„Dafür weißt du nicht, dass ein Ei Federn hat.“
„Was sollte das auch für ein merkwürdiges Wissen sein?“
„Und du weißt nicht, dass ein Küken drei Beine hat.“
„Ganz sicher nicht.“
„Und du weißt auch nicht, dass die Hauptstadt von Chu die ganze Welt enthält.“
„Wie sollte sie?“
„Mit meinen Kollegen an der Akademie von Qi kann man sich viel besser unterhalten als mit dir.“
„Auf, auf mit dir, zurück nach Qi!“
„Wir diskutieren, ob man einen Hund für ein Schaf halten kann, ob Pferde Eier legen, ob Unken Schwänze haben, ob Feuer heiß ist, ob Berge durch den Mund kommen, ob Räder die Erde berühren, ob Augen sehen können, und ob Schildkröten länger als Schlangen sind.“
„Das sind neunundneunzig Gründe, nie nach Qi zu reisen.“
„Ob sich der Schatten eines fliegenden Vogels bewegt, ob ein Hund ein Kaninchen ist, ob ein braunes Pferd und eine schwarze Kuh drei ergibt, ob weiße Hunde schwarz sind, und ob ein Fohlen eine Mutter hat.“
„Dann diskutiert mal schön. Aber tut das bitte in Qi und erzählt mir nichts davon.“
„Du bist ein ahnungsloser Ignorant.“
„Stimmt. Und du bist hier mehr als überflüssig.“
„Gib mir wenigstens ein paar kluge Sätze mit für meine Rückreise.“
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil ich sonst hier bleibe.“
„Das ist wahrlich eine schreckliche Drohung.“
„Also?“
„Nun gut. Himmel und Erde sind nicht gütig. Alle Dinge sind ihnen wie Opferhunde aus Stroh.“
„Was bedeutet das?“
„Die Weisen sind nicht gütig. Die Menschen sind ihnen wie Opferhunde aus Stroh.“
„Was bedeutet das?“
„Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde ist wie ein Blasebalg, leer und fällt doch nicht zusammen, bewegt kommt immer mehr daraus hervor. Viele Worte erschöpfen sich. Besser ist es, das Innere zu wahren.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Du hast nun deine Sätze, also halte dich gefälligst an dein Versprechen.“
„Auf Wiedersehen, alter Meister!“
Das wird sich hoffentlich vermeiden lassen. Er zieht von dannen, und ich stelle mir mit Grausen das Palaver an der Akademie in Qi vor. Das ist das vollständige Gegenteil von Ruhe. Derweil sitze ich wieder am Ufer des Guai, schaue den Schildkröten und hoffe, nie auf ihre angeblichen Heilkräfte angewiesen sein zu müssen.
VI. Der Weg des Bösen
Mein Weg hat mich in die Juzuang-Berge geführt. Der erste Herbstmonat ist da. Ein milder Wind streichelt die Baumwipfel und mein Gemüt. Es ist nicht mehr so schrecklich heiß, und es ist noch nicht so schweinekalt. Von mir aus könnte immer Herbst sein. Die Blätter werden gelb, die Tiere fressen sich Speck an, und der Mensch wird seiner Vergänglichkeit gewahr.
Man behauptet mir gegenüber, dass im ersten Herbstmonat die Sonne im Zeichen Yi stehe, zur Zeit der Abenddämmerung das Sternbild Dou und zur Zeit der Morgendämmerung das Sternbild Bi kulminiere. Seine Tage seien Gong und Xin. Sein göttlicher Herrscher sei Shaohao. Sein Schutzgeist sei Roushou. Seine Tiere seien die behaarten Tiere. Seine Note sei Shang. Seine Tonart sei Yizuo. Seine Zahl sei neun. Sein Geschmack sei scharf, sein Geruch sei metallisch. Man behauptet auch, dass man dem Torgeist opfere und unter den Opfergaben die Leber obenan stehe. Im ersten Herbstmonat kommt der kühle Wind herbei. Der weiße Tau fällt herab. Die Herbstgrille zirpt. Der Falke opfert Vögel. Man beginnt mit Todesstrafen. All dies behauptet man mir gegenüber vom ersten Herbstmonat.
Dreihundert Meilen südlich der Suzu-Berge und dreihundert Meilen nördlich der Boqi-Berge liegt das Juzhuang-Gebirge (im heutigen Bezirk Boxing in der Provinz Shandong). Auf seinen Höhen gewinnt man metallische Minerale und Jade, in den Tälern findet man ultramarine Färbemittel und Jaspis. Hier leben wilde Hunde namens Zongzong, die so schnell laufen können, dass man denkt, sie haben sechs Beine. Sie sind stark, geschickt und ausdauernd, und haben einen sehr guten Geruchssinn, mit dem sie Wild aufspüren und verfolgen können.
In den Niederungen hocken Vögel namens Zishu, die wie Hühner aussehen und ein Rattenfell und schwarze Knochen haben. Sie fürchten sich vor Feuchtigkeit, und wenn Menschen ihrer angesichtig werden, fürchten die den Ausbruch einer Trockenheit. In diesem Gebirge entspringt der Zhi-Fluss, der in nordöstlicher Richtung auf den Hu-Fluss zufließt. In seinem Wasser lebt der Halbschnabelhecht Zhen, der aussieht wie ein Tiao-Fisch. Sein unverwechselbares Kennzeichen ist der stark verlängerte Unterkiefer, der die Länge des Oberkiefers um ein Vielfaches übertrifft. Er lebt wie ein Räuber und jagt kleine Fische und Insekten an der Wasseroberfläche. Mit seinem oberständigen Fischmaul ist er gut an diese Lebensweise angepasst.
Ich schaue ihm zu und frage mich, ob er ein glücklicher Fisch ist. Zum Glück muss ich diese Frage mit niemandem diskutieren, insbesondere nicht mit Herrn Hui. Aber während ich mich darüber noch freue, steht schon wie aus der Erde gewachsen Herr Xun vor mir. Der interessiert sich zwar dankenswerterweise nicht für glückliche Fische, dafür hat er aber allerlei andere abstruse Interessen.
„Endlich habe ich dich gefunden, alter Meister.“
Was die bloß alle mit dem alten Meister haben?
„Bist du sicher, dass du dich nicht verlaufen hast?“
„Ich habe dich überall gesucht, um mit dir über das Böse zu diskutieren.“
„Schade, dass du mich gefunden hast. Ich habe gerade über das Glück der Fische sinniert.“
„Fische können nicht glücklich sein.“
„Woher willst gerade du das wissen?“
„Glück als Emotion kommt allein den Menschen zu.“
„Den bösen Menschen?“
„Den bösen Menschen!“
„Warum sind die Menschen denn deiner Ansicht nach alle von Natur aus böse?“
„Das Böse erwächst aus dem unkontrollierten Ausleben der in der Natur des Menschen angelegten Triebe, insbesondere dem Streben nach Vorteil. Das führt ohne Umwege zu Streit, Raub und allen Arten von Gewalttaten.“
„Das hört sich ja übel an. Aber, wenn man sich so umschaut…“
„Das Böse muss man mit guten Vorbildern und Bildung bekämpfen.“
„Und dann wird alles gut?“
„Leider nicht alles. Aber einige Menschen wird man retten können.“
„Hoffentlich bist du nicht gekommen, um mich zu retten.“
„Ich fürchte, du bist nicht zu retten.“
„Jedenfalls nicht mit deinen Methoden.“
„Mein Weg basiert auf den Forderungen des großen Meisters Kong.“
„Bitte sag nicht Weg, wenn du Abwegiges behauptest. Und bitte behaupte auch nicht, dass der völlig verwirrte Herr Kong ein großer Meister sei.“
„Es ist wichtig, die Bezeichnungen korrekt zu halten.“
„Soso.“
„Die späteren Könige vollendeten die Bezeichnungen, indem sie bei den Bezeichnungen für Strafen der alten Shang-Tradition folgten, indem sie bei den Bezeichnungen für Würden der Zhou-Tradition folgten, indem sie bei den Bezeichnungen der Kultur den Riten folgten, und indem sie bei den allgemeinen Bezeichnungen für alle Dinge den üblichen Gebräuchen und lokalen Konventionen im Lande folgten. Selbst die entlegenen Gebiete mit fremden Sitten stützen sich darauf, und so werden sie allgemeingültig.“
„Und schon ist alles korrekt bezeichnet?“
„Eigentlich schon. Allgemeine Bezeichnungen betreffen die Menschen. Natur bezeichnet man als das, wodurch das Lebendige so ist, wie es ist.“
„Wenn nicht du es gesagt hättest, hätte ich vielleicht zugestimmt.“
„Beim Harmonieren der Natur mit dem Erzeugten vereinigen sich die Samen, sie wirken und reagieren, das eine regt an, das andere reagiert. Natur bezeichnet man als das, was dann ohne Handeln und ohne weiteres Zutun so ist, wie es ist.“
„Sie ist, wie sie ist. Und am besten lässt man sie in Ruhe.“
„Emotionen bezeichnet man als das, was in der Natur des Menschen angelegt ist, also lieben und hassen, froh und zornig sein, traurig und vergnügt sein.“
„Aber in der Ruhe liegt die wahre Kraft.“
„Denken bezeichnet man als das, wodurch das Herz eine Entscheidung über die Emotionen trifft, die so sind, wie sie sind.“
„Meist ist das Denken völlig überflüssig und führt zu nichts.“
„Wirken bezeichnet man als das, was das Vermögen hat, das denkende Herz in Bewegung zu setzen.“
„Ein Königreich für ein ruhiges Herz.“
„Bewirktes bezeichnet man als das, was unter der Voraussetzung vollendet wird, dass das Denken sich darauf sammelt und das Vermögen sich darin übt.“
„Wofür definierst du denn so fleißig für dich hin?“
„Es geht darum, die Bezeichnungen korrekt zu halten. Handeln bezeichnet man alsdann als das, was man auf Vorteil gerichtet tut.“
„Pfui Vorteil.“
„Wandel, insbesondere moralischen Lebenswandel, bezeichnet man als das, was man auf Geziemendes gerichtet tut.“
„Noch schlimmer.“
„Erkenntnis bezeichnet man als das, wodurch der Mensch erkennt.“
„Welch eine Erkenntnis!“
„Wissen bezeichnet man als das, worin das Erkannte zusammen kommt.“
„Wissen ist nichts als Einbildung.“
„Fähigkeit bezeichnet man als das, wodurch das Wissen etwas vermag.“
„Dazu reicht ein Blick in die Wirklichkeit.“
„Vermögen bezeichnet man als das, worin das Vermochte zusammen kommt.“
„Wann hat die Definititis ein Ende?“
„Krankheit bezeichnet man als das, was die Natur verletzt.“
„Definititis ist eine Krankheit.“
