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Wir sagen unseren Kindern "Du darfst nicht mit Fremden reden". Sagen wir Ihnen auch, was sie stattdessen machen sollen? Cord Sanders Trainingskonzept zum Selbstschutz für Kinder orientiert sich an dem Ziel, Kindern wirkungsvolle Handlungsmöglichkeiten in gefährlichen Situationen zu vermitteln. Anschaulich beschreibt es Übungsmöglichkeiten zugeschnitten speziell für das Training mit Kindern. Alle Übungen, Tricks und Kniffe sind so aufgebaut, dass besonders effektive Strategien sicher und abwechslungsreich eingeübt werden können. So entstehen schnell Wiedererkennungseffekte, Ängste werden abgebaut. Kinder werden gestärkt und lernen, schnell zu reagieren und sich wirkungsvoll zu schützen. Sander gibt außerdem überraschende Tipps, wie Erwachsene auch im Alltag die Fähigkeiten von Kindern zur Verteidigung positiv beeinflussen können.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Selbstschutz für Kinder – Der Anfang
Einführung
Im Selbstschutz benötigen wir Erwachsenen Zivilcourage
Mädchen – Jungen / Männer – Frauen
Was ist unser Ziel?
Vorsicht vor zu viel Aktionismus
Verhaltensmuster in Notsituationen
Selbstschutz für Kinder
Die Immer – Immer Regel
Grundsätzliches zu den Kursen
Die Kurse – Aufbau und Verlauf
Wo beginnt Selbstverteidigung?
Verbale Gewalt
Seelische Gewalt
Geheimnisse
Gute Geheimnisse
Schlechte Geheimnisse
Graue Geheimnisse
Codeworte und andere Strategien
Bekannte Personen als Abholer
Nothilfe – Anderen in Not helfen
Rufen und Schlüsselsätze
Rufen in der Not
Fehler, die oft gemacht werden
Weitere Beispiele und Schwierigkeiten im Umgang mit fremden Erwachsenen
Schritte des Schreiens in einer Übersicht
Schreien im Weglaufen / Laufen
Weglaufen
Dinge, die grundsätzlich zu vermeiden sind
Drohungen in der Erziehung
Beleidigungen
Erniedrigungen
Die wichtigste Verteidigung der Kinder gegen Erwachsene
Fremde und bekannte Aggressoren
Verbale Verteidigung gegen bekannte Aggressoren
Strategien der Täter
Ziel der Täter
Täter im Bekanntenkreis
Sexuelle Gewalt aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis
Verdacht auf Missbrauch – Wie verhalten Sie sich richtig?
Wie können Kinder sich gegen solche Übergriffe wehren?
Selbstvertrauen / Selbstbehauptung
Aufbau des Selbstbewusstseins
Sprache – eine mächtige Waffe
Prävention
Im Kaufhaus
Auf dem Spielplatz
Auf dem Heimweg / Auf der Straße
Situationen und Verhaltensweisen
Beispiele
Mobbing und Gewalt in der Schule
Selbstschutz für Kinder von 0-3 Jahren
Kleine Tricks und Kniffe
Spiele und Übungen
Schlusswort
Widmung
Danksagung
Hilfreiche Seiten und Texte im Internet
Unsere Kinder zu schützen, stark zu machen und auf das Leben vorzubereiten, ist ein Ziel, welches alle Eltern teilen. Geht es um das große Thema Selbstverteidigung für Kinder, kann man sich mit Büchern, Internethinweisen und Broschüren verschiedenster Stellen und Autoren zuschütten lassen. Es gibt einfach unglaublich viele Dinge, vor denen wir unsere Kinder schützen wollen. Angefangen beim Internet, über Mobbing, zu der Ansprache Fremder bis zum sexuellen Missbrauch durch unbekannte und bekannte Täter.
In diesem Buch stelle ich Strategien und mögliche Verhaltensmuster dar, die Ihren Kindern durch verschiedenste gefährliche Situationen helfen können. In einigen Themengebieten gehe ich bewusst nicht in die Tiefe. Sexueller Missbrauch, Mobbing und einige weitere Themen füllen ganze Bände und Studien. Vielmehr möchte ich Ihnen in kurzer Form Hilfestellungen, Lösungsansätze, Auswege und Ideen bieten.
Dieses Buch entspringt meinen jahrelangen Erfahrungen zum Thema Selbstschutz für Kinder und ist daher in der ersten Person geschrieben. Ich versuche hier lediglich meine Erkenntnisse, Erfahrungen und Arbeitsweisen darzustellen und Ihnen damit Ideen anzubieten.
Die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit meiner Arbeit ist schwer messbar. Auch wenn ich nach dieser langen Zeit glücklicherweise von keinem negativen Bespiel gehört habe, von vielen tausend Kindern, die ich unterrichtet habe, muss ich mir stets eingestehen, dass es keinen ultimativen Schutz gibt. Wir können leider nicht alle Situationen und Strategien von potentiellen Angreifern erfassen und noch weniger können wir jedes Kind auf jede Situation und jeden Gegner vorbereiten. Es bleibt stets ein gewisses Maß an Transferleistung des Kindes. Allerdings können wir durch unseren Umgang mit unserem Kind und diesem Thema die Chancen deutlich erhöhen und unsere Kinder sicher durch ihre ersten Lebensjahre führen, sowie sie auf die Herausforderungen ihres Lebens vorbereiten.
Wenn wir unsere Kinder perfekt schützen und vorbereiten könnten, gäbe es wohl auch nie wieder einen Verkehrsunfall mit Beteiligung eines Kindes. Und doch schützen wir es, indem wir es an den Straßenverkehr langsam heranführen und ihm zeigen, wie es sich dort sicher bewegen kann. Letzten Endes gehört immer eine Portion Glück zum Leben.
Mein Bruder sagte mir einmal vor einer schweren Prüfung, dass es immer drei große Faktoren gibt, die zum Bestehen einer Prüfung gehören:
Fachwissen / Können
Tagesform / Gesundheit
Glück
Alle drei sind gleichwertig und wenn nur eines davon fehlt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Prüfung nicht geschafft wird oder zumindest nicht mit den gewünschten Resultaten.
Ich wage nun die These, dass diese Regel nicht nur für Prüfungen gilt, sondern auf jeden Tag unseres Lebens übertragbar ist auf nahezu alle Tätigkeiten und Gegebenheiten, denen wir begegnen. Je besser wir vorbereitet sind, auf unsere Gesundheit achten und achtsam sind, desto leichter und effektiver können wir uns den Herausforderungen des Lebens stellen.
Seit 1995 hat sich mein System stetig verändert und weiterentwickelt. Es hat sich in dieser Zeit sehr von den üblichen kampfsportorientierten Verteidigungssystemen getrennt und weist erheblich mehr Komponenten der Selbstbehauptung und Strategien, mit gefährlichen Situationen umzugehen, auf. Im Ursprung stand die Frage, was Kinder überhaupt gegen den übermächtigen Angreifer »Erwachsener« ausrichten können. Damals fand man herkömmliche Systeme überwiegend für Erwachsene. So werden bis heute Techniken vermittelt, mit denen Mann oder Frau sich gegen körperliche Attacken zur Wehr setzen kann. Dies ist für ein Kind grundsätzlich schwerer, als für Erwachsene. Zum einen fehlen körperliche Eigenschaften wie Kraft und Bewegungserfahrung, zum anderen die kognitiven Fähigkeiten und Erfahrungswerte, auf die wir Erwachsenen zurückgreifen können.
Was also kann man einem Kind zeigen, damit es sich effektiv gegen Übergriffe von Erwachsenen verteidigen kann. Angriffe auf vitale Punkte? Es gibt Kampfsportler, die zeigen ihren minderjährigen Schülern, wie sie jemandem in den Genitalbereich treten oder in die Augen stechen können. Das halte ich für höchst zweifelhaft. Auch wenn das Kind tatsächlich eine solche Technik im Ernstfall mit voller Kraft und Wirkung ausführen könnte, so zeigt die Erfahrung, dass selbst bei Erwachsenen solche Techniken im Ernstfall aufgrund mangelnden Trainings oft nicht zum gewünschten Erfolg führen. Hinzu kommt, dass wir Erwachsenen unterscheiden können, wann wir einen Menschen und vor allem welchen Menschen wir schwer verletzen. Ich bezweifle, dass z.B. ein fünfjähriges Kind das differenzieren kann. Da sehe ich eher die Gefahr, dass es in Ermangelung der Fähigkeit und Erfahrung, die Folgen abschätzen zu können, Techniken wie diese bei anderen Kindern in einfachen Streitsituationen anwendet.
Grundsätzlich versuche ich den Kindern einen deutlichen Unterschied zwischen der Verteidigung gegen Erwachsene und einem Streit mit anderen Kindern zu vermitteln, ihnen für beides Strategien an die Hand zu geben, mit denen sie die Situation klären können. Jedoch vertraue ich nicht darauf, dass ein Kind im Zorn nicht doch mal die eine oder andere Technik gegen seinen Kontrahenten einsetzt. Daher habe ich für mich entschieden, vitale und vernichtende Techniken nur an ältere Kinder weiterzugeben.
Mein Bestreben liegt eher darin, den Kindern Strategien zu zeigen, mit denen sie sich effektiv und schnell zu helfen wissen. Im Kern laufen diese darauf hinaus, sich Hilfe zu organisieren. Alle Übungen, Tricks und Kniffe die ich zeige, dienen dazu, die immer wiederkehrenden Strategien abwechslungsreich und vielfältig zu wiederholen und Wiedererkennungseffekte zu schaffen, ohne Ängste zu erzeugen. Ich nutze die Übungen des Weiteren dazu, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken.
Dieses Buch enthält keine wilde Techniksammlung mit »Wundertechniken« zur Verteidigung gegen übermächtige Gegner. Die Techniken und Tricks, die ich den Kindern zeige sind eher dazu geeignet, sich zu lösen, damit »Kind« weglaufen und Hilfe organisieren kann. Ich rate dennoch dazu, Ihr Kind an Selbstverteidigungskursen oder -trainings teilnehmen zu lassen. Techniken sollten immer praktisch trainiert und vielfältig geübt werden. Auch traditionelle Kampfkünste, wie z.B. Karate, Judo oder Tae Kwon Do, geben Ihrem Kind auf vielen Ebenen Kraft und Stärke. Sie dienen dem Erlernen von Disziplin und Konzentration, steigern körperliche und geistige Fähigkeiten und vermitteln gute Techniken der Verteidigung.
In der Vergangenheit habe ich sehr oft den Satz gehört: »Mein Kind soll sich verteidigen können!« Diesen Wunsch kann ich als Vater absolut nachvollziehen! Ich wünsche mir auch, dass meine Kinder nie in Situationen geraten, die gefährlich für sie sein können; oder wenn sie in solche Situationen geraten, dass sie damit perfekt umgehen können und unbeschadet alles überstehen. Wir haben die Verantwortung, unsere Kinder stark zu machen, sie in die Selbstständigkeit zu führen und ihnen zu zeigen, wie man eigene Entscheidungen trifft; kurz: unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten! Auf diesem Weg müssen wir sie beschützen und leiten und nicht einfach in einen Selbstverteidigungskurs geben und uns einreden, dass sie sich ja nun verteidigen können. In meinen Kursen binde ich zunehmend Erzieher, Lehrer und Eltern ein, um die Nachhaltigkeit für die Kinder zu verbessern und den Erwachsenen Ideen zu liefern, wie sie die Effekte der Kurse potenzieren können. In vielen Kursen stelle ich fest, dass die Eltern sehr begeistert sind und ihre Kinder und Erzieherinnen fragen, was wir denn so gemacht haben. Ich biete oft in Kombination zu den Kursen Elternabende an, um Inhalte der Kurse zu verdeutlichen und weitere Ideen zu liefern, was Eltern über den Kurs hinaus machen können und wie sie die Nachhaltigkeit verbessern können. So rate ich Ihnen, sich mit anderen Eltern zusammenzuschließen und einige Nachmittage in Eigenregie mit diesem Thema zu verbringen. Tauschen Sie Ihre Erfahrungen mit anderen Eltern aus und erarbeiten Sie mit den Kindern die hier dargestellten Strategien. Überlegen Sie, was Sie gut in Ihren Alltag einbinden können. Oft kostet das keine große Mühe, man muss halt nur daran denken.
Wir Erwachsenen – ob Eltern oder nicht – müssen lernen, hinzuhören und hinzusehen, zu erkennen, wenn Kinder in Not sind. Wir müssen den Mut und die Zivilcourage aufbringen etwas zu unternehmen.
Als Beispiel nehme ich eine etwas außergewöhnliche Situation:
Wie reagieren wir, wenn wir beispielsweise einen Polizeibeamten mit einem Kind sehen, das Kind aber nicht mit dem Polizisten mitgehen will? Sprechen wir ihn an? Und wenn ja, erkennen Sie einen echten Polizeiausweis? Wie prüfen Sie die Situation?
In der Vergangenheit gab es potentielle Täter, die sich als Polizisten ausgegeben haben. Unter anderem soll der falsche Beamte dem Kind gesagt haben, dass dessen Mutter im Krankenhaus wäre und er es zu ihr fahren soll. Fragen Sie sich mal ernsthaft, wie Sie reagieren würden. Ob Sie tatsächlich bei der Polizei anrufen und den Beamten hinterfragen würden. Wie reagieren Kinder auf Polizisten?
Wir müssen die Courage aufbringen, in Situationen klug und engagiert zu reagieren. Den Beamten nach seinen Intentionen und seinem Namen zu fragen, wäre ein Anfang. Ein Anruf auf dem Revier klärt sehr schnell, ob der Beamte tatsächlich der ist, für den er sich ausgibt und ob seine Darstellung der Situation stimmt. Sollte dem nicht so sein, so haben Sie ja nun direkt die Polizei am Telefon und können Hilfe rufen.
Ein weiteres Beispiel, welches deutlich wahrscheinlicher ist:
Wir sehen, wie ein Kind, welches wir nicht kennen, von einem Erwachsenen angesprochen wird. Das Kind zeigt deutlich, dass etwas nicht stimmt und es nicht mit dem Erwachsenen gehen möchte. In der Regel ist es zurückhaltend oder geht auf Abstand zum Erwachsenen. Im besten Fall sagt es klar, dass es den potentiellen Angreifer nicht kennt.
In einem solchen Fall, schreiten wir natürlich ein und sprechen den Erwachsenen an. Hier ist es ratsam, direkt das Kind zu fragen, ob alles in Ordnung ist und wer der Erwachsene ist. Ich bin der Meinung, dass hier unsere Fragestellung nicht ganz unwichtig ist.
Wir fragen das Kind und nicht den Erwachsenen. Sollte dieser ein potentieller Täter sein, wird er natürlich lügen.
Wir lassen sowohl das Kind, wie auch den Erwachsenen nicht aus den Augen, um die Reaktionen einschätzen zu können.
Wir fragen das Kind nicht, ob es den Erwachsenen kennt, sondern »Wer der Erwachsene ist«. Bei unklaren Antworten, haken wir bei dem Kind nach. Zum Beispiel, woher das Kind den Erwachsenen kennt. Natürlich können hier auch Informationen des Erwachsenen zur Aufklärung der Situation beitragen. Bei Widersprüchen glaube ich jedoch zunächst dem Kind.
Alles Weitere entscheidet die Situation. Bei klarem Verdacht oder Unsicherheit rufen wir natürlich die Polizei.
Warum ist die Fragestellung für mich so wichtig? Folgende Situation: Angenommen, Sie würden mich mit irgendeinem Kind aus einem meiner Kurse sehen und die Situation stellt sich für Sie dar, wie oben beschrieben. Fragen Sie das Kind, ob es mich kennt, wird es definitiv »JA!« sagen. Damit ist jedoch die Situation nicht geklärt. Fragen Sie das Kind, wer ich bin, wird es »Cord« sagen. Damit haben Sie bereits meinen Namen und wissen, dass ich kein Elternteil bin. Also ein Grund weiter nachzuhaken.
Die gleiche Situation mit einem meiner Kinder und Sie erhalten die Antwort »Papa«. Damit ist zunächst alles geklärt. Absolute Ausnahmefälle, in denen beispielsweise ein Kontaktverbot für den Vater besteht, muss ich hier ausgrenzen. Allerdings traue ich jedem vernünftigen Erwachsenen zu, einem seltsamen Bauchgefühl zu folgen, sollte es sich bei ihr/ihm einstellen.
Grundsätzlich sollten wir Kinder ernst nehmen. Insbesondere natürlich unsere eigenen.
Es fällt leichter, zu vertrauen und sich anzuvertrauen, wenn man ernst genommen wird. Das gilt besonders für Kinder.
Was auch gern übersehen wird, ist, dass auch Frauen Täter sein können. Das geschieht erheblich seltener, aber es kommt vor. Deutlich häufiger kommen Jugendliche oder dem Kind bekannte Menschen als Täter in Frage. Das Thema »der Täter aus dem sozialen Umfeld des Kindes« werde ich aber gesondert bearbeiten.
Vor gar nicht allzu langer Zeit waren viele noch der Ansicht, Gewalt Erwachsener oder Jugendlicher gegen Kinder sei, egal welcher Natur, fast ausschließlich gegen Mädchen gerichtet und die Täter seien nahezu immer männlich. Jeder kann Opfer von Gewalt werden und Täter sind bei weitem nicht immer männlich. Leider gibt es auch heute noch Menschen, die der Ansicht sind, alles Männliche ist schlecht und alles Weibliche benötigt Schutz. Ich bin der Ansicht, dass jedes Opfer, egal welcher Nationalität, welchen Glaubens oder Geschlechts Hilfe verdient hat. Alles andere ist für mich diskriminierend und menschenverachtend. Hören Sie also ebenso den Jungen zu, wie auch den Mädchen, egal, welcher Nationalität und welchen Glaubens. Helfen Sie, indem Sie Hilfe bei den erfahrenen Profis suchen. Wir unterrichten grundsätzlich gemischte Gruppen, in denen wir lediglich nach Alter und / oder Fortschritt unterteilen. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.
Bevor wir uns mit dem Thema der Selbstverteidigung und des Selbstschutzes beschäftigen, sollte das Ziel formuliert werden, welches wir damit verfolgen. Steht es in Ihrer Absicht, dass sich Ihr Kind körperlich und geistig jedem Angriff widersetzen kann und bei einer Schulhofschlägerei siegt? Oder steht Ihnen eher der Sinn nach friedlichen und gewaltfreien Lösungen? Soll Ihr Kind sich gegen Übergriffe erwachsener, fremder Angreifer verteidigen können? Oder soll es sich gegen die sexuellen Angriffe eines Menschen aus dem sozialen Umfeld erwehren können? Ist es nicht von allem etwas? Dieser Bereich ist so umfassend, dass es nahezu unmöglich erscheint, die perfekte und allumfassende Lösung präsentieren zu können. Ich werde versuchen, alle Bestandteile zu beachten. Über Themen wie selbstbewusstes Auftreten, klare Sprache etc. suche ich unter anderem einen Ansatz, Kinder gar nicht erst in gefährliche Situationen kommen zu lassen; über Vertrauen und Bindung an die Eltern oder andere Bezugspersonen, es den Kindern zu ermöglichen, sich anzuvertrauen; über Technik und Training sich auch durchaus körperlich wehren zu können.
Auch wenn es unrealistisch erscheint, so wünsche ich mir doch, dass Konflikte gewaltfrei und friedlich zur Zufriedenheit aller beigelegt werden können. Erwarten Sie bitte nicht, dass dieses Buch einen absolut gewaltfreien Ansatz verfolgt. Es ist extrem schwierig, mit jemandem eine gewaltfreie Lösung zu finden, der mit einem Baseballschläger gerade zuschlägt. Ich hege den Wunsch, alles gewaltfrei lösen zu können. Jedoch bin ich auch Realist und weiß, dass das nicht immer klappt.
Bei allen gewaltfreien Lösungen sind sowohl die Lehrer, Eltern, Erzieher und Politiker, als auch wir Selbstschutz- und Selbstverteidigungslehrer gefragt. Wir dürfen uns nicht nur an der körperlichen Gegenwehr festhalten. Gerade wir Selbstschutz- und Selbstverteidigungslehrer sind gefragt, neben dem Aufbau von Selbstbewusstsein, neben den Kampfsporttechniken und Tricks den Kindern auch andere Lösungsansätze an die Hand zu geben. Leider wird genau das oft vernachlässigt. Durch das richtige Auftreten und klare und höfliche Ansagen seitens der Kinder auch in ihrem sozialen Umfeld, vermeiden wir oft schon präventiv, dass die Kinder überhaupt als Ziel der Gewalt in Frage kommen. Sollten dennoch gewalttätige Situationen oder Psychomobbing auftreten, müssen die Kinder wissen, wo und wie sie Hilfe bekommen. Diese Lösungsansätze können wir ihnen bieten.
Leider wird in der Selbstverteidigung oft außer Acht gelassen, dass statistisch und realistisch gesehen nur wenige Prozent der betroffenen Kinder von Fremden attackiert werden. Der deutlich größere Teil liegt in dem näheren Umfeld des Kindes. Laut einer Studie befinden sich durchschnittlich 3 – 4 Kinder in jeder Schulklasse, die missbraucht oder misshandelt werden. Zahlen, die uns eine erschreckende Realität widerspiegeln. Es gibt zu diesem Thema zahlreiche Ausarbeitungen und Artikel. Viele kann man im Internet nachlesen. Daher gehe ich hier nicht weiter darauf ein. Ich wage lediglich die Bitte, dass sich alle Erwachsenen, Eltern oder Verwandte reflektieren und vor Augen führen, was häusliche oder sexuelle Gewalt an Kindern für deren späteres Leben bedeutet. Es gibt staatliche und freie Stellen, die betroffenen Familien helfen können. Helfen Sie Ihrem Kind! Zu diesem Thema finden Sie noch einige Punkte im Kapitel »Täter im Bekanntenkreis!«
