Lassiter 2800 - Katja Martens - E-Book

Lassiter 2800 E-Book

Katja Martens

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Beschreibung

Das Land westlich des Red Willow River war ein endloses Meer aus wogendem Gras, das im ersten fahlen Licht des Tages beinahe silbern schimmerte. Im Lager der Siedler rührte sich noch nichts. Alle lagen in tiefem Schlaf, selbst der Hufschmied, der die letzte Wache übernommen hatte. Sein Kopf war auf sein Kinn gesunken, und der zerschrammte Army-Colt war ihm aus den Händen geglitten. Das Lagerfeuer war nur noch ein Häufchen glimmender Asche. In einem der zerschrammten Planwagen schlief die kleine Xenia unter einer bunten, mehrfach geflickten Decke und träumte von dem Kätzchen, das sie im fernen Osten zurücklassen musste. Plötzlich zerriss ein Schrei die Stille. "Überfall!", brüllte jemand draußen. "Bei Gott, sie sind im Lager!"

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Xenia – wild wie das Land

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Xenia – wild wie das Land

von Katja Martens

Das Land westlich des Red Willow River war ein endloses Meer aus wogendem Gras, das im ersten fahlen Licht des Tages beinahe silbern schimmerte. Im Lager der Siedler rührte sich noch nichts. Alle lagen in tiefem Schlaf, selbst der Hufschmied, der die letzte Wache übernommen hatte. Sein Kopf war auf sein Kinn gesunken, und der zerschrammte Army-Colt war ihm aus den Händen geglitten. Das Lagerfeuer war nur noch ein Häufchen glimmender Asche.

In einem der zerschrammten Planwagen schlief die kleine Xenia unter einer bunten, mehrfach geflickten Decke und träumte von dem Kätzchen, das sie im fernen Osten zurücklassen musste. Plötzlich zerriss ein Schrei die Stille. »Überfall!«, brüllte jemand draußen. »Bei Gott, sie sind im Lager!«

Der Siedlertreck wirkte in der Unendlichkeit der Prärie wie eine verlorene Kette aus hölzernen Perlen. Zwölf Planwagen, gezeichnet von der langen Reise, standen im Kreis. Unter den groben Leinenplanen ruhten Männer und Frauen, die der Traum von einer Zukunft antrieb, die ihnen mehr als Schweiß und Entbehrungen bot.

Wieder gellte ein Schrei, doch diesmal war es keine Warnung, sondern ein Laut des Todes. Er wurde sofort vom donnernden Hufschlag galoppierender Pferde und dem Krachen von Revolverschüssen verschluckt.

Xenias Vater fuhr auf seinem Lager hoch und warf die Decken von sich.

»Bleibt hier!«, raunte er. »Versteckt euch unter dem Wagen!«

Nach diesen Worten stürzte er nach draußen, die alte Flinte im Anschlag.

Ihre Mutter packte Xenia und kletterte mit ihr auf dem Arm aus dem Wagen. Aus dem Augenwinkel konnte Xenia Mündungsfeuer in der Dämmerung blitzen sehen. Dann wurde sie zwischen den Rädern hindurch unter den Wagen geschoben.

»Duck dich und mach die Augen zu«, schärfte ihre Mutter ihr ein.

Ein leises Wimmern klemmte in Xenias Kehle. Sie klammerte sich an ihre Mutter und zitterte am ganzen Leib.

»Hab keine Angst«, mahnte ihre Mutter leise. »Der Herr wacht über uns. Und jetzt verhalt dich ganz still. Keinen Mucks, hörst du mich?«

Xenia schluchzte auf. Im nächsten Moment kauerte sie allein unter dem Wagen. Ihre Mutter raffte ihre Röcke und riss den zerbeulten Colt aus dem Versteck unter dem Kutschensitz. Ein leises Klicken verriet, dass sie bereit war, zu schießen.

Rings um tobten Tod und Zerstörung.

Pferde, von Kugeln durchbohrt, wieherten im Todeskampf. Menschen schrien ihre Not heraus. Der beißende Gestank von Feuer und Verderben breitete sich aus.

Xenia machte sich ganz klein in ihrem Versteck.

Sie presste die Fäuste vor ihr Gesicht, wagte nicht, sich zu rühren oder auch nur aufzusehen.

Doch da hörte sie ihre Mutter plötzlich schreien und hob den Kopf.

Nur wenige Armlängen von ihr entfernt stürzte ihre Mutter ins Gras. Ein hässlicher roter Schnitt zeichnete sich an ihrem Hals ab. Blut quoll aus der Wunde und durchweichte ihr blaues Kleid. Sie streckte eine Hand nach Xenia aus, dann lief ein Zucken durch ihren Körper und ihr Blick wurde leer.

Xenia hatte den Tod trotz ihrer jungen Jahre schon mehr als einmal gesehen. Sie wusste, dass etwas geschehen war, das nicht wiedergutzumachen war. Mit einem Mal fühlte sich ihr ganzer Körper taub an. Als würde er gar nicht mehr zu ihr gehören. Und der Kampfeslärm drang nur noch gedämpft zu ihr durch, als hätte sie den Kopf unter Wasser. Sie war wie betäubt. Noch. Der Schmerz würde kommen, aber jetzt, in diesem Augenblick, schien ihr ganzes Leben stillzustehen.

»Neeein!« Der Schrei veranlasste sie, den Kopf zu drehen. Sie konnte ihren Vater sehen, der herumgewirbelt war und nun auf sie zukam. Doch er kam nicht weit. Jäh riss ihn eine ungeheure Wucht von den Beinen. Ein kreisrundes Loch zeichnete sich in seiner Hemdbrust ab. Er war tot, noch bevor sein Körper im Gras aufschlug.

Ein heiseres Lachen gellte in Xenias Ohren.

Während sie noch zu verstehen versuchte, was geschehen war, preschte ein Mann auf einem Rappen heran und stoppte unmittelbar neben dem Wagen. Er hatte sein Gesicht hinter einem schmutzigen Halstuch verborgen. Plötzlich blitzte eine Klinge in seiner Hand. Im nächsten Moment wurde die Plane des Wagens mit einem hässlichen Reißen aufgeschlitzt.

Xenia hockte in ihrem Versteck und wagte nicht, sich zu rühren.

Da waren noch mehr Männer. Maskiert. Mit heiseren Stimmen und dreckigem Lachen, das immer dann durch das Lager wehte, wenn einer der Siedler unter ihren Kugeln fiel. Diese Kerle waren nicht hier, um zu reden oder zu verhandeln. Nein, sie kamen, um sich zu nehmen, was sie wollten.

Plötzlich flackerten Flammen im Lager.

Der erste Wagen brannte lichterloh.

Die Flammen breiteten sich in Windeseile aus, griffen auf den nächsten Wagen über ... und den nächsten ... Die Hitze wurde immer stärker.

Die Furcht verlieh Xenia ungeahnte Kräfte.

Sie hielt es nicht länger in ihrem Versteck aus, deshalb stolperte sie ins Freie.

Benommen sah sie sich um.

Die Welt war zu einem Albtraum aus lodernden Flammen, regnenden Funken und schwarzem Qualm geworden. Reiter preschten durch das Lager und plünderten die Wagen. Überall lagen Menschen im Gras ... Gesichter, die sie kannte, nun starr und blutüberströmt im Dreck.

Xenia wollte nach ihren Eltern rufen, aber die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Was hätte es auch genutzt? Beide konnten sie nicht mehr hören.

Bevor sie sich darüber klar werden konnte, was sie da tat, begann sie zu rennen. Sie rannte weg von den Schreien ... weg von dem Geruch nach verbranntem Tuch und vergossenem Blut. Der Rauch hüllte sie ein wie ein Leichentuch. Sie stolperte über Deichseln und Ausrüstungsgegenstände, fing sich wieder und stürmte weiter, so schnell ihre Füße sie nur zu tragen vermochten.

Die Banditen kümmerten sich nicht um sie. Ein schmächtiges kleines Mädchen war nicht die Beute, auf die sie es abgesehen hatten.

Irgendwann verstummten die Schüsse, die Rufe und das Knistern des Feuers hinter Xenia. Doch sie lief immer weiter, bis die Hitze einer schneidenden Kälte wich und sie nicht mehr wusste, wo sie hergekommen war.

Dann verließen sie die Kräfte. Xenia sank zusammen, das Gesicht von Schmutz und Tränen gezeichnet, die Knie blutig.

Über dem Horizont stieg die Sonne auf, doch sie brachte keine Wärme. Nur die bittere Gewissheit, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor.

Eine Rauchsäule in der Ferne verriet, wo das Lager in Flammen stand.

Xenia raffte sich auf und taumelte zurück zum Lager.

Vielleicht war noch nicht alles verloren?

Vielleicht war es nicht so schlimm, wie sie es befürchtet hatte?

Mit letzter Kraft lief sie auf den Rauch zu, hoffte und betete, ihre Eltern lebend zu finden. Auf sie wartete eine kleine Farm im Westen. Dort wollten sie sich ein neues Zuhause aufbauen. Das durfte doch nicht einfach hinfällig sein.

Sie wusste nicht, wie lange sie umherirrte.

Als sie das Lager schließlich wieder erreichte, waren die Banditen längst weitergezogen, und die Wagen waren nur noch rauchende Skelette.

Xenia stolperte darauf zu ... und stockte plötzlich, denn vor ihr zeichneten sich Reiter ab. Eine ganze Schar waren es. Nicht die Banditen. Nein, Männer in ledernen Hosen und mit tiefschwarzen Haaren und rötlicher Haut. Sie hatten ernste Gesichter und trugen Waffen bei sich – Bögen, Messer und Gewehre.

Hoch zu Ross standen sie da.

Sie saßen auf Mustangs, die keinen Sattel trugen.

Ein Jagdtrupp?

Unmittelbar vor Xenia saß ein Mann mit tiefen Furchen im Gesicht auf seinem Pferd. Seine Augen blickten ruhig und offen. In seinem Blick spiegelte sich das Leid, das er bereits gesehen hatte. Er trug sein Haar in zwei langen Zöpfen, die mit Otterfell umwickelt waren.

Ruhig musterte er Xenia. Dann stieg er mit langsamen Bewegungen von seinem Pferd und trat auf sie zu. Die anderen Krieger hielten sich im Hintergrund, ließen Xenia jedoch nicht aus den Augen.

Der Mann kauerte sich vor sie hin, bis seine Augen auf derselben Höhe wie ihre waren. Er sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand, aber seine Stimme war sanft und tief und flößte ihr Vertrauen ein.

Sie starrte ihn an, ohne zu blinzeln. Er musterte sie forschend, und irgendetwas tief in ihr – ein kleiner Funke – hielt sie davon ab, den Blick zu senken. Stattdessen sah sie ihn genauso prüfend an wie er sie ... und bemerkte plötzlich das kleine, anerkennende Lächeln, das seinen Mund umspielte.

Er sah von ihr zu den rauchenden Wagen hinüber, dann zu seinen Begleitern. Er sagte etwas, das den übrigen Kriegern missmutige Laute entlockte. Offenbar waren sie mit seinem Plan nicht einverstanden. Das schien ihn jedoch nicht zu kümmern, denn er streckte langsam die Hand aus.

Seine Worte verstand sie nicht, aber seine Geste war universell.

Komm mit mir, schienen seine Augen zu sagen.

Xenia rührte sich nicht vom Fleck. Da richtete er sich auf und hob sie sanft auf seine Arme, bevor er wieder auf sein Pferd stieg.

An diesem Tag starb das kleine Mädchen aus dem Osten.

Und im Schutz der Cheyenne wurde eine Kriegerin geboren – wild wie das Land, das sie nun ihre Heimat nannte.

Zwölf Jahre später

Das Zwielicht des frühen Abends tauchte die Hügelketten westlich von Dry Fork in ein tiefes, unheimliches Violett. Xenia lenkte ihren Appaloosa mit leichtem Schenkeldruck über einen Grat. Der Hengst war von ruhigem Gemüt und bewegte sich mit sicherem Tritt durch das unwegsame Gelände. Sein Fell, ein Muster aus weißen und dunklen Flecken, verschmolz mit der fortschreitenden Dämmerung.

Xenia liebte diese Zeit, in der es nicht mehr Tag, aber auch noch nicht Nacht war. Es war die Zeit, in der sie nicht die weiße Kriegerin sein musste, nicht zwischen den Erwartungen von Tall Reed und der Wut von Little Fox stand. Hier draußen, im endlosen Meer aus Salbeisträuchern und Büffelgras, war sie einfach nur ein Teil des Windes.

Plötzlich blähte ihr Hengst die Nüstern und stieß ein kaum hörbares Schnauben aus. Xenia hielt inne, alle Sinne auf ihre Umgebung gerichtet.

In der Ferne, tief unten in der Senke, wo der Flusslauf einen scharfen Knick machte, tanzte ein winziger, orangefarbener Punkt.

Ein Feuer!

Xenia spürte sofort das vertraute Prickeln im Nacken, das sie immer überkam, wenn etwas nicht so war, wie es sein sollte. Siedler machten hier selten Rast, und wenn, dann brannten ihre Feuer heller. Sie waren unvorsichtiger. Dieses Licht hier war klein, geduckt hinter einer Böschung, fast als wollte es sich verstecken.

»Ruhig, Junge«, flüsterte sie und tätschelte den muskulösen Hals des Appaloosa.

Sie ritt in eine Senke, die mit stacheligen Mesquite-Büschen bewachsen war. Hier war ihr Pferd vom Fluss aus unsichtbar. Geschickt schwang sie sich aus dem Sattel. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und lautlos, geschult durch Jahre der Jagd mit ihrem Ziehvater Standing Sage. Sie nahm den Zügel und band ihn mit einem speziellen Knoten an einen tief hängenden Ast – fest genug, damit ihr Pferd nicht weglief, aber locker genug, dass er sich im Notfall mit einem kräftigen Ruck befreien konnte. Sie fuhr ihm noch einmal sanft über die Nüstern, ein lautloses Versprechen, bald zurück zu sein.

Dann begann sie den Abstieg.

Xenia mied den direkten Weg. Sie bewegte sich in einem weiten Bogen, blieb stets unterhalb der Kammlinie, um ihre Silhouette nicht gegen den restlichen Schimmer des Himmels abzuheben. Sie trat nur auf weiches Gras und mied trockenes Geäst, das unter ihren Mokassins brechen und in der Dämmerung wie ein Schuss hallen und sie verraten könnte. Sie bewegte sich vollkommen lautlos.

Ihre Kleidung war zweckmäßig: eine weiche Tunika aus gegerbtem Hirschleder, die mit Erdfarben dunkel gemustert war und mit den Schatten verschmolz, und eng anliegende Leggings, die in reich bestickten Mokassins endeten. Um ihre Taille trug sie einen breiten Gürtel aus Rohhaut, an dem ein Jagdmesser mit Horngriff hing. Ihr Haar war in zwei feste Zöpfe geflochten, in denen eine einzelne Feder von Standing Sages Falken steckte.

Sie wusste, dass ihr Ziehvater sie für diesen Ausflug rügen würde.

›Man sucht nicht das Auge des Sturms, wenn man im Schutz des Lagers bleiben kann‹, pflegte er zu sagen. Doch die Neugier auf die Welt, die sie einst verloren hatte, war ein brennender Hunger in ihrer Brust.

Etwas zog sie immer wieder in die Nähe der weißen Siedler.

Sie erreichte einen Felsvorsprung direkt oberhalb der Flussbiegung. Auf dem Bauch liegend, schob sie sich Zentimeter um Zentimeter vor, bis sie über die Kante blicken konnte. Unter ihr, keine dreißig Schritte entfernt, lagen die Trümmer der Brücke. Daneben hatte eine Handvoll Männer ein kleines Lager errichtet.

Ihre blauen Röcke wirkten im Feuerschein beinahe schwarz, und die glänzenden Messingbeschläge ihrer Karabiner blitzten. Das waren keine einfachen Durchreisenden. Das waren Männer aus dem Fort.

Soldaten unter dem Kommando von Colonel Crowe!

Sie lagerten am Flussufer. Dort, wo die hölzerne Brücke nach den Hochwassern des Frühjahrs nur noch aus einem Gerippe bestand. Fünf Soldaten lümmelten um eine Kiste herum, auf der zwei Whiskeyflaschen standen. Sie schienen den Tag damit beschäftigt gewesen zu sein, die Brückenpfeiler zu verstärken – eine Arbeit, die sie nun offensichtlich mit Alkohol hinunterspülten.

Xenia duckte sich tiefer und lauschte. Das Wasser des Flusses gluckste gegen die Pfeiler, doch darüber erhob sich die betrunkenen Stimmen der Männer.

»Ich sag's euch«, brummte ein untersetzter Korporal und starrte trübsinnig in die Flammen, »wenn ich gewusst hätte, dass ›Dienst im Westen‹ bedeutet, dass ich im Schlamm hocke und morsche Balken in einen stinkenden Fluss ramme, wäre ich in Ohio geblieben und hätte Schweine gezüchtet.«

Sein Nebenmann, ein junger Bursche mit einem schmutzigen Verband um den rechten Daumen, lachte trocken. »Schweine züchten? Du? Bill, du nimmst doch schon Reißaus, wenn dich der Colonel zum Stalldienst abkommandiert, weil du den Gestank nicht magst.«

»Halt dein loses Maul, Miller«, schnaufte Bill und nahm einen tiefen Schluck aus der Feldflasche. »Wisst ihr, wo ich jetzt eigentlich sein sollte? Im Blue Bonnet. Da gibt's eine Kleine, Ruby ... Die hat Haare so rot wie ein Sonnenuntergang in der Prärie und Hände, die so weich sind, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Die würde mir jetzt den Abend versüßen und mich nicht nur mit billigem Fusel und hartem Brot abspeisen.«

»Träum weiter, Bill«, warf ein dritter Mann ein, der gerade versuchte, seinen Stiefel mit einem Zweig vom Schlamm zu befreien. »Ruby würde dich nicht mal mit der Kneifzange anfassen, so wie du nach Pferdeschweiß und nassem Holz stinkst. Die Girls warten auf Männer mit Silber in den Taschen, nicht auf arme Teufel, die für einen Hungerlohn Brücken für die Army flicken.«

»Die Bucks kommen noch«, mischte sich nun ein Sergeant ein, der bisher schweigend an seinem Tabak gekaut hatte. Er spuckte einen dunklen Strahl in den Staub. »Sobald die Kisten mit den neuen Gewehren über diese Brücke rollen, weht hier ein anderer Wind. Wenn Crowe erst mal die Wilden aus der Gegend vertrieben hat, fließt das Geld in unsere Taschen. Dann wird es in Dry Fork mehr Gold und mehr Mädchen geben, als euer kleiner Verstand begreifen kann.«

»Mir würde schon ein Bett in der Kaserne reichen«, jammerte der junge Bursche mit dem Verband. »Diese Einöde hier macht mich wahnsinnig. Überall nur dieses verdammte Gras und die Stille. Man hat ständig das Gefühl, dass ein Dutzend Augen aus der Dunkelheit auf einen starren.«

Bill lachte rau und blickte kurz in die Schwärze hinter dem Feuerschein, genau in die Richtung, in der Xenia im Gras lag. »Ach was, Miller. Die Wilden trauen sich nicht so nah ans Fort. Die sitzen in ihrem Lager und träumen vom großen Frieden. Die ahnen nicht mal, dass wir ihnen schon bald die Hölle heiß machen werden.« Er erhob seine Flasche in einer spöttischen Geste. »Auf Colonel Crowe. Und darauf, dass die Brücke hält, bis die Gewehre drüben sind. Danach kann sie von mir aus bis nach New Orleans schwimmen.«

Die Männer grölten kurz auf und stießen mit ihren Blechbechern an, während Xenia, nur wenige Meter entfernt, das Blut in den Adern gefror. Jedes Lachen der Soldaten brannte wie ein Peitschenhieb auf ihrer Haut.

Sie war nicht sicher, was sie da gerade mit angehört hatte, aber eines schien sonnenklar zu sein: Die Army plante einen Vorstoß gegen die Cheyenne, die auf dem Land westlich des Flusses lagerten.

Und sie hatten nicht vor, jemanden von ihnen am Leben zu lassen!

»Verfluchte Plackerei«, lallte der korpulente Korporal. »Drei Kreuze werde ich machen, wenn wir die Brücke endlich repariert haben.«

»Sobald der Transport im Fort eintrifft, räumt der Colonel am Red Willow River auf«, ergänzte sein Nebenmann. »Dann sind die Wilden bald Geschichte.«

Xenias Herz hämmerte plötzlich gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Sie spürte eine eiskalte Wut, die ihren ganzen Körper erzittern ließ. Die Männer dort unten ahnten nicht, dass sie belauscht wurden. Ungehemmt malten sie sich aus, wie ihr Colonel gegen die Cheyenne vorgehen würde.

Dabei wurden ihre Schilderungen immer brutaler und blutiger.

Xenias Hand glitt zum Griff ihres Messers, doch sie hielt inne. Ein Angriff hier wäre sinnlos. Selbst wenn es ihr gelingen würde, die Männer zu überwältigen – und die Chancen standen nicht allzu gut – würde sie damit zwar Zeit schinden, das Unvermeidliche jedoch nur hinauszögern. Der Colonel würde andere Männer schicken, die das Werk vollendeten. Und wenn sie scheiterte und ihr Leben verlor, konnte niemand ihren Stamm warnen.