Lawinen - Stephan Harvey - E-Book

Lawinen E-Book

Stephan Harvey

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Beschreibung

Selbstständig das Lawinenrisiko beurteilen, Gefahren erkennen, Schneeverhältnisse und Witterung richtig einschätzen. Der anschauliche Praxisratgeber bietet überlebenswichtiges Basiswissen für alle Skitourengeher, Freerider und Schneeschuhwanderer. Leicht verständlich erläutert er Grundlagen zu Schnee- und Lawinen-Beurteilungsmethoden sowie Entscheidungsstrategien, erklärt das richtige Vorgehen im Notfall. Fundiert, praxisbezogen, unverzichtbar.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2022

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OUTDOORPRAXIS

Stephan Harvey · Hansueli Rhyner · Jürg Schweizer

LAWINEN

Verstehen, beurteilenund risikobasiert entscheiden

Inhalt

Einleitung

Basics

Lawinen sind gefährlich

Lawinenrisiko

Gefahr erkennen und beurteilen

Konsequenzen abschätzen

Maßnahmen berücksichtigen

Eine einfache Tour planen und durchführen

Ausrüstung

Schnee und Schneedecke

Schnee und seine Struktur

Schneeumwandlung

Schwachschichten

Schneearten

Schneedecke

Lawinenarten und Lawinenbildung

Schneebrettlawinen

Lockerschneelawinen

Gleitschneelawinen

Nassschneelawinen

Sommerlawinen

Einfluss von Wetter und Mensch auf die Schneedecke

Wetter

Mensch

Lawinenprobleme und günstige Situationen

Übersicht

Neuschneeproblem

Triebschneeproblem

Altschneeproblem

Kombi-Problem

Nassschneeproblem

Gleitschneeproblem

Günstige Situationen – kein ausgeprägtes Lawinenproblem vorhanden

Lawinengefahrenstufen und Lawinenbulletin

Lawinengefahr und Europäische Lawinengefahrenstufenskala

Lawinenbulletin

Zusätzliche Informationen und Messwerte

Unterwegs beobachten

Beobachtungen

Schneedeckenaufbau und Schneedeckenstabilität

Kombination der wesentlichen Beobachtungen je nach Lawinenproblem

Geländebeurteilung

Typisches Lawinengelände

Exposition und Höhenlage

Geländefallen

Expositionszeit

Potenzielle Schlüsselstellen

Digitale Lawinengeländekarten

Gelände und Spuranlage

Risikomanagement

Konzept RiskCheck

Risiko mit RiskCheck einschätzen

3x3 – Anwendung RiskCheck-Konzept

Planung – Tourenziel mit Alternativen und Zeitplan

Beurteilung vor Ort – Beobachten während des ganzen Tages

Einzelhang – Risiko abschließend beurteilen

Fallbeispiel zur Anwendung des RiskCheck

Tourenauswertung (Reflexion)

Faktor Mensch

Denkweisen

Einflüsse von innen und außen

Kommunikation

Entscheiden und umsetzen

Cockpit zum Entscheiden in Lawinensituationen

Entscheidungshilfen

Eigenes Cockpit zusammenstellen

Freeride

Besonderheiten des Variantenfahrens

Bereiche im Variantengelände

Sich informieren und beobachten

Risikomanagement beim Freeriden

Lawinenunfall – Rettung

Ausrüstung

Rettung

Bergung

Erste Hilfe beim Lawinenunfall

Luftrettung

Register

Literatur

Impressum

Einleitung

Zehn Jahre ist es her seit der ersten Auflage des vorliegenden Buches. Viel geändert hat sich seither in der Lawinenkunde wohl nicht – so dachten wir zu Beginn der Überarbeitung des Buches. Doch als wir uns vertiefter mit dem Inhalt auseinandersetzten und die Anwendung in der Praxis reflektierten, wurde immer deutlicher, dass sich Vieles doch weiterentwickelt hat.

Wir verstehen heute noch besser, wie die filigrane Mikrostruktur des Schnees zur Bildung gefährlicher Lawinen beiträgt. Auf den ersten Blick kann man sich fragen, ob dies für die Beurteilung der Lawinengefahr praxisrelevant ist. Wer jedoch die verschiedenen Prozesse zur Lawinenbildung kennt, kann

a) Beobachtungen richtig einordnen,

b) die Eigenheiten von Lawinensituationen erkennen sowie

c) räumlich und zeitlich präziser beurteilen und

d) Unsicherheiten besser einschätzen und im Entscheidungsprozess berücksichtigen.

Besonders Fortgeschrittene sind im Vorteil, wenn sie sich bei der Beurteilung an den Prozessen der Lawinenbildung orientieren.

Technologien und Informationsmöglichkeiten haben sich – wie überall im Alltag – auch im Bereich Schnee und Lawinen enorm weiterentwickelt. Basierend auf hochaufgelösten, digitalen Geländemodellen sind heute verschiedene Kartenlayer verfügbar, die auf potenzielles Lawinengelände hinweisen und das Kartenlesen im Hinblick auf das Lawinenrisiko wesentlich vereinfachen. Während der Tour lassen sich aktuelle Daten einer nah gelegenen Messstation live konsultieren, um sich so von der bisherigen lokalen Wetterentwicklung ein Bild zu machen. Das Smartphone ist also auch im Wintersport allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken. Wir brauchen es zur Informationsbeschaffung, zur Tourenplanung und zur Orientierung im Gelände. Es ermöglicht zudem, Informationen mit den Teilnehmenden einer Tour umgehend zu teilen oder sogar der ganzen Internet-Community verfügbar zu machen. All diese Informationen sind interessant und meist wertvoll, die Entscheidungsfindung bleibt jedoch anspruchsvoll.

Die Lawinenkunde ist bekanntlich keine exakte Wissenschaft. Trotz laufend neuer Erkenntnisse in der Forschung bleiben Lawinen räumlich und zeitlich nur mit Untersicherheiten – die mal größer, mal kleiner sind – vorhersehbar. Folglich gibt es viele Konzepte, Tools, Faustregeln und Plattformen von unterschiedlicher Qualität, um die Lawinensituation zu beurteilen. Vieles muss interpretiert werden und ist somit zu einem gewissen Grad subjektiv – der Faktor Mensch spielt mit.

Wenn wir im Lawinengelände unterwegs sind, müssen wir die wesentlichen Zusammenhänge erkennen, mit Unsicherheiten umgehen und daraus risikobasiert die richtigen Schlüsse ziehen können. Genau hier setzt dieses Lawinenbuch an. Wir versuchen, Orientierung für risikobasiertes Entscheiden im Gelände zu geben – immer auf der Basis des heutigen Stands der Forschung und des Wissens. Die Grundlage bilden einfache Konzepte, die beliebig verfeinert werden können.

Neuerungen

Obwohl sich der Aufbau dieser Neuauflage nicht wesentlich von der Erstauflage unterscheidet, wurde inhaltlich vieles erneuert und erweitert. Die Vertiefung des Inhalts orientiert sich stets am Gesamtbild einer risikobasierten Entscheidung, die sich auf fünf Fragen reduzieren lässt:

1. Wo ist man vorab durch Lawinen gefährdet?

2. Wie wahrscheinlich ist eine Lawinenauslösung?

3. Was wären die Folgen einer Auslösung?

4. Wie hoch ist das Risiko unter Berücksichtigung geeigneter Maßnahmen?

5. Wie ist der Entscheid und wie ist er vom Faktor Mensch beeinflusst?

Im Folgenden greifen wir einige Neuerungen heraus.

Gelände beurteilen

Wenn es einen Faktor gibt, der zuverlässig und genau beurteilt werden kann, ist es das Gelände. Mit guter Geländebeurteilung lassen sich gefährdete Stellen erkennen und es kann eine risikoarme Spur angelegt werden. Hierbei unterstützen spezielle Kartenlayer, die wertvolle Information zum Lawinengelände geben. In einem eigenen Kapitel zur Geländebeurteilung gehen wir vertieft auf verschiedene Facetten des Geländes ein, inklusive Lawinengeländekarten.

Schneedecke interpretieren und Lawinensituationen erkennen

Lawinensituationen können anhand typischer Charakteristiken – den Lawinenproblemen – beschrieben werden. Für eine Schneebrettlawine braucht es letztlich aber immer eine schwache Schneedecke. Wir zeigen die Eigenheiten der Lawinenprobleme aus Sicht der lawinenbildenden Prozesse auf. Für eine vertiefte Einschätzung der Lawinensituation kommt man nicht um die Interpretation der Schneedecke herum, etwa um die Schlüsselfragen: Hat es in der Schneedecke eine Schwachschicht? Wird die Schwachschicht von einem Schneebrett überlagert? Wir zeigen verschiedene Möglichkeiten auf, wie man schnell und einfach wesentliche Informationen aus der Schneedecke erhält, und gehen zudem auf die Interpretation von Schneeprofilen und Schneedeckentests ein.

Lawinenrisiko an Schlüsselstellen mit dem RiskCheck einschätzen

Der RiskCheck stellt ein einfaches, grafisches Konzept für die Risikobeurteilung an Schlüsselstellen dar – in der Tourenplanung und am Einzelhang. Wenige Schlüsselfragen lenken den Fokus auf das Wesentliche. Das Konzept ist einfach und mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und Informationen anwendbar. Es hilft vor allem, bei der Entscheidungsfindung das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren.

Mithilfe des Cockpits entscheiden

Mit dem Cockpit präsentieren wir ein robustes System, um mit Unsicherheiten umzugehen. Es berücksichtigt objektive Fakten ebenso wie subjektive – den Faktor Mensch. Es bringt das Bauchgefühl und objektive Kriterien in eine Balance, um auf beides abgestützt zu entscheiden. Das Cockpit gibt – wie beim Fliegen – einen Überblick über die wichtigen Elemente und Einflussfaktoren im Entscheidungsprozess.

Bezug zum Merkblatt »Achtung Lawinen« und zur Plattform »White Risk«

Die digitale Unterstützung macht auch bei der Lektüre dieser Neuauflage nicht halt. Diverse QR-Codes ergänzen die Inhalte visuell, leiten auf Listen mit direkten Weblinks oder bieten Arbeitsblätter zum Download an. Der digitale Arm dieses Buches ist die Plattform »White Risk« (whiterisk.ch und App). Viele Inhalte finden sich zudem in konzentrierter Form im Merkblatt »Achtung Lawinen«, das den Konsens für die Lawinenausbildung in der Schweiz und in Deutschland auf unterschiedlichen Ausbildungsstufen beschreibt.

https://content.whiterisk.ch/book/merkblatt-achtung-lawinen

Aufbau und Begrifflichkeiten

Aufbau

Das vorliegende Buch richtet sich an alle an der Materie Interessierten, unabhängig von der Ausbildungsstufe – Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis. Das erste Kapitel »Basics« vermittelt wichtiges Basiswissen, sodass Einsteiger die wesentlichen Elemente zur Gefahrenerkennung und Risikobeurteilung kennenlernen. In den nachfolgenden 14 Kapiteln werden alle Themen vertieft erläutert, immer im Kontext des Gesamtbildes mit den eingangs erwähnten fünf Fragen. Die ersten vier dieser Kapitel enthalten vertiefte theoretische Grundlagen zu Schnee und den damit verbundenen lawinenbildenden Prozessen. Die folgenden Kapitel sind eher praxisorientiert und vermitteln, wie in der Vorbereitung und unterwegs die Lawinensituation sowie das Gelände beurteilt werden und dies in die Risikobeurteilung einfließt. Zwei weitere Kapitel erläutern, wie unter Einfluss menschlicher Faktoren ein besonnener Entscheid gefällt wird. Zuletzt wird auf die Eigenheiten beim Freeriden und auf die improvisierte Rettung eingegangen.

KURZ UND KNAPP

Wer es eilig hat, findet in den »Kurz und Knapp«-Kästen sowie den »Expertentipps« in allen Kapiteln Zusammenfassungen wichtiger Grundlagen und Hinweise.

Begrifflichkeiten

Die Begriffe »günstig« und »ungünstig« – häufig im Zusammenhang mit der Schneedecke oder der Lawinensituation verwendet – beziehen sich auf die Auswirkungen für Wintersportler. Eine »günstige« Lawinensituation ist für den Wintersportler vorteilhaft und ungeeignet für Schneebrettlawinen. Umgekehrt ist viel Neuschnee »ungünstig« für uns, da geeignet für eine Lawinenauslösung.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Buch die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Fachliche Unterstützung und Dank

Jedes Buch ist eine Teamleistung, so haben uns auch bei der vorliegenden Ausgabe verschiedene Personen fachlich beraten. Für schneephysikalische Fragen stand uns Henning Löwe zur Seite, beim Kapitel Lawinenbulletin gaben Thomas Stucki und Christoph Mitterer hilfreiche Inputs, und bei der Entwicklung des RiskCheck-Konzepts haben uns Chris Semmel und vor allem Benjamin Reuter inspiriert und unterstützt. Das Entscheidungs-Cockpit wurde zusammen mit Markus Müller und Roman Cortesi sowie dem Kernausbildungsteam »Lawinenprävention Schneesport« (KAT) neu entwickelt, und Manuel Genswein begleitete das Kapitel Rettung.

Dass die zahlreichen QR-Codes funktionieren, ist Colin Lüönd und Cyrill Hänni vom White Risk-Team am SLF geschuldet, und die vielen Grafiken wurden von Eliane Friedli erstellt. Christine Huovinen hat den Inhalt lektoriert und den roten Faden durch die Kapitel gestärkt.

Nicht zuletzt hat auch der wertvolle Austausch mit dem Kernausbildungsteam »Lawinenprävention Schneesport« (KAT) sowie mit weiteren Bergführerkolleginnen und -kollegen zum Gelingen dieses Buches beigetragen. Auch Kursteilnehmende unterschiedlicher Ausbildungsstufen unterstützten uns, indem sie Prototypen der vorgestellten Konzepte und Methoden ausprobieren »mussten«.

All diesen Personen gebührt ein herzliches Dankeschön!

Ferner möchten wir uns bei folgenden Personen bedanken, die uns in irgendeiner Weise unterstützt haben: Hans Martin Henny, Martin Ruggli, Lukas Dürr, Kurt Winkler, Benjamin Zweifel, Alec van Herwijnen, Roger Würsch, Julian Fisch, Andreas Egloff und Yvo Keller.

Basics

Die verschneiten Berge faszinieren immer wieder aufs Neue. Ob als Tourengeher, Freerider, Schneeschuhläufer oder Winteralpinist, wir alle möchten unvergessliche Tage in den Bergen verbringen – aber auch wieder gesund nach Hause kommen. Die Lawinengefahr begleitet uns in den winterlichen Bergen stetig. Durchschnittlich sterben in den europäischen Alpen jedes Jahr rund 100 Menschen durch Lawinen. Für Schneesportler birgt die Schneebrettlawine die größte Gefahr. Schon eine einzelne Person kann eine solche auslösen und dabei eine ganze Schneetafel großflächig in Bewegung setzen, die sich immer schneller talwärts bewegt. Das Risiko, von einer Schneebrettlawine ernsthaft bedroht zu werden, hängt einerseits von der Gefahr ab, wie wahrscheinlich das Auslösen einer Lawine ist. Andererseits bestimmen auch die Konsequenzen einer Lawinenerfassung das Risiko; abhängig vom Gelände sind dies oft eine Verschüttung oder schwere Verletzungen, beispielsweise durch Absturz. In der ersten halben Stunde sinkt die Überlebenschance verschütteter Personen rapide.

In diesem Kapitel werden Grundlagen vermittelt, um die Gefahr durch Lawinen zu erkennen und das Risiko grob zu beurteilen. Alle Themen werden in den restlichen 13 Kapiteln noch detaillierter behandelt, sodass auf diesem Grundwissen aufgebaut werden kann.

Bereits mit wenig Grundwissen kann die verschneite Bergwelt erlebt werden.

Lawinen sind gefährlich

Eine Lawinenverschüttung ist meistens kein Zufall. Nur knapp fünf Prozent der Lawinenopfer werden von einer Lawine erfasst, die spontan (also ohne menschliches Dazutun) niedergeht. In den allermeisten Fällen wird die Lawine von den Betroffenen selbst oder einer Begleitperson ausgelöst. Es ist deshalb maßgeblich, wie sich jede und jeder Einzelne im Gelände verhält.

KURZ UND KNAPP

In den letzten 20 Jahren waren bei tödlichen Lawinenunfällen in der Schweiz 21 der 22 Todesopfer Freizeitsportler. Die Lawinen hatten dabei folgende Eigenschaften:

›Gut 95 % waren Schneebrettlawinen.

݆ber 90 % waren trocken und weniger als 10 % nass.

›Rund 8 % gingen spontan ab.

›Bei 2 % handelte es sich um Gleitschneelawinen.

Wann entstehen Lawinen?

Es gibt verschiedene Arten von Lawinen, die sich durch ihren Entstehungsprozess unterscheiden. Die drei wichtigsten sind Schneebrettlawinen, Gleitschneelawinen und Lockerschneelawinen. Für Wintersportler besonders gefährlich ist die Schneebrettlawine, weil 1.) sie durch die Belastung einer Person ausgelöst werden kann und 2.) sich in Kürze große Schneemengen in Bewegung setzen.

Eine typische durch Personen ausgelöste Schneebrettlawine

Damit Schneebrettlawinen entstehen, braucht es eine ungünstig geschichtete Schneedecke an einem Hang, der mindestens 30 Grad steil ist. Schneebrettlawinen treten typischerweise auf:

›nach markanten Schneefällen,

›wenn Schnee vom Wind verfrachtet wird und sich sog. Triebschnee bildet oder

›wenn der Schneedeckenaufbau allgemein sehr ungünstig ist.

Wenn Wasser aufgrund von Schmelze oder Regen erstmals tiefer in die Schneedecke eindringt, entstehen Nassschneelawinen, die sich von der Bildung trockener Lawinen unterscheiden.

Mehr dazu:

›S. 45, Kap. Lawinenarten und Lawinenbildung

›S. 91, Kap. Lawinenprobleme

›S. 185, Kap. Geländebeurteilung

KURZ UND KNAPP

Damit sich eine Schneebrettlawine löst, muss der Hang mindestens 30 Grad steil sein. Je steiler, desto einfacher ist die Auslösung.

Wo ist man durch Lawinen gefährdet?

Auf einer Tour sind wir gewöhnlich nur an wenigen Stellen potenziell durch Lawinen gefährdet. Solche Stellen – sie werden als »Schlüsselstellen« bezeichnet – gilt es zu erkennen und für diese beurteilen wir das Lawinenrisiko. Grundlegend sind alle Hänge über 30 Grad Neigung als Schlüsselstellen zu betrachten.

Steilhänge (A) sind die häufigsten Gefahrenstellen. In kritischen Situationen können wir auch schon in flacheren Bereichen (B) gefährdet sein. An den C-Stellen besteht, im Normalfall, keine Gefährdung. Sie können als sichere Standorte betrachtet werden.

Die folgenden Beispiele beschreiben Bereiche, wo wir unterschiedlich stark gefährdet sind (siehe Abbildung oben):

ABereiche über 30 Grad: Sie werden als Steilhänge bezeichnet und sind mögliche Anrissgebiete von Lawinen. Die allermeisten Lawinen werden in Steilhängen ausgelöst. Bei der Risikobeurteilung ist der Fokus primär auf diese Geländebereiche zu legen.

BBereiche unter 30 Grad mit Steilhang oberhalb: In kritischen Lawinensituationen können wir bereits in mäßig steilem Gelände gefährdet sein.

B1 Lawinen können etwa am Fuß des Hanges fernausgelöst werden. Fernauslösungen sind bei sehr ungünstigem Schneedeckenaufbau in einer Altschneesituation oder kurz nach einem bedeutenden Schneefall typisch.

B2 Ist das Gelände zum Steilhang durch eine Felswand unterbrochen, können sich spontane Lawinen oberhalb der Felswand lösen und die darunterliegenden Stellen gefährden.

CIm Normalfall sichere Bereiche: Stellen oberhalb von Steilhängen oder solche weit weg vom Hangfuß, wo selbst große Lawinen kaum hinfließen.

Mittels Hangneigungskarten und speziellen Lawinengeländekarten sind potenziell durch Lawinen gefährdete Bereiche, genannt Lawinengelände, einfach zu erkennen (außer es treten sehr große Lawinen auf).

Mehr dazu:

›S. 196, Kap. Digitale Lawinengeländekarten

Lawinenrisiko

Wenn wir uns in potenzielles Lawinengelände begeben, setzen wir uns einer möglichen Gefahr aus und gehen dabei ein Risiko ein. Das Risiko ergibt sich aus der Wahrscheinlichkeit einer Auslösung (oder Gefahr) und den möglichen Folgen (oder Konsequenzen) eines Lawinenabgangs. Bei hoher Gefahr und großen Konsequenzen ist das Risiko hoch. Im umgekehrten Fall liegt ein tiefes Risiko vor. Typisches Lawinengelände mit bedeutenden Konsequenzen bei einer Lawinenerfassung begehen wir sinnvollerweise nur, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Lawinenauslösung – also die Gefahr – tief ist. Die Konsequenzen lassen sich oft sicherer abschätzen als die Gefahr. Mit unserem Verhalten beeinflussen wir beides und können daher mit der Situation angepassten Maßnahmen das Lawinenrisiko verringern.

Das Lawinenrisiko ergibt sich aus der Kombination von Gefahr und Konsequenzen.

Mit dem RiskCheck (siehe Abbildung rechts) beurteilen wir das Lawinenrisiko an den Schlüsselstellen. Das Schema zeigt grafisch, wie sich aus Gefahr und Konsequenzen unter Berücksichtigung von Maßnahmen das Risiko ergibt. Idealerweise ergibt sich ein tiefes Risiko. Treffen sich die Einschätzung von Gefahr und Konsequenz in der Mitte, sind eine detailliertere Beurteilung und wirksame Maßnahmen notwendig. Ergibt die Kombination von Gefahr und Konsequenzen ein Risiko im Bereich der oberen rechten Ecke, ist das Risiko hoch: die Schlüsselstelle sollte nicht begangen werden. Ein solch hohes Risiko ist oft typisch bei einem großen, schattigen und sehr steilen Hang, wenn die Lawinenauslösewahrscheinlichkeit nach einem Schneefall erhöht und der Schneedeckenaufbau ungünstig ist.

Der RiskCheck zeigt grafisch, wie sich aus Gefahr (1) und Konsequenz (2) unter Berücksichtigung von Maßnahmen (3) ein Risiko (4) ergibt.

https://content.whiterisk.ch/book/riskcheck-mit-daumen

KURZ UND KNAPP

Folgende ungünstige Faktoren führen kombiniert zu einem hohen Risiko:

Erhöhte Lawinenauslösewahrscheinlichkeit bei:

›Lawinengefahrenstufe 3 (»erheblich«) oder höher,

›selten befahrenen Hängen und

›sehr steilem, schattigem Gelände

Bedeutende Konsequenzen als Folge einer Auslösung:

›große Hänge ohne Möglichkeiten für defensive Spuranlage

›Absturzgefahr oder Gefahr tiefer Verschüttung

Mehr dazu:

›S. 201, Kap. Risikomanagement

›S. 219, Kap. 3x3 – Anwendung RiskCheck-Konzept

Im Folgenden werden einfache Faustregeln und Werkzeuge erläutert, um die Gefahr zu erkennen und zu beurteilen, die Konsequenzen abzuschätzen und letztlich – unter Berücksichtigung möglicher Maßnahmen – das Risiko zu bewerten.

Gefahr erkennen und beurteilen

Eine erste Gefahreneinschätzung erfolgt aus der Kombination der Lawinengefahrenstufe aus dem Lawinenbulletin mit der Hangneigung. Unterwegs helfen einfache Beobachtungen, die Gefahr zu erkennen und grob zu beurteilen.

Lawinenbulletin

Das Lawinenbulletin ist die wichtigste Grundlage, um die aktuelle Lawinengefahr einzuschätzen. Die Lawinengefahr wird täglich einer der fünf europäischen Lawinengefahrenstufen zugeordnet (siehe Abbildung): gering (1) – mäßig (2) – erheblich (3) – groß (4) – sehr groß (5). Neben der Gefahrenstufe sind ergänzende Informationen wie Gefahrenstellen, Lawinenprobleme und die Beschreibung der Lawinengefahr mit Informationen zu Schneedecke und Wetter ebenso wichtig für das Verständnis der Lawinensituation.

5sehr groß

Außerordentliche LawinensituationEmpfehlung der Behörden befolgen.

4groß

Sehr kritische LawinensituationSich auf mäßig steiles Gelände beschränken. Auslaufbereiche sehr großer Lawinen beachten. Unerfahrene bleiben auf den geöffneten Abfahrten und Routen.

3 erheblich

Kritische LawinensituationSehr steile Hänge der im Lawinenbulletin angegebenen Expositionen und Höhenlagen meiden. Unerfahrenen wird empfohlen, auf den geöffneten Abfahrten und Routen zu bleiben.Für Wintersportler kritischste Situation!

2mäßig

Mehrheitlich günstige LawinensituationVorsichtige Routenwahl, vor allem an Hängen der im Lawinenbulletin angegebenen Expositionen und Höhenlagen. Sehr steile Hänge einzeln befahren.

1gering

Allgemein günstige LawinensituationExtrem steile Hänge einzeln befahren und Absturzgefahr beachten.

Die fünf Gefahrenstufen mit den wichtigsten Empfehlungen

Für Wintersportler sind vor allem die ersten vier Gefahrenstufen relevant, wobei die Stufe 3 »erheblich« besonders kritisch ist, weil bei dieser Stufe Personen leicht Lawinen auslösen können. Zuweilen lösen sich Lawinen bei »erheblich« sogar spontan. Die Gefahr ist dann recht offensichtlich. Manchmal beschränken sich Instabilitäten aber auch auf bestimmte Geländeteile und die Gefahr ist schwieriger zu erkennen.

KURZ UND KNAPP

Rund die Hälfte aller tödlichen Lawinenunfälle ereignet sich bei der Gefahrenstufe »erheblich«.

Das Lawinenbulletin beschreibt die Lawinensituation für eine Region und dient als Grundlage für eine erste Einschätzung bei der Tourenplanung. Die Prognose sollte insbesondere dann überdacht werden, wenn Beobachtungen vor Ort auf eine offensichtlich höhere Gefahr hinweisen.

Mehr dazu:

›S. 133, Kap. Lawinengefahrenstufen und Lawinenbulletin

Grafische Reduktionsmethode (GRM)

Je steiler ein Hang und je höher die Lawinengefahrenstufe, desto eher lässt sich eine Lawine auslösen. Mithilfe der grafischen Reduktionsmethode (GRM) lässt sich die Gefahr einer Lawinenauslösung an einem bestimmten Hang grob abschätzen. Für die Bewertung des Risikos müssen zudem auch die Konsequenzen betrachtet werden.

Die GRM beruht auf der Reduktionsmethode, die der Schweizer Bergführer Werner Munter auf der Basis einer Lawinenunfallanalyse Mitte der 1990er-Jahre entwickelt hat. Mit der GRM werden die beiden wichtigen Faktoren »Gefahrenstufe« und »Hangsteilheit« miteinander kombiniert. Als ähnliche, abgewandelte Methoden gelten in Deutschland die »Snow Card« und in Österreich die »Stop and Go«-Methode. Eine digitale Weiterentwicklung der GRM ist auf der Webseite skitourenguru.ch umgesetzt.

Aus der Kombination von Gefahrenstufe und Hangsteilheit lässt sich die Gefahr einer Lawinenauslösung grob einschätzen: tiefe Gefahr (grüner Bereich), erhöhte Gefahr (oranger Bereich) und hohe Gefahr (roter Bereich). Auch bei tiefer Gefahr – also tiefer Auslösewahrscheinlichkeit – sind Lawinen in Steilhängen potenziell möglich. Diese Einschätzung kann als grobe Beurteilung für die Gefahr im RiskCheck verwendet werden. Die Gefahrenabschätzung mit der GRM gilt für die im Lawinenbulletin explizit angegebenen ungünstigen Expositionen und Höhenlagen. In günstigen Hanglagen kann die Lawinengefahr um eine Stufe niedriger angenommen werden (z. B. Stufe 2 statt Stufe 3).

Als günstige Hanglagen können Hänge bezeichnet werden, die:

›außerhalb der im Lawinenbulletin erwähnten Gefahrenstellen liegen oder

›aufgrund von Beobachtungen nicht vom erwähnten Lawinenproblem betroffen sind – z. B. keinen Triebschnee aufweisen.

KURZ UND KNAPP

Bereits durch das Verknüpfen von Lawinengefahrenstufe, Hangneigung und Hanglage (günstig/ungünstig) kann die Lawinenauslösewahrscheinlichkeit (Gefahr) grob beurteilt werden. Für die Bewertung des Risikos an einer Schlüsselstelle müssen auch die Folgen einer Auslösung (Konsequenzen) betrachtet werden (RiskCheck).

Unerfahrene bleiben besser unter der schwarzen Linie (siehe Abbildung S. 20) und beschränken sich bei offensichtlichen Anzeichen für Lawinengefahr (z. B. Alarmzeichen, viel Neuschnee) auf mäßig steiles Gelände, also Hänge, die weniger als 30 Grad steil sind.

Die grafische Reduktionsmethode ist eine einfache Methode, um durch Kombinieren von Lawinengefahrenstufe und Hangneigung die Wahrscheinlichkeit einer Lawinenauslösung (Gefahr) grob einzuschätzen.

Anwendungsbeispiele:

›S. 219, Kap. 3x3 Anwendung RiskCheck-Konzept

Alarmzeichen

Der beste Hinweis auf erhöhte Gefahr sind frische Schneebrettlawinen. Damit sich Lawinen bilden, müssen in der Schneedecke Brüche entstehen und sich ausbreiten. Solche Brüche können wir manchmal sogar hören – als sogenannte Wumm-Geräusche – oder sehen, wenn sich Risse durch die Schneedecke bis hin zur Oberfläche bilden. Diese Gefahrenhinweise nennen wir Alarmzeichen. Sie zeigen deutlich, dass die Bedingungen für Schneebrettlawinen gegeben sind. Gibt es keine Alarmzeichen, heißt dies jedoch nicht, dass keine Lawinengefahr besteht.

Als Alarmzeichen gelten:

›frische Schneebrettlawinen, spontan abgegangen oder ausgelöst durch Wintersportler oder Sprengung,

›Wumm-Geräusche oder

›Rissbildung.

KURZ UND KNAPP

›Alarmzeichen sind deutliche Hinweise für eine erhöhte Lawinengefahr!

›Wenn Alarmzeichen fehlen, ist die Lawinengefahr nicht automatisch tief.

Mehr dazu:

›S. 154, Kap. Alarmzeichen

Neuschnee

Als Neuschnee wird der Schnee bezeichnet, der die letzten ein bis drei Tage gefallen ist. Neuschnee führt meist zu einem Anstieg der Lawinengefahr. Allgemein gilt: Je mehr Neuschnee fällt, desto mehr steigt die Lawinengefahr an. Der Anstieg der Lawinengefahr hängt jedoch nicht nur von der Neuschneemenge ab, sondern insbesondere auch von:

Rissbildung ist ein Alarmzeichen und weist auf eine hohe Auslösewahrscheinlichkeit hin.

›der Beschaffenheit der Altschneeoberfläche vor dem Schneefall und

›den Eigenschaften und der Schichtung des Neuschnees.

Bereits geringe Neuschneemengen von zehn bis 20 Zentimeter können etwa in Verbindung mit starkem Wind und ungünstiger Altschneeoberfläche zu hoher Auslösewahrscheinlichkeit für Lawinen führen.

Mehr dazu:

›S. 157, Kap. Kritische Neuschneemenge

›S. 94, Kap. Neuschneeproblem

KURZ UND KNAPP

Wichtige Merksätze:

›Markanter Schneefall oder Regen führt immer zu einem Anstieg der Lawinengefahr.

›Frische Triebschneeansammlungen lassen sich oft leicht auslösen.

›Der erste schöne Tag nach einem Schneefall gilt als besonders unfallträchtig.

›Schlechte Sicht (Nebel) erschwert die Beurteilung der Lawinengefahr vor Ort stark.

Frischer Triebschnee

Wenn der Wind Schnee verfrachtet, entsteht Triebschnee, der je nach Windstärke und Temperatur hart oder weich sein kann. Frischer Triebschnee ist oft leicht als Schneebrettlawine auslösbar. Triebschnee kann sich auch bei sonnigem und windigem Wetter bilden und eine relativ günstige Lawinensituation in Kürze lokal verschärfen.

Häufig sammelt sich Triebschnee kleinräumig sehr unterschiedlich an, meistens jedoch in Windschattenlagen (z. B. hinter Geländekanten oder in Mulden). Steile Stellen mit frischem Triebschnee sollten möglichst gemieden werden. Oftmals lässt sich frischer Triebschnee durch geschicktes Spurenlegen umgehen.

Mehr dazu:

›S. 100, Kap. Triebschneeproblem

›S. 158, Kap. Triebschneespuren

Nasser Schnee

Regen auf trockene Schneedecke

Durch Regen wird die Schneedecke innerhalb kurzer Zeit in allen Expositionen angefeuchtet und zusätzlich belastet. Wenn sie schwache Schichten aufweist, kann die Lawinengefahr dadurch rasch und stark ansteigen. Regnet es im Laufe einer Schneefallperiode, ist ebenfalls mit hoher Lawinengefahr und spontaner Lawinenaktivität zu rechnen.

Markante Erwärmung des Schnees in den Bereich von null Grad Celsius

Tageszeitliche Erwärmung und starke Sonneneinstrahlung können zu oberflächlicher Schmelze führen. Wasser beginnt, in die Schneedecke einzudringen und diese zu schwächen – insbesondere an markanten Schichtgrenzen. Am schwächsten wird die Schneedecke, wenn sie das erste Mal richtig feucht wird. In nassen, oberflächennahen Schichten lassen sich mitunter auch Lockerschneelawinen auslösen, die in exponiertem Gelände zum Absturz führen.

Um typischen Nassschneesituationen auszuweichen, sollten Touren frühzeitig beendet werden.

Mehr dazu:

›S. 119, Kap. Nassschneeproblem

Einfluss von Spuren

Sind im zu beurteilenden Hang bereits viele Spuren vorhanden, wurde die Stabilität der Schneedecke schon mehrfach getestet und die grob eingeschätzte Gefahr kann als tiefer eingestuft werden. Eine Lawinenauslösung ist im Spurbereich deutlich weniger wahrscheinlich als an unverspurten Stellen.

Wissen wir, dass eine Variante oder ein Hangbereich häufig befahren wurde, ist das ebenfalls ein Hinweis für eine tiefere Auslösewahrscheinlichkeit. Dieser Aspekt kommt oft beim Freeriden zum Tragen.

Mehr dazu:

›S. 88, Kap. Häufiges Befahren

Konsequenzen abschätzen

Die Folgen einer Lawinenerfassung sind wesentlich vom Gelände abhängig, insbesondere von der Hanggröße und dem Gelände unterhalb des Anrissgebietes. Zudem spielt auch die Schneedecke eine wichtige Rolle. Ist zum Beispiel die Anrisshöhe einer Lawine gering, sind oft auch die Konsequenzen eher klein.

Hanggröße

Je größer der Hang, desto größer kann die Lawine werden und desto wahrscheinlicher kommt es zu einer ernsten Verschüttung. Wesentlich ist in erster Linie die Hanggröße oberhalb des Erfassungsortes.

Geländefallen

Mulden am Hangfuß führen zu großen Verschüttungstiefen. Wenn die Lawine über eine Felswand fließt, führt dies zum Absturz. Solch ausgeprägte Geländefallen erhöhen die Konsequenzen schon bei kleinen Lawinen drastisch.

Anzahl von Personen gleichzeitig im Hang

Wenn mehrere Personen erfasst werden, nehmen die Konsequenzen einer Lawinenauslösung zu. Entsprechend ist darauf zu achten, dass sich möglichst nur eine Person im Gefahrenbereich befindet.

Mehr dazu:

›S. 208, Kap. Konsequenzen abschätzen

›S. 195, Kap. Geländefallen

Sind bereits viele Spuren vorhanden, wurde die Stabilität der Schneedecke schon mehrfach getestet.

Am wirksamsten sind Maßnahmen, wenn sie kombiniert werden, z. B.: Hangbereich im Spurband einzeln abfahren und Besammlung der Gruppe an »sicheren Inseln«.

https://content.whiterisk.ch/book/massnahmen-bsp

Maßnahmen berücksichtigen

Haben wir die Gefahr beurteilt und die Konsequenzen abgeschätzt, so lässt sich mit gezielten Maßnahmen das Risiko oft noch verringern. Im Gegensatz zur Gefahrenbeurteilung, die manchmal schwierig ist, brauchen folgende Maßnahmen wenig Kenntnisse, sind einfach umzusetzen und verringern das Risiko wirkungsvoll:

›Möglichst nur eine Person im gefährdeten Bereich (einzeln fahren/Abstände): So kann die Gefahr von mehreren Verschütteten verringert werden. Dies lässt sich erreichen, wenn die anderen Gruppenmitglieder an einem sicheren Ort ober- oder unterhalb der Gefahrenstelle warten. Solche Sammelorte sollten also nicht im Hang oder mitten im potenziellen Auslaufbereich sein.

›Die steilsten Hangbereiche meiden. Je geringer die Steilheit, desto schwieriger wird es für Wintersportler, Lawinen auszulösen.

›Hang im bereits verspurten Bereich begehen oder befahren: Eine Lawinenauslösung ist im Spurbereich nach mehrfach erfolgten Belastungen deutlich weniger wahrscheinlich.

Weitere wirkungsvolle Maßnahmen sind:

›rückenartiges Gelände bevorzugen,

›große Belastungen meiden (Stürze, Besammlung, Sprünge),

›frischen Triebschnee meiden,

›Stellen mit hoher Absturz- bzw. Verschüttungsgefahr meiden und

›Sammelpunkte in nicht gefährdeten Bereichen wählen (»sichere Inseln«).

Eine einfache Tour planen und durchführen

Vor der Tour

Ein ausgewähltes Tourenziel muss zur aktuellen Wetter- und Lawinensituation sowie den Bedürfnissen und Fähigkeiten aller Beteiligten passen. Anhand des Lawinenbulletins und des Wetterberichtes wird eine Region mit günstiger Lawinensituation und gutem Wetter ausgewählt. Eine einfache Tour weist höchstens wenige und kurze steile Passagen auf.

Mithilfe von Hangneigungskarten gilt es, potenziell gefährdete Stellen (sog. Schlüsselstellen) zu erkennen und bezüglich ihres Risikos zu beurteilen. Für eine erste Beurteilung der Gefahr eignen sich die GRM oder ähnliche Methoden. Anhand der Karte lassen sich Geländeeigenschaften wie Hanggröße und Geländefallen erkennen und so die möglichen Konsequenzen grob abschätzen. Somit lässt sich das Risiko bewerten.

Bei kritischer Lawinensituation (ab Gefahrenstufe »erheblich«) ist es besser, eine Tour ganz ohne Schlüsselstellen (Steilhänge) oder eine viel begangene Tour (Modetour) auszuwählen.

KURZ UND KNAPP

Zur Tourenplanung hervorragend geeignet ist whiterisk.ch. Der QR-Code führt zu weiteren nützlichen Weblinks für die Planung.

https://content.whiterisk.ch/book/web-links

Während der Tour

Vor Ort gilt es, das Resultat der Risikobeurteilung zu überprüfen, also zu beobachten, ob die aktuellen Verhältnisse den Prognosen im Lawinenbulletin und Wetterbericht entsprechen. Nützliche Beobachtungen dafür sind:

›Neuschneemenge: Wie viel hat es wirklich geschneit?

›Windeinfluss: Gibt es frischen Triebschnee?

›Abkühlung über Nacht (im Frühling): Ist die Schneeoberfläche über Nacht dick gefroren?

Bei größeren Abweichungen gegenüber der Prognose oder schlechterer Sicht als erwartet ist allenfalls das Tourenziel anzupassen oder die Tour abzubrechen.

Um die Gefahrenbeurteilung zu verfeinern, sind Beobachtungen zu Alarmzeichen und Spuren anderer Wintersportler aufschlussreich. Sind deutliche Alarmzeichen vorhanden, ist die Gefahr als hoch einzustufen. In Hängen, die bereits viele Spuren aufweisen, kann die Gefahr im RiskCheck-Schema zurückgestuft werden, zum Beispiel von »mittel« zu »tief«.

Eine abschließende Beurteilung der Konsequenzen ist meist erst unmittelbar an der Schlüsselstelle möglich. Bei markanten Geländefallen sind die Konsequenzen immer als groß einzuschätzen, egal wie groß der Hang ist. Es reicht dann schon eine kleine Lawine für eine ernsthafte Verschüttung oder einen Absturz.

Auch wenn wir bei der Tourenplanung eine Route als machbar eingeschätzt haben, kann es an der Schlüsselstelle im Einzelhang immer wieder vorkommen, dass sich die Verhältnisse vor Ort anders präsentieren und wir auf ein Weitergehen oder Befahren verzichten müssen.

Mehr dazu:

›S. 267, Kap. Entscheiden und umsetzen

›S. 219, Kap. 3x3 – Anwendung RiskCheck-Konzept

Nach der Tour

Nach der Tour blicken wir auf das Erlebte zurück und fragen uns: »Würde ich das nächste Mal etwas anders machen?«. Auf diese Weise verarbeiten wir unsere Erlebnisse und unsere Erfahrung wächst.

Ausrüstung

Selbst bei umsichtiger Beurteilung und angepasstem Verhalten verbleibt im Lawinengelände ein gewisses Restrisiko, selbst dann, wenn unsere Bewertung ein Risiko unten links im RiskCheck-Schema ergeben hat. Eine gute Ausrüstung kann die Überlebenschancen bei einer Lawinenverschüttung erhöhen, vorausgesetzt man hat trainiert, wie die Notfallausrüstung einzusetzen ist.

Eine Lawinenverschüttung ist ein Wettlauf gegen die Zeit. In den ersten 15 Minuten ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, Verschüttete lebend zu bergen. Danach sinkt sie rapide. Die Kameradenrettung ist daher von größter Bedeutung. Mithilfe des LVS (Lawinenverschütteten-Suchgerät) können Verschüttete schnell geortet werden. Dies setzt voraus, dass alle Tourenteilnehmer unterwegs ihr LVS eingeschaltet am Körper tragen und mit der LVS-Suche vertraut sind. Die LVS müssen vor jeder Tour auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft werden (Funktionskontrolle). Zur Unterstützung bei der Ortung dient die Lawinensonde. Für das rasche Ausgraben von Verschütteten ist eine gute Lawinenschaufel unabdingbar. Folgende Ausrüstungsgegenstände gehören daher zur Standard-Notfallausrüstung:

Die Handhabung der Notfallausrüstung muss trainiert sein, damit sie im Ernstfall richtig angewendet wird.

Die frische Schneebrettlawine weist auf eine hohe Gefahr hin. Eine defensive Spuranlage in mäßig steilem Gelände und gebührend Abstand von großen Steilhängen ist sinnvoll.

›LVS (immer auf SENDEN gestellt am Körper tragen)

›Lawinenschaufel

›Lawinensonde

Als zusätzliche Notfallausrüstung ist ein Lawinen-Airbag zu empfehlen, welcher die Verschüttungstiefe verringert und oft nach dem Lawinenabgang im abgelagerten Schnee sichtbar ist.

Eine Lawinenerfassung kommt einem Absturz gleich, der zu schweren Verletzungen durch Kollision mit Bäumen oder Felsen führen kann. Je nach Gelände rückt diese Gefahr bei einer Lawinenerfassung sogar in den Vordergrund. Dieses Risiko können wir zum Beispiel durch das Tragen eines Helmes allenfalls verringern. Mit auf die Tour gehören zudem:

›ein aufgeladenes Handy mit Karten-App (Achtung, die Mobiltelefon-Netzabdeckung im Gebirge ist zum Teil lückenhaft!),

›eine Notfallapotheke (inklusive Rettungsdecke) sowie

›Sonnen- und Kälteschutz.

Standard-Notfallausrüstung: Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS), Schaufel und Sonde

Schnee und Schneedecke

Schnee ist – entgegen unserem Empfinden – eigentlich ein »heißes« Material. Damit ist gemeint, dass er sich immer nahe an seinem Schmelzpunkt befindet. Ist beispielsweise Eisen ähnlich nah am Schmelzen, glüht es bereits. Schnee kann sich deshalb leicht verändern – ein Faktor, der für die Lawinenbildung entscheidend ist. Entsprechend wichtig ist es, die typischen Veränderungen, die in der Schneedecke ablaufen, zu kennen.

Schnee und seine Struktur

Eiskristalle bilden sich in der Atmosphäre. Sie fallen meist als sechseckige Kristalle vom Himmel. Auf dem Boden liegend verbinden sie sich zu einer Schneeschicht, die ähnlich porös ist wie ein Schwamm. Neben dem Gerüst aus Eiskristallen besteht sie vor allem aus luftgefüllten Hohlräumen und allenfalls wenig Wasser. Der Luftanteil liegt zwischen 60 und 90 Prozent.

Schnee als poröses Material

Wie stark die Eiskristalle miteinander verbunden und wie groß die Poren dazwischen sind, ist entscheidend für die Festigkeit des Schnees und damit auch für die Lawinenbildung. Je nach Anzahl und Stärke der Bindungen zwischen den Kristallen lässt sich die Struktur unterschiedlich einfach brechen. Schnee mit großen, eckigen Eiskristallen hat viel weniger Bindungen und größere Hohlräume als Schnee mit kleinen, runden Körnern. Auch die Struktur des Neuschnees lässt sich einfach brechen, da es wenig Bindungen zwischen den relativ großen Neuschneekristallen gibt und diese zudem schwach sind. Neuschnee ist deshalb auch sehr weich. Eine gefrorene Schmelzharschkruste hingegen hat starke Bindungen zwischen den Eiskörnern. Sie ist deshalb sehr hart und nur mit großem Kraftaufwand zu brechen.

KURZ UND KNAPP

Schnee ist hochporös und besteht aus viel Luft, Eis und allenfalls wenig Wasser. Weicher Schnee mit großen Hohlräumen (Poren) in der Struktur ist bruchanfällig.

Sintern und Brechen

Wenn sich zwei Eiskristalle berühren, verbinden sie sich und wachsen immer mehr zusammen – sie sintern. Die verbundenen Eiskörner ergeben mit der Luft dazwischen die Struktur des porösen Schnees. Je unterschiedlicher die Korngrößen, je höher die Temperatur und je größer der Druck, desto mehr sintern die Körner und desto stärker werden die Bindungen – die Festigkeit nimmt zu. Wenn wir zum Beispiel zwei »warme« (annähernd 0 °C) Schneebälle aneinanderdrücken, kleben sie schneller zusammen als zwei »kalte« (etwa −10 °C). Für alle Arten von Schneebällen beziehungsweise Eiskristallen gilt jedoch: Je länger und je fester sie aneinandergedrückt werden, umso besser halten sie zusammen. Im Laufe der Zeit wachsen daher die Bindungen, und die Festigkeit nimmt grundsätzlich zu.

Die Anzahl und Stärke der Bindungen zwischen den Eiskristallen sind maßgebend für die Festigkeit des Schnees. Schnee, der aus kleinen, runden Eiskörnern besteht (oben, schematisch), hat mehr Bindungen (rot dargestellt) und kleinere Hohlräume und damit eine höhere Festigkeit als Schnee aus großen, kantigen Kristallen (unten, schematisch).

Struktur des Schnees (dreidimensional dargestellt mithilfe eines Computertomografen): Neuschnee (links), Triebschnee (Mitte), kantig aufgebauter Schnee (rechts). Die Kantenlänge der Würfel beträgt 3,6 mm.

Schnee mit vielen und festen Bindungen ist hart, während bei weichem Schnee die Bindungen noch schwach und/oder aufgrund von großen Körnern weniger häufig sind. Schnee mit wenigen und schwachen Bindungen bildet eine sogenannte Schwachschicht (mehr dazu in Kap. Schwachschichten, S. 37). Durch das Eigengewicht des Schnees und seine Bewegung am Hang können die Verbindungen zwischen den Eiskörnern immer wieder brechen. Solange nur einzelne Bindungen brechen und sich gleichzeitig neue bilden, passiert nicht viel. Wenn aber mehr Bindungen brechen als neue entstehen – zum Beispiel durch die abrupte Belastung eines Wintersportlers – und sich die Brüche an einer Stelle konzentrieren, kann sich ein Riss in dieser schwachen Schicht bilden. Bei ausreichender Zufuhr von Verformungsenergie aus dem darüber liegenden Schnee breitet sich der Riss spontan in dieser Schwachschicht aus, bis schließlich eine Schneebrettlawine entsteht (siehe Kap. Bruchprozesse, S. 49).

Schneeumwandlung

Der Eiskristall, der vom Himmel fällt, bleibt nicht lange bestehen. Einmal am Boden, verändert er sich sofort und verbindet sich mit den benachbarten Kristallen. Die entstandene Schicht wandelt sich weiter um, je nach Temperaturverhältnissen, Dichte und dem Gewicht des darüberliegenden Schnees. Durch diese Schneeumwandlung, auch Metamorphose genannt, ändern Eiskörner und Bindungen ihre Form und Größe. Bei der Schneeumwandlung wird Eismasse von Korn zu Korn oder von Korn zu Verbindung umgelagert. In der trockenen Schneedecke geschieht dies primär über den mit Luft gefüllten Porenraum: Eis geht von der Oberfläche eines Eiskristalls in den gasförmigen Zustand (Wasserdampf) über und lagert sich an einem benachbarten Korn oder in konkaven Bereichen (Vertiefungen) wieder als Eis ab. Für diese Massenumlagerung sind Unterschiede des Wasserdampfdrucks im Porenraum verantwortlich. Die vier wichtigsten Gründe für Dampfdruckunterschiede, die zu einem Wasserdampftransport im Porenraum des Schnees führen, sind die Folgenden (siehe Abbildung):

a)Je wärmer ein Schneekorn ist, desto mehr Eis verdampft als unsichtbarer Wasserdampf in den Porenraum. Gibt es in der Schneedecke auf kleinem Raum Temperaturunterschiede, was praktisch immer der Fall ist, kommt es demnach zu einem Wasserdampfgefälle. Die Natur ist bestrebt, dieses Gefälle auszugleichen, wodurch ein Massentransport in Form von Wasserdampf von wärmeren zu kälteren Kristallen entsteht.

b)An konvexen Oberflächen ist der Wasserdampfdruck größer als über konkaven Oberflächen. Analog zu a) entsteht ein Wasserdampftransport von konvexen zu konkaven Geometrien.

Möglichkeiten des Wasserdampftransports zwischen Eiskristallen bzw. Wassermolekülen

c)Ähnlich entsteht ein Wasserdampftransport von kleinen zu großen Eiskörnern aufgrund der unterschiedlichen Radien.

d)Wenn der Schnee zu schmelzen beginnt, bildet sich um die Körner eine Wasserschicht. Da der Wasserdampfdruck über dem Wasser größer ist als über dem Eis, entsteht ein Dampftransport von Wasser zu Eis. Die Schneestruktur wird gröber und runder, und Bindungen verstärken sich. Dies führt zu Beginn des Schmelzvorgangs (siehe Kap. Schmelzumwandlung, S. 37) zu einer Verfestigung, dem sogenannten Flüssigsintern.

Ob sich die Eiskörner durch die Massenumlagerung eher abrunden oder zu größeren Körnern mit Kanten und Ecken wachsen, hängt unter anderem von der Intensität des Dampftransports ab. Diese wird maßgeblich von den Temperaturverhältnissen in der Schneedecke und der Größe und Anordnung der Eiskörner beeinflusst. Wichtig ist insbesondere der Temperaturunterschied pro Höheneinheit: der Temperaturgradient.

Gibt es in der Schneedecke, vor allem nahe der Oberfläche, innerhalb einiger Zentimeter große Temperaturunterschiede, kann sich binnen eines Tages die Schneestruktur komplett verändern.

Auch wenn diese Veränderungsprozesse selten in reiner Form vorkommen, ist es in der Praxis üblich, die Schneeumwandlung folgendermaßen zu unterteilen:

›bei kleinen Temperaturgradienten: »abbauende« Umwandlung, verbunden mit Setzen und Sintern: Massentransport primär von konvex zu konkav (b) und von klein zu groß (c)

›bei großen Temperaturgradienten: »aufbauende« Umwandlung: Massentransport von warm zu kalt (a)

Unterschiedlicher Temperaturgradient bei verschiedener Schneemächtigkeit, aber gleicher Temperatur an der Schneeoberfläche und am Boden. Je flacher die Kurve, desto größer ist der Gradient.

›Schneetemperatur bei 0 °C: Schmelzumwandlung (d).

KURZ UND KNAPP

Der Temperaturgradient beschreibt den Temperaturunterschied in der Schneedecke pro Höheneinheit. Er spielt bei der Schneeumwandlung eine wichtige Rolle. Besonders die Temperatur an der Schneeoberfläche sowie die Gesamtschneehöhe beeinflussen den Temperaturgradienten.

»Abbauende« Umwandlung

Bei nur sehr geringen Temperaturunterschieden in der Schneedecke ist vor allem der Wasserdampftransport von konvexen zu konkaven Geometrien der treibende Motor für die Umwandlung. Dieser Prozess ist insbesondere bei Neuschneekristallen ausgeprägt, wodurch die sternförmigen Eiskristalle abgerundet und dichter »gepackt« werden.

Es entstehen mehr Bindungen und die Kristalle wachsen zusammen (sintern). Durch das Eigengewicht des Neuschnees wird der Sinterungsprozess noch verstärkt; das Volumen des Neuschnees nimmt ab, die Schneedecke setzt sich langsam und die Schneestruktur wird stabiler. Die tieferen Bereiche des Neuschnees werden dabei mehr verdichtet als diejenigen nahe der Schneeoberfläche. Als Folge des Sinterns wird der Neuschnee gebunden. »Warme« Temperaturen in der Schneedecke im Bereich von null bis -5 °C begünstigen das Sintern zusätzlich und führen zu einem relativ schnellen Umwandlungs- und Setzungsprozess.

Innerhalb von 24 Stunden hat sich 1 m Neuschnee um 30 cm gesetzt. Die Neuschneekristalle haben sich zu kleinen, runden Körnern umgewandelt. Das Volumen des Neuschnees hat abgenommen und der Schnee wurde dichter.

»Aufbauende« Umwandlung

Bei großen Temperaturgradienten in der Schneedecke, also großen Temperaturunterschieden auf kurzer Distanz, ist der Wasserdampftransport von wärmeren Körnern zu kälteren ausgeprägt, und die Eiskristalle wandeln sich schnell um. Die Eisablagerung an den kälteren Körnern führt zur Bildung von großen Kristallen mit kantigen Formen: Die Körner wachsen.

Bei anhaltendem Wasserdampftransport und wenig verdichtetem Schnee (z. B. leicht gesetztem Neuschnee) entstehen immer größere kantige Kristalle. Es bildet sich ein schwaches Eisgerüst mit großen Poren und wenig Bindungen zwischen den Eiskörnern – eine typische Schwachschicht. Dabei sind unter extremen Laborbedingungen die ursprünglichen Eiskörner schon nach wenigen Tagen verschwunden; die Kristalle haben sich nicht nur »umgewandelt«, sondern komplett neu gebildet und ausgerichtet. Dies ist in der Schneedecke draußen im Gelände kaum zu erkennen, da sich die Eigenschaft der Schneestruktur unter Umständen nicht wesentlich verändert.

Ist der Schnee hart und kompakt (z. B. harter Triebschnee), fehlt der Porenraum, den es braucht, damit bei großen Temperaturgradienten große Kristalle wachsen können – es entsteht keine kritische Schwachschicht oder wenn, dann nur sehr langsam.

Grundsätzlich wachsen die Kristalle umso schneller, je wärmer der Schnee ist. Dies führt unter anderem dazu, dass nahe am Boden größere Kristalle entstehen (oft große Becherkristalle) als nahe der Oberfläche, wo es deutlich kälter ist.

Wenn zwei Kristalle direkt übereinander liegen, kann der Wasserdampf vom unteren wärmeren Kristall direkt am kälteren darüber wieder anwachsen: Es herrscht ein stabiles Diffusionsfeld. Der konstante und anhaltende Dampftransport von unten nach oben führt dazu, dass mehr Verbindungen in vertikaler als in horizontaler Richtung entstehen. Entsprechend bildet sich eine säulenartige Schneestruktur. Solche sogenannten anisotrope Strukturen sind oft steif und stark bei vertikaler Belastung, aber schwach bei Belastung von der Seite (Scherung). Wenn der Dampffluss etwas variiert, weil sich zum Beispiel die Anordnung der Eiskristalle leicht ändert (etwa wenn sich der Schnee gleichzeitig setzt), entstehen weniger ausgeprägte kantige Formen.

Schneeumwandlung bei Temperaturgradienten in immer gleicher Richtung. Je größer der Temperaturgradient, desto intensiver der Wasserdampftransport. Mit der Zeit entstehen große, kantige Kristalle oder sogar Becherkristalle.

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Je größer der Temperaturgradient, umso intensiver ist die aufbauende Umwandlung. Wird eine stark aufgebaute Schneeschicht eingeschneit, entsteht eine bruchanfällige Schwachschicht, die für die Lawinenbildung wichtig ist.

Bei anhaltendem Dampftransport von unten nach oben entsteht eine säulenartige Schneestruktur mit ausgeprägten kantigen Eiskristallen.

Gleichgerichteter Temperaturgradient

Ist der oberflächennahe Schnee stets kälter als der weiter unten liegende – wie dies vor allem in Schattenhängen der Fall ist –, so ist der Temperaturgradient immer gleichgerichtet und der Dampfaustausch findet nur von unten nach oben statt. Es entstehen immer größere kantige Formen und schließlich Becherkristalle mit einigen Millimetern Durchmesser. Solcher Schnee wird auch Schwimmschnee oder Tiefenreif genannt.

Umwandlung einer Schneeprobe (3,6 mm x 3,6 mm x 0,9 mm) im Labor. Innerhalb von 27 Tagen veränderte sich die feinkörnige Struktur (links oben) zur becherartigen Struktur (rechts unten). Der Temperaturgradient betrug 55 °C pro Meter; die Temperatur in der Mitte der Schneeprobe betrug –7,6 °C. Die ursprünglichen kleinen Eiskörner verschwanden komplett und es bildeten sich neue und große aufgebaute Kristalle (Becherkristalle). Die ganze Zeitserie ist als Video mit dem QR-Code zugänglich.

https://content.whiterisk.ch/book/aufbauende-umwandlung

Becherkristalle, die als Folge der aufbauenden Umwandlung bei anhaltendem, gleichgerichtetem und großem Temperaturgradienten enstanden

Temperaturgradient mit Richtungswechsel

Treffen Sonnenstrahlen auf die Schneedecke, verändert sich die Schneetemperatur in den obersten Dezimetern. Deshalb sind die Schneeoberfläche und die oberflächennahen Schichten tagsüber mitunter für eine gewisse Zeit wärmer als der Schnee weiter unten; ansonsten, und insbesondere während der Nacht, ist es umgekehrt. Der Temperaturgradient wechselt dann tagsüber in den obersten zehn bis 20 Zentimetern der Schneedecke sein Vorzeichen und entsprechend ändert der Dampfaustausch zweimal täglich seine Richtung. So entstehen zwar oberflächennah auch große Körner, die jedoch wegen des Richtungswechsels des Dampfflusses wenig kantig sind. Eine derartige Schneeschicht ist, wie eine kantig aufgebaute Schicht, wenig gebunden. Sie ist locker und kann, wenn sie eingeschneit wird, ebenfalls eine bruchanfällige Schwachschicht bilden. Dieser lockere Schnee wird auch als Pulverschnee bezeichnet, weil das Skifahren darin ähnlich leicht wie im Neuschnee ist.

Veränderung des Schnees im Labor aufgrund wechselnder Temperaturgradienten. Links: Neuschnee, rechts: aufgebauter Schnee nach 330 Stunden

KURZ UND KNAPP

Die Schneedecke baut sich besonders im Frühoder Hochwinter bei wenig Schnee und tiefer Lufttemperatur auf – aber auch oberflächennah als Folge markanter Abkühlung der Schneeoberfläche durch ungehinderte Abstrahlung. Generell wandelt sich die Schneedecke bei klarem, kaltem Wetter im Hinblick auf die Lawinenbildung ungünstig um.

EXPERTENTIPP